Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für Professor Patzelt

Professor Werner Patzelt beklagt, die Kritiker seiner Äußerungen zu PEGIDA hätten auf seine Erwiderung nicht geantwortet, verweigerten überhaupt jeden konstruktiven Dialog. Er kanzelt seine Kritiker darum mit einem kapitalen Donnerwort als “DISKURSIV SCHWACH, INTELLEKTUELL UNFRUCHTBAR, PERSÖNLICH MUTLOS” ab. Professor Patzelt hat meinen früheren, womöglich zu hitzigen Beitrag zum Thema nicht zur Kenntnis genommen. Dennoch möchte ich mich an einer weiteren Erwiderung versuchen. Ich bemühe mich, auf Satire zu verzichten. Aber Professor Patzelt, dem der mediale Ruhm etwas zu Kopf gestiegen zu sein scheint, macht einem das nicht leicht. Bezeichnet er sich doch inzwischen selbst als “eine Eiche, an der mancher sich reibt”. Professor Patzelt ist also eine mächtige deutsche Eiche! Und was sind dann seine Kritiker? Ja, der Redewendung nach offenbar Säue. Wie war das Geschrei groß, als die PEGIDA-Demonstranten vermeintlich als “Ratten” bezeichnet wurden! Und nun nennt Professor Patzelt seine Kritiker Schweine! Wir wollen uns aber nicht aufregen, sondern nur nüchtern festhalten: Es gibt in Wahrheit gewiss nur sehr wenige Kritiker, die das Bedürfnis haben, sich an Professor Patzelt zu reiben.

Halten wir zunächst fest: Kein ernsthafter Kritiker kann bezweifeln, dass Professor Patzelt ein integrer Mensch, ein seriöser Wissenschaftler und ein demokratisch gesinnter Staatsbürger ist. Seine Einlassungen sind meistens sachlich und vernünftig. In angenehmer Weise unterscheidet sich hier ein traditioneller Konservatismus von der neurechten Pöbelei. Professor Patzelt hat gelegentlich sogar die Größe, Fehler einzugestehen. So hat er zugegeben, die Anti-PEGIDA-Bewegung lange zu undifferenziert betrachtet zu haben. Und doch hat auch der Stil seiner Einlassungen einige Schwächen. Zunächst ist die Selbstinzenierung als verfolgte Unschuld in einem Hexenprozess recht eitel, ja geradezu albern. Müsste ein Professor, der von einigen Kollegen und Studenten kritisiert wird, nicht etwas mehr Gelassenheit an den Tag legen? Stattdessen wirft er den Kollegen vor, sie seien ja nur neidisch auf seine neue Prominenz. Und er wundert sich darüber, dass Studenten nicht den Mut finden, einen akademischen Lehrer persönlich zu tadeln. Ebenfalls eitel und albern ist es, wenn Professor Patzelt von seinen Kritikern fordert, sie müssten doch möglichst erst einmal sein wissenschaftliches Gesamtwerk studieren, bevor sie das Wort gegen ihn ergreifen. Seine zahlreichen neuen Fans haben seine Aufsätze und Bücher auch nicht gelesen, von ihnen lässt er sich im Internet aber widerspruchslos den Bauch pinseln.

Kommen wir nun zur inhaltlichen Auseinandersetzung. Professor Patzelt hat in einigen Punkten recht, insbesondere mit seiner Auffassung, es sei vor der Spaltung der Bewegung sachlich und politisch falsch gewesen, die PEGIDA-Anhänger kollektiv als Nazis zu bezeichnen. In einigen weiteren wichtigen Punkten finde ich die Argumente von Professor Patzelt allerdings nach wie vor nicht überzeugend.

Professor Patzelt verweist darauf, er habe keineswegs nur seine persönliche politische Meinung geäußert, sondern eine Studie auf der Basis von Umfragen erstellt. Sein Bild der PEGIDA-Bewegung sei also empirisch unterfüttert. Nun räumt er aber selbst ein, dass alle Umfragen nicht repräsentativ sind. Ungefähr die Hälfte der Befragten hat nicht auf gestellte Fragen geantwortet. Es ist aber – wie auch Professor Patzelt gesteht – ziemlich wahrscheinlich, dass gerade die radikalen Kräfte sich allen Befragungen verweigern. Es ist also festzuhalten: Alle bisherigen Studien sind strukturell verharmlosend. Damit ist auch das Ergebnis der Studie von Professor Patzelt, wonach nur ein Drittel der PEGIDA-Demonstranten vor der Spaltung der Bewegung “rechtsnationale Xenophobe”, zwei Drittel aber “teils empörte, teils über die Zukunft unseres Landes besorgte gutwillige Bürger” seien, höchst zweifelhaft. Ich verfüge auch nicht über repräsentative Daten, aber ich habe in den letzten Monaten sehr viele Briefe, Mails und Kommentare von PEGIDA-Anhängern erhalten und gleichzeitig die öffentlichen Äußerungen verfolgt. Also darf ich wohl auch mitraten. Meine nicht quantitative, aber qualitative Analyse widerspricht der Auffassung von Professor Patzelt, die Mehrheit der Demonstranten wären “Gutwillige”. Nein, es sind auch viele Böswillige darunter. Wenn es etwas gibt, dass die Mehrheit der Demonstranten auszeichnet, dann ist es – unabhängig von Bildungsgrad und politischer Einstellung – der schlechte Charakter. Die Leute, die man da sieht und hört und liest, sind größtenteils egoistische, hasserfüllte, neidische, mitleidlose, selbstgerechte, beschränkte, wichtigtuerische Leute. Es gibt sicher viele Ausnahmen. Aber die Regel sei dennoch auch mal konstatiert.

Professor Patzelt wirft seinen Kritikern weiterhin vor, sie hätten über seine Verteidigung der “kleinen Leute” gespottet. Aber darum geht es nicht. Falsch ist es nicht, die “kleinen Leute” zu verteidigen, sondern die PEGIDA mit den “kleinen Leuten” zu identifizieren, ganz so wie PEGIDA sich selbst gerne mit dem “Volk” identifiziert. PEGIDA, das sind nicht “die kleinen Leute”, das ist eine rechte Splittergruppe. Das sagen uns Umfragen in Dresden und anderswo. Was mich besonders stört, ist die paternalistische Haltung, mit der Professor Patzelt die “kleinen Leute” wie Kinder entmündigt, indem er für fast alle ihre Dummheiten und Bosheiten eine Entschuldigung, wenigstens eine relativierende Erklärung parat hat. Auch “kleine Leute” sind verantwortlich für das, was sie sagen und tun. Auch “kleine Leute” darf man kritisieren, wenn sie einer Clique von Banditen und Rechtsradikalen folgen und hetzerischen Reden zujubeln. Es gibt eine Menge “kleiner Leute”, die mit PEGIDA nichts zu tun haben wollen – weil sie über gesunden Menschenverstand verfügen und ein Herz haben. Übrigens: Hat es sich zu Professor Patzelt noch nicht herumgesprochen, dass der “kleine Mann” in Deutschland inzwischen ziemlich oft ein Türke ist?

Quatsch ist und bleibt die These von Professor Patzelt, es gebe eine “Repräsentationslücke” auf der rechten Seite des politischen Spektrums, welche die Menschen geradezu zwinge, sich auf der Straße Luft zu verschaffen. Die CDU ist in Sachsen so rechts wie nirgendwo sonst, über Jahre gab es die NPD im sächsischen Landtag, jetzt sitzt dort die Alternative für Deutschland. Die Rechte ist in Sachsen politisch ausgezeichnet repräsentiert, ja sie ist seit 1989 der Mainstream der sächsischen Politik. Aber eben nur hier und anderswo nicht. Die PEGIDA-Demonstranten stören sich nicht daran, dass sie nicht repräsentiert würden, sondern sie halten es nicht aus, dass nicht alles nach ihrem Willen geht. Und oft wissen sie nicht einmal, was sie wollen. Sie kämpfen nur so lange für Meinungsfreiheit und Volksinteressen, wie es um ihre Meinung und um ihre Interessen geht. Demokraten sind sie also nur bedingt. Nicht wenige von ihnen sind sogar eine Bedrohung für die Demokratie.

Professor Patzelt kann sich auf den Kopf stellen, es bleibt doch wahr: Er hat sich in einen politischen Konflikt in einseitiger Weise eingemischt. Er hat die Gegner der PEGIDA mit Häme und Härte kritisiert, die Anhänger hingegen stets mit Sanftmut und Sympathie behandelt. Ihn erregt es, wenn Gegendemonstranten die PEGIDA-Anhänger als “Nazis” bezeichnen, kaum aber, wenn umgekehrt der Ruf “Linksfaschisten” erschallt. (Aber nein, in irgendeiner Fußnote hat er sich sicher klar davon distanziert.) Die Lügen und Bosheiten der PEGIDA werden von Professor Patzelt nur beiläufig und halbherzig in Nebensätzen kritisiert. Darf er so einseitig Partei ergreifen? Natürlich darf er das, zumal sich ja viele andere Menschen auf der Gegenseite engagiert haben. Aber er möge doch bitte nicht behaupten, er wäre die Waage der Gerechtigkeit, da er doch ersichtlich nur das Gegengewicht auf der rechten Schale ist.

Ich beschließe meinen Beitrag mit einer sehr richtigen und erhellenden Einschätzung von Professor Patzelt:

Denn ist PEGIDA im Kern ein faschistisch-rassistisches Unterfangen, dann sollten gerade Demonstrationen unter faktischer Führung Bachmanns weiterhin florieren. Gehen die Demonstrationen von Bachmann und seinesgleichen aber ein, ja käme es gar zu erfolgreichen Anschlussdemonstrationen eines nach Abspaltung verselbständigten und im Grunde als außerparlamentarischer Arm der AfD fungierenden Flügels, so hätte sich gezeigt: PEGIDA war weitgehend eine Protestbewegung von politisch Enttäuschten rechts der Mitte, sozusagen ein (versuchtes) „1968 von rechts“.

Die Demonstrationen unter Führung von Bachmann florieren und gewinnen wieder an Zulauf, während Neonazis und “besorgte Bürger” gemeinsam Flüchtlingsheime angreifen. Die Demonstrationen der vermeintlich gemäßigten Konkurrenz um Kathrin Oertel sind eingegangen. Man ziehe den Schluss selbst.

Michael Bittner

Die sächsische CDU im Kampf mit der deutschen Sprache

Die sächsische CDU hat versucht, sich mit einer Erklärung unter dem Titel “Positionspapier für Integration und Zuwanderung” bei den Anhängern der PEGIDA anzubiedern. Ob es in Sachsen noch Christen gibt, die es irritiert, wie eine angeblich christliche Partei sich eilfertig von den Tugenden der Gnade und der Barmherzigkeit abwendet, um einen dumpfen Volkszorn zu besänftigen und zugleich die Forderungen der Ökonomie nach “nützlichem” Humanrohstoff zu befriedigen? Die Lektüre des Papiers erbaut jedenfalls nicht sehr. Aber es ist doch immerhin ein erheiternder Anblick, die führenden Köpfe der sächsischen Union im Kampf mit Geografie, Logik und deutscher Sprache zu beobachten:

Eine wesentliche Grundlage dafür ist, das Zuwanderung in Zukunft gesteuert und bestimmt von den Interessen unseres Landes erfolgt.

Bereits heute steht fest, dass zu den sicheren Herkunftsländern auch die Westbalkanstaaten einschließlich des Kosovo, Albanien und Tunesien gehören.

Das gilt erst Recht für straffällig gewordene Personen oder Hassprediger.

Es geht darum, standardisierte Verfahrensabläufe zu finden, mit denen die Ausreisepflicht von straffälligen Asylbewerbern Vorfahrt ermöglicht wird.

Wer eine Freiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr verwirkt, soll in der Regel unser Land verlassen.

Bis dahin muss entsprechend dem geltenden europäischen Recht das Asylverfahren in dem Land stattfinden, indem der Bewerber erstmals europäischen Boden betreten hat (Dublin Abkommen).

Die zuwanderungsrelevante Liste mit Mängelberufen muss in Zukunft häufiger aktualisiert werden.

Die Bundesagentur für Arbeit erstellt Listen mit Berufen, bei deren Besetzung offener Stellen mit ausländischen Bewerberinnen oder Bewerbern arbeitsmarkt und integrationspolitisch verantwortbar sind.

Strukturierung und Verschlankung schaffen Transparenz, die an Administration, aber auch international, ein Signal ausstrahlt.

Bereits heute fehlen in zahlreichen Berufen ausgebildete Fachkräfte. Zur Behebung dieser sind wir auf gut ausgebildete ausländische Fachkräfte angewiesen.

So also reden jene Deutsch, die sich für Modellathleten einer “belebten deutschen Leitkultur” halten. Vor dieser Kultur graust es mir. Einem Satz des Papiers kann ich aber, wenn nicht stilistisch, so doch sachlich, meine Zustimmung nicht verweigern:

Erhöhte Sprachkompetenzen auf Seiten der deutschen Behörden würden einen großen Beitrag für eine gelebte Willkommenskultur leisten.

Was sucht Alexander Gauland bei PEGIDA?

PEGIDA mag, wenigstens als Massenbewegung, nun der Vergangenheit angehören. Dies gilt aber leider nicht für die seltsame und gefährliche politische Strömung namens “Querfront”, deren Element PEGIDA inzwischen geworden ist. Der folgende Beitrag versteht sich als Kritik dieser Bewegung. Das Wort Kritik stammt vom griechischen Wort für “Unterscheidung” ab, eine gelungene Kritik sollte sich also durch Differenzierungsvermögen auszeichnen. Daran sei erinnert, weil einige Gegner der neurechten Bewegungen in ihrer verständlichen Ablehnung allzu undifferenziert zu Werke gehen. Begriffen wie “PEGIDA-Nazis” werden, so scheint mir, zu leichtfertig gebraucht. Bei allem Spaß an der Polemik sollte man doch Führer und Mitläufer, Überzeugte und Verwirrte sowie Neonazis, Faschisten und Konservative auseinanderhalten. Nicht, um die Gefühle der betreffenden Kameraden zu schonen, sondern um die eigene Analyse nicht zu verzerren.

Im Folgenden soll es um einen merkwürdigen Mann gehen, den man als ideologischen Großvater der “Querfront” bezeichnen könnte: Alexander Gauland. Gauland, ein promovierter Jurist, war viele Jahrzehnte lang Mitglied der CDU, gehörte vor Kurzem dann aber zu den Begründern der Alternative für Deutschland. Gauland arbeitete als Journalist und Publizist für verschiedenste Medien und war lange Herausgeber der Potsdamer Tageszeitung Märkische Allgemeine. Gauland war – neben rechten Irrlichtern wie Monika Maron und Matthias Matussek – einer der Prominenten, die zu den PEGIDA-Aufmärschen nach Dresden fuhren. Er bezeichnete PEGIDA zeitweise sogar als “natürlichen Verbündeten” der AfD. Von dem verurteilten Banditen und überführten Lügner und Hetzer Lutz Bachmann distanzierte sich Gauland zwar. Doch konnte er sich nicht dem Charme von Kathrin Oertel entziehen, für die er Wertschätzung ausdrückte. Oertel hatte sich ja von Bachmann losgesagt, nachdem sie vom Rassismus des Mannes, “den ich seit 22 Jahren kenne und der ein Freund ist“, überrascht worden war. Dass Oertels Truppe sich von PEGIDA kaum unterscheidet, hat Gauland bislang übersehen.

Was nur treibt einen – auch beim politischen Gegner respektierten – konservativen Intellektuellen auf einen solchen politischen Irrweg? Vielleicht findet sich eine Antwort auf diese Frage in den Büchern namens Anleitung zum Konservativsein (2002) und Die Deutschen und ihre Geschichte (2009), in denen Gauland seine Weltanschauung jenseits tagespolitischer Rücksichten darlegte. Gauland präsentiert sich in diesen beiden – übrigens klugen und lesenswerten – Werken als Fürsprecher eines gegenwärtigen Konservatismus in der Tradition von Edmund Burke. Keineswegs sei der Konservatismus tot, weil er sein Ziel, den klerikal-monarchisch regierten Ständestaat gegen die liberale Demokratie zu verteidigen, nicht erreicht hat. Der Konservatismus ist für Gauland eine überzeitliche, „anthropologische Konstante“, die „lebenswichtig für unsere Gesellschaft“ bleibt.1 Leider sei der Konservatismus wie der gesunde Patriotismus in Deutschland durch den – selbst keineswegs konservativen – Nationalsozialismus und die Verbrechen Hitlers diskreditiert worden:

Man mag es bedauern oder auch beklagen: Auschwitz hat die Möglichkeit einer eigenen, vom Westen unterscheidbaren geistigen Identität Deutschlands auf lange Zeit, wenn nicht für immer ausgelöscht.2

Ich weiß nicht, ob es vielleicht nur mir Unbehagen bereitet, wenn im Zusammenhang mit Auschwitz die deutsche Identität als Opfer beklagt wird. Mit Verlaub: Jeder in Auschwitz ermordete Mensch war mehr wert als die ganze deutsche Identität. Wäre nur die deutsche Identität allein in Auschwitz ausgelöscht worden! Das könnte man leicht verschmerzen. Übrigens hatte Alexander Gauland noch einige Seiten zuvor behauptet, die Deutschen hätten nach der Reichsgründung ohnehin nie eine richtige “Identifikation”, nie eine “gemeinsame Weltanschauung” entwickelt – allzu viel kann also gar nicht verloren gegangen sein.3

Was aber sieht Alexander Gauland als Kern eines modernen Konservatismus? Die Antwort überrascht: Es ist der Widerstand gegen die “menschenfeindliche Ideologie” der “Ökonomisierung aller Lebensbereiche”.4 Gauland beschwört die Angst vor ungebremster Modernisierung, Technisierung und Globalisierung und vor der Amerikanisierung der Kultur und Gesellschaft. Da werden viele Linke hellhörig. Und Gauland selbst warb schon 2002 für das paradoxe Bündnis, das heute als “Querfront” auf den deutschen Straßen mahnwacht und Wahn macht:

Dabei kann es zu neuen Bündnissen zwischen linken Antikapitalisten und rechten europäischen Fundamentalisten kommen, denn Globalisierung und Turbokapitalismus sind beiden suspekt und das alte Rechts-Links-Schema nicht länger die Wasserscheide zwischen den Lagern.5

Es ist von größter Bedeutung, den Unterschied, den Alexander Gauland gerne verschleiern möchte, genauestens zu benennen: Alexander Gauland will den Antikapitalismus zum Kern eines neuen Konservatismus machen. Seine Kritik am Kapitalismus spricht aber nicht in Namen der Gerechtigkeit. Ihn stört am Kapitalismus die modernisierende, nivellierende Kraft, mit der er schöne und wohlvertraute Traditionen, Religionen und Nationen zersetzt. Gaulands Konservatismus ist ein romantischer Antikapitalismus, den eine emanzipatorische Linke bekämpfen muss. Gauland beklagt an der ökonomischen Modernisierung:

Sie wendet sich gegen nationale Vorurteile und ethnische Begrenzungen, gegen traditionale Lebenswelten und religiöse Tabus.6

Genau diese Übel aber muss jeder, der für die Emanzipation eintritt, fröhlich begrüßen, selbst wenn sie uns vom Kapitalismus geschenkt werden. Spätestens wenn Alexander Gauland die Mittel offenbart, mit denen der neue Konservatismus die Modernisierung bremsen soll, müssen Liberalen und Linken gleichermaßen die Augen aufgehen:

Alles, was das Tempo verlangsamt, den Zerfall aufhält, in dem es die Globalisierung einhegt, ist deshalb gut und richtig: Traditionen und Mythen, Glaubensbekenntnisse und Kulturen, Ethnien und Grenzen. Selbst Vorurteile haben hier, sofern sie nicht in Gewalt und Rassismus umschlagen, ihre stabilisierende Wirkung.7

Vorurteile, die nicht in Rassismus umschlagen, sind aber ungefähr so wahrscheinlich wie Regen, der nicht nass macht. Höre man nicht auf die Warnungen der Konservativen, so warnte Gauland, dann werde ein neuer Rechtspopulismus die Folge sein. Und er beschrieb in hellseherischer Weise auch schon die PEGIDA-Bewegung:

Geistige Verbarrikadierung in der eigenen nationalen oder regionalen Identität, Flucht in übersichtliche Gemeinschaften und Aussperrung des Fremden ist Teil des menschlichen Bedürfnisses besonders jener, die im täglichen Rattenrennen nicht vorne liegen.8

Hat etwa Alexander Gauland, lange vor Markus Ulbig, die PEGIDA-Demonstranten schon als Ratten bezeichnet?! Jedenfalls hat er nun mit dem Rechtspopulismus und dem aggressiven Nationalismus, vor dem er vor einigen Jahren noch warnte, ein politisches Bündnis geschlossen – offenbar in dem fatalen Irrglauben, hier endlich eine Massenbasis für seine Idee eines neuen Konservatismus zu finden. Sein schon damals geäußertes Verständnis für die Machtansprüche Russlands konnte er bei der PEGIDA ebenfalls wiederfinden. Dass der stilvolle Konservative nicht schon angesichts der pöbelhaften Stillosigkeit dieser Bewegung seinen Irrtum einsah, ist recht traurig.

Alexander Gauland gleicht einem in die Jahre gekommenen Gentleman, der plötzlich, zum Schrecken seiner Familie, noch einmal eine Affäre mit einer jungen, etwas vulgären Frau von der Straße beginnt. Und die heißt auch noch Peggy. Ich fürchte, Peggy wird den reifen Herrn nicht glücklich machen, sondern ihn nur ausnutzen und dann sitzen lassen, als Gespött der ganzen Welt.

Michael Bittner

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1 Alexander Gauland: Anleitung zum Konservativsein. Zur Geschichte eines Wortes. Stuttgart/München: DVA, 2002, S. 8.
2 Alexander Gauland: Die Deutschen und ihre Geschichte. Berlin: wjs, 2009, S. 152.
3 Die Deutschen und ihre Geschichte, S. 84.
4 Anleitung zum Konservativsein, S. 42.
5 Ebenda, S. 96.
6 Ebenda, S. 53.
7 Ebenda, S. 87.
8 Ebenda, S. 47.

Peter Willweber alias “Willy” – ein zeichnender Fremdenfeind bei PEGIDA

Zu den erfreulichen Folgen der PEGIDA-Demonstrationen zählt es, dass die herrschende Atmosphäre einige Menschenfeinde dazu gebracht hat, ihre bislang verborgene Gesinnung öffentlich zu bekennen. Dies ist in jedem Fall ein Fortschritt, denn eine offene Auseinandersetzung ist der verlogenen Harmonie, die gerade in Dresden traditionell herrscht, unbedingt vorzuziehen. Einige Freundschaften gehen dadurch allerdings in die Brüche. Aber vielleicht ist auch das nicht gar so schlimm, denn in den letzten Jahren wurde doch allzu oft unbesehen “geliked”.

Durch überraschende Offenbarungseide von PEGIDA-Anhängern stellt sich auch heraus, dass das Feuchtbiotop Dresdner Neustadt, das gemeinhin bekannt ist als alternative Insel im Dresdner Meer der Spießigkeit, durchaus nicht frei ist von Menschenfeinden. Man sollte sich einmal eingestehen: Es gibt auch in dem gemeinhin als “links” bezeichneten Milieu gewisse Affinitäten zur PEGIDA-Logik. Einige Menschen – und nicht die dümmsten! – wurden durch einen fehlgeleiteten Oppositionsgeist dazu verführt, sich der fremdenfeindlichen und anti-demokratischen Bewegung anzuschließen. Gegen “Lügenpresse” und “Systemparteien”? Gegen “westliche Kriegstreiberei”? Slogans wie diese erwärmen auch die Herzen so mancher Menschen, die sich für links halten. Wollen sie nicht auch das “Schweinesystem” abschaffen und den “Verblendungszusammenhang” durchbrechen? Halten sie nicht auch die einseitige Verurteilung Russlands für ungerecht? Ein Hindernis müssen Linke allerdings überwinden, um auf dem Weg zur “Querfront” einen Graben bis hinüber zur äußersten Rechten zu buddeln: Sie müssen sich mit dem radikalen Nationalismus anfreunden, der die Grundlage für die ganze neurechte Bewegung abgibt.

Eine Geschichte, die an sich von keiner großen Bedeutung ist, gibt ein Bild von dieser seltsamen Fraktion der PEGIDA-Anhänger: Peter Willweber ist der Betreiber der HomeCompany in Dresden, die Wohnungen nicht zuletzt an ausländische Gäste vermittelt. Zu einer gewissen lokalen Bekanntheit gebracht hat es Peter Willweber durch ein Hobby: Seit 25 Jahren zeichnet er als “Willy” Cartoons, insbesondere für das Kulturmagazin DRESDNER. Wer schon einmal gute Cartoons gesehen hat, wird vielleicht finden, dass diese Bezeichnung für die künstlerisch wertlosen Strichmännchen von “Willy” unangebracht ist. In den Tat kann Peter Willweber weder zeichnen noch verfügt er über Witz. Er ist eher die Karikatur eines Karikaturisten. Aber das ist vielleicht Geschmackssache. Es gibt einige Dresdner, die über die “dicke Katze” und andere Gestalten von “Willy” schmunzeln konnten, und dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Aber auch diese Freunde dürfte Peter Willweber unangenehm überrascht haben, als er am 23. Februar 2015 als Schlussredner bei der PEGIDA-Demonstration auftrat (Video) – vom wiederauferstandenen PEGIDA-Führer Lutz Bachmann geradezu familiär als “unser Willy” angekündigt.

Gehüllt in eine braungrüne Jacke, redete Peter Willweber etwa fünf Minuten und genoss mit geradezu kindischer Freude den Jubel und Applaus der Zuhörer. Auch wenn PEGIDA inzwischen auf einen harten Kern von Rechtsradikalen und Schwerstgestörten geschrumpft ist, waren immer noch einige tausend Menschen vor Ort. Peter Willweber begann seine Rede in ungewöhnlicher Weise: Er zitierte eine Äußerung von Oskar Lafontaine aus dem Jahr 2005, in dem dieser die “oberen Zehntausend” für die “forcierte Zuwanderung” verantwortlich machte. Nur diese profitierten von einem Überschuss an Arbeitskräften, während der Großteil der Bevölkerung die Lasten zu tragen habe. Es ist höchst aufschlussreich, wie gerade die eher unappetitliche nationalbolschewistische Seite von Lafontaines Weltanschauung Peter Willweber eine Anschlussmöglichkeit eröffnete. (Die Zuhörer begriffen die Gemeinsamkeit übrigens nicht und buhten bei der Erwähnung des “Linken” Lafontaine reflexhaft wie das liebe Vieh.) Ausgespart blieb in dem Zitat eine weitere Gruppe, die von der Zuwanderung profitiert, nämlich die Zuwanderer selbst. Wie selbstverständlich geht nämlich der Protest der “Querfront” von eben jenen “nationalen Interessen” aus, die auch den völkischen Deutschtümlern der Rechten heilig sind. Der Nationalismus war und ist die Idiotie, auf die sich die Demagogen von rechts und links zur Not immer einigen können. In der Touristenstadt Dresden bekommt der Nationalismus aber noch eine besondere Färbung: “Wir haben zu viele Ausländer der falschen Sorte und zu wenige der richtigen”, so sagte Peter Willweber auf Anfrage der Sächsischen Zeitung. Das ist er, der leider nicht allzu seltene hässliche Dresdner: Ausländer, denen man Geld aus der Tasche ziehen kann, sind stets willkommen, aber Ausländer, die Hilfe brauchen, mögen sich zum Teufel scheren. Als eine syrische Flüchtlingsfamilie in Dresden einen Drohbrief erhielt, schrieb der lustige “Willy” übrigens auf Facebook: “Der Hersteller dieses Machwerks ist garantiert jemand, der dringend etwas mehr Rechtsradikalismus braucht, gegen den er sich in Hör- und Sichtweite engagieren kann. Es geht ja immerhin um sehr viel Geld in Form von Fördermitteln.” (Der Täter, ein zwanzigjähriger Dresdner, wurde später ermittelt.)

Der Rest der Rede folgte dem inzwischen bis zur Ödnis bekannten PEGIDA-Schema: Peter Willweber äußert keine politischen Vorschläge oder wenigstens Gedanken, sondern flennt über eine vermeintliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Man bekomme das Gefühl, “die DDR” sei “wieder da” – darunter machen sie es nicht. Dementsprechend entblödet sich Peter Willweber auch nicht, PEGIDA (und nebenbei natürlich in aller Bescheidenheit auch sich selbst) in die Tradition von 1989 zu stellen. Noch mehr: Auch in den Revolutionären von 1848/49 sieht er nur Vorläufer von PEGIDA, schließlich hätten die doch auch schon tapfer die schwarz-rot-goldene Fahne geschwungen! Den historischen Kenntnissen von Peter Willweber ist allerdings nicht unbedingt zu trauen. Behauptet der gute Mann doch kurz darauf auch den Unfug, beim Hambacher Fest von 1832 wäre für die “Gleichberechtigung der Frauen” demonstriert worden. Und der selbst ernannte Dissident ruft: “Aussprechen, was wir wollen, das dürfen wir nicht!” Kommt ihm denn nicht in den Sinn, dass er diesen Unsinnssatz gerade sehr wohl aussprechen darf, geschützt von der Polizei und live übertragen in alle Welt? Doch: “Trotzdem tun wir es!” Das sind schon rechte Helden bei der PEGIDA: Sie trotzen mutig Verboten, die es nicht gibt. Und auch noch den Gegendemonstranten, die der lustige “Willy” übrigens gelegentlich schon mal als “allmontägliche Scharia-Patrouille” bezeichnete.

Warum nur mag keiner PEGIDA? Peter Willweber weiß es: Es liegt daran, dass PEGIDA “den Durchbruch von unten durch die Eisdecke der Ignoranz des Medien- und Parteienkartells gewagt hat.” Kann man es besser ausdrücken? PEGIDA wurde ja in den letzten Monaten jeden Tag in den Zeitungen ganzseitig ignoriert, ebenso im Fernsehen bei der montäglichen Liveschaltung nach Dresden nie erwähnt, bei Günther Jauch verschwiegen, in der Landeszentrale für politische Bildung durch eine Einladung ausgeladen, von Politikern fast aller Parteien durch verständnisvolle Gespräche zum Schweigen gebracht. Wirklich, noch nie hat eine Protestbewegung in Deutschland eine solche Aufmerksamkeit erfahren, indem sie vollständig ignoriert wurde! “Wir sind der Wecker, der das Establishment aus dem Schlaf klingelt! Wir verlangen unsere Freiheit zurück, wir verlangen unsere Demokratie zurück, wir verlangen unser Land zurück!” So beschließt Peter Willweber seine Rede und lächelt selbst fast ein wenig überrascht angesichts der Erfahrung, wie leicht man mit ein paar nichtssagenden Phrasen bei PEGIDA Applaus ernten kann. Er mag solchen Zuspruch nötig haben.

Heinz K., der Chefredakteur beim DRESDNER, hat angekündigt, das Gespräch mit Peter Willweber zu suchen: “Aber er bekommt jetzt kein Berufsverbot.” Das heißt wohl, dass er weiter für den DRESDNER zeichnen darf, denn eine Entlassung dort käme für “Willy” ja einem Berufsverbot gleich. Wer sollte ihn sonst haben wollen? Nicht einmal Gesinnungskameraden von der Jungen Freiheit werden das Erbarmen wohl so weit treiben. Ich wünsche mir auch kein Berufsverbot für “Willy”, denn sonst läge uns Peter Willweber wochenlang in den Ohren: “Wieder ein tapferer, hochtalentierter Karikaturist, der von Islamisten und ihren Verbündeten zum Schweigen gebracht wurde!” Montags hätte bei PEGIDA bald jeder Zweite ein “Ich bin Willy!”-Schild in der Hand. Bitte nicht! Lasst “Willy” weiter dicke Katzen zeichnen! Denn wer zeichnet, redet wenigstens nicht.

Michael Bittner

[Offenlegung: Ich habe um 2008 selbst einmal einige Zeit für das Kulturmagazin DRESDNER geschrieben – und zwar so gern, wie ich das Magazin immer noch lese. Peter Willweber kenne ich persönlich nicht.]

[Nachtrag: Der DRESDNER hat nun leider beschlossen, vorerst doch keine Bilder von “Willy” mehr zu veröffentlichen.]

Im Anti-Kriegs-Museum

Menschen reagieren seltsam auf Kriege. Sind sie selbst nicht beteiligt, schauen die Leute den kämpfenden Parteien verständnislos und kopfschüttelnd zu: “Was für eine absurde Sache ist doch ein Krieg! So viele sinnlose Opfer und Zerstörungen! Warum können die sich denn nicht einfach an einen Tisch setzen und Frieden machen?” Geraten Menschen aber selbst in einen Konflikt, erscheint ihnen der Krieg ganz plötzlich nicht mehr als grotesker Unfug, sondern als eine gerechte Sache. Nichts ist verführerischer und leichter, als sich in die Logik des Krieges rutschen zu lassen. Ganz selbstverständlich erscheint es Kämpfenden, gegen den Feind mit Gewalt vorzugehen. Jede Partei glaubt ja, das Recht – früher sagte man: Gott – auf ihrer Seite zu haben. Frieden ist nur auf zwei Arten möglich: Entweder eine der Parteien siegt oder beide verzichten auf ihr vermeintliches Recht. Der Frieden durch Verzicht ist eine schwierige, beinahe unmögliche Sache. Denn je mehr Opfer eine Partei während eines Krieges erbringt, desto unwürdiger muss ihr so ein Verzicht erscheinen.

Der Frieden ist im Frieden selbstverständlich und erscheint im Krieg fast undenkbar. Dazu trägt bei, dass Gesellschaften im Krieg sich uniformieren. Dem Kampf gegen den äußeren Feind entspricht der Kampf gegen den inneren, gegen die Zweifler, die als Verräter gebrandmarkt werden. Unter solchen Bedingungen erhebt kaum einer die Stimme dafür, den Frieden durch eigenen Verzicht wiederherzustellen. Demokratien sind wohl auch deswegen seltener an Kriegen beteiligt, weil in ihnen die Zweifler auch während eines Krieges nicht völlig mundtot gemacht werden können. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg war nicht so total wie im Zweiten Weltkrieg, weil es noch eine teilweise freie Presse, noch ein Parlament, noch Demonstrationen gab. So erzwang ein Teil der Öffentlichkeit den Abbruch des aussichtslosen Kampfes. Anders als unter Hitler, der durch totalen Terror fast jeden Widerspruch unterband, gab es während des Ersten Weltkrieges einige Menschen, die sich allem nationalistischen Furor zum Trotz schon früh der Logik des Krieges widersetzten. Man denkt gewiss zuerst an Menschen wie Rosa Luxemburg und Karl Kraus. Weniger bekannt ist der anarchistische Pazifist Ernst Friedrich. Als der sich irgendwann weigerte, die Uniform anzuziehen, wies man ihn zur Beobachtung in die Psychiatrie ein, so absonderlich schien sein Verhalten. Später landete er auch im Gefängnis. Nach dem Krieg widmete sich Friedrich, der u.a. mit Käthe Kollwitz und Erich Mühsam befreundet war, vor allem der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus wurde der Kampf gegen den Krieg für ihn zum Lebensthema.

Im Jahr 1925 eröffnete Ernst Friedrich im Zentrum von Berlin das Internationale Anti-Kriegsmuseum. Es wurde 1933 von den Nazis zerstört und zum “Sturmlokal” der SA umgewandelt, in dem auch politische Gegner gefoltert wurden. Auch Friedrich wurde zeitweise von den Nazis interniert, konnte dann aber fliehen, zunächst in die Schweiz, dann nach Belgien, dann nach Frankreich. 1982 wurde das Anti-Kriegs-Museum neu gegründet, geleitet wird es von Tommy Spree, einem Enkel von Ernst Friedrich. Es befindet sich heute in der ruhigen Brüsseler Straße im Wedding, im Haus Nr. 21. Tritt man ein, glaubt man sich eher in einem Wohnzimmer als in einem Museum wiederzufinden. Buchregale enthalten Werke der pazifistischen Literatur. Bilder und Texte zur gewalttätigen Geschichte der Menschheit hängen an den Wänden. Und ein Fernseher zeigt einen Film über die Geschichte des Museums. Ein Weggefährte von Ernst Friedrich gesteht da offenmütig, der Name Anti-Kriegs-Museum sei schon am Anfang etwas hochtrabend gewesen. Und natürlich kann ein kleines Museum von der Größe einer Familienwohnung unmöglich den Anspruch einlösen, den so ein hehrer Titel suggeriert. Aber gerade der Kontrast zwischen der gewaltigen Aufgabe und der Bescheidenheit der Mittel macht auch den Charme des Anti-Kriegs-Museums aus: Es symbolisiert in seiner Unvollkommenheit selbst den unermüdlichen, aber beinahe aussichtlosen Kampf des machtlosen Pazifismus gegen die übermächtige Gewalt.

In einem kleinen Nebenraum erzählen Tafeln vom Leben bedeutender Pazifistinnen und Pazifisten. Neben bekannten Persönlichkeiten wie Bertha von Suttner, Albert Einstein oder Gandhi lernt man hier auch weniger prominente Friedenskämpfer kennen. Eine schmale Treppe führt hinunter in einen originalgetreu erhaltenen, mit historischen Utensilien ausgestatteten Luftschutzkeller. Eine Karte an der Wand veranschaulicht, wie viel von Berlin übrig bliebe, schlüge im Stadtzentrum eine Atombombe ein. (Nichts.) Wieder oben angekommen, kann man hinüber in die angeschlossene Peace Gallery gehen. Noch bis zum 1. März 2015 läuft dort eine Ausstellung zum bekanntesten Buch von Ernst Friedrich mit dem Titel Krieg dem Kriege. Der viersprachige, dokumentarische Band erschien zuerst 1924 und wurde zum internationalen Erfolg. Kurt Tucholsky schrieb: “Die Photographien der Schlachtfelder, die Photographien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind.” In unseren Tagen sind die abscheulichsten Gräuelbilder alltäglich geworden. Dennoch ist es immer noch fast unerträglich, manche Bilder in Ernst Friedrichs Buch zu betrachten. Geschickt nutzte er das Mittel der Kontrastierung, um nicht einfach nur das Elend, sondern die Infamie des Krieges darzustellen. Man sieht Soldaten in Heldenpose neben Soldaten in Totenstarre. Spazierende und feiernde Generäle und Könige neben verreckenden Soldaten. Sarkastische Bilderklärungen im Stil von Karl Kraus verstärken oft die entlarvende Wirkung. Das Buch ist heute so wertvoll wie vor hundert Jahren. Erfreulicherweise ist es immer noch erhältlich, im Mai 2015 soll eine weitere Neuausgabe mit einem Vorwort des Historikers Gerd Krumeich erscheinen. Vielleicht wäre es einmal eine schöne Aktion, Exemplare kostenlos an Besucher im neuen “Showroom” der Bundeswehr an der Friedrichstraße zu verteilen.

Der abstrakte, radikale Pazifismus, der – das christliche Gebot der Feindesliebe strikt befolgend – jede Gewalt und jeden Krieg ablehnt, ist gewiss eine moralisch respektable Erscheinung. Aber auch diese Haltung kann ins moralische Dilemma führen. Es gibt nämlich auch Kriege, in denen sich wirklich Recht und Unrecht gegenüberstehen. Wer in einem solchen Konflikt mit Verweis auf den eigenen Pazifismus neutral bleiben will, dient wohl weniger dem Frieden als der eigenen Selbstzufriedenheit. Der Pazifist Ernst Friedrich entschied sich übrigens anders: Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der französischen Résistance an, streifte eine Uniform über und kämpfte gegen die deutschen Besatzer.

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Das Anti-Kriegs-Museum befindet sich in Berlin-Wedding in der Brüsseler Straße 21 und ist täglich von 16-20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Voraussichtlich im Mai 2015 erscheint: Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege. Neu herausgegeben vom Anti-Kriegs-Museum Berlin. Mit einer Einführung von Gerd Krumeich. Christoph Links Verlag. 300 Seiten. 16,90 Euro.

Was macht eigentlich … Dr. Thomas Hartung?

Gewiss nicht jeder Mensch ist während seines Lebens einmal für fünfzehn Minuten berühmt. Beinahe tragisch ist es, wenn einer, dem eine solche Aufmerksamkeit doch zuteil wird, in seinen fünfzehn Minuten gerade seinen moralischen Tiefpunkt erlebt. Der Journalist Dr. Thomas Hartung wurde bekannt, weil er einen behinderten Menschen als “blöd” beleidigte und einer ganzen Menschengruppe die Fähigkeit zu einem akademischen Beruf absprach. Auf so unrühmliche Weise ins Scheinwerferlicht geraten, entschuldigte er sich nicht etwa sofort für seine Entgleisung, sondern warf sich zunächst in die selbstmitleidig-rechthaberische Pose eines Provinz-Sarrazins. Erst seine Parteifreunde von der Alternative für Deutschland brachten ihn – wohl mit sanftem Druck – dazu, um Verzeihung zu bitten, danach wurde er dennoch in der Partei eiskalt abserviert. Auch die TU Dresden verzichtete auf seine weitere Mitarbeit. Mit seiner neuen Freizeit scheint Dr. Thomas Hartung nicht viel anfangen zu können. Im Internet belästigt er die Menschheit mit Kommentaren, die außer ein paar rechten Freaks niemanden interessieren. Nun hat er wie einige andere abgewrackte Politversager PEGIDA als Chance begriffen, vielleicht doch noch einmal etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen. Liest man die jüngsten Beiträge, die Dr. Thomas Hartung auf seiner Homepage veröffentlicht hat, dann gewinnt man nicht nur den Eindruck, dass sich hier jemand vom Journalismus endgültig verabschiedet und der Propaganda zugewandt hat. Man erlebt auch den völligen moralischen Bankrott und intellektuellen Selbstmord eines Mannes, der vielleicht einmal ein vernünftiger Mensch gewesen ist.

Dr. Thomas Hartung ist besessen von der fixen Idee, es drohe eine “Islamisierung der deutschen Gesellschaft”, ja gar die Einführung der Scharia. Und zum Beweis scheut er sich nicht, eine lange Liste mit den dümmsten Halbwahrheiten und Lügen zu veröffentlichen, die in der Islamhasser-Szene im Umlauf sind. So verbreitet er etwa die Falschdarstellung der Bild, der Grünen-Politiker Omid Nouripour habe gefordert, Christen sollten im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen. Ein weiterer “Islamisierungsbeleg”: Zur “Themenwoche Suppen im ARD-Büfett” machte ein “türkischer Koch” statt Schweinehackbällchen – “orientalische Rinderhackbällchen”! Unglaublich! Das ist ja, als ob … als ob …

Man stelle sich vor, für türkisches Kebab Antilopenfleisch, gewürzt nach Art der Buschmänner, zu nehmen oder die Kartoffeln im ukrainischen Borschtsch durch Bataten zu ersetzen.

Man stelle sich das vor! Das wäre ja kulinarische Rassenschande! Gleich noch ein “Islamisierungsbeleg”:

in Schwimmbädern werden spezielle Badetage mit Rücksicht nur für muslimische Kleidungsgewohnheiten eingerichtet

Eine Unverschämtheit! Der Dr. Thomas Hartung ist ein trauriger alter Mann und nun will man ihm auch noch die Freude nehmen, knackige orientalische Körper in ihrer unverhüllten Pracht zu beschauen! Nächster “Islamisierungsbeleg”:

auf Friedhöfen dürfen Muslime nicht in der durch Christen “verunreinigten” Erde bestattet werden, sondern erhalten neue Friedhofsbereiche, wo die Toten ohne Sarg oder Urne (nur mit Tuch) begraben werden dürfen, was niemand sonst darf

Menschen muslimischen Glaubens erhalten eigene Friedhöfe und dürfen ihre Toten nach eigenem Brauch bestatten! Es ist ungeheuerlich! Nicht mal als Leichen hören die Muselmanen auf, uns zu islamisieren! Dr. Thomas Hartungs Hass reicht aber auch über das Grab hinaus, nicht einmal der Tod seiner Gegner kann ihn besänftigen. Nächster “Islamisierungsbeleg”:

bei Muslimen wird die Polygamie anerkannt und notfalls von Staats wegen alimentiert

Richtig, Mitbürger! In Deutschland ist die Vielweiberei mittlerweile legal und wird sogar staatlich gefördert! Davon habt ihr noch nichts mitbekommen? Na, weil die Lügenpresse es geheim hält! Nächster “Islamisierungsbeleg”:

wer als Moslem bei Demonstrationen “Juden ab ins Gas” ruft, der wird dafür wie selbstverständlich nicht bestraft. Mehr noch: Wer danach Moslems für ihre Hassparolen kritisiert, der steht mit einem Bein im Gefängnis.

Endlich sagt es mal einer: Tapfere Islamisierungskritiker wie Dr. Thomas Hartung werden ja beinahe stündlich von der Scharia-Polizei verhaftet und ins Gefängnis geworfen! Nächster … ich soll aufhören? Einverstanden, es reicht. Ich will nur noch ergänzen, dass Dr. Thomas Hartung in seinem wahnhaften Hass inzwischen nicht einmal mehr darauf achtet, sich als Religionskritiker zu tarnen, sondern ganz offen als völkischer Fremdenfeind auftritt:

Das Schlagwort “Willkommenskultur” verpflichtet die Deutschen gutzuheißen, im eigenen Land zur Minderheit zu werden, anders zu leben, als sie es sich selbst ausgesucht hätten, ihre Freiheitsrechte preiszugeben, ihre gesamte Kultur den Bedürfnissen von Einwanderern anzupassen, ja hinter deren Interessen zu stellen, und diesen Prozess der ethnischen Verdrängung auch noch selbst zu bezahlen.

Es geht also gar nicht um Religion, es geht um “ethnische Verdrängung”. Ich weiß nicht, ob Dr. Thomas Hartung einmal in der Straßenbahn von einem Ausländer von einem Sitzplatz verdrängt wurde oder vielleicht von einem besser qualifizierten Einwanderer von einer Dozentenstelle. Eine Erklärung für seinen ekelhaften Rassenwahn mag es geben, eine Entschuldigung nicht.

Dr. Thomas Hartung glaubt allen Ernstes, er stünde mit seinen Hasspredigten in der Tradition von 1989. Einem Mann wie Friedrich Schorlemmer, der, aus eben dieser Tradition kommend, PEGIDA kritisiert hat, wirft er hingegen vor, nur “Verbalgülle” abzusondern. Aber Dr. Thomas Hartung hat einfach kein Glück. Kaum hat er sich mit Erfolg als bekennender Mitläufer bei PEGIDA angebiedert, löst sich die einst hoffnungsfrohe Bewegung auch schon wieder auf. Man möchte beinah Mitleid empfinden angesichts eines so völlig verpfuschten Lebens. Vielleicht hat Dr. Thomas Hartung doch noch ein paar Freunde, die ihm begreiflich machen können, wie sehr er sich verrannt hat, und die ihn auf den Weg zu einem wieder einigermaßen geordneten Leben leiten können.

Gehört der Islam zu Deutschland? Eine sprachkritische Überlegung

“Der Islam gehört zu Deutschland”, so meinen der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mehrere Politiker aus dem rechten Lager haben dieser Einschätzung widersprochen, zuletzt äußerte der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich in einem Interview:

Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.

Die Versuchung ist groß, die ganze Angelegenheit als einen belanglosen Streit um Worte abzutun. Muslime sind willkommen, aber der Islam gehört nicht dazu? Hä? Verhindert hier wie so oft in der Mediendemokratie der Streit um Worte den Streit um die Sache? Doch auch Worte können Taten sein, wenn sie als öffentliche Äußerungen eine soziale Wirkung entfalten. Und hinter dem scheinbar haarspalterischen Streit um das Wörtchen “gehören” verbirgt sich tatsächlich ein handfester Gegensatz in der Beurteilung der Gesellschaft.

Niemand kann leugnen, dass in Deutschland heute Millionen Menschen leben, die sich zu einer der verschiedenen Formen des muslimischen Glaubens bekennen. Versteht man das Wort “gehören” in einem rein objektiven Sinn, dann gehört der Islam zweifelsohne zu Deutschland. Ein Streit um diese Frage setzt also voraus, dass das Wort “gehören” in einem normativen Sinn gebraucht wird. Macht man diese schlichte Unterscheidung nicht, dreht sich die Debatte ergebnislos im Kreis. Wer in wertendem Sinne sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der will damit ausdrücken: Auch wenn Muslime in Deutschland leben, soll ihre Religion möglichst keinen Einfluss auf die Gesellschaft als Ganze gewinnen, zumindest nicht in einem so großen Ausmaß wie etwa das Christentum. “Es darf nicht dazu kommen, dass in Deutschland eine islamische Partei entsteht”, sagte vor einer Weile Volker Kauder, der Fraktionschef einer christlichen Partei.

Wenn in solchen Sprechakten der Ausgrenzung von “Deutschland” die Rede ist, dann wiederum nicht bloß in beschreibender, sondern ebenfalls in wertender Weise. “Deutschland” ist hier kein geografischer Begriff, bezeichnet auch nicht nur die Summe aller Einwohner. Das Wort steht hier für das problematische Konzept einer deutschen “Leitkultur” oder “Identität”, also für die Annahme, es gäbe so etwas wie einen genuin deutschen Wesenskern. Tatsächlich gibt es aber nur eine Gemeinschaft, die durch eine Vielfalt von Ähnlichkeiten und Unterschieden gekennzeichnet ist. Die Deutschen sind untereinander nicht identisch und waren es auch nie. Schon vor dreihundert Jahren lebten in den deutschen Staaten französisch parlierender Hofadel, analphabetische Bauern und Landadlige, sächsische und fränkische und hanseatische Bürgersleute, die sich nur mit ihren Kleinstaaten identifizierten, protestantische Flüchtlinge aus Frankreich, in Ghettos gepferchte Juden und viele weitere Bevölkerungsgruppen, die sich kaum miteinander verständigen konnten. Heute hat ein bayrischer Landwirt mit einem Berliner Punk oder einem Hamburger Grafikdesigner gewiss nicht mehr gemeinsam als mit einem islamischen Gemüsehändler. Deutschland war nie etwas anderes als eine multikulturelle Gesellschaft, denn jedes zivilisierte Land besteht aus einer Vielzahl von Kulturen. Das Christentum ist nicht allen Deutschen gemeinsam, ebensowenig bestimmte Sitten und Gebräuche. Die deutsche Sprache wiederum gehört nicht den Deutschen allein, während gerade die Deutschnationalen oft große Probleme mit der Beherrschung dieser Sprache haben. Den Wahn einer rassischen Einheit wird wohl kein vernünftiger Mensch mehr heranziehen wollen, zumal es mit der Abstammung immer eine heikle Sache ist. Zeugungen vollziehen sich meistens im Dunkeln. Was eine Gesellschaft wirklich zusammenhält, ist nicht eine herbeifantasierte “Identität” des Volkes, übrigens auch nicht die so oft idealistisch beschworenen “Werte”, sondern: das Gesetz, das für alle gilt.

Wer behauptet: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland!”, der fordert unausgesprochen: Meine Partikularkultur ist wertvoller als die Kultur der Muslime, meine Identität sollte Leitbild der ganzen Gesellschaft sein. “Nein, so war es nicht gemeint!”, mag nun mancher einwenden. “Ich verwende den Satz gar nicht wertend, sondern nur historisch! Der Islam hat in der Geschichte einen weit geringeren Einfluss auf Deutschland ausgeübt als das Christentum!” Das lässt sich nicht leugnen. Allerdings war auch das Christentum Europa einmal fremd, es musste den Sachsen sogar mit dem Schwert gepredigt werden! Und um 1850 sagte der – lange in Dresden beheimatete – Dichter Ludwig Tieck über die Juden:

Wie man die Emancipation der Juden fordern kann, ist mir unbegreiflich. Durch ihr Gesetz sind und bleiben sie mitten unter uns fremd; sie können sich nicht nationalisiren. Unmöglich kann man einem ganz fremden Volksstamme dieselben Rechte einräumen wie dem eigenen! Würde man es denn z.B. mit einer Negercolonie thun, wenn eine solche unter uns wäre? Was die Juden von moderner Bildung angenommen haben, ist nur äußerlich; und die meisten von ihnen, wenn sie aufrichtig sein wollten, würden bekennen müssen, daß sie sich für viel besser halten als die Christen. Ueberall drängen sie sich heute ein, überall führen sie das große Wort. Wenn das so weiter geht, werden wir am Ende nur noch eine geduldete Sekte sein.

Kommt uns diese deutsche Angst nicht irgendwie bekannt vor? Müssen wir Tiecks Befürchtungen auch “ernst nehmen”? Leider kann er einer Einladung in die Dresdner Landeszentrale für politische Bildung nicht mehr folgen.

Nicht einmal die abgeschwächte Behauptung, der Islam gehöre noch nicht zu Deutschland, stimmt mehr, da ja eingewanderte Muslime seit einigen Jahrzehnten offenkundig Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Es soll neuerdings sogar deutsche Konvertiten geben. Wer die falsche Behauptung “Der Islam gehört noch nicht zu Deutschland!” dennoch aufstellt, verrät schon dadurch, dass er den Satz eben nicht historisch, sondern wertend meint. Aber daraus, dass der Islam erst seit kurzer Zeit zu Deutschland gehört, lässt sich politisch rein gar nichts schließen. Denn die Verfassung ist kein Gewohnheitsrecht, das dem Angestammten Privilegien einräumt, sie beruht auf dem Gedanken der Gleichheit.

Jene “christlich-germanischen Esel” (Karl Marx), die ihre Weltanschauung der Gesellschaft aufdrängen wollen, sollten wenigstens ihre Haltung offen bekennen. Und nicht so feige sein, sie nur in sprachlicher Vollverschleierung öffentlich auftreten zu lassen.

Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für PEGIDA

In jenen Monaten, in denen die Anführer der PEGIDA sich noch weigerten, mit der “Lügenpresse” zu reden, nahm ein Mann gerne auf dem frei gebliebenen Stuhl Platz und warb eloquent um Verständnis für die Protestbewegung: der Dresdner Professor Werner Patzelt. Anders, als man es von einem Politologen erwarten würde, hielt sich Patzelt nicht mit tiefschürfenden Analysen auf, sondern ergriff beherzt Partei für den “kleinen Mann”, der da angeblich auf die Straße gehe. Ein Wissenschaftler, der allen Ernstes vom “kleinen Mann” redet? Der einen Popanz zum Argument erhebt? Das gibt’s doch nicht? Und ob! In Dresden gibt’s auch das.

In einem Aufsatz mit dem Titel Was unterhalb von Pegida brodelt hat Professor Patzelt nun seine Auffassungen näher dargelegt. Er klagt in seinem Text vorausschauend über den allgegenwärtigen “Rohrstock der Satire”, wird ihn nun aber leider auch mal selbst aushalten müssen. Es tut mir aufrichtig leid, aber Strafe muss sein! Immerhin ist der Mann gut gepolstert, es wird schon nicht allzu wehe tun.

Professor Patzelt ist keineswegs blind für die unschöne Seite der PEGIDA-Proteste. Nein, er räumt mit unnachahmlicher Nonchalance ein:

Zwar marschieren bei Pegida schon auch Rechtsradikale.

Zwar schon auch! Kann man sich entschiedener ausdrücken?

Doch die allermeisten der vielen Tausende von Demonstranten gehören in Dresden zum ganz normalen Volk.

Hier könnte er leider fast recht haben. Und doch: Sollte ein Wissenschaftler nicht vielleicht schon einmal etwas von der Kritik am problematischen Begriff der “Normalität” gehört haben? Aber vielleicht hat Professor Patzelt seine akademische Hülle ja für den öffentlichen Diskurs abgestreift und in den Schrank gehängt wie einen lästigen Talar. Nun tritt er uns in seiner ursprünglichen Blöße als Dresdner Bürger entgegen. In solcher Unbedarftheit hat er die Demonstrationen selbst beobachtet und bei PEGIDA nur “ganz normale Leute” gesehen. Denn niemand dort zeigte einen “Hitlergruß” und alle schwenkten nur “Schwarz-Rot-Gold”. Niemand stellte sich Professor Patzelt persönlich als Nazi vor. Damit ist der empirische Beweis erbracht: PEGIDA ist ganz normal. Umso unverständlicher die “Wut” der Gegendemonstranten, die Patzelt genießerisch in ihrer ganzen Lächerlichkeit bloßstellt. Diesen trotteligen Gegendemonstranten fehlt wohl der theoretische Zugang, den Patzelt bei dem “in solchen Dingen sehr klarsichtigen Carl Schmitt” (der in anderen Dingen nicht ganz so klar sah) gefunden hat:

Hier halten nämlich auf der einen Seite Freunde zusammen – und steht auf der anderen Seite der Feind. Da geht es um “wir” gegen “sie”.

Doch nicht etwa PEGIDA hat diese “Feindbildpflege” mit ihrer Abschottung und ihren Hassparolen verbreitet. Nein, es war natürlich die Opposition. Davon, dass diese überhaupt nicht wie PEGIDA stahlhart vereint, sondern wie immer in Dresden in zahllose Fraktiönchen zersplittert ist, hat Patzelt offenbar noch nichts gehört.

Auf den empirischen Befund, der allein schon durch die Beobachtungsgabe des Professors als repräsentativ gelten darf, folgt nun die weitere Analyse. PEGIDA ist nicht etwa eine Gelegenheit, über das Weiterleben des völkischen Nationalismus in Deutschland nachzudenken. Nein, eine rechte Bewegung bietet Patzelt den erwünschten Anlass zur Kritik an der Linken. Dialektik in höchster Vollendung! Es geht ihm um “Glanz und Elend politischer Korrektheit”. Man ahnt bei der Überschrift schon, was nun kommen wird. Und leider: Es kommt! In Kürze: Wegen unschöner Vorkommnisse in der deutschen Vergangenheit sind Meinungsäußerungen der Rechten heute kaum mehr möglich, weil ja die Linken alle Rechten sogleich als Nazis denunzieren können. Die übermächtigen Alt-68er haben die Redaktionsstuben der Republik erobert, den Diskurs völlig unter ihre Kontrolle gebracht. “Lügenpresse! Lügenpresse! Lügenpresse!”, brüllt Professor Patzelt nicht. Wie kommt es nur, dass ich es trotzdem höre?

Was Deutschland fehlt, das ist die “Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens”:

Sie besteht darin, dass im öffentlichen Diskurs Publizisten und Politiker in rationale, unanstößige, diskursiv anschlussfähige Sprache überführen, was sich an Denkweisen oder Interessensbekundungen an den Stammtischen und auf den Internetseiten der Nation ausdrückt – und zwar mit oft ganz unzulänglichen, ja primitiven Mitteln, die ihrerseits manch hetzerische Dynamik entfalten.

Ganz genau! Wenn Deutschland eins braucht, dann Intellektuelle, die den hetzerischen und menschenverachtenden Quatsch von rechtsradikalen Stammtischbrüdern und Internettrollen in aalglatte, klemmfaschistoide Politphrasen übersetzen. Was Deutschland bräuchte, das wären ein Thilo Sarrazin, eine Alternative für Deutschland, eine Junge Freiheit! Schade, dass es die alle nicht gibt! Solange das leider so ist, haben die Linken schuld daran, dass die Rechten ihre an sich liebenswerten Anliegen leider nur in demagogischer Form vorbringen können. Wir müssen darüber hinweghören! Wir müssen die in bravem Ton “publizierten Forderungen von Pegida” ernst nehmen, auch wenn sie den privaten und öffentlichen Äußerungen von vielen Führern und Geführten der PEGIDA widersprechen. Wir dürfen sie nicht etwa als verlogene Tarnung entlarven. Denn das wäre Ausgrenzung “im Namen von Toleranz und Integration”! Natürlich gibt es auch bornierte Linke, die aus Abscheu von Anfang an jede Verständigung mit den Demonstranten abgelehnt haben, dies sei Professor Patzelt zugestanden. Aber warum nur hat er so wenig Verständnis für diese linke Volkswut, da er der rechten doch Gehör verschaffen will? Oder gehören die Linken etwa nicht zum “Volk”, weil das von Natur aus rechts steht?

Fassen wir noch einmal zusammen: Die Linken sind durch ihre Meinungsdiktatur schuld daran, dass die Rechten sich leider nicht so gepflegt und menschenfreundlich ausdrücken können, wie sie es gerne täten. Und weil die Linken die Parolen der Rechten nicht widerspruchslos hinnehmen, ihnen die Gesellschaft nicht kampflos überlassen wollen, machen sie sich schlimmster anti-demokratischer Ausgrenzung schuldig. Nicht PEGIDA attackiert Andersdenkende, Andersgläubige, Andersaussehende – die Linken tun es. Und selbst wenn die Rechten es auch tun, sind immer noch die Linken daran schuld. Gratulation! Professor Patzelt hat in seinem kleinen Aufsatz mit meisterhafter Dialektik die Wahrheit von den Füßen auf den Kopf gestellt. Und was folgt nun praktisch daraus?

Politiker und Medien sollten Pegida signalisieren: „Wir haben verstanden – und sorry, dass wir anfangs nicht richtig hingesehen haben!“

Richtig, Leute! Wir müssen uns alle bei PEGIDA entschuldigen! Wir müssen uns dafür entschuldigen, dass wir in unserer Blindheit nicht die Vernunft hinter der marschierenden Dummheit, hinter der brüllenden Bosheit nicht die tiefe Menschlichkeit von PEGIDA erkannt haben!

Zum Schluss bedient Professor Patzelt sich auch noch – in vorbildlich interdisziplinärer Weise – seiner Kenntnisse im Bereich der Geologie, um seine These vom unterdrückten Volkszorn zu veranschaulichen:

Anscheinend drückt das Magma unrepräsentierten Volksempfindens und unveredelten Volkswillens allenthalben in Deutschland nach oben. Freilich lagert sich darüber im Westen jene feste Kruste, welche erfahrungsbewährtes Systemvertrauen, jahrzehntelang problemlose Sozialstaatlichkeit und der institutionenbesetzende Aufstieg der “68er” geschaffen haben. Also dringt nur mittelbar und in kleinen Geysiren nach oben, was unterschwellig auch da brodelt. Doch anders verhält es sich im Osten, wo seit der Wiedervereinigung demoskopische Umfragen zeigen, um wie viel dünner dort das Deckgebirge repräsentativer Demokratie ist. In Dresden kamen bloß einige besondere Umstände zusammen – und ließen einen Vulkan ausbrechen.

Hier muss ich Professor Patzelt in einem Detail noch widersprechen. Ich glaube nicht, dass es Magma ist, was da aus den Tiefen ans Tageslicht tritt. Es ist zwar gefährlich und gelegentlich übelriechend, aber nicht glühend heiß, sondern kalt, ganz erschreckend kalt.

Das Ende der PEGIDA

Es mag gewagt erscheinen, das Ende von PEGIDA vorherzusagen, da die Bewegung auf dem Höhepunkt ihres äußerlichen Erfolges steht. Überhaupt sind Prophezeiungen immer heikel, weil sie nicht nur durch die Akteure, sondern auch durch den Zufall widerlegt werden können. Warum ich es trotzdem riskiere? Ich habe mir zum ersten Mal die Reden der PEGIDA-Führer nicht bloß durchgelesen, sondern auch im Fernsehen angeschaut. Putin und Russia Today sei Dank. Sagen wir es so: Dass weder Lutz Bachmann noch Kathrin Oertel in der Lage sind, einen fehlerfreien Satz in deutscher Sprache zu formulieren, das mag beim kleinen Mann auf der Straße vielleicht noch Sympathie wecken, dem ja nichts so zuwider ist wie Intellektualismus. Aber dass die PEGIDA-Führer inzwischen sichtlich überfordert sind von der Bewegung, die sie selbst ausgelöst haben, das dürfte auch dem kleinen Mann nicht behagen. Lutz Bachmann und seine Kumpels haben offensichtlich nicht den geringsten Schimmer, was sie mit der Truppe anfangen sollen, die sie so erfolgreich zusammengetrommelt haben. Die neuen “sechs Forderungen” sind wie schon das frühere “Positionspapier” kein politisches Programm, sondern nur eine Ansammlung von Phrasen. Noch lassen sich die Leute Woche für Woche klaglos im Kreis an der Nase herumführen, aber irgendwann wird selbst der eisernste Patriot ungeduldig. Im Internet stimmen die PEGIDA-Führer noch Triumphgeschrei an. Das passiert, wenn Dummheit dem Größenwahn erliegt.

An PEGIDA ist nicht die – verglichen mit der guten alten NPD ziemlich milde – Agitation gegen Flüchtlinge, Einwanderer und Muslime bemerkenswert. Lutz Bachmann fordert ja sogar gemäßigte Muslime auf, sich PEGIDA anzuschließen. (Und gewiss kommen die bald gern zu einer Demonstration, bei der Schilder wie “Islam = Karzinom” hochgehalten werden.) Bemerkenswert an PEGIDA ist vor allem die radikale Verachtung der Demokratie. Die Bewegung hat dem Rest der Gesellschaft den Krieg erklärt, was jede Verständigung ausschließt und alle Logik außer Kraft setzt. PEGIDA beklagt eine vermeintliche Abschaffung der Meinungsfreiheit in Deutschland – und verurteilt gleichzeitig den Schlagersänger Roland Kaiser dafür, dass er seine Meinung gesagt hat. PEGIDA protzt mit einer in der Tat beachtlichen Teilnehmerzahl – und denunziert zugleich die Gegendemonstranten, die angeblich alle nur auf “Druck von Behörden” oder “wegen der Gratis-Konzerte” auf die Straße gingen. PEGIDA fordert eine “Repräsentation unseres Volkes” im Deutschen Bundestag – und verurteilt zugleich alle “Altparteien”, die von der deutschen Bevölkerung in den Bundestag gewählt wurden. Es herrscht unangefochten die Logik des Krieges: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Wer uns kritisiert, der lügt. Die Führer der PEGIDA, diese geistesschwachen Knallchargen, haben die Bewegung in eine Sackgasse manövriert: Friedensgespräche haben sie unmöglich gemacht, aber eine bedingungslose Kapitulation der Bundesrepublik Deutschland ist so schnell auch nicht zu erwarten. Noch kann Lutz Bachmann die Menge mit Ausfällen gegen den äußeren Feind bei Laune halten, doch das Murren wird schon vernehmlicher. Der größte Feind von PEGIDA ist jetzt die Langeweile.

Kann denn aber eine Bewegung anti-demokratisch sein, die beständig vom “Volk” spricht? Sogar reklamiert, das “Volk” zu sein? Das geht ganz problemlos, wenn man “völkisch” gesinnt ist. Dann gehören nämlich Immigranten nicht zum “echten” Volk, ja trotz einwandfrei arischer Wurzeln nicht einmal die politischen Gegner im Inland. Denn wie könnten “Volksverräter” zum Volk zählen? Wer das Volk ist, bestimmt PEGIDA. Eine “Volksherrschaft” im Sinne dieser Bewegung wäre also keine Demokratie, sondern nichts als eine Diktatur der Patridioten. Einem neurechten Portal namens blu-News haben Frau Oertel und ihr Kollege René Jahn jüngst ein offenherziges Interview gegeben. Als Schreckensszenario für das, was Deutschland bevorsteht, wenn nicht schleunigst die Forderungen der PEGIDA erfüllt werden, nennt dieser Herr Jahn da – die Stadt Brüssel! Denn dort haben angeblich 70% der Bewohner einen Migrationshintergrund. Ob diese Zahl stimmt oder nicht (nach Wikipedia sind es 57%), ist unerheblich. Aber dass für PEGIDA der Alptraum eine Metropole ist, in der Menschen verschiedenster Herkunft zusammenleben, das ist aufschlussreich. Das Ideal dieser Volksdeutschen ist eine rassisch homogene Volksgemeinschaft, in der bestenfalls einige Ausländer geduldet werden, solange sie nicht auffallen. Herr Bachmann und Frau Oertel stellen sich Deutschland wie eine vergrößerte Version von Coswig vor. Wovor uns Gott bewahren möge! Was sie nicht zu wissen scheinen: Es gibt eine Stadt, die noch viel schlimmer ist als Brüssel! Einen Sündenpfuhl der Rassenschande, wo fast 100% der Bewohner einen Migrationshintergrund haben: New York! Das könnte Europa, das könnte Deutschland, das könnte Coswig bevorstehen! Es ist nicht auszudenken!

Was wird nun aber passieren mit PEGIDA? Den Nazis und Komplettirren unter den Demonstranten ist die Bewegung längst zu harmlos. Sie bleiben nur wegen des Erfolgs noch bei der schwarz-rot-goldenen Fahne. Sollte der Zulauf mit der Zeit nachlassen, werden sie ganz schnell zur schwarz-weiß-roten zurückkehren. Der Rest der Anhänger bietet sich zur Ausbeutung durch die Alternative für Deutschland an, Frauke Petry hat die freundliche Übernahme als Wählerschaft schon in die Wege geleitet. Was aber wird bleiben von Lutz Bachmann und seinen Kumpels? Nicht mehr als die schamvolle Erinnerung daran, dass in der vermeintlichen Kulturstadt Dresden so kulturlose Menschen einmal eine öffentliche Rolle gespielt haben.

Die Rückkehr der Döner-Nazis

In dem sächsischen Dörfchen, in dem ich aufwuchs, gab es keine Ausländer. Da meine Eltern den Urlaub auch nie in der Fremde verbrachten, begegnete mir in meiner ganzen Kindheit nie leibhaftig ein Mensch aus einem anderen Land. In dem Städtchen, in dem ich später das Gymnasium besuchte, gab es beinahe keine Ausländer. In all den Schuljahren bis zum Abitur hatten wir nie ausländische Mitschüler. Nur einmal bekamen wir zwei Spätaussiedler in unsere Klasse. Die trugen deutsche Namen, sprachen aber nur gebrochen Deutsch mit russischem Akzent. Wir belächelten die beiden wegen ihrer abgetragenen Klamotten. Unsere Lehrerin setzte einen der beiden neben mich. Ich half Andreas bei seinen Aufgaben, so gut es ging. Auf die Idee, ihn einmal zuhause zu besuchen, kam ich nicht. Hinter seinen Namen setzte er bei Unterschriften immer einen Punkt, so wie man es aus sehr alten Büchern kennt. Nach kurzer Zeit verließen die beiden unsere Klasse wieder.

Es gab an unserer Schule einige wenige Punks. Die meisten aber hielten sich politisch für “neutral” oder bezeichneten sich als “national, aber kein Nazi”. Man hatte was gegen Ausländer, ohne wirklich welche zu kennen. Ich war in meiner Pubertät noch so infantil, dass ich mir kaum alleine die Schuhe zubinden konnte. Ich hatte von nichts eine Ahnung, geschweige denn eine eigene Meinung. Also quatschte auch ich abends beim Dosenbier an der Tanke über “die Ausländer” mit, was alle quatschten. Ich war ein armes Würstchen und wollte den Anschluss nicht verpassen. Von den Nazis mit grüner Bomberjacke und weißen Schnürsenkeln in schwarzen Stiefeln hielt man sich aber auf jeden Fall fern. Aus Mangel an Fremden und Linken polierten die Nazis nämlich regelmäßig auch einwandfreien Deutschen die Fresse, falls die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befanden. Ich selbst entsinne mich eines etwas brenzligen Moments: Eine besoffene Zweimeterglatze hatte mich beim Maifeuer (in unserer Gegend sinnigerweise “Hexenbrennen” genannt) am Kragen gepackt und drohte, mich in die Flammen zu schmeißen. Ein befreundeter Punk rettete mich: Er beschimpfte die etwas schwerfällige Glatze lautstark, lenkte sie so ab und ich verkrümelte mich unauffällig.

Einmal lud der Direktor unserer Schule Menschen aus einem nahe gelegenen Asylbewerberheim zu uns in die Schule. Nach einer Diskussion in der Aula stand man zusammen im Hof und redete. Wir stellten überrascht fest: Das sind ja ganz normale Leute! Sonst trafen wir Ausländer nur noch, wenn wir beim örtlichen Döner-Imbiss einkehrten. Auch hier fühlte man sich überraschend schnell heimisch unter Fremden. Wahrscheinlich hat der Döner in Ostdeutschland mehr im Kampf gegen Rechts bewirkt als alle politischen Aufklärungskampagnen zusammen. Es gab sogar sogenannte “Döner-Nazis”, die trotz aller ideologischen Überzeugung einfach nicht davon lassen konnten, Fleischmasse im Fladenbrot zu naschen. Regelmäßig wurden die Döner-Nazis wegen ihrer Schwäche für volksfremde Ernährung von Kameraden zusammengeschissen, aber es nutzte nichts. Es schmeckte einfach zu gut! Und es war so billig!

In den Jahren vorm Abitur lernte ich dann Freundinnen und Freunde kennen, die mir vernünftige Musik vorspielten und mir zeigten, dass man nicht nur Cabinet Würzig rauchen kann. Mit ihnen fuhr ich in die alternativen Jugendklubs der Umgebung, wo Hippies und Punks, Metaller und Normalos sich zwanglos und friedlich miteinander vergnügten. Das Brett vor meinem Kopf wurde durchlässiger, bis ich irgendwann halbwegs klar sah. Und ich entdeckte, wie viel freier und freudvoller das Leben ohne Brett vorm Kopf ist. Vielen Freunden, die sich einst für “national” gehalten hatten, erging es glücklicherweise ebenso. Ich beschloss, dem Provinzdasein bald zu entfliehen und in einer Großstadt zu studieren. Und als Ort für diesen Aufbruch wählte ich – es darf gelacht werden – die Stadt Dresden. Für ein völlig unbedarftes Landei wie mich war die Dresdner Neustadt allerdings erst einmal wirklich eine neue und aufregende Welt.

Als in Dresden nun die rechten “Abendspaziergänge” zur Massenbewegung wurden, fotografierte sich der Anführer selbst beim Essen eines Döners, um zu beweisen, dass er kein Nazi sei. Hatte er keine Angst, die Kräutersauce könnte islamistisch kontaminiert sein? Und ein Demonstrant erzählte dem Journalisten Deniz Yücel: “Ich bin nicht gegen alle Ausländer. Wir kommen aus einem Dorf hier bei Dresden, da gibt es einen Dönermann, ein Türke. Der arbeitet hart und ist anständig. Der ist in Ordnung.” Ich weiß nicht, ob es die geläuterten Döner-Nazis von einst sind, die sich jetzt unter die Montagsdemonstranten gemischt haben. Die Logik der Protestierer ist jedenfalls bemerkenswert: Ich kenne einen Ausländer, den ich mag, also bin ich kein Ausländerfeind, obwohl ich schon dafür bin, dass die anderen Ausländer verschwinden. Es gibt offenbar auch Menschenfeinde, die Ausnahmen machen. (Bekanntlich hatte sogar Hitler einen Juden, den er mochte.) Was stimmt mich eigentlich so traurig, wenn ich die Selbstaussagen der fremdenfeindlichen Dönerfreunde lese? Es ist wohl die Tatsache, dass diese Menschen einen ganz einfachen Gedanken nicht fassen können oder wollen: Wenn der Ausländer, den ich kenne, ganz in Ordnung ist, sind es dann nicht vielleicht auch die Ausländer, die ich nicht kenne?

Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es unter den protestierenden Patrioten auch Menschen gibt, die noch zur Vernunft kommen könnten. Aber eines scheint mir sicher: Man sollte dem Hass nicht den Gefallen tun, ihm verständnisvoll auf die Schulter zu klopfen. Und absurde Ängste bekämpft man nicht, indem man sie “ernst nimmt”, sondern indem man sich über sie lustig macht.

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