Donnerstag: Michael Bittner liest Reisegeschichten

Michael Bittner

Am 03. Dezember präsentiert Michael Bittner ein literarisches Programm unter dem Titel “Auf halbem Weg. Reisegeschichten” um 20:30 Uhr in der Galerie treibhaus in Dresden. Gibt es eine bessere Zeit für sonnige Geschichten als den tiefsten Winter? Michael Bittner reist nicht gern und schreibt darüber. Seine Geschichten von unterwegs führen manchmal in die exotische Ferne und manchmal um den Block. Zwischen Regionalexpress und Linienflug begegnen ihm die außergewöhnlichsten Gestalten: verliebte Aussteiger, entspannte Regierungschefs, selbstkritische Studenten der Betriebswirtschaftslehre. Mit dem geschulten Blick des Völkerkundlers durchstreift er die wilden Steppen Brandenburgs, setzt sich in Polen als Botschafter für die Versöhnung der Völker ein und wagt als Pionier den Schritt auf einen anderen Kontinent.

Michael Bittner ist Co-Moderator des livelyriX Poetry Slams, Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal und schreibt wöchentlich eine literarische Kolumne für das Magazin der Sächsischen Zeitung.

Lesetipp: Tippgemeinschaft

Eher zufällig in die Hände fiel mir letztens die Anthologie des Leipziger Literaturinstituts Tippgemeinschaft 2008, nämlich als Geschenk nach einer Lesung im Leipziger Hugendubel. Zunächst war ich enttäuscht, hatte ich doch angesichts voller Regale eher auf ein Präsent à la Die Bibel des Orgasmus gehofft. Das ist also das Buch, das über die Verlagstische der Republik wandert, damit eifrige Lektoren sich die frischesten Geheimtipps aus dem Leipziger Zuchtteich angeln können? Pah!

Doch nach der lohnenden Lektüre muss ich jetzt mein Vorurteil revidieren. Es gibt natürlich auch einige Geschichten nach dem Muster „Ich sitze in der Straßenbahn und weiß nicht, was ich schreiben soll“ – die mir um so mehr auf die Nerven gingen, weil ich auch selber weiß, wie man dazu kommt, solch ein Zeug zu fabrizieren. Aber auch eine ganze Reihe hervorrragend erzählter und interessanter Geschichten sind drin, die für die weniger zahlreichen Ausfälle entschädigen.

Hier meine persönlichen Anspieltipps: Da wäre die charmant-absurd-alltägliche Geschichte namens Kassette von Carl-Christian Elze, von dem ich zuvor in Anthologien auch schon einige schöne Gedichte in der Tradition der Ästhetik des Hässlichen gelesen hatte. Charlotte Roos erzählt in einer Geschichte mit dem Titel Müll sehr sinnlich von einer Familienzusammenführung im nahen Orient. In der Geschichte Schule Aus von Diana Feuerbach wird (ein bisschen sentimental, aber doch stimmig) in die Schule der Kindheit zurückgekehrt, die es bald nicht mehr geben wird. Hoffentlich der Auszug aus einem zukünftigen Roman ist die Story Vernarbt von Sarah Alina Grosz, in der die Autorin ziemlich beeindruckend lakonisch und witzig von einer jugendlichen Aussteigerin berichtet. Vielleicht mein persönlicher Favorit. Dunkel und unangenehm erzählt schließlich Anjo Schwarz in Nerventropfen von einem Mann, der von den Bedürfnissen seiner bettlägerigen Mutter überfordert, sich lieber in sexuellen Fantasien über die Eroberung der Altenpflegerin ergeht.

Richtig auf die Nerven gingen mir eigentlich nur einige der poetologischen Aufsätze, die als Anhang die Anthologie abschlossen. Immerhin für seinen Mut gelobt werden muss Christian Kreis, der nicht davor zurückscheute, Gedichte aus seinem Hobbykeller zu veröffentlichen, darunter ein Meisterwerk wie Danke, du Schlampe. Ein Auszug: „Komm, laß deine Titten benetzen, / deine Kleider zerfetzen. / Ich glaube, er steht / für dich allein. / Und ist ihm abgegolten worden, / dann sage ich ehrlich / danke, du Schlampe.“ Hier scheint ein neues Genre, die Atzen-Lyrik, geboren worden zu sein. Verse, die an den frühen MC Frauenarzt gemahnen, nur mit weniger Poesie. Aber da der Autor auch selbstironisch auf sein eigenes Werk blicken kann, wird man ihm nicht böse werden.

Anders sieht das bei dem Essay Über die Herstellung haltbarer Blutwurst von Simon Urban aus, den ich aus vollem Herzen scheiße fand. Das literarische Erweckungserlebnis von Herrn Urban war die Begegnung mit dem Werk von Martin Walser, genauer gesagt: die Walser-Bubis-Debatte im Anschluss an Walsers Paulskirchenrede („Moralkeule“ Auschwitz). Darin hatte der Autor vor einer Instrumentalisierung der deutschen Schande gewarnt und über die allgegenwärtige Präsenz ihrer Darstellung geklagt. Simon Urban fand es damals sehr schrecklich, dass Walser von den „Linken“ als Antisemit bezeichnet wurde und auch heute noch wird. Dass es für diesen Verdacht noch einige andere Belege gibt (laut Günter Amendt nannte Walser Bob Dylan mal einen „herumzigeunernden Israeliten“), ignoriert der fleißige Jünger geflissentlich. Nein, er setzte sich damals gar in Duisburg bei einer Diskussion für seinen Übervater ein, riskierte viel und wurde dabei von einem „Kräftigen“ sogar mal ganz böse angeschaut: „warum der mich nicht in die Mangel genommen hat, ist bis heute unklar.“ Mir scheint das ziemlich klar: Er hatte Mitleid. Stolz erzählt Urban, wie sein Einsatz für Walser ihm sogar eine Erwähnung in der „Welt am Sonntag“ einbrachte. Das intellektuelle Resultat seines Engagements: Simon Urban wurde mit einem Schlag klar, dass „links und rechts gar nicht die beiden maximal voneinander entfernten Pole einer Skala sind“. Wahnsinn! Aber noch mehr: Die, die sich „Linke“ nennen, sind nämlich in Wahrheit Nazis, zumindest aber genauso schlimm. Ein „Gedicht“ entfaltet diese These mit beeindruckender dialektischer Schärfe: „Eine Methode, die man einst in Deutschland kannte, / war, dass man seinen Feind als Judenfreund benannte / […] Und wenn man’s heut mit seinem Gegner übel meint, / dann nennt man ihn halt einfach einen Judenfeind.“ Ganz genau: Früher denunzierte man die Juden, heute die Antisemiten. Gar kein Unterschied! (Urban bezeichnet sich übrigens als „Schmalspurlyriker“, eine lobenswerte Bescheidenheit. Er sollte aber noch weiter gehen und sagen, dass er gar keiner ist.) So wird denn der „Massenmord“ an den Juden zum „Totschlagargument“. Wirklich, man muss sich dieses geniale Wortspiel mal in seiner ganzen Trefflichkeit durch den Kopf gehen lassen. Was war der Holocaust, was war der zweite Weltkrieg? Den Worten Urbans nach ein „Trauma“, ja eine „Tragödie“. Da ist das Schicksal wirklich allzu bitter über die Deutschen hereingebrochen. Wer litt mehr unter dem Holocaust als die Deutschen? Selbst der Simon Urban ist immer noch traumatisiert, dabei liegen doch zwischen seiner Geburt und Hitlers Tod „11.048 Tage“ als „Sicherheitsabstand“ – das müsste doch nun wirklich reichen! Und wer war an allem Schuld? Na klar, „der Hitler“! Aber nicht nur der, sondern auch seine „Nazi-Mischpoke“! Sprachliches Feingefühl („Mischpoke“ = hebräisch-jüdisch für „Familie“), wie man es von einem literarischen Genius vom Schlage Urbans erwarten kann: Hitler und seine jüdischen Verwandten sind es, die den armen Deutschen mit ihrer blöden Schande einfach keine Ruhe lassen. Manchmal verrrät doch die Sprache mehr, als der Autor wollte.

Die Tippgemeinschaft 2009 schon gelesen hat Jens Kassner – ich werd’s nachholen.

Micha’s Lebenshilfe (6)

Wenn man selten (bzw. nie) Müsli ist, dann aber gelegenheitlich dazu kommt, doch einmal welches zu essen, sollte man sich ggf. den Napf nicht zu voll füllen, denn es steht zu bedenken, dass Müsli beim Kauen im Mund (leider) immer mehr statt weniger wird.

Micha’s Lebenshilfe (5)

Wenn man in eine Lesung geht, ggf. eine von Jürgen Kuttner, sollte man sein Mobiltelefon vorher ausschalten. Sorry, Leute!

Gelahrte Scherze (2)

Gibt es einen historischen Fortschritt? Letztens bemerkte ich, dass ein nahe gelegenes Friseurgeschäft seinen Namen von „McCut“ zu „kamm in“ geändert hat. Ich bin immer fester davon überzeugt, dass wir uns alle in einer Phase geschichtlichen Verfalls befinden.

Gelahrte Scherze (1)

Liebe Schöpfer der Institution „Senioren Centrum Vitanas“! Hättet Ihr nicht vielleicht bei Eurer Namenswahl doch eine andere Entscheidung treffen sollen? Vertauscht einer Eurer Pfleglinge jetzt in optischer oder psychischer Verwirrung auch nur zwei Buchstaben miteinander, muss er gleich der Vergänglichkeit ins Auge blicken!

Lesenswert:

Ein Essay von Prof. Wolfgang Donsbach in der Sächsischen Zeitung zum Thema Fremdenfeindlichkeit in Sachsen, dem nichts hinzuzufügen ist.

Klare Ansage

Wir suchen flexible coole Leute als Aushilfe

Nur schriftliche Bewerbung zählt ….. Wer reinkommt und dumm fragt hat verloren !!!!!

(Aushang nicht im FDP-Parteibüro, sondern im Gothic-Shop um die Ecke)

Freitag: Roman Israel im PlattenSpieler

Roman Israel

Am 20. November findet die fünfte Lesung der Reihe “Literatur im PlattenSpieler” statt, bei der die Vereine Idee 01239 und livelyriX gemeinsam junge Autoren zu Lesungen nach Dresden-Prohlis bringen. Zu Gast ist diesmal der Dresdner Autor Roman Israel. Roman Israel wurde 1979 in Löbau (Sachsen) geboren. Derzeit lebt er in Dresden, wo er 2008 sein Studium in Germanistik und Philosophie abschloss. Roman Israel arbeitet am liebsten intermedial. Seine Texte kombiniert er mit Fotos, Grafik, Film, Musik. Einige seiner Texte wurden in Anthologien veröffentlicht, so z.B. in „Neubuch. Neue junge Lyrik“ (Yedermann Verlag 2008) und „Dresden – Eine literarische Einladung“ (Wagenbach Verlag 2006). Seit 2005 ist er Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal.

Die Lesung findet ab 19 Uhr im Kulturtreff “PlattenSpieler” beim Idee 01239 e.V. (Gamigstraße 26, Linie 1/9/13 – Haltestelle Jacob-Winter-Platz) statt.

Ist Dresden eine einzige Karikatur?

Diese Frage konnte man sich stellen, wenn man – wie ich – heute die Begeisterung der Dresdner bei der 10. Verleihung des Deutschen Karikaturenpreises im ausverkauften Staatsschauspiel erlebte. Trotz der Krise, die diesmal auch das Thema des Wettbewerbs war, stellte die Sächsische Zeitung lobenswerter Weise eine ausgesprochen aufwändige Veranstaltung auf die Beine, um die hochdotierten drei Jurypreise, sowie eine Ehren- und eine Leserauszeichnung zu verleihen. Dass in Dresden ein solches Ereignis von überreginaler Bedeutung seine Heimat gefunden hat, ist ja doch eine recht seltene Erscheinung, die man darum desto dreister empfehlen kann. Leider kam das Publikum (vielleicht dank des alljährlichen Laudators Tom Pauls?) fast ausschließlich von der Altstädter Seite und die Jugend war bei der eigentlich sehr jugendfrischen Kunst unterrepräsentiert. Wer die Preise gewonnen hat, kann man in diesem Bericht nachlesen. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz meine Favoritin, die Drittplatzierte Christiane Lokar hervorheben, deren Cartoons man auf der Homepage ihres Pseudonyms KITTIHAWK probeschauen kann.

Die besten eingereichten Cartoons kann man übrigens ab jetzt im Haus der Presse ansehen. 10-19 Uhr, Eintritt: 2 Euro, ermäßigt 50 Cent.

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