Geh doch nach Berlin (3)

Großes Abschiedssaufen in der Bar Holda. Ich verspreche, zur Feier des Tages sämtliche Kosten für Schnaps zu übernehmen – ein Angebot, das von meinen Freunden maßvoll angenommen wird (Endresultat: 80 Euro). Allgemeines Wehklagen, gemischt mit Warnungen vor Berlin: „Absolute Scheißstadt!“ Angeblich rieten auch alle Berliner davon ab, nach Berlin zu ziehen. Seltsam, da sie doch dort wohnen! „Diese Berliner Vor-Berlin-Warner kommen mir vor, wie Schiffbrüchige, die es ins Rettungsboot geschafft haben und nun mit dem Ruder nach Ertrinkenden schlagen, die auch an Bord zu kommen versuchen.“ (ich) – „Krank! Wieder ein typischer Bittner-Vergleich!“ (Leif Greinus)

Stefan kommt trotz großer Arbeitsüberlastung noch rum, Roman ebenfalls und lobt mich sogar unaufgefordert für meinen Aphorismus zur zeitgenössischen Lyrik:

„Gedichte, die nichts bedeuten, bedeuten auch niemandem etwas.“

Ich versuche gegen Ende des Abends, Max davon zu überzeugen, doch in ein Eigenheim nach Radebeul zu ziehen: „Kötzschenbroda, ein absolut geiles Szeneviertel!“ Ab Mitternacht dann mehr Lücken als Erinnerungen.

Nicht in bester Form am nächsten Tag Möbel zerlegt und Bücher in Kisten gepackt. Bei dieser Gelegenheit meine Einstellung zum E-Book überdacht. Nie und nimmermehr passt dieses ganze Zeug in zwei Transporter. Wir werden die Hälfte da lassen müssen. Verzweiflungsanfälle beim Lösen von unlösbaren Schrauben. Es wird alles schief gehen.

Literaturtipp: Roman Israel bei „Geschichten übern Gartenzaun“

Roman IsraelAm Mittwoch (28. März) kann man Roman Israel, den Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal und der Leipziger Lesebühne WEST, in der Reihe Geschichten übern Gartenzaun in Dresden erleben. Der Poetry Slam beginnt um 20 Uhr in der Groovestation. Mit dabei sind noch viele weitere tolle Kollegen wie beispielsweise Clara Nielsen, Erik Leichter, Manuela Kreuz und Billy Reuschel. Moderiert wird das Ganze wie immer von Kaddi Cutz.

Lektüreliste (1)

Als neue Rubrik in diesem Blog gibts ab sofort Michas Lektüreliste: Ich empfehle Bücher, die ich eben gefressen und noch nicht ganz verdaut habe mit ein paar unmaßgeblichen Bemerkungen. Los gehts:

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern (2002, überarbeitet 2008). Ein sehr guter Roman über verspätete Adoleszenz, hervorragende Saufszenen. Das letzte Kapitel ist besonders brillant: Aus der Sicht des Bruders wird die Ich-Perspektive des erzählenden Helden relativiert. So wie Lessing Goethe empfahl, doch noch ein zynisches Schlusskapitel zum Werther zu schreiben, um dessen selbstmitleidige Egomanie nicht für sich allein stehen zu lassen.

Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels (2007). Miteinander verknüpfte, aber sehr unterschiedliche Erzählungen über das Leben der Bohème, die eine beinahe magische Wirkung entfalten. Nur warum reale Personen aus der Berliner Literatenszene auftreten müssen, verstehe ich nicht.

Laurence Sterne: Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick (1768). Der Übersetzer Michael Walter hatte schon den Tristram Shandy neu ins Deutsche übertragen und damit ein Universum erschlossen. Das Reisebuch ist auch ein komischer Klassiker, aber ganz anders. Der Ursprung aller literarischen Reiseliteratur. Seltsamerweise wurde das Buch in Deutschland trotz seiner angenehm schlüpfrigen Ironie als Manifest der Gefühlsseligkeit gelesen. Die neue Ausgabe bei Galiani kaufen!

Jonathan Swift: Gullivers Reisen (1726). Wunderschön. Fast jede Szene der ersten zwei Teile bewirkt einen Wiedererkennungseffekt, denn man kennt sie aus Trickfilmen seiner Kindheit. Die Teile drei und vier werden in manchen Ausgaben weggelassen, weil man das Werk für ein Kinderbuch hält. Die Reclam-Ausgabe kaufen! Bei der Lektüre stellt man wieder mal fest, dass Konservative manchmal die besseren Kritiker der kapitalistischen Moderne sind. Nebenbei erfährt man, dass ein „Yahoo“ ein affenartiges Wesen ist, das von Bäumen scheißt.

Theodor Gottlieb von Hippel: Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber (1793). Eine echte Entdeckung! Ein Mann, noch dazu hoher preußischer Staatsbeamter, der für die politische Emanzipation der Frauen argumentierte! Hundert Jahre lang folgte ihm darin in Deutschland niemand, nicht einmal eine Frau. Dazu ein ausgesprochen witziger, lesbarer Stil. Aber die späte Aufklärung ist bei uns eben nachhaltig vergessen, dafür werden die deutschen Schüler und Studenten mit metaphysischem Quark von Hölderlin und Novalis gequält.

Literaturtipp: Daniel Hoth und Sarah Bosetti am Mittwoch in der Groovestation

Daniel Hoth + Sarah BosettiIn der Reihe „LivelyriX Poetry unlimited“ kann man am Mittwoch (21. März) die Kollegen Sarah Bosetti und Daniel Hoth ab 20 Uhr in der Groovestation erleben. Die Erzählerin und der Lyriker werden aus ihren Gegensätzen mit Sicherheit ein Feuerwerk entzünden. Zusammen nennen sie sich Team Mikrokosmos, lesen auch gemeinsam bei der Berliner Lesebühne Couchpoetos. Ihr Programm heißt „Wir haben Angst vor Euch“ und verspricht Gedichte und Geschichten über die Notwendigkeit unnützer Phobien, die Schönheit dicker Decken, den Marktwert geklauter Toupets und über einen ominösen Hamster. Karten kosten im Vorverkauf 5 Euro, an der Abendkasse 7 Euro.

Donnerstag: Lesebühne Grubenhund in Görlitz

Am Donnerstag (15. März) machen sich die zwei Royalisten Max Rademann und Michael Bittner wieder auf den Weg nach Görlitz, um gemeinsam mit Udo Tiffert als Lesebühne Grubenhund zu lesen. Wie immer gibts brandneue Geschichten, Gedichte und sonstige Versuche. Außerdem erwarten wir einen musikalischen Spezialgast: den Dresdner Songwriter Thomas Lautenknecht! Los gehts um 20 Uhr im Kino Camillo (Handwerk 13). Der Eintritt kostet 5 Euro.

Royalisten zur Leipziger Buchmesse

Wer in dieser Woche zur Leipziger Buchmesse fährt, der kann dort wie beim Festival „Leipzig liest“ einige der Autoren unserer Lesebühne Sax Royal bei verschiedenen Lesungen erleben. Als da wären:

  • Am Mittwoch (14. März) liest Julius Fischer wieder mit der Lesebühne “Schkeuditzer Kreuz. Los gehts um 20:30 Uhr in der Wärmehalle Süd.
  • Am Freitag (16. März) ist Michael Bittner mit vielen Kollegen beim LivelyriX Poetry Slam Spezial zur Leipziger Buchmesse mit dabei. Los gehts um 21 Uhr in der Distillery.
  • Am Sonnabend (17. März) gibts ein „Lesebühnen-Crossover“ in der Wärmehalle Süd. Mit dabei ab 20:30 Uhr ist auch Roman Israel.
  • Am Sonntag (18. März) liest Julius Fischer mit der Berliner Lesedüne zur Präsentation ihres Buches Über Wachen und Schlafen. Los gehts um 21 Uhr im UT Connewitz.

Zitat des Monats März

„Eine Frage, die ich echt total interessant finde: Warum haben Männer eigentlich auch Brustwarzen?“

Moritz Siegel

Donnerstag: Lesebühne Sax Royal in der Scheune

Sax RoyalDie fünf Autoren der Lesebühne Sax Royal laden wie immer am zweiten Donnerstag des Monats zur literarischen Leistungschau in die Scheune ein. Michael Bittner ist Spezialist für politische Satiren. Julius Fischer treibt in seinen philosophischen Alltagsbetrachtungen gerne die Kunst der Abschweifung auf die Spitze. Roman Israels Gedichte und Geschichten sezieren mit finsterem Witz die groteske Realität. Max Rademann zaubert aus dem Alltag des Lebenskünstlers wunderbar selbstironische Miniaturen. Und Stefan Seyfarth klaubt mitreißende Lyrik frisch vom Asphalt der Großstadt. Wie immer dürfen sich die Fans außerdem auf eine besondere Zugabe freuen. Diesmal stellt Roman Israel sein neuestes Projekt, ein Bändchen mit heiteren Geschichten vor.

Sax Royal – Dresdner Lesebühne | 08. März | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune | VVK 5 Euro AK 7 Euro, erm. 5 Euro

Geh doch nach Berlin (2)

Wohnung 1: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: 1; positiv: Hundefriseursalon im Erdgeschoss mit Vorher-Nachher-Fotos im Schaufenster; negativ: Kameraüberwachung im Hauseingang, Nachbar hat angefangenen Bierkasten vor seine Wohnungstür gestellt

Wohnung 2: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: aktuelle Mieter wollen umziehen, um mehr Platz für ihre vier Katzen zu haben; negativ: Platte, Erdgeschoss

Wohnung 3: Pankow; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: Stadion des FSV Fortuna Pankow 46 gegenüber kostenfrei einsehbar; negativ: „Wenn Sie die Wohnung haben wollen, müssen Sie sofort in unser Büro nach Lichtenberg fahren. Ich will Sie nicht unter Druck setzen, ich sage Ihnen bloß, wie es ist.“

Wohnung 4: Neukölln; Besichtigungskonkurrenten: 1; positiv: Maklerin lästert über schlechte Makler; negativ: Lichtjahre (=15 Minuten) zur nächsten S- oder U-Bahn-Station

Wohnung 5: Pankow; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: Backsteinhäuschen von 1850, direkt neben Friedhof = niedrige Überführungskosten im Sterbefall; negativ: jwd, Friedhofsruhe auch im ganzen Viertel, NPD-Aufkleber an der Laterne vorm Haus

Wohnung 6: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: benachbartes Gymnasium besitzt Sicherheitsdienst, ruhiges Hinterhaus; negativ: 55 m², Schließung des Flughafens Tegel steht hörbar noch aus

Wohnung 7: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: ca. 30; positiv: schöne Wohnung; negativ: WG-geeignet

Wohnung 8: Friedrichshain; Besichtigungskonkurrenten: 3; positiv: Friedrichshain; negativ: Dielen, die „man bloß mal abschleifen müsste“; S-Bahn im Minutentakt vorm Fenster

Wohnung 9: Friedrichshain; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: schöne Wohnung in perfekter Lage; negativ: nix

Mit der Maklerin ins Büro und Mietvertrag unterschrieben. Dann noch zwei Euro beim Bärenzwinger im Köllnischen Park für Maxi (25) und Schnute (30) gespendet.

LivelyriX Poetry Slam am 1. März in der Scheune

Wieder am ersten Donnerstag des Monats geht der LivelyriX Poetry Slam über die Bühne der Scheune. Fünf einheimische Poeten messen ihre dichterischen Kräfte mit fünf handverlesenen Gastautoren aus dem deutschsprachigen Raum. Mit dabei sind unter anderen der Berliner Performance-Poet Daniel Hoth, der komische Erzähler Silvester Klement, die vielversprechende Newcomerin Linn Penelope Micklitz aus Leipzig, die Slammerin Sarah Bosetti (Foto) aus Berlin und Udo Tiffert, die ebenso witzige wie poetische Stimme der Lausitz. Über den Sieger des Abends entscheiden wieder allein die Zuschauer. Es moderieren Michael Bittner und Stefan Seyfarth.

LivelyriX Poetry Slam | 01. März | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune | VVK 6 Euro AK 8 Euro

Karten im Vorverkauf gibts bei den bekannten Vorverkaufsstellen, an den Bars der Scheune und auf dem Campus im Copy-Shop “DieKopie24″ (George-Bähr-Straße 8).

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