Viele besorgte Freunde fragen mich: Was kann man tun, um den unverkennbaren Trend zum Linksextremismus in Deutschland zu bekämpfen? Wie lassen sich die Bolschewisten auf ihrem gegenwärtigen Siegeszug überhaupt noch aufhalten? Keine Angst, wie immer in den dunkelsten Stunden ist die Rettung am nähsten: Unterstützt einfach wie ich die überfällige Aktion Linkstrend bei der CDU stoppen! Eure Stimme gegen Gender Mainstreaming, Homo-Ehe und die Islamisierung Europas!
Leider hat die Aktion meinen und zahlreiche weitere Beiträge aus unverständlichen Gründen zensiert und gelöscht. Hier aber die Dokumentation:

Für die Ewigkeit!
Es ist nur ein Mann in Deutschland, der noch den Mut findet, die Wahrheit auszusprechen, der echten Gefahr für unser Land ins Auge zu blicken und die Interessen des Volkes auch gegen seine machtvollsten Feinde zu vertreten: Guido Westerwelle, ein Held der neuen Zeit.
Während anderswo leichtfertig von einer Krise des Kapitalismus geschwatzt oder vor einer vermeintlichen Bedrohung durch Neonazis gewarnt wird, hat Westerwelle die wirkliche Gefahr als Einziger erkannt: Es ist der Sozialismus, der überall in der Bundesrepublik aufs Neue sein blutiges Haupt erhebt.
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Wer noch mal nachlesen möchte, was am 13. Februar hier so los war, findet dazu einen ausführlichen und ziemlich akkuraten Bericht der Sächischen Zeitung im Netz. Bei den überregionalen Medien ist hingegen Vorsicht geboten, da viele Informationen dort nur aus zweiter Hand stammen. Da wurde zum Beispiel bei SPIEGEL ONLINE die Neustadt zwischenzeitlich in den Süden der Stadt verlegt.
Und wer schließlich live erfahren will, wie Geschichtsrevisionismus funktioniert, der lese sich die Pressemitteilung der Dresdner CDU mit der Stellungnahme von Backpfeifengesicht Lars Rohwer durch. Mit bewundernswerter Kaltschnäuzigkeit wird der Erfolg hier politisch vereinnahmt und ausgeschlachtet. Blockiert haben den Nazi-Marsch hier nämlich nicht etwa die tausenden Blockierer in der Neustadt (die gar nicht erwähnt werden), sondern die Menschenkette in der einen Kilometer entfernten Altstadt unter Führung der “ersten Bürgerin” Helma Orosz (CDU) und außerdem – “das neue sächsische Versammlungsrecht” (CDU/FDP). Und worüber siegten die Demonstranten? Über die Nazis? Nein, natürlich über “die Provokationen der gewaltbereiten Rechts- und Linksextremen“.
Nachtrag: Nachdem Helma Orosz und ihre Pappnasen sich für die Verhinderung des Nazi-Marsches genügend gefeiert haben, beginnt die Staatsanwaltschaft jetzt die Ermittlungen gegen diejenigen, die ihn verhindert haben. Und der rechte Politikwissenschaftler Eckhard Jesse aus Chemnitz, hauptberuflich Propagandist der CDU, erklärt die erfolgreiche Blockade zur “Niederlage für den Rechtsstaat”. Dresden kehrt zur Normalität zurück.
Noch ein letzter Nachtrag, dann reichts aber wirklich mit diesem Mist: Der bekannte linksextremistische Schriftsteller Ingo Schulze erzählt von seiner Teilnahme an der illegalen Blockade.
Es nähert sich mal wieder der 13. Februar in Dresden. Gott hat den Jahrestag der Bombardierung diesmal auf einen Sonnabend gelegt, weshalb noch mehr Nazis als sonst anreisen können, um zu demonstrieren. Die CDUFDP hat glücklicherweise reagiert und zumindest Märsche aller Art in der Nähe von Touristen verboten – aus den Augen, aus dem Sinn. Gesetzentwürfe zum Verbot von Menstruationsbeschwerden und Regenwetter sollen schon in der Schublade liegen.
Glücklicherweise sind sich die wenigen Dresdner, die sich überhaupt für die Sache interessieren, darin einig, wen es zu bekämpfen gilt: die Extremisten. Aber wer sind diese Fanatiker, Radikalen, Chaoten und Terroristen? Ganz einfach: all die, die die Ruhe von Unserschönesdresden stören durch unangenehme Kundgebungen. Ob es nicht vielleicht doch einen kleinen Unterschied gibt zwischen den Faschisten und denen, die sich ihnen entgegen stellen? Nicht, wenn man der Logik all jener folgt, für die alle, die sich jenseits der goldenen Mitte bewegen, schon “Extremisten” sind. Die sächsische Politikwissenschaft, das ZDF und die CDU haben in den letzten Jahren einen Begriff zum endgültigen Durchbruch verholfen, der deswegen so erfolgreich ist, weil er das unbestimmte Gefühl der Mehrheit bestätigt: Die Kommunisten waren ja genauso schlimm wie die Nazis, ach was, eigentlich waren die ja dasselbe.
Der Begriff “Extremismus” ist kein wissenschaftlicher. Wissenschaftliche Begriffe haben nur einen Sinn, wenn sie einen Sachverhalt differenzierter begreifen helfen, als das zuvor möglich war. Das Wort “Extremismus” hilft hingegen, Differenzen einzuebnen, Sachverhalte zu verschleiern, falsche Gleichsetzungen zu ermöglichen. Er entlastet das Denken. Deswegen ist er so beliebt.
Man sollte meinen, wenigstens Menschen mit sprachlichem Feingefühl, also Journalisten, sollten dieser Versuchung aus dem Wege gehen können. Aber auch in der Presse hat sich der Begriff mit dem Segen von Verfassungsschutz und Politologie widerstandslos durchsetzen können. Um überhaupt noch Unterschiede zu machen, muss man jetzt also immer von Rechtsextremisten (formerly known as Nationalsozialisten) und Linksextremisten reden. Im letzten Jahr schrieb ein hiesiger Journalist entsprechend über die “rotbraune” Antifa. Was wollte er damit sagen? Dass die Antifaschisten in Wirklichkeit Faschisten sind? Oder dass wir uns – hallo, Simpsons-Fans! – vor den Kommunistennazis hüten müssen? Nein, natürlich: Er wollte uns sagen, dass beide ganz schlimm “totalitär” drauf sind. Was das heißt? Das wusste er sicher selber nicht. Die Antifa meint, dass jede Form öffentlichen Gedenkens an deutsche Opfer dazu dient, einen nationalen Geschichtsmythos zu konstruieren, um die deutsche Kriegsschuld und die Verbrechen der Deutschen zu relativieren. Die Nazis meinen, dass der deutsche Versuch, die halbe Menschheit auszurotten oder zu versklaven, nicht nur nachträglich gerechtfertigt werden kann, sondern auch schnellstens wiederholt werden sollte. Extremisten unter sich?
Das Fatalste am Unwort “Extremismus” ist die Deformation, die es im Denken der Menschen bewirkt. Die Politik wird zur Skala zwischen ganz rechts und ganz links. Zeigerausschläge vom mittleren Normalwert, egal in welche Richtung, machen Angst. Die politischen Differenzen werden zu quantitativen Unterschieden. Genährt wird die Illusion, es gäbe eine “Mitte”, die schon deswegen im Recht ist, weil sie sich in der Mehrheit befindet. Und es gerät in Vergessenheit, dass die Ideologie und Praxis der Nationalsozialisten nicht deswegen bekämpft werden sollte, weil sie “extrem”, sondern weil sie falsch und bösartig ist.
Ich korrigiere mit diesem Text teilweise eine frühere Auffassung, ohne mich ansonsten der Antifa in ihrer Bewertung des sogenannten Gedenkens anzuschließen.
Roland Koch (CDU) fordert die Rückkehr zur Zwangsarbeit in Deutschland: “Wir müssen jedem Hartz-IV-Empfänger abverlangen, dass er als Gegenleistung für die staatliche Unterstützung einer Beschäftigung nachgeht, auch niederwertige Arbeit, im Zweifel in einer öffentlichen Beschäftigung.” Ein funktionierendes System der Arbeitslosenhilfe müsse auch ein “Element von Abschreckung” enthalten. Mit anderen Worten: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
Stellen wir uns die philosophische Frage: Darf eine Gesellschaft nicht legitimerweise für ihre Leistungen Gegenleistungen vom Individuum verlangen? Antwort: Nein. Grund: Es steht niemandem frei, sich gegen die Gesellschaft und ihren Zwang zur Lohnarbeit zu entscheiden. Die Idee vom Gesellschaftsvertrag, nach der sich die Bürger eines Staates freiwillig zur Gesellschaft zusammengeschlossen haben, ist ganz offenbar eine Fiktion. Tatsächlich hat ja niemand die Chance, eine solche Wahl zu treffen. Da es also kein wirkliches Vertragsverhältnis gibt, kann auch von Leistungen und Gegenleistungen, von Rechten und Pflichten nur im übertragenen Sinne die Rede sein. Weil kein Individuum heute mehr außerhalb der Gesellschaft existieren kann, selbst wenn es wollte, lassen sich aus der sozialen Existenz keine Verpflichtungen ableiten. Die Forderung nach Gegenleistungen läuft damit auf die schlichte Todesdrohung hinaus: Arbeite mit oder wir lassen dich verrecken. Jede Gesellschaft, auch die demokratische, beruht in letzter Instanz auf Zwang, der notfalls mit Gewalt durchgesetzt wird. Der Schleier von Zivilisation und Demokratie verdeckt diese nackte Tatsache normalerweise. Nur sehr dumme Politiker können ab und zu der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu lüften.
Mit dem Winter konnte ich mich noch nie anfreunden. Leute, die von Winterfreuden reden, sind mir unheimlich. All das fröhliche Treiben bei Schneeballschlachten, Rodelturnieren oder Glühweinverkostungen kann für mich einen wesentlichen Nachteil des Winters keinesfalls aufwiegen: die Kälte. Bin ich wechselwarm? Ich reagiere jedenfalls ausgesprochen empfindlich auf extrem niedrige Temperaturen, also alle unter 20 Grad Celsius. Ich bekomme schlechte Laune.
Dies passiert aber auch, wenn ich frostigen Menschen begegne. Ich meine damit keine Eskimos, sondern Mitbürger, die sich mit einer Atmosphäre der Fühllosigkeit umgeben. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen besonders krassen Fall, den ich angesichts einer Talkshow zum Thema Rauchverbot erleben musste. In der Runde saß eine ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, die nun aber überraschenderweise als Geschäftsführerin den Verband der Zigarettenindustrie vertrat. Der Name der Frau ist mir leider entfallen, was aber nicht so schlimm ist, denn der Geschichte wird es genauso gehen. Mit eisigem Lächeln ließ sie alle Vorwürfe, sie habe ihre Gesinnung verkauft, an sich abgleiten und gab tapfer einstudierte Sätze von sich. Offenbar hatte sie also gar keine Gesinnung zu verkaufen, nur einen Mund zu vermieten. Jeder könne sich ja selbst entscheiden, ob er rauchen wolle. Und die Zigarettenindustrie tue alles, um Kinder und Jugendliche vom Rauchen abzuhalten. Nee, is klar.
„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, meint Wolf Biermann. Und gerade die Grünen sind in dieser Hinsicht ja für sehr große Treue bekannt. Aber war das nicht doch ein bisschen übertrieben? Der Papst marschiert doch auch nicht in der Parade am Christopher Street Day. Hoffte die gute Frau darauf, die Karriereleiter noch höher zu steigen und irgendwann einen Posten in der Atomwirtschaft oder der Waffenindustrie zu ergattern? Aber mein innerer Zensor macht mir Vorwürfe: Ist es nicht sexistisch, Frauen der Kälte zu bezichtigen, so als seien sie dazu verpflichtet, immer warmherzige Mütterchen zu sein? Dürfen Frauen nicht genauso gerissen und rücksichtslos sein wie Männer? Ja, vielleicht. Aber heißt das dann, dass die Gleichberechtigung nicht vollendet ist, bevor die erste Diktatorin ihre Herrschaft antritt?
Weihnachten, das ist die Zeit der Besinnung, der Liebe und der Eintracht. In diesen heiligen Tagen sollte die Zwietracht schweigen, der Spott ruhen und kein vorlauter Witz sich über die Lippen wagen. Auch ich möchte mich anschließen und hier ausnahmsweise mal einige nachdenkliche, aber auch zuversichtliche Worte an die Menschen da draußen richten. Als Vorbild habe ich mir die wunderbare Weihnachtsansprache erwählt, die unser lieber Bundespräsident Horst Köhler jedes Jahr im Fernsehen hält. Am Ende weiß ich immer kaum mehr, was der gute Mann eigentlich gesagt hat, aber ein wohliges Kribbeln durchströmt meinen Körper und die Augenlider senken sich in beseligter Ruhe. Hoffen wir mal, dass ich das auch so gut hinbekomme:
Liebe Landsleute, ich wünsche Ihnen allen von Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Für jeden von uns, ob Christ oder nicht, sind die Bilder von Weihnachten einleuchtend: Ein Kind wird geboren, in einem Stall in einer Futterkrippe – und mit ihm kommt Licht in die Welt. Dieses Fest und diese Botschaft brauchen wir – alle Jahre wieder. Denn in unserem Land liegen zu viele Kinder nicht in Krippen, sondern besoffen im Straßengraben oder in einer Gefriertruhe. Das ist sehr traurig.
Auch geht es leider in vielen Familien nicht ganz ohne Streit zu. Viele haben im vergangenen Jahr solche Erfahrungen gemacht, und ich wünsche Ihnen, dass Sie Trost finden und auch wieder Zuversicht. Wir sollten uns ruhig mal ein Herz fassen, und der Nachbarin mit dem blauen Auge tröstende Worte spenden, die es ihr ermöglichen, auszuhalten und ihre Pflicht tapfer bis zum Lebensende zu erfüllen. Das ist gelebte Nächstenliebe.
Ich denke heute Abend auch an unsere Soldatinnen und Soldaten, die in der Ferne für Sicherheit und Wiederaufbau sorgen. Sie dienen dem Frieden, unter Einsatz von Leib und Leben. Nicht selten werden sie traumatisiert durch Selbstmordattentäter, die absichtlich in ihre Kugeln laufen. Trotzdem halten sie aus und begnügen sich mit einem geringen Auslandszuschlag beim Sold. Dafür wollen wir ihnen danken.
Sorgen macht uns allen die weltweite Finanzkrise mit ihren Folgen. Viele haben Angst um ihr Erspartes. Und viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Es ist richtig, dass der Staat entschlossen handelt, um die Betriebe zu schützen und um Arbeit und Einkommen der Menschen zu sichern. Unvorstellbar viel Geld ist verspielt worden. Deshalb brauchen wir jetzt neue Spielregeln, damit im Casino des Finanzmarkts wieder die gute alte Regel gilt: Am Ende gewinnt immer die Bank.
Wir werden uns anstrengen müssen. Und mit „Wir“ meine ich besonders Sie. Ich habe Zuversicht, dass wir die Herausforderung meistern werden. Die neue Bereitschaft zum Miteinander in den Betrieben hat uns gestärkt für die Aufgaben, die vor uns liegen. Gut ausgebildete, motivierte Arbeitnehmer haben auf Lohn verzichtet, im Gegenzug haben ideenreiche, mutige Unternehmer höhere Profite akzeptiert. Ein Geben und Nehmen, auf dem der Erfolg unserer sozialen Marktwirtschaft beruht.
Ich sehe in der Krise auch eine Chance. Jetzt muss einfach jeder das Gute, Wahre oder auch das Schöne tun – vom Bösen, Falschen und Hässlichen aber ablassen. Wir brauchen Achtsamkeit für das Gemeinwohl. Wir brauchen Anstand, Bescheidenheit und Maß. Wir brauchen zielführende Perspektiven für die Chancen der Zukunft am Horizont des Kommenden. Jetzt muss sich entsprechend verhalten, wer Verantwortung trägt und Rechenschaft schuldet. Glaubwürdigkeit bringt das Vertrauen zurück. Es ist das Band, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Denn gerade Ihr Gläubiger ist auf Ihre Glaubwürdigkeit angewiesen. Lassen Sie uns dieses Band gemeinsam stärken.
Liebe Landsleute, es liegt wirklich an Ihnen selbst, nicht etwa an den Mächtigen. Begehen Sie nicht den leichtfertigen Irrtum, die Verantwortlichen verantwortlich zu machen. Schöpfen Sie die Kraft aus Ihren eigenen Möglichkeiten. Diesen Gedanken wollte ich Ihnen heute mitbringen.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Bescherung: Gott sei Ihnen gnädig.
Eher zufällig in die Hände fiel mir letztens die Anthologie des Leipziger Literaturinstituts Tippgemeinschaft 2008, nämlich als Geschenk nach einer Lesung im Leipziger Hugendubel. Zunächst war ich enttäuscht, hatte ich doch angesichts voller Regale eher auf ein Präsent à la Die Bibel des Orgasmus gehofft. Das ist also das Buch, das über die Verlagstische der Republik wandert, damit eifrige Lektoren sich die frischesten Geheimtipps aus dem Leipziger Zuchtteich angeln können? Pah!
Doch nach der lohnenden Lektüre muss ich jetzt mein Vorurteil revidieren. Es gibt natürlich auch einige Geschichten nach dem Muster “Ich sitze in der Straßenbahn und weiß nicht, was ich schreiben soll” – die mir um so mehr auf die Nerven gingen, weil ich auch selber weiß, wie man dazu kommt, solch ein Zeug zu fabrizieren. Aber auch eine ganze Reihe hervorrragend erzählter und interessanter Geschichten sind drin, die für die weniger zahlreichen Ausfälle entschädigen.
Hier meine persönlichen Anspieltipps: Da wäre die charmant-absurd-alltägliche Geschichte namens Kassette von Carl-Christian Elze, von dem ich zuvor in Anthologien auch schon einige schöne Gedichte in der Tradition der Ästhetik des Hässlichen gelesen hatte. Charlotte Roos erzählt in einer Geschichte mit dem Titel Müll sehr sinnlich von einer Familienzusammenführung im nahen Orient. In der Geschichte Schule Aus von Diana Feuerbach wird (ein bisschen sentimental, aber doch stimmig) in die Schule der Kindheit zurückgekehrt, die es bald nicht mehr geben wird. Hoffentlich der Auszug aus einem zukünftigen Roman ist die Story Vernarbt von Sarah Alina Grosz, in der die Autorin ziemlich beeindruckend lakonisch und witzig von einer jugendlichen Aussteigerin berichtet. Vielleicht mein persönlicher Favorit. Dunkel und unangenehm erzählt schließlich Anjo Schwarz in Nerventropfen von einem Mann, der von den Bedürfnissen seiner bettlägerigen Mutter überfordert, sich lieber in sexuellen Fantasien über die Eroberung der Altenpflegerin ergeht.
Richtig auf die Nerven gingen mir eigentlich nur einige der poetologischen Aufsätze, die als Anhang die Anthologie abschlossen. Immerhin für seinen Mut gelobt werden muss Christian Kreis, der nicht davor zurückscheute, Gedichte aus seinem Hobbykeller zu veröffentlichen, darunter ein Meisterwerk wie Danke, du Schlampe. Ein Auszug: “Komm, laß deine Titten benetzen, / deine Kleider zerfetzen. / Ich glaube, er steht / für dich allein. / Und ist ihm abgegolten worden, / dann sage ich ehrlich / danke, du Schlampe.” Hier scheint ein neues Genre, die Atzen-Lyrik, geboren worden zu sein. Verse, die an den frühen MC Frauenarzt gemahnen, nur mit weniger Poesie. Aber da der Autor auch selbstironisch auf sein eigenes Werk blicken kann, wird man ihm nicht böse werden.
Anders sieht das bei dem Essay Über die Herstellung haltbarer Blutwurst von Simon Urban aus, den ich aus vollem Herzen scheiße fand. Das literarische Erweckungserlebnis von Herrn Urban war die Begegnung mit dem Werk von Martin Walser, genauer gesagt: die Walser-Bubis-Debatte im Anschluss an Walsers Paulskirchenrede (“Moralkeule” Auschwitz). Darin hatte der Autor vor einer Instrumentalisierung der deutschen Schande gewarnt und über die allgegenwärtige Präsenz ihrer Darstellung geklagt. Simon Urban fand es damals sehr schrecklich, dass Walser von den “Linken” als Antisemit bezeichnet wurde und auch heute noch wird. Dass es für diesen Verdacht noch einige andere Belege gibt (laut Günter Amendt nannte Walser Bob Dylan mal einen “herumzigeunernden Israeliten”), ignoriert der fleißige Jünger geflissentlich. Nein, er setzte sich damals gar in Duisburg bei einer Diskussion für seinen Übervater ein, riskierte viel und wurde dabei von einem “Kräftigen” sogar mal ganz böse angeschaut: “warum der mich nicht in die Mangel genommen hat, ist bis heute unklar.” Mir scheint das ziemlich klar: Er hatte Mitleid. Stolz erzählt Urban, wie sein Einsatz für Walser ihm sogar eine Erwähnung in der “Welt am Sonntag” einbrachte. Das intellektuelle Resultat seines Engagements: Simon Urban wurde mit einem Schlag klar, dass “links und rechts gar nicht die beiden maximal voneinander entfernten Pole einer Skala sind”. Wahnsinn! Aber noch mehr: Die, die sich “Linke” nennen, sind nämlich in Wahrheit Nazis, zumindest aber genauso schlimm. Ein “Gedicht” entfaltet diese These mit beeindruckender dialektischer Schärfe: “Eine Methode, die man einst in Deutschland kannte, / war, dass man seinen Feind als Judenfreund benannte / [...] Und wenn man’s heut mit seinem Gegner übel meint, / dann nennt man ihn halt einfach einen Judenfeind.” Ganz genau: Früher denunzierte man die Juden, heute die Antisemiten. Gar kein Unterschied! (Urban bezeichnet sich übrigens als “Schmalspurlyriker”, eine lobenswerte Bescheidenheit. Er sollte aber noch weiter gehen und sagen, dass er gar keiner ist.) So wird denn der “Massenmord” an den Juden zum “Totschlagargument”. Wirklich, man muss sich dieses geniale Wortspiel mal in seiner ganzen Trefflichkeit durch den Kopf gehen lassen. Was war der Holocaust, was war der zweite Weltkrieg? Den Worten Urbans nach ein “Trauma”, ja eine “Tragödie”. Da ist das Schicksal wirklich allzu bitter über die Deutschen hereingebrochen. Wer litt mehr unter dem Holocaust als die Deutschen? Selbst der Simon Urban ist immer noch traumatisiert, dabei liegen doch zwischen seiner Geburt und Hitlers Tod “11.048 Tage” als “Sicherheitsabstand” – das müsste doch nun wirklich reichen! Und wer war an allem Schuld? Na klar, “der Hitler”! Aber nicht nur der, sondern auch seine “Nazi-Mischpoke”! Sprachliches Feingefühl (“Mischpoke” = hebräisch-jüdisch für “Familie”), wie man es von einem literarischen Genius vom Schlage Urbans erwarten kann: Hitler und seine jüdischen Verwandten sind es, die den armen Deutschen mit ihrer blöden Schande einfach keine Ruhe lassen. Manchmal verrrät doch die Sprache mehr, als der Autor wollte.
Die Tippgemeinschaft 2009 schon gelesen hat Jens Kassner – ich werd’s nachholen.
Auf einer Pressekonferenz in Berlin stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel (FDJ) heute ihre neue Regierungsmannschaft vor. Hier die neuen Minister und Ministerinnen im Personality-Check:
AUSWÄRTIGES/VIZEKANZLER: Adolf Hitler (NSDAP). Der umstrittene Politiker zählt zu den beliebtesten Köpfen in Deutschland, hat bereits einige Regierungserfahrung vorzuweisen (Führer, Reichskanzler) und gilt als energischer Vorkämpfer der europäischen Einigung.
INNERES: Joseph Ratzinger (HJ). Der bayrische Lokalheld gibt für das Ministeramt einen besser bezahlten Posten als Boschafter (Gottes) in Rom auf. Die Sicherheit möchte er zu einem Schwerpunkt seiner Tätigkeit machen. Bekannt wurde er als Befürworter des Einsatzes der Bundeswehr im Inneren von Kirchen.
JUSTIZ: Ronald Schill (Grüne). Der ehemalige Hamburger Senator kehrt aus seiner Wahlheimat Brasilien eigens nach Deutschland zurück, um sich beim Aufbau des Rechtsstaats verdient zu machen. Auf Fragen nach gegen ihn laufenden Strafverfahren reagierte er verschnupft.
FINANZEN: Thilo Sarrazin (SPD). Die überraschende Berufung des Finanzfachmanns dürfte wohl auch politische Gründe haben. Nach umstrittenen Äußerungen über Minderheiten (Kanaken, Fidschis, Sachsen) hatte sein Stuhl bei der Bundesbank ganz schön gewackelt.
WIRTSCHAFT: Josef Ackermann (parteilos). Der Schweizer wird den neuen Job nebenberuflich ausüben und auch weiterhin die Deutsche Bank leiten. Bundeskanzlerin Merkel erhofft sich Einsparungen und Synergieeffekte, da sie Ackermanns Anweisungen nun persönlich in Empfang nehmen kann.
ARBEIT UNS SOZIALES: Friedrich Merz (CDU). Mit der Berufung ihres Erzfeindes ist die Bundeskanzlerin über ihren eigenen Schatten gesprungen und hat staatsmännische Größe bewiesen. Merz kündigte an, politisch die Leitlinien seines jüngsten Bestsellers “Mehr Kapitalismus wagen” in die Tat umzusetzen: “Die Schmarotzer können sich warm anziehen! Das meine ich wörtlich, die Heizkosten müssen nämlich sinken.”
LANDWIRTSCHAFT: N.N. (CSU). Der Posten ist noch unbesetzt und soll Gerüchten zufolge an den ersten sympathischen Typen gehen, der in “Bauer sucht Frau” auftaucht.
VERTEIDIGUNG: Dirk Bach (RTL). Die Besetzung gilt als Überraschungscoup der Kanzlerin. Der übergewichtige Komiker soll die Truppen bei künftigen Angriffskriegen in tropischen Ländern bei Laune halten.
FAMILIE: Charles Manson (USA). Der amerikanische Musiker wurde erst seit kurzem als Geheimtipp für den Posten gehandelt. Seine Erfahrungen im Feld der Geburtshilfe dürften den Ausschlag gegeben haben. Für Enttäuschung sorgte die Entscheidung bei Eva Herman.
GESUNDHEIT: Der Tod (parteilos). Bekannt ist der oft als wenig umgänglich eingeschätzte Funktionär vor allem für seine drastische Symbolik: Bei Pressekonferenzen tritt er oft im schwarzen Mantel auf und schwingt fotowirksam eine mitgebrachte Sense, mit der er auf die Kürze des Lebens aufmerksam machen will. Insgeheim erhofft man sich in Regierungskreisen erhebliche Einsparungen von seinem Wirken.
VERKEHR: Michael Schuhmacher (Nichtwähler). Kritiker befürchten, dass das prominente Gesicht nur die unpopuläre Einführung der PKW-Maut durchsetzen soll.
UMWELT: Renate Künast (Grüne). Die Politikerin hat inhaltlich einige Zugeständnisse gemacht, um sich den Ministerposten zu sichern. So erklärte sie, sich auch mit neuen Atomkraftwerken notfalls anfreunden zu können, so lange diese von lesbischen Palästinenserinnen aus Tofu handgeklöppelt werden.
BILDUNG UND FORSCHUNG: Günter Grass (SPD). Das Amt ohne Kompetenzen wirkt wie zugeschnitten auf den Literaturnobelpreisträger. So wurde die Berufung allgemein mit Wohlwollen aufgenommen. Nur Marcel Reich-Ranicki erklärte am Telefon: “Ich möchte nichts zu dem Günter Grass sagen.”
ENTWICKLUNG: Dirk Niebel (FDP). Diese Personalie führte bei allen Beobachtern zu Sprachlosigkeit.
“Frau Hermenau, sind die Grünen eine linke oder eine bürgerliche Partei?” – “Beides!”