Literaturtipp: Livelyrix Poetry Slam am Donnerstag (5. Mai) in der scheune

marvin-ruppert-bc3bchne-2015-vanessa-komischkeDer traditionsreichste Dichterwettkampf Dresdens lädt am 5. Mai wieder in die scheune. Beim Livelyrix Poetry Slam messen sich wieder zehn Poetinnen und Poeten aus Dresden und der ganzen Republik mit lustigen Geschichten, mitreißenden Gedichten, Rap-Poesie oder politischer Satire. Das Publikum entscheidet über den Sieger per Applaus. Es moderieren Michael Bittner und Stefan Seyfarth.

Diesmal mit dabei ist u.a. der Marburger Marvin Ruppert (Foto: Vanessa Komischke), der besonders für heitere und kluge Geschichten bekannt ist. Im Buch „Ich mag Regen“ hat er die schönsten von ihnen auch schon veröffentlicht. Am Start ist außerdem Julia Eckert. Die Berliner Poetin ist zum ersten Mal in der scheune mit dabei. Das gilt auch für Björn Gögge aus Essen. Der junge Mann macht auch Musik, feiert aber seit einigen Jahren auch Erfolge auf den Bühnen des Poetry Slams. Mit dabei ist sodann auch Leticia Wahl. Die Lyrikerin aus Marburg trägt in gekonnter Weise mitreißende Gedichte vor.

Livelyrix Poetry Slam | 5. Mai | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 6 Euro, Abendkasse: 6/8 Euro

Die Sprachpolizei informiert (1): Ironie für Idioten

Das finde ich echt witzig. Nicht.

Ich kann mit Worten kaum beschreiben, welcher Unwille mich übermannt, wenn ich so einen Satz lesen muss. Eine körperliche Übelkeit schüttelt mich beim Anblick dieses Sprachverbrechens. Leider lese ich Sätze wie diesen inzwischen auch in Texten sonst durchaus respektabler Menschen. Ich will versuchen zu erklären, warum solche Äußerungen unbedingt zu unterlassen sind. Es handelt sich, kurz gesagt, um Ironie für Idioten. Eine andere, nicht minder schlimme und nicht minder häufige Form von solch falscher Ironie ist die folgende:

Das finde ich echt „witzig“.

In beiden Fällen möchte der Schreiber ironisch sprechen, aber er scheut die Doppeldeutigkeit, die mit echter Ironie nun einmal verbunden ist. Darum ergänzt er sicherheitshalber Markierungsstriche oder ein Dementierungswörtchen. Der Schreiber möchte sicher gehen, dass auch jeder versteht, was wirklich gemeint ist. Dadurch aber wird die ganze Aussage platt und überflüssig. Denn eine Ironie, die nicht missverstanden werden kann, ist gar keine. Gelungene Ironie versetzt den Leser in Unsicherheit und Zweifel, regt den Spießbürger auf, der doch ein Recht zu haben glaubt, genau zu erfahren, was denn „der Autor eigentlich meint“. Aber Ironie ist eben eine Form uneigentlichen Sprechens. Das erst macht sie subversiv und witzig. Die falsche Ironie gleicht dem Trottel, der beständig zwinkert, während er einen Witz erzählt, und danach auch gleich noch die Pointe erklärt.

Eine falsche Definition von Ironie, die schon in der Schule gelehrt wird, begünstigt das Sprachverbrechen: Ironie sei es, wenn man das Gegenteil von dem sagt, was man eigentlich meint. Keine Erklärung könnte der Wahrheit ferner sein. Ironie möchte gar nichts meinen, sondern in heiterer Weise Zweifel wecken und Fragen aufwerfen. Ironie ist die sprachliche Form des skeptischen Denkens. Es gibt verschiedene Formen der Ironie, die alle von der Skepsis ihre Energie beziehen. Mit kritischer und sarkastischer Ironie weckt man Zweifel an Gewissheiten von Gegnern, deckt ihre Irrtümer und Lügen auf. Charakterliche Größe erfordert die Selbstironie, mit der man dem Publikum eigene Unsicherheiten, Grenzen und Schwächen zeigt. Die höchste Stufe erreicht aber die philosophische Ironie, die Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt überhaupt zum Ausdruck bringt und die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur offenbart. (Die philosophische Ironie kann wachsen bis zur religiösen, romantischen Ironie, die alle irdischen Gewissheiten verlacht und Wahrheit nur in Gott findet.)

Das ironische Sprechen pervertiert derjenige, der es gar nicht als Ausdruck von Skepsis gebraucht, sondern bloß dazu, irgendeine persönliche Meinung in die Welt zu trompeten und sich dabei auch noch gewitzt vorzukommen. Jedem solchen Freund der Ironie für Idioten sollte man allezeit ganz ohne Ironie sagen: Du bist nicht witzig.

Michael Bittner

Die Liebe zu Ziegen

Wenn in meiner Kindheit auf dem Dorf die Verwandtschaft bei uns zuhause zu einer Familienfeier zusammenkam, dann wurde die Tafel bei gutem Wetter im Freien aufgestellt, im Garten hinterm Haus, im Schatten des großen Kastanienbaums. Die Onkel und Tanten, Großeltern und Enkel, Cousins und Cousinen saßen beisammen an einem langen Tisch, auf dem Geschirr, Kaffeekannen und eine Erdbeertorte bereitstanden. Wurstbrötchen warteten schwitzend auf ihren Verzehr. Die Männer machten Bierflaschen auf. Wenn drei Generationen so beieinander saßen, geriet das Gespräch aber manchmal ins Stocken, da es an gemeinsamen Interessen fehlte.

In solchen Momenten gelang es einer bestimmten Anekdote, die ganze Familie wieder in heiterste Stimmung zu versetzen. Jedes Jahr wurde die Anekdote aufs Neue erzählt, ursprünglich von einer Großtante, die an chronischen Depressionen litt, immer zu Späßen aufgelegt war und gerne einen kleinen Schnaps trank. Nachdem sie ins Altersheim umzogen war, übernahmen andere Mitglieder der Familie die Erzählung, die jedoch bei keiner Feier fehlen durfte. Als kleiner Junge verstand ich den Witz der Geschichte noch nicht und lachte bloß mit, weil alle Erwachsenen auch lachten. Erst in meiner Jugend erschloss sich mir mit dem Erwachen des Eros der tiefere Gehalt der Anekdote. Die angeheiterte Tante überlieferte sie ungefähr wie folgt:

„Als ich noch klein war, da lebte in dem jetzt verfallenen Haus oben auf dem Hügel am Rand des Dorfes die alte Traudel. Ihr Mann war schon lange tot. Bei ihr lebte noch ein erwachsener Sohn, der nie eine richtige Arbeit oder eine Frau gefunden hatte. Die alte Traudel besaß nicht den hellsten Verstand, im Kopf ihres Sohnes war es aber noch finsterer. Trotzdem lebten die beiden auf ihrem kleinen Anwesen in ungetrübter Ruhe vor sich hin. In Streit mit der Nachbarschaft gerieten sie nie, wenn auch manchmal einige Männer im Dorf über das seltsame Paar auf dem Hügel unanständige Witze machten.
Nun geschah es aber in einer Nacht, dass mein Vater aus seinem Schlaf erwachte, weil seltsame Geräusche aus unserem Stall drangen. Er erhob sich schnell aus dem Bett, denn er vermutete einen Hühnerdieb oder sonstigen Einbrecher am Werk. Mit einem Knüppel in der einen, einer Lampe in der anderen Hand schritt er durch die Dunkelheit zum Stall. Das Tor stand offen und er trat ein. Und im Stall entdeckte er niemand anderen als den Sohn der alten Traudel, der sich gerade an einer Ziege zu schaffen machte. Unser Vater hielt den Übeltäter fest und schlug Alarm. Bald waren alle im Haus und auch die Nachbarn erwacht. Man sandte nach der alten Traudel, damit sie ihren ertappten Sohn abhole. Und wisst ihr, was die alte Traudel sagte, als sie beim Tatort angekommen war und dem frisch ertappten Sünder gegenüberstand?“ Wie gespannt lauschte meine ganze Familie an dieser Stelle immer der Geschichte, obwohl doch jeder schon ihr Ende kannte. Meine Großtante fuhr fort: „Die alte Traudel stand da ganz verblüfft vor ihrem Sohn und sagte: Ich versteh das ni – wir ham doch selber Ziegen!

Die Ausgelassenheit meiner Familie nach diesem letzten Satz war immer sehr groß. Alle lachten, bis ihnen der Pflaumenkuchen vom Teller rutschte. Und auch ich muss noch heute schmunzeln, wenn ich zufällig an diese Anekdote denke, zum Beispiel beim Anblick von Ziegen im Streichelzoo. Natürlich ist das geschilderte Verbrechen etwas unappetitlich. Aber es gibt gewiss noch schlimmere Dinge, die man Tieren antun kann, als Zoophilie. Man kann Tiere zum Beispiel auch umbringen und dann aufessen.

Als ich nun jüngst hören musste, dass ein deutscher Satiriker das heitere Thema der Liebe zu Ziegen missbraucht hat, um Stimmung gegen den türkischen Präsidenten zu machen, ärgerte ich mich darüber. Eine früher unbeschwerte Kindheitserinnerung ist nun plötzlich mit politischem Ballast überladen. Und zeigt nicht unsere Familienanekdote überdies, dass die Liebe zu Ziegen auch in deutschen Landen verbreitet, also keineswegs auf Herrscher orientalischer Prägung beschränkt ist? Die unter einsamen Männern beliebte Liebe zu Ziegen hat, wie ich meine, gar nichts mit Kultur oder Religion oder Politik zu tun, sondern liegt in dem Umstand begründet, dass man Ziegen – anders als Rinder oder Kamele – auch ohne eine Leiter liebhaben kann.

Allen Satirikern sei ein für alle Mal gesagt: Lasst die Ziegen in Frieden! Missbraucht sie nicht, um eure Gegner auf die Hörner zu nehmen! Einem Despoten, der ein ganzes Land vergewaltigt, tut man ohnehin nur einen Gefallen, wenn man ihn zum Tierliebhaber verniedlicht.

Michael Bittner

Donnerstag, 14. April: Lesebühne Sax Royal in der scheune

Sax Royal neu groß 1Wieder wie gewohnt am zweiten Donnerstag des Monats findet am 14. April unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal in der scheune statt. Der wechselhafte Scherzmonat April bietet beste klimatische Voraussetzungen für unser Treiben; wie immer werden wir auch die ernstesten Themen und tiefsten Fragen mit Heiterkeit und Humor behandeln. Mit dabei sind alle fünf Stammautoren: der komische Sänger und Meister des Hassays Julius Fischer, der tiefgründige Erzähler und Lyriker Roman Israel, der Erzgebirgsheros und literarische Nachtschwärmer Max Rademann, der ästhetische Erzieher und Dichter Stefan Seyfarth und der Kolumnist und Satiriker Michael Bittner. Wie immer dürfen sich die Fans der Lesebühne nicht nur auf neue Geschichten, Gedichte und Lieder, sondern auch noch auf allerlei Überraschungen und sonstige Späße freuen.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | Donnerstag | 14. April | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro, Abendkasse: 5/7 Euro

Zitat des Monats April

Man bereut es hinterher, dass man so gut ist.

Adolf Hitler, April 1945

Literaturtipp: Livelyrix Poetry Slam am Donnerstag

Udo TiffertAm Donnerstag (7. April) schreiten beim Dresdner Livelyrix Poetry Slam wieder literarische Gladiatoren aus Nah und Fern in die Arena der scheune. Sie messen sich dort mit ihren besten Geschichten und Gedichten. Und das Publikum ist es, das am Ende den Daumen hebt oder senkt, um einen Sieger oder eine Siegerin des Wettstreits zu bestimmen. Moderatoren des Abends sind Michael Bittner und Stefan Seyfarth.

Mit dabei ist diesmal u.a. Udo Tiffert (Foto) aus Neusorge aus der Lausitz, der im Jahr 2009 schon einmal sächsischer Poetry-Slam-Meister war. Er hat zahlreiche Bücher mit Geschichten und Gedichten veröffentlicht und liest regelmäßig bei der Lesebühne Cottbus und der Görlitzer Lesebühne Grubenhund. Ebenfalls am Start ist die junge Poetin Bonny Lycen, die in Dresden erste Erfolge feierte, inzwischen aber in Leipzig lebt. Ebenfalls aus Leipzig kommt die Poetin und Bloggerin Nhi Le, deren Texte ebenso persönlich wie politisch engagiert sind. Mit dabei ist schließlich auch Mike Altmann, der in Görlitz ansässig ist. Seine komischen und smarten Texte sind nicht selten provokant. Er schreibt für den „Kostblog“ und liest regelmäßig bei der Lesebühne Hospitalstraße.

Livelyrix Poetry Slam | Donnerstag | 7. April | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 6 Euro, Abendkasse: 6/8 Euro

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