Zitat des Monats Juni

„Ja, die Gesellschaft bewegt sich auf uns zu. Und trotzdem ist es eine Illusion, zu glauben, wir könnten die Chance auf ein Wahlergebnis über 20% bei der nächsten Bundestagswahl wahren, ohne unsere Programmatik und unseren Auftritt zu verändern. Radikales Oppositionsgehabe und Fokussierung auf klassisch grüne Themen bindet die Kernwählerschaft, verschreckt aber Neugrüne. Selbst bei grünen Themen steht vieles in Frage, wenn wir das Wachstum sichern wollen. Das uneingeschränkte Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist vorerst keine Forderung, mit der sich 25% der Deutschen gewinnen lassen.“

(Boris Palmer, Die Grünen, Oberbürgermeister von Tübingen)

Literaturtipp für Leipzig: LivelyriX-Sommerfestival vom 1. bis 3. Juli

Vom 01. bis zum 03. Juli findet in Leipzig das LivelyriX Sommerfestival statt. Ein tolles literarisch-musikalisches Programm erwartet die Besucher. Mit dabei sind so interessante Autoren wie Tino Hanekamp, Frank Klötgen und Volker Strübing.  Auch Royalist Julius Fischer ist am Start: Am 01. Juli tritt er gemeinsam mit André Herrmann als “Team Totale Zerstörung” beim Team Poetry Slam auf. Solo nimmt er außerdem noch einmal am 03. Juli bei der Poetry-Slam-Revue teil. Alle Veranstaltungen gehen im Garten der Distillery über die Bühne.

Historisches Flair am Neumarkt

Zwischen Frauenkirche und Kurländer Palais werden die Asphaltstraßen aufgerissen. Pflaster soll das historische Flair des Areals verstärken. Kosten: 1,6 Millionen Euro.

Meine weiteren Vorschläge für die Historisierung: Man sollte die aufgerissenen Straßen nur zur Hälfte wieder schließen. Am Rand könnte man breite Rinnen für die Fäkalien lassen, die die Anwohner ab sofort wieder traditionsgemäß aus ihren Bettpfannen direkt aus dem Fenster kippen. Die Beleuchtung der Straßen kann wieder auf Fackeln umgestellt werden. Der Nachtwächter schließt um acht die Stadttore und bläst zur Nachtruhe. Die Unholde, die sich nicht daran halten, werden vor der Frauenkirche öffentlich aufgeknüft. Dieß sey von nun an das strenge Gebot in Dresden, der historischsten Stadt Teutschlands!

Unterwegs in Thüringen

Nur in ICEs hört man tatsächlich einmal außerhalb von Romanen Sätze wie: „Gesundheitlich ist es um euch alle gut bestellt?“ +++ Nach der Lesung in Ranis fragt mich ein junger Mann: „Willst du nicht noch was vorlesen?“ – „Ich habe schon sechs Bier getrunken.“ – „Okay.“ +++ Ich verliere beim Kickern. +++ In der Jugendherberge werde ich nach knapp drei Stunden Schlaf gegen 6 Uhr morgens vom Ungeziefer vorm Fenster (Vögel) aufgeweckt. +++ Im Zug von Saalfeld nach Erfurt belausche ich das Telefongespräch einer jungen Frau: „Ich hätte nie diese Ausbildung hier anfangen sollen. Ich hätte direkt nach einem Jahr abbrechen sollen. Es ist wirklich furchtbar, ganz schrecklich. Die Lehrer sind einfach dumm, absolut doof. Stell dir vor, die kommen zu mir und sagen mir, mein Selbstbild stimme nicht mit meiner Persönlichkeit überein. Ich sage denen, sie sollen mit mir reden, wenn sie ein Problem haben. Und diese dämliche Tante antwortet mir: Wir haben gar kein Problem mit ihnen, Sie haben doch das Problem! Thüringer halt. Ich dachte echt, die Thüringer wären locker, aber das sind sie gar nicht. In Sachsen wäre es glaube ich besser. Die Sachsen sollen echt locker sein.“ +++ Ich besichtige Erfurt und entdecke, dass es sich um eine sehr schöne Stadt handelt. Zufällig ist gerade „Krämerbrückenfest“ und tausende von Rentern schieben sich durch die Straßen. Eine Oma ermahnt einen Opa auf Krücken: „Du kannst dort nicht hingehen, das ist viel zu eng für dich!“ – „Ich gehe jetzt dorthin!“ – „Du kannst dort nicht …“ +++ Ein junges Pärchen aus Bayern hinter mir auf der überfüllten Krämerbrücke, der Kerl ningelt: „Jetzt sage mir mal bitte, was ich hier genießen soll!“ +++ In einem Biergarten esse ich ein Schnitzel. Des Regens halber flüchtet sich ein Rentnerehepaar zu mir an den Tisch untern Schirm. Die beiden sind mit dem Reisebus aus Zwickau angereist. Sie essen ihr Schnitzel mit Spargel und Petersilienkartoffeln. „Ist doch schön, wie der Regen die Menschen zusammenführt!“, versuche ich ein Gespräch in Gang zu setzen. +++ Das Schaufenster eines Modegeschäftes für Frauen mit „großen Größen“ ist bauarbeitsbedingt komplett mit Brettern vernagelt. Ich sollte mir endlich mal eine Kamera anschaffen, dann könnte ich hier auch lustige Fotos veröffentlichen und müsste mich nicht mühen, alles umständlich zu beschreiben. +++ Im Zug nach Zeulenroda sitzen neben mir zwei Trinker auf dem Heimweg nach Bayern: „Der Thomas hat mich gefragt: Bist du bescheuert? Wieso wollt ihr denn nach Potsam mit dem Wochenendticket kommen? Und ich sage ihm: Weils uns Spaß macht! Wir fahren schön durch die Gegend, steigen ab und zu um und trinken unser Bierchen.“ Die beiden Männer haben einen Rollkoffer dabei, gefüllt teils mit vollen, teils mit leeren Bierflaschen. +++ Im „Schieszhaus“ in Zeulenroda erzählen wir, dass wir für die Lesung auf den Besuch der „Bunten Republik Neustadt“ in Dresden verzichten. Es kommen zur Lesung dann weniger Leute als erwartet, weil „ganz viele bei der Bunten Republik Neustadt sind“. +++ Ich gewinne gegen Stefan Seyfarth im Tischtennis. +++ „Habt ihr hier immer noch Probleme mit Nazis?“ – „Na ja, der Hofmann ist immer noch so drauf. Der Lippolt auch.“ Schön, dass man in Kleinstädten seine Nazis noch persönlich kennt! +++ Der Erdmittelpunkt befindet sich in der sächsischen Stadt Pausa.

Literaturtipp: Tobias Kunze heute in Dresden

Tobi Kunze

Tobias Kunze aus Hannover ist seit 2001 literarisch auf der Bühne tätig. Er ist Performance-Poet, Live-Literat, Rapper, Autor und Kulturveranstalter. Neben Auftritten im deutschen Sprachraum war er bereits in Paris, Luxemburg, Bolzano und Tallinn zu Gast. In Hannover ist er vor allem bekannt als Teil der Lesebühnen “Nachtbarden” und “Oral B” sowie der Rap-Band BIG TUNE – und als Vorzeige-Dichter auf zahlreichen Poetry-Slam-Veranstaltungen.

Literatur im PlattenSpieler: Tobias Kunze | 17. Juni | Freitag | 19 Uhr | PlattenSpieler / Idee 01239 e.V. (Gamigstraße 26) | AK 2 Euro

So kommt ihr hin: Mit Linie 1/9/13 zur Haltestelle Jacob-Winter-Platz, links am Einkaufszentrum vorbei, links in die Gamigstraße, dort nach zweihundert Metern auf der rechten Seite das linke von den beiden einzigen alten Häusern: Gamigstraße 26.

Donnerstag: Max Rademann & Udo Tiffert in Dresden

Max Rademann

Udo TiffertMax Rademann (Sax Royal) und Udo Tiffert (Grubenhund) lesen sich eineinhalb Stunden lang ihre unspannensten Lieblingstexte vor. Als Höhepunkt der furiosen Pressekonferenz auf dem Elbedampfer „Strammer August“ sicherten sie definitiv zu, den Titel der Lesung „Zwei Chiefs starten durch!“ während dieser zu erklären, sowie dem Publikum eine Getränkepause zu gewähren. Erzgebirgsweisheit und Neißeschläue wecken schlafende Hunde.

Max Rademann & Udo Tiffert: „Zwei Chiefs starten durch!“ | Donnerstag | 16. Juni | 20 Uhr | Fischladen (Hoyerswerdaer Str. 36)

Micha’s Lebenshilfe (21)

Wenn man leichtfertig in einem Laden mit dem bis an die Grenzen des Wahnsinns bescheuerten Namen Mäc-Geiz ein Duschgel mit „erfrischende[m] Deo-Effekt“ erwirbt, das selbst dort auch noch preisreduziert angeboten wird, dann sollte man sich später nicht darüber wundern, dass es beim Auftrag auf die Genitalien ein Gefühl vergleichbar mit Branntweinessig hinterlässt.

Freitag: Lesebühne Sax Royal in der Scheune

Sax Royal

Ausnahmsweise am Freitag präsentiert die Dresdner Lesebühne Sax Royal sich im Juni. Zu letzten Lesebühne vor der Sommerpause werden sich die Royalisten noch einmal besonders ins Zeug legen: Max Rademann hat nicht nur versprochen, brandneue Lieder vorzustellen, sondern will auch zum ersten Mal öffentlich Hand an eine brandneue elektrische Orgel legen. Wie immer aber gibt es im fliegenden Wechsel vor allem brandneue Texte aller Genres und Gemütslagen – von persönlich bis politisch. Es lesen diesmal Michael Bittner, Max Rademann, Stefan Seyfarth, Roman Israel sowie ein besonderer literarischer Gast: André Herrmann von der Leipziger Lesebühne “Schkeuditzer Kreuz” schreibt Geschichten, die rasant, komisch und intelligent zugleich sind.

Sax Royal – Dresdner Lesebühne | 10. Juni | FREITAG | 21 Uhr | Scheune | AK 7 Euro /erm. 5 Euro VVK 5 Euro

Impressionen vom Kirchentag

Grundsätzlich ist jedes Ereignis, das ein wenig Wirbel in die erzbehäbige Selbstzufriedenheit des Spießernestes Dresden bringt, zu begrüßen. Insofern waren mir die in- und ausländischen Gäste zum Evangelischen Kirchentag höchst willkommen, ja ich war sogar recht neugierig, was die 120000 angekündigten Christen so mit meiner Heimatstadt anstellen würden. Alles verlief dann aber doch recht unspektakulär. Konfrontationen zwischen Heiden und Christen blieben – von einzelnen Scharmützeln am Männertag – weitgehend aus.

Gleich am Mittwoch las ich zur Eröffnung der „Religionsfreien Zone“, die der Humanistenverein GeFAHR als Kontrastprogramm in der Schauburg organisiert hatte. Eine höchst entspannte Sache, keine Fanatiker gleich welcher Färbung waren anwesend, stattdessen vor allem ältere Ehepaare mit akademischer Anmutung. Ich dachte an das französische Sprichwort aus dem 18. Jahrhundert: „Drei Ärzte, ein Atheist!“ Die Quote dürfte heute wohl noch größer sein. Kein Wunder: Sieht man beständig, wie Gott Leuten Tumore ins Hirn und Krebs in den Arsch zaubert, schwindet der Glaube sicher leichter.

Am Freitag war ich dann einer der Autoren beim Poetry Slam zum Thema Religion in der Scheune, der zum offiziellen Programm des Kirchentages gehörte. 500 sehr junge Christen füllten das Innere restlos, draußen lauschten zudem vielleicht noch einmal so viele Menschen den Beiträgen über Lautsprecher. Dass der Kirchentag sich schon in fortgeschrittenem Stadium befand, roch man drinnen unverkennbar. Die Atmosphäre entsprach einem Rockfestival am dritten Tag. Gewinner des Dichterwettstreits wurde übrigens Bleu Broode, der als angehender Theologe natürlich transzendenten Heimvorteil hatte.

Gestern besuchte ich dann noch den Abschlussgottesdienst, den eine riesige Menge von Gläubigen an beiden Elbufern feierte. Die Gesänge der Chöre waren zweifellos erhebend. Kleine Gruppen von Helfern, mit Birkenzweigen als Erkennungszeichen ausgestattet, verteilten das heilige Abendmahl. Der Zuspruch hielt sich in Grenzen, vielen wäre wohl ein unheiliges Frühstück lieber gewesen. Verschiedene Menschen predigten Friede, Freude, Eierkuchen – unter ihnen auch lange die Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die auch Politikerin der „Grünen“ ist. Überhaupt erschien der Kirchentag einem Parteitag der Grünen nicht unähnlich. Und das nicht nur, weil alle Besucher sich zur Erkennung grüne Tücher um verschiedenste Körperteile geknotet hatten. Auch das grüne Atomkernthema war omnipräsent, ebenso die bekannte Forderung: Frieden schaffen, notfalls mit Waffen. Die Grünen sind endgültig im Mainstream der Gesellschaft angekommen – ein Marxist würde sagen: weil sie die ökonomischen Interessen und Erfordernisse der nächsten Jahrzehnte am besten repräsentieren.

Das beste Symbol für den ganzen Kirchentag war ein riesiges, ganz mit Solarzellen bedecktes Kreuz am Elbufer: Die Kirche und die Grünen in perfekter Symbiose, die Energiewende bekommt den evangelischen Segen. Oder anders ausgedrückt: Die Protestanten sind auf dem Rückweg zur Anbetung des Sonnengottes.

Wahlaufruf

Royalist Julius Fischer und Christian Meyer, die die legendäre Band The Fuck Hornisschen Orchestra bilden, sind für den Publikumspreis des renommierten Prix Pantheon nominiert. Wenn ihr den beiden den Sieg gönnt, dann solltet ihr ihnen schleunigst hier im Internet eure Stimme schenken. Ob sie dessen auch würdig sind, könnt ihr beim Anschauen dieses Mitschnitts eruieren:

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