Gedanken beim Gang durchs Szeneviertel

Es flimmert einem vor den Augen, kaum einen Quadratzentimeter haben die Plakatkleber frei gelassen. Gelegentlich sieht man eine ganze Plakathaut, von einer Laterne gerutscht oder einer Wand geblättert, unzählige Schichten übereinander wie Jahresringe. Und ich denke: All diese hoffnungsvollen Bands – für wen spielen sie? Die unzähligen Künstler – wer soll ihre Bilder kaufen? Diese ambitionierten Amateurtheater – wer wird sich ihre Aufführungen anschauen? In Berlin scheint Beuys‘ Kitschgedanke, jeder Mensch sei ein Künstler, auf schreckliche Weise verwirklicht. Gibt es auf diesen Straßen irgendjemanden, der kein Projekt plant, kein Demotape in der Tasche trägt, kein Vorsprechen am nächsten Morgen hat? Bestünde die Welt nur noch aus Kreativen, wer bliebe noch übrig, um die undankbare Aufgabe zu meistern, als Publikum zu dienen? (Künstler selbst sind gewöhnlich ja die letzten, die sich für das Schaffen anderer Künstler interessieren.)

Der Mythos des Künstlertums hat offenbar nichts von seiner Anziehungskraft auf junge Menschen verloren. Woran liegt’s? Es scheint so, als wäre der Glaube immer noch verbreitet, Kunst sei als zweckfreies Schaffen ein Fluchtweg aus der gesellschaftlichen Misere ringsum. Eine Möglichkeit der sogenannten Selbstverwirklichung jenseits von Bachelor und Praktikum und PowerPoint. Ein richtiges Leben im falschen. Als wäre das Leben nichts wert, wenn man es nicht schaffte, sich selbst als Ausnahme von der Regel zu inszenieren. Uns so sitzen sie in ihren Cafés, einer individueller als der andere. Ihre Variante der prekären Existenz heißt nicht Hartz 4, sondern Indie-Rock oder Poetry Slam.

Gegen drei Uhr nachts spielt im Habermeyer unaufgefordert ein junger Mann aufdringliche Songs auf der Gitarre. Er hat ein halbes Dutzend Begeisterte gleich mitgebracht, die nach jedem Lied energisch klatschen wie Parteigenossen nach einer Rede Stalins. Ihre bösen Blicke treffen alle, die nicht mittun wollen. Am Ende geht der Künstler mit einem Hut herum. Ich gebe ihm nichts.

Es könnte sich rächen. Vielleicht stehe ich demnächst mit einem leeren Hut vor ihm.

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