Wenn man über das Gelände der Filmstudios in Babelsberg läuft und gerade keine Dreharbeiten im Gange sind, dann fühlt man sich auf angenehme Weise an ein Großkombinat der Deutschen Demokratischen Republik erinnert. Auf den schmalen Straßen kreisen nur ein paar Lieferwagen. In einer der riesigen Hallen nageln drei Tischler Holzlatten zusammen, die irgendwann die Kulisse für den nächsten Film ergeben sollen. Im Atelier der Kunstmaler trägt man Farbeimer von A nach B und von B nach A. Auch im Kostüm- und Requisitenfundus herrscht keine Hektik: In aller Ruhe kann man bestaunen, wie geduldig da dutzende Nazi-Uniformen, dutzende Stasi-Uniformen, dutzende Kronleuchter und Einbauschränke, Schaufensterpuppen und Kuckucksuhren auf ihren nächsten Einsatz warten.
Frau Müller, die uns herumführt, erzählt: Als Quentin Tarantino zu den Dreharbeiten von Inglourious Basterds erschien und erstmals jene heilige Halle betrat, in der so viele legendäre UFA-Klassiker produziert wurden, da fiel er auf die Knie und küsste den Boden wie ein Papst im heiligen Land. Eine Szene, die wahrlich würdig gewesen wäre, selbst für die Ewigkeit auf Film festgehalten zu werden.
Freunden des Films sei empfohlen: Man kann eine Tour durch die Studios buchen.
Die Dresdner Lesebühne Sax Royal wird am 9. Mai ihren treuen Fans wie den neugierigen Erstbesuchern in der scheune wieder ein brandneues literarisches Programm zu Gemüte führen. Geschichten über die Komik und Tragik der Kämpfe des Alltags sind ebenso dabei wie Gedichte über die Abgründe des Zwischenmenschlichen und Satiren, die an der göttlichen Weltordnung rütteln. Mit dabei sind diesmal die Stammautoren Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth sowie als besonderer Gast André Herrmann aus Leipzig, bestens bekannt als schönere Hälfte des Rap-Poetry-Duos “Team Totale Zerstörung” und als Mitglied der Leipziger Lesebühne “Schkeuditzer Kreuz”. Wie immer überlegen sich die Royalisten als Zugabe noch eine besondere Überraschung. Ein kulturvoller wie unterhaltsamer Abend für schöne und kluge Menschen!
Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 09. Mai | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 7 Euro / ermäßigt 5 Euro
Der Dresdner livelyriX Poetry Slam bietet am Donnerstag (2.Mai) wieder die Chance, hungrige Dresdner Dichter und poetische Prominenz aus ganz Deutschland auf der Bühne der scheune zu erleben. Der Autor und Kabarettist Philipp Scharri war im Jahr 2009 Sieger bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften. Er lebt in Stuttgart und tourt gerade mit seinem Programm “ReimVorteil” durch die Republik. Zum ersten Mal auf der Bühne der scheune wird Marvin Ruppert aus Marburg zu erleben sein. Der Slam-Poet hat einige der traurigsten Geschichten aus seinem Leben in dem Buch “Ich mag Regen” veröffentlicht. Nicht zum ersten Mal mit dabei hingegen sind Daniel Hoth und Sarah Bosetti. Die beiden kommen beide aus Berlin, wo sie regelmäßig Geschichten und Gedichte bei ihrer Lesebühne “Couchpoetos” präsentierten. Über die Offene Liste haben sich für den Poetry Slam bisher außerdem die Poeten und Poetinnen Lucas Böhme, Till Kiehle, Thomas Jurisch, Andreas Breske und Udo Tiffert angemeldet. Allein das Publikum entscheidet am Ende, wer den Dichterwettstreit für sich entscheidet. Moderatoren des Abends sind wie immer Stefan Seyfarth und Michael Bittner.
livelyriX Poetry Slam | 02. Mai | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 6 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 8 Euro / ermäßigt 6 Euro
Die erste subjektive Bedingung alles echten Philosophierens ist – Philosophie im alten Sokratischen Sinne des Worts: Wissenschaftsliebe, uneigennütziges, reines Interesse an Erkenntnis und Wahrheit: man könnte es logischen Enthusiasmus nennen; der wesentlichste Bestandteil des philosophischen Genies. Nicht was sie meinen, unterscheidet den Philosophen, und den Sophisten: sondern wie sie’s meinen. Jeder Denker, für den Wissenschaft und Wahrheit keinen unbedingten Wert haben, der ihre Gesetze seinen Wünschen nachsetzt, sie zu seinen Zwecken eigennützig mißbraucht, ist ein Sophist; mögen diese Wünsche und Zwecke so erhaben sein, und so gut scheinen, als sie wollen.
Der April bietet der Dresdner Lesebühne Sax Royal natürlich eine allerbeste Ausrede, ihre neuesten Scherze an die Frau und den Mann zu bringen. Aber auch ernste Töne werden wie gewohnt am Donnerstag (11. April) aus den Mündern der fünf Autoren erschallen. Stefan Seyfarth präsentiert neue Gedichte, die die Erfahrungen des Alltags in gekonnte Rhythmen bringen. Max Rademann verwebt in seinen Miniaturen in gewohnt witziger Weise Alltagsgeschehen und Lebensweisheit. Roman Israel erforscht erzählerisch die Abgründe der Seelen und die Dreckecken der Gesellschaft. Julius Fischer wird wieder heiter-besinnliche Essays zum Weltgeschehen zum Vortrag bringen. Und Michael Bittner kämpft satirisch gegen die Windmühlen des Schweinesystems. Als besondere Zugabe verspricht Max die Weltpremiere eines brandneuen Songs!
Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 11. April | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 7 Euro / ermäßigt 5 Euro
Julius Fischer, Autor unserer Lesebühne Sax Royal, und Christian Meyer, sein Partner bei der allseits beliebten Band The Fuck Hornisschen Orchestra, haben einen dritten Teil ihrer filmischen Trilogie The Making of … produziert. Subtile Schauspielkunst und selbstreferentieller Humor at its worst!
Wer Max Rademann mal wieder bei einem seiner seltenen Auftritte auf der Bühne eines Poetry Slams erleben möchte, der schaue am Mittwoch (27. März) bei den “Geschichten übern Gartenzaun” in der Dresdner Groove Station vorbei. Dort tummelt er sich mit anderen hörenswerten Kollegen wie Tilman Birr, Lucas Fassnacht, Karsten Lampe, Henning Wenzel u.v.m. Organisiert und moderiert wird der Dichterwettkampf wie immer von der Dresdner Poetin Kaddi Cutz. Los gehts um 20 Uhr.
2013 jährt sich der Geburtstag des Dichters, Naturwissenschaftlers und Sozialrevolutionärs Georg Büchner zum zweihundertsten Mal. Ein solches Jubeljahr bietet für Verlage stets auch die gute Gelegenheit, passende Bücher auf den Markt zu werfen, um von der medialen Aufmerksamkeit zu profitieren. So erscheint vom Autor Jan-Christoph Hauschild, der vor genau zwanzig Jahren eine wissenschaftlich fundierte, aber nicht unumstrittete Biografie Büchners veröffentlichte, ein neues Buch: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Sieht man genauer hin, stellt man nun aber leider fest, was auch im Anhang kleinlaut zugegeben wird: Es handelt sich gar nicht um eine neue Arbeit, nicht einmal um eine gründlich überarbeitete Fassung der alten Biografie, sondern bloß um eine gekürzte Version ohne Anmerkungen und Quellennachweise. Um das Buch nicht zu dick werden zu lassen, hat der Autor kurzerhand auch die Kapitel über Kindheit und Jugend Büchners weggelassen. Damit die Sache trotzdem rund aussieht, beginnt das Buch mit einem Kapitel über die Krankheit, die Büchner im Alter von dreiundzwanzig Jahren dahinraffte. Die ersten Seiten schildern auf höchst poetische Weise das Wetter in der Schweiz im Jahr 1836. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Jan-Christoph Hauschild dem Protagonisten seiner Biografie mehrfach vorwirft, er habe Bücher nur des Geldes wegen geschrieben. Hauschild beklagt an einer Stelle, Büchner habe für sein Debütwerk, das Drama Danton’s Tod, umgerechnet nur “kümmerliche 1660 Euro” erhalten. Wir wünschen dem Biografen, dass seine ökonomische Spekulation lohnender sein möge. Für den Leser lohnend ist sie aus genannten Gründen kaum.
Jan-Christoph Hauschild: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2013. 352 Seiten. 22,99 €.
“Gutmüthig und tückisch” – ein solches Nebeneinander, widersinnig in Bezug auf jedes andere Volk, rechtfertigt sich leider zu oft in Deutschland: man lebe nur eine Zeit lang unter Schwaben!
(Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, 8/244)
Mein Tagebuch der Leipziger Buchmesse ist diesmal ein Tagbuch, denn nur einen Tag, eigentlich nur einige Stunden, weilte ich vor Ort. Kurz nach Mittag bestiegen die Autoren der Lesebühne Sax Royal am Sonntag den Kleinbus des Künstlers Frank Z., der auch ein Virtuose der Fahrkunst ist. Eine kleine Rast an der Autobahnraststätte frischte uns und unsere Getränkevorräte auf. Schneller als gedacht erreichten wir das Messegelände. Unser Verleger schleuste uns durch den Hintereingang in die Messehalle 5 – wo sich auch die inzwischen als Oase der (relativen) Ruhe bekannte Leseinsel der jungen Verlage befindet. Bevor ich mit den Kollegen daselbst las, stromerte ich noch eine Weile durch die Gänge. Gedrängel und Lärm sind mir freilich nicht lieb. Und ist man weder zwecks Geschäftemacherei noch Bücherklau da, ist so ein Besuch auf der Messe eigentlich herzlich langweilig. Die womöglich einzige Art, auf der Buchmesse Spaß zu haben, ist es, Verleger an ihren Ständen mit dem Satz “Guten Tag, ich schreibe auch!” zu erschrecken. Schön war es, dass sich zu unserer Lesung allerlei Zuhörer sammelten, denen unsere Texte auch ganz wohl behagten. Noch ein Fläschchen Astra aus den verborgenen Vorräten unseres Verlages Voland & Quist – und wir machten uns mit dem Taxi auf den Weg in die Stadt. Freund und Kollege André Herrmann hatte uns die Gaststätte Stadt Borna zur Einkehr empfohlen, war dabei aber nicht eingedenk, dass besagter Gasthof die Eigenheit hat, am Sonntag um 15 Uhr zu schließen. So latschten wir Beladenen zum Hipsterlokal Hotel Seeblick. Es war überfüllt, wie in Messetagen ja “das bessere Berlin” an der Pleiße überhaupt etwas überfordert scheint. Der sonst ganz angenehme Ort wurde durch die Liveübertragung eines Fußballspiels zur akustischen Hölle. Rezitationen von Rilke-Gedichten, wie sie sonst in unserem Kreis Usus sind, mussten diesmal also unterbleiben. Nach Verzehr von einiger Nahrung bewegten wir uns in das UT Connewitz, das Verrottung und Charme auf einmalige Weise miteinander vereinigt. Wir kletterten in die Loge und betrachteten von dort aus, wie sich der Saal beinahe restlos füllte. Eine gewisse Müdigkeit machte sich bei allen bemerkbar. Doch kaum auf der Bühne empfing uns eine Wärme des Wohlwollens, die uns sogleich auftaute. Es ward ein ausgesprochen schöner Abend. Unser Verleger brachte sogar einige von den wenigen verbliebenen Restexemplaren unseres Buches Eine Lesebühne rechnet ab an die Frau und den Mann. Alle Anwesenden entschuldigten sich als übermüdet (“vier Tage Messe, ich kann nicht mehr …”) oder stellten sich als spaßbremsend (“ich muss das Fasten durchziehen”, “ich kann doch morgen nicht besoffen in den Kindergarten”) heraus. Also beschloss auch ich, noch in selbiger Nacht mit dem letzten Zug nach Berlin zurückzukehren. Meine Hoffnung auf eine letzte S-Bahn wurde enttäuscht und kostete mich arg viel Geld. Dafür erlebte ich Berliner Taxifahrerlieblichkeit der echtesten Sorte: “Wennse sich jetz noch anschnallen, kömmer ooch ma losfahrn!” Leipzig, du verlotterte Schönheit, im nächsten Jahr gerne wieder!