Thomas Lautenknecht: Barock-Song

Der Liedermacher Thomas Lautenknecht vom Duo Oh alter Knaben Herrlichkeit, der bei unserer letzten Lesebühne unser Gast war, erinnerte mich vor einer Weile daran, dass ich in jüngeren Jahren auch manchmal die Verwegenheit besaß, Gedichte schreiben zu wollen. Er entdeckte in einer verstaubten Nummer einer Literaturzeitschrift mein Spaßsonett Barock-Song und entschloss sich, das Gedicht der verdienten Vergessenheit zu entreißen. Dies tat er, indem er den Text wie so viele Gedichte zuvor schon auf wunderbare Weise zum Lied machte. Die schöne Instrumentierung rechtfertigt es also, wenn ich hier einen Mitschnitt vom Kabaretttreffen in Cottbus mit der Welt teile:

 

Micha’s Lebenshilfe (26)

Wenn man auf einer Freiluftparty eine durch Sonneneinstrahlung stark erwärmte Flasche Sternburg Export von unbekannter Herkunft öffnet, sollte man unbedingt darauf achten, dabei mit der Mündung nicht auf das eigene Gesicht zu zielen, da durch ein solches Verhalten die Gefahr entsteht, sich selbst eine unfreiwillige Bierdusche zu verabreichen und mithin auf der mentalen Wertskala der anderen Gäste um einige Rangstufen von „Unbekannter“ auf „unbekannter Volltrottel“ abzurutschen.

Briefe aus Berlin (1)

Ein gebräuchlicher Kalenderspruch behauptet, man lerne erst in der Fremde die Vorzüge der Heimat richtig zu schätzen. Ich stelle aber zunächst fest, dass ich in der Fremde die Vorzüge der Fremde zu schätzen lerne und mir die Mängel der Heimat noch deutlicher bewusst werden. Es sind dabei die kleinen Dinge, die mich zur Zeit als Berlin-Anfänger bezaubern.

Welch Freude ist es zum Beispiel, den Senderdurchlauf des Radios zu betätigen und eine Frequenz nach der anderen zu finden, der man gerne lauschen mag. Was Berlinern selbstverständlich sein wird, erscheint mir als Erlösung: nimmermehr dem von schlimmsten Funklöchern betriebenen, absolut niveau-, fantasie- und geschmacklosen Mitteldeutschen Rundfunk begegnen zu müssen.

Was für ein befreiendes Gefühl auch, in einer Stadt zu leben, in der auch Nicht-Arier zu Hause sind! In der Dresdner Altstadt zog jeder dunkelhäutige Mann, jede Frau mit Kopftuch die Blicke auf sich wie ein dreischwänziger Besucher von einem anderen Stern. Hier tummeln sich alle Formen und Farben munter durcheinander. Um nicht ins Idealisieren zu geraten, sei aber auch erwähnt, dass man auch öfter als in Dresden Alltagsnazis zu Gesicht bekommt. Aber Kontraste aller Art erfreuen mir das Auge, solange keine Faust darin landet.

Zitat des Monats Mai

Der Melancholiker und der Sanguiniker spät nachts am Tresen im Gespräch.

Der Melancholiker: „Hast du nicht auch manchmal das Gefühl, dass du dein Leben verschwendest?“

Der Sanguiniker: „Nein, nie.“

Literaturtipp: Till Reiners am Mittwoch in der Groovestation

Till Reiners

Till Reiners, Jahrgang 1985, tritt seit drei Jahren bei Poetry Slams auf. Umwege über Geldern, Trier und Studium ließen Till Reiners in Berlin finden, was er wirklich mag: die Bühne. Und die Bühne mag ihn: 2010 war er Finalist der deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam und darf sich Berliner Stadtmeister 2011 schimpfen. Im Jahr 2011 gewann er auch den “Grand Slam of Saxony” in Dresden. Und wer ihn schon einmal auf der Bühne gesehen hat, weiß: Schimpfen kann er. Er bezieht Position zu Dingen, über die sich andere keine Gedanken machen. Wenn er wortgewaltig gegen Kinderriegel, Zukunftsverweigerer und Opportunisten wettert, weiß man manchmal nicht, ob das noch Satire oder schon bitterer Ernst ist – oder einfach nur totaler Blödsinn. Dabei zeigt er auch immer wieder Herz und Gefühl für die Schwachen unserer Gesellschaft – zum Beispiel Schweinehack.

In der Groovestation präsentiert er sein brandneues Programm „Da bleibt uns nur die Wut“: „Die Welt wird immer komplexer“, „Manchmal hat man einfach Kopfkino“, „Manche von denen können ja wirklich ganz gut singen“ – es funktioniert ja. Diese Sätze, mit denen man sich so durchschlägt. Till Reiners zerstört diese Sätze und macht aus vermeintlichen Gewissheiten wieder Fragen. Dazu schlüpft er in verschiedene Rollen und entlarvt so die Boshaftigkeit von Banalitäten. Wie ist das eigentlich, wenn man einen Bionade-Nazi mit sich und seinen Gewissheiten alleine lässt? Und wenn er das Publikum gegen sich aufbringt? Till Reiners probiert es aus und spielt abwechselnd den Bionade-Nazi, den Rentner, den Streber, den Paranoid gewordenen Islam-Hasser und lädt das Ganze mit Wut auf. Es geht um Politik und was das eigentlich ist und nicht um Guido Westerwelle. Es geht darum, anzustacheln, selbst denken zu wollen.

LivelyriX Poetry unlimited: Till Reiners | 16. Mai | Mittwoch | 20 Uhr | Groovestation | VVK 5 Euro AK 7 Euro

Momente, in denen man töten möchte (1)

Eine Frau mit einem Kinderwagen, in dem ein Säugling schläft, steigt in die Straßenbahn. Ein fetter, rotgesichtiger Sachse sitzt auf einem Klappsitz im Weg.

„Wären Sie so nett und würden mir Platz machen?“

„Das is keen Kinderplatz hier, Kinderplatz is dort hinten bei der andern Tür!“

„Aber wären Sie so lieb und würden trotzdem aufstehen?“

„Aber hier is keen Kinderplatz! Kinderplatz is hinten!“

Der fette, rotgesichtige Sachse erhebt sich schnaufend und setzt sich fluchend zwei Sitzreihen weiter nach hinten. Ich lasse die Faust in der Tasche.

Donnerstag: Die Lesebühne Sax Royal in der Scheune mit Gast Thomas Lautenknecht

Auch im Wonnemonat Mai präsentiert die Dresdner Lesebühne Sax Royal wieder neue Geschichten, Gedichte und Lieder. Wie immer findet ganz Persönliches Platz neben Politischem, der Humor kommt nicht zu kurz, aber geht gelegentlich Hand in Hand mit dem bittersten Ernst. Thomas LautenknechtEs lesen in fliegendem Wechsel die Stammautoren Julius Fischer, Max Rademann, Stefan Seyfarth und Michael Bittner. Anstelle des abwesenden Roman Israel wird als besonderer musikalischer Gast Thomas Lautenknecht erwartet, der Dresdner Gitarrist und Sänger der Band “Oh alter Knaben Herrlichkeit”, der nicht zuletzt für zauberhafte Vertonungen von Gedichten bekannt ist.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 10. Mai | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune | VVK 5 Euro AK 5 Euro erm. / 7 Euro

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