Das letzte Gefecht der Rassisten

Sachsen hat ein Problem, aber das Problem heißt nicht Sachsen. Es wäre albern, wollte man bestreiten, dass die Fremdenfeindlichkeit in den östlichen Bundesländern dumpfer und militanter ist als in den westlichen. Aber wer Xenophobie zum Zonenproblem verniedlicht, der macht es sich zu einfach. Im Osten wird nur in besonders drastischer Form eine Krise offenkundig, die ganz Deutschland, ja ganz Europa betrifft. Eine kulturell und politisch zurückgebliebene Region wie Sachsen ringt nur besonders verzweifelt mit einem Problem, das auch andernorts längst noch nicht überwunden ist. Und dieses Problem heißt Rassismus.

Was aber ist Rassismus eigentlich? Wer darunter bloß die Diskriminierung wegen Aussehen und Herkunft versteht, der erfasst den eigentlichen Kern dieser Weltanschauung nicht. Der Wahn des Rassismus ist viel existenzieller und darum, in die Praxis umgesetzt, mörderischer. Ein Blick in einen Klassiker des Genres wie Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen macht dies deutlich. Der Rassist leugnet nicht nur die Existenz einer universellen Menschheit und ordnet die Menschen stattdessen in höher- und minderwertige, sich ewig bekriegende Rassen. Sein größtes Feindbild ist das „Rassenchaos“, die Vermischung der Rassen. Sie ist für ihn Ursache der Degeneration und Vernichtung der überlegenen weißen Kultur. Als Gegenmittel bleibt nach seiner Überzeugung nur strikte Rassentrennung und die gesunde „Inzucht“ der Weißen. Diese ungemein wirkungsvolle Wahnidee sitzt als unbewusste Angst auch in Menschen, die sich selbst nie als Rassisten bezeichnen würden. Aber die eigene Tochter und ein Neger – igitt!

Der Alptraum der Rassisten wird gerade in Europa Wirklichkeit. In den Großstädten ist er schon Realität, aber selbst in den ländlichen Regionen des Ostens beginnt ein Transformationsprozess von der homogenen zur heterogenen Gesellschaft. Die Furcht der Provinzbevölkerung beschreibt Prof. Werner Patzelt treffend mit den Worten:

Viele Leute in Sachsen, doch auch darüber hinaus, empfinden die – bis in die Kleinstädte sichtbar werdenden – Begleiterscheinungen der Einwanderung als „Entheimatung“. Das heißt: Man bleibt zwar im eigenen Land, erkennt aber in ihm so große Veränderungen, dass man sich zunehmend heimatlos fühlt.

Deutsche, die eine sichere Heimat haben, glauben diese also gefährdet durch Flüchtlinge, die im Gegensatz zu ihnen oft wirklich eine gewaltsame „Entheimatung“ erlebt haben und nun in wenig heimeligen Heimen leben müssen. Übergehen wir einmal die Komik, die in dieser deutschen Selbststilisierung zum Opfer liegt. Was müssten die Sachsen denn aushalten? Sie müssten den Anblick von Menschen ertragen, die anders aussehen als sie, anfangs auch den Klang der Stimme von Menschen, die des Sächsischen noch nicht mächtig sind. Würde ihnen dadurch die Heimat genommen? Ja – und zwar dann, wenn unter Heimat ein Ort zu verstehen ist, wo alle ungefähr gleich aussehen und reden. Diese Uniformität ist im Osten Deutschlands bislang tatsächlich noch weitgehend intakt. Sie wird den Deutschen wirklich genommen werden.

Jene Deutschen, in denen der rassistische Wahn nur als unbewusste Furcht sitzt, werden durch die Realität kuriert. Fremdenfeindlichkeit lässt sich durch persönlichen Kontakt mit Fremden überwinden, wie die geringere Xenophobie in Großstädten zeigt. Schnell stellt sich bei der konkreten Begegnung der bedrohliche Zuwanderer als normaler Mensch heraus, der meist weder besser noch schlechter ist als die Einheimischen. Für die bewussten Rassisten hingegen ist die Zuwanderung existenzbedrohend. Nicht nur wird ihr Alptraum Wirklichkeit. Viel schlimmer: Ihre Ideologie wird durch diese Realität widerlegt. Denn das fröhliche Rassenchaos führt ganz und gar nicht zum prophezeiten Niedergang. Weil die Rassisten spüren, dass sie auf verlorenem Posten kämpfen, ist ihre Gegenwehr so wütend. Ihr Irrsinn kann noch viele Opfer kosten, aber siegen kann er nicht. Die Zahl der Mischehen, so lesen wir, steigt beständig. Jedes dritte Kind, das in Deutschland geboren wird, hat inzwischen einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Wir dürfen uns freuen: Der „Volkstod“ ist nur noch eine Frage der Zeit.

Es gibt Politiker und Experten, die meinen, man könne die Fremdenfeindlichkeit bekämpfen, indem man die Zuwanderung reduziert oder ausschließlich in die Großstädte leitet. Je weniger Fremde den Rassisten vor die Fäuste laufen, desto weniger Gewalttaten werden geschehen, so lautet die triste Logik der Kapitulation, die hinter solcher Argumentation steckt. Mir scheint das Gegenteil richtig: Die Abschaffung des Rassismus gelingt am sichersten durch die Völkermischung. Wir sollten die Zuwanderung – allerdings im Rahmen der praktischen Möglichkeiten – fördern und die Zuwanderer geradewegs in jene Kuhdörfer lenken, wo frische Gene ersichtlich am dringendsten benötigt werden: nach Dresden, nach Meißen, nach Freital, nach Heidenau, nach Tröglitz, nach Schnellroda. Allerdings müssen dann jene weltoffenen Deutschen, die es natürlich auch gibt, die Zuwanderer gegen jene Einheimischen schützen, die sich noch in vorzivilisatorischem Zustand befinden.

Ich will schließlich auch zugeben, dass mein Plan nicht ganz uneigennützig ist: Liebe Menschheit, bitte lass mich nicht allein mit diesen Deutschen!

Michael Bittner

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Leseempfehlung:

Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen. Vom Grafen Gobineau. Deutsche Ausgabe von Ludwig Schemann. Erster Band. Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff), 1898.

Franziskus, der Öko-Papst

Der gegenwärtige Papst, geheißen Franziskus, ist ein bescheidener und sympathischer Mann. Ich wundere mich, wie es einigen Politaktivisten und Kabarettisten gelingt, ihn trotzdem zu hassen. Bei den Atheisten unter ihnen mag da der alte protestantische Hochmut gegen die rückständigen Römlinge nachwirken. Auf der anderen Seite hat Franziskus aber auch unter Linken eine merkwürdig große Anhängerschaft gewonnen, fast so, als wäre Karl Marx zum Papst gewählt worden. Ich selbst fühle mich dagegen eher unbefangen. Wenn der Papst etwas Vernünftiges über die soziale Frage sagt, freue ich mich. Wenn er etwas Unvernünftiges über die Züchtigung von Kindern sagt, ist es mir egal. Ich bin ja kein Katholik, der gezwungen wäre, auf die Anweisungen des Bischofs von Rom zu hören. Jüngst erfuhr ich nun, der Papst habe eine Enzyklika zur ökologischen Frage veröffentlicht und wolle sich damit „an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt.“ Da wurde ich neugierig. Auf diesem Planeten wohne ich auch, also möchte der Papst offenbar auch mit mir ins Gespräch kommen. Warum also nicht mal hören, was der Papst mir zu sagen hat?

Diese Enzyklika ist schon ein eigenartiger Text: eine Dreifaltigkeit aus politischem Manifest, ökologischer Bestandsaufnahme und spiritueller Erbauungsschrift. Kampfrufe nach Gerechtigkeit stehen neben ermüdenden Aufzählungen von Studienergebnissen und Bibelzitaten über den Wert des lieben Viehs. Doch wer geduldig im Text stöbert, der stößt auf ganz beachtliche Aussagen. So findet sich die Einsicht, dass die Umweltzerstörung direkt mit der gesellschaftlichen Ungleichheit zusammenhängt:

Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.

Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.

Und obwohl das Wort „Kapitalismus“ ängstlich vermieden wird, klingt es doch beinahe marxistisch, wenn Franziskus die Übel der verkehrten Welt auf „ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen“ zurückführt. Der Papst beklagt die ökonomische Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften, noch mehr aber zwischen den Staaten:

Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.

Die Menschen der reichen Länder sollen also auf Wohlstand verzichten, die Wirtschaft der Industriestaaten soll nicht mehr wachsen, sondern schrumpfen! Die Begeisterung vieler Fans des Papstes in der Ersten Welt dürfte nachlassen, wenn ihnen diese Forderung nach globaler Umverteilung zu Ohren käme. Solidarität gut und schön, aber der Spaß hört auf, wenn mir jemand mein Smartphone wegnehmen möchte!

Was ist nun aber in den Augen des Papstes die Wurzel des Übels? Geklagt wird im Text öfter über das „Paradigma der Technokratie“, die rücksichtslose Beherrschung und Ausbeutung der Natur. Dass Technik nicht an sich verwerflich ist, weiß der Papst aber natürlich auch. Eine schlüssige Unterscheidung zwischen guter und schlechter Technik bietet der Text nicht, was nicht verwundert, denn technische Mittel befinden sich prinzipiell jenseits von Gut und Böse, auf den Zweck ihres Gebrauchs kommt es an. So gelangt der Papst denn auch zur Kritik am ökonomischen „Ziel der Gewinnmaximierung“, das dem „Prinzip des Gemeinwohls“ widerspreche:

Der Markt von sich aus gewährleistet aber nicht die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und die soziale Inklusion.

Die Ressourcen der Erde werden auch geplündert durch ein Verständnis der Wirtschaft und der kommerziellen und produktiven Tätigkeit, das ausschließlich das unmittelbare Ergebnis im Auge hat.

Aufzuhören, in die Menschen zu investieren, um einen größeren Sofortertrag zu erzielen, ist ein schlechtes Geschäft für die Gesellschaft.

In der Tat! Aber was tun? Müsste man etwa die Produktionsmittel gesellschaftlich kontrollieren, auf globaler Ebene womöglich? Nein, gar so weit will Franziskus nicht gehen. Er bleibt in den Bahnen der guten alten katholischen Soziallehre und appelliert ans christliche Gewissen der Unternehmer:

Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern, in der sie ihre Betriebe errichtet, vor allem wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist.

Aber leider, leider ist weder die Schaffung von Arbeitsplätzen noch der Dienst am Gemeinwohl unausweichlich, ganz im Gegensatz zum „Ziel der Gewinnmaximierung“. Das Streben nach dem größtmöglichen Profit ist das Prinzip des Kapitalismus, und dies nicht aufgrund der Gier oder Böswilligkeit der Unternehmer, sondern aus Notwendigkeit. Wer keinen Profit erwirtschaftet, geht pleite oder wird geschluckt. Für jeden Aussteiger aus dem kapitalistischen Kampf ums Dasein findet sich ein Ersatz. Darum sind alle moralischen Appelle an die Haie, sie mögen sich doch bitte in Zukunft von Seegras ernähren, nichts als vergebliche Liebesmüh. Der Kapitalismus wird die Früchte der Erde so lange erst in Waren und dann in Müll verwandeln, bis die Erde ausgequetscht ist wie eine Zitrone.

Ist es realistisch zu hoffen, dass derjenige, der auf den Maximalgewinn fixiert ist, sich mit dem Gedanken an die Umweltauswirkungen aufhält, die er den kommenden Generationen hinterlässt?

Nein, es ist nicht realistisch, dies zu hoffen. Und doch will der Papst die Hoffnung nicht begraben, die Kapitalisten durch gutes Zureden zum Besseren zu bekehren. Für ihn ist der Kern des Problems naturgemäß gar nicht materiell, sondern spirituell. Wir hören die altbekannten katholischen Klagen über den fatalen „Individualismus“, über den „modernen Anthropozentrismus“ und über eine „Kultur des Relativismus“. Kurz: Das Problem wird vom Politischen doch wieder ins Moralische verschoben. Und wo es an Moral fehlt, da muss natürlich nach der Religion gerufen werden. So ist das Grundübel schließlich doch wieder

die Idee, dass es keine unbestreitbaren Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken, und deshalb der menschlichen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind.

Wo aber finden wir sie nur, die absoluten Wahrheiten? Man ahnt es.

Die beste Art, den Menschen auf seinen Platz zu verweisen und seinem Anspruch, ein absoluter Herrscher über die Erde zu sein, ein Ende zu setzen, besteht darin, ihm wieder die Figur eines Vaters vor Augen zu stellen, der Schöpfer und einziger Eigentümer der Welt ist. Denn andernfalls wird der Mensch immer dazu neigen, der Wirklichkeit seine eigenen Gesetze und Interessen aufzuzwingen.

Der liebe Gott also ist der Eigentümer der Erde und hat sie nur an uns vermietet? Und das soll uns dazu bringen, sie möglichst schonend zu behandeln? Als ob nicht jeder Mieter schlampiger mit seiner Wohnung umgeht als ein Eigentümer, eben weil sie ihm nicht gehört und er nur übergangsweise in ihr haust! Das Christentum hat mit seiner Lehre, die Erde sei nur Durchgangsstation zum Himmel, die Leichtfertigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen ganz gewiss nicht wenig befördert. Befiehlt nicht gar der Gott der Bibel den Menschen, sich die Erde „untertan“ (1. Mose 1,28) zu machen, sie also zu beherrschen und auszubeuten? Aber nein: „Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel, wie die Kirche sie versteht.“ Na dann.

Auch der Bischof von Rom ist nur ein Priester. Wenn vor Jahrhunderten irgendwo ein Erdbeben, eine Sturmflut oder eine Feuersbrunst wütete, dann trat gewiss ein Priester auf, der in der Katastrophe eine Strafe Gottes für die Sünden der Menschen sah und sie zur reuigen Rückkehr in den Schoß der Kirche aufrief. So benutzt nun auch Franziskus die Umweltkatastrophen der Gegenwart, um verirrte Schäfchen wieder in den Stall des alten Glaubens zu treiben. Der Klimawandel erlaubt es, mit einer neuen Sündflut zu drohen. Immerhin, so muss man billigerweise einräumen, hält Franziskus es nicht für unmöglich, dass auch ungläubigen Menschen die „ökologische Umkehr“ gelingt, dies sei nur „nicht leicht“.

Was in dieser Enzyklika vernünftig ist, stammt aus den Erkenntnissen der Wissenschaft und den Erfahrungen der sozialen Bewegungen. Was die Religion beiträgt, ist hingegen überflüssig oder Unsinn. Kann die Enzyklika dennoch nützlich sein? Gewiss. Sie kann wissenschaftliche Einsichten an jene vermitteln, sie sich nur von Priestern belehren lassen. Sie kann jene zu richtigem Handeln bewegen, die dazu Befehle eines unsichtbaren Weltherrschers nötig haben. Alle anderen Menschen muss sie nicht weiter kümmern.

Michael Bittner

Die Volksverräterin Tatjana Festerling

Sie hat es geschafft! Tatjana Festerling hat es geschafft! Bei der Wahl in Dresden am 7. Juni wurde sie als Kandidatin von PEGIDA gewählt – zur „Bürgermeisterin der Herzen“ (Lutz Bachmann)! Und wie jeder „Sieger der Herzen“ erwies auch Tatjana Festerling sich vor allem als – schlechter Verlierer. Am 8. Juni feierte sie beim traditionellen Montagsspaziergang in strömendem Regen vor 2000 begossenen Pudeln ihre Niederlage. Ihre kurze und ungewöhnlich kleinlaute Rede ist bemerkenswert, weil sie ungewollt zur Bankrotterklärung von PEGIDA wurde. Der große Angriff gegen das ganze politische System endete in einem Akt kleinlicher Parteipolitik. Der fauchende Tiger legte sich brav als Bettvorleger nieder.

Man traute seinen Ohren nicht: Die unerschrockene Rebellin Tatjana Festerling, die alles umstürzende Kämpferin gegen das politische System, sie palaverte plötzlich wie eine x-beliebige parteipolitische Betriebsnudel! Sie redete ihr mickriges Ergebnis schön und die Erfolge der gegnerischen Kandidaten schlecht – mit den schlimmsten Phrasen aus dem Werkzeugkasten der so verabscheuten politischen Klasse. „Fast jeder zehnte Wähler hat für uns gestimmt!“, so jubilierte Festerling. In der Tat: Fast 5 Prozent der wahlberechtigten Dresdner haben für die Hamburgerin gestimmt. Einen solch triumphalen Sieg hat es in der Geschichte der westlichen Demokratie selten gegeben. 9,6 Prozent der Stimmen seien „ein hervorragendes Ergebnis, das wir nur alle gemeinsam gestemmt haben und auf das wir stolz sein müssen.“ Leute, wir müssen! Ich weiß, euch fällt das schwer, aber wir müssen stolz sein auf unser Versagen!

Verloren haben nämlich selbstverständlich nur die anderen: Das schlechte Ergebnis von Markus Ulbig sei eine „Klatsche“ für Angela Merkel. Die Zuschauer grölen „Merkel muss weg! Merkel muss weg!“, der PEGIDA-Chor klingt allerdings schon etwas dünner als sonst. Und zielsicher ergänzt Tatjana Festerling: „Die Verliererin dieser Wahl heißt nämlich Stange!“ Nicht anders, Freunde! Die Kandidatin mit den meisten Stimmen ist die Verliererin! Eine Sichtweise nicht ohne dialektische Konsequenz: Wenn die Verliererin sich zur Gewinnerin erklärt, muss sie natürlich auch die Gewinnerin zur Verliererin erklären. Da bei PEGIDA die Wahrheit sowieso immer auf dem Kopf steht, fällt eine solche Akrobatik auch nicht sonderlich auf.

Tatjana Festerling spürt aber doch: Wenn das „Volk“ sich plötzlich als Splittergruppe herausstellt, kann man die Enttäuschung nicht einfach wegreden. Man kann aber die Schuld wie gewohnt bei den anderen suchen: „Wie hätte das Ergebnis ausgesehen, wenn wir mehr Zeit, mehr Geld und einen großen, organisierten Apparat hinter uns gehabt hätten?“ Ihren desillusionierten Anhängern befiehlt sie, sich nicht „in den Strudel der Resignation reißen“ zu lassen. Ja, sie zieht alle Register, und appelliert sogar an die „sächsische Ehre“! Lokalstolz zieht beim Sachsen immer. Fast flehentlich ruft sie: „Ihr werdet weiter gebraucht!“ Und das stimmt: Die Mitläufer von PEGIDA werden wirklich weiter gebraucht: als Fußvolk einer toten Bewegung nämlich, die nur noch dazu dient, den verkrachten Existenzen von Lutz Bachmann und Tatjana Festerling ein Auskommen zu verschaffen.

Aber Tatjana Festerling lässt noch eine Bombe platzen: Sie zieht ihre Bewerbung für den zweiten Wahlgang zurück! Zugunsten von Dirk Hilbert, den sie zugleich noch mit ihrem ganz eigenen Charme als „verdammt dicke Kröte“ bezeichnet, die es nun zu schlucken gelte. Und zum ersten Mal verweigern die Anhänger von PEGIDA den Applaus. Selbst sie spüren instinktiv, dass sie gerade von ihrer Führerin gewaltig verarscht werden. „Stange wäre der Horror für Dresden!“, ruft Festerling beschwörend. „Es gilt mit allen Mitteln, dieses bunte Bündnis für Dresden zu verhindern!“ Das alte Feindbild zieht noch und die Zustimmung kehrt halbherzig zurück. Aber ein Unbehagen bleibt, das sich auch im Internet unter den PEGIDA-Anhängern bald Bahn bricht. Die Bewegung, die sich selbst immer als Alternative zum ganzen politischen System verstand, die gegen alle etablierten Parteien gleichermaßen wetterte, sie wird von Tatjana Festerling plötzlich ganz klein gemacht und ordnet sich ein in „das bürgerlich-konservative Lager, zu dem wir gehören“. Einst rief der Lutz Bachmann: „PEGIDA ist und bleibt überparteilich!“ Es war nur eine Lüge unter vielen Lügen eines notorischen Lügners.

Tatjana Festerling hat sich aber nicht nur plötzlich in eine gewöhnliche Politikerin verwandelt, sie hat sich auch noch in eine schlechte Politikerin verwandelt. Sie verschenkt bedenkenlos Wählerstimmen an Dirk Hilbert, die ihr gar nicht gehören! Kein Politiker der etablierten Parteien wäre so dumm, seine Verachtung für den Volkswillen so offen zu zeigen. Frau Festerling aber ist noch dümmer: Sie verschenkt die Stimmen ihrer Wähler auch noch, ohne sich von Dirk Hilbert vorher wenigstens eine Gegenleistung zu sichern. Nicht einmal die CDU war so naiv, sich darauf einzulassen. Welch ein politischer Pfusch einer politischen Dilettantin!

„Wir halten uns jetzt freiwillig zurück, aber nur um Anlauf zu nehmen“, versichert Tatjana Festerling wie der Fuchs vor den Trauben. Der große Volksaufstand von PEGIDA führt nun also zu keinem anderen Ergebnis als zur Wahl des netten Herrn Hilbert von der FDP zum Dresdner Oberbürgermeister! Peggy hält ihm die Tür zum Rathaus auf und darf dabei höchstens leise fluchen. Einen besseren Komödienschluss hätte sich kein Dichter für die PEGIDA-Farce ausdenken können. Fast übermannt mich das Mitleid ob eines so über alle Maßen erbärmlichen Endes. Peggy, das hast selbst du nicht verdient!

Und doch bleibe ich am Ende dieser Geschichte nicht heiter, sondern betrübt zurück. Welches Ausmaß von Hass und Hysterie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland gezeigt, während es den Deutschen doch gerade leidlich gut geht! Was käme wohl erst auf uns zu, wenn wir eine schwere wirtschaftliche Krise erlebten oder einen schlimmen Terroranschlag? Gott sei uns allen gnädig!

Michael Bittner

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Die Rede von Tatjana Festerling am 8. Juni 2015 kann man als Video anschauen.

Sozusagen. Das Elend der politischen Sprache

Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Marcus Weinberg, warnt vor einer vollständigen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften. Er tut dies in einem Interview mit dem Journalisten Friedbert Meurer im Deutschlandfunk. Und weil dort gewissenhaft gearbeitet wird, gibt es das Gespräch nicht nur als Tonkonserve, sondern auch als wörtliche Mitschrift. Lässt man sich auf eine Lektüre ein, wird man mit einem literarischen Erlebnis belohnt, wie es sonst nur dadaistische Wortkunstwerke gewähren. Eine ins Kindliche spielende Unbeholfenheit im Ausdruck wird da bei einem gestandenen Mann sichtbar. Dies allein wäre aber noch nicht so bemerkenswert. Kaum ein Mensch kann sich in gesprochener Sprache so fehlerfrei ausdrücken wie in geschriebener. In den Worten Weinbergs zeigt sich aber noch mehr: Sie sind ein erschütterndes Beispiel für das Elend der politischen Sprache überhaupt, für das Unvermögen eines großen Teils der politischen Funktionäre, sinnvolle und verständliche Sätze zu formulieren.

Sprachlichem Mangel liegt meist gedanklicher zugrunde. Politiker reden ihren unerträglichen Jargon, weil sie beständig ihre persönlichen Auffassungen verleugnen, die offenkundige Unwahrheit sagen oder überhaupt jede sachliche Festlegung vermeiden müssen. Sie werden dabei von der verständlichen Sorge um Selbsterhaltung getrieben. Angesichts ihrer Abhängigkeit von einer Parteihierarchie und der Macht der Skandalisierungsmechanismen der Presse müssen sie bei jeder Äußerung gleich um ihre ganze Karriere fürchten. So versuchen Politiker, besonders solche in der Regierung, es möglichst immer allen recht zu machen. Und das ist nur auf Kosten der Wahrheit und der Sprache möglich. Zur Öffnung der Ehe für Homosexuelle gäbe es eigentlich nur eines zu sagen: Sie ist nicht nur richtig, sondern auch notwendig. Sie ist nichts als eine Konsequenz des Prinzips der Gleichheit so gut wie die Sklavenbefreiung oder das Frauenwahlrecht. Sie ist damit nicht einmal ein irgendwie “linkes” Projekt, sondern nur eines der bürgerlichen Gleichstellung. Erst jetzt möglich wird sie, weil zuvor eines der hartnäckigsten Vorurteile in der Geschichte zu überwinden war. Was sagt nun Marcus Weinberg?

Meurer: Sind die Iren Vorreiter einer Entwicklung, die auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten ist?

Weinberg: Ich glaube nicht, dass wir die Diskussionen, seit vielen Jahren, ja schon Jahrzehnten, zwischen Deutschland oder mit Deutschland, in Deutschland und in Irland vergleichen sollten. […] Ich halte es für problematisch, eine Entscheidung in Irland jetzt sozusagen ad hoc umzusetzen auf eine Diskussion in Deutschland, die auch anders historisch geleitet ist.

Man wüsste gern, wie so etwas aussieht, eine “Diskussion zwischen Deutschland”. Wer diskutiert da mit wem? Wir erfahren immerhin, dass wir Deutschland nicht mit Irland vergleichen “sollten”. Warum sollten wir nicht? Marcus Weinberg kann offenbar keinen vernünftigen Grund nennen. Deswegen kommt auch gleich noch eine der beliebtesten Nullvokabeln des Politjargons zum Einsatz: “problematisch”. Ein Politiker, der eine Sache “problematisch” nennt, will sie ablehnen, ohne doch gleichzeitig behaupten zu müssen, sie sei falsch. Denn eine solch klare Stellungnahme könnte sich ja später rächen.

Weinberg: […] Zum einen ist es so, dass wir eine Diskussion innerhalb der CDU führen über das Thema. […] Und es gibt hier innerhalb der Union verschiedene Positionen. Die einen, die sagen, das wäre machbar, und die anderen, die sehr kritisch sind, die sagen, es gibt schon eine Besonderheit, eine Norm des Staates, kulturhistorisch gewachsen, dass im Grundgesetz Ehe, definiert zwischen Mann und Frau als eine auf die Dauer angelegte Partnerschaft definiert wird –

Das “sehr kritisch” ist eine Steigerung von “problematisch”. Ein Politiker, der etwas “sehr kritisch” sieht, kann etwas ablehnen, ohne doch eigentlich dagegen zu sein. Der Politjargon ermöglicht es, jede Aussage so zu formulieren, dass sie bei Bedarf zurückgenommen, sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden kann: Früher hielt ich das für problematisch, ja ich sah es sehr kritisch – jetzt bin ich aber doch dafür!

Weinberg: Ja, Anschauungen können sich immer wandeln, und der Zeitgeist wandelt sich auch immer. Die Frage ist, ist der Staat jetzt, springt der Staat mit einem Grundgesetz dem Zeitgeist hinterher, oder ist es so, dass es immer noch staatliche Normen gibt, werteorientiert, die sozusagen, wenn man sie verändern will, die schon eine breite Diskussion, wo es eine breite Diskussion geben muss. […] Und ich halte es für dringend geboten, dass eine Volkspartei wie die Union, die gerade werteorientiert aufgestellt ist, dass die eine breite Diskussion innerhalb der Partei führt. Und ich werde wie viele andere auch, wir werden sozusagen jetzt nicht sprunghaft sagen, mal ganz schnell so nebenbei das Grundgesetz ändern. Das wird es mit uns nicht geben, sondern da bedarf es einer breiten Diskussion in der Partei.

Ein Konservativer hält seine eigenen Anschauungen stets für eherne Werte, die Ideen der Liberalen hingegen für flüchtige Einfälle des Zeitgeistes. Wer weiß, vielleicht wandelt sich der Zeitgeist erneut und wir stecken die Schwulen wieder hinter Schloss und Riegel! Wie seltsam, dass so unverrückbare Werte allein durch eine “breite Diskussion”, also wohl eine nach der Legalisierung von Cannabis, möglicherweise doch geändert werden könnten! In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt: Die ehernen Werte der Konservativen haben sich in der Geschichte immer aufs Neue als zeitgebunden erwiesen und aufgelöst, gesiegt hat hingegen im Westen die Idee der bürgerlichen Gleichheit. Doch man sollte der Rechten kein Unrecht tun: Die Neigung, Entscheidungen zu vermeiden, indem man auf ausstehende “Diskussionen” verweist, und sich an Werten zu “orientieren”, an die man gar nicht mehr glaubt, gibt es bei der Linken auch.

Weinberg: […] Es gibt in der Union, und ich bin familienpolitischer Sprecher, ich habe sozusagen auch die Mehrheit einer großen Volkspartei zu beachten, beziehungsweise muss Positionen auch innerhalb der Union zusammenführen.

Hier ringt sich der Politiker fast einmal dazu durch, die Wahrheit zu sagen, aber nur fast: Ich weiß ja, dass eigentlich die anderen irgendwie recht haben, aber darf es nicht sagen, denn in meiner Partei sind Leute dagegen. Da aber die Partei immer recht hat, selbst wenn es in ihr mehr als eine Meinung gibt, muss man eben Positionen “zusammenführen”, obwohl es sich um unvereinbare Gegensätze handelt. Die Sache ist ganz einfach: Entweder Homosexuelle haben das Recht zu heiraten oder sie haben es nicht. Aber nichts ist der heutigen Politik unangenehmer als einfache Entscheidungen.

Gerade die Änderung der Verfassung bei dieser doch zentralen Frage, was ist eigentlich Ehe. Denn die Frage müssen Sie sich dann auch stellen, was ist denn Ehe noch wert? Dann haben Sie eigentlich gar keine Norm mehr, dann ist die Ehe auch beliebig, und ich glaube, da gehen wir in eine falsche Richtung.

Meurer: Wieso ist das beliebig? Wieso wird das beliebig, wenn homosexuelle Paare, wenn die verheiratet sind? Was ist daran beliebig?

Mensch, Meurer! Wenn Homos einander heiraten dürfen, dann darf man doch bald auch Kinder, Tiere oder Autos heiraten! – So deutlich wird Marcus Weinberg natürlich nicht, er ist in der CDU und will ja nicht in Teufels Küche geraten. Aber wenigstens ein bisschen was die Richtung müsste doch gehen:

Weinberg: Noch mal: Die Anlage der Ehe, das ist nun mal so, zwischen Mann – eine auf Dauer angelegte Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Und – so. Und es gibt ja nun durchaus auch gewisse Formen, die Gott sei Dank in Deutschland verboten sind, die auch verboten bleiben sollten. Jetzt kann man ja auch rein die These aufstellen, oder jetzt könnte man, wenn man ein bisschen provozieren will, mal sagen, ja, was ist denn mit Männern, die auch mit mehreren Frauen zum Beispiel, die für mehrere Frauen sorgen könnten theoretisch. Ist das dann auch –

Meurer: Da fühlen sich die Homosexuellen aber jetzt mit einem ziemlich schiefen Vergleich konfrontiert.

Weinberg: Der Vergleich ist auch schief, das ist ja auch ganz sozusagen jetzt mal – ich habe auch gesagt, eine kleinere Provokation.

Zum guten Schluss liefert Marcus Weinberg noch ein Lehrbeispiel für die Heuchelei, die unter dem Titel “politische Inkorrektheit” inzwischen auch die etablierte Politik infiziert hat. Man will bewusst “provozieren”, dann aber keine Verantwortung für den Inhalt der Provokation übernehmen. Man beleidigt und entschuldigt sich im gleichen Atemzug. Man distanziert sich vorsorglich von sich selbst. Kurz: Man lügt und schämt sich nicht einmal mehr dafür.

Zitat des Monats Mai

Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir unser kleines bequemes bürgerliches Glück nicht mit postadoleszenter Revoluzzerei verspielen wollen.

(die anonymen Autoren des Blogs “Münkler-Watch“)

Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen, man muß auch Mut zeigen.

(Ludwig Börne)

Was bleibt von PEGIDA? Mit Bemerkungen zur Studie von Professor Werner Patzelt

Wenn selbst Jasper von Altenbockum von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung PEGIDA als “politischen Kadaver” bezeichnet, darf man wohl davon ausgehen, dass die Bewegung der Dresdner Wutbürger wirklich gestorben ist. Es finden sich allerdings immer noch jeden Montag tausende Demonstranten zusammen, um den immer gleichen Reden zu lauschen. Aber eine Perspektive ist nirgends zu erkennen: Es gibt keine neuen Ideen, kein überzeugendes Programm, keine Aussicht auf politische Macht. Die Zusammenarbeit mit der Alternative für Deutschland ist vorerst gescheitert, zumal diese Partei zurzeit ohnehin damit beschäftigt ist, sich selbst zu zerlegen. Die Kandidatur von Tatjana Festerling für das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters ist nicht mehr als einer der – durchaus gekonnten – Marketinggags von Lutz Bachmann. Festerling wird vielleicht einen kleinen Achtungserfolg erringen und 10 bis 20 Prozent der Stimmen bekommen. PEGIDA wird über Wahlbetrug klagen. Und dann? Eine Partei kann PEGIDA nicht werden, weil die Führungsfiguren sich durch Inkompetenz auszeichnen und weil die Bewegung nur in Sachsen eine nennenswerte Anhängerschaft gewinnen konnte, überall sonst in Deutschland aber kläglich gescheitert ist. Das wahrscheinlichste Szenario also ist: Die Anhänger ziehen sich frustriert ins Privatleben zurück und tauchen unverwandelt wieder auf, wenn eine neue Welle rechter Mobilisierung durchs Land rollt. Das Phänomen PEGIDA mag also der Vergangenheit angehören und nur noch Gähnen hervorrufen. Wachsamkeit aber erfordert das Potenzial zu einer neurechten Sammlungsbewegung, das nun in der Gesellschaft schlummert.

Professor Werner Patzelt hat in einer neuen Studie die gegenwärtige Verfassung von PEGIDA untersucht. Ihm gebührt Lob für die aufwändige Arbeit ebenso wie den Studenten, die bei ihren montäglichen Befragungen nicht nur angenehme Begegnungen hatten:

Dabei waren “scheiß Studentenpack” und “Linksfaschisten” noch die harmlosesten unter den dokumentierten Beleidigungen.

Die Studie beruht auf der statistischen Auswertung und Interpretation der Antworten von Demonstranten auf vorgelegte Fragen, also letztlich: auf dem Selbstbild der PEGIDA-Angänger. In zweierlei Hinsicht ist die Methode problematisch: Einerseits ist es recht wahrscheinlich, dass die Radikalen die Antwort eher verweigerten als die Gemäßigten. Andererseits ist es nicht auszuschließen, dass Demonstranten in dem Bemühen, die Bewegung möglichst “normal” erscheinen zu lassen, bewusst oder unbewusst ihre Aussagen gemäßigt haben. In beiden Fällen wäre die Tendenz eine verharmlosende. Einer, der von sich behauptet, er sei kein Rechtsradikaler, kann dennoch einer sein. Aber trotzdem: Eine unvollkommene Umfrage ist besser als gar keine empirische Grundlage. Die Ergebnisse dürften im Großen und Ganzen ein einigermaßen adäquates Bild ergeben. Dies gilt allerdings nicht für die Interpretation der Ergebnisse durch Professor Patzelt, die durch eine einseitige Sichtweise verzerrt wird. Aber Einseitigkeit, zumal so offensichtliche, ist nichts Verwerfliches. Sie fördert Diskussion und Erkenntnis oft besser als ein ängstliches und unfruchtbares Sowohl-als-auch.

Die Ergebnisse der neuen Studie sind nicht neu, sie bestätigen vielmehr frühere Befragungen. PEGIDA ist keine Vereinigung, die nur aus Nazis und Rassisten bestünde, wie manche Linke vorschnell urteilen, sondern eine – weit überwiegend rechte – Sammlungsbewegung von Unzufriedenen und Politikverdrossenen. Professor Patzelt unterscheidet nach den Daten der Umfragen drei Typen von Teilnehmern: “xenophobe Patrioten” (53%), “bedingt Xenophile” (30%), “rechtsradikale Xenophobe” (17%). Ins Deutsche übersetzt heißt das ungefähr: “Wir haben in unserem schönen Deutschland zu viele Ausländer!” (53%), “Wir haben in unserem schönen Deutschland zu viele gefährliche oder unnütze Ausländer! Aber gegen Ausländer an sich habe ich nichts.” (30%), “Ausländer? Wo ist mein Baseballschläger?” (17%) Letztere Gruppe hält auch Gewalt gegen den politischen Gegner für gerechtfertigt. Nennen wir sie ruhig: Nazis.

Überraschend an den Ergebnissen der neuen Studie ist allenfalls, dass die Spaltung und Schrumpfung der Bewegung zwar die Reduktion auf einen harten Kern, nicht aber eine sehr auffällige Radikalisierung bewirkt hat. Es gab einen Ruck nach rechts, aber nur einen kleinen.

Wie hat sich also PEGIDA geändert? Der “harte Kern” ist geblieben; sein “Weichbild” ist erodiert; und weil Gutwillige sich mehr und mehr resigniert zurückziehen sowie die Vorbedingungen von mancherlei Gutwilligkeit immer mehr bedroht erscheinen, treten mehr und mehr Radikale ins Blickfeld.

Diese Radikalen dominieren auch bei Facebook, weshalb für Beobachter im Netz die Bewegung oft einheitlicher und extremer erscheint als in der analogen Wirklichkeit. Allerdings zeigt Professor Patzelt bei der Definition dessen, was als rechtsradikal zu gelten hat, selbst sehr viel Gutwilligkeit.

Wer Abneigung schlechthin gegen Ausländer im eigenen Land als “Rassismus” bezeichnen will, der kann […] knapp 43% der heutigen PEGIDA-Demonstranten “Rassisten” nennen.

Ich würde sagen: Wir machen das mal so. Denn die xenophobe Abneigung richtet sich ja tatsächlich nur höchst selten gegen Schweden oder Passauer, meistens aber gegen (echte oder vermeintliche) Ausländer, denen man ihre “Fremdheit” ansieht.

Zwar ist es rund jeder zweite Befragte, der – gleichwie – “Andersartige” lieber aus seinem Land haben als in ihm sehen möchten. Doch mehr als ein Fünftel widerspricht dieser durchaus als “kulturalistisch rassistisch” zu bezeichnenden Position klar.

Das ist eine recht trübe Lage, die auch nicht besser wird, wenn man ihr rhetorisch eine positive Wendung verpassen möchte. Zwar die Hälfte – doch mehr als ein Fünftel! Leider hat Professor Patzelt es versäumt, Fragen zu stellen, die eine Unterscheidung zwischen kulturalistischem Patriotismus und völkischem Rassismus überhaupt erst ermöglicht hätten. Dies erleichtert es ihm, bei der Einschätzung der PEGIDA-Anhänger immer die positivste Interpretationsvariante zu wählen. Aber wenn 43% der Befragten sagen, auch friedliche Muslime gehörten nicht zu Deutschland, weckt dann nicht vielleicht doch die Herkunft und nicht die Religion den Hass?

Ähnlich unzureichend ist die Fragestellung in Sachen Demokratie:

71% […] der Befragten nannten die “Demokratie, alles in allem” etwas “eher Vorteilhaftes”, während sie nur 29% […] für “eher problematisch” hielten. Grundsätzliche Gegnerschaft zur Demokratie lässt sich den PEGIDA-Demonstranten also nicht mit nachvollziehbaren Gründen zuschreiben.

Ja, wenn man nur wüsste, was die PEGIDA-Anhänger unter “Demokratie” verstehen! Man müsste sie glatt mal fragen! Aber vielleicht erführe man dann Dinge, die man lieber gar nicht wissen will. Immerhin hören wir noch:

Mindestens drei Viertel der Pegidianer sind unzufrieden mit der Demokratie, wie sie real in unserem Land funktioniert.

Das überrascht nicht – denn die Demokratie funktionert eben nicht so, wie die “Pegidianer” es gerne hätten! Das montägliche Völkchen, das sich so gerne verbal zum Volk aufschwingt, es verlangt nach einer Demokratie, die nach seiner Pfeife tanzt. Aber es versteht nicht, die passende Melodie zu spielen, und zuhören mag auch kaum noch jemand.

Professor Patzelt wiederholt auch noch einmal seine “Diagnose” der Krankheit PEGIDA und seine Vorschläge zur “Therapie”, die nicht beim “Symptom” stehen bleiben dürfe, sondern zu den tieferen Ursachen dringen müsse. Eine Bewegung von besorgten, aber gutwilligen Bürgern sei erst durch hysterische Gegendemonstranten und parteiische Politiker und Journalisten in verhängnisvoller Weise isoliert und radikalisiert worden. Freut sich Professor Patzelt nun über das Ende der Gegenproteste? Überraschenderweise nicht:

Immerhin meinte die im Dezember und Januar so umtriebige Gegnerszene von PEGIDA am 11. Mai, auf sämtliche Gegendemonstrationen verzichten zu können – freilich, nachdem der Protest ohnehin schon ziemlich eingeschlafen war. Entweder wurde erkannt, dass man sich vor einem durch Einbildung stark gemachten Popanz gefürchtet hatte, oder man war es einfach leid, montagabends immer wieder Freizeit opfern zu sollen. Letzteres wäre kein verheißungsvoller Hinweis auf die innere Widerstandskraft von Teilen unserer Gesellschaft, falls unsere freiheitliche demokratische Ordnung einmal wirklich von Feinden mit langem Atem angegriffen werden sollte.

Da wirft Professor Patzelt den PEGIDA-Gegnern erst ihren Protest vor – und dann spottet er höhnisch darüber, sie protestierten ja gar nicht mehr. Das ist doch ein wenig schäbig. Wie überhaupt die Art, in der er den Gegnern von PEGIDA einseitig die Schuld an der “Vergiftung sehr vieler sozialen Beziehungen” zuschiebt:

Schaden werden Deutschland deshalb viel weniger die PEGIDA-Demonstrationen als – vor allem – die verblendeten, wenig Konstruktives bewirkenden Reaktionen auf sie.

Der Therapievorschlag von Professor Patzelt: Man müsse mit den Rechten auf der Straße in einen Dialog treten, ihre Sorgen ernst nehmen und ihre Forderungen womöglich erfüllen. Leider gebe es keine politische Kraft, die sich das traue:

Tatsächlich finden die Deutschen mit politischer Grundeinstellung rechts der Mitte seit längerem kein respektables und obendrein stabiles Personal- und Programmangebot mehr. Eben das ist jene “Repräsentationslücke”, in welche rechte Bewegungen wie PEGIDA – so wie zuvor, freilich als Parteien, die Republikaner, die DVU und die NPD – unschwer eindringen können.

Merkwürdig: Wenn es immer Parteien gab, die in die Lücke eindrangen, wann klaffte sie denn je? Die Antwort: Nie. Es gibt keine Repräsentationslücke außerhalb des Kopfes von Professor Patzelt. Die rechten Deutschen wurden immer repräsentiert. Aber sie wurden durch diese Repräsentation stets aufs Neue enttäuscht, weil die Forderungen, die radikale Rechte so haben, von keiner demokratischen Partei durchgesetzt werden können. Es gibt keine Mehrheit für sie, oft sind sie nicht einmal mit der Verfassung vereinbar. Aus dieser notwendigen Folgenlosigkeit, nicht aus einem Mangel an Repräsentation, resuliert die Enttäuschung der rechten Bürger. Sie ist der Frustration der radikalen Linken gar nicht so unähnlich. Und sie ist unauflöslich. Solange es die bürgerliche Demokratie gibt, wird es eine rechtsradikale Schmollecke geben, aus der gelegentlich Gruppen fluchend ins Licht der Öffentlichkeit stolpern. Niemand sollte sich einreden lassen, erst der Protest bringe den Rechtsradikalismus hervor. Im Gegenteil: Nur eine wache Gegenbewegung kann ihn in Deutschland in Grenzen halten. Man mag Professor Patzelt allerdings darin zustimmen, dass es sinnvoll ist, demokratische konservative Positionen nicht als Nazismus zu dämonisieren. Denn so verstärkt man nur grundlos das rechte Frustpotenzial.

Zum Schluss noch ein letzter Kritikpunkt. Er betrifft nicht das, was Professor Patzelt untersucht, sondern das, was er nicht untersucht hat. In der ganzen Studie wird nicht eine einzige der Reden, die bei PEGIDA gehalten und beklatscht wurden, analysiert. Wenn man wirklich herausfinden möchte, was PEGIDA will, sollte man dann nicht einfach mal zuhören, wenn die Führer und Anhänger von PEGIDA sprechen? Die Pöbeleien bei Facebook mag man als extreme Ausfälle beiseite lassen. Aber nicht ein Wort über die Lügen von Lutz Bachmann, den Geifer von Tatjana Festerling, den völkischen Nationalismus von Götz Kubitschek? Könnten die gesprochenen Worte etwa der gutwilligen These von der Gutwilligkeit von PEGIDA gefährlich werden? Angesichts solcher Ignoranz liegt die Vermutung nahe: Man muss sich die Ohren wohl sehr fest zuhalten, um PEGIDA verstehen zu können.

***

Über die Vorstellung der Studie berichten die Sächsische Zeitung und die Dresdner Neuesten Nachrichten. Die gesamte Pressekonferenz zur Präsentation kann man sich auch als Video anschauen.

Aus meiner Fanpost (8): Im Gespräch mit PEGIDA (2)

Hallo Michael, ich beziehe mich auf deine Tatjana F.-Eloge auf facebook und wollte nur mal bekräftigen, dass ich spontan auch diese Sympathie für die Hooligans empfand, als sie in Köln loslegten. Warum soll denn eigentlich das Beilegen interner Streitigkeiten nur dann eine gute integrative Leistung darstellen, wenn es z.B. durch Ahmad Schah Massoud geschah, der mehrere Stämme dazu brachte, sich nicht gegenseitig zu massakrieren, sondern gemeinsam gegen den Feind vorzugehen ? Nun gut, die Hools lesen nichts Schöngeistiges wie ich gerade ( Horaz, Kalidasa, jeweils im Original), aber müssen sie auch nicht. Bei der Bundeswehr verpflichten sich ja auch nicht Leute, die Rilke lesen. Insofern liegen die Hools richtig. Wie soll man sonst den islamischen Bodensatz loswerden? Vorurteil von mir ? Nein, ich bin studierter Religionswissenschaftler und kenne den Koran besser als die Wuppertaler Scharia-Polizei. Am liebsten lese ich die Original-Dokumente und ich meine es absolut ernst, wenn ich vorschlage, diesen Dialog auf Lateinisch oder Sanskrit weiterführen zu dürfen.Ich liebe alte Religionen, aber nur grundgesetzkonforme ! Namaste,

Hallo R***,

danke für Ihre Zuschrift! Ich bin ein Freund des Dialogs, allerdings muss ich sagen: Mit jemandem, der Gewalt für ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung hält, weiß ich nichts zu reden. Dass Sie ein gebildeter Mensch sind, freut mich. Ich vermute aber, es würde auch Ihnen schwer fallen, mir eine “grundgesetzkonforme” alte Religion zu nennen, da alle religiösen Schriften jede Menge Unsinn und Bosheit enthalten. Das verwundert nicht, entstanden sie doch in barbarischen Zeiten. Als Wissenschaftler lege ich Ihnen die Lektüre von George L. Mosse: “Die Geschichte des Rassismus in Europa” ans Herz. Dort können Sie nachlesen, wie der moderne Antisemitismus entstand, weil Rassisten die Juden pauschal zu einem Kollektiv des Bösen erklärten. Sie benutzten dabei das Alte Testament und den Talmud als Beleg für die bösartige Natur der Juden insgesamt – genauso, wie Sie jetzt die bösartigen Passagen des Koran als Waffe gegen den “islamischen Bodensatz” instrumentalisieren.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

Hallo Michael,
für das was in Talmud oder Altem T. steht kann ich nichts. Mit wem soll ich die Schriften denn sonst in Verbindung bringen, wenn nicht mit den Juden ? Ich halte Juden, Muslime, Christen und alle anderen für Menschen mit denselben Rechten. Deren Schriften sagen allerdings das Gegenteil, und das weißt du nicht, weil du wie 90% aller Deutschen die Bibel nie liest. Lies sie bitte, damit dir das große Kotzen kommt. Man muss die Leute vor den heiligen Schriften schützen.
“Barbarisch” waren die alten Zeiten ? “Aurea prima sata est…..heißt es bei Ovid, das waren eben die Goldenen Zeiten, wo  “sine lege fidem rectumque colebat”, wo man ohne Gesetze spontan alles richtig machte. Sicher eine realitätsferne Illusion, aber unsere muslimischen Mitbürger sehen als “Goldene Zeit” das  7. Jhdt., die Zeit des Propheten, sie tun dies durchaus pauschal und sie wollen es real durchsetzen. Das möchte ich verhindern, zur Not mit Gewalt.

Gruß aus D***, R*** !

Hallo R***,

danke für die Antwort! Ich werde immer ein bisschen misstrauisch, wenn Leute mit ihrer Bildung protzen. Nicht selten wollen sie dann nämlich ihren unvernünftigen, hasserfüllten Vorurteilen nur eine respektable Einkleidung verschaffen. “Die Juden”, auch noch die von heute, wären also kollektiv verantwortlich für die fiktiven Verbrechen und die teilweise abscheulichen Sittenvorschriften des Alten Testaments? Und Millionen Muslime, die in weit überwiegender Zahl friedlich in Europa leben, arbeiten Ihrer Meinung nach also insgeheim gemeinsam daran, die Macht zu erobern und einen neuen Gottesstaat zu errichten? Es tut mit leid, aber für mich klingt das wie eine neue Version der Verschwörungstheorie, die vor hundert Jahren behauptete, die Juden strebten unterirdisch nach der Weltherrschaft. Die islamistischen Gotteskrieger, die selbst der absurden Ideologie der Welteroberung anhängen, verkenne ich dabei nicht. Ich hoffe, dass weder die Islamisten noch ihre geistigen Zwillingsbrüder, die militanten Muslimhasser, in Deutschland zu politischer Macht gelangen. Um das zu verhindern, sind meiner Ansicht nach alle friedlichen Mittel und – sollte irgendwann einmal “andere Abhilfe nicht möglich” (§ 20 (4) GG) sein – auch Mittel gewaltsamen Widerstandes legitim.

Ich denke, damit haben wir unsere gegensätzlichen Positionen im Dialog ausreichend deutlich gemacht, wenn auch leider nicht völlig ausgleichen können.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

Tatjana Festerling, PEGIDA-Bürgermeisterin für Dresden

Lutz Bachmann hat eine Neue. Nachdem ihm seine frühere Mitstreiterin Kathrin Oertel davongelaufen ist, gilt nun eine gewisse Tatjana Festerling als nächste enge Vertraute. Frau Festerling wurde einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als sie nach der von Ausschreitungen begleiteten Demonstration “Hooligans gegen Salafisten” die rechten Gewalttäter als “schlagkräftig, unerschrocken und aufrecht” lobte:

Ihr Hooligans, Ihr Bürger, Ihr Steuerzahler dieses Landes, IHR seid die Söhne und Töchter, die Brüder und Schwestern, die Väter und Mütter Deutschlands und Europas! Ich ziehe meinen Hut vor dieser Haltung. HoGeSa – bitte weitermachen!

Die Alternative für Deutschland, deren einfaches Mitglied Tatjana Festerling in Hamburg bis dahin gewesen war, fand an diesen Äußerungen keinen Gefallen und drohte ihr mit Ausschluss, dem sie durch einen Parteiaustritt zuvorkam. Festerling sieht in der AfD nun genau denselben “Volksbetrug” am Werke wie bei allen anderen Parteien. Diesen Wettlauf nach rechts kann man immerhin amüsant finden: Es wird keinen Gewinner geben, denn ganz am rechten Rand steht immer schon Adolf Hitler und ruft: “Ick bün all hier!”

Im Westen perspektivlos, kam Festerling auf die Idee, im Osten nach einer Zukunft zu suchen. Als Rednerin reiste sie zu zahlreichen GIDA-Kundgebungen und wurde für ihre Tiraden gegen den Islam, gegen linke Gutmenschen, gegen “Volksverräter” und “Lügenpresse” umjubelt. Nun hat sie sich von Lutz Bachmann überzeugen lassen, im Namen von PEGIDA für das Amt des Oberbürgermeisters in Dresden zu kandidieren. Bachmann hat auf diese Weise geschickt eine Möglichkeit gefunden, die erwartbare Niederlage auf jemand anderen abzuwälzen. Frau Festerling, im Moment besoffen von ihrem frischen Ruhm, lässt sich das noch blendendere Scheinwerferlicht gefallen.

Frau Festerling mag nicht nur Hooligans und Lutz Bachmann. Ihre auffälligste Leidenschaft ist überhaupt ein starkes Verlangen nach dummen, brutalen Männern. Sie mag es nach eigener Aussage, wenn Männer machen, “was Männer gern tun”. Wahre Männer sind für sie also offenbar solche, die pöbeln, lügen, hetzen, prügeln, stehlen, koksen und sich vor Unterhaltspflichten drücken. Sie ist auch persönlich mit Akif Pirinçci befreundet, der seit seinem Buch Deutschland von Sinnen den Fremdenhassern als “nützlicher Idiot” (Jörg Sundermeier) dient: Seht ihr, jetzt sagt’s sogar einer von denen selber! Frau Festerling wiederholt nicht nur Pirinçcis Hetze, sondern ahmt auch dessen Stillosigkeit nach. Sie hat damit allerdings einen Fehler begangen: Denn die durchaus intelligente und vergleichsweise eloquente Frau hat damit jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit bereits verspielt. Sie hätte eine führende Stimme im seriösen Teil der neurechten Bewegung werden können. Stattdessen pöbelt sie jetzt gegen “linksversiffte” Gutmenschen, nennt einen Gegner “linke Filzlaus”, spricht vom “linksgrünen Mist”, erzählt von einem bayrischen “Pfaffen”, der angeblich für Asylbewerber “eine Runde Nutten spendieren” will, bezeichnet Moslems als “Surensöhne”, fantasiert von grünem “Rudelfick” in der Schule und so weiter und so fort. Lutz Bachmann und dessen verbliebener Anhängerschaft, einer Melange aus Nazis und völlig verrohten sächsischen Wutbürgern, gefallen solche Sprüche. Anständigen Menschen gefällt so etwas nicht.

Vielleicht gibt es Leser, die Bedenken dagegen haben, dass ich auch über die Persönlichkeit von Frau Festerling spreche und nicht nur über ihre politischen Ansichten? Nun, ich glaube, immer noch weit rücksichtsvoller zu sein als Frau Festerling selbst, die sich beispielsweise nicht schämt, Folgendes über Barack Obama zu schreiben:

Der kleine Hussein Obama wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, die sich mit Nacktaufnahmen über Wasser hielt. Der kenianische Vater hat sich nie gekümmert und soll ein schwieriger Charakter, ein Filou und später ein Trinker gewesen sein. Das klingt nicht nach intaktem Familienleben, eher nach ausgebliebener narzisstischer Sättigung in der Kindheit, die der Präsident jetzt u.a. über großmannsüchtige Politik zu kompensieren sucht.

Frau Festerling ist – so wie der ähnlich veranlagte Dr. Thomas Hartung – Beispiel für eine besondere Gruppe von neurechten Menschenfeinden. Sie sind durchaus intelligent, wenngleich charakterlich stark beschädigt, leben aber in einer geschlossenen Wahnwelt. Wenn ich von Wahn rede, dann möchte ich Frau Festerling nicht als geisteskrank diskreditieren. Ich verstehe unter Wahn eine verzerrte Weltanschauung, die sich durch Vorurteile und Verschwörungsdenken gegen alle widersprechenden Fakten und Meinungen abschottet, die alle Kritiker als verlogene, bezahlte und bösartige Feinde abtut. Frau Festerling selbst ist es, die in ihrem Wahn immer wieder Geisteskrankheiten bei ihren Gegnern diagnostiziert, den Linken “Nazi-Paranoia” zuschreibt, alle Politiker als “narzisstische Psychopathen” bezeichnet, ja in ganz Deutschland eine “Freiluftpsychiatrie” sieht. Man ist versucht, eine der psychologischen Thesen von Tatjana Festerling zur Erklärung ihres eigenen Wahns zu verwenden:

Haben wir es hier etwa mit einem klassischen Fall von Projektion zu tun, also dem psychischen Abwehrmechanismus, bei dem man die eigenen, miesen, bösen Anteile, die man bei sich selber so gar nicht akzeptieren kann, stattdessen in verstärkter Form dem Gegenüber in die Schuhe schiebt?

In der Tat, ich glaube fast, in der Person von Tatjana Festerling könnten wir einen solchen Fall von Projektion vor uns haben. Wir erfahren von ihr, die Anhänger von PEGIDA hätten “den Anstand” und “die Aufrichtigkeit” auf ihrer Seite. Es handle sich ausschließlich um “freiheitsliebende, lebenswillige, und vor allem verantwortungsbewusste Menschen”. Bei den Gegnern von PEGIDA hingegen sieht sie “neue Herrenmenschen”, die ihrer Ansicht nach “nicht einmal vor Terroranschlägen zurückschrecken”, “nicht zu argumentativen Auseinandersetzungen fähig” sind und “die Drecksarbeit für die herrschende Klasse” erledigen. Das ist tatsächlich exakt die Wahrheit, nur eben als seitenverkehrt projizierter Irrtum.

Es gibt einen Vorwurf, auf den Tatjana Festerling empfindlich reagiert, nämlich die “Nazi- und Rassismuskeule”. Sie möchte bei aller verbalen Härte doch auch gern als normaler Mensch gesehen werden:

Ich bin berufstätige Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Ultramarathonläuferin, mit Coaching- und Yoga-Ausbildung, weit gereist und freiheitsliebend. Viele mehrmonatige Auslandsaufenthalte und internationale Freundschaften prägen meinen Erfahrungsschatz. Ich erkläre mich uneingeschränkt solidarisch mit Israel. Niemals hatte ich mit Nazis und Rechtsextremen zu tun – ich lehne diese zutiefst ab.

Ihr Schlachtruf lautet: “Wir sind keine Nazis, wir denken nicht an Nazis!” Natürlich: Wer noch nie über Rassismus nachgedacht hat, kann natürlich kein Rassist sein. Aber wir wollen fair sein: Ich finde in Tatjana Festerlings Äußerungen, soweit sie mir bekannt sind, keinen Hinweis darauf, dass es sich bei ihr um eine Nationalsozialistin oder eine Judenhasserin handeln würde. Das Problem aber ist: Tatjana Festerling übernimmt – wie viele ihrer neurechten Mitstreiter – die Denkformen des klassischen Antisemitismus für ihre Hasspropaganda gegen den Islam und die Linken. Nur mal nebenbei bemerkt: Für die guten alten Antisemiten gab es den Gegensatz von Islam- und Judenhass gar nicht, weil sie locker Araber und Juden zusammen der minderwertigen semitischen Rasse zuordnen konnten. So schrieb etwa Houston Stewart Chamberlain, einer der wichtigsten Ideengeber Hitlers:

Mit den Arabern, die unsere Existenz lange arg bedrohten, sind wir bis heute noch nicht fertig geworden, und ihre Schöpfung, der Mohammedanismus, bildet ein Hindernis, wie kein zweites, für jeden Fortschritt der Civilisation und hängt in Europa, Asien und Afrika als Damoklesschwert über unserer mühsam aufstrebenden Kultur; in den Juden haben wir eine andere und nicht minder bedrohliche Abart des überall das Edle und Produktive zerfressenden Giftes zu erblicken.

Tatjana Festerling will nicht nur – wie es jeder vernünftige Mensch tut – den militanten Islamismus bekämpfen, sie sieht den Islam überhaupt als Bedrohung. Wie für den Antisemiten im Juden, verkörpert sich für sie im gläubigen Muslim das Böse schlechthin. Es ist konsequent, wenn sie sagt: “Deshalb ist es völliger Stuss zu fabulieren, dass dieser Graben durch Integration überbrückt werden könnte.” Muss man nicht von antiislamischem Wahn sprechen, wenn Festerlings erste Frage nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs in den Alpen gewesen ist: “War der Co-Pilot Muslim – ja oder nein?” Irgendwo im Internet findet sich gewiss der Beweis dafür, dass er einer war. Der größte Alptraum der Nazis waren Juden, die arische Frauen zur “Rassenschande” verführten. Frau Festerling sieht in muslimischen und afrikanischen Flüchtlingen pauschal “Männer, die ein Problem sind, weil sie Frauen belästigen und möglicherweise vergewaltigen”.

Wie die Fantasie der klassischen Antisemiten der vielfach benachteiligten jüdischen Minderheit eine dämonische Übermacht zuschrieb, so sieht auch Tatjana Festerling die deutsche Mehrheitsgesellschaft einem “Minderheitenterror” durch die Muslime ausgesetzt. Die “Christenverfolgung” habe in Deutschland schon begonnen. Unterstützt werden die Muslime dabei natürlich von einer mächtigen Verschwörung, einer “Konspiration aus Politik und Medien”. Aus einer relativ einflusslosen Minderheit wird so durch wahnhafte Imagination ein übermächtiger Feind, gegen den jedes Mittel recht ist. Wie die Nationalsozialisten die Deutschen davon überzeugten, sie hätten die Juden viel zu lange zu milde behandelt und seien dadurch ausgenutzt worden, sagt Tatjana Festerling: “Unser Dilemma ist unsere Gutmütigkeit, unser tief verwurzeltes Vertrauen, dass uns niemand etwas Böses will.” Wie treffend ausgedrückt! Die Deutschen, sie sind in der Geschichte immer zu gutmütig gewesen. Die Deutschen, sie sind für Frau Festerling überhaupt “höflich, pflichtbewusst, fleißig, ehrlich, pünktlich, gewissenhaft, treu und romantisch”. Eine schöne deutsche Redewendung kennt die Vorzeigedeutsche offenbar nicht: Eigenlob stinkt.

Der Politologe Prof. Werner Patzelt, der anerkanntermaßen weiseste Mensch unter der Sonne, hat in seinen Beiträgen zu PEGIDA immer wieder darauf hingewiesen, dass es die Linken seien, die das Freund-Feind-Denken in die Debatte eingebracht hätten. Ob er schon einmal die Äußerungen von Tatjana Festerling zur Kenntnis genommen hat? Wahrscheinlich nicht, zumindest spricht er nicht über sie. Vielleicht möchte er nicht in die Verlegenheit kommen, PEGIDA einmal laut und deutlich kritisieren zu müssen. Ja, er hat und findet, die Äußerungen “widersprechen aufs Deutlichste dem, was ich selbst für richtig halte“. Tatjana Festerling geht davon aus, dass Europa sich in einem Krieg befinde, PEGIDA “an der Front” in diesem Kampf stehe, in dem selbst der Humor “eine Waffe” sei. (Diese Waffe ist bei Frau Festerling allerdings nicht geladen.) Sogar eine Schlachttaktik gibt es schon, es ist die der sogenannten Querfront: “Mit PEGIDA ist nun erstmals eine Möglichkeit entstanden, in der eine selbstbewusste Widerstandsbewegung politisch horizontal angreift.”

PEGIDA ist für Tatjana Festerling nicht einfach eine Partei unter anderen, eine Stimme unter vielen in einer pluralen Gesellschaft. Sie erhebt vielmehr einen Alleinvertretungsanspruch: “Wir sind der Souverän! Wir sind das Volk!”, ruft sie ihren jubelnden Anhängern zu. Wir und niemand sonst? Offenbar. Ihre inzwischen berühmte Vision eines neuerlich geteilten Deutschlands beschließt Frau Festerling damit, jenes Lied der deutschen Nationalmannschaft für ihre Zwecke abzuwandeln, das diese nach ihrem – nicht zuletzt von Einwanderern ermöglichten – Sieg bei der Fußball-WM angestimmt hatte: “So gehen die Linken, die Linken, die gehn so … So gehn die Deutschen, die Deutschen gehen so!” Für Frau Festerling sind Linke also keine Deutschen, sie werden nach völkischer Art ausgebürgert. Wenn sich eine politische Bewegung zur alleinigen Stimme der ganzen Volksgemeinschaft ernennt und darüber hinaus die “Politiker aller Parteien” ablösen und allein die Macht übernehmen will, dann verdient eine solche Bewegung den Namen “faschistisch”. Ich glaube fast, da würde mir sogar Prof. Patzelt zustimmen. Ich halte es also mindestens für gerechtfertigt, das Denken von Tatjana Festerling faschistoid zu nennen. Man höre:

Jetzt ist das Maß voll. Die Zeiten ändern sich. Wir lassen uns nicht mehr von Minderheiten terrorisieren. Wir sind uns der Mehrheit, die wir in diesem Land darstellen bewusst. Und euch, Linken und Grünen, werden wir ab jetzt ganz genau auf die Finger schauen. Die Zeiten, in denen ihr die Deutungshoheit für euch beanspruchen und euch in eurer moralischen Überlegenheit sonnen konntet, sind vorbei. Wir sagen euch hier und jetzt den Kampf an!

So wie der Wahn Tatjana Festerling glauben macht, ihre rechte Splittergruppe sei die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, so erkennt sie auch nicht das eigene Denken als faschistoid, sondern glaubt im Gegenteil, einen antifaschistischen Kampf auszufechten: “Ihr verlangt von uns, dass wir offenen Auges auf den Abgrund zurasen, schon wieder, nach 80 Jahren?” 2015 minus 80 gleich 1935. Tatjana Festerling ist es also, die sich gemeinsam mit den Kameraden der NPD gegen einen neuen Hitler stemmt. Man kann den Unfug kaum weiter treiben. Wir haben dieser Frau vielleicht schon zuviel Bedeutung beigemessen, aber in dieser völlig verwirrten und verlotterten Zeit muss man wohl selbst lächerliche Phänomene mit Ernst behandeln.

***

Alle in diesem Beitrag verwendeten Zitate stammen aus öffentlichen Äußerungen von Tatjana Festerling (Dresdner Reden vom 9. Februar, 9. März, 30. März und 6. April 2015, Beitrag für Die Weltwoche, Facebook-Postings). Sie sind inhaltlich unverändert und nirgends sinnentstellend verkürzt. Da aber ganz sicher der öde Vorwurf nicht ausbleiben wird, die Zitate wären ja alle “aus dem Zusammenhang gerissen”, empfehle ich zum Abschluss noch einmal Tatjana Festerlings jetzt schon klassisch zu nennende Vision eines neuerlich getrennten Deutschlands. Dem “grünen Reich” der Gutmenschen und Moslems im Westen stellte sie in einer Rede ein völkisches Ideal-Teutonien im Osten gegenüber. Frau Festerling hat inzwischen erklärt, es habe sich nur um eine satirische Zuspitzung gehandelt. Und natürlich will Frau Festerling nicht wirklich die Mauer wieder aufbauen. Auch sie weiß, dass die Ostzone kein Jahr ohne das Geld überleben könnte, das die Westdeutschen und die in Westdeutschland lebenden Einwanderer erarbeiten. Aber in dieser Rede erscheint bei aller Ironie doch in voller Klarheit die menschenverachtende Weltanschauung und die moralische Verkommenheit von Tatjana Festerling. Wer mit eigenen Ohren den Originalton in Gänze hören möchte, der kann das hier tun: Video von Russia Today.

Michael Bittner

Wie schreibe ich einen Hassbrief? Eine Anleitung

Sie wollen einen Autor wissen lassen, dass Sie ihn und seine Auffassungen hassen und verachten? Sie planen, dem Autor zu diesem Zweck einen Brief zu schicken oder eine Botschaft auf seiner Seite im Internet zu hinterlassen? Sie möchten aber keinesfalls in ein konstruktives Gespräch mit dem Feind eintreten, sondern ihm einfach nur Ihre Meinung geigen? Es ihm mal so richtig zeigen, ihm vielleicht sogar etwas Angst einjagen – natürlich ohne Konsequenzen für Sie selbst? Hier die passenden Tipps für den gekonnten Hassbrief:

1. Schreiben Sie anonym! Wer sich persönlich vorstellt, erweckt gleich zu Beginn einen falschen Anschein von Mitmenschlichkeit. Es fällt ohne Maske auch viel schwerer, zünftig verbal gegen den Feind zu keilen. Noch dazu könnte man Sie für Beleidigungen zur Rechenschaft ziehen – das wäre unangenehm. Verzichten Sie also darauf, Ihren Brief zu unterzeichnen. Legen Sie sich im Netz gegebenenfalls eine falsche Identität zu, Pseudonyme wie Ein normaler Bürger, Volkszorn 88 oder auch Dein Alptraum bieten sich an. Sie lehren den Gegner vielleicht sogar ein bisschen das Gruseln!

2. Verzichten Sie auf jede Form von Höflichkeit! Die üblichen Floskeln des Anstands gaukeln dem feindlichen Autor nur vor, Sie wollten ihm mit Respekt begegnen. Die Benimmregeln, die Ihnen vielleicht von Ihren Eltern beigebracht wurden, müssen Sie vergessen. Im Hassbrief wird natürlich immer geduzt, das “Sie” allenfalls ironisch verwendet, um die Verachtung noch sichtbarer zu machen. Eröffnen Sie Ihren Brief also keinesfalls mit “Sehr geehrte/r Frau/Herr XYZ”, sondern knackig mit einem: “Hallo, Sie Arschloch!” Oder gehen Sie gleich in die Vollen: “Du bist ja wohl bescheuert, oder was?!” Es versteht sich von selbst, dass auch beim Abschied keine “freundlichen Grüße” gefragt sind.

3. Gestehen Sie Ihrem Gegner keine Individualität zu! Das ist zugegebenermaßen eine schwer zu befolgende Regel. Aber auch wenn Sie einen ganz bestimmten Autor aus einem ganz bestimmten Grund hassen, sollten Sie immer versuchen, ihn als bedeutungslosen Teil einer verachtenswerten Gruppe anzusprechen. Die Formel “Leute wie Sie” tut hier Wunder. Ihr Gegner muss als kleines Rädchen im Getriebe des Schweinesystems, als beliebiger Parteigänger, als ahnungsloser Teil einer großen Verschwörung erscheinen. Gehen Sie ruhig immer davon aus, dass Ihr Gegner nicht aus eigenem Antrieb handelt, sondern als “bezahlter Schreiberling” feindlicher Mächte, die ihn kontrollieren.

4. Vermeiden Sie sachliche Argumente! Der Einsatz von Fakten, Quellen und Schlüssen ist außerordentlich gefährlich, denn leicht könnten Sie widerlegt werden. Oft überschätzt man hier seine eigene Stärke. Besser ist es, den Feind ausschließlich persönlich zu attackieren. Hier einige der vielfältigen Möglichkeiten: Hat er sich über einen Prominenten lustig gemacht? Die Antwort ist klar: “Du bist ja bloß neidisch!” Schreibt er ein lesbares Deutsch, benutzt korrekte Zitate oder verweist auf glaubwürdige Quellen? Dann ist er reif für: “Du willst wohl was Besseres sein, du intellektueller Klugscheißer in deinem Elfenbeinturm! Geh erst mal arbeiten!” Hat der feindliche Autor vielleicht durch irgendeinen dummen Zufall viele Leser gefunden? Holen Sie ihn von der Wolke wieder herunter: “Dich liest sowieso kein Schwein! Versteht doch keiner, dein Gelaber!” Eine sehr einfache und doch effektive Form des Streitens ohne Argumente kennen wir zudem schon aus dem Kindergarten. Hat der Feind eine Ihnen liebe Person, Partei oder Weltanschauung angegriffen? Dann plärren Sie ihm einfach ein “Sälba!!!” ins Gesicht. Schrieb er zum Beispiel etwas gegen Intoleranz, dann werfen Sie ihm einfach vor, er sei ja selber intolerant – gegen die Intoleranz!

5. Machen Sie eine Antwort Ihres Gegners unmöglich! Eine kontroverse, sogar eine polemische Diskussion kann trotz aller Widersprüche Spannungen abbauen, Missverständnisse auflösen und die Einsicht auf beiden Seiten vergrößern. Das gilt es zu verhindern! Ihr Hassbrief darf keinesfalls wie eine Einladung zum Gespräch wirken. Machen Sie zunächst Ihr Schreiben durch mangelhafte Rechtschreibung, wüste Grammatik und schlechten Stil nahezu unlesbar. Auf diese Weise zeigen Sie Ihrem Gegner, dass Sie nicht die geringste Mühe auf Ihren Text verschwendet haben. Warum auch? Damit Ihr Gegner Sie verstehen kann? Lächerlich. Auch wenn es schwer fällt: Auf Humor müssen Sie ebenfalls ganz verzichten. Gerade wenn Sie es mit einem witzigen Gegner zu tun haben, ist bitterster Ernst angebracht. Sie wollen sich doch nicht auf das Niveau Ihres Feindes herablassen, oder? Weiterhin ist es wichtig, nicht auf die Argumente der Gegenseite einzugehen. Schütten Sie einfach aus, was Sie schon immer einmal loswerden wollten, zu allen denkbaren Themen, am besten seitenlang, Fakten, Vermutungen und Fantasien bunt durcheinander gemischt. Wenn Ihr Feind auf einen solchen Wust blickt, dann wird ihm mit Sicherheit jede Lust vergehen, etwas zu erwidern. Sollte er sich aber doch erdreisten, Ihnen zu antworten, dann lassen Sie sich auf keinen Dialog ein. Hat er eine Ihrer Behauptungen widerlegt? Ignorieren Sie das einfach, reden Sie weiter, aber über etwas ganz Anderes. Hat er ein Ihnen unangenehmes Zitat präsentiert? Behaupten Sie einfach, es wäre “aus dem Zusammenhang gerissen”. Im allergrößten Notfall gibt es noch eine Geheimwaffe: Werfen Sie dem Feind vor, dass er ja sowieso immer lüge! Mit einem, der im Irrtum ist, kann man sich noch streiten. Mit einem Lügner ist aber jedes Gespräch sinnlos.

6. Die Krönung eines Hassbriefes ist selbstverständlich der Schluss. Hier zeigen echte Meisterhasser ihre Könnerschaft. Alle bisher genannten Maßregeln sollten noch einmal zusammen angewandt werden. Das Ende des Hassbriefes muss unpersönlich, unhöflich, unsachlich und dazu auch noch abschreckend sein. Nichts passt hier besser als eine schön bösartige Drohung. Nicht zu konkret natürlich, sonst gibt es am Ende noch Ärger mit der Polizei! Bewährt haben sich Formeln wie “Eines Tages werden wir Leute wie dich zur Verantwortung ziehen!” Das lässt noch Spielraum für die Fantasie und ist doch deutlich genug.

7. Ein Brief ist kein Brief! Auch der beste Hassbrief gerät schnell in Vergessenheit. Soll aber der Feind zur Ruhe kommen, um sein schändliches Treiben ungehemmt fortzusetzen? Gewiss nicht. Darum bleiben Sie am Ball, auch und gerade, wenn Sie – wie erhofft – keine Antwort erhalten haben! Sie können gewiss sein: Jeder Autor ist eitel und liest alle Briefe, die ihn erreichen, auch wenn er vielleicht das Gegenteil behauptet. Sorgen Sie also mindestens wöchentlich für Nachschub! Der Feind muss Angst davor bekommen, sein Postfach zu öffnen! Besonders wirksam ist es, einmal ein Dutzend Mails im Laufe einer einzigen Nacht zu schicken, jede Nachricht wütender als die vorherige. Und zum Schluss vielleicht dann nur noch ein Satz: “Ich bin auf dem Weg!”

Michael Bittner

Zitat des Monats März

Herr Patzelt, wer so wie Sie fordert, dass immer mehr Ausländer ins Land geholt werden (ich glaube dies bei “Hart aber fair gesehen zu haben) damit quasi das Deutschtum durch Überfremdung ausgelöscht wird, gehört für mich in gar kein Fernsehstudio mehr. Sie sind mit dieser Aussage auf die ganz vorderen Plätze unter den Volksverrätern gerutscht. Und dass Sie mit ihren Einschätzungen über Pegida-Demonstranten ganz falsch liegen, weiß nun wirklich jeder, der nicht wegguckt. Herr Patzelt, gehen Sie in die Produktion. Vielleicht schaffen Sie es ja doch noch, irgendetwas sinnvolles für die Gesellschaft zu erwirken.

(Kommentar auf der Facebook-Seite von Professor Werner Patzelt)

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