Wie man nicht über die Sache streitet

Oft kommt man, im Internet oder im noch wirklicheren Leben, in die Verlegenheit, mit einem Andersdenkenden sprechen zu müssen. Solche Diskussionen bergen Gefahren. Man kann sich blamieren, weil man im Streit nicht recht behält. Oder man wird am Ende gar von den Argumenten des Gegners überzeugt. Um dies zu verhindern, haben sich eine Reihe von Kunstmitteln bewährt. Die zehn besten seien hier zum allgemeinen Nutzen vorgestellt:

Erklären Sie gleich vorneweg, die ganze Sache sei ohnehin unwichtig und nicht der Rede wert. Das gibt Ihnen die Möglichkeit, aus dem Gespräch auszusteigen, sobald es irgendwie brenzlig wird.

Behaupten Sie, es seien beide Meinungen gleich berechtigt, weshalb es gar keinen Zweck habe, über die eine oder über die andere zu diskutieren. Es habe eben jeder seinen Standpunkt und damit gut. So ein Unentschieden ist auf jeden Fall immer noch besser als eine Niederlage.

Versichern Sie Ihrem Gegenüber, es sei gar nicht fähig und würdig, über ein so wichtiges und komplexes Problem mitzureden. Es fehle doch erkennbar an Lebenserfahrung, an einem Abitur oder an einem Penis.

Reden Sie nicht über die Meinung Ihres Gegners, sondern über die Gefühle, die dessen Haltung bei Ihnen auslöst. Insbesondere schmerzliche Empfindungen geben Ihnen zweifellos das Recht, die Sache nicht weiter zu besprechen und als Sieger der Herzen das Schlachtfeld zu verlassen. Tränen lügen nicht.

Kritisieren Sie nicht die Argumente Ihres Feindes, unterstellen Sie ihm besser üble Motive. Weisen Sie ihm nach, dass er nur vom Neid angetrieben wird oder als bezahlter Agent finsterer Mächte agiert.

Wechseln Sie im passenden Moment das Thema, vorzugsweise zu einem, das dem Gegner unangenehm ist. Versucht dieser, Sie zurück zur Sache zu rufen, dann werfen Sie ihm vor, er habe wohl etwas zu verbergen und wolle im passenden Moment das Thema wechseln.

Reden Sie ausschließlich in unverständlichen Andeutungen, raunen Sie möglichst vieldeutig, sodass es Ihrem Kontrahenten unmöglich wird, Sie bei irgendeiner konkreten Aussage zu fassen. Werden Sie zum Mäuslein, das dem Jäger stets entkommt, weil es immer ein Schlupfloch in der Nähe findet.

Äußern Sie die Behauptung, auch Hitler, Stalin und Dieter Nuhr hätten in dieser Sache nachgewiesenermaßen die gegnerische Position vertreten, was deren Falschheit, ja Bösartigkeit schon zur Genüge beweise und jede weitere Diskussion überflüssig und sogar gefährlich mache.

Brüllen Sie so laut und ausdauernd Beleidigungen, dass die Stimme des Feindes nie zu hören ist. Halten Sie sich, wenn nötig, außerdem auch noch die Ohren zu. Der Feind wird nach einer Weile entnervt abwinken und verschwinden.

Hauen Sie Ihrem Gegner tüchtig auf’s Maul und laufen Sie dann ganz schnell davon.

Michael Bittner

Zitat des Monats Januar

Die Männer aus den Gesellschaftsklubs und die Arbeiter-Gruppe weichen in den mittleren F[aschismus]-Punktwerten nicht wesentlich voneinander ab. Das wird nur den überraschen, der alle wichtigen Unterschiede in den sozialen Verhaltensweisen aus der sozio-ökonomischen Gruppenzugehörigkeit zu erklären gewohnt ist, und der die Arbeiter als Hauptträger liberaler Ideen sieht. Natürlich wird ihnen auf Grund der gegebenen ökonomischen und sozialen Tatsachen die entscheidende Rolle im Kampf gegen die wachsende Konzentration wirtschaftlicher Macht zufallen, wenn sie im eigenen Interesse handeln, doch wäre es leichtsinnig, die Empfänglichkeit für faschistische Propaganda in diesen Massen zu unterschätzen. Aus unserer Sicht gibt es keinen Grund für die Annahme, die autoritären Strukturen, mit denen wir uns hier beschäftigen, seien innerhalb der Arbeiterklasse weniger stark entwickelt als in anderen Bevölkerungsschichten.

Erwähnenswert ist, als weiterer Aspekt des „funktionalen“ Charakters des Antisemitismus, daß wir häufig Angehörigen anderer Minderheiten mit stark „konformistischen“ Tendenzen begegneten, die ausgesprochen antisemitisch reagierten. Unter den verschiedenen Fremdgruppen war kaum eine Spur von Solidarität zu finden; vielmehr ist es die Regel, die „Last abzuschieben“, andere Gruppen zu diffamieren, um den eigenen sozialen Status in ein besseres Licht zu rücken.

Schon der beiläufige Blick in das Material genügte, um die Vermutung zu bestärken, daß die sozial Unterdrückten häufig eher dazu neigen, den Druck an andere weiterzugeben, als sich mit ihren Leidensgenossen zu verbünden.

Theodor W. Adorno in: ders., Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford: Studien zum autoritären Charakter (1950)

Julius & Micha bei radio eins

Jede Woche produziert seit einigen Monaten unser Julius Fischer gemeinsam mit dem Kollegen Sebastian Lehmann den Podcast „Zwei zu viel“ für radioeins. Gast der jüngsten Ausgabe vom 26.1.2017 war Michael Bittner. Er las seinen Text Das Lachen der Schweine, führte mit Julius ein Live-Hörspiel auf und plauschte mit beiden Gastgebern über die Weltlage. Wer die Sendung nachhören möchte, klicke einfach hier.

Donnerstag, 12. Januar: Die Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert 12. Geburtstag!

Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert am 12. Januar ihren 12. Geburtstag! Kaum zu glauben, aber wahr: Seit nunmehr zwölf Jahren begeistern die Royalisten allmonatlich in der Scheune ihr Publikum mit Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik. Humoristischer Ausbruch und literarischer Anspruch schließen sich dabei nicht aus, sondern finden zueinander wie Faust und Auge. Zur Feier des Tages präsentieren die Stammautoren nicht nur wie immer neue Texte, sondern auch einige ihrer größten Erfolge aus den vergangenen Jahren sowie diverse, voraussichtlich größtenteils positive Überraschungen.

Mit dabei ist Michael Bittner, der nach Berlin geflüchtete Kolumnist, Satiriker und politische Verzweiflungstäter. Nicht fehlen darf natürlich auch Julius Fischer, der aus Funk und Fernsehen bekannte komische Liedermacher und Hassyist aus Leipzig. Mitreißende Geschichten im Gepäck hat wie stets Roman Israel, der sich für seine Erzählungen immer öfter durch Reisen inspirieren lässt. Dafür, dass auch die Lyrik ihren gebührenden Platz erhält, sorgt der Dresdner Dichter Stefan Seyfarth.

Außerdem begrüßen die Stammautoren zum Jubiläum auch noch einen Stargast: Michael Schweßinger ist Schriftsteller und Bäcker. 1977 im fränkischen Waischenfeld geboren, lebt und arbeitet er momentan in Bukarest und Leipzig, wo er seit vielen Jahren in der Literaturszene als Autor und Verleger bekannt ist. Immer wieder treibt es ihn durch die Welt, so etwa nach Tansania, Irland und Rumänien. Immer unterwegs ist er auf der Suche nach den dunklen, geheimnisvollen, zerrissenen Helden und ihren verborgenen Geschichten.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – 12. Geburtstag | 12. Januar | Donnerstag | Einlass: 19:30 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr | Scheune | Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

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