Die Christen kommen

Demnächst werden mehr als einhunderttausend Christen ins heidnische Elbtal einrücken. Man kann gespannt sein, wie sich das im städtischen Leben auswirkt und was die fünf Kirchentage (1.-5. Juni) und ihr reichhaltiges Kulturprogramm so bescheren werden. Als ich gefragt wurde, ob ich nicht gerne bei einer Lesung zum Kirchentag mitmachen möchte, sagte ich gleich: Warum nicht? Das Ganze heißt Slam the Religion! und ist, wie der Name schon andeutet, ein Poetry Slam zur Religion. Er findet am 03. Juni ab 20 Uhr in der Scheune statt. Kurz darauf meldete sich bei mir auch der Verein GeFAHR, der während der heiligen Tage eine „Religionsfreie Zone“ in Dresden einrichtet und ein nicht minder interessantes Kulturprogramm bieten wird. Man fragte mich, ob ich nicht eine Lesung gegen den Kirchentag machen möchte und ich sagte gleich: Warum nicht? Nun werde ich also am 01. Juni ab 17 Uhr in der Schauburg einige Kolumnen, Satiren und Essays zum Thema Religion lesen. Ich dürfte mithin der einzige Dresdner Autor sein, der für und gegen den Kirchentag lesen wird. Marx hätte gesagt: Dialektik bei der Arbeit!

Zitat des Monats Mai

Hallo, ich weiß, dass diese E-Mail Sie findet in einem großen Formen, die, wohin sie uns führen? schreiben Sie bitte an mich kennt weiß, wo können wir das gleiche gemeinsam haben.

(„Marisa Wilton“ per E-Mail)

Was auf die Ohren

Folgendes exzellente Musikvideo einer hoffnungsvollen Nachwuchsband namens setting moon mit dem Titel the sun was shining weckt große Erwartungen für die Zukunft:

Gedanken beim Gang durchs Szeneviertel

Es flimmert einem vor den Augen, kaum einen Quadratzentimeter haben die Plakatkleber frei gelassen. Gelegentlich sieht man eine ganze Plakathaut, von einer Laterne gerutscht oder einer Wand geblättert, unzählige Schichten übereinander wie Jahresringe. Und ich denke: All diese hoffnungsvollen Bands – für wen spielen sie? Die unzähligen Künstler – wer soll ihre Bilder kaufen? Diese ambitionierten Amateurtheater – wer wird sich ihre Aufführungen anschauen? In Berlin scheint Beuys‘ Kitschgedanke, jeder Mensch sei ein Künstler, auf schreckliche Weise verwirklicht. Gibt es auf diesen Straßen irgendjemanden, der kein Projekt plant, kein Demotape in der Tasche trägt, kein Vorsprechen am nächsten Morgen hat? Bestünde die Welt nur noch aus Kreativen, wer bliebe noch übrig, um die undankbare Aufgabe zu meistern, als Publikum zu dienen? (Künstler selbst sind gewöhnlich ja die letzten, die sich für das Schaffen anderer Künstler interessieren.)

Der Mythos des Künstlertums hat offenbar nichts von seiner Anziehungskraft auf junge Menschen verloren. Woran liegt’s? Es scheint so, als wäre der Glaube immer noch verbreitet, Kunst sei als zweckfreies Schaffen ein Fluchtweg aus der gesellschaftlichen Misere ringsum. Eine Möglichkeit der sogenannten Selbstverwirklichung jenseits von Bachelor und Praktikum und PowerPoint. Ein richtiges Leben im falschen. Als wäre das Leben nichts wert, wenn man es nicht schaffte, sich selbst als Ausnahme von der Regel zu inszenieren. Uns so sitzen sie in ihren Cafés, einer individueller als der andere. Ihre Variante der prekären Existenz heißt nicht Hartz 4, sondern Indie-Rock oder Poetry Slam.

Gegen drei Uhr nachts spielt im Habermeyer unaufgefordert ein junger Mann aufdringliche Songs auf der Gitarre. Er hat ein halbes Dutzend Begeisterte gleich mitgebracht, die nach jedem Lied energisch klatschen wie Parteigenossen nach einer Rede Stalins. Ihre bösen Blicke treffen alle, die nicht mittun wollen. Am Ende geht der Künstler mit einem Hut herum. Ich gebe ihm nichts.

Es könnte sich rächen. Vielleicht stehe ich demnächst mit einem leeren Hut vor ihm.

Freitag: „Reise nach Loitoktok“ – Buchpremiere

Roman Israel ist Mitglied der Dresdner Lesebühne Sax Royal und der Leipziger Lesebühne WEST. Mit „Reise nach Loitoktok“ folgt er dem Ruf der Wildnis und bringt zusammen mit der Illustratorin Inga Israel einen Band mit Kurzgeschichten heraus, in dem es nicht nur ums Reisen geht. 14 skurrile Storys führen den Leser u.a. nach Paris, Rom und die deutsche Ostseeküste. Die Erlebnisse dort sind ungelogen bar jeder Urlaubsromantik und absolut schräg. Garant dafür sind die ungewöhnlichsten Erzähl-perspektiven, die man sich vorstellen kann. Berichtet wird z.B. aus Sicht eines Blinden, zweier Killer, eines Attentäters und “last but not least” sogar Adolf Hitlers. Ein Event, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Schaut vorbei!

Wann: 20.05.11 / 21 Uhr
Wo: Fischladen {temporärer Ort für Kunst} / Hoyerswerdaer Str. 36, Dresden
Kulturbeitrag: 3,- Eur

http://www.romanisrael.de/
http://www.derfischladen.blogspot.com/

Dienstag: Micha liest in der Scheune

Michael Bittner

Michael Bittner ist Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal. Seit Januar 2009 schreibt er wöchentlich eine literarische Kolumne für das Magazin der Sächsischen Zeitung. Nun aber erfasste ihn ein tiefes Mitleiden mit all den Texten, die da jede Woche den Weg allen Altpapiers gehen. Deswegen hat er die schönsten und komischsten Kolumnen, Satiren und unveröffentlichten Geschichten der letzten zwei Jahre zu einem bunten literarischen Programm mit dem Titel “Mein Widerstand” zusammengestellt. Erwarten darf das Publikum Geschichten über die barocken Tücken des Dresdner Alltags, Auseinandersetzungen mit Gottmenschen wie dem Dalai Lama, philosophische Turnübungen und nackte Tatsachen: “analytisch scharf, bissig, umwerfend komisch” (Dresdner Neueste Nachrichten).

livelyriX Poetry unlimited: Michael Bittner | 17. Mai | Dienstag | 21 Uhr | Scheune | VVK 5 Euro AK 7 Euro

Donnerstag: Lesebühne Sax Royal in der Scheune

Sax Royal

Am Donnerstag präsentiert die Lesebühne Sax Royal wieder ihre neuesten Texte. Im Wonnemonat Mai wird dabei Roman Israel als besondere Zugabe dem Publikum erste Einblicke in sein bald erscheinendes Buch Reise nach Loitoktok gewähren. Der Band enthält eine Auswahl seiner besten Kurzgeschichten aus den letzten Jahren. Mit dabei sind aber natürlich auch die anderen vier Stammautoren: Julius Fischer, der stolze Vater des Erfolgsbuches Ich will wie meine Katze riechen, Michael Bittner, der Kolumnist, Satiriker und Kommunismusforscher, Stefan Seyfarth, der erziehende Autor und anti-autoritäre Erzieher, sowie natürlich auch der philosophische Alltagsbeobachter Max Rademann.

Lesebühne Sax Royal | 12. Mai | Donnerstag | 21 Uhr | Scheune | AK 7 Euro /erm. 5 Euro VVK 5 Euro

Micha am Wochenende in München

Liebe Münchner! Am Wochenende weile ich in Eurer Stadt, die mir mit jedem Besuch sympathischer wird. Eure „Szeneviertel“ sind zwar so aufregend wie Striesen am Sonntag, aber Eure Stadt ist freundlich, entspannt und entgegenkommend.

Ich lese am Sonnabend, den 07. Mai, bei der Lesebühne Westend ist Kiez im Stragula zusammen mit Felix Bonke, Sacha Storz, Volker Keidel, Alex Burkhard und Georg Eggers. Los gehts um 20:00 Uhr.

Und am Sonntag, den 08. Mai, bin ich zu Gast bei der Lesebühne Schwabinger Schaumschläger im Vereinsheim und lese mit Michi Sailer, Moses Wolff und Asta Scheib & Josef Brustmann. Los gehts um 19:30 Uhr.

Offener Brief der Initiative „Ein Literaturhaus für Dresden“

Sehr geehrter Herr Dr. Lunau, sehr geehrter Herr Wiemer, sehr geehrter Herr Mähnert, sehr geehrte Damen und Herren des Kulturausschusses!

Es ist weder für Außenstehende noch für Kenner der Dresdner Kulturszene ein Geheimnis, dass das literarische Leben in der sächsischen Landeshauptstadt weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Unter dem Namen „Ein Literaturhaus für Dresden“ hat sich eine Initiative gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das literarische Leben in Dresden zu beleben, und die der Überzeugung ist, dass die Einrichtung eines Literaturhauses der beste Weg dazu ist.

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Die unterschätzte Gefahr: Östrogen im Gemüse

Beim Spaziergang durch Bannewitz entdecke ich am Straßenrand ein liebevoll handgemaltes Schild, das mit einem Landschaftsbild für einen nahe gelegenen Bioladen wirbt. Darüber mit gelber Farbe gesprüht: „SCHWUL“. Wer könnte der Saboteur ökologisch korrekter Ernährung gewesen sein? Man weiß es nicht. Hundert Meter weiter passieren wir das Vereinsheim des Dynamo-Dresden-Fanclubs Bannewitz.

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