Separate but equal

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat der Klage einer Elterninitiative, hinter der die katholische Sekte Opus Dei steht, stattgegeben: Ihr Antrag auf Errichtung einer reinen Jungenschule, gegen den sich das Land Brandenburg juristisch gewehrt hatte, sei grundsätzlich zulässig. Getrenntgeschlechtliche Privatschulen sind also in Deutschland nun offiziell höchstrichterlich erlaubt. Nur müsse eine solche Schule auch das „Lernziel“ der Gleichberechtigung der Geschlechter verfolgen. Die Leipziger Richter haben da einen schönen alten juristischen Leitsatz aus den USA wiederentdeckt, der seit einem halben Jahrhundert vergessen schien: „Separate but equal“. Demnächst darf dann vermutlich die Elterninitiative besorgter Arier auch rein deutsche Schulen errichten, in denen aber der Wert der Völkerverständigung gelehrt werden muss.

Lesetipp: Udo Tiffert im Poesiealbum

Renommiert, ja beinahe legendär war die Reihe „Poesiealbum“ zu Zeiten der DDR. Jede Ausgabe der schmalen und günstigen Hefte präsentierte eine Auswahl aus den Gedichten eines deutschsprachigen Autors oder ein fremdsprachiger Dichter wurde durch Übersetzungen vorgestellt. Populäre Poeten waren ebenso vertreten wie Neuentdeckungen. Mit der Wende machte die Ökonomie dem Projekt ein Ende, die letzte Ausgabe mit Gedichten des Schönheitsfanatikers August von Platen wurde auf der Müllhalde verklappt. Erfreulicherweise gelang aber seit 2007 eine Neubelebung der Reihe durch den Märkischen Verlag, der nun pro Jahr vier Hefte veröffentlicht.

Die jüngste Ausgabe mit der Nummer 304 präsentiert nun unseren Freund und Kollegen, den Lausitzer Autor Udo Tiffert, der schon oft unsere Lesebühne als Gastautor beehrte und sich auch unter unseren Zuschauern viele Freunde gemacht hat. Die Dresdner Journalistin Juliane Hanka hat eine Auswahl von Gedichten besorgt, welche die ganze Vielfalt des Lyrikers abdeckt: Der Leser findet kurze, epigrammatische Gedichte wie längere Texte, die poetischer Kurzprosa gleichen. Auch thematisch herrscht Abwechslung: Gedichte, die auf ganz eigentümliche Weise Naturgeschehen und fragwürdige gesellschaftliche Praxis kontrastieren, sind in dem Heft ebenso vertreten wie wunderbar unprätenziöse, dabei aber doch zarte Liebesgedichte.

Wer den Autor Udo Tiffert als Lyriker kennen lernen möchte, – und das zum unschlagbaren Preis von 4 Euro! – der sollte sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Jens Kassner hat bei „Poetenladen“ eine lesenswerte Rezension des Heftes geschrieben.

Warum ich gerne nach Leipzig fahre

Ein alter Mann steigt in die Straßenbahn. Er setzt sich, hievt einen Aktenkoffer und zwei prall gefüllte Plastiktüten auf seinen Schoß. Die rabenschwarzen Löckchen auf seinem runzligen Schädel sind auf den ersten Blick als Perücke zu erkennen. Das Kunsthaar sticht so lebhaft von seiner bleichen Haut ab, dass die umstehenden Passagiere sich zusammennehmen müssen, um nicht loszulachen. Der alte Mann zieht ein Diktiergerät hervor, hält es sich vor den Mund und fängt an, laut hinein zu sprechen: „Donnerstag, genaue Zeit: neunzehn Uhr und siebenundzwanzig Minuten … ich befinde mich in Leipzig, in einer Straßenbahn … Linie 14 Richtung Plagwitz … wir erreichen jetzt die Haltestelle Nonnenstraße … Fahrzeug produziert von Bombardier …“ Die Fahrgäste ringsum wissen nicht so recht, wohin mit ihren Blicken. Sie sind neugierig und möchte gerne schauen, wer da so wirr redet, aber haben doch auch Angst, angesprochen zu werden. „Am Sonntag finden in Leipzig Wahlen zum Oberbürgermeister statt … jeder darf teilnehmen, sofern er mindestens ein halbes Jahr als Einwohner beim Amt gemeldet ist … auch vorher kann man bereits abstimmen … nicht jeder weiß das … man sollte am besten gleich zwei Oberbürgermeister wählen, dann ist die Stimme wenigstens ungültig … aber wer nicht wählt, der hilft diesem Obergauner, im Rathaus bleiben zu könen … der Kaltwasserganove sitzt ja wenigstens schon im Gefängnis …“ Als wir uns der nächsten Haltstelle nähern, steckt der alte Mann das Diktiergerät wieder ein und nimmt auch die schwarze Perücke ab, als hätte er die nur als Requisit gebraucht, um seine Äußerungen zu protokollieren. Eine faltige Glatze kommt zum Vorschein. Er steht auf, drängelt sich zur Tür und steigt aus. Wir fahren wieder ab, draußen hört man ein lautes Hupen. Ich schaue hinaus: Der alte Mann ist vor ein Auto gelaufen, das nun quietschend beschleunigt und an ihm vorbei rast. Der alte Mann setzt seinen Weg auf der Fahrbahn fort.

Dresdner Justizverhältnisse

Das Amtsgericht Dresden verurteilte „ein[en] 36-Jährige[n] am Mittwoch wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung […] Der Angeklagte Tim H. aus Berlin demonstrierte am 19. Februar 2011 gegen einen Naziaufmarsch und soll Störer aufgewiegelt haben, eine Polizeisperre zu durchbrechen. Weil dabei vier Beamte von Chaoten verletzt wurden, seien diese Taten auch Tim H. zuzurechnen, so der Amtsrichter. H. selbst hatte keine Angaben gemacht.“ (Sächsische Zeitung, 19. Januar 2013)

„Das Landgericht Dresden hat fünf Anführer der verbotenen Neonazi-Gruppe „Sturm 34″ verurteilt. Vier der Angeklagten erhielten Bewährungsstrafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, einer bekam eine Geldstrafe. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Männer 2006 eine kriminelle Vereinigung gegründet hatten. Außerdem hätten sie sich der schweren Körperverletzung und Sachbeschädigung schuldig gemacht. Der Staatsanwalt hatte zuletzt Bewährungs- und Geldstrafen gefordert, unter anderem weil die Taten schon so lange zurückliegen. Einer der Angeklagten, ein Informant der Polizei, sollte straffrei ausgehen.“ (MDR, Juni 2012)

„Der Sturm 34 wurde in der Nacht vom 4. auf den 5. März 2006 von ca. 30-40 Männern und Frauen gegründet. Anlässlich eines Festes im rechtsextremen Milieu stieg einer der Teilnehmer auf den Tisch und rief den Sturm 34 aus. Der Name war von einer SA-Brigade übernommen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in der Region Mittweida stationiert war. […] Ziel der Gruppe war es, die Region durch Gewalt und martialisches Auftreten zu terrorisieren und einzuschüchtern. Sie richtete sich vornehmlich gegen Ausländer und Vertreter der Linken. Beispielsweise überfiel sie das Büro der Ortsgruppe der Linkspartei, Döner-Imbissstände, Afrodeutsche und Punks. Die Angriffe erfolgten meist aus einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe heraus. So standen sich an einer Torfgrube in Mittweida 15 bis 20 Mitglieder des Sturms 34 und acht Jugendliche gegenüber. Während eines Dorffestes in Rochlitz fielen bis zu 25 Mitglieder ein. Dabei trugen sie schwarze Kleidung, hatten die Köpfe kahl geschoren und trugen mit Sand gefüllte Handschuhe. Im Mai 2006 schlugen 15 Mitglieder an einer Tankstelle in Stollberg ohne erkennbaren Anlass auf einige junge Männer ein. Auch nachdem eines der Opfer am Boden lag, traten sie weiter auf dieses ein. Eine Zeugin beschrieb dies später so, dass der am Boden liegende wie ein Fußball für die Täter gewesen sei. Am 26. April 2007 führte die Polizei mit 200 Einsatzkräften Hausdurchsuchungen durch und fand dabei unter anderem Schreckschusswaffen, Sturmhauben und rechtsextremes Propagandamaterial. […]“ (Quelle: Wikipedia)

Micha’s Lebenshilfe (32)

Wenn man seinen Zahnarzt aufsuchen muss, dann sollte man vor dem Verlassen der Wohnung noch einmal überprüfen, ob man seinen Pullover möglicherweise verkehrt herum angezogen hat, denn in der Praxis wird man auf ein derartiges Missgeschick sicher nicht hingewiesen, weil die anwesenden Personen sich lieber still über das fremde Versehen amüsieren und sich schon darauf freuen, ihren Kindern und Kindeskindern davon zu berichten.

Ringo, der Roboter

Deutschland braucht mehr Männer in den Kindergärten! Davon sind wir zutiefst überzeugt. So sehr sogar, dass Stefan im Moment eine Ausbildung zum Erzieher macht. Und Max hat gemeinsam mit Jens Rosemann sogar eine ganze Werbekampagne entwickelt. Wer von Ringo, dem Roboter nicht überzeugt wird, ist ein hoffnungsloser Fall:

Literaturtipp: Julian Heun + Bleu Broode am Mittwoch in der GrooveStation

Am Mittwoch (16.1.) kommt Julian Heun, “Deutschlands junger Poetry-König” (Spiegel Online), in der Reihe LivelyriX Poetry unlimited” nach Dresden und schießt in der Groove Station eine Auswahl seiner besten Texte ins Publikum. Julian Heun kommt aus Berlin und lebt noch immer dort. Seit 2007 tourt er durch den ganzen deutschsprachigen Raum, gewann unterwegs zahllose Poetry Slams und gilt inzwischen als einer der besten Performance-Poeten des Landes. Das “bleich wirkende Bürschlein mit unerhört poetischer Kraft” (Neue Zürcher Zeitung) verbindet Witz, Tiefgang und mitreißenden Vortrag. Er schreibt auch für Literaturzeitschriften, Zeitungen und Opern. Man sah ihn auf 3Sat, SWR, WDR, NDR, EinsFestival, Sat1 Comedy, LETTRA TV und im Schweizer Fernsehen. Zweimal wurde er Vizemeister bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften als Teil des Teil des Performance-Lyrik-Kollektivs Allen Earnstyzz. Als Support bringt Julian noch den in Dresden und anderswo vielgeliebten Bleu Broode mit. Der Marburger Poet ist einer der erfolgreichsten Poetry Slammer Deutschlands und war auch schon Gewinner des “Grand Slam of Saxony” in Dresden. Bleu ist angehender Theologe, Mitglied der Autorenfußballnationalmannschaft, Autor des Buches “Kleinstadtgeschichten” und ein richtig dufter Typ.

LivelyriX Poetry unlimited: Julian Heun + Bleu Broode | 16. Januar | Mittwoch | 20 Uhr | Groove Station | 20 Uhr | Vorverkauf bei Sax-Ticket, Konzertkasse Dresden: 5 Euro / Abendkasse: 7 Euro

Danke!

Was soll man sagen? Über 200 Gäste folgten gestern unserer Einladung zur Geburtstagsfatsche – es war die bestbesuchte Lesebühne, seit es Sax Royal gibt. Wir danken allen Besuchern für ihre freundliche Aufmerksamkeit und für Glückwünsche und Geschenke. Ebenso sagen wir Dank dem ganzen Team der scheune, das unsere Lesebühne seit acht Jahren möglich macht. Nun aber genug der Feierei und Sentimentalität! Die fünf Royalisten stürzen sich nun in die neunte Saison ihres Schaffens und präsentieren am 14. Februar ein neues Programm mit brandneuen Gedichten, Geschichten und Liedern. Wie immer am zweiten Donnerstag des Monats um 20 Uhr in der scheune. Bis denne!

Donnerstag, 10. Januar: Die Lesebühne Sax Royal feiert ihren 8. Geburtstag!

Sax Royal

Die Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert am 10. Januar ihren achten Geburtstag! Man mag’s kaum glauben: Schon acht Jahre ist es her, dass fünf junge Heißsporne sich anschickten, die Literaturszene in Dresden aufzumischen. Seitdem begeistern sie Monat für Monat jeweils mehr als hundert Zuhörer in der scheune mit ihren immer frischen, manchmal tiefsinnigen und manchmal hochkomischen Geschichten, Gedichten, Songs, Hörspielen und Kurzfilmen. Zum achten Jubiläum werden Michael Bittner, Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth nicht nur neue Texte, sondern auch einige ihrer schönsten Erzeugnisse aus den letzten Jahren lesen. Außerdem gibts Exkursionen in die Geschichte unserer Lesebühne und auch wieder eine Menge besondere Überraschungen. Denn zum Geburtstag sind es bei Sax Royal traditionell die Gäste, die beschenkt werden. Die Royalisten freuen sich darauf, mit Euch gemeinsam zu feiern!

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 10. Januar | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro, Abendkasse: 7 Euro / ermäßigt 5 Euro

Peer Steinbrück spricht Klartext

Der Kanzlerkandidat der SPD steht seit Wochen in der Kritik. Immer wieder bringt er sich mit ungeschickten Äußerungen in Schwierigkeiten. Nicht wenige sehen die Chancen auf einen Sieg gegen Angela Merkel im Herbst bereits schwinden. Es gelang mir, Peer Steinbrück zu einem Interview zu bewegen, in dem er seine provokanten Ansichten wie gewohnt nicht versteckte.

„Herr Steinbrück, glauben Sie, dass Sie die Bundestagswahl noch gewinnen und Bundeskanzler werden können?“

„Ich werde, denn ich will. Ich kann, denn ich soll.“

„An Ihrer Entschlossenheit besteht kein Zweifel, das ist deutlich. Aber kann es sein, dass Sie durch Ihre verbalen … sagen wir einmal: Ungeschicklichkeiten Ihre Lage nicht sehr verbessert haben?“

„Was ist das für eine argumentative Affenscheiße schon wieder?! Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage. Ich lasse mir den Mund nicht verbieten – nicht von der Journalistenmeute, nicht vom Lynchmob auf der Straße!“

„Aber war Ihre Forderung nach einem höheren Gehalt für Bundeskanzler nicht doch etwas blauäugig? Hätten Sie nicht damit rechnen müssen, dass der politische Gegner so einen Satz für eigene Zwecke benutzt?“

„Es ist mir doch völlig egal, was diese Mistkrüppel quatschen! Ich werde jetzt nicht zum Kuschel-Peer. Klare Kante, das ist meine Devise! Ich musste mich doch schon genug verbiegen, um Kanzlerkandidat dieser Loserpartei zu werden. Soziale Gerechtigkeit, Mindestlohn, Altersarmut – Gott, wie mir dieser ganze Stuß am Arsch vorbeigeht! Aber klar, die Linken wollen dies, die Gewerkschaften wollen das. Und hab ich mich nicht zusammengerissen? Hab ich nicht so getan, als wäre ich ein Sozialdemokrat? Und jetzt kommt mir dieser Pöbel mit solchem Undank!“

„Herr Steinbrück, ich muss sagen, Sie klingen jetzt doch etwas verbittert. Ist die Politik vielleicht doch nicht Ihr Feld? Sind Sie etwa doch ein bisschen überfordert von den Ränken und Rankünen? Wäre ein Posten als Sparkassendirektor möglicherweise die bessere Alternative?“

„Ach was, dummes Gesülze! Wem es zu heiß ist in der Küche, sollte gar nicht erst reingehen. Daran, dass ich der beste Mann für den Job bin, habe ich nicht den geringsten Zweifel. Niemand kann klarer aussprechen, was ich denke, als ich. Aber ich will einräumen, dass mein knorriger wie kristalliner Charakter so manches Backpfeifengesicht überfordert.“

„Also werden Sie in den kommenden Monaten doch etwas leiser treten? Sich an die Spielregeln des Geschäfts anpassen? Vorsichtiger reden?“

„Das könnte diesen Schweinefickern so passen! Draufgeschissen! Ich kann auch noch ganz anders! Was wollen Sie hören? Los! Habe ich schon mal erwähnt, wie sehr ich Tiere hasse? Besonders junge Katzen! Dieser pelzige Biomüll sollte planmäßig entsorgt werden. Und Ossis! Wie ich dieses Pack verabscheue! Wenn wir denen nicht immer Geld hätten schicken müssen, hätte ich in Nordrhein-Westfalen auch mal eine Wahl gewonnen! Unproduktive Minderleister, die leider stimmberechtigt sind. Ohne die Ossis hätte doch die Merkel keine Chance gegen mich. Und ohne die Frauen erst recht! Die Merkel sähe doch ohne ihren Frauenbonus überhaupt keinen Stich! Und dann sind da noch …“

„Herr Steinbrück, sollen wir das wirklich veröffentlichen? Ich könnte mir vorstellen, dass einige Wähler von Ihrer Direktheit und Offenheit wieder verschreckt sein werden.“

„Gerade deswegen! Alles raus! Was schert mich das Pack! Solange einer mich versteht, einer mich liebt, nämlich ich selber! Und vielleicht noch Helmut Schmidt!“

„Herr Steinbrück, ich bedanke mich für das Gespräch, möchte aber jetzt doch lieber gehen. Und legen Sie bitte den Hammer wieder weg.“

„Arschlecken!“

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