Literaturtipp: Livelyrix Poetry Slam am Donnerstag in der scheune

Beim letzten Livelyrix Poetry Slam vor der Sommerpause messen sich am Donnerstag (2. Juni) in der scheune noch einmal Wortkünstler aus Dresden und dem Rest der Welt im literarischen Wettbewerb. Das Publikum entscheidet am Ende, welcher Autor oder welche Autorin mit ihren Geschichten oder Gedichten am überzeugendsten war. Es moderieren Stefan Seyfarth und – zum letzten Mal – Michael Bittner.

André HerrmannMit dabei sind diesmal u.a. André Herrmann (Foto) und Julius Fischer aus Leipzig. Gemeinsam gewannen die beiden als „Team Totale Zerstörung“ bereits zwei Mal die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft. Diesmal treten sie aber gegeneinander an. Ebenfalls aus Leipzig kommt Franziska Wilhelm. Die Autorin der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz hat mir ihrem ersten Roman „Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen“ einen schönen Erfolg gefeiert. Auch Roman Israel hat mit „Caiman und Drache“ bereits einen Roman veröffentlicht. In Dresden ist er auch bestens bekannt als Mitglied unserer traditionsreichen Lesebühne Sax Royal.

Livelyrix Poetry Slam | 2. Juni | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 6 Euro, Abendkasse: 6/8 Euro

Zitat des Monats Mai

„Wer hattn jetze eijentlich jewonn?“

„Ick jloobe Madrid!“

Gespräch zweier Berliner nach dem Finale der Champions League

Freitag, 20. Mai: Lesebühne Sax Royal zu Gast im Haus Schminke in Löbau

Sax Royal im Hygiene-Museum 2014Am Freitag (20. Mai) gastiert unsere Lesebühne Sax Royal erstmals in Löbau. Im Haus Schminke präsentieren wir ab 19 Uhr ein Programm mit einer Auswahl unserer schönsten und lustigsten Werke aus den letzten Jahren. Das Publikum darf sich auf Geschichten, Gedichten und Lieder zwischen Tiefsinn und Hochkomik freuen. Heitere Texte über den Wahnsinn des Alltags gehören ebenso zu unserem Programm wie satirische Angriffe auf die Weltordnung. Humoristischer Ausbruch und intellektueller Anspruch schließen sich dabei nicht aus, sondern finden zueinander wie die Faust und das Auge.

Vier Autoren sind mit dabei: Der gebürtige Löbauer Roman Israel lebt als freier Autor in Leipzig. Seine Geschichten und Gedichte zeichnen sich durch feine Beobachtungsgabe und grotesken Humor aus. Zuletzt erschien sein von der Kritik gelobter historischer Roman „Caiman und Drache“. Ebenfalls aus der Oberlausitz stammt Michael Bittner, den es inzwischen nach Berlin verschlagen hat. Er schreibt bevorzugt satirische Texte und ist in Sachsen auch als Kolumnist der Sächsischen Zeitung bekannt. Eine Auswahl seiner besten Geschichten erschien in dem Buch „Wir trainieren für den Kapitalismus“. Noch immer in Dresden lebt der Autor, Zeichner und Musiker Max Rademann. Der Sohn des Erzgebirges ist nicht nur komischer Chronist seiner Heimat, sondern schildert auch das Leben der Bohème mit philosophischem Witz. Besonders für die Lyrik bei Sax Royal zuständig ist schließlich der Dresdner Poet Stefan Seyfarth. Seine Gedichte sind vom Rap ebenso inspiriert wie von der Sächsischen Dichterschule.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 20. Mai | Freitag | 19 Uhr | Haus Schminke | Vorverkauf: 5 Euro, Abendkasse: 6/8 Euro

Donnerstag, 12. Mai: Unsere Lesebühne Sax Royal in der scheune

Sax Royal 2013_8 Christiane MichelIm Wonnemonat Mai beschenkt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal am Donnerstag, den 12.5., ihre Fans in der scheune wieder mit einem Blumenstrauß der Poesie. Der enthält rosige Liebeslieder ebenso wie dornige Pamphlete, dazu wie immer sehr bunte Geschichten, die querbeet alle Themen des Alltags auf heitere Weise behandeln.

Mit dabei sind folgende Stammautoren: Max Rademann, der Chronist des berauschenden Neustädter Nachtlebens, Michael Bittner, der in Berlin wohnende Kolumnist und Satiriker sowie Roman Israel, der kompromisslose Romancier und Lyriker aus Leipzig. Außerdem erwarten wir diesmal gleich zwei Gäste: Das ist zum einen der Leipziger Schriftsteller Hauke von Grimm. Hauke ist in seiner Heimatstadt Autor der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, einer der erfolgreichsten Lesebühnen Deutschlands. Seine Erzählungen sind u.a. in dem Buch Fracht (Edition PaperONE) erschienen. Als zweiter Gast beehrt uns sodann erstmals die junge Dresdner Autorin Sophia Güttler, die in ihren Texten Witz und Sprachakrobatik gekonnt verbindet.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 12. Mai | Donnerstag | 20 Uhr | scheune | Vorverkauf: 5 Euro, Abendkasse: 5/7 Euro

Die Sprachpolizei informiert (2): Gegen den Rant

Es ist dumm, Neuerungen abzulehnen, nur weil sie aus den USA stammen. Aber nicht jede Neuerung, die aus Amerika zu uns kommt, ist begrüßenswert. Seit einer Weile begeistert eine neue Textsorte namens „Rant“ das Internet. Benötigen wir dieses neue Genre? Kamen wir bislang nicht auch ganz gut mit Pamphlet, Polemik und Pasquill aus? Das Oxford Dictionary verrät, das Wort „rant“ bezeichne eine Tätigkeit folgender Art: „speak or shout at length in a wild, impassioned way“. Wer einen „Rant“ von sich gibt, der will also offenbar wüten und schimpfen. Mein altes Schulwörterbuch bietet eine Übersetzung an, die vielen Beiträgen im Netz sogar noch besser gerecht wird: „Phrasen dreschen“. Denn einige Autorinnen und Autoren nehmen das Wort wörtlich und verschriftlichen bloße Motzerei. Regelmäßig entspricht die Sorglosigkeit im Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik dabei der Schlampigkeit des Denkens. Solche Texte beweisen einmal mehr, dass es eben keine gute Idee ist, das Internet als Medium virtueller Mündlichkeit zu verstehen und im Netz so zu schreiben, wie man auf der Straße spricht.

Viele Beispiele könnte man zitieren. Ich wähle in unfairer Weise nur eines aus: Sebastian Bartoschek hat im Blog Ruhrbarone jüngst einen Beitrag mit dem Titel Wir sind die Irrelevanten! publiziert. Er beginnt so:

Ich halte es nicht mehr aus: die Rechtsradikalen sind europaweit auf dem Vormarsch. In Österreich die FPÖ, in die Deutschland die AfD, in Ungarn regiert bereits ein Viktor Orban und in Polen das PiS-Pack. Und was tun wir? Wir diskutieren über Gendersternchen, die vermeintlichen Gefahren von Freihandel und Veganismus. Es ekelt mich an – ich muss ranten. Oder damit die FAZ-Leser es auch verstehen: das hier wird ein übellauniger Kommentar.

Wer könnte diese Verzweiflung nicht nachfühlen? Aber zu welchen Schlüssen führt uns der Autor?

Die Dreckssäcke vom „Islamischen Staat“ ermorden Hunderte bei Terroranschlägen in Europa. Die Menschen haben Angst. Und wir diskutieren über den Islam. In Talkrunden, Kommentarspalten und Sozialen Medien. Analysieren, wägen ab, zeigen uns empört, sind überrascht, dass wir Muslime im Land haben, und stellen fest, dass Muslime Muslime töten. Statt ernsthaft etwas zu tun. Wir sind immer noch zu feige, gegen den Islamischen Staat vorzugehen. Weil der menschenverachtende Pazifismus der Wohlfühlboheme lieber tote Araberkinder in Kauf nimmt, statt selbst in einen schmutzigen Krieg einzusteigen.

Wie soll man diese Worte deuten? Sollen wir aufhören, differenziert über den Islam zu diskutieren? Und stattdessen endlich militärisch in den schmutzigen Krieg gegen den IS einsteigen? Weil, wer gegen einen solchen Krieg stimmte, für den Tod von Araberkindern verantwortlich wäre? Wird Sebastian Bartoschek sich bald freiwillig bei der Bundeswehr zum Auslandseinsatz melden? Nein? So waren die Worte gar nicht gemeint? Sie sollten überhaupt nichts Konkretes bedeuten, der Autor wollte nur ein bisschen „ranten“? Genau das hatte ich befürchtet.

Den argumentativen Zusammenhang von Sebastian Bartoscheks Beitrag zu rekonstruieren, erweist sich als schwierig. Womöglich hat er einen solchen Zusammenhang gar nicht erst konstruiert. So viel versteht man: Eine intellektuelle „Pseudoelite“ diskutiert über nebensächlichen Firlefanz wie Veganismus, Diskriminierung oder geschlechtergerechte Sprache, statt sich um die wirklich „großen Themen“ zu kümmern und auch „die Mehrheit der Deutschen“ und den „kleinen Mann“ anzusprechen. Wer nun aber nach handfesten, materiellen Ursachen für die beklagte „Spaltung“ der Gesellschaft sucht, der irrt. Die „soziale Gerechtigkeit“ ist nach Meinung des Autors nämlich nur ein „leerer Begriff“. Nein, das Problem ist das Sprechen, spricht Sebastian Bartoschek. Die Leute müssten einander endlich wieder zuhören und verstehen! Ob ihnen das früher je schon einmal gelungen ist, im Zweiten Weltkrieg, im Mittelalter oder im Paradies, bleibt leider ungeklärt. Ein Umbau der Gesellschaft ist jedenfalls nicht nötig. Die „radikale Linke“ weiß ja auch nur, wie man „Autos abfackelt oder Menschen bedroht“. Wir müssen aber versuchen, „die Herzen der Menschen zu gewinnen“. So sind wir am Ende glücklich bei der politischen Romantik angelangt. Sie wird in Deutschland seit Jahrhunderten von Autoren produziert, die nach unpolitischen Lösungen für politische Probleme suchen. Wenn sich doch die Menschen nur alle wieder lieb hätten! Die Welt wäre geheilt!

Da das Ergebnis auch den Autor unbefriedigt lässt, immunisiert er sich noch durch Selbstironie gegen Kritik: „Ich bin nicht besser.“ „Und noch eins: dieser Text bringt wahrscheinlich auch nichts. Ausser, dass ihr mir ein paar Minuten beim Schimpfen zuhören musstet.“ Nicht einmal hier können wir Sebastian Bartoschek ganz zustimmen: Wir mussten nicht zuhören, sondern lesen – das schmerzt noch mehr.

Der „Rant“ verführt viele Autorinnen und Autoren zu hysterischem Gezeter, Wutgeschnaube und Betroffenheitsgeheule. Von alldem haben wir aber schon genug. Eine gute Polemik erfordert genau das Gegenteil: gelassene Heiterkeit und Sorgfalt. Aufregung hilft nicht beim Schreiben, künstliche Aufregung erst recht nicht. Polemik erfordert außerdem Haltung. Wer nur verzweifelt und ratlos ist, der schweige besser. Und ein literarischer Angriff sollte sich immer auf ein konkretes Ziel richten. Wer alle anklagt, trifft keinen.

Aus den genannten Gründen plädiere ich dafür, die Textsorte „Rant“ wieder abzuschaffen.

Michael Bittner

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