Beim Betrachten eines Theaterplakats

Ein Künstler, der als “der bekannte Künstler” angekündigt wird, ist offenbar noch nicht so bekannt, dass man seine Bekanntheit als bekannt voraussetzen dürfte.

Briefe aus Berlin (3): Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst

Zufällig entdeckte ich in einer Zeitschrift den Hinweis auf eine Veranstaltung: „Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst.“ Ich strich mir den Tag rot im Kalender an. Durs Grünbein, der hochdekorierte Großdichter aus Dresden gemeinsam auf einer Bühne mit Jonathan Meese, dem berüchtigten Kunstprovokateur? Das wollte ich mir gerne ansehen.

Der große Saal des Hauses der Berliner Festspiele ist nur spärlich gefüllt, als ich in einen der gepolsterten Sessel sinke. Ein Manifest von Meese und ein Gedicht von Grünbein werden an die Bühnenwand geworfen. In beiden geht es um die Kunst, das Manifest ist stumpf und klar, das Gedicht rätselhaft und fragil. Die zwei Protagonisten betreten den Saal, freundlicher Applaus. Grünbein eröffnet die Pressekonferenz, er zappelt auf seinem Stuhl wie ein Schuljunge und verknotet immer wieder seine dünnen Beine unter dem Tisch. Jonathan Meese trägt eine schwarze Lederjacke, langes schwarzes Haar und verschiedene schwarze Sonnenbrillen, die er in kurzen Abständen wechselt. Er müsse viel leiden für seinen Einsatz für die Diktatur der Kunst, sagt Meese. Er sei auch einsam, denn er habe ja kaum Anhänger. Vor Jahren seien es drei gewesen, heute nur noch zwei. Niemand wolle ihm auf seinem Weg folgen. Und dann verliert Meese sich in eine Vision: Er ist auf einem Schiff unterwegs, einem Schiff der Kunst. Und von den Inseln locken ihn die Stimmen der Sirenen von Politik und Religion. Alle Freunde gehen einer nach dem anderen von Bord, er allein bleibt auf Kurs und der Kunst absolut treu.

Grünbein sagt, er habe noch nicht alles verstanden und stellt Nachfragen. Vor sich auf dem Tisch hat er Notizzettel ausgebreitet, offenbar hat er sich auf eine gemütliche Podiumsdiskussion vorbereitet. Aber Meese achtet nicht weiter auf die Fragen, sondern bricht gleich wieder in eine Predigt aus. Nach wenigen Sätzen schlägt seine etwas quäkige Stimme in Geschrei um. Es klingt, als versuchte Kermit der Frosch sich an einer Imitation von Adolf Hitler. „Der Kunst darf man sich nicht in den Weg stellen!“, brüllt er. „Die Diktatur der Kunst richtet sich gegen die Weltdiktatur der Demokratie! Alle Macht muss von der Kunst ausgehen, nicht vom Volk!“ Und dann zählt er auf, womit Kunst nichts zu tun haben dürfe: mit Politik, mit Religion, aber auch mit Individualität und Kreativität und Freiheit. Alle Parteien seien gleich scheiße, alle Religionen gleich überflüssig. „Bei den Tieren funktioniert es doch auch ohne! Tiere haben keinen Gott, Tiere gehen auch nicht wählen! Sie folgen ihrem Instinkt! Sie sind die wahren Künstler! So müssen wir auch der Kunst gehorchen! Die Kunst gibt Befehle und wir haben zu dienen! Niemand darf mehr wählen gehen, niemand darf mehr beten oder beichten! Das verbietet sich von selbst! Die Kunst ist versachlichte Führung! Das ist die neue Gesellschaftsordnung, die wir brauchen! Das ist doch geil! Das ist doch Wahnsinn! Ich verstehe nicht, warum das nicht alle so geil finden wie ich!“

Es gibt vereinzelte Klatscher im Publikum und vereinzelte Zwischenrufe, aber keine Empörung. Nur einige ältere Herrschaften verlassen den Saal – wahrscheinlich, weil ihr Held Durs Grünbein kaum zu Wort kommt. Der erzählt unterdessen eine Anekdote: Lady Gaga habe sich ein Zitat von Rilke auf den Arm tätowieren lassen, in dem es auch um den absoluten Anspruch der Kunst geht. Aber Meese ist überfordert damit, ein gewöhnliches Gespräch zu führen. Oder er hat keine Lust dazu. Eine junge Frau beschwert sich, dass Meese auf eine E-Mail nicht geantwortet habe. „Das muss ich auch nicht! Du sollst nichts fragen, du sollst strammstehen!“ Der Saal lacht. Dieser Meese hat auch einen unwiderstehlichen Lausbubencharme, der so gar nicht zum Diktator der Kunst passen will. Ist das vielleicht alles nur Spaß? Man weiß es nicht.

Entweder Meese ist die höchste Konsequenz der Avantgarde oder ihre Karikatur. Die Kunst ist ihm das Absolute, sie soll autonom sein und nur ihr eigner Zweck. Aber gleichzeitig soll an der absoluten Kunst auch die Welt genesen, die Realität soll Kunst werden. „Ich will, dass die ganze Welt eine Bühne wird“, sagt Meese. „Wenn heute diese Bühne, auf der wir sitzen, sich nur um fünf Zentimeter ausweitet, haben wir schon viel erreicht.“ Aber für Meese ist die Kunst nichts als die bewusstlose Ordnung der Natur, also liefe so eine Diktatur der Kunst auf die Abschaffung der Zivilisation hinaus. Was Meese sagt, ist so absurd, dass man es nicht ernst nehmen kann. Aber er sagt es mit einem Ernst, der keine Zweifel zulassen will. Meese nimmt einen Standpunkt ein, der so radikal ist, dass er nicht weniger als alles verwerfen kann. Und zugleich spielt er seine Rolle so naiv, dass ihm mit keinem vernünftigen Argument beizukommen ist.

„Es geht auch nicht um mich“, sagt Meese. „Ich habe keine eigene Kunst, ich diene der Kunst. In der Kunst etwas zu können, ist abträglich. Es gibt Leute, die sagen, ich könne gar nicht malen. Natürlich nicht! Warum auch?“ – „Sie sind aber auch arrogant!“, ruft eine Frau aus dem Publikum. „Nein, das kommt Ihnen nur so vor!“, ruft Meese zurück. „Ich muss hier ja auch meine Rolle spielen, damit mir überhaupt jemand zuhört.“ Grünbein will wissen, warum Meese sich denn zur Kunst berufen fühle. „Weil es so leicht ist!“, sagt Meese. „Es ist Instinkt. Malen ist wie Scheißen! Natürlich und notwendig.“

„Ich hab noch ein Geschenk für dich mitgebracht, Urs!“, sagt Meese irgendwann. „Ich meine: Durs – Urs, Durs, Schnurs, egal.“ Meese öffnet seine Tasche und holt zwei kleine Plüschtiere heraus, eine Grille und eine Mücke, die auf Knopfdruck Geräusche von sich geben. „So, und jetzt lese ich noch mein Manifest!“ – „Wollen wir das nicht vielleicht weglassen?“, fragt der sichtlich erschöpfte Grünbein zur Erleichterung des Publikums. „Nein, ich lese das jetzt!“, lehnt Meese ab. „Sie können ja gehen, wenn Sie wollen. Ich lese das ja nicht für Sie, sondern für die Kunst!“ Und so liest er sein Manifest, jeden Punkt mit sadistischer Lust an der Qual mehrfach wiederholend. Traubenweise verlassen Zuschauer den Saal. Als das verbliebene Publikum endlich mit einem stürmischen Schlussapplaus das Ende einfordert, hält Meese noch einmal die Plüschmücke ans Mikrofon und lässt sie summen: „Ist das nicht wahre Kunst?“

Eine kürzere Fassung dieses Berichts erschien bereits in der Sächsischen Zeitung. Der Autor dankt für die Möglichkeit zur Wiederveröffentlichung. Meine wöchentliche Kolumne in der Sächsischen Zeitung kann man immer am Sonnabend im „Magazin“ lesen.

Kunsttipp: „geteilt | ungeteilt“ + Gerhard Richters „Atlas“

Wer an den nächsten Wochenenden einen Spaziergang in die Altstadt unternimmt, kann zwei neue Ausstellungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden anschauen.

Im Albertinum wird im Saal für Gegenwartskunst die Schau „geteilt | ungeteilt – Kunst in Deutschland 1945 bis 2010“ gezeigt. Wie der Name schon sagt, besteht das Konzept darin, Werke von Künstlern der DDR und der BRD gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Wie meist in Dresden liegt ein Schwerpunkt auf der Malerei und wie immer in Dresden liegt ein anderer Schwerpunkt auf Dresden. Ein thematisches Konzept ist nicht so recht zu erkennen, aber viele einzelne Werke machen so viel Freude, dass man darauf ruhig verzichten kann. Da ich – wegen berufsbedingter Deformation – besonders Bilder mag, die etwas erzählen, gefiel mir das Gemälde „Der Verräter“ von Cornelia Schleime zum Beispiel besonders.

In der Kunsthalle im Lipsiusbau kann man gleich nebenan die in der Presse bereits vielfach vorgestellte Ausstellung „Atlas“ von Gerhard Richter sehen. Der zur Zeit wohl bekannteste deutsche Künstler hat das gleichnamige, bereits seit mehreren Jahrzehnten laufende Projekt auch schon andernorts ausgestellt. Zu sehen gibt es gleichsam zu Kunstwerken erhobene gesammelte Materialien aus der Werkstatt des Malers: Fotografien, Zeitungsausschnitte, Skizzen und Farbstudien, aus denen Richter später Bilder machte oder auch nicht. So kann man die Vorlagen zahlreicher weltberühmter Werke Richters entdecken, schockierende Kriegsfotos sind ebenso darunter wie amüsant banale Reklamemotive aus beliebigen Illustrierten. Das Betrachten der zahlreichen Serien von Landschaftsfotografien mit minimalen Differenzen dürfte auf manche Besucher eine hypnotische, auf andere eine bloß ermüdende Wirkung entfalten. Sympathisch ist es jedenfalls, dass Richter auch private Einblicke in sein Leben und seine Arbeit gestattet.

Noch ein Tipp für Interessierte: Studenten und andere Ermäßigungsberechtigte können zum Preis von nur 20 Euro eine Jahreskarte der Staatlichen Kunstsammlungen erwerben, mit der man dann fast 20 Museen in Dresden besuchen kann.

Kunsttipp: Neue Sachlichkeit in Dresden

Wenn ich hier in letzter Zeit öfter begeistert von ausschließlich schönen Sachen aus Kunst und Kultur berichte, so liegt das nicht daran, dass ich zunehmend alles toll finde, sondern dass mir immer mehr die Lust schwindet, mich mit beschissenem Zeug auch nur noch zu befassen. Außerordentlich lohnenswert ist hingegen die neue Ausstellung „Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner“, die die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Lipsiusbau zeigen. Glaubte man bisher, dass auf Grund der massiven Verluste durch Nazi-Vandalismus und Kriegsschäden eine Dokumentation dieser Dresdner Kunstepoche gar nicht möglich sei, beweist diese Schau mit ihrer geradezu überwältigenden Fülle das Gegenteil.

„Neue Sachlichkeit“ als Terminus für die Kunst und Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre ist wie alle Etikettierungen nicht unproblematisch. Deutlich lässt sich zwar eine Abkehr von metaphysischen Pathos des Expressionismus und ein allgemeiner Trend zur realistischen Auseinandersetzung mit der Realität wahrnehmen, doch zeigen sich innerhalb dieses Trends wieder deutlich voneinander abweichende Strömungen. Für eine Reihe von Künstlern ist die Abkehr vom Expressionismus vor allem ein ästhetisches Unternehmen, das in der Besinnung auf altmeisterliche Techniken der Malerei besteht. Besonders auf dem Gebiet des Porträts zeigen sich hier herausragende Leistungen. Eine andere Partei ordnet die Kunst als Waffe hingegen radikal der politischen Absicht unter: Die Mittel dieser – oft kommunistisch oder anarchistisch engagierten – Maler sind neben mitfühlendem Realismus vor allem Groteske und Satire. Das Proletariat wird in der Würde der Armut und Arbeit gezeigt, das Bürgertum hingegen in der Unwürde unverdienten Reichtums. Militärs, Kapitalisten und die Repräsentanten der aufkommenden Nazi-Bewegung werden karikiert.

Im Werk von Otto Dix, dem wohl bedeutendsten in der Ausstellung vertretenen Maler, überschneiden sich beide Richtungen. Daneben beeindruckt natürlich auch nicht minder George Grosz. Aber auch weniger bekannte Maler, von deren Frühwerk oftmals nur noch wenige Bilder erhalten sind, kann man hier erstmals oder zumindest aus neuer Perspektive entdecken, so Otto Griebel, Hans Grundig, Wilhelm Lachnit, Bernhard Kretzschmar, Curt Querner, Rudolf Bergander und Willy Wolff.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 08. Januar 2012.

Kulturtipp: „Dresden plakativ!“ im Stadtmuseum

Eine Ausstellung unter dem Titel „Dresden plakativ!“ kann man noch bis zum 3. Oktober im Stadtmuseum am Pirnaischen Platz besuchen – und sollte dies bei ausreichender Muße meiner Meinung nach auch tun. Die sehenswerte Schau zeigt Plakate aus der Zeit vom Kaiserreich bis zum Jahr 1990. Einbezogen sind sowohl Reklame als auch politisches Plakat. Drollige kulturhistorische Relikte („Der Bär auf dem Pferde!“ im Zirkus Sarrasani) erlauben einen nostalgischen Blick zurück. Material aus dem Meinungsschlachten der Weimarer Republik wie Propagandaplakate aus zwei Weltkriegen bieten Anschauungsmaterial für politisch Interessierte. Erstaunlich zum Beispiel folgender Slogan: „Dresden ruft: Nie wieder Ami-Bomben auf unsere Städte!“ Er stammt nicht, wie man denken könnte, von der NPD, sondern aus Zeiten der Sozialistischen Einheitspartei. Den Abschluss bilden selbstgemachte Amateur-Plakate und Spruchbänder aus der Zeit der Revolution von 1989/90. Der Besuch lohnt sich in jedem Fall – ganz besonders übrigens vielleicht für Grafiker, die sich hier bestimmt die eine oder andere gestalterische Idee ausleihen könnten.

„Dresden plakativ!“ | Stadtmuseum (Wilsdruffer Straße 2) | Di bis So 10-18 Uhr Fr 10-19 Uhr | Eintritt 4 Euro / erm. 3 Euro

Gedenkausstellung für Alice

Es war, wenn ich mich recht entsinne, im Jahr 2009, als ich in der Galerie Treibhaus eines Abends Reisegeschichten las. Die Reihen waren schon ganz gut gefüllt, aber meine Stimmung hellte sich endgültig auf, als eine ältere Frau den Raum mit schweren Schritten betrat: „Alice“. Der Besuch dieser stadtbekannten kulturaffinen Oma galt schließlich als Auszeichnung für jede Veranstaltung. Obwohl sie sich damals schon nur noch mit Mühe fortbewegen konnte und beinahe für jeden Schritt Hilfe zu brauchen schien, ließ sie es sich noch immer nicht nehmen, beinahe täglich bei einer Kulturveranstaltung aufzutauchen, sich freien Eintritt zu verschaffen und anschließend konzentriert bis zum Ende zu lauschen. Ich begann zu lesen. Als ich einen englischen Satz aussprach, rief sie aus der ersten Reihe: „Und was heißt das jetzt?“ Ich hatte in einer Geschichte einen Dänen originalgetreu die ganze Zeit Englisch reden lassen, um mich – Geck, der ich bin – als literarischen Kosmopoliten auszuweisen. Nun musste ich beim Vorlesen synchron den halben Text zurück ins Deutsche übersetzen, was mich ganz schön ins Schwitzen brachte. Nach der Lesung stellte Alice freundlich einige Fragen und erzählte dann selbst davon, wie enttäuscht sie darüber gewesen sei, dass trotz ihrer vielen Bekanntschaften jüngst beinahe niemand sich bei ihr gemeldet oder sie besucht hatte. (War es ihr Geburtstag? Oder Weihnachten? Ich weiß es nicht mehr.) Es mag sein, dass dies das Los von sogenannten „Originalen“ ist, von vielen lächelnd auf der Straße erkannt zu werden, aber wenige wirkliche Freunde zu haben.

Wie erst nach geraumer Zeit bekannt wurde, ist Alice inzwischen gestorben. Der Dresdner Künstler Lutz Fleischer hat eine liebevolle Gedenkausstellung mit Fotos, Videos, Erinnerungen und Installation organisiert, die ich zum Besuch empfehlen möchte. Die Ausstellung befindet sich in den schönen Räumen der Galerie Adam Ziege (Louisenstraße 87). Sie ist nur noch bis zum 10. September immer zwischen 16-20 Uhr zu sehen.

Mehr zu Alice von Leuten, die sie wirklich kannten, findet man auf dieser Seite.

Kulturtipp: Krautwaldfabrik

Meiner ehemaligen Heimat Pieschen wird ja schon seit zwei Jahrzehnten vergeblich eine große Zukunft als Szeneviertel prophezeit. Doch obwohl schon eine ganze Menge Studenten, Künstler und sonstige Frontkämpfer der Gentrifizierung ins sanierte Arbeiterviertel gezogen sind, bleibt der ganz große Durchbruch bisher aus. Annehmbare Lokale beispielsweise sucht man immer noch fast vergebens. Aber immerhin ist in den letzten Jahren gerade auf dem Gebiet der Kunst doch einiges passiert. Der Kunstraum Geh8 beispielsweise hat sich ja inzwischen schon fest etabliert. Nun kommt mit der Krautwaldfabrik ein weiterer, leider wohl nur temporärer (1.6. bis 31.10.) Ort für Ausstellungen hinzu. Die Initiative Metropole Pieschen hat die Zwischennutzung einer herrlichen Halle organisiert, in der bis Herbst Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Partys stattfinden sollen. Ursprünglich als Festsaal konstruiert, dann als Fabrik für Verpackungen betrieben, strahlt das inzwischen leise verfallende Gebäude einen merkwürdig aus Prunk und Funktionalität gemischten Charme aus. Zur Zeit läuft eine Ausstellung namens „BRO.T.“. Wie immer bei Konzeptausstellungen sollte man sich um die Erklärung des Konzeptes möglichst wenig kümmern und sich lieber die Kunstwerke anschauen. Und da gibst viel Schönes zu entdecken, zum Beispiel ein sonderbares Besteckkarussell von Wouter Mijland und noch viele Zeichungen, Gemälde und Objekte von anderen Künstlern mehr.

Um Eintritt zu erhalten, wird man für 1 Euro Mitglied des Krautwald-Klubs und darf dafür sämtliche kommende Veranstaltungen besuchen. Adresse: Torgauer Straße 38. Von der Neustadt aus einfach mit Linie 13 bis Bürgerstraße oder Rathaus Pieschen.

Gedanken beim Gang durchs Szeneviertel

Es flimmert einem vor den Augen, kaum einen Quadratzentimeter haben die Plakatkleber frei gelassen. Gelegentlich sieht man eine ganze Plakathaut, von einer Laterne gerutscht oder einer Wand geblättert, unzählige Schichten übereinander wie Jahresringe. Und ich denke: All diese hoffnungsvollen Bands – für wen spielen sie? Die unzähligen Künstler – wer soll ihre Bilder kaufen? Diese ambitionierten Amateurtheater – wer wird sich ihre Aufführungen anschauen? In Berlin scheint Beuys‘ Kitschgedanke, jeder Mensch sei ein Künstler, auf schreckliche Weise verwirklicht. Gibt es auf diesen Straßen irgendjemanden, der kein Projekt plant, kein Demotape in der Tasche trägt, kein Vorsprechen am nächsten Morgen hat? Bestünde die Welt nur noch aus Kreativen, wer bliebe noch übrig, um die undankbare Aufgabe zu meistern, als Publikum zu dienen? (Künstler selbst sind gewöhnlich ja die letzten, die sich für das Schaffen anderer Künstler interessieren.)

Der Mythos des Künstlertums hat offenbar nichts von seiner Anziehungskraft auf junge Menschen verloren. Woran liegt’s? Es scheint so, als wäre der Glaube immer noch verbreitet, Kunst sei als zweckfreies Schaffen ein Fluchtweg aus der gesellschaftlichen Misere ringsum. Eine Möglichkeit der sogenannten Selbstverwirklichung jenseits von Bachelor und Praktikum und PowerPoint. Ein richtiges Leben im falschen. Als wäre das Leben nichts wert, wenn man es nicht schaffte, sich selbst als Ausnahme von der Regel zu inszenieren. Uns so sitzen sie in ihren Cafés, einer individueller als der andere. Ihre Variante der prekären Existenz heißt nicht Hartz 4, sondern Indie-Rock oder Poetry Slam.

Gegen drei Uhr nachts spielt im Habermeyer unaufgefordert ein junger Mann aufdringliche Songs auf der Gitarre. Er hat ein halbes Dutzend Begeisterte gleich mitgebracht, die nach jedem Lied energisch klatschen wie Parteigenossen nach einer Rede Stalins. Ihre bösen Blicke treffen alle, die nicht mittun wollen. Am Ende geht der Künstler mit einem Hut herum. Ich gebe ihm nichts.

Es könnte sich rächen. Vielleicht stehe ich demnächst mit einem leeren Hut vor ihm.

Kunsttipp: Goodbye London in der Motorenhalle

Lange ist’s her, dass ich das letzte Mal den gerade rund um den scheußlichen Bahnhof Mitte recht trüben Stadtteil Friedrichstadt besuchte. Dabei sollte natürlich das Kulturzentrum riesa efau eigentlich öfter eine Reise wert sein, aber meistens siegt bei mir wie wohl bei den meisten Neustädtern die Faulheit über die Neugier. Und die legendäre „Offene Lyrikbühne“ im Keller des riesa gibts ja leider schon lange nicht mehr. Nun machte ich mich aber doch mal wieder auf den Weg, diesmal zur Motorenhalle, wo zur Zeit die Ausstellung „Goodbye London. Radical Art and Politics in the Seventies“ läuft. Kuratiert wurde die Ausstellung von einer Projektgruppe der NGBK: Boris von Brauchitsch, Peter Cross, Astrid Proll, Jule Reuter und Thomas Röske.

Die siebziger Jahre waren in Großbritannien die Zeit einer ökonomischen Krise und eines politischen Kampfes, der vorläufig mit dem Sieg der Konservativen bei der Wahl 1979 endete. Die neoliberale Ära Margaret Thatchers begann. Im gesellschaftlichen Bereich verzeichneten gleichzeitig aber die sozialen Bewegungen der Feministinnen, Homosexuellen und ethnischen Minderheiten auch große Erfolge. Die Schau zeigt, wie politische Künstler – vor allem mit den Medien Foto, Film und Plakatkunst – versuchten, in die gesellschaftlichen Diskussionen einzugreifen. Die zeitgeschichtliche Bedeutung dürfte bei den meisten Exponaten den ästhetischen Wert überwiegen. Aber das ist wohl das Schicksal aller engagierten Kunst. Noch immer lebendig wirken dabei vor allem jene Werke, die in dadaistischem und anarchistischem Geist (ja, die Epoche des Punk ist es ja auch!) die soziale Kontrolle subversiv in Frage stellten. Bitterernste Plakate mit Lenin-Zitaten über die Ausbeutung in der dritten Welt oder den amerikanischen Imperialismus hingegen können nicht mehr so recht fesseln und wecken als historische Dokumente bestenfalls sentimentale Gefühle für eine Zeit, in der die Fronten noch klarer schienen. Es gab tatsächlich mal so etwas wie eine Arbeiterklasse! Die davon überzeugt war, durch Streiks, Demonstrationen und Hausbesetzungen an nichts weniger als der Abschaffung des Kapitalismus zu arbeiten! Heute kaum noch zu glauben.

Resümee: Eine sehenswerte Ausstellung für alle Freunde politischer Kunst und alle Freunde der englischen Kultur.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. April. Di-Fr 16-20 Uhr, Sa 14-18 Uhr. 22.04. und 23.04. geschlossen. Führungen Sa 9.04., 16.04., 30.04., jeweils 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Wohlwollendes in der DNN

Oder müsste ich schreiben „in den DNN“? Na ja, weeßsch och ni. Auf jeden Fall durchdrang mich heute wirklich mal ein Wohlgefühl beim lesen dieses Rückblicks. Und ja, verdammt, es war eben wirklich ein wunderbarer Abend. Da steigert sich die eh schon vorhandene Lust, weiterhin kreative Energie in das Projekt *Dienstagssalon*zu pulvern.
Wie gesagt, als nächstes kommt die Musikkapelle „Garda“, deren Protagonisten ihre Musik selber als Experimental / Folk und Happy Hardcore beschreiben.
Auch für diesen Abend wird ein Masterplan entwickelt, so dass mehr zu erwarten ist, als einfach nur ein Konzert. Vielleicht wird der eine oder andere Zuschauer plötzlich aktiv ins Geschehen eingebunden!? Vielleicht wird neben dem Equipment von Garda noch eine Vermona-Orgel stehen? Wird auf der Couch Sekt getrunken, oder vielleicht heisse Milch?
Eines ist sicher, auch das nächste Mal wird die Salonatmosphäre alles, was da geschehen mag, angenehm durchdringen.

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