Wohlwollendes in der DNN

Oder müsste ich schreiben „in den DNN“? Na ja, weeßsch och ni. Auf jeden Fall durchdrang mich heute wirklich mal ein Wohlgefühl beim lesen dieses Rückblicks. Und ja, verdammt, es war eben wirklich ein wunderbarer Abend. Da steigert sich die eh schon vorhandene Lust, weiterhin kreative Energie in das Projekt *Dienstagssalon*zu pulvern.
Wie gesagt, als nächstes kommt die Musikkapelle „Garda“, deren Protagonisten ihre Musik selber als Experimental / Folk und Happy Hardcore beschreiben.
Auch für diesen Abend wird ein Masterplan entwickelt, so dass mehr zu erwarten ist, als einfach nur ein Konzert. Vielleicht wird der eine oder andere Zuschauer plötzlich aktiv ins Geschehen eingebunden!? Vielleicht wird neben dem Equipment von Garda noch eine Vermona-Orgel stehen? Wird auf der Couch Sekt getrunken, oder vielleicht heisse Milch?
Eines ist sicher, auch das nächste Mal wird die Salonatmosphäre alles, was da geschehen mag, angenehm durchdringen.

Dienstagssalon in der SZ

Da haben sie doch den „Dienstagssalon“ recht nett angekündigt. Und mittlerweile darf man auch von einem äußerst gelungenem Auftakt dieser Veranstaltungsreihe sprechen. Der Nancy Spero Saal war voll, das Ensemble Auditivvokal war großartig und die Moderation flutschte auch.
Nun keine drei Wochen mehr und man wird eine Formation namens Garda am selben Ort erleben. Ganz andere Musik aber gleiches Konzept. Ich reib´ mir schon die Hände.
Nächster Termin: Dienstag, 19. April, 20 Uhr, Festspielhaus Hellerau

„Dienstagssalon“ im Festspielhaus Hellerau

Vom Brötchenschmierer zum Moderator. So ungefähr ist der Wertegang zu beschreiben, welchen ich im Festspielhaus Hellerau absolviert habe. Damals habe ich mit Liebe und Leidenschaft Künstler und Techniker bewirtet und nebenbei musikalisch unterhalten. In der Kantine tönten stets allerfeinste Perlen der jüngsten Musikgeschichte. Die Stimmung war da schon immer grandios.
Nun sieht die Sache etwas anders aus. Ab Morgen tausche ich das Brotmesser mit dem Mikrophon aus und werde moderieren. Ich werde die neue, durchaus viel versprechende Veranstaltungsreihe „Dienstagssalon“ moderieren, welche ab sofort monatlich im Nancy Spero Saal des Festspielhauses stattfinden wird. Dazu lade ich mir jedes mal musikalische Gäste ein, welche dann live performen werden. Von der klassischen Band bis hin zum Vokalensemble. Da kann es schon mal avantgardistisch zur Sache gehen, aber durchaus auch rocken. Ich werde meine Gäste zu mir auf´s Sofa bitten und meiner Neugier freien Lauf lassen. Wir werden also nicht nur Musik zu hören bekommen, sondern sicher auch interessante Geschichten.
Zum Auftakt begrüße ich das, als durchaus als außergewöhnlich zu bezeichnende, Ensemble Aditivvokal. Dabei wird man auf jeden Fall noch einiges über die ungeahnten Möglichkeiten der menschlichen Stimme erfahren.
Die Raumsituation wird definitiv auch nicht zu verachten sein. Alle Besucher können sich auf mehr als nur eine angenehme Atmosphäre freuen.
Dienstag, 29. März, 20 Uhr, Festspielhaus Hellerau.

Kunsttipp: Wolfgang Müller im Kunsthaus

Gestern eröffnete eine neue Ausstellung in dem immer besuchenswerten Kunsthaus Dresden, der städtischen Galerie für zeitgenössische Kunst. Sie widmet sich diesmal ausnahmsweise nur einem einzigen Künstler und heißt: Wolfgang Müllerrr: Extra und Gleichzeitig.

Wolfgang Müller, geboren in Wolfsburg, unternahm sein erstes Kunstprojekt, indem er die Spickzettel seiner Mitschüler sammelte und sich damit vergeblich an einer Kunsthochschule bewarb. Später klappte das dann doch noch in West-Berlin, wo er in den achtziger Jahren Aufmerksamkeit mit seiner Artpunkband Die Tödliche Doris auf sich zog. Nachdem er die Band in Weißwein aufgelöst hatte, wandte sich sein Interesse seit den neunziger Jahren immer stärker Island zu, wo er auf eigene Faust das geschlossene Goethe-Institut wiederzueröffnen versuchte. Weitere Schwerpunkte seines Schaffens liegen im Bereich der Ornithologie. Zuletzt veröffentlichte er das Buch Valeska Gert. Ästhetik der Präsenzen über das Schaffen dieser bahnbrechenden deutschen Tänzerin und Ausdruckskünstlerin.

Die Ausstellung bietet einen unbedingt sehenswerten Längsschnitt durch die künstlerische Biografie Wolfgang Müllers. Die oft an Dada erinnernden Aktionen besitzen etwas, das in der zeitgenössischen Kunst nicht oft zu finden ist: Witz und Selbstironie. Sie sind Ergebnis von ausgiebigen Recherchen und intellektuellen Kalkulationen, ohne dadurch wie sonst so oft verkopft und unsinnlich zu wirken. Nicht nur ein beinahe im Original nachgebauter Wahlwerbestand der FDP von 1995 verweist darauf, dass Kunst für Müller immer auch politischen Charakter hat. In Gebärdensprache und Übersetzung stellt ein Video die isländische und die deutsche Fassung der Märchens Die ungleichen Kinder Evas dar, im Vergleich fällt der betuliche Konservativismus der Brüder Grimm besonders unangenehm auf. Höhepunkt der Schau im größten Saal ist eine Reihe von Zeichnungen ausgestorbener Vögel. Anhand von Beschreibungen ihres Gesanges in alten zoologischen Fachbüchern hat Wolfgang Müller befreundete Musiker darum gebeten, den längst und für immer verschwundenen Geschöpfen zum letzten Mal eine Stimme zu geben.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. Mai. Immer freitags ist der Eintritt ins Kunsthaus frei, immer sonntags um 15 Uhr gibt es eine Führung.

Endlich…

… gibt es Neuigkeiten von den beiden erzgebirgischen Actionhelden namens Peschi und Poschi. Dieses Jahr schon mal ganz groß beim Dresdner Filmfest mit dem legendären Streifen Glück auf, ihr Leitabgeräumt (lobende Erwähnung oder so was, jedenfalls nüscht wo´s Kohle gab) geht es nun in die zweite Runde.

Am Samstag dem 13.11. um 01:05 Uhr wird in dem Qualitätsfernsehsender, welchen wir alle lieben, dem MDR, erstmalig eben jener Film ausgestrahlt. Der perfekte Tag, die perfekte Zeit, denn ich weiß, zu diesem Zeitpunkt sind natürlich alle Leser dieses Blocks daheme und kucken in die Röhre. Doch damit nicht genug, schon am 19.11. um 00:25 Uhr zeigt die gleiche Fernsehanstalt einen Film von meinem geschätzten Kollegen Jens Rosemann, mit dem Titel „Wo ist Justin„.

Aber immer noch nicht genug des Fames: Ein brandneuer Spitzenmovie mit Peschi und Poschi steht an und wird bald seine Premiere feiern (vermutlich Anfang nächsten Jahres bei einer einschlägigen Literaturshow in der Scheune). Und hier kann man bereits schon mal einen Eindruck von den „Dreharbeiten“ gewinnen.

Ach, das is fei schie!

Filmtipp: Exit Through The Gift Shop

Der Street Artist, der weltweit nur unter dem Inkognito Banksy bekannt ist, hat mit seinem Filmdebüt Exit Through The Gift Shop weit mehr produziert als einen Insiderstreifen über eine einst untergründige, dann plötzlich prominente Kunstszene. Der Film ist vor allem eine unbedingt sehenswerte dokumentarische Tragikomödie über das Leben eines absonderlichen Menschen und gleichzeitig eine radikale Satire auf den Kunstbetrieb im Zeitalter von Massenmedien und Kapitalismus. Erzählt wird nicht die Geschichte von Banksy, sondern die eines psychisch angeknacksten Franzosen, eigentlich Klamottenhändler und manischer Hobbyfilmer in Hollywood, der durch Zufall in die Street-Art-Szene gerät. Er lernt die prominentesten Straßenkünstler kennen, reist mit ihnen um die Welt und filmt sie, während sie den öffentlichen Raum mit Graffitis und ästhetischem Vandalismus zum Kunstraum machen. Doch ein versprochener Dokumentarfilm über die verborgene Kunstwelt kommt nicht so recht zu Stande, stattdessen kehrt der Franzose zurück nach Hollywood und beginnt mit einem reichen Vorrat an geklauten Ideen eine eigene Karriere unter dem Pseudonym „Mr. Brainwash“ – mit überraschendem Erfolg … Am Ende kommen dem Zuschauer wie den Beteiligten arge Zweifel, ob denn die Idee, alle Menschen sollten am besten Künstler werden, wirklich eine gute ist.

Der Film läuft im Programmkino Ost – nach dem Umbau übrigens das vielleicht schönste Kino Dresdens – täglich um 19:15 Uhr und 21:15 Uhr. In der Schauburg kann man ihn jeweils um 18:15 Uhr, 20:15 Uhr und 22:30 Uhr sehen.

Wir entdecken unsere Heimat

Liebe Dresdner Studenten! Solltet ihr es noch nicht mitbekommen haben: Seit Anfang Oktober dürft ihr mit eurem Semesterticket ganz Sachsen umsonst bereisen. Also auf, schwingt eure Hintern in den nächsten Regionalexpress und sucht das Abenteuer! Zum Beispiel in Zittau, jener sympathischen Metropole der Oberlausitz, die ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal genauer in Augenschein nahm. Gewiss, wenn eine Stadt am Arsch Deutschlands liegt, dann Zittau. Aber wer den weiten Weg ins Nirgendwo auf sich nimmt, der findet eine recht hübsch herausgeputzte alte Kleinstadt mit schönen historischen Gebäuden.

Regelrecht begeistert aber war ich von der erst seit ein paar Jahren öffentlich ausgestellten, neuen touristischen Hauptattraktion der Stadt: den Zittauer Fastentüchern. Fastentuch, das klingt nun zugegebenermaßen wenig nach einem derbe krassen Mega-Flash. Ich kann die Besichtung des „kleinen“ und des „großen“ Zittauer Fastentuches jedoch allen Freunden der sakralen Kunst und der Malerei der frühen Neuzeit nur ans Herz legen. Mit Fastentüchern, also großen bemalten Leinbahnen, wird nach katholischem Brauch der Altar in der vorösterlichen Zeit verhüllt. In der Reformationszeit wurde dieses „Gaukelwerk“ (Luther) im Norden abgeschafft – außer eben in Zittau, wo sich zwei herausragende Exemplare erhalten haben. Das „große“ Zittauer Fastentuch (1472) wird in der größten Museumsvitrine der Welt in einer zum Museum umgewidmeten Kirche ausgestellt. Es zeigt in 90 Bildern Szenen aus dem Alten und Neuen Testament sowie apokryphe Geschichten. Unter jedem Bild erklärt jeweils ein lustiger frühneuhochdeutscher Vers, was in dem heiligen Comic gerade zu sehen ist. Das „kleine“ Zittauer Fastentuch (1573) zeigt eine Kreuzigungsszene, inspiriert von Dürer, Grünewald und Michelangelo. Am Rand sind um die Darstellung die verschiedenen Folterwerkzeuge abgebildet, mit denen Jesus traktiert wurde, nebst Judas‘ Kopf in der Schlinge.

Der Besuch beider Tücher kostet ermäßigt 3 Euro. Die Führung ist empfehlenswert. Zu sehen täglich (ab November außer montags) 10 bis 17 Uhr.

In die Stadt der Moderne

Es ist ein Sonntag im schönsten Herbst, man hat mit der Liebsten beschlossen, seit Wochen endlich mal wieder einen Tag frei zu machen, also was tun? Natürlich, man macht sich auf den Weg nach Chemnitz! Und tut dort, was man schon so lange hätte machen wollen und sollen, besucht nämlich die Kunstsammlungen Chemnitz und das Museum Gunzenhauser. Chemnitz als Kunststadt hat sich in der Vergangenheit durch einige populäre Schauen (Picasso, Bob Dylan) ins mediale Blickfeld geschoben, mich interessierte aber mehr das Gerücht, dass die dortigen Sammlungen den Dresdner Museen mindestens ebenbürtig seien, was die Malerei der Moderne angeht. Ich kann das nun bestätigen und möchte der sympathischen Splittergruppe der Kunstfreunde einen Besuch in der „Stadt der Moderne“ dringend ans Herz legen.

Vom Hauptbahnhof sind es nur einige hundert Meter bis zu den Kunstsammlungen direkt neben der Oper. Hier kommen vor allem Freunde der klassischen Moderne, der Brücke und der DDR-Malerei auf ihre Kosten. Karl Schmidt-Rottluff ist mit besonders vielen und besonders schönen Bildern vertreten. Im neuen Dresdner Albertinum kommt die Kunst der DDR ziemlich kurz, hier in Karl-Marx-Stadt findet sich z.B. eine interessante Sammlung mit Gemälden und Grafiken von Wolfgang Mattheuer. Eine gerade neu eröffnete Etage zur „Malerei der Romantik“ leidet darunter, dass man ohne das große Vorbild Friedrich seine vielen ausgestellten Epigonen nur schwer schätzen kann. Als Wechselausstellung war gerade Sean Scully zu Gast und ich wurde daran erinnert, dass ich mit Farbfeldmalerei nichts anfangen kann. Eine Ecke grün, eine rot, eine blau, eine braun und das Ganze heißt dann Mondlicht oder Eurydike – nee, das ist mir irgendwie nichts.

Läuft man nun einmal quer durch den Chemnitzer Zentralfriedhof, tschuldigung: die Stadtmitte, dann erreicht man das Museum Gunzenhauser. Hier hat sich ein Münchner Galerist im Gegenzug für eine unbezahlbare Sammlung von der Stadt ein eigenes Haus einrichten lassen. Fast ein ganzes Stockwerk zeigt das Lebenswerk von Otto Dix. Es reicht von expressionistischer Schauerromantik („Der Lustmörder“ – herrlich!) über veristische Antikriegskunst über scheinbar unpolitische Landschaftsmalerei in der Inneren Emigration bis zu einem neo-expressionistischen Nachkriegswerk. Eine weitere Etage zeigt weitere Expressionisten und Artverwandte, sowohl die „Wilden“ im Brücke-Stil als auch die „Abstrakten“ der Münchner Schule. Das Erdgeschoss führt die Kunstgeschichte dann weiter bis in die Gegenwart und veranschaulicht die Debatte in der frühen BRD zwischen Abstrakten und Gegenständlichen.

Besonders lobend möchte ich die Freundlichkeit des Personals („Wennsch ihn ein Tipp gebm söll …“) hervorheben. Ebenso gegen Dresdner Verhältnisse sticht die Ruhe in den Museen ab. Als wir vor Ort waren, waren mehr Wärter als Publikum in den Räumen. Aber man hat ja in Chemnitz ohnehin immer den Eindruck, dass nicht eine Viertelmillion, sondern zwanzig bis dreißig Menschen in der Stadt wohnen. Am Abend liefen wir noch durchs Gründerzeit- und Jugendstilviertel Kaßberg und dachten: Mensch, was könnte nicht in Chemnitz gehen, wenn hier nur was ginge!

Ins neue Albertinum …

… ging ich heute zum ersten Mal. Wenn es nach der Wiedereröffnung einen Besucheransturm gegeben haben sollte, dann ist der inzwischen vorbei, gelegentlich kam ich mir fast ein bisschen verlassen vor. Die neue Kunst kann als Touristenmagnet offenkundig nicht mit den alten Schätzen nebenan konkurrieren, aber das muss sie ja vielleicht auch nicht. Die Galerie Neue Meister hat dank einer neuen, großzügigen und lichten Architektur ein Vielfaches an Platz gewonnen. Die Sammlung ist im Wesentlichen diesselbe geblieben. Der Lokalbezug ist weiterhin dominant, man findet vor allem Werke von Künstlern, die zumindest zeitweise in Dresden gelebt und gearbeitet haben. Ein Schwerpunkt liegt auf Caspar David Friedrich und der Malerei der Romantik, ein anderer auf der Künstlergruppe „Brücke“. Internationale Klassiker der Moderne wie van Gogh oder Picasso sind dagegen leider nur mit eher verzichtbaren Werken vertreten. Was die Ordnung der Ausstellung betrifft, hat man sich eher vorsichtig auf einen chronologischen Rundgang verlassen. Korrespondenzen zwischen Werken verschiedener Epochen werden nur vereinzelt hergestellt und überzeugen dann auch nur bedingt. Neue Räume am Schluss sind einzelnen Künstlern, namentlich Penck, Baselitz und Gerhard Richter gewidmet. Am interessantesten ist ein völlig neuer, riesiger Saal für die Kunst der Gegenwart, in dem sich eine Menge Entdeckungen machen lassen. Auch wer das Museum schon von früher kennt, sollte also wenigstens einmal den Eintritt berappen.

Am Wochenende

Früher war’s besser! Selbst ich kann es nicht vermeiden, diesen eigentlich verbotenen Satz gelegentlich auszusprechen. Eine traurige Gelegenheit war am Freitag der Besuch bei der Eröffnung der Ostrale 2010. Wer sich an die erste Ausgabe der Kunstschau erinnert, wird noch wissen, auf welch witzige und faszinierende Weise sich da junge Künstler die wüsten Räume des alten Schlachthofgeländes im Ostragehege angeeignet hatten. Diesmal war alles gut organisiert. Wieso man trotz dutzender öffentlicher Förderer und Sponsoren, die das Programmheft pflichtschuldig auflistet, einen Eintritt von 14 Euro (ermäßigt: 7) für eine Kunstveranstaltung verlangen muss, mögen die Veranstalter erklären. Über dem Eingang schwang eine Kunstfigur in Anspielung auf ein berühmtes Foto vom Ende des letzten Krieges eine rote Fahne, aber das war wie so vieles nur Dekoration. Laut Selbstbeschreibung der Veranstalter sollte der Fokus der Ausstellung „auf den provokativen Umgang mit Themen der aktuellen weltwirtschaftlichen und ideologisch gesellschaftlichen Entwicklung gesetzt“ werden. Ich habe ungefähr die Hälfte der wieder einmal gigantomanischen Schau angesehen und nichts politisches, geschweige denn etwas provokatives entdecken können. Vielleicht kein Wunder bei einer Ausstellung, die „Kunst als Kapital […] einer neuzeitlichen Gesellschaft“ etablieren will und sich in ihrer Selbstanpreisung darauf einlässt, sich als modernes Stadtmarketing zu verkaufen. Zu sehen gab es vor allem Kunstgewerbe. Man muss die Kuratoren fragen, wie es passieren kann, dass man allein schon in einem Gebäude fünf Mal auf denselben Einfall stößt: Eine Installation mit hunderten Dürer-Händen neben einer Installation mit hunderten schwebenden Scherben neben einer Installation mit hunderten Schuhen an Fäden neben einer Installation mit hunderten Steinen an Fäden neben einer Installation mit hunderten Kunstblumen. Riesige Fleißarbeiten, die einen einzigen Einfall durch Masse zum Überwältigungseffekt erheben wollen. Es gibt auch witzige und schöne Dinge zu entdecken, z.B. ein Orchester aus Haushaltsgeräten, das zur vollen Stunde eine eigene Symphonie spielt. Aber die Zahl der Entdeckungen war in diesem Jahr bei der Ostrale so klein wie noch nie. Und das nicht nur für mich, wie ich im Gespräch mit anderen Besuchern feststellte. Seltsam auch, dass außer einem endlosen Soundcheck nirgends Spuren einer wirklichen Eröffnungsparty zu finden waren. Als ich wieder ging, fluchte neben mir ein anderer Besucher: „Dafür habe ich nicht 14 Euro bezahlt!“ und fuhr davon, vermutlich auf Nimmerwiedersehen.

Dass das Hechtfest die bessere BRN ist, scheint sich inzwischen weit herumgesprochen zu haben. Nach dem verregneten Freitag strömten jedenfalls gestern die Menschen in die Straßen des Hechtes. Es herrschte eine ausgesprochen angenehme Atmosphäre, wie ja überhaupt das Hechtviertel in den letzten Jahren sehr an Attraktivität gewonnen hat. Das nennt man wohl sanfte Gentrifizierung. Vielleicht findet sich auch eine lokale Indie-Pop-Band, die einen entsprechenden Hit namens „Gentrify me softly“ komponiert. Nur eins muss ich beanstanden: Im neuen Quartier der outgesourcten Jungen Union („Bündnis 90 / Die Grünen“) gab es zwar Kunstpornos auf Großbildleinwand und eine Polka-Disko, aber statt Rotwein den scheußlichsten Fusel, den ich seit langer, langer Zeit getrunken habe. Liebe Grüne! Eurer Verrat an der Arbeiterklasse macht mir längst keine Kopfschmerzen mehr, leider aber euer „Wein“!

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