Freitag: Max und Micha in Leipzig

Wer am Wochenende in Leipzig weilt, wofür es ja immer gute Gründe gibt, oder gar in selbiger Stadt wohnt, dem sei die Eröffnung der neuen Poetry-Slam-Saison am Freitag empfohlen. Er kann dort auch die Royalisten Michael Bittner (musste leider absagen) und Max Rademann beim livelyriX Poetry Slam erleben. Mit dabei sind auch viele weitere liebenswerte Autoren wie André Herrmann oder Micha Ebeling. Der Dichterwettstreit beginnt um 21 Uhr in der Distillery.

Das Fenster zum Hof

Nachts, in der Küche bei der zweiten Flasche Wein, seltsame Geräusche aus dem Hinterhof: Jemand durchsucht unsere Mülltonnen mit einer Taschenlampe nach Verwertbarem. Die Leistungsgesellschaft, sie lebe hoch!

Poeten, bewegt euren Arsch!

Ohne mein Verlangen erreicht mich eine Pressemitteilung aus Chemnitz von „poetbewegt – Wettbewerb für junge Literatur“:

Die Finalisten stehen fest. Nach fünf Stunden konnten sich am Sonntag, dem 26. September, die elf anwesenden Juroren auf die zehn (jungen) Autoren einigen, die nun gemeinsam – aber auch gegeneinander – das Finale des „poetbewegt Wettbewerb für junge Literatur“ austragen.

Du lieber Himmel, es braucht elf anwesende Juroren, um zehn Poeten auszuwählen? Da kann man ja von Glück sagen, dass nicht auch noch die abwesenden Juroren eingetroffen sind! Der Wettbewerb wird hoffentlich so spannend werden wie das Finale im Sommer, in dem Spanien und Holland gemeinsam, aber auch gegeneinander spielten.

Besonders in der Kategorie „Lyrik“ fiel es diesmal weniger schwer die Finalteilnehmer auszuwählen. Nur wenige Gedichte überzeugten. Allen Lyrikern, die nicht ausgewählt wurden, geben die Juroren den Rat mit auf den Weg es weiter zu probieren, sich zu verbessern und mehr (zeitgenössische) Lyrik zu lesen.

Du lieber Himmel! Man schiebt als Veranstalter so eines Provinzpoesieevents offenbar ganz schön Frust, sonst müsste man den Hobbylyrikern doch wohl nicht noch nachträglich einen verbalen Arschtritt verpassen. Ich würde jungen Poeten übrigens empfehlen, gar keine zeitgenössiche Lyrik zu lesen.

Die Empfehlung an die Lehrer auch im Deutschunterricht mehr Lyrik zu lesen, wurde ebenfalls ausgesprochen.

Da werden die Lehrer aber ganz schön Augen machen! Endlich bläst ihnen mal die Chemnitzer Lyrikpolizei ordentlich den Marsch! Ich wünsche den jungen Autoren viel Glück. Dem Autor der Pressemitteilung gebe ich den Rat mit auf den Weg, sich einmal näher mit den (zeitgenössischen) Regeln der Kommasetzung zu befassen.

Zur Frage der deutschen Einheit

Die Gemüsefrau am Wasaplatz bekommt Konkurrenz im Kampf um den Titel der scheußlichsten Person Dresdens. Schon als wir den Spätshop in Johannstadt betreten, plärrt die ältliche Verkäuferin hinterm Tresen auf die stillen Berufstrinker ein, die sich vor dem Dauerregen ins Innere geflüchtet haben: „Wer sitzt denn hier an der Macht in Dresden? Das sind doch alles bloß Wessis, die hier bestimmen! Alles Wessis! Und was funktioniert? Nichts! Die Straßen verrotten, die Brücken fallen auseinander!“ Minuten später beim Bezahlen hat sie sich immer noch nicht beruhigt. Selbst die Trinker schweigen inzwischen betreten. „Die Wessis sollen bleiben, wo sie herkommen! Was wollen die denn hier? Die können in Dortmund machen, was sie wollen, aber nicht bei uns in Dresden!“

VQ im neuen Look

Hingewiesen sei hier auf das neue Erscheinungsbild der Homepage unseres Verlages Voland & Quist. Schlicht, schick und schön. Und natürlich mit allem interaktiven, multimedialen Schnullifax versehen, den das Netz zu bieten hat und wir alle so lieben. Unser Buch Sax Royal. Eine Lesebühne rechnet ab kann man auf der Seite natürlich auch immer noch bestellen, falls man das nicht wie der bessere Teil der Menschheit sowieso schon längst getan hat. Jetzt müssen Voland und Quist nur noch stärker als bisher den Blogger in sich entdecken!

Dienstag: Team Totale Zerstörung in der Scheune

Ahne

Das Team Totale Zerstörung sind Julius Fischer (Sax Royal, The Fuck Hornisschen Orchestra) und André Herrmann (Lesebühne Schkeuditzer Kreuz) aus Leipzig. Sie haben sich dem Poetry Slam verschrieben und bilden eines der erfolgreichsten PoetrySlamTeams der deutschsprachigen Lande. So waren sie mehrfach im Finale der nationalen Meisterschaften in eben dieser Disziplin und gewannen die größten Slams von Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Sprachgewaltig und virtuos führen sie die Teampoetry in Perfektion vor. Unverpassbar!

livelyriX Poetry unlimited: Team Totale Zerstörung | 21. September | Dienstag | 21 Uhr | Scheune | VVK 5 Euro AK 7 Euro

In die Stadt der Moderne

Es ist ein Sonntag im schönsten Herbst, man hat mit der Liebsten beschlossen, seit Wochen endlich mal wieder einen Tag frei zu machen, also was tun? Natürlich, man macht sich auf den Weg nach Chemnitz! Und tut dort, was man schon so lange hätte machen wollen und sollen, besucht nämlich die Kunstsammlungen Chemnitz und das Museum Gunzenhauser. Chemnitz als Kunststadt hat sich in der Vergangenheit durch einige populäre Schauen (Picasso, Bob Dylan) ins mediale Blickfeld geschoben, mich interessierte aber mehr das Gerücht, dass die dortigen Sammlungen den Dresdner Museen mindestens ebenbürtig seien, was die Malerei der Moderne angeht. Ich kann das nun bestätigen und möchte der sympathischen Splittergruppe der Kunstfreunde einen Besuch in der „Stadt der Moderne“ dringend ans Herz legen.

Vom Hauptbahnhof sind es nur einige hundert Meter bis zu den Kunstsammlungen direkt neben der Oper. Hier kommen vor allem Freunde der klassischen Moderne, der Brücke und der DDR-Malerei auf ihre Kosten. Karl Schmidt-Rottluff ist mit besonders vielen und besonders schönen Bildern vertreten. Im neuen Dresdner Albertinum kommt die Kunst der DDR ziemlich kurz, hier in Karl-Marx-Stadt findet sich z.B. eine interessante Sammlung mit Gemälden und Grafiken von Wolfgang Mattheuer. Eine gerade neu eröffnete Etage zur „Malerei der Romantik“ leidet darunter, dass man ohne das große Vorbild Friedrich seine vielen ausgestellten Epigonen nur schwer schätzen kann. Als Wechselausstellung war gerade Sean Scully zu Gast und ich wurde daran erinnert, dass ich mit Farbfeldmalerei nichts anfangen kann. Eine Ecke grün, eine rot, eine blau, eine braun und das Ganze heißt dann Mondlicht oder Eurydike – nee, das ist mir irgendwie nichts.

Läuft man nun einmal quer durch den Chemnitzer Zentralfriedhof, tschuldigung: die Stadtmitte, dann erreicht man das Museum Gunzenhauser. Hier hat sich ein Münchner Galerist im Gegenzug für eine unbezahlbare Sammlung von der Stadt ein eigenes Haus einrichten lassen. Fast ein ganzes Stockwerk zeigt das Lebenswerk von Otto Dix. Es reicht von expressionistischer Schauerromantik („Der Lustmörder“ – herrlich!) über veristische Antikriegskunst über scheinbar unpolitische Landschaftsmalerei in der Inneren Emigration bis zu einem neo-expressionistischen Nachkriegswerk. Eine weitere Etage zeigt weitere Expressionisten und Artverwandte, sowohl die „Wilden“ im Brücke-Stil als auch die „Abstrakten“ der Münchner Schule. Das Erdgeschoss führt die Kunstgeschichte dann weiter bis in die Gegenwart und veranschaulicht die Debatte in der frühen BRD zwischen Abstrakten und Gegenständlichen.

Besonders lobend möchte ich die Freundlichkeit des Personals („Wennsch ihn ein Tipp gebm söll …“) hervorheben. Ebenso gegen Dresdner Verhältnisse sticht die Ruhe in den Museen ab. Als wir vor Ort waren, waren mehr Wärter als Publikum in den Räumen. Aber man hat ja in Chemnitz ohnehin immer den Eindruck, dass nicht eine Viertelmillion, sondern zwanzig bis dreißig Menschen in der Stadt wohnen. Am Abend liefen wir noch durchs Gründerzeit- und Jugendstilviertel Kaßberg und dachten: Mensch, was könnte nicht in Chemnitz gehen, wenn hier nur was ginge!

Zitat des Monats September

Anlässlich der aktuellen Debatte um Polyamorie hier alles, was jemals zu diesem Thema hätte gesagt werden sollen:

„Der Mensch hat drei Möglichkeiten. Er kann seine Sexualität promisk ausleben und sich wilde Abwechslung gönnen. Er kann auch in monogamer Partnerschaft leben. Ebenso kann er auf eine Ausübung der Sexualität verzichten. Alle drei Möglichkeiten sind richtig und gut. Und, ganz wichtig zu wissen: Allen drei Möglichkeiten wohnt das exakt gleiche Potential inne, entweder glücklich oder unglücklich zu sein.“

(Max Goldt: Ein Buch namens Zimbo. Berlin: Rowohlt, 2009, S.44)

Literaturtipp: Ahne liest heute in Dresden!

AhneUnser Lieblingskollege Ahne kommt heute nach Dresden und eröffnet eine neue Saison der ungewöhnlichen Lesereihe “Literatur im PlattenSpieler”. Ahne, 1968 in Berlin-Buch geboren, ist gelernter Offset-Drucker. Die Wende war für ihn ein Glücksfall: Er wurde arbeitslos und Vater. Jeden Sonntag liest er bei der Reformbühne Heim & Welt im Kaffee Burger und war überdies etliche Jahre bei den Surfpoeten aktiv. Ahne ist einer der bekanntesten Lesebühnenautoren der Welt. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt die Geschichtensammlung “Was war eigentlich morgen” und “Neue Zwiegespräche mit Gott” beim Verlag Voland & Quist. Im PlattenSpieler liest er eine bunte Mischung aus neuen und alten Geschichten und singt vielleicht sogar.

So kommt ihr hin: Mit Linie 1/9/13 zur Haltestelle Jacob-Winter-Platz, links am Einkaufszentrum vorbei, links in die Gamigstraße, dort nach zweihundert Metern auf der rechten Seite das linke von den beiden einzigen alten Häusern: Gamigstraße 26.

Literatur im PlattenSpieler: Ahne | 17. September | Freitag | 19 Uhr | PlattenSpieler / Idee 01239 e.V. (Gamigstraße 26) | AK 2 Euro

GRubenhund: Neue Lesebühne in Görlitz

Ihre Premiere erlebt am kommenden Donnerstag die neue Görlitzer Lesebühne GRubenhund um 19:30 Uhr im Theater Apollo. Monatlich wird sie dann immer am dritten Donnerstag des Monats stattfinden. Drei genetisch in der Lausitz vorbildlich verwurzelte Autoren bilden die Stammbesatzung: Der gebürtige Görlitzer Andreas Vent-Schmidt ist auch bei der Lesebühne Cottbus aktiv. Udo Tiffert aus Neusorge ist regelmäßiger Gast zahlreicher Lesebühnen und Poetry Slams. Michael Bittner ist Autor von Sax Royal und schreibt wöchentlich eine literarische Kolumne für das Magazin der Sächsischen Zeitung. Auch Gastpoeten werden die neue Lesebühne ab und an besuchen: Gleich beim ersten Mal wird das niemand geringeres sein als der Erzpoet Max Rademann. Görlitzer und Lausitzer Freunde der Literatur, erscheint in Massen!

Lesebühne GRubenhund | 16. September | Donnerstag | 19:30 Uhr | Theater Apollo | Görlitz, Hospitalstraße 2

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