Alternative für Hipster

Die Alternative für Deutschland möchte stärkste Partei in Deutschland werden, um das herrschende System umzustürzen. Will sie dieses Ziel erreichen, muss die Botschaft der Partei natürlich in alle deutschen Landstriche getragen werden. So macht die Alternative für Deutschland vor der anstehenden Wahl in Berlin Werbung auch in Friedrichshain-Kreuzberg. Das scheint durchaus sinnvoll, bedenkt man, dass in diesem Stadtviertel ja ohnehin traditionell die Alternativen zuhause sind. So heißt es denn auch auf der örtlichen Facebook-Seite der AfD:

Eine echte Alternative für einen alternativen Bezirk.

Hier im Szenekiez zeigt die AfD auf ihren Plakaten nicht ihre zerknitterten Funktionäre, sondern attraktive junge Menschen, wie sie auch in Friedrichshain-Kreuzberg zuhause sein könnten. Doch sind neben den hübschen Visagen auch noch Statements abgedruckt, die bekunden, dass diese jungen Menschen zugleich besorgte Bürger sind. So sagt etwa ein junger Mann mit schafsmäßigem Hipsterbart:

Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul und deshalb wähle ich die Alternative.

Sehen wir einmal davon ab, dass ein Dealer, der vollständig von Sozialhilfe abhängig ist, weil er seine Drogen offenbar verschenkt, nicht allzu häufig vorkommen wird. Von diesem kleinen Mangel an Realitätssinn abgesehen, kann man der AfD nicht viel vorwerfen. Immerhin kämpft sie wirklich um alle Wähler, sogar um solche, die dem Parteiprogramm der AfD zufolge als Kriminelle verfolgt werden sollen. Ob sie bei den Menschen aber auch Erfolg mit ihrem Werben haben wird? Die AfD spekuliert, dass es in Friedrichshain-Kreuzberg wohl viele Konsumenten von Marihuana geben mag. Dies dürfte zutreffen. Aber wollen diese Menschen deswegen von fremden Politikern auch gleich als Kiffer angesprochen werden? Es wohnen gewiss auch viele Bürger in Berlin, die dem Hobby der Masturbation zugetan sind. Würden sich diese Leute für eine Partei begeistern, die sie etwa folgendermaßen anspräche: „Liebe Wichser! Nervt euch beim Wedeln das langsame Internet? Dann wählt AfD, wir verlegen kostenlos Breitband für euch! P.S.: Was ihr treibt, ist allerdings weiterhin Sünde wider den Fortbestand des deutschen Volkes.“ Aber wer weiß, das Volk ist seltsam dieser Tage! Es wäre der AfD vielleicht sogar dankbar für solch offene Worte.

Die AfD wirbt in Berlin auch nicht nur um Kiffer, sondern überhaupt um alle Gruppen, mit denen sie andernorts fremdelt. So äußert auf einem anderen Plakat ein schwules Paar:

Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist.

Wahrscheinlich hat deswegen ein Abgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt vor einer Weile schon einmal vorgeschlagen, alle Schwulen nach der Machtübernahme in Schutzhaft zu nehmen.

Auch die Frauen, bekanntermaßen ebenfalls eine Minderheit, wenigstens unter den Mitgliedern der AfD, werden umworben. Eine dralle Blondine erklärt:

Damit es auf dem nächten Karneval der Kulturen nicht wieder zu Übergriffen auf Frauen kommt, wähle ich diesmal die AfD. Das mit der Armlänge Abstand haut einfach nicht hin!

Ganz sicher nie wieder zu Übergriffen beim Karneval der Kulturen käme es natürlich, wenn man den Karneval der Kulturen abschaffte, der ja ohnehin nur den gescheiterten Multi-Kulti-Wahnsinn feiert, mit dem die AfD endgültig Schluss machen wird.

Wer aber irrigerweise annimmt, die AfD stehe Zuwanderern feindlich gegenüber, den belehrt ein viertes Plakat eines Besseren. Da sagt uns eine anscheinend türkischstämmige Frau, die in vorbildlicher Weise auf das Kopftuch verzichtet:

Ich möchte, dass mein Sohn richtig deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, zu einem guten Beruf. Die AfD nimmt das Schulwesen ernst und deshalb wähle ich sie.

Offenbar, um auf die Migranten zuzugehen, hat die AfD in diese zwei Sätze gleich mehrere Sprachfehler eingebaut. Dies jedenfalls ist die einzig schlüssige Erklärung für die Fehler, wenn man nicht annehmen will, dass die Werbetexter der AfD selbst Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Wer diese Plakate gesehen hat, der wird kaum noch daran zweifeln, dass kiffende Hipster, ängstliche Homosexuelle, zornige Frauen und türkische Muttis die AfD in Berlin zum Sieg tragen werden. Nur eine Gefahr droht: Sollten auch die Stammwähler der AfD, also frustrierte Frührentner, seelisch verkrüppelte Wirtschaftsprofessoren und Burschenschaftler mit chronischem Samenstau, Wind von dieser Kampagne kriegen, dann bleiben die vielleicht aus Ärger am Wahltag zuhause. Und die nationale Revolution fällt erst einmal aus.

Michael Bittner

Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Michael Bittner

Im Anti-Kriegs-Museum

Menschen reagieren seltsam auf Kriege. Sind sie selbst nicht beteiligt, schauen die Leute den kämpfenden Parteien verständnislos und kopfschüttelnd zu: “Was für eine absurde Sache ist doch ein Krieg! So viele sinnlose Opfer und Zerstörungen! Warum können die sich denn nicht einfach an einen Tisch setzen und Frieden machen?” Geraten Menschen aber selbst in einen Konflikt, erscheint ihnen der Krieg ganz plötzlich nicht mehr als grotesker Unfug, sondern als eine gerechte Sache. Nichts ist verführerischer und leichter, als sich in die Logik des Krieges rutschen zu lassen. Ganz selbstverständlich erscheint es Kämpfenden, gegen den Feind mit Gewalt vorzugehen. Jede Partei glaubt ja, das Recht – früher sagte man: Gott – auf ihrer Seite zu haben. Frieden ist nur auf zwei Arten möglich: Entweder eine der Parteien siegt oder beide verzichten auf ihr vermeintliches Recht. Der Frieden durch Verzicht ist eine schwierige, beinahe unmögliche Sache. Denn je mehr Opfer eine Partei während eines Krieges erbringt, desto unwürdiger muss ihr so ein Verzicht erscheinen.

Der Frieden ist im Frieden selbstverständlich und erscheint im Krieg fast undenkbar. Dazu trägt bei, dass Gesellschaften im Krieg sich uniformieren. Dem Kampf gegen den äußeren Feind entspricht der Kampf gegen den inneren, gegen die Zweifler, die als Verräter gebrandmarkt werden. Unter solchen Bedingungen erhebt kaum einer die Stimme dafür, den Frieden durch eigenen Verzicht wiederherzustellen. Demokratien sind wohl auch deswegen seltener an Kriegen beteiligt, weil in ihnen die Zweifler auch während eines Krieges nicht völlig mundtot gemacht werden können. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg war nicht so total wie im Zweiten Weltkrieg, weil es noch eine teilweise freie Presse, noch ein Parlament, noch Demonstrationen gab. So erzwang ein Teil der Öffentlichkeit den Abbruch des aussichtslosen Kampfes. Anders als unter Hitler, der durch totalen Terror fast jeden Widerspruch unterband, gab es während des Ersten Weltkrieges einige Menschen, die sich allem nationalistischen Furor zum Trotz schon früh der Logik des Krieges widersetzten. Man denkt gewiss zuerst an Menschen wie Rosa Luxemburg und Karl Kraus. Weniger bekannt ist der anarchistische Pazifist Ernst Friedrich. Als der sich irgendwann weigerte, die Uniform anzuziehen, wies man ihn zur Beobachtung in die Psychiatrie ein, so absonderlich schien sein Verhalten. Später landete er auch im Gefängnis. Nach dem Krieg widmete sich Friedrich, der u.a. mit Käthe Kollwitz und Erich Mühsam befreundet war, vor allem der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus wurde der Kampf gegen den Krieg für ihn zum Lebensthema.

Im Jahr 1925 eröffnete Ernst Friedrich im Zentrum von Berlin das Internationale Anti-Kriegsmuseum. Es wurde 1933 von den Nazis zerstört und zum “Sturmlokal” der SA umgewandelt, in dem auch politische Gegner gefoltert wurden. Auch Friedrich wurde zeitweise von den Nazis interniert, konnte dann aber fliehen, zunächst in die Schweiz, dann nach Belgien, dann nach Frankreich. 1982 wurde das Anti-Kriegs-Museum neu gegründet, geleitet wird es von Tommy Spree, einem Enkel von Ernst Friedrich. Es befindet sich heute in der ruhigen Brüsseler Straße im Wedding, im Haus Nr. 21. Tritt man ein, glaubt man sich eher in einem Wohnzimmer als in einem Museum wiederzufinden. Buchregale enthalten Werke der pazifistischen Literatur. Bilder und Texte zur gewalttätigen Geschichte der Menschheit hängen an den Wänden. Und ein Fernseher zeigt einen Film über die Geschichte des Museums. Ein Weggefährte von Ernst Friedrich gesteht da offenmütig, der Name Anti-Kriegs-Museum sei schon am Anfang etwas hochtrabend gewesen. Und natürlich kann ein kleines Museum von der Größe einer Familienwohnung unmöglich den Anspruch einlösen, den so ein hehrer Titel suggeriert. Aber gerade der Kontrast zwischen der gewaltigen Aufgabe und der Bescheidenheit der Mittel macht auch den Charme des Anti-Kriegs-Museums aus: Es symbolisiert in seiner Unvollkommenheit selbst den unermüdlichen, aber beinahe aussichtlosen Kampf des machtlosen Pazifismus gegen die übermächtige Gewalt.

In einem kleinen Nebenraum erzählen Tafeln vom Leben bedeutender Pazifistinnen und Pazifisten. Neben bekannten Persönlichkeiten wie Bertha von Suttner, Albert Einstein oder Gandhi lernt man hier auch weniger prominente Friedenskämpfer kennen. Eine schmale Treppe führt hinunter in einen originalgetreu erhaltenen, mit historischen Utensilien ausgestatteten Luftschutzkeller. Eine Karte an der Wand veranschaulicht, wie viel von Berlin übrig bliebe, schlüge im Stadtzentrum eine Atombombe ein. (Nichts.) Wieder oben angekommen, kann man hinüber in die angeschlossene Peace Gallery gehen. Noch bis zum 1. März 2015 läuft dort eine Ausstellung zum bekanntesten Buch von Ernst Friedrich mit dem Titel Krieg dem Kriege. Der viersprachige, dokumentarische Band erschien zuerst 1924 und wurde zum internationalen Erfolg. Kurt Tucholsky schrieb: “Die Photographien der Schlachtfelder, die Photographien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind.” In unseren Tagen sind die abscheulichsten Gräuelbilder alltäglich geworden. Dennoch ist es immer noch fast unerträglich, manche Bilder in Ernst Friedrichs Buch zu betrachten. Geschickt nutzte er das Mittel der Kontrastierung, um nicht einfach nur das Elend, sondern die Infamie des Krieges darzustellen. Man sieht Soldaten in Heldenpose neben Soldaten in Totenstarre. Spazierende und feiernde Generäle und Könige neben verreckenden Soldaten. Sarkastische Bilderklärungen im Stil von Karl Kraus verstärken oft die entlarvende Wirkung. Das Buch ist heute so wertvoll wie vor hundert Jahren. Erfreulicherweise ist es immer noch erhältlich, im Mai 2015 soll eine weitere Neuausgabe mit einem Vorwort des Historikers Gerd Krumeich erscheinen. Vielleicht wäre es einmal eine schöne Aktion, Exemplare kostenlos an Besucher im neuen “Showroom” der Bundeswehr an der Friedrichstraße zu verteilen.

Der abstrakte, radikale Pazifismus, der – das christliche Gebot der Feindesliebe strikt befolgend – jede Gewalt und jeden Krieg ablehnt, ist gewiss eine moralisch respektable Erscheinung. Aber auch diese Haltung kann ins moralische Dilemma führen. Es gibt nämlich auch Kriege, in denen sich wirklich Recht und Unrecht gegenüberstehen. Wer in einem solchen Konflikt mit Verweis auf den eigenen Pazifismus neutral bleiben will, dient wohl weniger dem Frieden als der eigenen Selbstzufriedenheit. Der Pazifist Ernst Friedrich entschied sich übrigens anders: Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der französischen Résistance an, streifte eine Uniform über und kämpfte gegen die deutschen Besatzer.

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Das Anti-Kriegs-Museum befindet sich in Berlin-Wedding in der Brüsseler Straße 21 und ist täglich von 16-20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Voraussichtlich im Mai 2015 erscheint: Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege. Neu herausgegeben vom Anti-Kriegs-Museum Berlin. Mit einer Einführung von Gerd Krumeich. Christoph Links Verlag. 300 Seiten. 16,90 Euro.

Der „Tarif-Bär“ im Klassenkampf

Jüngst las ich in der Zeitung, eine der letzten Brachen in der Innenstadt von Berlin unweit der ehemaligen Grenze sei nun auch glücklich zugebaut worden. Dort steht jetzt – Überraschung! – ein neues Einkaufszentrum auf jenem Gelände, das vor dem Krieg das legendäre „Wertheim“-Kaufhaus trug. Tausende Kunden stürmten zur Eröffnung das Gebäude und shoppten wie die Bekloppten.

Aber, so las ich weiter, nicht alle waren vollauf begeistert:

Erst seit einer Woche ist das Einkaufszentrum Mall of Berlin an der Leipziger Straße geöffnet, dafür ist dort schon einiges passiert: Zweimal gab’s Feueralarm, und am Mittwoch war ein Bär da. Es war ein “Tarif-Bär”, ein Aktivist der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Kostüm des Berliner Wappentiers.

Und was wollte der Bär? Das neue Riesenkaufhaus steht einige hundert Meter zu weit im Osten, deshalb bekommen die Mitarbeiter weniger Geld als ihre Kollegen ein kleines Stück weiter westlich. Das mag man beklagen. Oder man freut sich gut marxistisch über die historische Dialektik, die darin liegt, dass gerade die Kapitalisten die üble kommunistische Mauer nicht ganz abreißen wollen, jedenfalls nicht im Bereich der Lohnbemessung. Über diese Ungerechtigkeit jedenfalls sollte der Bär die konsumierenden Massen aufklären. Aber was passierte?

Die Resonanz auf den Tarif-Bären sei verhalten ausgefallen, berichtet Verdi. Nur wenige Kunden hätten reagiert.

Wie schade! Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ein Gewerkschaftsfunktionär, vermutlich nicht von der obersten Ebene, verkleidet sich als Werbemaskottchen wie ein unterbezahlter Student, der für ein Fitnessstudio oder eine Pizzeria Passanten anquatschen muss. Und nicht irgendein Kostüm trägt der Gewerkschafter, sondern das des Berliner Bären, im verzweifelten Versuch, die Konsumenten, wenn nicht bei der Solidarität, dann wenigstens beim Lokalpatriotismus zu packen. Aber die Deutschen sind pragmatisch: Sie wollen von Maskottchen Gutscheine oder wenigstens Kugelschreiber geschenkt bekommen, aber keine Probleme. So steht der „Tarif-Bär“ einsam und traurig in der Fußgängerzone, abschussreifer als jeder Problembär der Vergangenheit. Die Bären sind in Deutschland längst ausgestorben und Gewerkschafter, die sich als Bären verkleiden, verdienen das gleiche Schicksal.

Briefe aus Berlin (5): Ich habe die Wahl

Meine Briefwahlunterlagen werden mir von der PIN Mail AG als CO2-neutraler Versand zugestellt. Offenbar dürfen die Postzusteller jetzt nicht einmal mehr atmen. Im Umschlag ein karges, graues Faltblatt. Aber wenigstens die Auswahl ist bunt: 16 Kandidaten möchten meine Erststimme, um als Abgeordneter für den Wahlkreis 83 Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost in den Bundestag einziehen zu können. Gewinnen wird aber am Ende sowieso wieder Hans-Christian “Jopi” Ströbele. Warum also nicht mal den Außenseitern, den Menschen am Rand des Wahlzettels, ihre verdiente Chance geben?

Markus Beckmann ist Student, 25 Jahre alt, parteilos, und wohnt in Berlin. Möchte er deshalb in den Bundestag? Nein, seine Homepage verrät sein Anliegen, das Grundübel unserer Gesellschaft ist der Zins: Aus den Vorteilen, die das Geld gegenüber den Waren besitzt, entspringt die eigentliche Ursache des Zinses. Waren verlieren mit der Zeit an Güte, Qualität, Wert. Geld jedoch nicht. Dies führt dazu, dass ein Geldverleiher sein Geld nur dann an einen Unternehmer weiter verleiht, wenn dieser ihm dafür eine Entlohnung zahlt. Den Zins. […] Der Zins führt zu einer Umverteilung in der Gesellschaft, da Leute mit hohen Geldguthaben automatisch und ohne zu arbeiten ihr Vermögen vergrößern. Die Lösung: Geld soll mit der Zeit seinen Wert verlieren, damit es schneller ausgegeben wird. Dann sinkt der Zins irgendwann auf 0% und niemand verdient mehr Geld, ohne zu arbeiten. Oder so ähnlich. Geld mit Verfallsdatum – ein interessanter Ansatz.

Frank Di Leo arbeitet als Hundetrainer und kandidiert folgerichtig für die Hundefreunde Kreuzberg. Die Hundefreunde kämpfen gegen die fortschreitende Diskrimienierung von Menschen mit Hunden. Aktuelles Hauptanliegen der Hundefreunde ist es ausweislich ihrer Homepage, einen selbstverwalteten Hundeplatz an der Schillingbrücke durchzusetzen. Vielleicht wäre es strategisch klüger, zunächst einmal die Einführung des Hundewahlrechts zu propagieren? Meine Stimme kann ich ihnen nicht schenken, denn ich habe gar keinen Hund.

Jutta Zedlitz kämpft als Religionslehrerin und mit ihrer Partei Die Violetten für spirituelle Politik. Auf den ersten Blick sympathisch ist ihr Eintreten für das bedingungslose Grundeinkommen, basisdemokratische Mitbestimmung und die Kulturpflanze Hanf. Aber was hat es denn nun mit der Spiritualität auf sich? Ein Faltblatt belehrt mich: Die Schöpfung entspringt einer geistigen Quelle, die unter verschiedenen Namen wie zum Beispiel Gott, Göttin, Vater-Mutter-Gott, Allah, JHWH, Brahma, Schöpfergeist, Universelle Intelligenz, Tao oder Es bekannt ist. Da ist ja nun wirklich fast für jeden was dabei – nur für mich gerade nicht! Denn ich glaube, dass die Schöpfung dem Nichts aus dem Arsch gekrochen ist. Auch mit Meditation, Lichtarbeit etc. kann ich mich nicht anfreunden. Nein, die Farbe lila konnte ich noch nie ausstehen.

Benjamin Richter kandidiert für die Bergpartei. Das ist doch mal was! Ein frecher junger Jakobiner, der die Montagnards wieder beleben will! Die Aristokraten an die Laterne! Ackermann, halt deinen Kopf fest! Auch die Parolen der Öko-Anarchisten und Real-Dadaisten passen: ja zum bankrott, keine angst vor mangel, zahnersatz für alle. Benjamin Richter hat den Spitzenplatz in meiner Gunst erobert.

Dr. Helena Barbas – die einzige Kandidatin mit Doktortitel tritt für Die PARTEI an. In den Medien nennt man die immer “Spaßpartei”, obwohl es Martin Sonneborn ja bitterer Ernst ist. Dr. Helena Barbas möchte ein atomares Endlager in Prenzlauer Berg einrichten. Das mag noch hingehen. Aber leider kann ich ihr meine Stimme nicht geben, denn Die PARTEI möchte die Mauer wieder aufbauen. Dann könnte ich aber nicht mehr in den Wedding fahren und auch nicht mehr nach Neukölln. Das wäre doof.

Joachim Hennig tritt für die Partei Freie Wähler an. Freie Wähler sind immer super: eine Ansammlung von unbekannten Menschen, über deren politische Meinung man nichts weiß. Ich forsche im Netz. Meine wichtigsten politischen Ziele: Keine Angaben. Warum Sie mich wählen sollten: Keine Angaben. Welche Werte und Ziele sind mir wie wichtig: Keine Angaben. Eine Katze im Sack, ein politisches Blind Date, ein Überraschungsei. Für mich zuviel Aufregung.

Ismet Misirlioglu kandidiert für BIG – Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit. Innovation und Gerechtigkeit gut und schön, aber irgendwie scheint die Partei doch nur Menschen mit Migrationshintergrund anzusprechen: Die Eingliederung ausländischer Mitbürger und deren Kinder in das deutsche System ist unabdingbare Voraussetzung für ein gutes Miteinander. Die Beibehaltung der kulturellen Identität ist Voraussetzung für das Entstehen starker Partner, die mit ihrem Beitrag dem Wohle aller dienen können. Ach du Scheiße, Eingliederung ins deutsche Schweinesystem! Und dann sind das auch noch Leute, die anderen Leuten vorschreiben wollen, sie müssten “identisch” sein. Nee, da kann man ja gleich CSU wählen.

Andreas Dahl ist im Wahlbezirk die Alternative für Deutschland. Andreas Dahl ist geboren 1970, nicht verheiratet, 2 Kinder. Nach seinem Realschulabschluss im Jahre 1988 hat Dahl eine Lehre als Schlosser erfolgreich abgeschlossen und in den Bereichen Kraftfahrzeugmechanik und –instandsetzung und Metallverarbeitung gearbeitet. Dahl ist außerdem seit 1999 Berufskraftfahrer.  Seit der Jahrtausendwende ist Dahl Wahlberliner. Klingt alles sympathisch. Aber mein Tipp: Die Partei wechseln! Die ist nämlich kacke.

Alina Popeanga gehört zur BüSo Bürgerrechtsbewegung Solidarität. Ach ja, die Partei, die immer plakatiert: Wir haben das Patentrezept! Das europäische Wirtschaftswunder durch eine neue Seidenstraße in den Orient! Aber beim Googlen dann leichter Grusel: Die gute Frau scheint nirgendwo auf der Welt zu existieren als auf dem Wahlzettel von Wahlkreis 83 Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost. Ein Phantom wählen? Nein, danke!

So. Die etablierten Volksparteien (NPD, Piraten, FDP etc.) kommen sowieso nicht in Frage. Also steht der Sieger fest. Meine Stimme geht an Benjamin Richter von der Bergpartei! Herzlichen Glückwunsch bzw. Ça ira!

Briefe aus Berlin (4): Hilfe, ich werde gentrifiziert!

Zum Thema Gentrifizierung ist schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Nun also ich: Vor einem Jahr bezogen wir unsere Wohnung im nördlichen Teil von Friedrichshain, hart an der Grenze zum Gelände des alten Zentralviehhofs. Der gehört schon zum Bezirk Prenzlauer Berg und wird seit Jahren eifrig mit Townhouses und Riesenmärkten für Dings und Bums bebaut. Im nördlichen Friedrichshain hingegen ging es noch ruhig zu, als wir ankamen. Doch neben unserem Haus klaffte schon ein Loch, ein Schild kündigte den Bau eines Komplexes mit Eigentumswohnungen an. Jetzt, ein Jahr später, steht das Ding da und wird bald bezugsfertig sein. Doch nicht genug damit: Unserer Mutter Erde wurden gleich nebenan viele neue Wunden beigebracht. Nicht weniger als ein volles Dutzend weitere Gebäude entstehen gerade gleichzeitig in den wenigen Straßen rund um die Samariterkirche. Der Gang durchs Viertel gleicht einem Hindernisparcours, denn ständig muss man die Straßenseite wechseln, weil Baunzäune und Container die Gehwege versperren. Riesige Lastwagen drücken ihre Spuren in den Asphalt, ein Kran neben dem andern ragt in den Himmel. Es gibt keine Baulücke mehr, die nicht gerade gefüllt würde. Wo keine Lücke ist, da wird eine geschaffen. Ein kleiner, wilder Park auf einer Brache wurde da zum Beispiel rabiat planiert. Da konnten auch selbstgemalte Plakate von den Kindern aus der Grundschule gegenüber nicht helfen: Bitte fällt unsere Bäume nicht! Wir brauchen frische Luft zum Atmen! Wir lieben unsere Pflanzen! – “Arschlecken!”, beschied die Baufirma und holzte. Und seltsam: Immer sind es Eigentumswohnungen der gehobenen Klasse, die errichtet werden. Als naiver Mensch könnte man ja annehmen, es gäbe eine Vorschrift, bei neuen Projekten auch Mietwohnungen einzuplanen – die gibt’s aber wohl nicht. Wie es nun auch immer kommen mag: Ich befinde mich inmitten eines Experimentalbaukastens und kann teilnehmend beobachten, wie sich ein Viertel, das unfreiwillig aufgewertet wird, so verhält. Bald werden hier hunderte neuer Menschen wohnen, was werden das für Gesellen sein? Die Biomärkte freuen sich schon, aber wird auch das Eisbein-Eck profitieren? Wird Friedrichshain prenzlauerbergisiert? Vor wenigen Wochen eröffnete sie schon, die Schwäbische Bäckerei.

Ich werde die Zeichen deuten und weiter berichten.

Briefe aus Berlin (3): Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst

Zufällig entdeckte ich in einer Zeitschrift den Hinweis auf eine Veranstaltung: „Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst.“ Ich strich mir den Tag rot im Kalender an. Durs Grünbein, der hochdekorierte Großdichter aus Dresden gemeinsam auf einer Bühne mit Jonathan Meese, dem berüchtigten Kunstprovokateur? Das wollte ich mir gerne ansehen.

Der große Saal des Hauses der Berliner Festspiele ist nur spärlich gefüllt, als ich in einen der gepolsterten Sessel sinke. Ein Manifest von Meese und ein Gedicht von Grünbein werden an die Bühnenwand geworfen. In beiden geht es um die Kunst, das Manifest ist stumpf und klar, das Gedicht rätselhaft und fragil. Die zwei Protagonisten betreten den Saal, freundlicher Applaus. Grünbein eröffnet die Pressekonferenz, er zappelt auf seinem Stuhl wie ein Schuljunge und verknotet immer wieder seine dünnen Beine unter dem Tisch. Jonathan Meese trägt eine schwarze Lederjacke, langes schwarzes Haar und verschiedene schwarze Sonnenbrillen, die er in kurzen Abständen wechselt. Er müsse viel leiden für seinen Einsatz für die Diktatur der Kunst, sagt Meese. Er sei auch einsam, denn er habe ja kaum Anhänger. Vor Jahren seien es drei gewesen, heute nur noch zwei. Niemand wolle ihm auf seinem Weg folgen. Und dann verliert Meese sich in eine Vision: Er ist auf einem Schiff unterwegs, einem Schiff der Kunst. Und von den Inseln locken ihn die Stimmen der Sirenen von Politik und Religion. Alle Freunde gehen einer nach dem anderen von Bord, er allein bleibt auf Kurs und der Kunst absolut treu.

Grünbein sagt, er habe noch nicht alles verstanden und stellt Nachfragen. Vor sich auf dem Tisch hat er Notizzettel ausgebreitet, offenbar hat er sich auf eine gemütliche Podiumsdiskussion vorbereitet. Aber Meese achtet nicht weiter auf die Fragen, sondern bricht gleich wieder in eine Predigt aus. Nach wenigen Sätzen schlägt seine etwas quäkige Stimme in Geschrei um. Es klingt, als versuchte Kermit der Frosch sich an einer Imitation von Adolf Hitler. „Der Kunst darf man sich nicht in den Weg stellen!“, brüllt er. „Die Diktatur der Kunst richtet sich gegen die Weltdiktatur der Demokratie! Alle Macht muss von der Kunst ausgehen, nicht vom Volk!“ Und dann zählt er auf, womit Kunst nichts zu tun haben dürfe: mit Politik, mit Religion, aber auch mit Individualität und Kreativität und Freiheit. Alle Parteien seien gleich scheiße, alle Religionen gleich überflüssig. „Bei den Tieren funktioniert es doch auch ohne! Tiere haben keinen Gott, Tiere gehen auch nicht wählen! Sie folgen ihrem Instinkt! Sie sind die wahren Künstler! So müssen wir auch der Kunst gehorchen! Die Kunst gibt Befehle und wir haben zu dienen! Niemand darf mehr wählen gehen, niemand darf mehr beten oder beichten! Das verbietet sich von selbst! Die Kunst ist versachlichte Führung! Das ist die neue Gesellschaftsordnung, die wir brauchen! Das ist doch geil! Das ist doch Wahnsinn! Ich verstehe nicht, warum das nicht alle so geil finden wie ich!“

Es gibt vereinzelte Klatscher im Publikum und vereinzelte Zwischenrufe, aber keine Empörung. Nur einige ältere Herrschaften verlassen den Saal – wahrscheinlich, weil ihr Held Durs Grünbein kaum zu Wort kommt. Der erzählt unterdessen eine Anekdote: Lady Gaga habe sich ein Zitat von Rilke auf den Arm tätowieren lassen, in dem es auch um den absoluten Anspruch der Kunst geht. Aber Meese ist überfordert damit, ein gewöhnliches Gespräch zu führen. Oder er hat keine Lust dazu. Eine junge Frau beschwert sich, dass Meese auf eine E-Mail nicht geantwortet habe. „Das muss ich auch nicht! Du sollst nichts fragen, du sollst strammstehen!“ Der Saal lacht. Dieser Meese hat auch einen unwiderstehlichen Lausbubencharme, der so gar nicht zum Diktator der Kunst passen will. Ist das vielleicht alles nur Spaß? Man weiß es nicht.

Entweder Meese ist die höchste Konsequenz der Avantgarde oder ihre Karikatur. Die Kunst ist ihm das Absolute, sie soll autonom sein und nur ihr eigner Zweck. Aber gleichzeitig soll an der absoluten Kunst auch die Welt genesen, die Realität soll Kunst werden. „Ich will, dass die ganze Welt eine Bühne wird“, sagt Meese. „Wenn heute diese Bühne, auf der wir sitzen, sich nur um fünf Zentimeter ausweitet, haben wir schon viel erreicht.“ Aber für Meese ist die Kunst nichts als die bewusstlose Ordnung der Natur, also liefe so eine Diktatur der Kunst auf die Abschaffung der Zivilisation hinaus. Was Meese sagt, ist so absurd, dass man es nicht ernst nehmen kann. Aber er sagt es mit einem Ernst, der keine Zweifel zulassen will. Meese nimmt einen Standpunkt ein, der so radikal ist, dass er nicht weniger als alles verwerfen kann. Und zugleich spielt er seine Rolle so naiv, dass ihm mit keinem vernünftigen Argument beizukommen ist.

„Es geht auch nicht um mich“, sagt Meese. „Ich habe keine eigene Kunst, ich diene der Kunst. In der Kunst etwas zu können, ist abträglich. Es gibt Leute, die sagen, ich könne gar nicht malen. Natürlich nicht! Warum auch?“ – „Sie sind aber auch arrogant!“, ruft eine Frau aus dem Publikum. „Nein, das kommt Ihnen nur so vor!“, ruft Meese zurück. „Ich muss hier ja auch meine Rolle spielen, damit mir überhaupt jemand zuhört.“ Grünbein will wissen, warum Meese sich denn zur Kunst berufen fühle. „Weil es so leicht ist!“, sagt Meese. „Es ist Instinkt. Malen ist wie Scheißen! Natürlich und notwendig.“

„Ich hab noch ein Geschenk für dich mitgebracht, Urs!“, sagt Meese irgendwann. „Ich meine: Durs – Urs, Durs, Schnurs, egal.“ Meese öffnet seine Tasche und holt zwei kleine Plüschtiere heraus, eine Grille und eine Mücke, die auf Knopfdruck Geräusche von sich geben. „So, und jetzt lese ich noch mein Manifest!“ – „Wollen wir das nicht vielleicht weglassen?“, fragt der sichtlich erschöpfte Grünbein zur Erleichterung des Publikums. „Nein, ich lese das jetzt!“, lehnt Meese ab. „Sie können ja gehen, wenn Sie wollen. Ich lese das ja nicht für Sie, sondern für die Kunst!“ Und so liest er sein Manifest, jeden Punkt mit sadistischer Lust an der Qual mehrfach wiederholend. Traubenweise verlassen Zuschauer den Saal. Als das verbliebene Publikum endlich mit einem stürmischen Schlussapplaus das Ende einfordert, hält Meese noch einmal die Plüschmücke ans Mikrofon und lässt sie summen: „Ist das nicht wahre Kunst?“

Eine kürzere Fassung dieses Berichts erschien bereits in der Sächsischen Zeitung. Der Autor dankt für die Möglichkeit zur Wiederveröffentlichung. Meine wöchentliche Kolumne in der Sächsischen Zeitung kann man immer am Sonnabend im „Magazin“ lesen.

Briefe aus Berlin (2)

Nun, da ich nach Berlin gezogen bin, habe ich mir vorgenommen, auch die Berliner kennen zu lernen. Da ich aber Menschen im Allgemeinen hasse und Kontakt mit ihnen meide, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen, um ihnen näher zu kommen. Ich beschloss also, mir hiesige Kontaktanzeigen anzuschauen, um einen Eindruck von den Berlinern zu bekommen. Nirgendwo sonst sollten sich doch ihre geheimen Sehnsüchte deutlicher offenbaren.

Runde 54-jährige Hausfrau will Sex mit Dir. Total privat, in Steglitz, von 10-20 Uhr. – Welche Männer zieht eine solche Anzeige wohl an? Runde Hausfrauen in mittlerem Alter haben doch die meisten selbst zu Hause. Andererseits haben die vielleicht kaum noch Lust auf Sex, schon gar nicht zwischen 10 und 20 Uhr.

Praller Arsch auf Deinem Gesicht! Versautes Miststück unterdrückt / benutzt / foltert Dich! – Es ist wirklich erstaunlich, wie weit die Welten des Alltags und der Sexualität voneinander entfernt sind. Man würde jedenfalls Unverständnis ernten, wenn man in der U-Bahn auf die Frage „Ist bei Ihnen noch ein Platz frei?“ antwortete: „Natürlich, Sie können sich gerne auf mein Gesicht setzen!“

Wir ficken / fisten Deinen Arsch! Pissen + spucken Dich an und benutzen Dich auf Bett / Gynäkologenstuhl / Kreuz. – Es mag sich jeder selber ausmalen, an welche Zielgruppe sich das Angebot, am Kreuz gefistet zu werden, richtet.

Lesbisches Treiben! Zärtliche Huren vernaschen Dich tabulos von Kopf bis Fuß. Nur gepflegte, solvente Herren erwünscht. – Wieso diese Lesben den Wunsch verspüren, Männer zu vernaschen, leuchtet mir nicht so ganz ein. Aber verstehe einer die Frauen!

2 attraktive Polinnen empfangen diskret in Privatwohnung. – Ob diese Anzeige Erfolg hat? Die meisten Männer sind doch schon mit einer Frau überfordert.

Strenge, schöne Blondine füllt Dich mit ihrem lecker schmeckenden NS ab. Echte Qualität aus D! – Von einer garantiert arischen, strengen Blondine mit Nationalsozialismus abgefüllt zu werden, finde ich nicht besonders verlockend. Aber wenn sich Erika Steinbach so ein Zubrot verdienen kann, sei es ihr gegönnt.

Die bislang schärfste Kontaktanzeige las ich aber auf der Homepage der Stadt Berlin: Berlin hat die Chancen, die die Wiedervereinigung boten, konsequent genutzt. Die Stadt ist ein Magnet für junge hoch-qualifizierte Arbeitskräfte. Sie wächst überdurchschnittlich auf den Zukunftsfeldern der Urban Technologies, Life Sciences, IT, Medien, Kreativwirtschaft, Dienstleistungen und Tourismus. Als Stadt mit der höchsten Forschungsdichte in Deutschland ist Berlin auch ein Standort für moderne Industrien. Menschen aus 190 Nationen leben hier friedlich in einer inspirierenden und freien Gesellschaft zusammen. Alle diese Stärken kommunizieren wir offensiv. Mit diesen Worten buhlt niemand geringeres als Klaus Wowereit um solvente Unternehmer. Die Mädels an der Oranienburger Straße könnten mit ihren Investoren nicht offensiver kommunizieren.

Briefe aus Berlin (1)

Ein gebräuchlicher Kalenderspruch behauptet, man lerne erst in der Fremde die Vorzüge der Heimat richtig zu schätzen. Ich stelle aber zunächst fest, dass ich in der Fremde die Vorzüge der Fremde zu schätzen lerne und mir die Mängel der Heimat noch deutlicher bewusst werden. Es sind dabei die kleinen Dinge, die mich zur Zeit als Berlin-Anfänger bezaubern.

Welch Freude ist es zum Beispiel, den Senderdurchlauf des Radios zu betätigen und eine Frequenz nach der anderen zu finden, der man gerne lauschen mag. Was Berlinern selbstverständlich sein wird, erscheint mir als Erlösung: nimmermehr dem von schlimmsten Funklöchern betriebenen, absolut niveau-, fantasie- und geschmacklosen Mitteldeutschen Rundfunk begegnen zu müssen.

Was für ein befreiendes Gefühl auch, in einer Stadt zu leben, in der auch Nicht-Arier zu Hause sind! In der Dresdner Altstadt zog jeder dunkelhäutige Mann, jede Frau mit Kopftuch die Blicke auf sich wie ein dreischwänziger Besucher von einem anderen Stern. Hier tummeln sich alle Formen und Farben munter durcheinander. Um nicht ins Idealisieren zu geraten, sei aber auch erwähnt, dass man auch öfter als in Dresden Alltagsnazis zu Gesicht bekommt. Aber Kontraste aller Art erfreuen mir das Auge, solange keine Faust darin landet.

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