Früher war’s besser! Selbst ich kann es nicht vermeiden, diesen eigentlich verbotenen Satz gelegentlich auszusprechen. Eine traurige Gelegenheit war am Freitag der Besuch bei der Eröffnung der Ostrale 2010. Wer sich an die erste Ausgabe der Kunstschau erinnert, wird noch wissen, auf welch witzige und faszinierende Weise sich da junge Künstler die wüsten Räume des alten Schlachthofgeländes im Ostragehege angeeignet hatten. Diesmal war alles gut organisiert. Wieso man trotz dutzender öffentlicher Förderer und Sponsoren, die das Programmheft pflichtschuldig auflistet, einen Eintritt von 14 Euro (ermäßigt: 7) für eine Kunstveranstaltung verlangen muss, mögen die Veranstalter erklären. Über dem Eingang schwang eine Kunstfigur in Anspielung auf ein berühmtes Foto vom Ende des letzten Krieges eine rote Fahne, aber das war wie so vieles nur Dekoration. Laut Selbstbeschreibung der Veranstalter sollte der Fokus der Ausstellung “auf den provokativen Umgang mit Themen der aktuellen weltwirtschaftlichen und ideologisch gesellschaftlichen Entwicklung gesetzt” werden. Ich habe ungefähr die Hälfte der wieder einmal gigantomanischen Schau angesehen und nichts politisches, geschweige denn etwas provokatives entdecken können. Vielleicht kein Wunder bei einer Ausstellung, die “Kunst als Kapital [...] einer neuzeitlichen Gesellschaft” etablieren will und sich in ihrer Selbstanpreisung darauf einlässt, sich als modernes Stadtmarketing zu verkaufen. Zu sehen gab es vor allem Kunstgewerbe. Man muss die Kuratoren fragen, wie es passieren kann, dass man allein schon in einem Gebäude fünf Mal auf denselben Einfall stößt: Eine Installation mit hunderten Dürer-Händen neben einer Installation mit hunderten schwebenden Scherben neben einer Installation mit hunderten Schuhen an Fäden neben einer Installation mit hunderten Steinen an Fäden neben einer Installation mit hunderten Kunstblumen. Riesige Fleißarbeiten, die einen einzigen Einfall durch Masse zum Überwältigungseffekt erheben wollen. Es gibt auch witzige und schöne Dinge zu entdecken, z.B. ein Orchester aus Haushaltsgeräten, das zur vollen Stunde eine eigene Symphonie spielt. Aber die Zahl der Entdeckungen war in diesem Jahr bei der Ostrale so klein wie noch nie. Und das nicht nur für mich, wie ich im Gespräch mit anderen Besuchern feststellte. Seltsam auch, dass außer einem endlosen Soundcheck nirgends Spuren einer wirklichen Eröffnungsparty zu finden waren. Als ich wieder ging, fluchte neben mir ein anderer Besucher: “Dafür habe ich nicht 14 Euro bezahlt!” und fuhr davon, vermutlich auf Nimmerwiedersehen.
Dass das Hechtfest die bessere BRN ist, scheint sich inzwischen weit herumgesprochen zu haben. Nach dem verregneten Freitag strömten jedenfalls gestern die Menschen in die Straßen des Hechtes. Es herrschte eine ausgesprochen angenehme Atmosphäre, wie ja überhaupt das Hechtviertel in den letzten Jahren sehr an Attraktivität gewonnen hat. Das nennt man wohl sanfte Gentrifizierung. Vielleicht findet sich auch eine lokale Indie-Pop-Band, die einen entsprechenden Hit namens “Gentrify me softly” komponiert. Nur eins muss ich beanstanden: Im neuen Quartier der outgesourcten Jungen Union (“Bündnis 90 / Die Grünen”) gab es zwar Kunstpornos auf Großbildleinwand und eine Polka-Disko, aber statt Rotwein den scheußlichsten Fusel, den ich seit langer, langer Zeit getrunken habe. Liebe Grüne! Eurer Verrat an der Arbeiterklasse macht mir längst keine Kopfschmerzen mehr, leider aber euer “Wein”!
Am Mittwoch, den 28. Juli, lese ich ab 20 Uhr auf Einladung der Dresdner Künstlerin Christine Schiewe als Gast in ihrer Ausstellung “WIR WERDEN VERFOLGT” in der Galerie Grafikladen (Weißer Hirsch, Plattleite 66, Straßenbahnlinie 11). Es gibt einige artistisch verfremdete Gedichte der Künstlerin selbst zu hören, dazu einige meiner Versuche und Geschichten, die sich auf hoffentlich amüsante Weise dem Thema “Verfolgung” zumindest entfernt nähern werden. Die Ausstellung ist übrigens sehr sehenswert, sie beschäftigt sich mit verschiedenen Spielarten der Überwachung, unter anderem am Beispiel der Staatssicherheit, aber ohne moralischen Impetus, dafür mit Witz und ungewöhnlichen Einfällen.
Sich mit wenig Raum zu begnügen, kann schwieriger sein, als ganze Bände zu füllen. Wo Platz nur begrenzt zu finden ist, da kommt es auf Konzentration, Intensität und treffende Pointen an. Drei junge Dresdner Autoren stellen sich der Herausforderung, Poesie in nur 160 Zeichen zu packen. Zur aktuellen Ausstellung “Welt in der Hand” des Dresdner Kunsthauses stellen sie in einer Lesung mit dem Titel SMS-Lyrik ihre Kürzestgedichte, aber auch andere Texte dem interessierten Publikum vor und versprechen Kurzweil der literarischen Art. Mit dabei sind unsere beiden Royalisten Roman Israel und Stefan Seyfarth sowie Moritz 7 von der Lesebühne Lettermen.
SMS-Lyrik | 15. April | Donnerstag | 19 Uhr | Kunsthaus | Rähnitzgasse 8 (beim Goldenen Reiter) | AK 2 Euro
Eine kleine, aber repräsentative Ausstellung des Werkes der Fotografin Evelyn Richter kann zur Zeit im Loschwitzer Leonhardi-Museum betrachtet werden, was hiermit dringlich empfohlen sei. Zu sehen gibt es natürlich einige jener Schwarzweißfotografien aus dem Alltag der DDR, mit denen die Fotografin besondere Bekanntheit erlangte. Die Bilder konterkarieren das Bau-Auf-Pathos der offiziellen Propaganda, verfallen dabei aber nicht in sentimentale Bebilderung der Tristesse, sondern zeichnen sich durch hintergründigen Witz aus. Von großem Einfühlungsvermögen zeugt eine Serie von Porträts bekannter Persönlichkeiten vornehmlich aus dem kulturellen Leben des Ostens. In einer weiteren Serie sind Bilder ausgestellt, auf denen die Fotografin neben ihrem Objekt zugleich sich selbst als Fotografierende in Szene setzt. Und im Obergeschoss kann man schließlich ihre bebilderte Leidenschaft für die Musik nachvollziehen. Evelyn Richter bezeichnet sich übrigens lieber als Dokumentaristin denn als Kunstfotografin – mit der schlagenden Begründung, der letztere Begriff erinnere sie an Kunsthonig.
Die Ausstellung läuft bis 5. April. Der Eintritt kostet ermäßigt 2 Euro. Öffnungszeiten: Di-Fr: 14-18 Uhr, Sa-So: 10-18 Uhr.
Gestern Nacht erreichte mich folgender Aufruf. Den vielen Jungautoren unserer stolzen Nation, besonders den 11-jährigen, lege ich dringend ans Herz, diesem Folge zu leisten:
Odenwald-Krimiwettbewerb
Kurzkrimi zum Thema “Totholz“ (für Erwachsene und Jugendliche); bis zum 1. März 2010 einzureichen. Dotation: Jugendliche (11-17 J.) können auf Bücher und Überraschungsgutscheine (kein Shit) hoffen!!! Erwachsenen winken als 1. Preis: 2.000 Euro; als 2.: ein Wochenendausflug für zwei Personen ins Hotel Zentlinde in Mossautal-Güttersbach. Der 3. bekommt immerhin noch ein Candlelight-Dinner für 2 Personen spendiert. Außerdem gibt es viele attraktive Sachpreise zu gewinnen, u.a. Motorsägenkurse, Stirnlampen etc.!!!

(Da auch ich seit längerem auf eine ordentlich funktionierende Stirnlampe spekuliere, machte ich mich selbstverständlich sofort an die Arbeit. Dringend erforderlich erschien mir allerdings ein Motorsägenkurs zu sein, den es eigentlich erst zu gewinnen galt, denn wie sollte ich sonst die vielen kleinen Details meiner spontan ausgedachten Geschichte realistisch beschreiben können. Zum einen wusste ich nicht, ob es theoretisch möglich war, mehrere übereinandergestapelte Leichen mit einem einzigen Motorsägenhieb in mundgerechte Stücke zu teilen zum anderen kannte ich mich wenig damit aus, wie man mit kleiner Motorsägeleistung möglichst wenig Lärm und Dreck verursachte, ohne gleich sämtliche Mieterparteien aufzuwecken. Eine durch und durch vertrackte Situation. Wäre ich in der Lage, sie in den Griff zu bekommen? Nur die Menschen der Zukunft wissen schon jetzt, ob alles gutgegangen ist. Ich bin untröstlich.)
Wer absolut noch keinen Plan hat, was er der oder den Liebsten vor Schreck schenken soll, dem seien noch einmal folgende tolle Produkte vor Augen geführt, die sich ideal als Weihnachtsgeschenke eignen:
Ganz frisch aus dem Druck und nur für kurze Zeit erhältlich ist ein Kalender für 2010 mit meinen neuesten Gedichten und Grafiken von INKO. Die Stückzahl ist begrenzt. Erhältlich nur bei DaWanda und bei unserer morgigen Lesebühne.
Des weiteren möchte ich auf die Postkartenserie „Rotes Giräffchen“ hinweisen. Sieben verschiedene Motive mit Grafiken von INKO und meinen lyrischen Klassikern wie „Marx“, „Eichhörnchen“ und „Rotes Giräffchen“. Zu haben auch als Drucke in Bilderrahmen. Erhältlich bei Buttendorf Handgefertigtes (Kamenzer Str. 17, DD-Neustadt), bei UBO Geschenkeladen (Görlitzer Str. 32, DD-Neustadt), Büchers Best (Louisenstr., DD-Neustadt), art+form (Bautzner Str. 11, DD-Neustadt), DaWanda und bei unserer Lesebühne.
Und zu guter Letzt sei noch das kleine Büchlein „Fotoepigramme“ mit Fotos von Christiane Michel und meinen Texten genannt. Es sind nur noch einige wenige Bücher übrig. Erhältlich bei Büchers Best (Louisenstraße, DD-Neustadt) oder bei unserer Lesebühne.
Viel Spaß beim Überlegen und Stöbern!
Zum ersten Mal war ich heute in dem glasstählernen Geschäftsbau mit dem sinnigen Namen “Prager Spitze” und schaute hinab auf das Treiben der Dresdner Passanten vor dem sagenumwobenen “Wiener Loch” vor dem Hauptbahnhof und dem abstoßend eckigen “Kugelhaus” gleich nebenan. Was hatte ich da zu suchen? Ich ward beglückt und begeistert von der Ausstellung unter dem Titel “OHNE UNS!“, die ebendort noch bis zum 17. Januar zu sehen ist. Genau genommen sah ich nur ein Viertel der Ausstellung, drei andere Teile gibt es nämlich noch in der Motorenhalle, dem Rathaus und der Gedenkstätte Bautzner Straße zu sehen. Aber was allein in der Prager Spitze ausgestellt ist, reicht auch so schon für einen ganzen Tag.
Die Ausstellung gibt zum ersten Mal einen umfassenden Überblick zur alternativen Kunst und Kultur in Dresden vor und nach 1989. Bilder, Plastiken, Installationen, Kunstzeitschriften, Künstlerbücher, Fotos, auf Video festgehaltene Performances – eine Unmenge von Exponaten ergeben ein äußerst lebendiges, geradezu überwältigendes Bild der Dresdner Kunstszene, die insbesondere in den siebziger und achziger Jahren neben Berlin und Leipzig die wichtigste in der DDR war. Indem die Ausstellung löblicherweise nicht mit dem Mauerfall endet (und auch osteuropäische Künstler zum Vergleich heranzieht), kann sie sichtbar machen, dass Unangepasste in jedem politischen System versuchen, gegen den Zwang der Gewöhnlichkeit anzugehen. Zugleich zeigt sich, dass die künstlerischen Themen sich durch den Systemwechsel weniger stark verändert haben als man vermuten könnte: Kritik an Bürokratie und Leistungswahn, Umweltverbrauch und öffentlicher Überwachung scheinen nach wie vor aktuell. Wer in der Opposition der DDR vom besseren Sozialismus träumte, für den bedeutete der real existierende Kapitalismus ein eher böses Erwachen.
Der Besucher findet verschiedenste Künstler in der Schau vereinigt. Einige Räume sind jenen Avantgardisten gewidmet, die die Tradition der klassischen Moderne nicht dem sozialistischen Realismus opferten und so an eine jüngere Generation weitergaben. Sodann gibt es damals untergründige, heute renommierte Künstler wie zum Beispiel Cornelia Schleime, die in einer Serie auf amüsante Weise die Spießbürgerlichkeit der Verfasser ihrer Stasi-Akten offenlegt. Das Spektrum reicht sodann bis zur aktuellen Gegenwartskunst von Jan Brokof, dem es zeichnerisch die formale Klarheit ostdeutscher Plattenbauten angetan zu haben scheint. Zu finden sind auch Werke von Protagonisten, die wie der Künstler und Lebenskünstler Lutz Fleischer ihrer Heimatstadt treu geblieben sind. Ein bisschen Wehmut wird bei Spätgeborenen der auch hier wieder höchst anschaulich gemachte Mythos vom Szeneviertel Äußere Neustadt auslösen.
Die ausgestellte Kunst der ostdeutschen Avantgarde mag formal teils auf den schon vor dem Krieg erfundenen Mitteln der künstlerischen Moderne, teils auf den aus Westdeutschland importierten Mitteln der Aktionskunst beruhen – in der Art, wie sie auf die herrschenden Verhältnisse angewendet wurde, erscheint sie auch heute noch als außerordentlich reich, sinnlich, politisch und sexy. Braucht die Kunst die Diktatur? Nicht um gelungen, aber vielleicht um relavant zu sein? War sie jemals relevant? Kann man in einer permissiven Gesellschaft darum alles sagen, weil sowieso keiner zuhört? Ich weiß es nicht.
Dem großen Zufall war es zu verdanken, dass ich vorgestern die Prag Biennale noch vor ihrer Vernissage erleben durfte. Zirka drei Stunden zu früh eingetroffen, wurde ich am Einlass gefragt, ob ich auch ein Künstler sei, und als ich mit dem fiesesten aller Blicke das Wachpersonal von meiner außerordentlichen Wichtigkeit überzeugen konnte, ließ es mich gutgläubig passieren.
Die Prag Biennale findet bereits zum vierten Mal statt. Wer es mir gleichtun und sie besuchen möchte, findet das Ausstellungsgelände nur zwei Metrostationen vom Altstädter Ring entfernt im Stadtteil Karlìn. Ein altes Fabrikgebäude dient als Unterschlupf für die Werke hochinteressanter Künstler aus nahezu der gesamten Welt, besonders aber aus Osteuropa, Italien und Südostasien. Die Biennale zeigt vor allem Neuheiten im Bereich der Malerei, seltener sind Videokunst und Plastik. Angekoppelt ist darüber hinaus erstmalig die Biennale Foto. Continue reading Kunsttipp: Prag Biennale 2009…
Nicht nur in der Motorenhalle des Riesa Efau, sondern in der ganzen Friedrichstadt läuft noch bis zum 18. April eine Ausstellung unter dem Titel “Muralismo morte“. Gestern fand die außerordentlich gut besuchte Eröffnung statt. Meine in der Kunstgeschichte höchst bewanderte Liebste belehrte mich darüber, dass es hier nicht um den toten Moralismus gehe, wie ihrem in der Philosophie mehr schlecht als recht bewanderten Freund schwante. “Muralismo” bezeichnet vielmehr die Bewegung der modernen Wandmalerei im öffentlichen Raum. Eine ganze Reihe von Künstlern hat nicht nur die Motorenhalle, sondern auch verlassene Abbruchhäuser im Stadtteil mit ihren Malereien beglückt. Dabei sind die Motive nicht plakativ politisch, wie man annehmen könnte, sondern eher verspielt, fantastisch, comichaft, surreal, arabesk.
Man kann nicht nur die Motorenhalle besuchen (Di-Fr 16-20 Uhr, Sa 14-18 Uhr), sondern sich auch für Rad-Touren zu den Abrisshäusern anmelden oder als Künstler an Workshops teilnehmen.
Einigermaßen gespannt kann man auch darauf sein, was uns am morgigen Datum, dem 28.02. um 19 Uhr, fünf junge Künstler in der [doppel de] Galerie (Buchenstraße 16 A) präsentieren werden. Normalerweise findet dort die Vernissage immer am Ersten des Monats statt. Diesmal jedoch gleich als Doppelpack. Nämlich wie schon erwähnt morgen und extra noch einmal – dann wie gewohnt – am 1. März, zur gleichen Zeit. Welches Geheimnis sich hinter dieser zweifachen Eröffnung verbirgt, das wird man wohl nur erfahren, wenn man beide Male dort auftaucht. Gehört es zum künstlerischen Konzept? Wird es identisch sein, was man da erlebt? Wird es sich unterscheiden wie der Fisch vom Fahrrad? Ich habe was von einer Performance munkeln hören. Diese gibt´s auf alle Fälle zum ersteren Termin und man weiß nicht ob es dabei bleibt. Jedenfalls sind Künstlerperformances ja immer in irgendeiner Form ein Schmankerl! Ob man uns schocken will? Oder gar nachdenklich stimmen? Ich bin mir sicher, die fünf jungen Herren, allesamt übrigens Studenten an der hiesigen HfbK, werden mit einigen Überraschungen aufwarten.