Literaturtipp: LivelyriX Poetry Slam am Donnerstag in der Scheune

Volker Strübing

Wieder am ersten Donnerstag des Monats geht der LivelyriX Poetry Slam über die Bühne der Scheune. Fünf einheimische Poeten messen ihre dichterischen Kräfte mit fünf handverlesenen Gastautoren aus dem deutschsprachigen Raum. Mit dabei sind unter anderen der Gewinner des “Grand Slam of Saxony” 2011 Till Reiners aus Berlin, die wunderbare Leipziger Erzählerin Franziska Wilhelm von der Lesebühne “Schkeuditzer Kreuz”, der Erfolgsautor, Filmemacher und Poetry-Slam-Champion des Jahres 2005 Volker Strübing (Foto) aus Berlin, der Lausitzer Poet und Erzähler Udo Tiffert von der Görlitzer Lesebühne „Grubenhund“ und der Wortakrobat Dominik Bartels aus Helmstedt. Am Ende klatschen wie immer die Zuschauer einen Poeten auf den Thron. Es moderieren Michael Bittner und Stefan Seyfarth.

LivelyriX Poetry Slam | 3. Mai | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune | VVK 6 Euro AK 8 Euro

Karten im Vorverkauf gibts bei den bekannten Vorverkaufsstellen, an den Bars der Scheune und auf dem Campus beim Copy-Shop “Die Kopie 24″.

Lesetipp: Hitch-22 von Christopher Hitchens

Überraschend starb jüngst Christopher Hitchens, einer der renommiertesten Journalisten des englischen Sprachraums. Während er, ohne es zu ahnen, bereits unheilbar an Krebs erkrankt war, schrieb er seine Memoiren, die inzwischen unter dem Titel Hitch-22 (deutsch als: The Hitch) erschienen sind. In Großbritannien und den USA war Hitchens eine Berühmtheit. Das verdankte er nicht zuletzt seinen Fernsehauftritten. In Diskussionen gelang es Hitchens mit rhetorischer Brillanz, politische Gegner auf demütigende Weise buchstäblich zu zerlegen. Wer sich Ausschnitte solcher Sendungen im Netz anschaut, wird die Selbstverliebtheit des gebürtigen Briten, der später die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, wohl zunächst eher unsympathisch finden. Doch seine außergewöhnliche Intelligenz, Welterfahrung und literarische Bildung gaben ihm allen Grund zur Eitelkeit, die zudem durch eine andere Eigenschaft ausgeglichen wurde, die wenigstens in Deutschland öffentlichen Personen meist abgeht: die Fähigkeit zur Selbstironie.

Über Jahrzehnte führte Christopher Hitchens ein Doppelleben: Zum einen reiste er als Reporter um die Welt und schrieb als Essayist auch über kulturelle Themen. Andererseits engagierte er sich seit seiner Jugend in diversen sozialistischen Gruppierungen. In der Tradition von Trotzki und Rosa Luxemburg sah er sich selbst als Teil jener „Revolution in der Revolution“, die nicht nur den Kapitalismus, sondern auch autoritäre und nationalistische Tendenzen innerhalb der kommunistischen Bewegung bekämpfte. Größere politische Bedeutung erlangte er jedoch erst durch seinen Bruch mit der traditionellen Linken, den er selbst freilich als Konsequenz verstand. Anlass waren die Terroranschläge von 2001 und der anschließende Krieg gegen den Irak, den Hitchens – wie damals auch ein kleiner Teil der deutschen Linken – als Kampf gegen einen faschistischen Diktator begrüßte. Den weltweiten militanten Islamismus entschuldigte er nicht wie viele seiner früheren Weggefährten als Hilferuf einer angeblich durch amerikanisch-israelischen Imperialismus unterjochten arabischen Welt. Er nannte ihn vielmehr „Faschismus mit islamischem Antlitz“. Seine alten Freunde und neuen Feinde zählten ihn daher bald mit fragwürdigem Recht zu den „Neokonservativen“. Tatsächlich verwandelte sich Hitchens aber vom Häretiker der Linken keineswegs zum rechten Konvertiten. Seinen persönlichen Eigensinn stellte er immer wieder durch überraschende polemische Angriffe in alle Richtungen unter Beweis, so etwa gegen Henry Kissinger, Mutter Teresa (!) und Bill Clinton.

In Deutschland bekannt wurde Hitchens erst vor einigen Jahren durch die Übersetzung seines Buches god is not Great, in dem er weniger aus wissenschaftlicher als politischer und ästhetischer Perspektive mit der Religion abrechnete. Nicht zuletzt seinetwegen sprach Der Spiegel damals von einem vermeintlichen „Kreuzzug der neuen Atheisten“. Hitchens selbst bezeichnete sich selbst gerne als „Anti-Theist“, um klarzustellen, dass er nicht nur an keinen Gott glauben könne, sondern auch nicht wolle. Die ununterbrochene Beaufsichtigung durch ein allwissendes und allmächtiges Wesen erschien ihm als totalitäre Zumutung, als „himmlisches Nordkorea“. Bisweilen musste man den Eindruck gewinnen, mit der Aggressivität seiner Religionskritik kompensiere er politische Enttäuschungen. Sah Marx in der Kritik der Religion nur den Anfang aller Kritik, so kehrte Hitchens am Ende der sozialistischen Hoffnungen zu ihr zurück und bürdete dem Glauben wohl allzu viel Schuld am Übel der Welt auf.

Der deutsche Leser, der Autobiografien im Stil von Bildungsromanen gewohnt ist, wird sich bei der Lektüre umstellen müssen: Hitchens‘ Memoiren erzählen vom seinem Leben und den Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen nur exemplarisch und bruchstückhaft. Das kommt der literarischen Stärke des Autors entgegen, die in der pointierten Kurzform der Anekdote liegt. Gelegentliche Längen und überflüssiges Namedropping gibt es allerdings auch. Doch dann ebenso wieder berührende und beinahe poetische Kapitel, so über die Geschichte seiner Eltern oder die späte Entdeckung der eigenen jüdischen Herkunft. Unterhaltsam ist das Buch jedenfalls so wie Hitchens Leben ereignisreich und abenteuerlich war: Wer sonst könnte zum Beispiel von sich behaupten, von Margaret Thatcher den Hintern versohlt bekommen zu haben oder dabei gewesen zu sein, als Bill Clinton einen Joint rauchte (aber nicht inhalierte)?

Noch ein Hinweis zum Schluss: Die Lektüre der englischen Fassung empfiehlt sich nur für Menschen, die im Besitz des Concise Oxford Dictionary sind.

Christopher Hitchens: Hitch-22. A memoir. Atlantic, Paperback Edition [mit neuem Vorwort] 2011.
Christopher Hitchens: The Hitch. Geständnisse eines Unbeugsamen. Blessing, 2011.

Zitat des Monats April

„Echt scheiße finde ich, dass es keine unendlichen Bücher gibt.“

ein Kind am benachbarten Kneipentisch in Berlin-Friedrichshain

Literaturtipp: Tilman Birr am Mittwoch in der Groovestation

Tilman Birr (Foto: Sarah Bosetti)

Tilman Birr ist Poetry Slammer, Lesebühnenmensch, Liedchensinger und hat ein Buch geschrieben. Es heißt “On se left you see se Siegessäule” und behandelt seinen liebsten Nebenjob: Tilman war mal Stadtführer in Berlin. Einen Sommer lang hat er auf einem Ausflugsschiff auf der Spree gesessen und hat den Touristen erklärt, was sie am Ufer sehen. Da war alles bei: Bayern, die nicht deutsch sprechen, Berliner Stadtführer, die Touristen nicht mögen, und Touristen, die seltsame Fragen stellen: Warum hat Hitler die Mauer gebaut? War Berlin wirklich die Hauptstadt Russlands? Wieso wurde eine Brücke nach Martin Semmelrogge benannt? Aber Tilman löste auch das große Rätsel der touristischen Binnenschifffahrt: Warum winken die Touristen vom Schiff? Tilman Birr liest aus dem Buch und hat seine Gitarre dabei, mit der er neue Lieder spielt.

Aus meiner Fanpost (3)

Zu Herrn Bittners Kübel Unflat, den er über diesen Schriftsteller ausgoss, dessen wortgewaltiges Werk er nach eigenen Worten nicht gelesen hat. Doppelpunkt.

Da rüttelt eine kleine Maus, ein bezahlter Schreiberling, in Geschichte unerfahren und fremdbestimmt, 32 Jahre alt, am Stuhlbein des Thrones eines gekrönten Dichterfürsten und glaubt, seine drei bezahlten Kotmurmeln daran zu befestigen.

Da verunglimpft ein kleiner Literat einen alten Mann, der am Ende seines Lebensweges mit der Erfahrung aus drei deutschen Reichen, von denen das letzte im Begriff ist zu sterben, versucht ein Tabu der Öffentlichen Meinung zu brechen. Und steuert zur allgemeinen Kakophonie der Jasager und Abnicker der Political Correctness auch noch ein Tönlein bei. Wir aufmerksamen Leser brauchen das nicht! Wir brauchen auch keine geborgten Meinungen!

Wie ist es mit der Orientierungsfunktion von Herrn Bittner? Er spart nicht mit kleinlichen Beschimpfungen und Beleidigungen gegen Günter Grass wie „alter Zausel“, „notorischer Querulant“, „alter Knacker“, „Nervensäge“, „Maulheld“ und benennt seine Einlassung „fantasieloses Allerweltsgenöle“. Sein Versuch, das Pamphlet von Grass als Literatur zu kritisieren, scheitert kläglich, muss misslingen, weil alle wissen, dass dieses Gedicht keine Literatur sein soll, dass es weder auf die recht unglückliche Verpackung noch auf die fehlenden Reime darin ankommt, sondern einzig auf die Aussage, auf den Inhalt. Und diese Mahnung an den verbalen iranischen und den hochgerüsteten israelischen Aggressor steht im Raum wie eine Warnung vor unkalkulierbarem Krieg. Was meint denn Herr Bittner dazu? Oder hat er neben Literaturunkenntnis keine eigene Meinung oder darf sie nicht äußern und ist bloß wie ein abgerichteter Hofhund auf den deutsch-israelischen Seelenfrieden störenden Grass bellend losgelassen worden?

Das musste auch gesagt werden. Leider dürfen Sie das nicht veröffentlichen. Schade.

In großer Sorge um den Frieden im Nahen und Mittleren Osten

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Donnerstag: Lesebühne Sax Royal in der Scheune mit Gastautorin Franziska Wilhelm

Die Autoren der Dresdner Lesebühne Sax Royal haben wieder einen Monat lang nach den komischen Momenten des Alltags gejagt, nach philosophischen Weisheiten gefischt und prominente Opfer erlegt. Ihre Ausbeute präsentieren sie dem geneigten Publikum wie immer am zweiten Donnerstag des Monats in der Scheune in Form eines literarischen Reigens. Diesmal auf der Couch und am Mikrofon sind die Stammautoren Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann, StefanFranziska Wilhelm Seyfarth und ein ganz besonderer literarischer Gast: Die junge Autorin Franziska Wilhelm aus Leipzig, Mitglied der dortigen Lesebühne “Schkeuditzer Kreuz”, wird nach Dresden kommen und hat garantiert einige ihrer grostesken Geschichten mit im Gepäck.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 12. April | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune | VVK 5 Euro AK 5 Euro erm. / 7 Euro

André Herrmann und Michael Bittner beim Voland & Quist Literatursalon in Dresden, Leipzig und Chemnitz

Sie lesen in fliegendem Wechsel eine Auswahl ihrer komischsten Geschichten, beißendsten Satiren und abstrusesten Weltbetrachtungen. Wie schon in Weltstädten wie Ilmenau geschehen, wollen die Autoren Michael Bittner (Foto, links) und André Herrmann (Foto, rechts) nun auch in Dresden, Leipzig und Chemnitz Herzen des Publikums erobern. Kurz nach dem Osterfest läd der Leipziger und Dresdner Verlag Voland & Quist die beiden Autoren in seinen Literatursalon. Das wird gut.

11. April, 20 Uhr: Thalia Kino, Dresden
12. April, 20 Uhr: Horns Erben, Leipzig
14. April, 20 Uhr: Das Tietz, Chemnitz

Michael Bittner wurde 1980 als Sohn der Arbeiterklasse in Görlitz geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie an der TU Dresden. Er lebt als Literaturwissenschaftler und Autor in Berlin. Er ist Co-Moderator des livelyriX Poetry Slams und Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal. Seit 2010 liest er auch bei der neuen Görlitzer Lesebühne GRubenhund. Seit Januar 2009 schreibt er wöchentlich eine literarische Kolumne für das Magazin der Sächsischen Zeitung.

André Herrmann wurde geboren, wuchs auf und ist die meiste Zeit seines Lebens jung. Er studiert Politikwissenschaft, ist Mitorganisator des livelyriX Poetry Slam und lebt in Leipzig. Seit April 2008 liest er monatlich bei der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz. Als Teil des legendären Team Totale Zerstörung gewann er mit seinem Partner Julius Fischer 2011 in Hamburg die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam.

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