Samstag Abend

Die Welt tanzt. Ich lese die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte.

Die Gesellschaft – wie sie für den Nationalökonomen erscheint – ist die bürgerliche Gesellschaft, worin jedes Individuum ein Ganzes von Bedürfnissen ist und es nur für den Anderen, wie der Andre nur für es da ist, insofern sie sich wechselseitig zum Mittel werden.

Seit einem Tag ist die Liebste auf Reisen. Und ich merke schon, dass ich beginne zu verwahrlosen. Gegen zehn setze ich mich vor die Glotze (genauer: Notebook mit TV-Stick). Im RBB läuft eine Sendung zum Geburtstag von Jaecki Schwarz. Worüber könnte man da nicht reden! Über Konrad Wolf, über Brecht, über … interessante Dinge! Stattdessen wird der arme alte Mann von der Moderatorin in den Spreewald geschleift und muss Werbung für den brandenburgischen Tourismus machen. Wenigstens kommt gegen Mitternacht noch Ich war neunzehn. Jetzt pfeife ich schon den ganzen Tag (genauer: seit ich wach bin, also seit zwei Stunden) die Melodie dieses Partisanenliedes.

Geordnetes Schimpfen

Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg warnte im deutschen Bundestag seine Kritiker: Sie sollten besser ihre Zunge hüten, um sich nicht eventuell der üblen Nachrede schuldig zu machen. Aus diesem Anlass hier eine angemessene Beschimpfung des Verteidigungsministers in denkbar ordentlicher, nämlich alphabetischer Form:

Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Abschreiber, ein Bild-Leser, ein Copypaster, ein Deutscher, ein Erzschelm, ein Falschmünzer, ein Geck, ein hinterfotziger Hochstapler, ein Intrigant, ein Jurist, ein Komödiant, ein listiger Lügner, ein manipulierender Möchtegern, ein Nepper, ein Oberfranke, ein populärer Politiker, eine Quarktasche, ein Rüpel, ein Scharlatan, ein Toastbrot, ein Unfall, ein Volksheld, ein Waschlappen, ein Xerox, ein Yuppie, ein Zeichen des Zerfalls unserer Zivilisation.

Zitat des Monats Februar

Wir kennen die einfache Wahrheit,
Wir sehn durch ein scharfes Glas.
Und unsere Lehre ist Klarheit,
Und unsere Klarheit ist Haß.
Der Haß, der groß und weitsichtig ist,
Der schaffende Haß, der richtig ist.

(Joachim Ringelnatz)

Guttenberg und nichts weiter

Nun hat sich also der Freiherr von und zu Guttenberg als der Scharlatan herausgestellt, der er schon immer war. Was folgt daraus? Ganz einfach: nichts. Die ersten Umfragen zeigen ja schon, dass eine Zweidrittelmehrheit der Deutschen ihrem Lieblingspolitiker bereits verziehen hat, noch bevor das ganze Ausmaß seiner Betrügereien ans Licht gekommen ist. Der kleine Mann auf der Straße weiß nicht, was eine Fußnote ist, und interessiert sich auch nicht für Dissertationen. Dass dieser schmierige Blender den Charakter eines Erbschleichers hat, war jedem Menschen mit gesundem Verstand und etwas Menschenkenntnis – also einer kleinen Minderheit der Deutschen – von Anfang an klar. Wer es zuvor noch nicht erkannt hatte, der wird es auch trotz aller Enthüllungen nie erkennen. Seinen Politikerkollegen fällt es nun zwar wie Schuppen von den Augen: Sie haben sich von einem Angeber und ein paar hysterischen Medien übers Ohr hausen lassen. Aber der Scharlatan ist inzwischen schon zu weit aufgestiegen, um ihn noch fallen lassen zu können. Eine ganze politische Klasse würde sich selbst lächerlich machen, gäbe sie nun zu, endlich zu sehen, dass der Kaiser die ganze Zeit über schon nackt war. Also wird alles bleiben, wie es ist. Die Affäre wird vergessen werden wie die anderen zuvor. Guttenberg wird regelmäßig in sein persönliches Dschungelcamp namens Afghanistan reisen, um für Quoten zu sorgen. Und wir haben einen Lügner und Betrüger auf dem Posten des Verteidigungsministers. Wir haben es uns verdient.

Michael Bittner heute im PlattenSpieler

Eigentlich bin ich zwar krank, werde mich aber fitspritzen für die Lesung am heutigen Abend. Ab 19 Uhr (!) lese ich in der Reihe „Literatur im PlattenSpieler“ beim Idee 01239 e.V. in Dresden-Prohlis. Ich weiß noch nicht genau, was zum Vortrag kommen wird, vermutlich eine Reihe von Texten, die mir gerade selber am besten gefallen. Der Weg nach Prohlis ist zwar weit, aber ich kann nur jedem empfehlen, die Mühe mal auf sich zu nehmen und vorbeizukommen. Es gilt, den unterschätztesten Underground-Club Dresdens, den PlattenSpieler, kennenzulernen. Und ich werde mir auch Mühe geben.

So kommt ihr hin: Mit Linie 1/9/13 zur Haltestelle Jacob-Winter-Platz, links am Einkaufszentrum vorbei, links in die Gamigstraße, dort nach zweihundert Metern auf der rechten Seite das linke von den beiden einzigen alten Häusern: Gamigstraße 26.

Literaturtipp für Dienstag: Micha Ebeling und Julian Heun in der Scheune

Eine höchst explosive Mischung bietet die Reihe “livelyriX Poetry unlimited” im Februar. Mit Micha Ebeling und Julian Heun treffen sich ein umwerfend komischer Geschichtenerzähler und einer der besten Performance-Poeten des Landes in der Scheune, um einen mit Sicherheit höchst abwechslungsreichen Abend zu gestalten. Julian Heun, geboren 1989, studiert Literaturwissenschaft und Germanistik in Berlin. Er ist Teil des Performance-Lyrik-Kollektivs “Allen Earnstyzz”. Neben zahlreichen Siegen bei Poetry Slams war er im Jahr 2010 auch Gewinner des Goldenen Stuttgarter Besens. Spiegel Online nannte ihn zu Recht “Deutschlands jungen Poetry König”. Micha Ebeling lebt und schreibt in Berlin und liest seine Geschichten seit Jahren mit großem Erfolg bei der Lesebühne “LSD – Liebe statt Drogen”. Gemeinsam mit Volker Strübing siegte er zwei Mal im Team-Wettbewerb der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften. Sein Buch „Restekuscheln“ erschien 2007 im Verlag Voland & Quist.

livelyriX Poetry unlimited: Micha Ebeling und Julian Heun | 15. Februar | Dienstag | Einlass: 20:30 Uhr, Beginn: 21 Uhr | Scheune | VVK 5 Euro AK 7 Euro

Die Ägypter und wir

Der Tyrann will nicht weichen. Tausende Menschen versammeln sich täglich auf den Straßen, um gegen die andauernde Herrschaft des Potentaten zu demonstrieren, der nie von einer Mehrheit des Volkes in sein Amt gewählt wurde. Jeder weiß, dass er mit der Begünstigung seiner Freunde und Verwandten, mit der Plünderung der Staatskassen eine ganze Nation an den Abgrund geführt hat. Derweil bleiben die Ärmsten des Landes sich selbst überlassen. Visionen für die Zukunft entwickelt er längst keine mehr, seine Reden sind gefüllt mit ermüdenden Durchhalteparolen und Wiederholungen der immer gleichen Phrasen. Verzweifelt warnt er davor, nach seinem Abtritt werde das Chaos ausbrechen, der Pöbel die Herrschaft übernehmen. Aber diese Unkenrufe will längst keiner mehr hören. Selbst die geknebelte Presse hat sich abgewandt und wagt inzwischen kritische Berichte. Und auch in der eigenen Partei wäre man den ungeliebten Führer lieber heute als morgen los, nur traut sich noch keiner, in die Rolle des Königsmörders zu schlüpfen. Kein Zweifel, dass er mittlerweile der meistgehasste Mann des ganzen Landes ist. Sehnlichst wünschen sich die Bürger, man könnte ihn verschnüren und in ein Flugzeug packen, das auf Nimmerwiedersehen dorthin startet, wo der Pfeffer wächst. Kurz: Es sieht schlecht aus für Guido Westerwelle.

Ähnlich geht es aber auch dem ägyptischen Diktator Hosni Mubarak, dem Guido Westerwelle des Nahen Ostens. Wer kann sich die Bilder der Demonstrationen anschauen, ohne von ihnen bewegt zu werden? Es ist aber nicht nur Sympathie, die aufkeimt, sondern auch Neid. Oder wie soll man sonst das intellektuelle Seufzen der Deutschen, ja des ganzen Westens beschreiben? Ach, wie selig die Ägypter, die noch klare Fronten zwischen Gut und Böse kennen! Wie glücklich das Volk am Nil, das alles Übel auf einen einzigen Mann projizieren kann! Wie erwartungsvoll diese Gesichter, die sich noch hoffnungsfroh nach der Demokratie sehnen, die uns nur noch ermüdet und längst kalt lässt. Wir schauen auf die Ägypter wie auf Kinder, die uns erzählen, wie sehr sie sich wünschen, endlich erwachsen zu sein. Wir nicken ihnen aufmunternd zu und denken doch im Stillen: Ach, wüsstet ihr Kinder, wie erbärmlich es in unserem Alter zugeht, ihr würdet mit Freuden ewig unmündig bleiben. Aber es hilft nichts: Wir müssen erwachsen werden, als Menschen und als Nationen. Wer sich dem in den Weg stellt, wird weggefegt, und zwar zurecht, so wie der sture Opa in Kairo, der hoffentlich bald seinen wohlverdienten Ruhestand in einem Altersheim mit Gittern vor den Fenstern antritt.

Sax Royal am Donnerstag

Sax Royal

Nach dem rauschenden Geburtstagsfest im Vormonat startet die Lesebühne Sax Royal im Februar mit frischem Mut und brandneuen Texten in das siebte Jahr ihres gemeinsamen Schaffens. Mit an Bord ist die gesamte Stammbesatzung, als da wären: Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann, Stefan Seyfarth und Michael Bittner. Die Texte, die sie in fliegendem Wechsel lesen, werden wie immer vor Vielfalt strotzen: Spaß geht neben Ernst, Geschichten neben Gedichten über die Bühne der Scheune. Am Ende des Abends kann sich das Publikum wie immer noch auf eine besondere Überraschung als Zugabe freuen. Wenn alles klappt, gibts einen neuen Animationsfilm aus der legendären Reihe “Peschi & Poschi” von Max Rademann und Jens Rosemann.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 10. Februar| Donnerstag | 21 Uhr | Scheune | AK 7 Euro /erm. 5 Euro VVK 5 Euro

Royalisten am Sonnabend

Am kommenden Sonnabend, den 05. Februar, trennen sich die Wege der Autoren unserer Lesebühne, glücklicherweise nur für einen Abend:

Die Royalisten Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth gastieren gemeinsam im thüringischen Zeulenroda, Stefans alter Heimat. Sie lesen ab 21 Uhr mit weiteren Autoren und musikalischer Begleitung im Schieszhaus.

Währenddessen liest Michael Bittner in Berlin als Gastautor beim Kantinenlesen. Los gehts um 20 Uhr in der Alten Kantine der Kulturbrauerei. Mit dabei sind Andreas Kampa, Volker Strübing, Ann Cotten und Moderator Dan Richter.

Schon wieder Februar

Es wird schon wieder Februar. Voraussichtlich am 19. Februar werden Nationalsozialisten aus Deutschland und Europa versuchen, einen Großaufmarsch in Dresden abzuhalten, um den Jahrestag der Bombardierung Dresdens für ihre Propaganda zu nutzen. Am eigentlichen Datum, dem 13. Februar, soll es schon einen „Fackelmarsch“ geben. Erfahrungsgemäß kann sich aber alles durch Umplanungen, Polizeiverbote und Gerichtsentscheidungen noch kurzfristig ändern, Klarheit herrscht meist erst am Tag des Geschehens.

Zum Thema ist inzwischen so ziemlich alles gesagt, was sich sagen lässt. Der Großteil der Dresdner Bevölkerung ist von den Ereignissen genervt und möchte einfach nur seine Ruhe. Ein Teil der Menschen zelebriert ein Ritual des Gedenkens an die Bombenopfer. Ein Bündnis aller Parteien und Institutionen will sich von den Nationalsozialisten symbolisch durch eine „Menschenkette“ abgrenzen. CDU und FDP nehmen an diesem Bündnis aber nur Zähne knirschend teil, denn auch die Partei Die Linke („Wege zum Kommunismus“) ist eingeschlossen.

Vornehmlich, aber nicht nur „linke“ Organisationen rufen darüber hinaus zu einer Blockade der Nazi-Märsche auf, mithin zu einer Ordnungswidrigkeit, also zu einer Aktion des zivilen Ungehorsams. Im letzten Jahr hatten die Blockaden Erfolg, die Nazis konnten (von einzelnen, teils wilden Zügen durch Pieschen und das Hechtviertel abgesehen) nicht marschieren und mussten vor dem Bahnhof Neustadt in der Kälte stehen und Lieder von Frank Rennicke anhören. Ich war in letztem Jahr auf dem Albertplatz, wo die Blockade einem friedlichen Volksfest glich. Ich hörte Konstantin Wecker singen, die damalige Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel reden und einen antifaschistischen Rapper reimen. Kurz, es war ein Tag nicht ohne Qualen. Die Kälte spielte auch eine Rolle.

Es ist kein Geheimnis, dass ein Großteil der blockierenden Demonstranten des letzten Jahres nicht aus Dresden kam. Selbst im „Szeneviertel Äußere Neustadt“ (Zitat Stadtmarketing) gibt es, wie man in einschlägigen Blogs nachlesen kann, nicht wenige, die sich an den Blockaden nicht beteiligen wollen, weil ihrer Ansicht nach das Demonstrationsrecht der Nationalsozialisten geachtet werden muss. Zugleich scheuen sich viele, mit sogenannten „Linksextremisten“, also Gruppen der Antifa oder Parteien wie der MLPD („30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich“), gemeinsame Sache zu machen. Es muss halt jeder selber wissen. Wer dabei sein will, der schaue am besten regelmäßig auf die Seite der Initiative DRESDEN STELLT SICH QUER.

Wie’s ausgeht? Das weiß Gott allein, also niemand. Wenn die Polizei den Auftrag des Verwaltungsgerichts Dresden, den Nationalsozialisten den Weg notfalls freizuprügeln, ernst nimmt, könnte es spannend werden.

Powered by WordPress. Feeds für Beiträge und Kommentare.