Julius beim Poetry Slam am Freitag

julius_lauscheBeim letzten regulären livelyriX Poetry Slam vor der Sommerpause kann man am Freitag (26. Juni) in der Scheune ab 21 Uhr auch den Royalisten Julius Fischer erleben. Er misst sich mit vier anderen Gastautoren und fünf einheimischen Slammern von der Offenen Liste. Unter den Teilnehmern befinden sich außerdem unter anderen die Bamberger Poetin Clara Nielsen, der Leipziger Autor Jens Kassner, die Slammerin Anke Fuchs aus Köln und Maik Martschinkowsky von der Berliner Lesebühne und Poetry-Slam-Gruppe “Lesedüne”. Moderiert wird das Ganze wie immer von Stefan Seyfarth und Michael Bittner.

Backstage

Der angehende Berufsmusiker betritt den Backstageraum und stellt sich vor. Er trägt einen merkwürdigen Namen und hat sich einen noch merkwürdigeren Künstlernamen zugelegt, hinter dem sich ein Geheimnis verbirgt, nach dem niemand fragt. Er verteilt seine Visitenkarte. Er sagt, dass er eigentlich nur da sei, um Kontakte zu knüpfen. Er möchte wichtige Leute kennen lernen und gibt den Anwesenden mit seinen Blicken zu verstehen, dass sie nicht zu den wichtigen Leuten gehören. Er fragt, wo in der Stadt es bessere Orte als hier geben könnte, um aufzutreten. Er hat seine Gitarre mitgebracht, aber würde zur Not auch auf der spielen, die bereits auf der Bühne steht. Er hat aber vorhin schon gehört, dass diese verstimmt ist. Er wüsste, welche Saite man nachspannen müsste, hat aber gerade kein Werkzeug dabei. Er hat keine Vorurteile gegen den Osten. Er hat sich bewusst für Leipzig entschieden, weil hier der große Durchbruch wahrscheinlicher ist. Er befürchtet, dass Berlin von Musikern inzwischen überlaufen ist. Er weiß aber auch, dass man auch aus Leipzig raus muss, um den großen Durchbruch zu schaffen. Er interessiert sich für Kontakte nach Halle. Er ist erst seit drei Wochen da, aber schon an ganz vielen Auftritten dran. Er hat auch schon eine Band aus New York supportet, mit der er seit Jahren befreundet ist. Er ist enttäuscht darüber, dass manche Veranstalter auf seine E-Mails nicht reagieren. Er erzählt von seinem letzten Auftritt, bei dem eine unangenehme Unruhe geherrscht habe. Er würde lieber vier Lieder spielen, aber zwei seien schon auch okay. Er hat viele Facetten und möchte sie auch zeigen. Er findet die Texte der anwesenden Kollegen so „schön schräg“, dass es gar nichts macht, wenn das Timing beim Gitarrenspiel nicht stimmt. Er sieht aus wie ein Student der Betriebswirtschaftslehre. Auf seinem Künstlerfoto sieht er aus wie ein Student der Betriebswirtschaftslehre, der sich als Künstler verkleidet hat. Auf der Bühne sagt er zu Beginn, dass er sich auf dieser Bühne ein bisschen deplaziert fühlt. Er erklärt seine englischen Texte mit süddeutschem Akzent. Er verrät, in welcher Stimmung und welcher Straße seine Lieder entstanden sind. Er singt ein Lied, in dem es darum geht, dass wir alle im Leben vielleicht nur Schauspieler sind.

Mittschnitt vom 11.06.09 bei MySpace

Wer unsere letzte Lesebühne verpasst haben sollte oder den einen oder anderen Liebling noch einmal tiefgründiger unter die Lupe nehmen möchte, es gibt einen Mitschnitt (Danke Axel!) – ab sofort auf unserer MySpace-Seite. Viel Spaß!

Schnappschuss (5)

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Aufgenommen in Kassel… allerdings auch bestens als Motto für die nächstens anstehende BRN geeignet.

Zitat des Monats Juni

„Sie waren ja das intellektuelle Gehirn von Gerhard Schröder.“

(ARD-„Journalistin“ Caren Miosga zu SPD-„Politiker“ Frank-Walter Steinmeier in den Tagesthemen)

Unsere Demokratie

Hinter der Wahlkabine steht eine alte Frau, hält ihre Wahlzettel in den zitternden Händen und schaut sich verwirrt um. Ich setze mich, um meine Kreuze zu machen, da spricht sie mich mit klagender Stimme an: „Junger Mann, können Sie mir helfen? Ich weiß gar nicht, was ich machen soll …“ Der Wahlleiter eilt herbei. „Was soll ich denn jetzt machen?“ – „Schauen Sie hier, das ist ganz einfach. Auf dem grauen Zettel machen Sie ein Kreuz und auf dem gelben dürfen Sie bis zu drei Kreuze machen. Der eine ist nämlich für die Europawahl und der andere …“ – „Aber wo sollen denn hier Kreuze sein? Was bedeutet denn das alles? Was soll ich denn jetzt machen?“ – „Aber das müssen Sie schon selbst wissen, was Sie wählen wollen! Da kann ich Ihnen nicht helfen. Das ist schließlich eine geheime Wahl!“ Die arme Frau hat vermutlich aus früheren Tagen nur noch im Gedächtnis, dass Wählen Pflicht ist. Aber in jenen Tagen reichte es ja auch noch aus, den Zettel zu falten. Heute ist alles komplizierter geworden. Als ich das Wahllokal verlasse, steht sie unverändert zitternd im Raum. Der Wahlleiter kehrt halb verzweifelt zu ihr zurück: „Kommen Sie, setzen Sie sich erst mal …“

Heute Abend: Sax Royal

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Liebe Literaturfreunde! Schmerzt Euch nicht auch die kulturelle Ödnis, die in jedem Sommer hereinbricht, weil alle Kulturschaffenden meinen, eine sogenannte Sommerpause machen zu müssen? Gelangweilt liegt man am Strand herum, schwimmt im Pool oder grillt an der Elbe und denkt sich: Wie schön wäre es, wenn ich doch stattdessen in der kühlen Scheune sitzen könnte, um mir Geschichten und Gedichte vorlesen zu lassen! Euer Traum wird wahr, wenn die Dresdner Lesebühne Sax Royal am 11. Juni wieder ab 21 Uhr ihre neuesten Texte präsentiert. Wir freuen uns am Donnerstag außerdem besonders auf die seltene Gelegenheit, Euch einen literarischen Gast präsentieren zu dürfen. André Herrmann von der Leipziger Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ wird uns besuchen und hat einige literarische Gastgeschenke dabei.

Kulturtipp: Fotos von Léon Herschtritt im Institut français

Herzerweichende Taschentuchschwenker, Omas mit Ferngläsern, Uniformierte vor Schneemännern, böseste Graffitis und vieles andere mehr – am 13. August 1961 wird an der Grenzlinie des sowjetischen Sektors plötzlich eine Mauer hochgezogen – hüben und drüben spielen sich auf den Straßen tränenrührige Szenen ab, vielleicht winkt man sich ja das letzte Mal.
„Berlin, 1961“, so der Name der vorgestern im Institut français de Dresde eröffneten Ausstellung, schildert das hierauf folgende eisige 61er Weihnachtsfest aus der Sicht des französischen Fotojournalisten Léon Herschtritt. Ohne von einer Agentur oder einer Zeitschrift dazu beauftragt, machte er sich auf, um das festzuhalten, „[…] was so schwer in Worte zu fassen ist“ (Hervé Le Goff).
Neben anderen hochrangigen Vertretern der nationalen und internationalen Presse war ich vorgestern bei der Vernissage anwesend und tief bewegt. Ich überlegte, ob ich einen Wein trinken sollte, fand es zu früh dafür, trank also keinen und traf dabei Jung und Alt. Léon Herschtritt war übrigens persönlich anwesend. Allerdings sprach er kein Deutsch und ich kein Französisch, was mein geplantes Interview auf ein freundliches Augenzwinkern reduzierte. Noch bis zum 27. Juni ist Zeit, sich die Bilder anzusehen.

Où? Institut français de Dresde / Kreuzstraße 6 / 01067 Dresden
Quand? noch bis zum 27.06.09, Mo bis Do: 11 – 19 Uhr / Fr: 10 – 14 Uhr
entrée for free!

Schnappschuss (4)

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Letzte Woche suchte die Sächsische Zeitung die schönsten Leserfotos rund um den 13 Mio. Euro teuren Obama-Besuch in Dresden, damit „viele Menschen über sie staunen können.“ Ich habe leider mein Foto zu spät eingesandt, deswegen konnte niemand darüber staunen.
Wenn man genau hinschaut, erkennt man auf meinem Foto links den amerikanischen Volkshelden Barack Obama und rechts eine Freundin seiner Urgroßnichte schwiegerväterlicherseits, der er in Dresden einen Besuch abstattete. Sie hatte die Nachricht vom alliierten Befreiungsschlag in der Normandie 1944 in einem Dresdner Altersheim erfahren und ist seitdem ganz aus dem Häuschen.

Schnappschuss (3)

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„Da, schau her, Marianne! Alle unsere Träume sind jetzt erfüllt! Das ist er also, der Goldene Reiter, Friedrich August, genannt: der Starke. Kurfürst von Sachsen und König von Polen. Weiser Führer und Lenker! Enfant terrible des Barock. Bollwerk gegen den Antifaschismus und zugleich güldenes Mahnmal gegen Dummheit und Krieg!“
„Atomkrieg?“
„Nein, Mariannchen, das verstehst du nicht!“
„Wann wirst du eigentlich endlich König von Polen?“
„Mariannchen, ich sagte ja, du verstehst es nicht!“

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