Zitat des Monats Juni

Wenn Jeremy Corbyn zum Parteichef gewählt wird, dann werden wir bei der nächsten Wahl keine Schlappe wie 1983 oder 2015 erleben, sondern eine vernichtende Niederlage, möglicherweise die Auslöschung.
Tony Blair über die Zukunft der Labour Party, 13. August 2015, The Guardian

Gescheiterte Integration. Über die „Deutsche Stilkunst“ von Eduard Engel

Vor einem Weilchen las ich die lange verschollene, jüngst wieder erschienene Deutsche Stilkunst von Eduard Engel. Der Literaturhistoriker und Reichstagsstenograf hatte mit seinem Buch einst großen Erfolg; im Jahr 1931 erschien es in der 31. Auflage. Allen Liebhabern der deutschen Sprache kann ich das Werk nur wärmstens empfehlen. Engel, ein mit den europäischen Literaturen vertrauter Schriftsteller, lehrt in seinem „Lebensbuch“ auf unterhaltsame Weise die Grundzüge eines guten Prosastils.

Engel war ein Anhänger des klassischen Stilideals, nach dem sprachliche Schönheit einzig in der Zweckmäßigkeit besteht:

Es gibt keinen guten Stil an sich, es gibt nur einen zweckmäßigen und einen zweckwidrigen Stil; jener ist der gute Stil, dieser der schlechte.

Die sogenannte „schöne Sprache“, die man oft an einem sonst wertlosen Schreiber rühmen hört, ist verdächtig: es gibt für den guten Stil keine bloß schöne Sprache, es gibt nur eine vollkommen angemessene Sprache.

Sehr ausführlich, dabei aber nie langatmig erläutert Engel die einzelnen Voraussetzungen für einen zweckmäßigen Gebrauch der Sprache. Es sind für ihn die Verständlichkeit, die Klarheit, die Kürze, die Ordnung, vor allem aber die Wahrhaftigkeit:

Die unverzeihliche Todsünde des Stils, die Sünde gegen den heiligen Geist in der Menschenrede ist die Unwahrheit.

Engels wichtigste Vorbilder waren Lessing, Goethe, Schopenhauer und auch Börne. Nichts anfangen konnte er dagegen verständlicherweise mit den Schriftstellern der Romantik und mit den Avantgardisten seiner Zeit. Sie alle missachteten zu sehr Engels Grundregel, auch die geschriebene Sprache habe sich grundsätzlich die einfache, gesprochene „Menschenrede“ zum Vorbild zu nehmen.

Besonders erheiternd sind die Beispiele, die Engel aus seiner reichen Sammlung von Stilblüten gibt. Neben Journalisten und Wissenschaftlern müssen auch einige bekannte Schriftsteller Tadel erdulden. Zu Engels Lieblingsfeinden zählten die „Stilgecken“ Alfred Kerr und Maximilian Harden mit ihrer erkünstelten Originalität sowie der „Stilschluderer“ Gerhart Hauptmann. Als kleine Leseprobe hier eine heitere Stelle über diesen Dichter:

Besonders platt, in tiefsinnig tuender Aufplusterung, wird er jedesmal, wo er von einer Zeitung um einen geistreichen Ausspruch ersucht wird; dann vernehmen wir Weisheitssprüche wie diesen: Irrtümer, durch Überzeugung und Mehrheit getragen, werden nur stärker in ihrer Wesenheit [!] als Irrtümer, entfernen sich dadurch aber um so mehr von der Wahrheit. Man kann sicher sein: wo immer man bei Hauptmann auf so etwas wie einen Gedanken stößt, da ist er nicht von Hauptmann.

Man sieht: In seinem Geschmack ähnelte Engel dem Wiener Sprachkritiker Karl Kraus, auf den er sich auch gelegentlich bezog.

Nur eines stört an Engels Buch: die beständigen Wutausbrüche des Autors gegen die „Fremdwörterei“. Es gibt durchaus gute Gründe, vor einem übertriebenen Gebrauch von Fremdwörtern zu warnen: Sie sind schwerer verständlich; ihnen fehlt anfangs die lebendige Verbindung zum deutschen Wortschatz; sie passen schlechter zur deutschen Wortbildung; sie dienen oftmals Angebern nur zur sprachlichen Hochstapelei. Doch Engels Krieg gegen Fremdwörter ging über jedes vernünftige Maß hinaus, wie schon seine blutigen Kampfbegriffe zeigen: Der Gebrauch der „minderwertigen“ Fremdwörter war für ihn eine „Seuche“, eine „krebsartige Sprachkrankheit“. Er redete von einem „fremden Blutgift“, das „die sprachlichen Blutbahnen“ verschmutze. Er bezichtigte Deutsche, die Fremdwörter gebrauchten, sie übten sich im „Mauscheln“ und redeten eine „Zigeunersprache“. Beinahe alle Fremdwörter wollte Engel am liebsten aus der deutschen Sprache „ausmerzen“.

Engel redete über Fremdwörter so, wie fanatische Antisemiten gleichzeitig über die Juden sprachen. Engel aber war selbst jüdischer Herkunft, hatte sich allerdings von dieser Kultur völlig gelöst. Politisch war er ein konservativer, stramm deutschnationaler Mann. Vor diesem Hintergrund erscheint sein Krieg gegen die Fremdwörterei in recht trübem Licht. Der jüdische Deutsche wollte offenbar seinen rechten Gesinnungsgenossen durch extremen Sprachnationalismus die eigene Deutschheit beweisen. So erklärt es sich denn auch, dass er einzig Lehnwörter wie Nase, Tisch und Fenster von seinem Verdammungsurteil ausnahm. Sie hatten sich bis zur Unkenntlichkeit ans Deutsche angepasst – so wie Eduard Engel auch, der das Wort „Deutsch“ grundsätzlich großschrieb. Die deutschen Nationalisten dankten es ihm nicht. 1933 wurde Engel von seinen puristischen Gesinnungsgenossen verlassen und vom Staat mundtot gemacht. Er starb bald darauf, vergessen und in Armut. Der Nazi-Mitläufer Ludwig Reiners schlachtete Engels Werk 1943 für ein eigenes Buch mit gleichem Titel aus, das noch heute in vielen Regalen steht.

Aus dem tragischen Fall von Eduard Engel lässt sich lernen: Auch heute folgen einige Zuwanderer dem Lockruf der Rechten, Fremde müssten sich doch nur vollständig germanisieren und wären dann auch willkommen. Im Vertrauen auf dieses Versprechen werfen Einwanderer ihre alte Kultur ab, ja einige helfen wie Akif Pirinçci als nützliche Idioten sogar dabei, ihre alte Identität zu denunzieren. Selbstverständlich ist überhaupt niemand dazu verpflichtet, sich einer Kultur zu verschreiben oder einer Identität zu unterwerfen. Keinesfalls muss etwa jemand, nur weil er türkischer Herkunft ist, den Islam mögen. Einen schäbigen Eindruck aber machen Leute, die ihre Herkunftskultur herabsetzen, ja verunglimpfen, um sich damit bei den Nationalisten ihrer neuen Heimat anzubiedern.

Rechts hört man allerdings auch längst Stimmen, die gar nicht nach Integration rufen, sondern gerade in ihr geheime Zersetzung wittern. Der völlig angepasste Fremde, der ununterscheidbar Gewordene erscheint diesen Volksverteidigern als größte Gefahr. Man kann sich jedenfalls sicher sein: Sollten die Nationalisten aufs Neue an die Macht kommen, dann nützen Sprache und Kultur gar nichts. Dann zählt wieder einmal nichts als das Blut.

Michael Bittner

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Die Deutsche Stilkunst von Eduard Engel ist antiquarisch und in verschiedenen Nachdrucken erhältlich. Das hervorragende Vorwort von Stefan Stirnemann rechtfertigt aber die Anschaffung der leider ziemlich teuren Neuausgabe in der Reihe Die Andere Bibliothek:

Eduard Engel: Deutsche Stilkunst. Nach der 31. Auflage von 1931. Mit einem Vorwort bereichert von Stefan Stirnemann. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2016, 2 Bände, 976 Seiten, 78 Euro

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Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien zuerst in der Sächsischen Zeitung.

Zitat des Monats März

Zum würdigen Leben gehört mehr als nur soziale Gerechtigkeit. Eine andere Bedingung ist die Identität. Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration. Das Thema ist für die Linken gefährlich: In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat.

Jakob Augstein

Du sollst nicht sollen. Gedanken in Eisenhüttenstadt

Wer nicht weiß, wie er in diesen trüben Zeiten seine Sonntage verbringen soll, dem empfehle ich eine Reise nach Eisenhüttenstadt. Es gibt vielleicht ein paar geringfügig schönere Orte auf der Welt. Aber Schönheit ist nicht alles. Schönheit kann sogar langweilen, wenn sie allzu gefällig nach unserer Gunst hascht. Dies tut Eisenhüttenstadt nicht. Nein, diese Stadt empfängt den Besucher eher herb. Dennoch lohnt sich eine Reise in die Stadt, die in den Fünfzigern aus dem Boden gestampft wurde. In ihr sollten Arbeiter Stahl produzieren, man taufte sie auch zunächst auf den Namen Stalinstadt. Eine gebaute Utopie war Eisenhüttenstadt, ein Experiment der jugendfrischen DDR. Wer heute durch das Zentrum schlendert, der kann erahnen, wie der real existierende Sozialismus ausgesehen hätte, wären ihm nicht schon frühzeitig Geld und Hoffnung ausgegangen. Durchaus anmutig und großzügig wirken die Häuser und Plätze, weit menschenfreundlicher als die späteren Neubausiedlungen mit ihren einförmigen Platten in Fertigbauweise.

Einen Besuch wert ist auch das Dokumentationszentrum zur Alltagskultur der DDR. Es handelt sich nicht, wie man befürchten könnte, um eine ostalgische Sammlung von Zonengerümpel. Nein, die Schau stellt mit allerhand Exponaten klug die verschiedenen Bereiche des Lebens in der DDR vor. In einem der Räume, der sich dem Schulwesen widmet, entdeckte ich etwas wieder, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen und längst vergessen hatte: die Zehn Gebote der Jungpioniere. Während ich sie las, fragte ich mich: Hat denn damals wirklich keiner der Genossen geahnt, dass man sich über diese Gebote einmal lustig machen würde? Dass man in ihnen geradezu überdeutlich den Beweis sehen muss, dass der Staatssozialismus bloß eine Ersatzreligion ist, die genauso auf die Gutgläubigkeit ihrer Anhänger vertraut wie das Christentum? Aber vielleicht waren die eifrigen Genossen wirklich überzeugt, man habe die Macht, die Religion zu ersetzen, und könne deren Formen benutzen wie ausgeleerte Gefäße.

Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.

So lautet das erste Gebot. Auch der Gott des Alten Testaments fordert bekanntlich in seinem ersten Gebot Liebe, zeigt sich dabei auch noch außerordentlich eifersüchtig und droht religiösen Fremdgängern damit, ihr Vergehen noch an den Söhnen und Enkeln zu strafen. Man muss wohl sagen, dass auch in der DDR mancher Sohn darunter litt, wenn sein Vater sich mit dem Klassenfeind eingelassen hatte.

Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden.

Vielleicht sollte man grundsätzlich misstrauisch werden, wenn einem befohlen wird, irgendetwas zu lieben, sei es ein Gott, eine Partei oder ein Land. Was liebenswert ist, erweckt Liebe auch ohne Zwang. Aus Gehorsam lieben können wiederum nur passionierte Masochisten.

Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.

So lautet das vierte Gebot, das aus logischer Sicht seinen Plan etwas übererfüllt. Schließen denn „alle Länder“ die Sowjetunion nicht schon mit ein? Aber es war wohl wichtig, die große Brudermacht noch einmal einzeln herauszustellen, um klar zu machen, dass dies eine Land gleicher als die anderen sei.

Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert. Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.

Aus solchen Maximen sollte eine Gemeinschaft freier Menschen erblühen? Das kommt wohl dabei heraus, wenn man die Anarchisten, Querdenker und Vagabunden in den Gulag schickt. Übrig bleiben nur die Jasager, Flachköpfe und Spaßbremsen. Wen wundert’s da, dass aus der DDR bloß eine Spießerdiktatur wurde? Immerhin wirken nicht alle Gebote so unsympathisch:

Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander. Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern.

Solchen Geboten unterwirft man sich gerne. Nur das Trinken hätte ruhig auch noch Erwähnung finden können. Das neunte Gebot sorgt aber gleich wieder für Ernüchterung:

Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Nein, eine Religion, die uns den erzdummen Turnvater Jahn als Heiligen anbietet, kann einfach nicht der wahre Glaube sein.

Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch. Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmannpioniere zu werden.

Zum Thälmannpionier mit dem roten Halstuch habe ich es nicht gebracht, die Wende kam leider dazwischen. Und damit blieb mir auch die kommunistische Kommunion vorenthalten.

Vor einer Weile hörte ich von einem Interview mit Gregor Gysi. Der behauptete da im Gespräch überraschend, eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften, habe verheerende Folgen. Allein die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland sorgten noch für eine allgemein verbindliche Moral. Gysi glaubt also nicht mehr an Gott, aber immer noch an die Religion? Er kann sich offenbar partout nicht vorstellen, dass Leute auf ihr Gewissen hören, ohne es sich als zornigen Mann mit Bart vorzustellen, es sei Jehovah oder der selige Marx. Eine Moral, der man freiwillig folgt, wäre demnach gar keine, echte Moral müsste knechten. Man folgte ihr nicht aus Überzeugung, sondern weil sie höheren Ortes beschlossen wurde. Mir scheint, hier hat bloß einer ein bisschen autoritäre Hörigkeit aus der DDR in den Westen herübergerettet. Aber erschlagen sich die Leute nicht doch gegenseitig auf den Straßen, wenn es keine verbindliche Moral mehr gibt? Nun, ganz im Gegenteil erschlagen sich erfahrungsgemäß gegenseitig vor allem jene Leute, die der Meinung sind, es müsse eine allgemein verbindliche Moral, Religion oder Weltanschauung geben. (Jeweils ihre eigene natürlich.) Dafür, dass in einer Gesellschaft, in der Menschen verschieden denken, nicht das Chaos ausbricht, sorgt nicht die verbindliche Moral, sondern die Polizei. Das reicht völlig.

An der Wand einer kleinen baptistischen Freikirche in Eisenhüttenstadt sah ich ein großes Kreuz mit vier Worten eines Schriftzuges: „Jesus liebt auch dich“. Mir kam unwillkürlich ein leicht blasphemischer Gedanke. Mir fiel ein, wie Erich Mielke bei seinem letzten großen Auftritt in der Volkskammer der DDR ebenso versichert hatte: „Ich liebe doch alle Menschen!“ Er erntete nur noch Gelächter und sah aus wie ein Leidensmann. Aber es regte sich kein Mitleid mit ihm. Denn es war allzu offensichtlich, dass da einer, der Jahrzehnte lang zwangsweise Gehorsam durchgesetzt hatte, nun, da ihm die Macht verloren ging, plötzlich um Liebe bettelte. Ein Sozialismus, der nicht auf Glaube, Liebe und Hoffnung beruhte, sondern auf Befehl und Gewalt, musste wohl früher oder später im Museum landen.

Michael Bittner

Zitat des Monats Februar

Sehr geehrter Herr „Schriftsteller“
Sie gehören wegen Beleidigung, Volksverhetzung und der Verwendung von Parolen grundgesetzfeindlicher Systeme endlich vor Gericht gestellt und weggespererrt , wenigstens 5 Jahre !
Ich hoffe auf baldige Realisierung

Manfred S***, per E-Mail an Michael Bittner

Wie man nicht über die Sache streitet

Oft kommt man, im Internet oder im noch wirklicheren Leben, in die Verlegenheit, mit einem Andersdenkenden sprechen zu müssen. Solche Diskussionen bergen Gefahren. Man kann sich blamieren, weil man im Streit nicht recht behält. Oder man wird am Ende gar von den Argumenten des Gegners überzeugt. Um dies zu verhindern, haben sich eine Reihe von Kunstmitteln bewährt. Die zehn besten seien hier zum allgemeinen Nutzen vorgestellt:

Erklären Sie gleich vorneweg, die ganze Sache sei ohnehin unwichtig und nicht der Rede wert. Das gibt Ihnen die Möglichkeit, aus dem Gespräch auszusteigen, sobald es irgendwie brenzlig wird.

Behaupten Sie, es seien beide Meinungen gleich berechtigt, weshalb es gar keinen Zweck habe, über die eine oder über die andere zu diskutieren. Es habe eben jeder seinen Standpunkt und damit gut. So ein Unentschieden ist auf jeden Fall immer noch besser als eine Niederlage.

Versichern Sie Ihrem Gegenüber, es sei gar nicht fähig und würdig, über ein so wichtiges und komplexes Problem mitzureden. Es fehle doch erkennbar an Lebenserfahrung, an einem Abitur oder an einem Penis.

Reden Sie nicht über die Meinung Ihres Gegners, sondern über die Gefühle, die dessen Haltung bei Ihnen auslöst. Insbesondere schmerzliche Empfindungen geben Ihnen zweifellos das Recht, die Sache nicht weiter zu besprechen und als Sieger der Herzen das Schlachtfeld zu verlassen. Tränen lügen nicht.

Kritisieren Sie nicht die Argumente Ihres Feindes, unterstellen Sie ihm besser üble Motive. Weisen Sie ihm nach, dass er nur vom Neid angetrieben wird oder als bezahlter Agent finsterer Mächte agiert.

Wechseln Sie im passenden Moment das Thema, vorzugsweise zu einem, das dem Gegner unangenehm ist. Versucht dieser, Sie zurück zur Sache zu rufen, dann werfen Sie ihm vor, er habe wohl etwas zu verbergen und wolle im passenden Moment das Thema wechseln.

Reden Sie ausschließlich in unverständlichen Andeutungen, raunen Sie möglichst vieldeutig, sodass es Ihrem Kontrahenten unmöglich wird, Sie bei irgendeiner konkreten Aussage zu fassen. Werden Sie zum Mäuslein, das dem Jäger stets entkommt, weil es immer ein Schlupfloch in der Nähe findet.

Äußern Sie die Behauptung, auch Hitler, Stalin und Dieter Nuhr hätten in dieser Sache nachgewiesenermaßen die gegnerische Position vertreten, was deren Falschheit, ja Bösartigkeit schon zur Genüge beweise und jede weitere Diskussion überflüssig und sogar gefährlich mache.

Brüllen Sie so laut und ausdauernd Beleidigungen, dass die Stimme des Feindes nie zu hören ist. Halten Sie sich, wenn nötig, außerdem auch noch die Ohren zu. Der Feind wird nach einer Weile entnervt abwinken und verschwinden.

Hauen Sie Ihrem Gegner tüchtig auf’s Maul und laufen Sie dann ganz schnell davon.

Michael Bittner

Maximen gegen den Verschwörungswahn

Maßgebliche Vorbemerkung: Das Wort „Wahn“ hat hier keine psychopathologische Bedeutung, vielmehr bezeichnet es ein feindbezogenes Denken, das sich beständig selbst die eigene Richtigkeit bestätigt. Auch sind die aufgezeichneten Maximen keine Denkvorschriften. Es handelt sich um Regeln, die mir in den letzten Jahren in den Sinn gekommen sind, wenn ich meine eigenen Gedanken davon abhalten wollte, auf Irrwege zu geraten. Ich bin weit davon entfernt, diese Forderungen selbst immer zu erfüllen.

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Der Wahn ist nicht das Gegenteil der Vernunft. Er ist Übertreibung, Verlust des Gleichgewichts. Intelligenz schützt ebenso wenig wie Wissen vor dem Wahn. Hat der erst einmal gezündet, wird die Intelligenz zu seinem Antrieb und das Wissen zum Treibstoff.

Gehe davon aus, dass viele Menschen sich der Wahrheit von verschiedenen Seiten nähern können. Wer aber behauptet, ihr alleiniger Besitzer zu sein, hat sie bloß vergewaltigt.

Zweifle an allem, aber zweifle auch an deinem Zweifel. Das sicherste Kennzeichen des Wahns ist selbstgewisse Sicherheit.

Denke daran, dass nichts ohne Ursache ist, aber vieles ohne Absicht geschieht. Es gibt Zufälle.

Ziehe wahrscheinliche Erklärungen unwahrscheinlicheren vor und die langweiligen Erklärungen den interessanten.

Unterstelle keine Bosheit, wo Dummheit als Erklärung ausreicht.

Misstraue jedem Einfall, der dir gefällt. Auch Beifall beweist nichts, am wenigsten der von Freunden.

Suche nach Tatsachen, die deinem Weltbild widersprechen. Konfrontiere jeden deiner Gedanken mit seinem Gegensatz. Spricht mit Leuten, deren Meinungen dir zuwider sind.

Vergiss nie, dass auch deine Gegner einmal recht haben können, selbst wenn sie gewöhnlich lügen.

Der Verblendete vereinigt alle seine Feinde zu einem gewaltigen Popanz; der Kritiker versucht, jedem einzelnen Gegner gerecht zu werden.

Überprüfe, ob das schöne Muster, das du entdeckt hast, in der Wirklichkeit oder doch nur in deinem Kopf existiert. Die Welt ist unendlich, kompliziert und voller Widersprüche – es kann kein Bild von ihr geben, das abgeschlossen, klar und einfach wäre.

Schließe nicht daraus, dass es in der Vergangenheit wirklich Verschwörungen gegeben hat, darauf, dass du es heute wieder mit einer zu tun haben musst.

Verbringe nicht zu viele kostbare Tage mit der Fackel in der Hand in Höhlen, um nach Geheimnissen zu suchen – die meisten Wahrheiten spazieren im hellsten Sonnenschein durch die Straßen.

Erinnere dich an deinen letzten Rausch: Oft hält gerade der Trunkenste sich selbst für völlig nüchtern.

Schau mal ein Weilchen aus dem Fenster, trink ein Glas Wasser und schlaf eine Nacht drüber.

 

Michael Bittner

Zitat des Monats Dezember

Diese verdammten Könige sind hier auf Erden doch nur Schafsköpfe, die zu nichts weiter taugen, als ihre Untertanen zu quälen und die Welt durch ihre abscheulichen Kriege, die ihr einziges Vergnügen sind, in Verwirrung zu bringen.

Rabelais: Pantagruel (1532)

Literaturtipp: Poetry Slam „Literaturen am Fluss“ am Freitag, 23. September

Temye Tesfu 2Am Freitag (23. September) findet in Dresden ein Poetry Slam unter dem Titel „Literaturen am Fluss“ im Rahmen der Aktion „FreiRaum – Brücken bauen für Demokratie und Dialog“ statt. Die Reihe wird von der Stiftung Friedliche Revolution organisiert.

Vier junge Poetinnen und Poeten setzen sich literarisch mit Migration und kulturellem Wandel in Europa auseinander. Michael Bittner wird den Abend moderieren und freut sich auf die Leipziger Autorin und Bloggerin Nhi Le, den Berliner Poeten Temye Tesfu (Foto), die Dichterin Tanasgol Sabbagh aus Friedberg in Hessen und Noah Klaus, den Berliner von der Lesebühne Zentralkomitee Deluxe. Der Spaß findet auf der FreiRaum-Bühne auf dem Theaterplatz statt – bei gutem Wetter draußen, bei schlechtem drinnen. Der Eintritt ist frei!

Zitat des Monats August

Misstrauen Sie demjenigen, der Ordnung schaffen will. Ordnung schaffen heißt immer, sich zum Herrn der anderen machen, indem man ihnen Schranken setzt.

Denis Diderot: Nachtrag zu „Bougainvilles Reise“

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