Literaturtipp: livelyriX Poetry Slam am 6. Februar in der scheune

Sebastian Lehmann

Wieder wie gewohnt am ersten Donnerstag des Monats moderieren am 6. Februar Michael Bittner und Stefan Seyfarth den livelyriX Poetry Slam in der scheune. Bei der Dresdner Dichterschlacht messen sich prominente Slam-Poeten aus ganz Deutschland mit sächsischen Autoren. Wir freuen uns auf Sebastian Lehmann (Foto) aus Berlin. Der Autor der “Lesedüne” schreibt Geschichten voll intelligenter Komik. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt den Roman “Genau mein Beutelschema” über das Leben der jungen Bohème in der Großstadt. Zum ersten Mal mit dabei ist der junge Poet Hinnerk Köhn, der zur Zeit Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit Schwerpunkt Literatur in Hildesheim studiert. Seine Kurzgeschichten zeichnen sich durch seinen schwarzen Humor, Misanthropie und Sarkasmus aus. Hinnerk Köhn ist deutschsprachiger U20-Vize-Champion. Ebenfalls erstmals die Bühne der scheune betreten wird René Sydow. Er ist als Schauspieler und Filmemacher erfolgreich, hat aber auch als Autor die Bühnen des Poetry Slams erobert und die beiden Bücher “Der Reiher” und “Deutsche Wortarbeit” veröffentlicht. Ebenfalls sein Debüt beim livelyriX Poetry Slam in Dresden geben wird Jan Lindner aus Leipzig. Er schreibt Lyrik und Prosa, reist lesend durch die Lande und hat soeben sein zweites Buch mit dem Titel “Der Teddy mit den losen Kulleraugen” herausgebracht. Über die Offene Liste angemeldet haben sich Kaddi Cutz, Thomas Jurisch, Oliver Kühne, Axel Frieden, Johannes Thielemann und Henning Olf.

livelyriX Poetry Slam | 06.02. | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 6 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 6 Euro ermäßigt / 8 Euro

Ein Brandbrief

Seit Émile Zola dem Präsidenten der französischen Republik eine feurige Anklage auf der Titelseite einer Zeitung sandte, haben sich immer wieder mutige Intellektuelle der Form des “Offenen Briefes” bedient, um Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Nun hat sich die Hamburger Schriftstellerin Simone Buchholz, die normalerweise in Kiezkrimis die Staatsanwältin “Chastity Riley” ermitteln lässt, mit einem eindrucksvollen Schreiben an Olaf Scholz, den Bürgermeister der Hansestadt, in diese große Traditionslinie eingereiht.

Sehr geehrter Herr Scholz,

ich wohne in der Wohlwillstraße auf Sankt Pauli. Mit meinem Mann und unserem fünfjährigen Sohn. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich

Wortwiederholung!

normalerweise buntes, manchmal wildes, aber immer liebenswertes Leben auf der Straße.

So ist der Alltag im Szeneviertel! Eine nette Wohngegend mit ein bisschen linker Folklore, bunt und wild. Nur zu bunt sollte es nicht getrieben werden, zu wild darf es nicht zugehen – sonst wär’s ja nicht mehr liebenswert!

Wenn ich zurzeit aus dem Fenster sehe, sehe ich,

Wortwiederholungswiederholung!

wie mein Viertel zu Klump gehauen wird. Wie unsere Straße jeden Abend von Leuten als Kulisse für ihre Katz-und-Maus-Spielchen missbraucht wird, sobald unsere Kinder im Bett liegen – falsch, manchmal warten sie nicht mal so lange: Ein Freund meines Sohnes bekam vor ein paar Tagen einen Böller vor die Füße geschmissen, einfach, weil er gerade da war. Der Junge ist fünf.

Was fünfjährige Jungs wissen, offensichtlich ganz im Gegensatz zu denen, die hier im Moment aufeinanderprallen: Wenn keiner nachgibt, hört der Streit nicht auf.

Das wissen fünfjährige Jungs? Glaub ich nicht.

Das ist eine essentielle Erkenntnis, daraus entsteht Zivilisation. Bei jungen Männern mit erhöhtem Testosteronstand kommt das aber oft schwer an.

Gestern Abend habe ich versucht, mit ein paar von denen zu reden. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass das Gelächter groß war. Auf beiden Seiten. Ich glaube, sowohl die martialisch verpackten Polizisten auf unseren Straßen als auch manche der allabendlichen Demonstranten haben gerade – pardon – verdammt dicke Eier in der Hose. Da wird keiner freiwillig nachgeben.

Ging’s da nicht um irgendwas Politisches? Zwangsräumung? Gentrifizierung? Verdrängung oder so? Nee, klar, es ist alles viel einfacher: Männer sind Schweine.

Aber: Was soll das dann werden? Wo soll das hinführen? Soll das jetzt so weitergehen? Und wie lange noch?

Das fragt sich der Leser dieses Briefes auch.

Bis einer heult? Soll es das sein, wofür Hamburg steht: Wuchermieten, Helmpflicht für alle und enttäuschte Gesichter?

Diese Stadt hat eine Menge Probleme. Es ist kompliziert. Ich habe keine Lösungsvorschläge, es ist auch nicht mein Job, die zu haben (es ist Ihrer).

Das wäre ja noch schöner, wenn man von Schriftstellern Ideen verlangte! Von Intellektuellen Vorschläge! Nein, selbstverständlich ist es die Aufgabe von Autoren, Politiker um Hilfe anzuflehen!

Ich weiß nur: Gewalt ist ein ganz mieser Trick, der nicht funktioniert.

Gewalt ist gewiss kein Trick, denn Tricks erfordern Intelligenz. Dafür funktioniert Gewalt oft sehr gut – man mag das mies finden oder nicht. Aber ja, Gewalt ist böse, das lernten wir ja schon im Kindergarten.

Herr Scholz, Sie sind mein Bürgermeister. Sie sind der, dem ich glauben und vertrauen möchte.

Hier steigen der Autorin Tränen in die Augen, dem Leser auch, aber aus anderen Gründen. Komm, mein lieber Bürgermeister und mach mir die Welt wieder heile! Ich will dir doch so gern glauben und vertrauen! Verarsch mich! Bitte!

Sie sind der, der mir eine Stimme geben sollte.

Warum sollte Olaf Scholz das tun? Es reicht doch, meine Beste, wenn Sie ihm bei der Wahl eine Stimme gegeben haben.

Warum sind Sie so still? Warum ducken Sie sich auf so merkwürdige Art weg? Verstecken Sie sich etwa hinter Herrn Neumann?

Olaf Scholz duckt sich gewiss nicht. Das ist doch gar nicht nötig, er verschwindet ja schon hinter einem Hydranten!

Finden Sie, dass das ein gutes Versteck ist? Falls Sie nur nicht wissen, was Sie sagen sollen, kann ja mal passieren, habe ich einen heißen Tipp für Sie: Es ist gerade nicht die Zeit für Gesetze. Es ist Zeit für Größe.

Zu dumm: Es ist Zeit für Größe und Olaf Scholz ist schon ausgewachsen.

Für politisches Gefühl. Für drei bis fünf Fingerspitzen.

Soll er sich Finger amputieren?

Geschichtsbuch aufschlagen und mehr Willy wagen, Herr Scholz!

Was hat denn jetzt der Willy mit Sankt Pauli zu tun? Soll Olaf Scholz sich auf einen erotischen Wettkampf einlassen? Da würde er doch verlieren.

Bitte verzichten Sie darauf, meinen Brief von einem Ihrer Pressesprecher beantworten zu lassen. Ich brauche keine Antwort von Ihnen. Ich erwarte, dass Sie Format zeigen.

Mit verstörten Grüßen aus der Gefahreninsel
Simone Buchholz

Welch Trauer umfängt den Leser nach der Lektüre dieses Briefes! Dass man sich über Möchtegernrevolutionäre, die einen Stadtteil zerlegen, den sie zu schützen vorgeben, ärgern kann, versteht sich. Aber wenn einem nicht mehr als privates Gejammer dazu einfällt, muss man die Öffentlichkeit damit belästigen? Wenn man Olaf Scholz bloß seine enttäuschte Liebe offenbaren will, muss man den Brief gleich in der Zeitung abdrucken lassen? Wer nichts zu sagen hat, der schweige, auch wenn er “betroffen” ist. Wer einen Bittbrief schreibt, der werfe sich nicht in die Pose des Anklägers. Das hier ist nicht “J’accuse!”, sondern bloß “Je me lamente!”

Zitat des Monats Januar

“Wir können den Menschen dort helfen und zugleich einen Gewinn für uns erzielen.”

Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Ein Geburtstagsgeschenk

Unser Freund und Kollege Jens Rosemann, Filmemacher von Kumpels & Friends, hat unserer Lesebühne ein Video zum 9. Geburtstag geschenkt. Checkt das aus und macht euch auf Tränen der Rührung gefasst:

Donnerstag, 9. Januar: Die Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert 9. Geburtstag!

Sax RoyalDie Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert am 9. Januar ihren neunten Geburtstag! Mit diesem biblischen Alter dürfte sie inzwischen wohl die langlebigste Lesereihe der Stadt sein. Über hundert Zuhörer lauschen den Royalisten jeden Monat in der scheune. Dass die Stammautoren sich dabei Frische und Zorn bewahrt haben, werden sie auch zum Jubiläum mit neuen Geschichten, Gedichten und Liedern beweisen. Zur Feier des Tages wird es aber auch einige der schönsten Texte aus den letzten Jahren zu hören geben. Mit dabei sind Michael Bittner, der inzwischen in Berlin beheimatete Satiriker und Erzähler, Julius Fischer, der komische Liedermacher und Essayist aus Leipzig, Roman Israel, der ebenfalls in Leipzig beheimatete Romancier und Gesellschaftsanalytiker, und Stefan Seyfarth aus Dresden, der Lyriker und ästhetische Erzieher.

Franziska Wilhelm

Die Zuschauer dürfen sich außerdem noch auf einen besonderen literarischen Gast freuen: Wir erwarten Franziska Wilhelm von unserer Leipziger Schwesterlesebühne Schkeuditzer Kreuz! Franziska schreibt Geschichten voller phantastischer Einfälle und mit groteskem Witz, einige hat sie in dem Erzählband Die Fischschwester gesammelt. Gerade im Januar erscheint außerdem ihr erster Roman Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen im Verlag Klett-Cotta.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 09.01. | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro (zzgl. Gebühr), Abendkasse: 5 Euro ermäßigt / 7 Euro

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