Zitat des Monats November

…VOLLSPINNER! Gehören standrechtlich erschossen diese Öko-Terroristen!… allen voran Claudia Fatima Roth!

(Lutz Bachmann, der Führer der anti-rassistischen und pazifistischen PEGIDA-Demonstrationen in Dresden, auf Twitter am 6. September 2013)

Die patriotischen Europäer sprechen

In Dresden demonstriert seit einigen Wochen mit wachsendem Erfolg die Initiative “Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes” (PEGIDA). Da ich bislang nicht vor Ort war, bin ich, um mir ein Urteil zu bilden, auf den Text der Rede angewiesen, die ausweislich der Facebook-Seite der Gruppe am 17.11. gehalten wurde. Der ungenannte Redner kann Interesse beanspruchen, nicht wegen des Inhalts seines Textes, sondern wegen der sprachlichen und intellektuellen Schlichtheit, mit der er die gegenwärtig liebsten Steckenpferde der Neuen Rechten reitet.

Wir ALLE haben in der letzten Woche durch verschiedene Medienberichte erleben dürfen, WIE in unserem Land das Recht auf Meinungsfreiheit respektiert wird…

Nämlich GAR NICHT…!!!

In dem Moment, wo man von der vorgefertigten Meinung abweicht, ist diese Freiheit abgeschafft !!!

Wir haben erleben dürfen, dass WIR ALLE als RECHTE… als NAZIS… als RASSISTEN… beschimpft werden.

Der Redner versäumt es, darzulegen, wann und wo den Patrioten das Rede- oder Demonstrationsrecht verweigert wurde. Es wurde ihnen nämlich tatsächlich gewährt, ja sogar durch den Einsatz der Polizei verschafft. Als Ende der Meinungsfreiheit erscheint ihm vielmehr, dass Patrioten von Gegnern “beschimpft” worden seien. Wie also sähe Meinungsfreiheit nach dem Geschmack der Dresdner Patrioten aus? Sie herrschte in einem Staat, in dem den Gegnern der Patrioten das Maul gestopft wäre. Gegen den Vorwurf, sie seien Rassisten, dürfen sich die angeblich mundtoten Patrioten noch öffentlich verteidigen:

Radikale Islamisten sind keine Rasse, ALSO SIND WIR KEINE RASSISTEN!

Eine Unterscheidung, die durchaus einleuchtet. Sie markiert den Unterschied zwischen völkischen und kulturalistischen Fremdenhassern. Ob allen Demonstranten dieser feine Unterschied beizubringen ist, scheint zweifelhaft. Die Kommentarspalte bei Facebook spricht eher dagegen. Aber ich möchte bewusst nicht auf die Pöbeleien der Fans eingehen, sondern auf die offizielle Verlautbarung.

Wir akzeptieren KEINE HETZE von irgendwelchen Hasspredigern gegen “Ungläubige” oder Andersgläubige unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit!

Wir akzeptieren in Europa keinerlei “Tätigkeiten” von IS, PKK, al Kaida oder wie sie alle heißen!

Die Patrioten, die sich dagegen verwahren, mit Nazis und Rassisten in einen Topf geworfen zu werden, werfen verschiedenste, ja miteinander verfeindete Gruppen in einen Topf. Warum? Weil alle dem Islamismus huldigten? Keineswegs, denn die PKK ist ja eine sozialistische, säkulare Bewegung. Offenbar gehören alle in einen Topf, weil sie alle irgendwie arabisch sind. (Oder kurdisch, aber wen kümmern solche Details.) Und schon ist er wieder da, der gerade erst verabschiedete Rassismus. Er ist eben hartnäckiger als man denkt, besonders wenn er im Kopf viel Platz hat, um sich häuslich einzurichten.

Wir möchten. dass alle Kinder in einem friedlichem und weltoffenem Deutschland und Europa aufwachsen können!

Ich möchte, dass die Deutschfühlenden erst mal Deutsch lernen, bevor sie den Mund aufmachen. Aber das dürfen wir nicht erwarten. Die Patrioten stellen stattdessen acht dringliche Forderungen, so etwa:

6. Bewahrung und Schutz unserer Identität und unserer christlich-jüdischen Abendlandkultur

Was genau an der jahrhundertelangen Unterdrückung und Verfolgung der Juden durch die Christen in Europa sie bewahrenswert finden, verraten die Patrioten leider nicht. Aber bringen wir einfach ein Hoch auf die “Abendlandkultur” aus, deren Religionskriege mehr christliche Brüder unter die Erde gebracht haben, als es der islamistischste Islam je könnte.

8. Es muss für uns wieder normal sein, öffentlich die Liebe zu seinem Vaterland zum Ausdruck zu bringen! Gegen Antipatriotismus!

Man muss auf die Feinheiten achten, auf die der Redner selbst nicht geachtet hat. So kann man die Rede zum Sprechen bringen. Es soll nicht etwa nur erlaubt sein, patriotische Gefühle zu zeigen. (Ist es denn verboten? Aber gut, Schwamm drüber.) Nein, es muss “normal” werden. Sodass jeder, der sich weigert, im patriotischen Schwindel mitzutaumeln, als Anormaler aussortiert werden kann. So richtig neu ist dieser Nationalismus nicht, er sieht sogar ziemlich alt aus.

Liebe Freunde, abermals bitte ich Euch, lasst uns Anknüpfen an die vergangenen Montage und FRIEDLICH, SCHWEIGEND und ANDÄCHTIG durch unsere wundervolle Stadt Dresden ziehen. Wir bitten Euch inständig: Bitte ruft KEINE PAROLEN!! Mahnende Ruhe ist das Gebot der Stunde!

Es ist zu schade: Die Rede ist fast zuende, da entlarvt sich der Redner mit rührender Naivität doch noch selbst. Er, der Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, verbietet seinen eigenen Anhängern das Wort! Verpasst ihnen einen Maulkorb! Warum? Weil er Angst vor dem hat, was sie brüllen könnten. Das wäre – im Gegensatz zu seiner Rede – nämlich vermutlich wirklich die Wahrheit.

WIR SIND STARK, WIR SIND DAS VOLK!!

Das mag sein. Dann habe ich mir nur mal erlaubt, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Der “Tarif-Bär” im Klassenkampf

Jüngst las ich in der Zeitung, eine der letzten Brachen in der Innenstadt von Berlin unweit der ehemaligen Grenze sei nun auch glücklich zugebaut worden. Dort steht jetzt – Überraschung! – ein neues Einkaufszentrum auf jenem Gelände, das vor dem Krieg das legendäre „Wertheim“-Kaufhaus trug. Tausende Kunden stürmten zur Eröffnung das Gebäude und shoppten wie die Bekloppten.

Aber, so las ich weiter, nicht alle waren vollauf begeistert:

Erst seit einer Woche ist das Einkaufszentrum Mall of Berlin an der Leipziger Straße geöffnet, dafür ist dort schon einiges passiert: Zweimal gab’s Feueralarm, und am Mittwoch war ein Bär da. Es war ein “Tarif-Bär”, ein Aktivist der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Kostüm des Berliner Wappentiers.

Und was wollte der Bär? Das neue Riesenkaufhaus steht einige hundert Meter zu weit im Osten, deshalb bekommen die Mitarbeiter weniger Geld als ihre Kollegen ein kleines Stück weiter westlich. Das mag man beklagen. Oder man freut sich gut marxistisch über die historische Dialektik, die darin liegt, dass gerade die Kapitalisten die üble kommunistische Mauer nicht ganz abreißen wollen, jedenfalls nicht im Bereich der Lohnbemessung. Über diese Ungerechtigkeit jedenfalls sollte der Bär die konsumierenden Massen aufklären. Aber was passierte?

Die Resonanz auf den Tarif-Bären sei verhalten ausgefallen, berichtet Verdi. Nur wenige Kunden hätten reagiert.

Wie schade! Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ein Gewerkschaftsfunktionär, vermutlich nicht von der obersten Ebene, verkleidet sich als Werbemaskottchen wie ein unterbezahlter Student, der für ein Fitnessstudio oder eine Pizzeria Passanten anquatschen muss. Und nicht irgendein Kostüm trägt der Gewerkschafter, sondern das des Berliner Bären, im verzweifelten Versuch, die Konsumenten, wenn nicht bei der Solidarität, dann wenigstens beim Lokalpatriotismus zu packen. Aber die Deutschen sind pragmatisch: Sie wollen von Maskottchen Gutscheine oder wenigstens Kugelschreiber geschenkt bekommen, aber keine Probleme. So steht der „Tarif-Bär“ einsam und traurig in der Fußgängerzone, abschussreifer als jeder Problembär der Vergangenheit. Die Bären sind in Deutschland längst ausgestorben und Gewerkschafter, die sich als Bären verkleiden, verdienen das gleiche Schicksal.

Buchtipp: Erich-Mühsam-Lesebuch

Vor einer Weile besuchte ich die Linken Buchtage im Berliner Mehringhof. Gelockt hatte mich die Ankündigung einer Buchpremiere. Das eben im Verbrecher Verlag erschienene Lesebuch Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! sollte vorgestellt werden. Ein Teil des Publikums erwies dem Anarchisten, Dichter und exzessiven Lebenskünstler Erich Mühsam schon dadurch die Ehre, dass munter jede Ordnung ignoriert und weiter fleißig gequascht und gesoffen wurde. Die Protagonisten auf der Bühne ließen sich aber keineswegs beirren. Markus Liske, einer der Herausgeber, las einige Texte und erläuterte das Konzept des Lesebuches: Es enthält nicht nur ausgewählte Gedichte, Glossen und Essays Mühsams, sondern auch Auszüge aus seinen Memoiren Unpolitische Erinnerungen und aus Tagebüchern und Briefen. Alles zusammen ergibt, chronologisch geordnet, nicht nur eine Blütenlese, sondern auch eine kleine Biografie des Dichters. Die zweite Herausgeberin des Bandes ist Manja Präkels, die zugleich als Sängerin mit ihrer Band Der singende Tresen wunderbare Vertonungen von Mühsams Gedichten vortrug.

Markus Liske schreibt in seinem Nachwort, Mühsam gehöre gewiss weder zu den größten deutschen Dichtern noch zu den besten Theoretikern des Anarchismus. Seinen Wert mache vor allem die unvergleichliche Einheit von Persönlichkeit, Leben und Werk aus. In der Tat: In dieser Hinsicht lässt sich Mühsam in der deutschen Literaturgeschichte kaum jemand an die Seite stellen. Sein unbeirrbares Verlagen, die literarische Utopie unmittelbar im Leben zu verwirklichen, war romantisch und politisch zugleich. Als sein Hauptwerk werden deshalb vielleicht auch in nicht ferner Zukunft die sensationellen Tagebücher gelten, die von Chris Hirte und Conrad Piens ebenfalls im Verbrecher Verlag herausgegeben werden, aber auch online schon zugänglich sind. Aber fünfzehn Bände liest man nicht mal nebenbei, weswegen sich das neue Lesebuch als Einstieg für Neugierige sehr empfiehlt.

Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert!Aus jeder Zeile Mühsams spricht seine Integrität, Toleranz und beinahe naive Menschenfreundlichkeit. “Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin”, notierte selbst Ernst Jünger. Alle Lebensabschnitte Mühsams sind im Buch gleichgewichtig vertreten: Kabarettistische Glossen und Trinklieder aus der Vorkriegszeit in der Berliner und Münchner Bohème; Berichte über seine Mitwirkung beim scheiternden Versuch, in Bayern eine Räterepublik zu errichten; Tagebuchblätter aus der darauf folgenden Zeit in Festungshaft; Pamphlete aus der anarchistischen Zeitschrift Fanal, in der er in der späten Weimarer Republik die Fassadendemokratie und die sowjet-marxistische Parodie des Kommunismus gleichermaßen attackierte. Nur mit Mühe liest man schließlich die Berichte seiner Frau Zenzl, die erzählt, wie Mühsam in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten buchstäblich zu Tode gefoltert wurde.

Die Lektüre dieser Texte ist keineswegs nur etwas für sentimentale Freunde linker Historie. Mühsam schreibt – in Lyrik wie in Prosa – einen klaren und witzigen, an Heinrich Heine geschulten Stil. Sein alkoholfreies Trinklied namens Der Gesang der Vegetarier kann man noch immer gut an Freunde der Gesinnungsethik schicken, um sie zu ärgern. Seine Betrachtungen zur Stimmzettelbeerdigung in Urnen unter dem Titel Zur Naturgeschichte des Wählers sind gerade heute wieder äußerst lesenswert. Gleiches gilt für sein unsterbliches Porträt des ewigen Sozialdemokraten: Der Revoluzzer. Nichts ist leichter als der Einwurf, wie diese utopische Anarchie denn bitte funktionieren solle. Unsere Gesellschaft funktioniert allerdings reibungslos. Erich Mühsam repräsentiert eine Radikalität im Denken und im Leben, die befreiend schon wirkt, wenn man nur von ihr liest.

Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch. Hg. von Markus Liske und Manja Präkels. Berlin: Verbrecher Verlag, 2014, 352 Seiten, 16 Euro

Aus meiner Fanpost (5)

Zu meiner Dokumentation Eine Alternative für Sachsen erreicht mich Post von den Alternativen selbst:

Dr. Hans Thomas Tillschneider: Schmähschriften sind ein riskantes Genre. Leicht sagen sie sehr viel mehr Nachteiliges über ihren Autor als über den, der getroffen werden soll. Diese unfreiwilligen Selbstbespiegelungen, diesen peinlichen Bumerangeffekt zu vermeiden gelingt nur echten Meistern. Michael Bittner gehört nicht dazu. Das zumindest hat er mit seinem neusten Text über unser Programm effektvoll unter Beweis gestellt. Wir erfahren dort, dass Bittner Kinderreichtum für eine „persönliche Macke“ hält (!), Feminismus und Genderideologie nicht auseinander halten kann und es für ihn der Gipfel der Komik ist, dass Pflanzen Kohlendioxid zum Wachsen brauchen. Ansonsten lässt er die Hosen an. Gott sei’s gedankt! Wenigstens hat er erkannt und stimmt uns darin zu, dass nationale Identität die Voraussetzung der Demokratie ist. Und damit ist alles gesagt.

PS (von Dr. Thomas Hartung): M. Bittner entpuppt sich als dumpfer Kleingeist, der alles, was über seinen konkreten Horizont hinausweist, weder wahrnehmen will noch verarbeiten kann. Wer nicht erkennt, dass bspw. der antithetische Präambel-Abschnitt zu Waschanlagen und Lehrern darauf zielt, die FDP-Politik als Scheinpolitik mit falschen Prioritäten zu entlarven, ist entweder selbst FDP-Mitglied/ Sympathisant oder in Molwanien zur Schule gegangen – über den Ort des Germanistikstudiums will ich gleich gar nicht mutmaßen.

Ach, schade: Die zwei Doktoren wollten Rache ist Blutwurst spielen, aber heraus kam nur beleidigte Leberwurst. Da will einer den Spieß herumdrehen, schneidet sich aber leider wieder ins eigene Fleisch, weil er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Das nennt man Bumerangeffekt! Jeder Unbefangene kann deutlich lesen, dass ich nicht Kinderreichtum, sondern Bevölkerungspolitik für eine Macke halte. Jeder geistig nicht völlig Verbohrte weiß, dass Gender Studies keine Genderideologie sind, sondern ein Studienfach. Akademische Disziplinen aber schließen zu wollen, die einem nicht passen, da ist die AfD ganz auf der Linie der SED. Ein Ruhmesblatt für den Akademiker Dr. Tillschneider! Dass er Ironie weder versteht noch zu gebrauchen weiß, sei ihm gegönnt. Na, und Dr. Hartung, seien Sie mal bitte nicht so streng! Ich bedaure, dass ich über Ihre Provinzquerelen mit der FDP nicht genau informiert bin. Aber Sie schreiben doch selbst über Blogs: “Recherche darf in gewissem Maße substituiert werden durch Subjektivität.”

Eine Alternative für Sachsen

Es hat lange gedauert, bis der sächsische Landesverband der Alternative für Deutschland sein Programm für die Landtagswahl vollständig ins Netz gestellt hat. Nach der ersten Lektüre erscheint dieses Zögern unverständlich: Das Wahlprogramm ist eine humoristische Großtat. Weil nur wenige Sachsen die Zeit finden werden, sich den ganzen Text durchzulesen, möchte ich an dieser Stelle eine kommentierte Blütenlese präsentieren.

Besonderes Augenmerk verdient die Sprache des Manifestes. Beklagt doch die sächsische AfD selbst einen Sprachverfall und fordert pädagogische Gegenwehr:

Deutschland ist das Land in Europa, das die wenigsten Unterrichtsstunden für die eigene Muttersprache einplant. In Sachsen sind mindestens so viele Wochenstunden für die deutsche Orthographie, Grammatik und für den guten Ausdruck wie für die 1. Fremdsprache oder Mathematik vorzusehen. Der Literaturunterricht kommt extra hinzu.

In diesen Stunden wird man dann wohl auch erfahren, seit wann “extra” ein deutsches Wort ist. Man gewinnt bei der Lektüre des Programms den Eindruck, dass die Verfasser unter dem schlechten Deutschunterricht der Vergangenheit am schwersten gelitten haben. Es seien nur einige Perlen ausgewählt. Über die DDR-Bürger von 1989 heißt es:

Sie standen dagegen auf, keine Hochschule besuchen zu dürfen, nur weil sie am falschen Glauben festhielten oder die Einheitspartei kritisierten.

Die DDR-Bürger hatten also den falschen, nicht etwa den richtigen Glauben und machten darum Revolution. Andernorts fordert die AfD eine

Schwangerschaftskonfliktberatung, die sich vordergründig dem Lebensschutz verpflichtet fühlt

Vordergründig: nur dem Anschein nach also und nicht tatsächlich. Wieso tritt die AfD so vehement für Abtreibungen ein? Gelegentlich kocht der Furor des Manifestes so über, dass noch die letzten Spuren von Logik verdampfen:

Wenn es ein Land wichtiger findet, dass man sonntags an privaten Tankstellen sein Auto waschen kann statt wochentags in staatlichen Schulen genug Lehrer zu haben, muss dieses Land verändert werden.

Würde sonntags keiner mehr sein Auto waschen, wäre das Problem des Lehrermangels also gelöst.

Doch nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich gleicht das sächsische Programm dieser angeblich so akademischen und bürgerlichen Protestpartei dem Wutausbruch einer Runde von Stammtischbrüdern. Die Alternative für Deutschland behauptet gern, jenseits des Spektrums der etablierten Parteien zu stehen. Tatsächlich rührt sie die dümmsten Ideen aller anderen Fraktionen zu einem populistischen Brei zusammen. Widersprüche nimmt sie in Kauf, denn alle Frustrierten von links bis rechts sollen angesprochen werden. So geht es gegen “den überkommenen Sozialismus” und zugleich “gegen einen enthemmten Neokapitalismus”. Beinharter Neoliberalismus steht direkt neben DDR-Nostalgie und nationalistischem Dünkel. Die Alternative für Deutschland weist den Weg auf einen dritten Weg für Dummköpfe: soziale Wohltaten und keine neuen Schulden, niedrigere Steuern und mehr Geld für Polizei und Schulen, Freihandel in Europa und deutsche Selbstbestimmung. Mit diesem illusorischen Unfug unterscheidet sie sich freilich überhaupt nicht von den anderen Parteien. Um das Herz des kleinen Mannes zu erobern, muss daher schließlich doch das Ressentiment herhalten. Erst einmal gegen die Muselmanen:

Wir bekennen uns zur Religionsfreiheit und lehnen Moscheebauten nicht prinzipiell ab. Allerdings ist die freie Religionsausübung für Muslime in Sachsen auch ohne Großmoschee gewährleistet.

Religionsfreiheit ja – aber die Sachsen sollen im Einzelfall darüber abstimmen, ob sie auch gewährt wird. Die bekannte Liberalität der Sachsen gewährleistet ja schon, dass da nichts schief gehen kann:

Gebraucht werden keine an die sächsische Bevölkerung gerichteten Kampagnen für Weltoffenheit oder gar Antidiskriminierungsschulungen, sondern eine an die Einwanderer gerichtete aktivierende Integrationspolitik.

Die Ausländer, die manchmal nachts in die Fäuste von jungen Sachsen laufen, haben sich eben noch nicht aktiv genug integriert. Nationale Identität ist überhaupt die Voraussetzung der Demokratie:

Wer sich mit dem Land, in dem er lebt, nicht identifizieren will und kann, neigt zu Extremismen.

Um sich vorbehaltlos mit Deutschland identifizieren zu können, muss man allerdings historischen Ballast abwerfen:

Schul- und insbesondere Geschichtsunterricht soll nicht nur ein vertieftes Verständnis für das historische Gewordensein der eigenen Nationalidentität, sondern auch ein positives Identitätsgefühl vermitteln. Wir wollen einen deutlichen Schwerpunkt auf das 19. Jahrhundert und die Befreiungskriege gesetzt wissen.

Ist im 20. Jahrhundert etwa irgendwas vorgefallen, das ein positives Identitätsgefühl stören könnte?

Viele Programmpunkte entspringen offenkundig den persönlichen Macken von bestimmten Aktivisten. So war es gewiss die von der Idee einer neuen “Bevölkerungspolitik” besessene Parteisprecherin Frauke Petry, die das Ziel ins Programm hievte,

die Geburtenrate zu erhöhen.

Denn ohne deutschen Nachwuchs nützt die identischste Identität nichts. Dem Zuchtprogramm der vierfachen Mutter und Pfarrersgattin widerspricht der Kampf

Gegen eine Früh- und Hypersexualisierung in Kindergarten und Schule

nicht, da der sich hauptsächlich gegen die Homos richtet. Um die Gebärfreude der deutschen Weiber zu erhöhen, muss allerdings auch der Feminismus zurückgedrängt werden. Und so verlangt denn die Alternative für Deutschland, der Denkverbote bekanntlich ein Greuel sind:

Wir fordern ideologiefreie Hochschulen und Universitäten. Deshalb ist die Förderung der sogenannten Gender Studies sofort einzustellen.

Ideologie, das ist immer die Meinung der anderen.

Den Gipfel der Komik erreicht das Programm der sächsischen AfD schließlich im Bereich der Klimapolitik. Die junge Partei verfügt hier über die exklusive Einsicht, dass das ganze Gerede von der Erderwärmung auf

frei erfundenen und längst widerlegten Klimaprognosen

beruhe. Man mache sich doch bitte über den CO2-Ausstoß keine Sorgen:

Kohlendioxid ist für das Pflanzenwachstum notwendig.

Die Alternative für Deutschland wird am 31. August in den sächsischen Landtag einziehen. Der Erfolg der AfD wird die NPD ihre Mandate kosten. Es ist ein schwacher Trost.

Der Ruf in der Wüste. Zum neuen “Sozialwort” der Kirchen

Selten hört man davon, dass der Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter sich mit einem Beitrag zur Quantenphysik zu Wort meldete. Ebenso ungewöhnlich wäre es, wenn die Gewerkschaft der Polizei eine Stellungnahme zur Verbesserung der Hygiene in deutschen Krankenhäusern abgäbe. Nur die Kirchen leiten aus ihrem göttlichen Auftrag auch das Recht und die Pflicht ab, sich ungefragt zu allen Fragen zu äußern, die sie nichts angehen und von denen sie nichts verstehen. Statt beim lieben Gott ein gutes Wort für uns schlimme Sünder einzulegen, haben der Rat der Evangelischen Kirche und die katholische Deutsche Bischofskonferenz zusammen einen „Impulstext“ mit dem Titel „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ fabriziert. Da der Glaube ans Jenseits aus der Mode kommt, müssen die Kirchen sich offenbar neue Beschäftigungsfelder suchen, um den Kontakt zu ihren zahlenden Kunden nicht zu verlieren. Das neue „Sozialwort“ mag wirkungslos verhallen, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einige Theologen hat es seinen Zweck schon erfüllt.

Was kann uns die Bibel über unsere gesellschaftlichen Probleme lehren? Vermutlich wenig. Denn dieses Buch wurde geschrieben, lange bevor unsere Gesellschaft überhaupt existierte. Ein paar Zitate aus der Heiligen Schrift am Anfang des Kirchenwortes sind denn auch nicht mehr als Schmuck. Im Rest des Textes greifen die Autoren auf den politischen Jargon zurück. Und sie tun dies bravourös: Keine Phrase fehlt. Die „Kultur der Verantwortung“ hat ihren Auftritt wie die „Konsolidierung der öffentlichen Haushalte“. Denn es gilt: „Bildungspolitik ist vorsorgende Sozialpolitik.“ Der Leser fiebert mit, wenn die „kapitalgedeckte Säule“ den Kampf gegen „Versorgungslücken durch Pflegezeiten“ aufnimmt. Der ganze Text ginge als Verlautbarung der Großen Koalition durch, der nun offenbar auch die christlichen Kirchen beigetreten sind. Die analytische Schärfe des Papiers beeindruckt dabei durchweg: Wer hätte etwa gedacht, dass Armut „finanzielle Probleme zur Folge“ haben könnte?

Ein passenderer Titel für das Sozialwort der Kirchen gewesen wäre: „Sowohl als auch. Das Unversöhnliche versöhnen – um des lieben Friedens willen!“ Nirgends existieren Widersprüche, bloß das „Gleichgewicht“ ist hier und da verloren gegangen. Man höre: „Bei aller positiven Bedeutung der Finanzmärkte, die die Entwicklung vieler Länder erst ermöglichen, ist aber durch ihre gegenwärtige Funktionsweise die Welt nicht nur nicht sicherer, sondern im Gegenteil fragiler geworden.“ Die positive Bedeutung der Finanzmärkte besteht offenbar darin, dass sie die Welt unsicherer machen. Andernorts liest man: „In ökologischer Hinsicht ist die Belastbarkeitsgrenze unseres Planeten erreicht.“ Das hindert die Theologen aber nicht daran, zugleich nach „Wachstum“ zu rufen. Die Kirchen möchten ökonomische Expansion, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit miteinander vereinen. Das aber ist nicht die „konfliktreiche Zielpluralität der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft“, sondern etwas viel Schlichteres: ein Unding. Bei der Verwirklichung des Unmöglichen wird freilich Deutschland vorangehen, damit am deutschen Wesen wieder einmal die Welt genese: „Wenn Deutschland dabei ein wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstandort bleibt und das deutsche Sozialmodell allgemeinen Wohlstands nachhaltig gestaltet werden kann, kann die Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zu einem Vorbild und Modell für andere Staaten werden.“

Es soll, so munkelt man, in finsterer Vergangenheit auch einmal so etwas wie christliche Sozialisten gegeben haben. Sie wurden aber nach ihrem ruhmlosen Tod außerhalb der Friedhofmauern bestattet. Zur Marktwirtschaft, die nicht bei ihrem Namen Kapitalismus genannt wird, gibt es nach Ansicht der Kirchen „keine überzeugende Alternative“. So bleibt nach intellektueller Selbstverstümmelung nur die triste Routine, am Bestehenden zu mäkeln, ohne eine andere Welt auch nur denken zu können. Dass es in einer Gesellschaft Arme und Reiche gibt, ist für die Kirchen selbstverständlich. „Wer in Deutschland arm ist, bleibt allzu oft arm.“ Wenn es ein bisschen seltener geschähe, wäre die Sache also wohl in Ordnung. Ausdrücklich belobigt wird denn auch die Methode des Peter Hartz, „durch kürzere Bezugsdauern und die Senkung der Zumutbarkeitsgrenzen den Druck zu erhöhen, eine Beschäftigung aufzunehmen“. Denn: „Partizipation am Arbeitsmarkt und Teilhabe an der Erwerbsarbeit sind wesentlicher Ausdruck gesellschaftlicher Inklusion.“ In der Tat: Wie ausgeschlossen fühlte sich die Putzfrau bei der Deutschen Bank, wenn sie nicht mehr die Schüsseln scheuern dürfte, in denen die Manager ihre Geschäfte erledigt haben. Die Theologen setzen sich sogar den alten liberalen Hut von der „Chancengerechtigkeit“ auf, welche die „Verteilungsgerechtigkeit“ ersetzen müsse. Bekanntlich verteilte ja auch Jesus Brot und Fisch nicht einfach wahllos unter den Bedürftigen, sondern organisierte einen fairen Wettbewerb und belohnte dann den Sieger.

Kein Elend bringt die Überzeugung der Theologen zum Wanken, „das moralisch Richtige“ sei „zugleich das volkswirtschaftlich Effiziente“. Dass die Moral gegen die Ökonomie durchzusetzen wäre, ist für die deutschen Wohlstandschristen undenkbar geworden. Stattdessen behelfen sie sich mit Beschwörungsformeln: „Die Aufgabe der Wirtschaft sollte es sein, in bestmöglicher Weise die materiellen Grundlagen für ein gutes, selbstbestimmtes Leben aller zur Verfügung zu stellen.“ Wenn sich die Wirtschaft doch nur ihrer Pflicht bewusst würde! „Wirtschaftliche Aktivitäten stellen keinen Selbstzweck dar und sind nie nur eigennutzorientiert zu betrachten.“ Wenn sich die Wölfe doch nur die Zähne ziehen ließen! „Insbesondere die Finanzmärkte müssen sich wieder in Richtung einer dienenden Rolle wandeln.“ Wenn doch die Herrschenden sich nur auf ihre dienende Rolle besännen!

Die sonntägliche Predigt ist beendet, die Herrschaften erheben sich von den Kirchenbänken. Am Ausgang schütteln sie dem Herrn Pfarrer noch einmal die Hand, bevor sie sich milde lächelnd ans Steuer ihres Wagens setzen. Am Montag beginnt wieder das wirkliche Leben.

Sächsische Protestkultur

Ich warte auf die Straßenbahn. Auf dem Dresdner Theaterplatz (vormals Adolf-Hitler-Platz) steht am Straßenrand ein Häuflein bläulicher Demonstranten. Still halten sie Pappschilder in die Höhe und verteilen Handzettel an Passanten. Vor der Semperoper gegenüber sind Absperrungen, Stände und Scheinwerfer aufgebaut, in wenigen Stunden beginnt der Semperopernball. Auf den Schildern der Demonstranten steht “Liebe Dresdner, viel Freude beim Semperopernball!” und “Kein Orden für Barroso!” und “Alternative für Deutschland”. Ein älterer Herr spricht die Wartenden an der Haltestelle der Straßenbahn an: “Kennen Sie den Barroso? Den von der EU? Der soll hier heute einen Orden verliehen bekommen! Was hat denn dieser Barroso für Sachsen getan?!” Einige Menschen lassen sich Zettel in die Hand drücken, andere nicht. Der ältere Herr redet drei Polizisten an, die nebenan postiert sind: “Kennen Sie den Barroso? Was hat denn dieser Barroso für Sachsen getan? Wollen Sie auch ein Flugblatt?” – “Nee, danke!”, antwortet lächelnd einer der Polizisten und schüttelt den Kopf. “Bei so einer Demonstration, da müssen wir ein bissel politisch neutral bleiben.” – “Ja, klar, ganz neutral, was?”, sagt der Alte. Alle lachen. Die Straßenbahn hält.

Frau Schwarzer erklärt sich

Es gibt viele Menschen, die halten Alice Schwarzer für eine wichtige Stimme des Feminismus. Es gibt andere, die halten sie für eine unerträglich eitle und egoistische Selbstvermarkterin, für eine intellektuelle Dünnbrettbohrerin und schlechte Schriftstellerin, für eine Frau, die sich für persönliche Hetzkampagnen der Bild-Zeitung bedient und sich zu Werbezwecken von der Bild-Zeitung benutzen lässt. Für eine Person mit krimineller Energie hielt sie bislang aber niemand – offenbar zu Unrecht. Ihren Steuerbetrug mag man Alice Schwarzer aber noch verzeihen, unverzeihlich hingegen ist ihre Erklärung:

In eigener Sache

Diese Überschrift könnten eigentlich alle Artikel und Bücher von Alice Schwarzer tragen, auch ihre Autobiografie wäre mit diesem Titel ehrlich getauft gewesen. In ihrem ganzen Leben ging es ihr vor allem um eines: sich selbst.

Ja, ich hatte ein Konto in der Schweiz. Seit Jahrzehnten, genauer: seit den 1980er Jahren. Und erst im vergangenen Jahr habe ich es bei meinem Finanzamt angezeigt. Ich habe die Steuer für die Zinsen nachgezahlt und das Konto aufgelöst. Das Konto war ein Fehler. Den bedauere ich von ganzem Herzen.

Man glaubt doch wirklich, Uli Hoeneß reden zu hören. Immer machen die Steuerbetrüger nur “Fehler”, nie begehen sie Straftaten. Sie möchten bedauert, nicht verurteilt werden. Und bedauern selbst am meisten, erwischt worden zu sein.

Inzwischen ist alles legal. Ich gehöre nicht zu den tausenden, die Schwarzgeld in der Schweiz haben, das bis heute nicht versteuert ist. Meine Steuern sind gezahlt.

Ja, seit einem Jahr!

Also gilt für mich das Recht auf Privatsphäre und das Steuergeheimnis. Das schützt zehntausende von Deutschen, die, wie ich, unaufgefordert die Initiative ergriffen haben, ihr Konto in der Schweiz zu legalisieren. Und es schützt auch die “Dutzenden von Prominenten”, von denen Experten zu berichten wissen. Über keinen von ihnen ist bisher geschrieben worden, obwohl “spektakuläre Namen” dabei sein sollen. Aber das gilt anscheinend nicht für mich.

So kämpft die Frau, die einstmals als Ikone der Linken galt, nicht etwa gegen das skandalöse Privileg von wohlhabenden Steuerhinterziehern, sich bei drohender Entdeckung freizukaufen – und dabei auch noch anonym zu bleiben. Nein, sie beansprucht dieses Privileg auch für sich als gutes Recht!

Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ich war nachlässig. Aber ich habe den Fehler wieder gutgemacht. Ich habe für die letzten zehn Jahre gesamt rund 200.000 € Steuern nachgezahlt, plus Säumniszinsen. Der Fall ist damit auch aus Sicht der Steuerbehörde bereinigt. Mit welchem Recht also jetzt diese Denunzierung?

Mit dem Recht, mit dem die Gerechtigkeit sich ab und zu über falsche Gesetze hinwegsetzen darf. Ein Hoch auf den tapferen Finanzbeamten, der sich den Spaß erlaubte, uns über den Charakter von Alice Schwarzer weiter aufzuklären!

In meinem Fall wurde die Information von einem Informanten aus der Schweiz, wie es heißt, gleich mehreren Redaktionen gesteckt, nacheinander – damit es einer sicher bringt. Mehrere Medien hatten sich entschlossen, aus rechtlichen wie ethischen Bedenken, von einer Veröffentlichung Abstand zu nehmen. Der Spiegel allerdings mochte der Versuchung nicht widerstehen. Er pfeift darauf, dass er damit illegal handelt. Darum werde ich jetzt selber etwas dazu sagen.

Illegal handelt also nicht die, die illegal handelt, sondern der, der uns über das illegale Handeln aufklärt. Ganz klar: Frau Schwarzer ist weiblich und Der Spiegel ist männlich. Damit ergibt sich ja von selbst, wer hier Opfer und wer Täter ist.

Rufschädigung? Klar. Zu viele haben in meinem Fall ein Interesse daran. Ein politisches Interesse. Und ich frage mich, ob es ein Zufall ist, dass manche bei ihrer Berichterstattung über mich gerade jetzt auf Recht und Gesetz pfeifen? Jetzt mitten in der von EMMA angezettelten Kampagne gegen Prostitution, wo es um Milliarden-Profite geht. Bei der Jahrzehnte währenden Kritik von EMMA am Ehegattensplitting, mit dem Vater Staat die Hausfrauenehe mit Milliarden subventioniert. Oder auch nach so scharfen öffentlichen Kontroversen, wie im Fall Kachelmann.

Es ist ja ganz klar: Eine gewaltige Verschwörung ist da im Gange! Deutsche Puffbesitzer und deutsche Ehemänner, sie haben sich vereinigt, um eine tapfere Frau mundtot zu machen. Und wer hat diese Intrige eingefädelt? Na klar, der Kachelmann! Denn der ist: Schweizer! Na, klingelt’s?!

Doch so ein Schritt ist auch ein Dammbruch für die Medien. Mit einem Präzedenzfall Schwarzer wird in Sachen Persönlichkeitsschutz die eh schon tiefe Latte noch niedriger gehängt. Illegal? Persönlichkeitsverletzung? Na und!

Die tiefe Latte, Leute! Merkt ihr’s nicht: Hier ist die Phallokratie am Werke!

Ein Wort noch zu meinen Gründen für dieses Konto: Ich habe in Deutschland versteuerte Einnahmen darauf eingezahlt in einer Zeit, in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, dass ich ernsthaft dachte: Vielleicht muss ich ins Ausland gehen.

Bin ich der Einzige, der hier die Hühner lachen hört und gleichzeitig weinen muss? Alice Schwarzer – verfolgt in der BRD der achtziger Jahre.

So denke ich schon länger nicht mehr. Mein Konto hat sich in diesen Jahrzehnten durch Zinsen und Zinseszinsen vervielfacht, denn in all der Zeit habe ich nie einen Cent von dem Konto abgehoben. Es war einfach da. Zu meiner Beruhigung.

Ja, Geld beruhigt ungemein. Es ist so schön, wenn es einfach da ist.

Selbstverständlich hätte ich das Schweizer Konto dennoch von Anfang an beim deutschen Finanzamt angeben müssen, um die Zinsen zu versteuern. Doch ganz ehrlich: Auch mein persönliches Unrechtsbewusstsein hat sich an dem Punkt erst in den letzten Jahren geschärft.

Ja, das Unrechtsbewusstsein von Kriminellen schärft sich immer dann, wenn die Gefahr wächst, geschnappt zu werden.

Es gibt Fehler, die kann man nicht wieder gutmachen. Zum Beispiel Rufmord. Steuerfehler aber, wie ich einen gemacht habe, kann man wieder gutmachen (Und das sieht auch das Gesetz ausdrücklich so vor). Und genau das habe ich getan.

In der Tat: Ein Rufmord wie jener, den Alice Schwarzer an Jörg Kachelmann verübte, lässt sich nicht wieder gutmachen. Dagegen lässt sich eine Steuerschuld tilgen. Der Rufselbstmord, den Frau Schwarzer mit dieser Erklärung verübte, wird hoffentlich nicht mehr zu tilgen sein.

Ein Brandbrief

Seit Émile Zola dem Präsidenten der französischen Republik eine feurige Anklage auf der Titelseite einer Zeitung sandte, haben sich immer wieder mutige Intellektuelle der Form des “Offenen Briefes” bedient, um Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Nun hat sich die Hamburger Schriftstellerin Simone Buchholz, die normalerweise in Kiezkrimis die Staatsanwältin “Chastity Riley” ermitteln lässt, mit einem eindrucksvollen Schreiben an Olaf Scholz, den Bürgermeister der Hansestadt, in diese große Traditionslinie eingereiht.

Sehr geehrter Herr Scholz,

ich wohne in der Wohlwillstraße auf Sankt Pauli. Mit meinem Mann und unserem fünfjährigen Sohn. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich

Wortwiederholung!

normalerweise buntes, manchmal wildes, aber immer liebenswertes Leben auf der Straße.

So ist der Alltag im Szeneviertel! Eine nette Wohngegend mit ein bisschen linker Folklore, bunt und wild. Nur zu bunt sollte es nicht getrieben werden, zu wild darf es nicht zugehen – sonst wär’s ja nicht mehr liebenswert!

Wenn ich zurzeit aus dem Fenster sehe, sehe ich,

Wortwiederholungswiederholung!

wie mein Viertel zu Klump gehauen wird. Wie unsere Straße jeden Abend von Leuten als Kulisse für ihre Katz-und-Maus-Spielchen missbraucht wird, sobald unsere Kinder im Bett liegen – falsch, manchmal warten sie nicht mal so lange: Ein Freund meines Sohnes bekam vor ein paar Tagen einen Böller vor die Füße geschmissen, einfach, weil er gerade da war. Der Junge ist fünf.

Was fünfjährige Jungs wissen, offensichtlich ganz im Gegensatz zu denen, die hier im Moment aufeinanderprallen: Wenn keiner nachgibt, hört der Streit nicht auf.

Das wissen fünfjährige Jungs? Glaub ich nicht.

Das ist eine essentielle Erkenntnis, daraus entsteht Zivilisation. Bei jungen Männern mit erhöhtem Testosteronstand kommt das aber oft schwer an.

Gestern Abend habe ich versucht, mit ein paar von denen zu reden. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass das Gelächter groß war. Auf beiden Seiten. Ich glaube, sowohl die martialisch verpackten Polizisten auf unseren Straßen als auch manche der allabendlichen Demonstranten haben gerade – pardon – verdammt dicke Eier in der Hose. Da wird keiner freiwillig nachgeben.

Ging’s da nicht um irgendwas Politisches? Zwangsräumung? Gentrifizierung? Verdrängung oder so? Nee, klar, es ist alles viel einfacher: Männer sind Schweine.

Aber: Was soll das dann werden? Wo soll das hinführen? Soll das jetzt so weitergehen? Und wie lange noch?

Das fragt sich der Leser dieses Briefes auch.

Bis einer heult? Soll es das sein, wofür Hamburg steht: Wuchermieten, Helmpflicht für alle und enttäuschte Gesichter?

Diese Stadt hat eine Menge Probleme. Es ist kompliziert. Ich habe keine Lösungsvorschläge, es ist auch nicht mein Job, die zu haben (es ist Ihrer).

Das wäre ja noch schöner, wenn man von Schriftstellern Ideen verlangte! Von Intellektuellen Vorschläge! Nein, selbstverständlich ist es die Aufgabe von Autoren, Politiker um Hilfe anzuflehen!

Ich weiß nur: Gewalt ist ein ganz mieser Trick, der nicht funktioniert.

Gewalt ist gewiss kein Trick, denn Tricks erfordern Intelligenz. Dafür funktioniert Gewalt oft sehr gut – man mag das mies finden oder nicht. Aber ja, Gewalt ist böse, das lernten wir ja schon im Kindergarten.

Herr Scholz, Sie sind mein Bürgermeister. Sie sind der, dem ich glauben und vertrauen möchte.

Hier steigen der Autorin Tränen in die Augen, dem Leser auch, aber aus anderen Gründen. Komm, mein lieber Bürgermeister und mach mir die Welt wieder heile! Ich will dir doch so gern glauben und vertrauen! Verarsch mich! Bitte!

Sie sind der, der mir eine Stimme geben sollte.

Warum sollte Olaf Scholz das tun? Es reicht doch, meine Beste, wenn Sie ihm bei der Wahl eine Stimme gegeben haben.

Warum sind Sie so still? Warum ducken Sie sich auf so merkwürdige Art weg? Verstecken Sie sich etwa hinter Herrn Neumann?

Olaf Scholz duckt sich gewiss nicht. Das ist doch gar nicht nötig, er verschwindet ja schon hinter einem Hydranten!

Finden Sie, dass das ein gutes Versteck ist? Falls Sie nur nicht wissen, was Sie sagen sollen, kann ja mal passieren, habe ich einen heißen Tipp für Sie: Es ist gerade nicht die Zeit für Gesetze. Es ist Zeit für Größe.

Zu dumm: Es ist Zeit für Größe und Olaf Scholz ist schon ausgewachsen.

Für politisches Gefühl. Für drei bis fünf Fingerspitzen.

Soll er sich Finger amputieren?

Geschichtsbuch aufschlagen und mehr Willy wagen, Herr Scholz!

Was hat denn jetzt der Willy mit Sankt Pauli zu tun? Soll Olaf Scholz sich auf einen erotischen Wettkampf einlassen? Da würde er doch verlieren.

Bitte verzichten Sie darauf, meinen Brief von einem Ihrer Pressesprecher beantworten zu lassen. Ich brauche keine Antwort von Ihnen. Ich erwarte, dass Sie Format zeigen.

Mit verstörten Grüßen aus der Gefahreninsel
Simone Buchholz

Welch Trauer umfängt den Leser nach der Lektüre dieses Briefes! Dass man sich über Möchtegernrevolutionäre, die einen Stadtteil zerlegen, den sie zu schützen vorgeben, ärgern kann, versteht sich. Aber wenn einem nicht mehr als privates Gejammer dazu einfällt, muss man die Öffentlichkeit damit belästigen? Wenn man Olaf Scholz bloß seine enttäuschte Liebe offenbaren will, muss man den Brief gleich in der Zeitung abdrucken lassen? Wer nichts zu sagen hat, der schweige, auch wenn er “betroffen” ist. Wer einen Bittbrief schreibt, der werfe sich nicht in die Pose des Anklägers. Das hier ist nicht “J’accuse!”, sondern bloß “Je me lamente!”

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