Briefe aus Berlin (3): Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst

Zufällig entdeckte ich in einer Zeitschrift den Hinweis auf eine Veranstaltung: „Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst.“ Ich strich mir den Tag rot im Kalender an. Durs Grünbein, der hochdekorierte Großdichter aus Dresden gemeinsam auf einer Bühne mit Jonathan Meese, dem berüchtigten Kunstprovokateur? Das wollte ich mir gerne ansehen.

Der große Saal des Hauses der Berliner Festspiele ist nur spärlich gefüllt, als ich in einen der gepolsterten Sessel sinke. Ein Manifest von Meese und ein Gedicht von Grünbein werden an die Bühnenwand geworfen. In beiden geht es um die Kunst, das Manifest ist stumpf und klar, das Gedicht rätselhaft und fragil. Die zwei Protagonisten betreten den Saal, freundlicher Applaus. Grünbein eröffnet die Pressekonferenz, er zappelt auf seinem Stuhl wie ein Schuljunge und verknotet immer wieder seine dünnen Beine unter dem Tisch. Jonathan Meese trägt eine schwarze Lederjacke, langes schwarzes Haar und verschiedene schwarze Sonnenbrillen, die er in kurzen Abständen wechselt. Er müsse viel leiden für seinen Einsatz für die Diktatur der Kunst, sagt Meese. Er sei auch einsam, denn er habe ja kaum Anhänger. Vor Jahren seien es drei gewesen, heute nur noch zwei. Niemand wolle ihm auf seinem Weg folgen. Und dann verliert Meese sich in eine Vision: Er ist auf einem Schiff unterwegs, einem Schiff der Kunst. Und von den Inseln locken ihn die Stimmen der Sirenen von Politik und Religion. Alle Freunde gehen einer nach dem anderen von Bord, er allein bleibt auf Kurs und der Kunst absolut treu.

Grünbein sagt, er habe noch nicht alles verstanden und stellt Nachfragen. Vor sich auf dem Tisch hat er Notizzettel ausgebreitet, offenbar hat er sich auf eine gemütliche Podiumsdiskussion vorbereitet. Aber Meese achtet nicht weiter auf die Fragen, sondern bricht gleich wieder in eine Predigt aus. Nach wenigen Sätzen schlägt seine etwas quäkige Stimme in Geschrei um. Es klingt, als versuchte Kermit der Frosch sich an einer Imitation von Adolf Hitler. „Der Kunst darf man sich nicht in den Weg stellen!“, brüllt er. „Die Diktatur der Kunst richtet sich gegen die Weltdiktatur der Demokratie! Alle Macht muss von der Kunst ausgehen, nicht vom Volk!“ Und dann zählt er auf, womit Kunst nichts zu tun haben dürfe: mit Politik, mit Religion, aber auch mit Individualität und Kreativität und Freiheit. Alle Parteien seien gleich scheiße, alle Religionen gleich überflüssig. „Bei den Tieren funktioniert es doch auch ohne! Tiere haben keinen Gott, Tiere gehen auch nicht wählen! Sie folgen ihrem Instinkt! Sie sind die wahren Künstler! So müssen wir auch der Kunst gehorchen! Die Kunst gibt Befehle und wir haben zu dienen! Niemand darf mehr wählen gehen, niemand darf mehr beten oder beichten! Das verbietet sich von selbst! Die Kunst ist versachlichte Führung! Das ist die neue Gesellschaftsordnung, die wir brauchen! Das ist doch geil! Das ist doch Wahnsinn! Ich verstehe nicht, warum das nicht alle so geil finden wie ich!“

Es gibt vereinzelte Klatscher im Publikum und vereinzelte Zwischenrufe, aber keine Empörung. Nur einige ältere Herrschaften verlassen den Saal – wahrscheinlich, weil ihr Held Durs Grünbein kaum zu Wort kommt. Der erzählt unterdessen eine Anekdote: Lady Gaga habe sich ein Zitat von Rilke auf den Arm tätowieren lassen, in dem es auch um den absoluten Anspruch der Kunst geht. Aber Meese ist überfordert damit, ein gewöhnliches Gespräch zu führen. Oder er hat keine Lust dazu. Eine junge Frau beschwert sich, dass Meese auf eine E-Mail nicht geantwortet habe. „Das muss ich auch nicht! Du sollst nichts fragen, du sollst strammstehen!“ Der Saal lacht. Dieser Meese hat auch einen unwiderstehlichen Lausbubencharme, der so gar nicht zum Diktator der Kunst passen will. Ist das vielleicht alles nur Spaß? Man weiß es nicht.

Entweder Meese ist die höchste Konsequenz der Avantgarde oder ihre Karikatur. Die Kunst ist ihm das Absolute, sie soll autonom sein und nur ihr eigner Zweck. Aber gleichzeitig soll an der absoluten Kunst auch die Welt genesen, die Realität soll Kunst werden. „Ich will, dass die ganze Welt eine Bühne wird“, sagt Meese. „Wenn heute diese Bühne, auf der wir sitzen, sich nur um fünf Zentimeter ausweitet, haben wir schon viel erreicht.“ Aber für Meese ist die Kunst nichts als die bewusstlose Ordnung der Natur, also liefe so eine Diktatur der Kunst auf die Abschaffung der Zivilisation hinaus. Was Meese sagt, ist so absurd, dass man es nicht ernst nehmen kann. Aber er sagt es mit einem Ernst, der keine Zweifel zulassen will. Meese nimmt einen Standpunkt ein, der so radikal ist, dass er nicht weniger als alles verwerfen kann. Und zugleich spielt er seine Rolle so naiv, dass ihm mit keinem vernünftigen Argument beizukommen ist.

„Es geht auch nicht um mich“, sagt Meese. „Ich habe keine eigene Kunst, ich diene der Kunst. In der Kunst etwas zu können, ist abträglich. Es gibt Leute, die sagen, ich könne gar nicht malen. Natürlich nicht! Warum auch?“ – „Sie sind aber auch arrogant!“, ruft eine Frau aus dem Publikum. „Nein, das kommt Ihnen nur so vor!“, ruft Meese zurück. „Ich muss hier ja auch meine Rolle spielen, damit mir überhaupt jemand zuhört.“ Grünbein will wissen, warum Meese sich denn zur Kunst berufen fühle. „Weil es so leicht ist!“, sagt Meese. „Es ist Instinkt. Malen ist wie Scheißen! Natürlich und notwendig.“

„Ich hab noch ein Geschenk für dich mitgebracht, Urs!“, sagt Meese irgendwann. „Ich meine: Durs – Urs, Durs, Schnurs, egal.“ Meese öffnet seine Tasche und holt zwei kleine Plüschtiere heraus, eine Grille und eine Mücke, die auf Knopfdruck Geräusche von sich geben. „So, und jetzt lese ich noch mein Manifest!“ – „Wollen wir das nicht vielleicht weglassen?“, fragt der sichtlich erschöpfte Grünbein zur Erleichterung des Publikums. „Nein, ich lese das jetzt!“, lehnt Meese ab. „Sie können ja gehen, wenn Sie wollen. Ich lese das ja nicht für Sie, sondern für die Kunst!“ Und so liest er sein Manifest, jeden Punkt mit sadistischer Lust an der Qual mehrfach wiederholend. Traubenweise verlassen Zuschauer den Saal. Als das verbliebene Publikum endlich mit einem stürmischen Schlussapplaus das Ende einfordert, hält Meese noch einmal die Plüschmücke ans Mikrofon und lässt sie summen: „Ist das nicht wahre Kunst?“

Eine kürzere Fassung dieses Berichts erschien bereits in der Sächsischen Zeitung. Der Autor dankt für die Möglichkeit zur Wiederveröffentlichung. Meine wöchentliche Kolumne in der Sächsischen Zeitung kann man immer am Sonnabend im „Magazin“ lesen.

Trailer für „Literatur Jetzt!“ 2012

Der wunderbare Gestalter Tim Jockel hat einen Trailer für unser Festival „Literatur Jetzt!“ 2012 gebastelt. Schaut ihn an und dann macht es wie Jesus mit dem Brote: Teilet!

The Fuck Hornisschen Orchestra: Die neue Platte Hoffnung 3000 ist da!

The Fuck Hornisschen Orchestra Hoffung 3000Freunde der komischen Band The Fuck Hornisschen Orchestra dürfen sich freuen: Julius Fischer von unserer Lesebühne Sax Royal und sein kongenialer Kollege Christian Meyer haben sich im Studio verbarrikadiert und dort eine neue CD mit dem Titel Hoffnung 3000 aufgenommen. Die Platte präsentiert die beiden mit Hang zu elektronischen Klängen und spacigen Weltraumtrips. Zuhören gibt es aber auch den generationskritischen Hit Teenager, die Power-Ballade Lago di Lugano und viele weitere Perlen. Erhältlich im Handel oder direkt beim Verlag Voland & Quist. Am 27. September stellen die beiden ihr Album in Dresden in der Schauburg vor.

„Literatur Jetzt!“ 2012 – „Festival zeitgenössischer Literatur“ vom 17. bis 21. Oktober

Auch in diesem Jahr veranstaltet unser LivelyriX e.V. wieder in Zusammenarbeit mit vielen Partnern „Literatur Jetzt!“, das „Festival zeitgenössischer Literatur“ in Dresden. Vom 17. bis 21. Oktober gibt es einen Tag der unabhängigen Verlage, eine Nacht der Lesebühnen, einen LivelyriX Poetry Slam Spezial und vieles mehr. Mit dabei sind so unterschiedliche und wunderbare Autoren wie Jaroslav Rudis, Peter Kurzeck, Marcel Beyer, Jacinta Nandi, Julian Heun, Jan Off, Uli Hannemann, Max Rademann u.v.m. Bitte weitersagen!

Hier eine erste Terminübersicht – nähere Informationen gibts auf der Homepage von „Literatur Jetzt!“ auf den Seiten “Programm” und “Autoren“.

LivelyriX Poetry unlimited: Nacht der Lesebühnen (mit Uli Hannemann, Jacinta Nandi, Maik Martschinkowsky und Max Rademann) | 17. Oktober | Mittwoch | 20 Uhr | Groove Station

Voland & Quists Literatursalon – Jaroslav Rudiš | 17. Oktober | Mittwoch | 20:30 Uhr | Kino Thalia

LivelyriX Poetry! Poetry Slam – Spezial (mit Julian Heun, Dalibor Markovic, Svenja Gräfen, Daniel Hoth, Stefan Seyfarth und Jan Koch) | 18. Oktober | Donnerstag | 20 Uhr | scheune

Literarische Alphabete: Peter Kurzeck (Lesung und Gespräch) | 18. Oktober | Donnerstag | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum

Marcel Beyer im Dialog mit dem Fotografen Werner Lieberknecht. Moderation Hans-Peter Lühr. Schwellenbewusstsein und Grenzüberschreitungen | 19. Oktober | Freitag | 20 Uhr | geh8 – Kunstraum und Ateliers

Independents’ Day – Die Nacht der Unabhängigen Verlage | 20. Oktober | Samstag | ab 16 Uhr Messe & Café. 18 Uhr Podiumsdiskussion der Unabhängigen Verleger. 20:00 Uhr Frisch & Neu: Lesungen der Autoren (u.a. Jan Off, Felicia Zeller, Norbert Lange, Nancy Hünger) | geh8 – Kunstraum und Ateliers

Das Schreiben und das Schweigen: Die Schriftstellerin Friederike Mayröcker (Film) | 21. Oktober | Sonntag | 18 Uhr | Kino Thalia

Kulturtipp: Max Rademann spielt am Mittwoch bei den „Geschichten übern Gartenzaun“

Max RademannAm Mittwoch (26. September) geht in Dresden unter dem Titel „Geschichten übern Gartenzaun“ wieder der Poetry Slam in der Groove Station über die Bühne. Diesmal werden die Poeten beim „Impro-Spezial“ auch spontan Texte nach Vorschlägen des Publikums fabrizieren. Mit dabei sind Till Reiners (Berlin), Kontantin Turra (Dresden), Henning Wenzel (Dresden) u.v.m. Moderiert wird das Ganze wie immer von der Dresdner Poetin Kaddi Cutz. Als besonderer musikalischer Gast spielt Max Rademann von unserer Lesebühne Sax Royal auf. Er wird nicht nur Songs von seinem Album Hey Hey Heiko Hey, sondern auch brandneue Lieder auf seiner elektrischen Orgel präsentieren. Los gehts um 20 Uhr.

Reise durch Polen (3)

Wir reisen weiter nach Lublin, der Metropole des Ostens. In der wunderschönen, noch halb verfallenen Altstadt finden wir ein Quartier. In die Fenster von leer stehenden Häusern haben Künstler alte Fotos von früheren Bewohnern geklebt. Wenn man durch die Gassen läuft, kann man ungefähr erahnen, was für eine faszinierende Vielvölkerstadt hier vor dem Krieg existiert haben muss. Vom jüdischen Viertel existieren in Lublin nicht einmal mehr die Häuser, denn die Deutschen haben sie während der Besatzungszeit planmäßig abgerissen. In dem kleinen Teatr NN, das seine Heimat in einem alten Stadttor hat, haben junge Polen eine Ausstellung über das ausgelöschte jüdische Leben eingerichtet und ein Archiv angelegt, in dem die Namen und Geschichten der Bewohner der vernichteten Viertel gesammelt werden.

Vor dem Krakauer Tor, durch das sich die Touristen und Einheimischen zum alten Marktplatz von Lublin drängeln, steht jeden Tag eine junge Frau. Sie hält einen Besenstiel in der Hand, an dessen Ende ein Pfeil aus Pappe befestigt ist. Darauf wird für den Sommerschlussverkauf eines Klamottenladens geworben, der keine zehn Meter entfernt ist. Bis zu 70% Rabatt werden auf dem Schild versprochen. Die junge Frau nutzt die Zeit ihrer nicht sehr anspruchsvollen Arbeit dazu, sich weiterzubilden. In der freien Hand hält sie ein Buch, in dem sie aufmerksam liest. Als ich aufmerksam hinschaue, sehe ich, dass es sich um eine Biografie von Adolf Hitler handelt. Was erzählt sie wohl abends ihren Eltern oder ihrem Freund? „Mein Gott, die Arbeit war heute wieder öde! Erst habe ich vier Stunden das Schild gehalten, dann eine Klappstulle gegessen und einen Kaffee getrunken und dann noch einmal vier Stunden das Schild gehalten. Naja, aber immerhin weiß ich jetzt, dass Adolf Hitler gerne Möhren gegessen hat.“

Die Sonne brennt unbarmherzig, während wir das ehemalige Konzentrationslager Majdanek besuchen. Schatten findet man nur in den finsteren Baracken, in denen auch die historischen Ausstellungen untergebracht sind. In einer Vitrine kann man Bücher aus der Bibliothek der SS anschauen, in denen die Männer der Wachmannschaft schmökerten, bevor sie am nächsten Tag wieder Menschen erschlugen, ersäuften, erschossen und verbrannten, um dann mit der Asche der toten Menschen ihren Gemüsegarten zu düngen. Zum Beispiel: Die jüdische Weltpest von Hermann Esser, einem Duzfreund Hitlers. Er arbeitete nach dem Krieg in leitender Position im Bayerischen Reisebüro. Im Juli 1980 gratulierte ihm der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) in seiner Eigenschaft als „Staatsminister a.D.“ offiziell zum 80. Geburtstag. Zum Beispiel: Lord Cohn. Die Verjudung der englischen Oberschicht von Ernst Clam alias Erich Czech. Nach frühen Bestsellern wie Hitler. Eine deutsche Erhebung veröffentlichte er nach dem Krieg Romane unter dem Namen Erich Galdiner. Zum Beispiel: Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes von Hans Friedrich Karl Günther, dem führenden Rasseforscher des Dritten Reiches und Vordenker von Euthanasie und Endlösung. Nach dem Krieg veröffentlichte er weiter, so etwa die Schrift Der Begabungsschwund in Europa, in der er vor einer zunehmenden Verdummung der Bevölkerung warnte, weil sich die sittlich Haltlosen unkontrolliert und die Begabten viel zu selten fortpflanzten. Der Untergang des Abendlandes könne nur durch eine überlegte Familienpolitik aufgehalten werden, die von den Tatsachen der Vererbung, Siebung, Auslese und Ausmerze ausgehen müsse.

Während wir in Majdanek unterwegs sind, werden auch mehrere israelische Schulklassen über das Gelände geführt. Zwischen den jüdischen Kindern hindurch drängle ich mich durch die ehemalige Gaskammer, um ins Freie zu kommen. Die Schüler werden nicht nur von Lehrern, sondern auch von Leibwächtern begleitet. An der letzten Station des Rundgangs, dem Mausoleum, halten sie gemeinsam eine Andacht ab und entrollen die Flagge Israels. Nicht weit entfernt befinden sich die Gräben, in denen am 3. November 1943 alle Juden des Lagers, die noch am Leben waren, erschossen wurden. Die Operation trug den Namen „Aktion Erntefest“.

In einem Schaukasten der historischen Ausstellung liegt eine englische Zeitung aus dem Jahr 1944 mit einem der ersten Berichte über das Konzentrationslager nach seiner Befreiung. Der letzte Satz des Artikels lautet: „This camp as it stands to-day, is a grim reminder of that streak of utter inhumanity which is found in every German.”

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Reise durch Polen (2)
Reise durch Polen (1)

Micha’s Lebenshilfe (28)

Wenn man Urlaubspostkarten verfasst, sollte man auf die sonst sympathische Exaltiertheit, mit einem Füllfederhalter zu schreiben, besser verzichten, da sonst in der Heimat möglicherweise nur rätselhafte Karten mit vollständig verblichener und unlesbarer Schrift ankommen, was dazu führen kann, dass sich betroffene Freunde auf unangenehme Weise in einen Film von David Lynch versetzt fühlen.

Literaturtipp: Volker Strübing am Mittwoch in der Groove Station

Volker StrübingUnser wunderbarer Kollege Volker Strübing präsentiert am Mittwoch (19. September) in der Reihe “LivelyriX Poetry unlimited” in der GrooveStation ein abendfüllendes Solo-Programm. Der Berliner Autor, Lieder- und Filmemacher kann dabei auf verschiedenste Talente zurückgreifen: Über viele Jahre las er bei den Berliner Lesebühnen “LSD – Liebe statt Drogen” sowie “Chaussee der Enthusiasten”. 2005 gewann er bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften den Einzelwettbewerb, 2006 und 2008 siegte er gemeinsam mit Micha Ebeling im Team-Wettbewerb. Sein Roman “Das Paradies am Rande der Stadt” ist im yedermann Verlag erschienen. Mit “Ein Ziegelstein für Dörte” erschien bei Voland & Quist eine Auswahl seiner Kurzgeschichten. Zusammen mit Kirsten Fuchs schrieb er das Buch zur 3sat-Doku “Nicht der Süden”. Im Jahr 2010 erschien mit “Mr. & Missis.Sippi” ein weiterer Reisebericht, der filmisch ebenfalls im Fernsehen zu sehen war. Im selben Jahr erschienen seine aus dem Netz bekannten Trickfilme rund um “Kloß & Spinne” erstmals auf DVD.

LivelyriX Poetry unlimited: Volker Strübing | 19. September | Mittwoch | 20 Uhr | Groove Station | VVK 5 Euro AK 7 Euro

Reise durch Polen (2)

Meinen Flirt mit dem Vegetarismus muss ich in Polen unterbrechen. Denn so gut wie jedes polnische Gericht enthält Fleisch, genauer gesagt: enthält Fleisch, das wiederum Fleisch enthält, welches mit Würsten gefüllt ist. Schmecken tut’s aber leider nur allzu gut. Rätselhaft bleiben mir die polnischen Kellnerinnen. Es scheint unmöglich, diesen herben Schönheiten auch nur ein mildes Lächeln zu entlocken. Nicht das geringste Zeichen von Freude, Anerkennung oder auch nur Mitleid zeigen sie, wenn man sich höflich ein paar Floskeln auf Polnisch abringt. Wahrscheinlich liegt es an mir. Entgegen gängiger Vorurteile wird man in Polen aber – anders als in Italien oder Spanien – nirgends übers Ohr gehauen. Kein Verkäufer verlangt von Touristen mehr Geld als von Einheimischen. Und sogar, wenn man sich an einem Tresen nur ein Bier abholt, drückt einem der Kellner unaufgefordert eine Quittung in die Hand, so als wollte er beweisen, dass in Polen alles nach europäischer Norm vor sich geht.

Mit dem Bus fahren wir von Krakau in die Waldkarpaten im äußersten Südosten Polens. In diesem einsamen Gebirge soll es Luchse, Wölfe und Bären geben. Es handelt sich also gleichsam um die Lausitz Polens. Alle zwei Stunden hält der Bus für eine Raucherpause an einer Tankstelle oder einem der Busbahnhöfe. Das polnische Radio spielt Refrains, die im Rest Europas leider längst verdrängt sind, zum Beispiel: „A-la-la-la-la-long-a-la-la-la-la-long-a-la-la-la-la-long-long-li-long-long-long!“ In diesem Song geht es offenbar um die Länge irgendeines Gegenstandes, erst eine detaillierte Textanalyse könnte hier nähere Aufschlüsse geben.

Wie sich später herausstellen wird, habe ich zielsicher den unangenehmsten Ort in den Waldkarpaten als unser Domizil ausgesucht. Er liegt zwar unmittelbar am Fuß der höchsten Berge, besteht aber ausschließlich aus einigen Hotels, einem Restaurant und einer Bergwacht. Da in Polen die Ferienzeit noch nicht zu Ende ist, sind alle Unterkünfte überfüllt. Mit Mühe finden wir noch ein Zimmer in der billigsten Absteige des Ortes. Der Boden unseres Zimmers gibt an manchen Stellen nach. Der junge Mann an der Rezeption schaut zunächst überrascht, als wir nach Bettwäsche fragen, holt uns dann aber netterweise doch Bettzeug mit Pferdemotiven, vermutlich aus seinen eigenen Beständen.

Während unseres Aufenthalts im Gebirge merke ich wieder einmal, dass ich überhaupt kein Naturbursche bin, sondern ein Großstädter, der versehentlich im Körper eines Dorflümmels geboren wurde. Die Wasserversorgung in unserer Unterkunft ist in mehrerlei Hinsicht unregelmäßig. Am ersten Tag kommt nur kochend heißes Wasser aus den Hähnen. Der junge Mann an der Rezeption meint, dass es vielleicht nachts etwas besser werden könnte. Am Tag darauf ist das Wasser dann zwar wieder lauwarm, stinkt aber aufs Erbärmlichste nach Schwefel, respektive: faulen Eiern. Während meine Liebste, die Erfahrungen als Globetrotterin in Südamerika hat, sich unbeeindruckt mit Hilfe einer Flasche Mineralwasser duscht, bekomme ich zunehmend schlechte Laune. Dazu trägt auch bei, dass sich die Tür jenes Örtchens, das man hier füglich nur als Scheißhaus bezeichnen kann, nicht nur nicht abschließen, sondern noch nicht einmal zumachen lässt. Ich verdränge die Notdurft bis zum Frühstück im benachbarten Restaurant. Dort ist alles hochmodern und schick. Es gibt auf der Toilette sogar einen Bewegungssensor, der das Licht einschaltet. Sitzt man aber auf der Schüssel, schaltet sich das Licht automatisch nach drei Sekunden wieder aus und es wird stockdunkel. Wieder hell wird es nur, wenn ich den Arm ganz nach oben recke und bewege. So sitze ich denn zehn Minuten im ständigen Wechsel von Tag und Nacht und winke beim Scheißen. Die Moral von der Geschichte: Die Moderne hat ihre Tücken wie die Steinzeit ihre Unannehmlichkeiten.

Die Wanderungen auf die Gipfel der Bergkarpaten führen zunächst durch dichten Wald. Ist man zwei Stunden aufwärts geschnauft, tritt man plötzlich hinaus auf eine Lichtung. Nun hat man die waldlosen Gipfelwiesen erreicht, von denen aus man die ganze, herrliche Landschaft überblicken kann. Auf den Wanderwegen sind so viele Menschen unterwegs wie in einer Einkaufsstraße. Schon nach wenigen Stunden sind wir so geübt darin, auf Polnisch „Guten Tag!“ zu sagen, dass wir für Einheimische gehalten und nach dem Weg gefragt werden. Dann freilich bleiben wir notgedrungen sprachlos. Nur manchmal verwechselt meine Liebste die Worte für „Hallo!“ und „Danke!“. Die polnischen Wanderer schauen dann etwas verdutzt, weil sie nicht genau wissen, wofür ihnen gerade gedankt wird. Aber solange man nicht versehentlich mit „Arschloch!“ oder „Blitzkrieg!“ grüßt, geht das wohl in Ordnung.

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Reise durch Polen (1)
Reise durch Polen (3)

Einen kleinen Schnipsel …

… unserer letzten Lesebühne vom 13. September gibts hier als Bootleg, wie sich’s gehört in bestechender Underground-Qualität. Dank an Axel für den Mitschnitt! Julius sang uns ein schönes Lied darüber, wozu Freunde da sind oder doch sein sollten. Enjoy:

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