Der Triumph der Sozialdemokratie

Kein Zweifel, die SPD ist zur Zeit die Arschkarte unter den Parteien. Es geht ihr inzwischen fast wie der BILD-„Zeitung“ oder Eva Herman: Selbst wer sie kennt, möchte nicht mit ihr gesehen werden. Nicht repräsentative Umfragen im Freundeskreis erbringen Resultate, die sogar noch erschreckender sind als die Ergebnisse der allwöchentlichen Sonntagsfrage. Wer es irgend kann, vermeidet es, sich öffentlich zu dieser im Alter ein wenig wunderlich gewordenen Tante zu bekennen. Und auch ich werde hier einen Teufel tun. Von der SPD in Sachsen wollen wir lieber gleich ganz schweigen. Wir alle erinnern uns sicher noch an Lichtgestalten wie Michael Lersow (?), Karl-Heinz Kunckel (?) oder Constanze Krehl (?). Wenn man über jemanden nichts Gutes zu sagen weiß, sollte man besser den Mund halten. Gerade auf Beerdigungen.

Doch bei all dem Lärm über den Untergang der SPD vergisst man leicht, dass er einhergeht mit den endgültigen Triumph der Sozialdemokratie. Gibt es doch heute, vielleicht abgesehen von der Sozialdarwinistischen Partei Deutschlands (FDP), überhaupt nur noch sozialdemokratische Parteien. Über die „Sozialdemokratisierung der Union“ beklagte sich schon vor einiger Zeit erfolglos Friedrich Merz – und wurde dafür von der eigenen Partei zu jener Untätigkeit verdammt, die er doch zuvor in allen Fersehstudios so eifrig als deutsches Grundübel gebrandmarkt hatte. Die Grünen sind ja ohnehin, wie von sogenannten Parteienforschern gerne martialisch analysiert wird, „Fleisch vom Fleische der Sozialdemokratie“. (Mir kommen sie eher wie Tofu vor.) Und natürlich ist auch die Linkspartei kein Hort des Kommunismus, wie man höchstens hinter den sieben Bergen bei der CSU glaubt, sondern: eine sozialdemokratische Partei. Daran ändern auch die verbliebenen Fossilien des real existierenden Sozialismus nichts.

Was ist denn Sozialdemokratie überhaupt? Auch wenn die führenden Köpfe der SPD im Moment darauf keine rechte Antwort geben können, ist die Frage doch eigentlich nicht allzu schwer: Sozialdemokratie heißt jene politische Bewegung, die versucht, soziale Gerechtigkeit herzustellen, ohne den Kapitalismus abzuschaffen. Und dass Letzteres in der globalisierten Welt der Gegenwart unmöglich ist, bezweifeln insgeheim nicht einmal mehr diejenigen, die laut Parteiprogramm noch täglich davon träumen müssen. Der Wahlspruch der Sozialdemokratie kann auch als Motto unserer Zeit gelten: Machen wir aus dem Schlechten das Beste!

Ich muss vielleicht eine Ausnahme machen, um niemandem Unrecht zu tun. Neulich sah ich bei mir um die Ecke ein Plakat der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), von der ich mich hier natürlich ausdrücklich distanzieren möchte. Aber, unter uns, „30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich“, das klingt schon ganz schön verführerisch.

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  1. Von Marc-Uwe Kling gibt es zu dem Thema ein schönes Lied: „wer hat uns verraten?“, kann man hier anhören: http://www.marcuwekling.de/kostproben/

    Ich selbst werde wohl die APPD wählen, falls sie zu einer Wahl überhaupt antritt.

    Comment von jens kassner — 28. April 2009 #

  2. Letztens hörte ich leider, dass sogar diese Partei sich in Grabenkämpfe verwickelt und gespalten hat … Demokratie funktioniert einfach nicht! Im Ernst: Ich wüsste zur Zeit auch nicht, wen ich wählen sollte.

    Das Lied von Marc-Uwe ist schön, wenn auch nicht ganz unproblematisch. Der spartakistische Spruch verliert ein wenig seinen Reiz, wenn man bedenkt, welche Rolle die Jagd nach „Verrätern“ später bei den Kommunisten spielte.

    Comment von Micha — 28. April 2009 #

  3. irgendwann ende 80er, anfang 90er, fragte sich die spd: „wieso verlieren wir dauernd gegen kohl?“ paar knallchargen flogen nach amerika, sahen sich um, sahen es ein: „wir machen zu wenig show! die leute wollen hülle, nicht inhalt!“ sie begannen bei ihren eigenen parteitagen mit auftrittsmelodien und allerlei fickfack, brüllten peinlichkeitsgefühle beiseite, schoben soziale inhalte den gewerkschaften zu, die dann von den neoliberalen kampagnen in streifen geschossen wurden, sich derzeit anscheinend und volk sei dank erholen…
    spd ist spd, was soll man zu denen noch sagen?

    Comment von udo-neiße — 28. April 2009 #

  4. Zum Thema „Hülle, nicht Inhalt“ passen wohl auch die neuesten Wahlplakate der SPD(siehe auch: http://www.zeit.de/online/2009/18/spd-wahlkampf).
    Ich war nahezu erschüttert.
    Wozu braucht man diesen Konjunktiv?
    „Nazis würden wahrscheinlich NPD wählen.“
    Ja und?
    Was selbstironisches wär mal gut, bezüglich der Plakate:
    „SPD-Wähler würden wahrscheinlich CDU wählen.“
    Oder APPD.
    Oder die Liste Karl-Heinz Schnuppke.

    Comment von Julius — 29. April 2009 #

  5. Scheiß auf die SPD. Aber dass die LINKE, (diese Powerheinis) mit „Marx start Murcks“ werben – bloß weil dieser wieder angesichts der Finanzkrise in die Bestsellerlisten gerutscht, oder geflutscht ist -das finde ich richtig Jammertal!

    Comment von max — 29. April 2009 #

  6. Max, vielen Dank für das Wort des Tages:
    Powerheinis.
    Mein Leben hat Sinn durch Menschen wir dich!

    Comment von Julius — 29. April 2009 #

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