Meine Eroberung Wiens

Es giebt Menschen, die nichts zu thun haben. Vollkommen Überflüssige des Daseins. Mit weit aufgerissenen Augen schauen sie und schauen. Diese hat das Schicksal bestimmt, die Vielzuvielbeschäftigten zum Verweilen zu bringen vor den Schönheiten der Welt!

Peter Altenberg

 

Wer auf dem schnellsten Wege nach Wien gelangen will, der nehme die Abkürzung durch die Luft. Wer hingegen den schönsten Weg sucht, dem sei zur Reise mit dem Zug geraten. Von Berlin aus durchquert man dabei hinter Dresden zunächst die Sächsische Schweiz immer entlang des Tals der Elbe. Mir gegenüber sitzt ein allein reisender Minderjähriger, der mit der Kamera seines Telefons, das er auf ein kleines Stativ gestellt hat, durchs Fenster die Landschaft filmt. In Bad Schandau steigt er aus. Ob er seine Großeltern besucht und ihnen nachher die aufgezeichnete Schönheit Sachsens vorführt, um zu beweisen, dass so ein Telefon doch nützlich sein kann? Oder will er das Video beim Fernsehen einreichen, auf dass es in der Sendung Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands gezeigt werde? Aber vielleicht filmt er auch nur um des Filmens willen, was durchaus zu begrüßen wäre, ist doch die Freude am Schaffen unnützer Bilder der erste Schritt zum Künstlertum.

Im Zug reise ich heute in der Rolle eines Salonkommunisten: Ich sitze in der ersten Klasse und blättere in der konkret. Und das kam so: Bei der Suche nach günstigen Fahrkarten offenbarte sich die Möglichkeit, für wenig mehr als 100 Euro in der ersten Klasse nach Wien und zurück zu fahren. Der Kapitalismus machte es durch einen internationalen Sparpreis möglich. Dieses Angebot konnte ich unmöglich ausschlagen. Zwar dauert die Reise zehn Stunden, ist dafür aber sehr bequem. Ein wenig enttäuscht bin ich nun nur, weil die erste Klasse sich weit weniger glamourös zeigt, als es der kleine Mann sich träumen lässt. Wo sind die Prinzessinnen auf der Reise zu ihrem Geliebten? Wo die Geheimagenten mit ihrem Koffer voller Plutonium? Wo die gealterten Opernsänger, die in den Süden fahren, um die geschundene Kehle für ihren letzten Parsifal zu kurieren? Stattdessen sehe ich junge Familien, die ihren Kleinkindern Süßigkeiten verabreichen, Rentner, die in Illustrierten blättern, und eine Frau im grauen Pullover, die an mitgebrachten Möhren nagt und das Buch Welche Heilpflanze ist das? studiert. Wahrlich, solcher Menschen hätte ich auch in der Regionalbahn nach Eberswalde gewahr werden können! Gebrochene Versprechen sind schlimm, besonders dann, wenn man selbst es war, der sich etwas versprochen hatte. Auch der tschechische Schaffner, der hinter der Grenze den deutschen ablöst, enttäuscht enorm. Er überprüft nicht nur die Fahrkarten, sondern muss auch noch Mineralwasser in Plastikflaschen kostenlos an die Passagiere verteilen. Diese unwürdige Nebentätigkeit raubt ihm sogleich die Aura der Autorität, die Fahrgäste werfen ihm denn auch mitleidige Blicke zu. Da nützt auch die schöne Uniform nichts mehr.

In Prag muss ich ein einziges Mal umsteigen. Der Zug der Österreichischen Bundesbahnen, der mich nach Wien bringen soll, heißt Railjet. Geht’s noch angeberischer? Warum nicht gleich Gleisrakete, das Space Shuttle auf der Schiene? Früher suchten die Erfinder das Neuartige sprachlich an das Vertraute anzuschließen, um den Menschen die Angst zu nehmen, so wie beim „Flughafen“. Heute schwindeln Marketingschwätzer das Altbekannte zur Neuigkeit hoch. Wahrscheinlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, weil Erfindungen, die das Leben der Leute wirklich verbessern, schon lange keine mehr vorgefallen sind. Die letzten großen Erfindungen der Menschheit waren, wenn ich nicht falsch unterrichtet bin, der Flachbildschirm, Aperol Spritz und der Gender-Asterisk.

Zwei junge italienische Paare kommen in den Wagen. Sie sind äußerst unsympathisch, denn laut und fröhlich. Was gibt es Widerwärtigeres als die gute Laune fremder Menschen? Erfreulicherweise kommt bald eine Schaffnerin und verweist sie der ersten Klasse, in die sie sich widerrechtlich gesetzt hatten. Sie packen ihre Sachen zusammen und trotten geschlagen davon. Äußerst befriedigend ist es, dabei zuzuschauen, wie die Ordnung wiederhergestellt wird! Stille im Waggon. Mir kommt ein schlimmer Verdacht: Kann es sein, dass mein Aufenthalt in der ersten Klasse mich schleichend auch geistig in einen Vertreter der Oberschicht verwandelt? Führt zu viel Beinfreiheit zu Ellenbogenmentalität? Beginnt tief in mir gar die innere Kartoffel zu keimen?

Im Speisewagen sitzen am Nachbartisch zwei junge Männer, offenbar Rucksacktouristen, die sich auf der Reise kennengelernt haben, ein schmaler Finne und ein bulliger, glatzköpfiger Amerikaner. „Sei nicht beleidigt“, sagt der Amerikaner laut zu seinem Gefährten. „Aber ich habe mich bewusst entschieden, durch Mittel- und Osteuropa zu reisen, weil wir zuhause in den Südstaaten davon ausgehen, dass die Westeuropäer schwache Pussys sind, die Angst vor den jungen Moslems haben, ihre Frauen nicht mehr beschützen und sich vom Staat wie Kinder behandeln lassen. Und ich muss dir ehrlich sagen, das alles hat sich auf meiner Reise für mich bestätigt. Die Osteuropäer scheinen mir dagegen noch richtige Männer, einfach und ehrlich.“ – „Ja, ähm, hm“, erwidert der junge Finne, in der Stimme die Härte einer Tofuwurst. „Also, wir Skandinavier sind eigentlich auch ganz normal.“

Viel zu luxuriös ist auch das Hotel, in dem ich von dem Mann einquartiert wurde, der mich für eine Lesung nach Wien geladen hat. Nachdem die Frau an der Rezeption erfahren hat, dass mein Zimmer jemand anderes für mich bezahlt hat, schaut sie mich etwas seltsam an, lässt aber Gnade walten. „Das Frühstück ist in Ihrer Buchung nicht inbegriffen. Sie können aber natürlich auch einfach morgens vorbeikommen und trotzdem frühstücken. Das kostet dann 16 Euro“, erklärt sie und fügt nach einer kurzen Pause, in der sie mich wieder seltsam anschaut, hinzu: „Es gibt auch ein kleines Buffet, das kostet dann nur 7 Euro.“

Ich frühstücke am nächsten Morgen lieber beim Bäcker. Wer sich gerne einmal völlig dumm vorkommen will, der bestelle in Wien „einen Kaffee“. Die Verkäuferin erklärt mir geduldig die verschiedenen Sorten, die zur Auswahl stehen. Ich bestelle irgendwann einfach „einen Braunen“ aus Angst davor, dass die Aufzählung sonst gar kein Ende mehr nimmt. Nach dem Frühstück besuche ich das Museum der Stadt Wien, das sich, der Mode zur sprachlichen Selbstverstümmelung folgend, inzwischen Wien Museum nennt, geschrieben natürlich ohne Bindestrich. Das Innere des Museums wurde von der Modernisierung bislang aber verschont. Zu sehen gibt es bunte Kirchenfenster, Ölgemälde und Stadtmodelle. Besonders der originalgetreue Nachbau der Wohnung von Franz Grillparzer entfaltet großen Reiz. Man kann sich beim Anblick der verschörkelten Möbel aus dunklem Holz fühlen wie im Wohnzimmer der Oma, wenn man sich den Flügel und die Marmorbüste von Goethe wegdenkt. Mulmig wird mir allerdings bei dem Gedanken daran, dass ja zweifellos auch mein Wohnzimmer nach meinem Ableben einmal im Museum so wiederaufgebaut werden wird, um es den Scharen meiner Anbeter zu präsentieren. Wird man mich am Ende gar noch ausgestopft auf das Sofa setzen? Will ich das überhaupt? Unangenehm ist vor allem, dass ich jetzt schon ständig aufräumen muss, denn ich weiß ja nicht, wann mich der jähe Tod ereilen wird. Tritt er im falschen Moment ein, liegen im Wohnzimmer vielleicht noch Speisereste und Socken herum, die dann auf ewig originalgetreu der Nachwelt gezeigt werden, um das echte Bild meines Lebens nicht zu verfälschen.

Lange hält es mich nicht mehr in der historischen Gruft, denn draußen lockt der Sonnenschein des frisch hereingebrochenen Frühlings. Ich fahre zum Prater, um daselbst zwischen den Wienern zu flanieren. Ich mache mir so mit eigenen Augen ein Bild von diesem bunten Völkchen. Es ist eine gemischte Gesellschaft wie auch die Berliner Bevölkerung, allerdings weniger orientalisch, dafür mit auffällig osteuropäischem Einschlag. Wundersam nimmt sich eine jüdische Familie in orthodoxer Tracht aus, wie wenigstens ich sie in Berlin noch nie zu sehen bekommen habe. Die dort herumlaufenden jungen Israelis zeichnen sich durch eher unorthodoxe Trachten aus. Eine Familie von gewöhnlichen Österreichern fällt mir auf, weil sie eine Englische Bulldogge mit sich führt, die hörbar unter Atemproblemen leidet. Der Hund grunzt und röchelt wie ein volltrunkener Unteroffizier im Schlaf. Wie kann man nur so grausam sein, Tiere zu züchten, die von Natur aus nicht richtig atmen können? So fragen Tierschützer oft, wenn es um Möpse und ähnlich behinderte Hunde geht. Sie verkennen bei dieser Frage aber, dass gerade leidende und schwache Wesen unsere Liebe in besonderem Maße wecken. Da verlockt es manchen Menschen, absichtlich hilfsbedürftige Wesen in die Welt zu setzen, um sich dann um jene Geschöpfe kümmern zu können. Warum gäbe es sonst Kinder? Der Mops unter den Göttern ist übrigens Jesus, den die Menschen – wie Heinrich Heine einmal bemerkte – lieben wie keinen Gott vor ihm, eben weil auch er zum Leiden in die Welt gesandt wurde. Einen starken und siegreichen Propheten hingegen kann man nicht lieben, der kann Achtung nur gewinnen, indem er Furcht erweckt.

Zum Essen gerate ich abends in ein Restaurant mit dem eigentümlichen Namen … bin im Leo. Der Innenraum ist in warmen Farben gestrichen, hippiesk dekoriert und mit überfreundlichem Personal bestückt, das therapeutische Gespräche mit den Stammgästen führt. Ein Mann am Nebentisch fragt den Wirt, ob er denn Leo sei, woraufhin dieser erläutert: „Nein, ich bin nicht Leo. Es gibt auch keinen Leo hier. Leo ist nicht der Name, sondern kommt von dem Ausruf von Kindern beim Fangespielen, wenn sie sich im geschützten Bereich befinden und nicht abgeschlagen werden dürfen. ‚Ich bin im Leo!‘, sagt man da in Wien und Niederösterreich. Ein solcher geschützter Bereich soll auch das Restaurant für unsere Gäste sein. Hier sollen sie sich wohl und sicher fühlen.“ Ich erinnere mich, dass in meiner Kindheit in Sachsen beim Fangespielen der entsprechende Satz „Ich bin im Zick!“ lautete. Und mir wird klarer, was hinter der gegenwärtigen Sehnsucht so vieler junger Leute nach „Safe Spaces“ steckt. Sie wollen am liebsten nie erwachsen werden, mit dem Bösen in der Welt nicht in Berührung kommen, um ihre Unschuld zu bewahren. Sie schließen die Augen, um sich unsichtbar zu machen. Man möchte sie manchmal schütteln, diese jungen Leute, aber das wäre ja dann schon wieder eine unerträgliche Grenzüberschreitung. Seltsam übrigens, wie zurzeit die unterschiedlichsten Menschen Angst davor haben, dass Grenzen überschritten werden.

Als ich am nächsten Morgen erwache, spüre ich eine große Sehnsucht nach der Natur. Ich gehe also ins Naturhistorische Museum und schaue mir die Zoologische Sammlung an. Es scheint, als wäre hier jedes Tier der Welt ausgestopft in einer Vitrine zu sehen. Und neben jeder Vitrine hängt eine goldene Plakette, auf der vermerkt ist, dieses Tier habe Prinz Luitpold, der Tierliebe, während seiner Verlobungsreise nach Exotistan persönlich mit seiner silbernen Jagdbüchse erlegt. In meiner gewöhnlichen Art jage ich lieber nach Fällen von merkwürdiger Tragik. Und ich finde die Stellersche Seekuh. Sie lebte friedlich viele Millionen Jahre im Nordpazifik bei einigen Inseln vor Kamtschatka. Dann kamen die Menschen. Der Forscher Georg Wilhelm Steller, der das Leben dieser einzigen Kaltwasserseekuh als erster beschrieb, schilderte zugleich auch schon ihr Sterben. Die Seekühe machten es den Jägern besonders leicht. War eines der Tiere gefangen, versuchten die anderen, ihm zu Hilfe zu eilen und gerieten so in die Hände ihrer Mörder. Zähne, um sich zu verteidigen, besaßen die Seekühe nicht mehr, denn sie hatten sich seit ewigen Zeiten allein von Seetang ernährt. Die letzte Stellersche Seekuh wurde 1768 bei der Beringinsel von hungrigen Pelztierjägern erschlagen. Der klarste Beweis dafür, dass es keinen Gott gibt, ist der Mensch.

In einem Café mit israelischer Küche esse ich Shakshuka. Hinter mir sitzen zwei Studentinnen aus Deutschland und beklagen sich über die Wiener. Die seien so schrecklich distanziert, meint die eine, schauten einem nicht in die Augen und grüßten nie zurück – ganz anders als die Leute in Dortmund. „Als ich letztes Jahr in Israel war, bin ich einmal mit einer Freundin frühstücken gegangen, ganz ungewaschen und ungeschminkt, aber prompt haben uns zwei Typen angesprochen, mit denen wir dann den ganzen Tag verbracht haben. Die wollten uns, obwohl wir so scheußlich aussahen! In Wien kann ich so schön sein, wie ich will, hier spricht mich trotzdem nie einer an!“ Die zweite Frau fängt nun an, über ihren Freund zu klagen. Der mache laufend Schluss und komme dann ein paar Tage später doch wieder weinend zurückgekrochen. Woraufhin die erste Freundin tröstend erwidert, ihre Beziehung sei zwar stabil, ja inzwischen eheähnlich, doch auch nicht ohne Unannehmlichkeiten. Besonders im Urlaub sei es schwierig, denn zehn Tage am Stück miteinander, das halte man ja im Grunde nicht aus. In Bangkok letztens habe der Mann zum Beispiel die ganze Zeit am Pool des Hotels verbringen wollen. Aber man müsse doch nicht um die halbe Welt fliegen, um dann am Pool zu liegen! Die beste Lösung sei es in solchen Fällen, wenn jeder für sich allein etwas unternehme. Überhaupt brauche man in der Beziehung regelmäßig Abstand. Eine geniale Strategie, so dachte auch ich: Man trenne sich möglichst oft, um zusammenbleiben zu können! Folgt man konsequent dieser Dialektik der Liebe, dann sind die glücklichsten Partnerschaften jene, in denen die Partner einander gar nicht erst kennenlernen. Wäre es nicht zu aufdringlich gewesen, hätte ich den beiden Frauen gerne noch selbst Ratschläge erteilt, insbesondere den folgenden: Redet lieber nicht über intime Dinge, wenn ein seltsamer Fremder mit einem Notizbuch in eurer Nähe sitzt!

Mit Straßenbahn und Bus fahre ich auf den Kahlenberg, laut Reiseführer ein Ausläufer des Wienerwalds und der Hausberg Wiens. Die Höhenstraße schlängelt sich auf den Gipfel, von einer Aussichtsterrasse bietet sich ein überwältigender Blick hinab auf die Stadt und das ganze Wiener Becken. Ein Schild kündigt an, hier werde bald ein Denkmal für Jan Sobieski errichtet, den polnischen König, der mit seinem Entsatzheer 1683 in der Schlacht am Kahlenberg Wien vor der Eroberung durch die Türken und der vorzeitigen Einführung des Döners rettete. An erfolgreiche Kämpfer gegen die Osmanen erinnert man sich offenbar dieser Tage wieder mit besonderer Inbrunst. An der Bushaltestelle klebt ein weiteres Denkmal: „Die Veränderung hat begonnen“, steht da neben einem Foto des jungen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, der auf dem Porträt feldherrenmäßig in die unbestimmte Ferne schaut. Ein weiterer Slogan macht den Wählern aber auch handfestere Versprechungen: „Weniger Steuern. Weniger Schulden. Weniger Bürokratie. Mehr für Sie.“ Die Leute denken bei der Rettung des Abendlandes eben doch zuerst an ihr eigenes Sparbuch.

Mit dem Bus fahre ich zum Bahnhof Heiligenstadt, um mir den Karl-Marx-Hof anzuschauen, einen der riesigen Wohnkomplexe für Arbeiter, die von den österreichischen Sozialisten in der Zwischenkriegszeit in Wien errichtet wurden. Nach dem austrofaschistischen Staatsstreich 1934 verschanzten sich hier die Arbeiter im Kampf gegen die Armee. Inzwischen wirkt die rote Farbe der Hauswände recht verblichen. Vielleicht war sie aber auch von Anfang an nicht sehr satt. Im Hof sitzt auf einer Bank ein Berufstrinker, der alle Vorübergehenden mit erhobenem Arm grüßt. Ich kann nicht richtig verstehen, ob er dabei „Heil Hitler!“ oder „Halleluja!“ ruft. Wird hier heutzutage noch gegen irgendetwas Widerstand geleistet? Das Wort steht immerhin mit schwarzer Farbe gesprüht auf einer Wand. An einer Laterne klebt ein halb abgekratzter Aufkleber in den österreichischen Landesfarben, auf dem man noch lesen kann: „Wie viele Vergewaltigungen müssen noch geschehen, bis ihr …“

Was ist eigentlich los in Österreich? Um diese Frage zu klären, greife ich mir die gleichnamige Gratiszeitung, die überall in der Stadt ausliegt und offenbar auch gerne mitgenommen wird. Einige Schlagzeilen der Ausgabe vom 3. April 2018 lauten: „Letzte Chance für Rauchverbot“, „Neuer Schock: Amazon hört uns alle ab“, „Turbo-Frühling: Hoch ‚Klaus‘ bringt uns Hitze aus Spanien“, „Schneesturm zu Ostern: Klima immer verrückter“, „Niederösterreicherin starb mit 111 Jahren. Österreichs älteste Frau liebte Grammeln & Schnitzel“, „Kurz wichtiger als Merkel“, „Regierung startet in die nächsten 100 Tage. Nach Zwischenbilanz & Osterpause geht’s los“, „Russland: ‚Giftanschlag im Interesse Londons’“, „Melania und Donald Trump: Liebesshow nach Ehekrach“, „Israel will 16000 Migranten in andere Länder umsiedeln“, „Brutaler Räuber: Lehre statt Knast. 17-Jähriger musste nicht in Haft – dann überfiel er Handygeschäft“, „Burschen schossen auf fahrendes Auto“, „SMS rettet Frau vor Vergewaltigung“, „Wiener Jung-Terrorist (19) steht ab morgen vor Gericht“, „Pensionist (81) zu Hause überfallen. Senior beim Geldabheben beobachtet“, „Auf offener Straße mit Pistole bedroht. Zwei bewaffnete Teenager raubten Burschen (15) aus“, „500 Demonstranten legen City lahm. Nächste Kurden-Demo blockiert die Ringstraße“. Kein Zweifel: Ich lese ein Blatt, das wesentlich nicht aus Papier, sondern aus Angst besteht. Österreich wäre kaum auszuhalten, würde mein bundesdeutsches Herz nicht zwischendurch immer wieder mal durch Zauberworte wie „Grammeln“ oder „Burschen“ erwärmt. Es überrascht kaum, dass sich in der Angstzeitung auch eine ganzseitige Anzeige mit folgender Überschrift findet: „Erektionsstörungen. Wenn’s im Bett plötzlich nicht mehr läuft“. Wie soll es auch laufen, wenn man sich davor fürchten muss, am nächsten Morgen von Burschen beschossen, vergewaltigt, ausgeraubt, in die Luft gesprengt oder zum Passivrauchen gezwungen zu werden? Mal ganz davon abgesehen, dass Amazon das Schlafzimmer abhört! Offenbar wird in Wien die Angst trotz ihrer Nebenwirkungen sehr gern konsumiert. Dabei ist Wien so schön und so reich, wird regelmäßig zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Ist es vielleicht nicht nur in Wien, sondern auch anderswo gerade der Wohlstand, der die Menschen ängstlich, misstrauisch und neidisch macht? Fürchten die Besitzenden den plötzlichen Verlust noch weit mehr als die Mittellosen? Soll ich am Ende gar den Satz wagen: Die Demagogen haben in unserer Zeit großen Erfolg, nicht weil es den Leuten schlecht, sondern weil es ihnen zu gut geht?

Das Wien im Schein der Abendsonne ist so schön, dass es mich am Ende fast stört, noch in einen Keller hinabsteigen zu müssen, um dort Leuten etwas vorzulesen. Aber auch dies meistere ich mit Hilfe einiger Stimmungsbiere. Nach getaner Arbeit und zwei verkauften Büchern sitze ich mit Kollegen in der noch erstaunlich milden Nachtluft. Mit dem Gastgeber, der mich vor zehn Jahren zum ersten Mal nach Wien eingeladen hatte, spreche ich über den Wandel der Zeiten und des Publikums. Mir entfährt die kulturpessimistische These, die jungen Leute seien heute im Allgemeinen unempfänglicher für das Abseitige, das Anstößige, das Spielerische in der Literatur. Es dürste sie stattdessen nach sprachlich glatter, gedanklich schlichter und moralisch einwandfreier Lehr- oder Bekenntnisdichtung. Mein Wiener Gastgeber stimmt mir immerhin darin zu, dass es die Ironie auf Bühnen heute schwerer als früher habe. Ob meine kulturpessimistische These auch ohne den Einfluss von sieben Bieren tragfähig bleibt, wäre in Zukunft noch genauer zu prüfen.

Auf der Heimfahrt nach Berlin am nächsten Tag versuche ich, das Buch zu Ende zu lesen, das ich auf meine Reise mitgenommen hatte: Peter Altenbergs Wie ich es sehe. Aber meine Geduld reicht immer nur für ein paar Zeilen, dann fesseln mich schon wieder die Bilder der kleinen Welt, die mich umgibt. Jetzt zum Beispiel streitet sich gerade ein junger Amerikaner mit seinem Vater darüber, wie man richtig Bilder mit der Fotokamera aufnimmt. Der Sohn meint, der Vater solle nicht immer auf den Vordergrund fokussieren, der Hintergrund verschwimme so und sehe aus wie weißgestrichen, ganz furchtbar. Der Vater verteidigt seinen Stil mit der Milde des Alters, die nicht mehr in die Ferne strebt wie die Jugend, sondern das Naheliegende zu schätzen weiß. Soll man diese Einstellung des Alten auf seine Kurzsichtigkeit zurückführen? Oder auf seine Weitsichtigkeit? Die Ehefrau und Mutter zwischen den zwei streitenden Männern macht derweil die ganze Zeit nur: „Schscht! Schscht!“

Michael Bittner

Die neue Redefreiheit

Noch nie wurde in Deutschland so viel geredet wie heute. Und noch nie wurde dabei von so vielen gesagt, man dürfe ja in Deutschland nichts mehr sagen. Ein Teil der Bevölkerung weiß genau, dass in Deutschland Zensur herrscht. Ich blauäugiger Mensch lebte hingegen bisher in der Überzeugung, die freie Rede habe einen recht weiten Spielraum. Stellte doch jüngst etwa eine sächsische Staatsanwaltschaft fest, die Redefreiheit umfasse sogar das Recht, sich die Hinrichtung von politischen Gegnern zu wünschen, ja diese Hinrichtung mit Hilfe von selbst gebastelten Galgen symbolisch vorwegzunehmen. Ich gehe davon aus, dass es dementsprechend auch nicht ungesetzlich ist, wenn ich mir wünsche, den zuständigen Staatsanwalt möge ein Blitz beim Scheißen erschlagen.

„Eine Zensur findet nicht statt“, behauptet das Grundgesetz. Aber viele Bürger behaupten anderes. Wer hat recht? Auf den Straßen, auf den Titelseiten, in den Fernsehstudios, ja mittlerweile sogar im Parlament dürfen Männer erklären, die linke Meinungsdiktatur lasse sie nichts mehr sagen. Wenn so viele das behaupten, muss es dann nicht stimmen? Ein gewisser Thilo Sarrazin, Mitglied der SPD, ist Millionär geworden, indem er sagte, was man nicht sagen darf. Er hat inzwischen unzählige Nachahmer inspiriert, die ebenfalls von der verbotenen Frucht naschen. In Deutschland kann einem Publizisten in finanzieller Hinsicht offenbar nichts Besseres passieren, als von der Zensur verboten zu werden. Wurde einem Mann erst einmal das Maul gestopft, hängen die Leute ihm an den Lippen. Aber man muss schon tüchtig rechts sein, wenn man in den Genuss dieses verkaufsfördernden Verbotes kommen will. Denn nur Rechte, die Linke kritisieren, sind Helden der Meinungsfreiheit. Linke, die Rechte kritisieren, sind hingegen Gegner der Meinungsfreiheit. Denn die Redefreiheit der Rechten umfasst bekanntlich auch das Recht, keine Gegenrede ertragen zu müssen. Völlig zurecht wird darum der Dresdner Turmschriftsteller Uwe Tellkamp trotz einigen kleinen Lügen als mutiger Kritiker gefeiert, während die Kritiker des Kritikers ernstlich verwarnt werden, sie mögen doch den empfindlichen Mann nicht durch den Hinweis auf die Wahrheit stigmatisieren.

„Nein, nein!“, ermahnen mich die Kämpfer gegen die politische Korrektheit. „Die Zensur ist heute natürlich nicht mehr so altmodisch, mit Verboten vorzugehen, ihr gelingt es, tapfere Streiter für die Wahrheit mit der Nazi-Keule zur Strecke zu bringen!“ Wenn ich das Wort „Nazi-Keule“ höre, stellen sich bei mir leider immer noch die falschen Assoziationen ein. Vielleicht liegt’s daran, dass ich aus der ostdeutschen Provinz komme. Beim Wort „Nazi-Keule“ denke ich immer noch an einen Baseballschläger, von dem Blut tropft, weil gerade irgendein Nazi jemanden damit erschlagen hat. Aber wie albern! Die „Nazi-Keule“, von der unsere neuen Rechten sprechen, ist natürlich eine viel gefährlichere Waffe. Sie zerstört nicht bloß das Leben von Minderwertigen, sondern viel Kostbareres, den Ruf von Patrioten, die zu Unrecht beschuldigt werden, Nazis zu sein. Mein Mitleid mit diesen Männern kennt keine Grenzen und wird auch nicht im Mindesten durch den Eindruck gedämpft, als wirkte ein Volltreffer der „Nazi-Keule“ auf manche Rechte nicht niederschmetternd, sondern wie ein Ritterschlag. Ja, die „Nazi-Keule“ gleicht einem Zauberstab, durch den Rechte in Helden verwandelt werden. Kein Wunder, dass mancher sich selbst mit diesem Zauberstab bearbeitet, wenn es partout an Linken mangelt, die zur „Nazi-Keule“ greifen wollen. Wo kein Linker zur Stelle ist, um mit Hitler zu vergleichen, malt sich gewiss ein Rechter selber ein Hitlerbärtchen unter die Nase. Oder hat jemand Björn Höcke einen Revolver an den Kopf gehalten, um ihn dazu zu bringen, freundliche Worte über den Nationalsozialismus zu sagen? Wer hat in Pirna beim „Politischen Aschermittwoch“ der AfD die Meute angesoffener Frührentner dazu gezwungen, vor den Augen der Welt einen geselligen Abend im Sportpalast nachzustellen?

Wir dürfen bei alledem nicht vergessen, dass schon Adolf Hitler ein Opfer der Zensur gewesen ist. Immer wieder hatte er Schläge mit der Nazi-Keule zu erdulden. Man erhob die absurde Anschuldigung, er sei kein Demokrat, man warf ihn ins Gefängnis, erteilte ihm Redeverbote. Kein Wunder, dass Hitler immer wieder klagte, er werde vom Weimarer Schandsystem „geknebelt“ und von der verräterischen „Judenpresse“ diffamiert. Hätte man doch nur das konstruktive Gespräch mit Hitler gesucht! Hätte man seine Sorgen angesichts der grassierenden Verjudung Deutschlands ernstgenommen! Hätte man ihn nur freiwillig an der Regierung beteiligt, um ihn zu mäßigen und zu entzaubern! Welches Leid wäre Deutschland erspart geblieben! Wer dem gerechten Volkszorn nicht die Gesetze anpasst, der muss sich nicht wundern, wenn der gerechte Volkszorn sich jenseits der Gesetze austobt. Seien wir doch vernünftig! Kapitulieren wir in vorauseilendem Gehorsam vor dem Faschismus, um unsere Demokratie zu bewahren!

„Diffamiert“ – das Wort ist auch heute noch die liebste Vokabel des Rechten, der es mit vollem Recht unerträglich findet, dass Linke ihn öffentlich kritisieren dürfen. Wer so wie ich das unerhörte Glück hat, regelmäßig Post von besorgten Bürgern zu bekommen, der weiß, dass jeder zweite Brief mit folgender Klage beginnt: „Sie haben wieder was gegen die PEGIDAFD geschrieben! Das ist eine unerhörte Diffamierung! Sie haben keinen Respekt vor Andersdenkenden! Sie wollen die Meinungsfreiheit abschaffen!“ Wir müssen neidlos den Propagandisten der politischen Inkorrektheit gratulieren. Es ist ihnen in jahrelanger Arbeit gelungen, dieses Argument so fest in die Hirne von Millionen zu meißeln, dass es dort niemand je wieder herausbefördern wird. Es besticht aber auch ganz enorm durch seine Logik: Wenn die Rechten Kritik üben, nutzen sie die Redefreiheit. Wenn an den Rechten Kritik geübt wird, dann ist das Zensur. Wahrhafte Meinungsfreiheit herrscht nach dieser Logik erst, wenn niemand mehr die Freiheit hat, den Rechten zu widersprechen. Einige Länder im Osten Mitteleuropas sind schon auf dem besten Wege, einen solchen Triumph der Redefreiheit zu bewerkstelligen. Aber wenn schon nicht gleich ganz Deutschland, so kann doch zumindest Sachsen nachziehen! Schon bald gibt es hier Wahlen, die den richtigen Weg weisen können!

Da ich nun die Rechten schon mit so viel Lob bedacht habe, möchte ich auch die Linken nicht vergessen. Das gebietet schon die Fairness. Ich finde es wirklich formidabel, wie viele Linke gerade jetzt ihre Hypersensibilität entdecken, da die Rechten mit dem Vorschlaghammer anrücken. Einen besseren Zeitpunkt hätten sie sich für ihre Entdeckungsreise zu den äußersten Grenzen der Empfindsamkeit nicht aussuchen können. Ich kann ihnen deswegen auch nicht verübeln, dass sie sich inzwischen schon die Ohren zuhalten und über „unerträgliche Hassrede“ klagen, wenn ein Rechter auch nur den Mund aufmacht, um seine Meinung zu sagen. Dass die Linken mit den Rechten in einen Wettbewerb eingetreten sind, wer leberwurstiger ist, wer schneller beleidigt und wer das größere Opfer, das versetzt mich wahrlich in Hochstimmung und macht mir große Hoffnung für die Zukunft. Wie schlau sind jene Linken, die den öffentlichen Streit mit den Rechten nach Möglichkeit vermeiden, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen! Wie souverän und mutig wirkt das! Wie überzeugend ist es auch, dass die Linken beständig über böse Wörter, kaum noch aber über die Sachen selbst reden! Es spart ja auch jede Menge Arbeit, wenn man darauf verzichtet, zu überprüfen, ob die Rechten Recht oder Unrecht haben, und sich stattdessen damit begnügt, den Rechten vorzuwerfen, dass sie rechts sind. Kurzum: Bei den linken Parteien läuft alles kolossal gut und ihre Wahlergebnisse bestätigen das ja auch blendend.

Ich komme zum Schluss: Es steht um die Redefreiheit ganz hervorragend in Deutschland, geradezu optimal. Es wird ja unerhört viel geredet bei uns, vor allem aneinander vorbei und übereinander hinweg, aber immerhin. Das Selbstgespräch ist doch die angenehmste Form der Kommunikation; im Spiel mit sich selbst geht man immer als Gewinner vom Platz. Hauptsache ist, es wird stets so laut geredet, dass niemand in die Versuchung gerät, nachzudenken. Zweifel ist nur hinderlich dabei, auf jede Frage auf Anhieb die richtige Antwort geben zu können. Wir haben vielleicht keine Streitkultur, aber unsere Kultur der Zerredung ist unvergleichlich. Aber das alles soll uns keine Sorgen bereiten, im Grundgesetz steht ja nur etwas vom Recht, sich zu äußern, aber nichts von der Pflicht, auch einmal zuzuhören. Hoffentlich kommt nie jemand auf die Idee, die Redefreiheit könnte auch darin bestehen, sich – wenigstens für ein Weilchen ab und an – vom Zwang zum unablässigen Reden zu befreien. Denn das würde ja dazu führen, dass Demokraten, statt auf das Gekläff von Rechtsradikalen routiniert mit verletztem Gejaule zu antworten, einmal in Ruhe darüber nachdächten, mit welchen eigenen Ideen es gelingen könnte, die Leute wieder zu überzeugen und zu begeistern.

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Dieser Text wurde von Michael Bittner am 11. März 2018 im Kabarett Breschke & Schuch bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die nationalsozialistische Bücherverbrennung in Dresden vorgetragen. Die Gedenkveranstaltung findet jedes Jahr auf Initiative der Dresdner SPD statt. Informationen zur Vorreiterrolle Dresdens im Kampf „wider den undeutschen Geist“ findet man zum Beispiel in diesem Beitrag der FAZ.

Die unerwünschten Fremden

Das portugiesische Coimbra beherbergt eine der ältesten Universitäten Europas. Vor einer Weile schaute ich sie mir während einer Frühlingsreise durch Portugal aus der Nähe an. Dabei kam ich ziemlich ins Schwitzen. Die Gebäude der Hochschule liegen auf einem Hügel, man muss klettern, um auf den Gipfel der Weisheit zu gelangen. Hat man das geschafft, sieht man in den schmalen Gassen nicht nur viele junge Studenten, sondern auch jede Menge Touristen, die um die historischen Universitätsbauten schwärmen und von ihnen auch.

Auf den ersten Blick scheint alles harmonisch, doch einige Graffiti zeugen von einem gewissen Unbehagen unter den Einheimischen. „Lieber Tourist“, las ich da zum Beispiel an einer Hauswand, „wir fühlen uns wie Tiere im Zoo!“ Ich dachte: Nun ja, mein Bester, wenn man in einem gewaltigen Freilichtmuseum lebt, muss man eben damit rechnen, dass man auch selbst wie ein Ausstellungsstück betrachtet wird. Eine prachtvolle historische Stadt, die sich vor Touristen kaum noch retten kann, gleicht wohl einer sehr anziehend aussehenden Frau, die sich von den unablässigen Komplimenten und Annäherungsversuchen der Männer nicht mehr geschmeichelt, sondern belästigt fühlt. In beiden Fällen ist die Lösung schwierig. Die schöne Frau wird sich trotzdem nicht absichtlich entstellen, die schöne Stadt kann sich kaum bewusst in Hoyerswerda umbauen. Während ich weiter durch die Gassen spazierte, entdeckte ich noch eine weitere Botschaft in der grünen Handschrift desselben Sprühers: „Lieber Tourist, mein Vermieter will mich rausschmeißen, weil du mehr zahlst!“ Und noch ein Stückchen weiter stand an der Außenwand eines Hauses, das gerade von Handwerkern umgebaut wurde: „Hier wohnte einmal jemand!“ Mir leuchtete ein: Es gab noch handfestere, materielle Ursachen für die Abneigung gegenüber Fremden. Offenbar wurden hier gerade die armen Studenten aus ihren Wohnungen geworfen, weil die Vermieter mit Ferienappartments für reiche Touristen aus dem Ausland mehr Geld verdienen konnten. Den Zorn darob verstand ich natürlich. Andererseits: Brachten die Touristen denn nicht auch einiges Geld ins klamme Portugal?

Abends saß ich in Coimbra oft am Platz der Republik vor einer der Studentenkneipen. Die Luft war mild und das Bier war günstig. Abneigung gegen Touristen zeigten weder die jungen Kellner noch die jungen Gäste, die ringsum an den Tischen saßen, aus kleinen Gläsern tranken und lebhaft quatschten. Am Ende des Abends wusste ich stets nicht recht: Soll ich die Freundlichkeit durch reichliches Trinkgeld belohnen? Wirke ich nicht, wenn mir das Geld allzu locker sitzt, wie der arrogante reiche Schnösel aus dem Norden? Oder würden sich die Portugiesen über meine Großzügigkeit freuen, gleichsam als Wiedergutmachung für die Knauserigkeit von Wolfgang Schäuble? Konnte ich mit einem Euro mehr vielleicht die europäische Idee retten?

Wieder zuhause in Berlin musste ich mir solche Fragen nicht mehr stellen, da war ich ja selber arm. Da durfte ich nun wieder über die Zugereiste meckern, die den Bierpreis im guten alten Friedrichshain in astronomische Höhen schnellen ließen. Auch Berlin muss ja mit einem Ansturm von Fremden zurechtkommen. Die werden allerdings eher selten von der historischen Schönheit Berlins angezogen. Berlin gleicht weniger einer besonders schönen Frau als einer, von der weltweit bekannt ist, dass man mit ihr ziemlich unkompliziert Spaß haben kann. Einigen Berlinern ist angesichts der Touristenmassen der Spaß inzwischen vergangen. Auch in Berlin sieht man Graffiti, die mit subtilen Botschaften wie „Berlin hates you!“ wohlhabende Touristen und Zugezogene dazu auffordern, die Stadt umgehend wieder zu verlassen. Gelegentlich werden auch Scheiben eingeworfen oder Autos angezündet.

Bricht sich hier wirklich Zorn von Einheimischen Bahn? Nach meinem Eindruck zeichnen sich ja gerade die autochthonen Urberliner durch eine große Duldsamkeit gegenüber Hinzukömmlingen aus. Im Fernsehen sah ich eine Reportage zum Thema, in der ein alteingesessener Neuköllner Biertrinker gefragt wurde, ob er sich an den vielen zugezogenen Hipstern in seinem Kiez störe, worauf dieser erwiderte: „Wer jetze? Wie heißen die Kollejen? Hipster? Wer is det? Is mir hier noch jar ni so uffjefallen, ehrlich. Nö. Also muss ick sagen, jetz in der Richtung hier, hab ick hier nüscht jesehen weiter, von den Kollejen.“ Mir scheint es sich bei denen, die Stress machen, eher selbst um Zugezogene zu handeln, die es bloß schon etwas früher nach Berlin verschlagen hatte. Diese Leute sind fest davon überzeugt, sie hätten in den Siebzigern, Achtzigern oder Neunzigern Berlin durch ihre Ankunft erst interessant gemacht. Deshalb sehen sie sich nun um die Früchte ihrer harten Arbeit betrogen. Die neuen Zuzügler setzen sich ja einfach ins gemachte Nest und fühlen sich auserwählt, dabei haben sie weder Kohlen geschleppt noch sich mit Bullen geprügelt. Auf mich wirkt diese ganze Sache weniger wie ein Krieg zwischen echten und falschen Berlinern als wie ein Generationskampf unter Exilschwaben.

In der Zeitung las ich derweil davon, dass auch in Spanien Menschen immer militanter gegen Touristen protestieren. In Palma de Mallorca treibt der Anblick von besoffenen Deutschen die Einheimischen dazu, schwarze Fahnen aus dem Fenster zu hängen und „Tourist go home!“ an die Hauswände zu sprühen. Auch in Barcelona fühlen sich Einheimische vom fremden Partyvolk überrollt. Es haben sich paramilitärische Aktionsgruppen gebildet, die sich nicht davor scheuen, Leihfahrräder in ihre Einzelteile zu zerlegen. Maskierte stoppten jüngst einen Touristenbus und versetzten die Fahrgäste in Angst und Schrecken, indem sie die Reifen zerstachen und auf die Windschutzscheibe die Parole sprühten: „Der Tourismus tötet die Stadtviertel“.

Unwillkürlich fiel mir da ein, dass auch in Deutschland vor einer Weile ein Bus mit Fremden von Einheimischen gestoppt und belagert wurde. War das nicht irgendwo in Sachsen? Die Insassen des Busses waren dort allerdings keine Touristen, obwohl sie in einem Bus saßen, der Reisegenuss versprach. Obwohl: In den Augen der Belagerer handelte es sich wohl durchaus um Touristen, um Wohlstandstouristen, die es sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers in Sachsen gemütlich machen wollten. Bei dieser Vorstellung werden einige Sachsen aber immer ungemütlich. Sie werfen dann schon mal Scheiben ein oder zünden Häuser an.

Wir leben wahrlich in merkwürdigen Zeiten: Im Süden werden die Fremden angefeindet, weil sie reich sind, im Norden werden die Fremden angefeindet, weil sie arm sind. Die einen Fremden werden gehasst, weil sie zu viel saufen, die anderen Fremden werden gehasst, weil sie gar nichts saufen und deswegen nicht zur abendländischen Kultur passen. Es ist dieser Tage wohl einfach keine gute Idee, fremd zu sein. Fremde sind bei den Einheimischen gerade überhaupt nicht angesagt, ganz gleichgültig an welchem Ort. Damit ist aber auch die Lösung für das Problem ziemlich klar: Es bleiben ab jetzt einfach alle zuhause! Keiner rührt sich mehr vom Fleck, dann gibt es auch keinen Ärger mehr. Dumm sieht es so bloß noch für Leute aus, die kein Zuhause mehr haben und die deswegen, wo immer sie auch hinkommen, unvermeidlich Fremde sind.

Michael Bittner

2018 – Die wahre Jahresvorschau

Januar:

US-Präsident Donald Trump erschüttert die Medienwelt mit einem weiteren ungezügelten Tweet: Frauen, sie sich über sexuelle Belästigung beklagen, seien in Wahrheit frigide Kampflesben, die man nur einmal ordentlich durchnudeln müsse. Er sei bereit, sie alle persönlich im Oval Office von ihrer Hysterie zu heilen. Sofort erntet Trump empörte Reaktionen von Meryl Streep, dem Papst und Katrin Göring-Eckardt. Darauf wird mehrere Tage lang in den Medien erbittert über die Frage gestritten, ob das Problem der frigiden Kampfleben bislang nicht möglicherweise doch unterschätzt wurde. Erst nach knapp einer Woche stellt die Weltöffentlichkeit überrascht fest, dass irgendjemand in der Zwischenzeit fünf Atombomben über Kanada abgeworfen hat.

Februar:

Die Koalitionsverhandlungen in Deutschland ziehen sich hin. Der überraschend zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählte Benno Schnulz, stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins Peine und früherer Steuerberater von Gerhard Schröder, stellt harte Bedingungen für eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten: Der Terminus „Koalition“ müsse in allen offiziellen Dokumenten durch das Wort „Opposition“ ersetzt werden, den SPD-Ministern müsse es gestattet sein, ihr Amt anonym auszuüben, und die CDU müsse vertraglich zusagen, keine der sozialen Errungenschaften der Agenda 2010 anzutasten. „Unter diesen Bedingungen, und nur unter diesen, sind wir bereit, in eine große Opposition einzutreten“, so Schnulz in einer mitreißenden Rede auf einem Sonderparteitag in Peine. Auf diese Forderungen angesprochen, erwidert Bundeskanzlerin Merkel: „Deutschland ist ein schönes Land voller guter Menschen.“

März:

Unter dem Hashtag #NoSmartism sorgt eine neue Antidiskriminierungskampagne im Internet für Aufsehen. Ihre Anhänger fordern ein Ende der Benachteiligung dummer Menschen. Als Gast der Talkshow von Anne Will erläutert die Internetaktivistin Anke Domscheit-Berg die Bewegung: Dummen Menschen werde es in der Gesellschaft sehr schwergemacht. Sie würden im Alltag oft verspottet und gemieden. In Büchern und Filmen, selbst in solchen für Kinder, stelle man dumme Menschen unvorteilhaft dar. In der Schule erhielten sie schlechtere Noten und im Beruf hätten sie kaum Chancen auf eine Karriere. In den Aufsichtsräten großer Firmen und im Bundestag seien Dumme erschreckend unterrepräsentiert. Widerspruch erntet die Aktivistin in der Sendung wie erwartet vom CSU-Politiker Alexander Dobrindt. Das Gejammer über Diskriminierung sei völlig überzogen. „Ich zum Beispiel bin außerordentlich dumm!“, so der bayrische Konservative. „Und ich habe es trotzdem zum Spitzenpolitiker gebracht!“

April:

Zur Eröffnung der sachsen-anhaltinischen Landesgartenschau in Burg bei Magdeburg hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unter dem Titel „Lasst tausend Blumen blühen“ die Festansprache. Steinmeier würdigt ausführlich die Bedeutung der Gartenkunst im Allgemeinen und Speziellen, spricht eine Stunde über die Rolle der Blume in der abendländischen Literatur, für die Demokratie und bei Rentnergeburtstagen. Die Rede des Staatsoberhauptes fordert insgesamt drei Todesopfer, Zuhörer, die während der Ansprache ins Koma fallen und auch durch Behandlung in Spezialkliniken nicht wieder zu Bewusstsein zu bringen sind.

Mai:

Reichlich verspätet erblickt nach fast zehn Monaten Tragezeit das dritte Kind von Prinz William, Duke of Cambridge, und Catherine, Duchess of Cambridge, in Großbritannien das Licht der Welt. Getauft wird der Sohn auf den Namen Jürgen, zur Erinnerung an die deutsche Herkunft der britischen Dynastie. Die erwartete Euphorie bleibt überraschend aus. „Das ist ja doch eigentlich nur ein neuer Hosenscheißer wie Millionen andere, noch dazu aus einer eher unsympathischen Familie von arbeitsscheuen Wichtigtuern. Mit diesem ganzen Royal-Mist will uns die Kulturindustrie sowieso nur von den wahren Klassenkonflikten ablenken!“, so äußert ein Londoner Taxifahrer bei einer Straßenbefragung stellvertretend für alle.

Juni:

Im Golf von Mexiko bildet sich der stärkste je beobachtete Tropensturm. Meteorologen erfinden für den Hurricane Juanita eigens die neue Kategorie 7. Nachdem Juanita bei New Orleans auf die Küste trifft, zieht sie eine Schneise der Verwüstung durch die USA, bis sie endlich nach einer knappen Woche ihre zerstörerische Kraft über Idaho verliert. Wissenschaftler machen für den Hurricane den Klimawandel verantwortlich. Präsident Trump hingegen beschuldigt die Mexikaner, gemeinschaftlich in den Golf von Mexiko uriniert zu haben, um so das Meerwasser zu erwärmen und Wirbelstürme gegen die USA auszulösen. Er verspricht, eine Mauer nicht nur gegen Mexikaner, sondern auch gegen Hurricanes zu errichten, die höchste Mauer aller Zeiten, eine Mauer babylonischen Ausmaßes.

Juli:

Bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland überrascht die Mannschaft der Gastgeber mit einem Durchmarsch: Ohne Niederlage und Gegentor stürmen die Russen ins Finale und bezwingen am 15. Juli in Moskau die deutsche Mannschaft mühelos mit 12:0. Gerüchte, der russische Erfolg könne auf Doping zurückzuführen sein, werden umgehend von Präsident Putin persönlich zurückgewiesen. Das kurzfristige Wachstum der russischen Spieler um einen Meter sei allein hartem Training zu verdanken. Zum Beleg verweist Putin vor laufender Kamera auf seinen Penis, dessen Länge sich ebenfalls ohne jede medizinische Hilfe allein durch manuelle Übungen binnen drei Monaten auf fünfzig Zentimeter verzehnfacht habe.

August:

Die alternative Deutschrockband Freiwild spielt als Headliner bei einem Festival unter dem Titel „Rock gegen links“ auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Zu Beginn des Auftritts ruft Philipp Burger, der Poet und Sänger der Gruppe, die 500000 anwesenden Fans dazu auf, sich entschieden für Demokratie und Redefreiheit einzusetzen und sich nicht der Meinungsdiktatur zu beugen. Mit dem Finger weist er dabei auf eine Gruppe von 26 linken Gegendemonstranten vor dem Eingang, die eingekesselt von der Polizei mit Trillerpfeifen und Pappschildern gegen den Auftritt der Band demonstrieren. Bei dem dreitägigen Musikfest, das wegen des großen Erfolgs von nun an jährlich stattfinden soll, performen unter anderen auch Xavier Naidoo, Frank Rennicke und die Sächsische Staatskapelle.

September:

Eine von Bundestag und Bundesrat im Frühjahr einstimmig verabschiedete Verfassungsänderung zur Erleichterung direkter Demokratie zeigt erste Ergebnisse. Bei der ersten bundesweiten Volksbefragung entscheiden sich die Deutschen jeweils mit überwältigender Mehrheit für die Wiedereinführung der Todesstrafe, die Anhebung der Promillegrenze im Straßenverkehr auf 2,5, den vollständigen Abriss von Berlin-Neukölln, die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sowie die Rassentrennung in Bussen und Bahnen. Während die Alternative für Deutschland den Sieg aller ihrer Volksbegehren feiert, räumt Anton Hofreiter von den Grünen ein, man müsse in seiner Partei doch vielleicht noch einmal intensiver darüber diskutieren, ob die Sache mit der Basisdemokratie wirklich so eine gute Idee sei.

Oktober:

Zum Gedenktag der Reformation am 31. Oktober beschwert sich die ehemalige Bischöfin und Glaubensbotschafterin Margot Käßmann, schon ein Jahr nach dem Reformationsjubiläum sei die bedeutendste Stimme der evangelischen Theologie kaum noch im Gespräch. „Wann kommt endlich mal wieder ein Journalist bei mir zuhause vorbei und interviewt mich?“, fragt Käßmann erregt im Telefongespräch mit der Bild-Zeitung. „Es ist Wochen her, dass jemand bei mit geklingelt hat! Dabei hab ich noch so viel zu sagen! Und auch noch zwanzig Flaschen Luther-Wein im Keller!“

November:

Der neue Film von Til Schweiger stürmt gleich am ersten Wochenende an die Spitze der Kino-Charts. Schweiger, der im neuen Streifen wie üblich als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller fungierte, erläutert in Interviews, sein Werk „Grütze im Kopf“ sei von der Internet-Kampagne gegen Smartismus inspiriert. „Zum ersten Mal im Leben habe ich durch diese Debatte gespürt, dass ich nicht allein mit meinen Problemen bin“, so Schweiger. Auch sein Film, in dem ein Mann zurück ins Leben findet, nachdem ihm ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen ist, solle als Ermutigung für unverschuldet dumme Menschen verstanden werden. Auch die härtesten Kritiker des Filmkünstlers müssen eingestehen, dass Schweiger noch nie im Leben eine Rolle so überzeugend mit Leben gefüllt hat.

Dezember:

Die Koalitionsverhandlungen in Deutschland ziehen sich hin. Der jüngst überraschend zum neuen SPD-Chef gewählte Bernd Schmalz, ein früherer Friseur von Gerhard Schröder, stellt überraschend neue Bedingungen für eine Regierungszusammenarbeit: So müsse die Bundeskanzlerin versprechen, mindestens drei Mal in der Woche die Sozialdemokraten für ihren Mut und ihre Selbstständigkeit zu loben. Außerdem solle sie ihre Anhänger dazu aufrufen, bei der nächsten Wahl aus Mitleid die Zweitstimme der SPD zu geben. In der Union stoßen die Forderungen auf wenig Gegenliebe. In ihrer Neujahrsansprache mahnt Angela Merkel die SPD denn auch zur Kompromissbereitschaft: „Wenn es uns nicht gelingt, endlich eine Regierung zu bilden, dann besteht die große Gefahr, dass die Bürger merken, dass unser Land eigentlich gar keine Regierung braucht.“

Michael Bittner

Neuerscheinung: Michael Bittner „Der Bürger macht sich Sorgen. Neue Satiren und Kolumnen“

Soeben erschienen ist das neue Buch von Michael Bittner mit dem Titel Der Bürger macht sich Sorgen, eine Auswahl seiner trefflichsten Texte aus den letzten, nicht gänzlich ereignislosen Jahren. Das Buch kann man überall bestellen, wo es Bücher gibt. Michael Bittner liest daraus am 27. Oktober in Dresden um 19 Uhr in der Bibliothek Südvorstadt.

 

In seinem neuen Buch stürzt sich Michael Bittner mitten hinein in unsere turbulenten Zeiten. Das Abendland steht vor dem Untergang – doch wütende Bürger drohen, die Apokalypse im letzten Augenblick noch abzuwenden. In der weltumspannenden Krise, die nicht enden will, sucht derweil jeder woanders nach Rettung – bei Liebesratgebern, im Schädel von Karl Marx oder am Tresen bei bewusstem Biergenuss. Michael Bittner blickt in seinen neuen Kolumnen und Satiren auf die Verwirrungen dieser Tage mit Leidenschaft, Heiterkeit und Skepsis zugleich. Auch das eigene Leben spart er nicht aus, denn er weiß: Kritik ohne Selbstkritik ist feige.

Michael Bittner: Der Bürger macht sich Sorgen. Neue Satiren und Kolumnen. Dresden: edition AZUR, 2017, 132 Seiten, 14,90 Euro.

Die Gründe der Nichtwähler

Gelegentlich bemerkt ein sehr schlauer Mensch, dass die Wahlergebnisse, die regelmäßig verkündet werden, gar nicht korrekt sind: In den Balken- und Tortendiagrammen fehlen nämlich die Nichtwähler, die doch eine große Fraktion, ja oft die größte bilden! Diese originelle Einsicht wird sodann verschieden instrumentalisiert: Protestparteien verbuchen die Nichtwähler zumeist als eigene, indem sie behaupten, diese zornigen Verweigerer stünden eigentlich auf ihrer Seite, hätten sich nur leider noch nicht aufraffen können, auch in diesem Sinne abzustimmen. Die Gegner der Populisten neigen hingegen dazu, die Nichtwähler als enttäuschte oder träge Demokraten anzusprechen, die man zurückgewinnen oder aufrütteln müsse, um den Radikalismus zu schwächen. Beiden Sichtweisen liegt offenkundig derselbe Irrtum zugrunde: Alle gehen davon aus, die Nichtwähler wären eine homogene Gruppe. Tatsächlich sind die Gründe dafür, warum Menschen nicht zur Wahl gehen, sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich vernünftig. Im Folgenden möchte ich die gängigsten Erklärungen von Nichtwählern prüfen:

„Mich interessiert Politik nicht. Es ist mir egal, wer da regiert. Mit meinem Leben hat das nichts zu tun.“

Diese Einstellung ist nachvollziehbar und konsequent. Wem es gleichgültig ist, wer regiert, der hat auch keinen vernünftigen Grund, zur Wahl zu gehen. Man vergisst oft, dass – repräsentativen Umfragen zufolge – nur ungefähr die Hälfte der Bürger sich überhaupt für Politik interessiert, die andere Hälfte aber gar nicht. Insofern ist es eher erstaunlich, dass bei bundesweiten Wahlen zumeist doch mehr als 70 Prozent der Bürger teilnehmen. Wer auch den Rest der unpolitischen Menschen mit dem Argument überzeugen will, jeder werde doch von politischen Entscheidungen betroffen, der hat einen schweren Stand. Tatsächlich beeinflusst Politik in demokratischen Staaten nur in Zeiten von Krise und Krieg das Leben der meisten in einer existenziellen Weise. In normalen Zeiten kann man durchaus unpolitisch leben – darf sich dann aber konsequenterweise auch nicht beschweren. Man ist dann streng genommen kein Bürger, sondern ein Untertan, aber es gibt auch glückliche Untertanen.

„Man weiß doch gar nicht, wofür man eigentlich stimmt. Die Parteien machen doch eh, was sie wollen. Sie versprechen vor der Wahl das eine und tun dann das Gegenteil.“

Dieses Argument ist teilweise berechtigt, wie schon ein flüchtiger Blick auf die jüngere Vergangenheit zeigt: Man stimmt für Rot-Grün, weil einem soziale Gerechtigkeit und Frieden versprochen wurden, bekommt dann aber Hartz-IV und Kriegseinsatz in Jugoslawien. Man stimmt für Schwarz-Gelb und erhält überraschend Atomausstieg und Abschaffung der Wehrpflicht. Wer die Ursache für diese Diskrepanz zwischen Wahlversprechen und Regierungshandeln in der Charakterschwäche der Politiker sucht, macht es sich allerdings etwas zu leicht. Hier sind einfach zwei verschiedene Tätigkeiten gegeben: Vor der Wahl kämpft der Politiker um Zustimmung, nach der Wahl muss er unter dem Einfluss von sachlichen Zwängen das Mögliche tun. Wird die Diskrepanz zu groß, geht allerdings die Legitimität der Politik überhaupt flöten. Es ist durchaus vernünftig, Regierungspolitiker für gebrochene Wahlversprechen zu bestrafen. Allerdings kann man dies besser als durch Wahlenthaltung durch die Wahl oppositioneller Parteien tun. An der grundsätzlichen, unaufhebbaren Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität ändert Nichtwählen auch nichts.

„Die Entscheidungen werden doch sowieso von den Wirtschaftsbossen getroffen, Politiker sind nur Befehlsempfänger.“

Auch diese Einstellung entbehrt nicht der Grundlage. In der Tat gibt es eine beträchtliche Macht, die nicht vom Volke, sondern vom Gelde ausgeht. Denn Reiche und Unternehmer können durch direkte Bestechung oder legalen Lobbyismus weit größeren Einfluss auf die Politik ausüben als Normalbürger. Allerdings ist dieser Einfluss auch nicht unbegrenzt. Unpopuläre Maßnahmen lassen sich nicht dauerhaft gegen den Willen der Mehrheit durchdrücken, solange das allgemeine, gleiche Wahlrecht besteht. Es gibt Beispiele wie den Mindestlohn, die belegen, dass politische Entscheidungen auch gegen den Willen der Kapitalisten durchgesetzt werden können. Der Weg, auf dem sich dies erreichen lässt, ist aber gerade der politische. Darum ist es absurd, aus Protest gegen den politischen Einfluss der Ökonomie auf das Wählen zu verzichten.

„Jede Stimme für irgendeine Partei stützt doch bloß das Schweinesystem, das aber gestürzt werden muss, damit eine wahre Demokratie möglich wird.“

Wir leben nicht in revolutionären Zeiten und es gibt keine revolutionäre Partei, die mit der Vision einer ganz anderen, besseren Gesellschaft die Massen begeistert. Wenn sich unter diesen Umständen ein Häuflein Systemkritiker in Wahlenthaltung übt, juckt dies das System nicht im Geringsten. Wer aber der Meinung ist, jede politische Aktion, die nicht in absehbarer Zeit die Weltrevolution herbeiführt, sei sinnlos, der unterscheidet sich kaum von einem politischen Romantiker.

„Die Parteien sind doch alle gleich.“

Dies ist Unsinn. Politiker sind allenfalls darin gleich, dass sie eben alle Politiker sind und den Zwängen und Versuchungen unterliegen, die mit dieser Rolle unvermeidlich verbunden sind. Was den Inhalt angeht, ist aber auf dem Wahlzettel das gesamte politische Spektrum vom Nationalsozialismus bis zum Marxismus-Leninismus durch Parteien vertreten; es gibt Konservative, Liberale und Sozialisten in den verschiedensten Spielarten. Wer in diesem Angebot nichts findet, der weiß einfach nicht, was er politisch will.

„Aber es gibt doch keine Partei, die genau zu mir passt und die meine Überzeugungen vertritt. An allen stört mich etwas.“

Wer einmal die Leserbriefseiten oder die Kommentarspalten von politischen Medien studiert hat, dem müssen ernste Zweifel kommen, ob die Leute politisch wirklich so individuell sind, wie sie gerne alle behaupten. Die meisten politischen Diskussionen wiederkäuen die immer gleichen Gemeinplätze. Die Behauptung, jeder Bürger bräuchte eigentlich eine eigene, persönliche Partei, um sich ganz repräsentiert zu fühlen, ist vielleicht die schlimmste Phrase von allen. Wie auch immer dem nun sein mag: Dass jede Gemeinschaft von Menschen dem Einzelnen nur annähernd gerecht werden kann, ist eine Selbstverständlichkeit. Wer seine Skrupel nicht überwinden kann, eine Partei zu wählen, mit der er nur überwiegend, aber nicht ganz übereinstimmt, der muss zuhause bleiben. Es entscheiden dann eben allein die Entscheidungsfreudigeren.

„Meine einzelne Stimme ist doch bedeutungslos und hat keinen messbaren Einfluss.“

Dieses Argument ist nicht nur unvernünftig, sondern sogar anmaßend. Deine Stimme hat genau den Einfluss, der dir zusteht. Du bist einer von Millionen und eben deswegen auch nur als Millionstel an der Entscheidung beteiligt. Wem das zuwenig ist, der fordert gleichsam: Ich mache in der Politik mit, aber erst, wenn meine Stimme mehr zählt als die der anderen! Wer sich für schlauer als die anderen hält, der kann ja für ein politisches Amt kandidieren und den eigenen Machtanspruch dem Urteil der Mitbürger vorlegen.

„Ich würde ja gerne wählen, aber ich kenne mich mit der Politik echt zu wenig aus. Das ist mir alles zu kompliziert!“

Das politische Geschehen ist durchaus komplex, aber doch auch nicht so undurchsichtig, als dass nicht jemand mit Allgemeinwissen und gesundem Menschenverstand sich eine begründete Meinung bilden könnte. Es mag sein, dass es ein paar Leute gibt, die selbst dafür zu dumm sind. Wer aber einen Satz wie den obigen äußert, der kann nicht ganz dumm sein, denn Einsicht in die eigene Unwissenheit erfordert schon ein gewisses Maß an Klugheit. Die Dummen wissen nichts von ihrer Dummheit (und gehen vielleicht ganz unbeschwert wählen). Menschen, die sich selbst für zu unwissend halten, fehlt es also nicht an Hirn, sondern an Fleiß. Ihr Problem ist nicht die Dummheit, sondern die Faulheit. Sie haben keine Lust, ein bisschen Kraft in die eigene politische Bildung zu investieren, mal eine Zeitung durchzulesen oder beim Wahl-O-Mat ein paar Knöpfchen zu drücken. Bei einigen Menschen ist diese Faulheit wohl wirklich unüberwindlich, ein Argument gegen das Wählen ist sie aber nicht.

„Wählen ist mir zu anstrengend. Da hab ich am Sonntag gar keine Zeit für.“

Dieses Argument ist auch nicht überzeugend. Gewöhnlich nimmt der Wahlakt kaum mehr Zeit in Anspruch als der Erwerb einer Schachtel Zigaretten. Wählen ist dazu noch gesünder als Rauchen. Und es kann sogar Spaß machen, wenn man die bürgerliche Pflichterfüllung mit einem gediegenen Umtrunk mit Freunden verbindet.

Michael Bittner

Die Schwarzhemden von Themar

Der Staat, so hört man derzeit oft, dürfe keine rechtsfreien Räume dulden. Ganz gut dulden kann er aber Räume voller Rechter. Solches Gelände muss nicht wie andernorts von der Polizei mit aller Gewalt gestürmt und geräumt werden, es reicht vielmehr, wenn es schützend gesäumt und mit dem Rücken zum Geschehen überwacht wird. So geschieht es seit Neuestem in dem Dörfchen Themar in Thüringen, wo sich Menschen aus dem ganzen Vaterland zu politischen Demonstrationen mit musikalischer Begleitung versammeln. „Rock gegen Überfremdung“, nennt sich das oder auch „Rock für Identität“. Die Demonstrationsfreude der Gäste ist so groß, dass sie sogar Eintritt zahlen, um sich zeigen zu dürfen. Es ist fast so, als handelte es sich einfach um kommerzielle Veranstaltungen, die sich als politische Versammlungen nur tarnen – wie einst die Love Parade, nur mit etwas weniger Liebe.

„So sieht deutscher Nationalstolz aus!“, meinte Egbert Ermer, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, nach dem ersten Treffen von Themar. Er lobte in einer Rede, wie friedlich und ordentlich das Ganze abgelaufen sei, ohne jeden Konflikt mit den anwesenden Ordnungshütern. Die linke Lügenpresse will hingegen Nazis erkennen beim Blick auf die Bilder, die während der Veranstaltungen angefertigt wurden. Fotografien zeigen tatsächlich aber bloß fröhliche Männer. Zugegebenermaßen erklärungsbedürftig ist allenfalls die fantasievolle Gestaltung der Hemden, die sie trugen. Bei den Besuchern, die sich durch ihre Kleidung als Mitglieder der „Arischen Bruderschaft“ kenntlich machten, handelte es sich aber gewiss nur um eingeschworene Freunde der indogermanischen Sprachfamilie. Ein anderer Gast wurde im Internet dafür kritisiert, dass er auf seinem Hemd seine Liebe zu „HTLR“ bekannte – aber ist es denn jetzt schon verwerflich, Zuneigung zu den deutschen Buchstaben H, T, L und R zu empfinden? Zumal diese ja ausdrücklich als Abkürzungen für „Heimat“, „Treue“, „Loyalität“ und „Respekt“ erklärt waren! Ein weiterer besorgter Bürger wurde als Nazi verunglimpft, weil auf seinem Hemd „N.A.Z.I.“ stand – auch hier eine ganz unverfängliche Kurzform für „natürlich anständig zuverlässig intelligent“. Wer könnte gegen diese löblichen Tugenden etwas einwenden? Doch nur ein wahrer Schuft! Einen Skandal will man schließlich auch daraus machen, dass im Konzertzelt, als die Polizei konzentriert weghörte, ein wenig Armgymnastik betrieben und ein Sprechchor angestimmt wurde, der die Worte „Sieg“ und „Heil“ enthielt. Aber was ist denn an einem Sieg, was ist am Heil zu beanstanden? Wären denn Unheil und Niederlage besser?

Man muss einräumen, dass sich unter den Konzertbesuchern auch Menschen befinden, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Politik äußern. Die Zeile „Gegen die Regierung mit allen Mitteln zu kämpfen ist ja ein Grundrecht und Sport jedes Deutschen“ etwa weist in diese Richtung. Ein anderer Besucher sah sich gar „Im Kampf gegen ein Scheiss-System“. Aber hier zeigt sich doch nur ein lebendiger demokratischer Geist, den man begrüßen muss. Politikverdrossenheit oder mangelndes Engagement für ihre Sache kann man diesen Bürgern jedenfalls nicht vorwerfen. Vielleicht geht aus dem Thüringischen Fest sogar eine neue Partei hervor. Ein Gast wenigstens regte dies an durch ein Hemd mit der Aufschrift „Bündnis 88 – die Braunen“. Überhaupt war Braun eine beherrschende Farbe in Themar, was einer der Besucher mit dem erfrischenden Bekenntnis „Bin ich zu braun, bist du zu bunt!“ unterstrich. Noch häufiger sah man allerdings Schwarz. Es wirkt fast, als wollten die Rechten einen eigenen Schwarzen Block präsentieren, allerdings keinen linkschaotischen, sondern einen stramm organisierten. Sie wissen eben, dass in Deutschland jedes Verhalten verziehen wird, solange es nur diszipliniert zugeht.

Nach Halt suchen die von der Gegenwart angewiderten Männer in der guten alten Zeit. „Früher war alles besser“, ließ ein Gast sein Hemd verlauten. Wer würde dem nicht zustimmen! Sicherlich seinen verstorbenen Großvater ehren wollte einer, der den Satz „Adolf war der Beste“ spazieren trug. Ein anderer pries das „Jubeljahr 1933“, womit er auf die Verkündigung eines Jubeljahres durch Papst Pius XI. am 6. Januar 1933 anspielte. Überhaupt wollen die Leute verständlicherweise die Leistungen ihrer Vorfahren in gutem Andenken bewahren: „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat“, diese Worte prangten auf einer Flagge. Der deutsche Soldat bleibt somit in Erinnerung, der deutsche Dativ leider nicht. Aus dem Stolz auf die Geschichte ziehen die Versammelten erfreulicherweise aber auch Hoffnung für die Zukunft. Dies zumindest verheißt ein weiterer textiler Sinnspruch: „Vizeweltmeister 1945 – wir kommen wieder“. Würde dieses Versprechen wahr, käme auf die Welt ein Sommermärchen ganz besonderer Art zu. In Themar hat diese ganz eigentümliche deutsche Mannschaft jedenfalls von nun an beste Trainingsbedingungen, um sich auf ihr Comeback vorzubereiten.

Michael Bittner

Zitat des Monats Juni

Wenn Jeremy Corbyn zum Parteichef gewählt wird, dann werden wir bei der nächsten Wahl keine Schlappe wie 1983 oder 2015 erleben, sondern eine vernichtende Niederlage, möglicherweise die Auslöschung.
Tony Blair über die Zukunft der Labour Party, 13. August 2015, The Guardian

Gescheiterte Integration. Über die „Deutsche Stilkunst“ von Eduard Engel

Vor einem Weilchen las ich die lange verschollene, jüngst wieder erschienene Deutsche Stilkunst von Eduard Engel. Der Literaturhistoriker und Reichstagsstenograf hatte mit seinem Buch einst großen Erfolg; im Jahr 1931 erschien es in der 31. Auflage. Allen Liebhabern der deutschen Sprache kann ich das Werk nur wärmstens empfehlen. Engel, ein mit den europäischen Literaturen vertrauter Schriftsteller, lehrt in seinem „Lebensbuch“ auf unterhaltsame Weise die Grundzüge eines guten Prosastils.

Engel war ein Anhänger des klassischen Stilideals, nach dem sprachliche Schönheit einzig in der Zweckmäßigkeit besteht:

Es gibt keinen guten Stil an sich, es gibt nur einen zweckmäßigen und einen zweckwidrigen Stil; jener ist der gute Stil, dieser der schlechte.

Die sogenannte „schöne Sprache“, die man oft an einem sonst wertlosen Schreiber rühmen hört, ist verdächtig: es gibt für den guten Stil keine bloß schöne Sprache, es gibt nur eine vollkommen angemessene Sprache.

Sehr ausführlich, dabei aber nie langatmig erläutert Engel die einzelnen Voraussetzungen für einen zweckmäßigen Gebrauch der Sprache. Es sind für ihn die Verständlichkeit, die Klarheit, die Kürze, die Ordnung, vor allem aber die Wahrhaftigkeit:

Die unverzeihliche Todsünde des Stils, die Sünde gegen den heiligen Geist in der Menschenrede ist die Unwahrheit.

Engels wichtigste Vorbilder waren Lessing, Goethe, Schopenhauer und auch Börne. Nichts anfangen konnte er dagegen verständlicherweise mit den Schriftstellern der Romantik und mit den Avantgardisten seiner Zeit. Sie alle missachteten zu sehr Engels Grundregel, auch die geschriebene Sprache habe sich grundsätzlich die einfache, gesprochene „Menschenrede“ zum Vorbild zu nehmen.

Besonders erheiternd sind die Beispiele, die Engel aus seiner reichen Sammlung von Stilblüten gibt. Neben Journalisten und Wissenschaftlern müssen auch einige bekannte Schriftsteller Tadel erdulden. Zu Engels Lieblingsfeinden zählten die „Stilgecken“ Alfred Kerr und Maximilian Harden mit ihrer erkünstelten Originalität sowie der „Stilschluderer“ Gerhart Hauptmann. Als kleine Leseprobe hier eine heitere Stelle über diesen Dichter:

Besonders platt, in tiefsinnig tuender Aufplusterung, wird er jedesmal, wo er von einer Zeitung um einen geistreichen Ausspruch ersucht wird; dann vernehmen wir Weisheitssprüche wie diesen: Irrtümer, durch Überzeugung und Mehrheit getragen, werden nur stärker in ihrer Wesenheit [!] als Irrtümer, entfernen sich dadurch aber um so mehr von der Wahrheit. Man kann sicher sein: wo immer man bei Hauptmann auf so etwas wie einen Gedanken stößt, da ist er nicht von Hauptmann.

Man sieht: In seinem Geschmack ähnelte Engel dem Wiener Sprachkritiker Karl Kraus, auf den er sich auch gelegentlich bezog.

Nur eines stört an Engels Buch: die beständigen Wutausbrüche des Autors gegen die „Fremdwörterei“. Es gibt durchaus gute Gründe, vor einem übertriebenen Gebrauch von Fremdwörtern zu warnen: Sie sind schwerer verständlich; ihnen fehlt anfangs die lebendige Verbindung zum deutschen Wortschatz; sie passen schlechter zur deutschen Wortbildung; sie dienen oftmals Angebern nur zur sprachlichen Hochstapelei. Doch Engels Krieg gegen Fremdwörter ging über jedes vernünftige Maß hinaus, wie schon seine blutigen Kampfbegriffe zeigen: Der Gebrauch der „minderwertigen“ Fremdwörter war für ihn eine „Seuche“, eine „krebsartige Sprachkrankheit“. Er redete von einem „fremden Blutgift“, das „die sprachlichen Blutbahnen“ verschmutze. Er bezichtigte Deutsche, die Fremdwörter gebrauchten, sie übten sich im „Mauscheln“ und redeten eine „Zigeunersprache“. Beinahe alle Fremdwörter wollte Engel am liebsten aus der deutschen Sprache „ausmerzen“.

Engel redete über Fremdwörter so, wie fanatische Antisemiten gleichzeitig über die Juden sprachen. Engel aber war selbst jüdischer Herkunft, hatte sich allerdings von dieser Kultur völlig gelöst. Politisch war er ein konservativer, stramm deutschnationaler Mann. Vor diesem Hintergrund erscheint sein Krieg gegen die Fremdwörterei in recht trübem Licht. Der jüdische Deutsche wollte offenbar seinen rechten Gesinnungsgenossen durch extremen Sprachnationalismus die eigene Deutschheit beweisen. So erklärt es sich denn auch, dass er einzig Lehnwörter wie Nase, Tisch und Fenster von seinem Verdammungsurteil ausnahm. Sie hatten sich bis zur Unkenntlichkeit ans Deutsche angepasst – so wie Eduard Engel auch, der das Wort „Deutsch“ grundsätzlich großschrieb. Die deutschen Nationalisten dankten es ihm nicht. 1933 wurde Engel von seinen puristischen Gesinnungsgenossen verlassen und vom Staat mundtot gemacht. Er starb bald darauf, vergessen und in Armut. Der Nazi-Mitläufer Ludwig Reiners schlachtete Engels Werk 1943 für ein eigenes Buch mit gleichem Titel aus, das noch heute in vielen Regalen steht.

Aus dem tragischen Fall von Eduard Engel lässt sich lernen: Auch heute folgen einige Zuwanderer dem Lockruf der Rechten, Fremde müssten sich doch nur vollständig germanisieren und wären dann auch willkommen. Im Vertrauen auf dieses Versprechen werfen Einwanderer ihre alte Kultur ab, ja einige helfen wie Akif Pirinçci als nützliche Idioten sogar dabei, ihre alte Identität zu denunzieren. Selbstverständlich ist überhaupt niemand dazu verpflichtet, sich einer Kultur zu verschreiben oder einer Identität zu unterwerfen. Keinesfalls muss etwa jemand, nur weil er türkischer Herkunft ist, den Islam mögen. Einen schäbigen Eindruck aber machen Leute, die ihre Herkunftskultur herabsetzen, ja verunglimpfen, um sich damit bei den Nationalisten ihrer neuen Heimat anzubiedern.

Rechts hört man allerdings auch längst Stimmen, die gar nicht nach Integration rufen, sondern gerade in ihr geheime Zersetzung wittern. Der völlig angepasste Fremde, der ununterscheidbar Gewordene erscheint diesen Volksverteidigern als größte Gefahr. Man kann sich jedenfalls sicher sein: Sollten die Nationalisten aufs Neue an die Macht kommen, dann nützen Sprache und Kultur gar nichts. Dann zählt wieder einmal nichts als das Blut.

Michael Bittner

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Die Deutsche Stilkunst von Eduard Engel ist antiquarisch und in verschiedenen Nachdrucken erhältlich. Das hervorragende Vorwort von Stefan Stirnemann rechtfertigt aber die Anschaffung der leider ziemlich teuren Neuausgabe in der Reihe Die Andere Bibliothek:

Eduard Engel: Deutsche Stilkunst. Nach der 31. Auflage von 1931. Mit einem Vorwort bereichert von Stefan Stirnemann. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2016, 2 Bände, 976 Seiten, 78 Euro

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Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien zuerst in der Sächsischen Zeitung.

Zitat des Monats März

Zum würdigen Leben gehört mehr als nur soziale Gerechtigkeit. Eine andere Bedingung ist die Identität. Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration. Das Thema ist für die Linken gefährlich: In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat.

Jakob Augstein

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