Der letzte Zug

Nachdem ich letztens eine Aufführung im Schauspielhaus angeschaut hatte, besuchte ich gestern ein Stück im Kleinen Haus, um mal zu schauen, ob sich auch dort der neue, aus Hannover importierte Intendant Wilfried Schulz schon bemerkbar macht. Gegeben wurde ein Monolog, den der Autor Mathias Greffrath für den Schauspieler Clemens Schick geschrieben hat: Windows oder: Müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen? Der Text benutzt über Bill Gates umlaufende Gerüchte und Informationen, um sich in die Lebenswelt dieses reichsten aller Nerds einzufühlen. Heraus kommen grosteske Beschreibungen von Träumen und Visionen, in denen sich Gates ein Glück herbeifantasiert, dass ihm die gehorsamen Maschinen schenken. Nur manchmal stören ihn Alpträume, die ihn daran erinnern, dass er seinen Reichtum der Tatsache verdankt, die Freiheit in der virtuellen Welt verraten zu haben.

Besonders interessant wurde der Abend indes dadurch, dass der Schauspieler Clemens Schick immer wieder aus seiner Rolle schlüpfte, um Statements zum Zeitgeschehen und Anekdoten aus dem Theaterleben zu erzählen. Hier eine Kostprobe:

“In Hannover hatten wir die Abmachung mit dem Intendanten, dass keine Inszenierung länger als bis 22:15 Uhr dauern durfte. Um 22:30 Uhr fuhr nämlich der letzte Zug von Hannover nach Berlin. Da sind wir dann immer direkt nach der Vorstellung aus dem Theater gerannt, an den Zuschauern vorbei. Der letzte Zug von Dresden nach Berlin fährt glaube ich um acht. Wenn in der nächsten Zeit hier also immer mehr Nachmittagsvorstellungen ins Programm kommen, wissen Sie, woran’s liegt.”

Donnerstag: Sax Royal wieder komplett!

Sax RoyalAm 08. Oktober präsentiert die Dresdner Lesebühne Sax Royal wieder in voller Besetzung ihr literarisches Programm. Brandneue Geschichten und Gedichte lesen Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth, Julius Fischer und Michael Bittner. Julius kommt diesmal nicht allein, sondern bringt den wunderbaren Kollegen Christian Meyer mit. Gemeinsam sind sie nämlich als The Fuck Hornisschen Orchestra gerade auf Welttournee und präsentieren auch dem Publikum bei Sax Royal einige der Lieder ihrer aktuellen CD vom fohlen und wäldern. Los gehts wie immer um 21 Uhr in der Scheune.

Schockierend: Krise erreicht nun auch die Schwächsten der Gesellschaft

Die Wirtschaftskrise hat im mm-Ranking der “300 reichsten Deutschen” zu dramatischen Veränderungen geführt: Nur noch 99 Einzelpersonen oder Familien in Deutschland verfügen über ein Vermögen von mindestens einer Milliarde Euro.

(manager-magazin.de)

Underground-Poesie

Eben stoße ich zufällig auf ein Video, dessen Aufnahmequalität zweifellos für echte Underground-Poesie bürgt. Genießt einen kurzen Einblick in die untergründige Welt der Subkultur! Roman Israel liest sein klassisches Gedicht Tochter beim Pokern verspielt:

Kulturtipp: Brüche

Gestern schlürfte ich Öko-Bier bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung, die sich mit der Revolution 1989/90 in Dresden beschäftigt. Unter dem Titel “brüche Dresden | 1989 | Dresden” haben Studenten Dokumente aller Art versammelt, die mehr leisten als der diesjährigen Feierlaune noch einen Festakt hinzuzufügen. Gezeigt werden Texte, Töne und Bilder aus der Zeit vor, während und nach der Wende. Neben der Rolle Dresdens während des Endes der DDR kommen auch Themen zur Sprache, die einen alternativen Blick auf die Ereignisse vermitteln: so zum Beispiel die Schwierigkeiten der “Vertragsarbeiter” aus den sozialistischen Bruderländern, die im nationalen Taumel plötzlich von Skinheads durch die Straßen gejagt wurden. Nicht fehlen darf natürlich auch der Mythos “Bunte Republik Neustadt” – jene autonome Fantasie, sie sich zwischen den Epochen kurz im heutigen Vergnügungsviertel Äußere Neustadt ausleben konnte. Nicht mehr lang und diese Zeiten werden den Leuten vermutlich so fremd vorkommen wie Kaiser Wilhelm.

Die sehenswerte Ausstellung kann noch bis zum 13. November (Mo-Fr 14-19 Uhr, Sa 11-19 Uhr) besichtigt werden. Ihr findet sie in der St. Petersburger Straße 18 (hinter dem Rundkino).

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Neulich hatte ich eine Wahnsinnsidee: Es müssten Texte geschrieben werden, nur für das Theater, in denen der Dichter schon an die Aufführung denkt, in Dialogen formuliert, Anweisungen für den Regisseur gibt, also alles so einrichtet, dass es später über die Bühne gehen kann. Solange dieser Vorschlag aber noch keine Zustimmung gefunden hat, müssen erst einmal weiter Romane inszeniert werden.

Am Staatsschauspiel, wo der neue Indendant Wilfried Schulz gerade seinen Job antrat, sah ich gestern Abend Wilhelm Meisters Lehrjahre in der Regie von Friederike Heller. Kann man einen so komplizierten Roman, befrachtet noch dazu mit zwei Jahrhunderten philosophischer Deutungsgeschichte, auf die Bühne zu bringen? Nein, man kann es nicht. Aber man kann im besten Fall einen Kommentar zum Buch schaffen, ein paar Ansichten des Romans neu interpretieren und ihn so mit der Gegenwart konfrontieren. Das ist hier ohne Zweifel gelungen, interessant und unterhaltsam, wenn auch der Zwang, die Handlung bis zum Schluss runtererzählen zu müssen, am Ende doch zu einigen Längen und Quälereien führt. Ansonsten geht das Stück als aufwändig inszenierte Nummernrevue voller schöner Regieeinfälle über die Bühne. Die stark geraffte Handlung wird immer wieder durch kurze Erzählungen nachgeholt, während jede einzelne Szene als lustvolles Spektakel inszeniert wird. Ein guter Einfall war es, das Theater, dem sich Wilhelm Meister im Roman mit Leib und Seele verschreibt, selbst zum Mittelpunkt der Theaterversion zu machen. Das Spiel im Spiel im Spiel wird auf die Spitze getrieben, wenn die Figuren auf der Bühne selbst Stücke inszenieren, über den Sinn des Theaters diskutieren oder Schwänke aus dem Schauspielerleben zum Besten geben. In diesen Momenten machen auch die (bis auf Albrecht Goette) durchweg neuen Schauspieler die beste Figur. Dass Wilhelm Meister seine Begeisterung für das Theater dem Puppenspiel verdankt, spiegelt die Aufführung dadurch, dass ein Teil der Figuren, darunter das romantische Kind Mignon, durch Puppen dargestellt wird. Aber das ist noch nicht alles: Immer wieder gibt’s auch musikalische Einlagen. Der “Harfner” und seine melancholischen Lieder werden von der nicht unbekannten Indie-Band Kante dargestellt. “Zum Schlafen biste da ni gekommen, was?”, meinte eine Rentnerin zur anderen in der Pause. Nein, es war wirklich ziemlich laut und  meistens auch lebendig. Der schon zu Goethes Lebzeiten eher mit Unverständnis und Spott aufgenommenen Schluss, in dem Wilhelm Meister von einer mysteriösen Turmgesellschaft den Sinn des Lebens mitsamt einer Frau frei Haus geliefert bekommt, wird hier so dargestellt, wie man es heute einzig noch machen kann: ironisch.

Merkwürdig wenig junge Leute waren bei dieser sehr jugendlichen Inszenierung im Haus, darum sei sie an dieser Stelle durchaus empfohlen. Besonders belobigt sei schließlich noch, dass Studenten nur 6 Euro Eintritt zahlen müssen – Hartz-IV-Empfänger (gegen Nachweis) sogar für nur 1 Euro ins Theater kommen können (wenn sie denn wollen).

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