Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für PEGIDA

In jenen Monaten, in denen die Anführer der PEGIDA sich noch weigerten, mit der “Lügenpresse” zu reden, nahm ein Mann gerne auf dem frei gebliebenen Stuhl Platz und warb eloquent um Verständnis für die Protestbewegung: der Dresdner Professor Werner Patzelt. Anders, als man es von einem Politologen erwarten würde, hielt sich Patzelt nicht mit tiefschürfenden Analysen auf, sondern ergriff beherzt Partei für den “kleinen Mann”, der da angeblich auf die Straße gehe. Ein Wissenschaftler, der allen Ernstes vom “kleinen Mann” redet? Der einen Popanz zum Argument erhebt? Das gibt’s doch nicht? Und ob! In Dresden gibt’s auch das.

In einem Aufsatz mit dem Titel Was unterhalb von Pegida brodelt hat Professor Patzelt nun seine Auffassungen näher dargelegt. Er klagt in seinem Text vorausschauend über den allgegenwärtigen “Rohrstock der Satire”, wird ihn nun aber leider auch mal selbst aushalten müssen. Es tut mir aufrichtig leid, aber Strafe muss sein! Immerhin ist der Mann gut gepolstert, es wird schon nicht allzu wehe tun.

Professor Patzelt ist keineswegs blind für die unschöne Seite der PEGIDA-Proteste. Nein, er räumt mit unnachahmlicher Nonchalance ein:

Zwar marschieren bei Pegida schon auch Rechtsradikale.

Zwar schon auch! Kann man sich entschiedener ausdrücken?

Doch die allermeisten der vielen Tausende von Demonstranten gehören in Dresden zum ganz normalen Volk.

Hier könnte er leider fast recht haben. Und doch: Sollte ein Wissenschaftler nicht vielleicht schon einmal etwas von der Kritik am problematischen Begriff der “Normalität” gehört haben? Aber vielleicht hat Professor Patzelt seine akademische Hülle ja für den öffentlichen Diskurs abgestreift und in den Schrank gehängt wie einen lästigen Talar. Nun tritt er uns in seiner ursprünglichen Blöße als Dresdner Bürger entgegen. In solcher Unbedarftheit hat er die Demonstrationen selbst beobachtet und bei PEGIDA nur “ganz normale Leute” gesehen. Denn niemand dort zeigte einen “Hitlergruß” und alle schwenkten nur “Schwarz-Rot-Gold”. Niemand stellte sich Professor Patzelt persönlich als Nazi vor. Damit ist der empirische Beweis erbracht: PEGIDA ist ganz normal. Umso unverständlicher die “Wut” der Gegendemonstranten, die Patzelt genießerisch in ihrer ganzen Lächerlichkeit bloßstellt. Diesen trotteligen Gegendemonstranten fehlt wohl der theoretische Zugang, den Patzelt bei dem “in solchen Dingen sehr klarsichtigen Carl Schmitt” (der in anderen Dingen nicht ganz so klar sah) gefunden hat:

Hier halten nämlich auf der einen Seite Freunde zusammen – und steht auf der anderen Seite der Feind. Da geht es um “wir” gegen “sie”.

Doch nicht etwa PEGIDA hat diese “Feindbildpflege” mit ihrer Abschottung und ihren Hassparolen verbreitet. Nein, es war natürlich die Opposition. Davon, dass diese überhaupt nicht wie PEGIDA stahlhart vereint, sondern wie immer in Dresden in zahllose Fraktiönchen zersplittert ist, hat Patzelt offenbar noch nichts gehört.

Auf den empirischen Befund, der allein schon durch die Beobachtungsgabe des Professors als repräsentativ gelten darf, folgt nun die weitere Analyse. PEGIDA ist nicht etwa eine Gelegenheit, über das Weiterleben des völkischen Nationalismus in Deutschland nachzudenken. Nein, eine rechte Bewegung bietet Patzelt den erwünschten Anlass zur Kritik an der Linken. Dialektik in höchster Vollendung! Es geht ihm um “Glanz und Elend politischer Korrektheit”. Man ahnt bei der Überschrift schon, was nun kommen wird. Und leider: Es kommt! In Kürze: Wegen unschöner Vorkommnisse in der deutschen Vergangenheit sind Meinungsäußerungen der Rechten heute kaum mehr möglich, weil ja die Linken alle Rechten sogleich als Nazis denunzieren können. Die übermächtigen Alt-68er haben die Redaktionsstuben der Republik erobert, den Diskurs völlig unter ihre Kontrolle gebracht. “Lügenpresse! Lügenpresse! Lügenpresse!”, brüllt Professor Patzelt nicht. Wie kommt es nur, dass ich es trotzdem höre?

Was Deutschland fehlt, das ist die “Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens”:

Sie besteht darin, dass im öffentlichen Diskurs Publizisten und Politiker in rationale, unanstößige, diskursiv anschlussfähige Sprache überführen, was sich an Denkweisen oder Interessensbekundungen an den Stammtischen und auf den Internetseiten der Nation ausdrückt – und zwar mit oft ganz unzulänglichen, ja primitiven Mitteln, die ihrerseits manch hetzerische Dynamik entfalten.

Ganz genau! Wenn Deutschland eins braucht, dann Intellektuelle, die den hetzerischen und menschenverachtenden Quatsch von rechtsradikalen Stammtischbrüdern und Internettrollen in aalglatte, klemmfaschistoide Politphrasen übersetzen. Was Deutschland bräuchte, das wären ein Thilo Sarrazin, eine Alternative für Deutschland, eine Junge Freiheit! Schade, dass es die alle nicht gibt! Solange das leider so ist, haben die Linken schuld daran, dass die Rechten ihre an sich liebenswerten Anliegen leider nur in demagogischer Form vorbringen können. Wir müssen darüber hinweghören! Wir müssen die in bravem Ton “publizierten Forderungen von Pegida” ernst nehmen, auch wenn sie den privaten und öffentlichen Äußerungen von vielen Führern und Geführten der PEGIDA widersprechen. Wir dürfen sie nicht etwa als verlogene Tarnung entlarven. Denn das wäre Ausgrenzung “im Namen von Toleranz und Integration”! Natürlich gibt es auch bornierte Linke, die aus Abscheu von Anfang an jede Verständigung mit den Demonstranten abgelehnt haben, dies sei Professor Patzelt zugestanden. Aber warum nur hat er so wenig Verständnis für diese linke Volkswut, da er der rechten doch Gehör verschaffen will? Oder gehören die Linken etwa nicht zum “Volk”, weil das von Natur aus rechts steht?

Fassen wir noch einmal zusammen: Die Linken sind durch ihre Meinungsdiktatur schuld daran, dass die Rechten sich leider nicht so gepflegt und menschenfreundlich ausdrücken können, wie sie es gerne täten. Und weil die Linken die Parolen der Rechten nicht widerspruchslos hinnehmen, ihnen die Gesellschaft nicht kampflos überlassen wollen, machen sie sich schlimmster anti-demokratischer Ausgrenzung schuldig. Nicht PEGIDA attackiert Andersdenkende, Andersgläubige, Andersaussehende – die Linken tun es. Und selbst wenn die Rechten es auch tun, sind immer noch die Linken daran schuld. Gratulation! Professor Patzelt hat in seinem kleinen Aufsatz mit meisterhafter Dialektik die Wahrheit von den Füßen auf den Kopf gestellt. Und was folgt nun praktisch daraus?

Politiker und Medien sollten Pegida signalisieren: „Wir haben verstanden – und sorry, dass wir anfangs nicht richtig hingesehen haben!“

Richtig, Leute! Wir müssen uns alle bei PEGIDA entschuldigen! Wir müssen uns dafür entschuldigen, dass wir in unserer Blindheit nicht die Vernunft hinter der marschierenden Dummheit, hinter der brüllenden Bosheit nicht die tiefe Menschlichkeit von PEGIDA erkannt haben!

Zum Schluss bedient Professor Patzelt sich auch noch – in vorbildlich interdisziplinärer Weise – seiner Kenntnisse im Bereich der Geologie, um seine These vom unterdrückten Volkszorn zu veranschaulichen:

Anscheinend drückt das Magma unrepräsentierten Volksempfindens und unveredelten Volkswillens allenthalben in Deutschland nach oben. Freilich lagert sich darüber im Westen jene feste Kruste, welche erfahrungsbewährtes Systemvertrauen, jahrzehntelang problemlose Sozialstaatlichkeit und der institutionenbesetzende Aufstieg der “68er” geschaffen haben. Also dringt nur mittelbar und in kleinen Geysiren nach oben, was unterschwellig auch da brodelt. Doch anders verhält es sich im Osten, wo seit der Wiedervereinigung demoskopische Umfragen zeigen, um wie viel dünner dort das Deckgebirge repräsentativer Demokratie ist. In Dresden kamen bloß einige besondere Umstände zusammen – und ließen einen Vulkan ausbrechen.

Hier muss ich Professor Patzelt in einem Detail noch widersprechen. Ich glaube nicht, dass es Magma ist, was da aus den Tiefen ans Tageslicht tritt. Es ist zwar gefährlich und gelegentlich übelriechend, aber nicht glühend heiß, sondern kalt, ganz erschreckend kalt.

Das Ende der PEGIDA

Es mag gewagt erscheinen, das Ende von PEGIDA vorherzusagen, da die Bewegung auf dem Höhepunkt ihres äußerlichen Erfolges steht. Überhaupt sind Prophezeiungen immer heikel, weil sie nicht nur durch die Akteure, sondern auch durch den Zufall widerlegt werden können. Warum ich es trotzdem riskiere? Ich habe mir zum ersten Mal die Reden der PEGIDA-Führer nicht bloß durchgelesen, sondern auch im Fernsehen angeschaut. Putin und Russia Today sei Dank. Sagen wir es so: Dass weder Lutz Bachmann noch Kathrin Oertel in der Lage sind, einen fehlerfreien Satz in deutscher Sprache zu formulieren, das mag beim kleinen Mann auf der Straße vielleicht noch Sympathie wecken, dem ja nichts so zuwider ist wie Intellektualismus. Aber dass die PEGIDA-Führer inzwischen sichtlich überfordert sind von der Bewegung, die sie selbst ausgelöst haben, das dürfte auch dem kleinen Mann nicht behagen. Lutz Bachmann und seine Kumpels haben offensichtlich nicht den geringsten Schimmer, was sie mit der Truppe anfangen sollen, die sie so erfolgreich zusammengetrommelt haben. Die neuen “sechs Forderungen” sind wie schon das frühere “Positionspapier” kein politisches Programm, sondern nur eine Ansammlung von Phrasen. Noch lassen sich die Leute Woche für Woche klaglos im Kreis an der Nase herumführen, aber irgendwann wird selbst der eisernste Patriot ungeduldig. Im Internet stimmen die PEGIDA-Führer noch Triumphgeschrei an. Das passiert, wenn Dummheit dem Größenwahn erliegt.

An PEGIDA ist nicht die – verglichen mit der guten alten NPD ziemlich milde – Agitation gegen Flüchtlinge, Einwanderer und Muslime bemerkenswert. Lutz Bachmann fordert ja sogar gemäßigte Muslime auf, sich PEGIDA anzuschließen. (Und gewiss kommen die bald gern zu einer Demonstration, bei der Schilder wie “Islam = Karzinom” hochgehalten werden.) Bemerkenswert an PEGIDA ist vor allem die radikale Verachtung der Demokratie. Die Bewegung hat dem Rest der Gesellschaft den Krieg erklärt, was jede Verständigung ausschließt und alle Logik außer Kraft setzt. PEGIDA beklagt eine vermeintliche Abschaffung der Meinungsfreiheit in Deutschland – und verurteilt gleichzeitig den Schlagersänger Roland Kaiser dafür, dass er seine Meinung gesagt hat. PEGIDA protzt mit einer in der Tat beachtlichen Teilnehmerzahl – und denunziert zugleich die Gegendemonstranten, die angeblich alle nur auf “Druck von Behörden” oder “wegen der Gratis-Konzerte” auf die Straße gingen. PEGIDA fordert eine “Repräsentation unseres Volkes” im Deutschen Bundestag – und verurteilt zugleich alle “Altparteien”, die von der deutschen Bevölkerung in den Bundestag gewählt wurden. Es herrscht unangefochten die Logik des Krieges: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Wer uns kritisiert, der lügt. Die Führer der PEGIDA, diese geistesschwachen Knallchargen, haben die Bewegung in eine Sackgasse manövriert: Friedensgespräche haben sie unmöglich gemacht, aber eine bedingungslose Kapitulation der Bundesrepublik Deutschland ist so schnell auch nicht zu erwarten. Noch kann Lutz Bachmann die Menge mit Ausfällen gegen den äußeren Feind bei Laune halten, doch das Murren wird schon vernehmlicher. Der größte Feind von PEGIDA ist jetzt die Langeweile.

Kann denn aber eine Bewegung anti-demokratisch sein, die beständig vom “Volk” spricht? Sogar reklamiert, das “Volk” zu sein? Das geht ganz problemlos, wenn man “völkisch” gesinnt ist. Dann gehören nämlich Immigranten nicht zum “echten” Volk, ja trotz einwandfrei arischer Wurzeln nicht einmal die politischen Gegner im Inland. Denn wie könnten “Volksverräter” zum Volk zählen? Wer das Volk ist, bestimmt PEGIDA. Eine “Volksherrschaft” im Sinne dieser Bewegung wäre also keine Demokratie, sondern nichts als eine Diktatur der Patridioten. Einem neurechten Portal namens blu-News haben Frau Oertel und ihr Kollege René Jahn jüngst ein offenherziges Interview gegeben. Als Schreckensszenario für das, was Deutschland bevorsteht, wenn nicht schleunigst die Forderungen der PEGIDA erfüllt werden, nennt dieser Herr Jahn da – die Stadt Brüssel! Denn dort haben angeblich 70% der Bewohner einen Migrationshintergrund. Ob diese Zahl stimmt oder nicht (nach Wikipedia sind es 57%), ist unerheblich. Aber dass für PEGIDA der Alptraum eine Metropole ist, in der Menschen verschiedenster Herkunft zusammenleben, das ist aufschlussreich. Das Ideal dieser Volksdeutschen ist eine rassisch homogene Volksgemeinschaft, in der bestenfalls einige Ausländer geduldet werden, solange sie nicht auffallen. Herr Bachmann und Frau Oertel stellen sich Deutschland wie eine vergrößerte Version von Coswig vor. Wovor uns Gott bewahren möge! Was sie nicht zu wissen scheinen: Es gibt eine Stadt, die noch viel schlimmer ist als Brüssel! Einen Sündenpfuhl der Rassenschande, wo fast 100% der Bewohner einen Migrationshintergrund haben: New York! Das könnte Europa, das könnte Deutschland, das könnte Coswig bevorstehen! Es ist nicht auszudenken!

Was wird nun aber passieren mit PEGIDA? Den Nazis und Komplettirren unter den Demonstranten ist die Bewegung längst zu harmlos. Sie bleiben nur wegen des Erfolgs noch bei der schwarz-rot-goldenen Fahne. Sollte der Zulauf mit der Zeit nachlassen, werden sie ganz schnell zur schwarz-weiß-roten zurückkehren. Der Rest der Anhänger bietet sich zur Ausbeutung durch die Alternative für Deutschland an, Frauke Petry hat die freundliche Übernahme als Wählerschaft schon in die Wege geleitet. Was aber wird bleiben von Lutz Bachmann und seinen Kumpels? Nicht mehr als die schamvolle Erinnerung daran, dass in der vermeintlichen Kulturstadt Dresden so kulturlose Menschen einmal eine öffentliche Rolle gespielt haben.

Die Rückkehr der Döner-Nazis

In dem sächsischen Dörfchen, in dem ich aufwuchs, gab es keine Ausländer. Da meine Eltern den Urlaub auch nie in der Fremde verbrachten, begegnete mir in meiner ganzen Kindheit nie leibhaftig ein Mensch aus einem anderen Land. In dem Städtchen, in dem ich später das Gymnasium besuchte, gab es beinahe keine Ausländer. In all den Schuljahren bis zum Abitur hatten wir nie ausländische Mitschüler. Nur einmal bekamen wir zwei Spätaussiedler in unsere Klasse. Die trugen deutsche Namen, sprachen aber nur gebrochen Deutsch mit russischem Akzent. Wir belächelten die beiden wegen ihrer abgetragenen Klamotten. Unsere Lehrerin setzte einen der beiden neben mich. Ich half Andreas bei seinen Aufgaben, so gut es ging. Auf die Idee, ihn einmal zuhause zu besuchen, kam ich nicht. Hinter seinen Namen setzte er bei Unterschriften immer einen Punkt, so wie man es aus sehr alten Büchern kennt. Nach kurzer Zeit verließen die beiden unsere Klasse wieder.

Es gab an unserer Schule einige wenige Punks. Die meisten aber hielten sich politisch für “neutral” oder bezeichneten sich als “national, aber kein Nazi”. Man hatte was gegen Ausländer, ohne wirklich welche zu kennen. Ich war in meiner Pubertät noch so infantil, dass ich mir kaum alleine die Schuhe zubinden konnte. Ich hatte von nichts eine Ahnung, geschweige denn eine eigene Meinung. Also quatschte auch ich abends beim Dosenbier an der Tanke über “die Ausländer” mit, was alle quatschten. Ich war ein armes Würstchen und wollte den Anschluss nicht verpassen. Von den Nazis mit grüner Bomberjacke und weißen Schnürsenkeln in schwarzen Stiefeln hielt man sich aber auf jeden Fall fern. Aus Mangel an Fremden und Linken polierten die Nazis nämlich regelmäßig auch einwandfreien Deutschen die Fresse, falls die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befanden. Ich selbst entsinne mich eines etwas brenzligen Moments: Eine besoffene Zweimeterglatze hatte mich beim Maifeuer (in unserer Gegend sinnigerweise “Hexenbrennen” genannt) am Kragen gepackt und drohte, mich in die Flammen zu schmeißen. Ein befreundeter Punk rettete mich: Er beschimpfte die etwas schwerfällige Glatze lautstark, lenkte sie so ab und ich verkrümelte mich unauffällig.

Einmal lud der Direktor unserer Schule Menschen aus einem nahe gelegenen Asylbewerberheim zu uns in die Schule. Nach einer Diskussion in der Aula stand man zusammen im Hof und redete. Wir stellten überrascht fest: Das sind ja ganz normale Leute! Sonst trafen wir Ausländer nur noch, wenn wir beim örtlichen Döner-Imbiss einkehrten. Auch hier fühlte man sich überraschend schnell heimisch unter Fremden. Wahrscheinlich hat der Döner in Ostdeutschland mehr im Kampf gegen Rechts bewirkt als alle politischen Aufklärungskampagnen zusammen. Es gab sogar sogenannte “Döner-Nazis”, die trotz aller ideologischen Überzeugung einfach nicht davon lassen konnten, Fleischmasse im Fladenbrot zu naschen. Regelmäßig wurden die Döner-Nazis wegen ihrer Schwäche für volksfremde Ernährung von Kameraden zusammengeschissen, aber es nutzte nichts. Es schmeckte einfach zu gut! Und es war so billig!

In den Jahren vorm Abitur lernte ich dann Freundinnen und Freunde kennen, die mir vernünftige Musik vorspielten und mir zeigten, dass man nicht nur Cabinet Würzig rauchen kann. Mit ihnen fuhr ich in die alternativen Jugendklubs der Umgebung, wo Hippies und Punks, Metaller und Normalos sich zwanglos und friedlich miteinander vergnügten. Das Brett vor meinem Kopf wurde durchlässiger, bis ich irgendwann halbwegs klar sah. Und ich entdeckte, wie viel freier und freudvoller das Leben ohne Brett vorm Kopf ist. Vielen Freunden, die sich einst für “national” gehalten hatten, erging es glücklicherweise ebenso. Ich beschloss, dem Provinzdasein bald zu entfliehen und in einer Großstadt zu studieren. Und als Ort für diesen Aufbruch wählte ich – es darf gelacht werden – die Stadt Dresden. Für ein völlig unbedarftes Landei wie mich war die Dresdner Neustadt allerdings erst einmal wirklich eine neue und aufregende Welt.

Als in Dresden nun die rechten “Abendspaziergänge” zur Massenbewegung wurden, fotografierte sich der Anführer selbst beim Essen eines Döners, um zu beweisen, dass er kein Nazi sei. Hatte er keine Angst, die Kräutersauce könnte islamistisch kontaminiert sein? Und ein Demonstrant erzählte dem Journalisten Deniz Yücel: “Ich bin nicht gegen alle Ausländer. Wir kommen aus einem Dorf hier bei Dresden, da gibt es einen Dönermann, ein Türke. Der arbeitet hart und ist anständig. Der ist in Ordnung.” Ich weiß nicht, ob es die geläuterten Döner-Nazis von einst sind, die sich jetzt unter die Montagsdemonstranten gemischt haben. Die Logik der Protestierer ist jedenfalls bemerkenswert: Ich kenne einen Ausländer, den ich mag, also bin ich kein Ausländerfeind, obwohl ich schon dafür bin, dass die anderen Ausländer verschwinden. Es gibt offenbar auch Menschenfeinde, die Ausnahmen machen. (Bekanntlich hatte sogar Hitler einen Juden, den er mochte.) Was stimmt mich eigentlich so traurig, wenn ich die Selbstaussagen der fremdenfeindlichen Dönerfreunde lese? Es ist wohl die Tatsache, dass diese Menschen einen ganz einfachen Gedanken nicht fassen können oder wollen: Wenn der Ausländer, den ich kenne, ganz in Ordnung ist, sind es dann nicht vielleicht auch die Ausländer, die ich nicht kenne?

Ich bin der Letzte, der leugnen würde, dass es unter den protestierenden Patrioten auch Menschen gibt, die noch zur Vernunft kommen könnten. Aber eines scheint mir sicher: Man sollte dem Hass nicht den Gefallen tun, ihm verständnisvoll auf die Schulter zu klopfen. Und absurde Ängste bekämpft man nicht, indem man sie “ernst nimmt”, sondern indem man sich über sie lustig macht.

Der gekaufte Gegner

Bekommt ein Autor dieser Tage böse Post von Lesern, dann kann er sicher sein, ungefähr Folgendes zu finden: “Allein von der Wahrheit kann man schlecht leben, oder?! Sie schreiben das doch nur, weil sie sich finanzielle Einkünfte erhoffen! Überhaupt die Medien und Politiker, die sind doch alle gekauft!!!” Ach, wär’s doch nur so! Wie lieb wäre mir ein bisschen mehr Geld! Aber ich bitte um Vorkasse! Seit Jahren warte ich auf Bestechungsversuche, aber Pustekuchen! Nichts, rein gar nichts! Kommt ein Brief bei mir an, reiße ich ihn jedes Mal auf in der Hoffnung auf ein Bündel Geldscheine direkt von der CIA, den Weisen von Zion oder der Homo-Lobby, aber was finde ich? Nur wieder einen schlecht gelaunten Leserbrief!

Wenn ein Autor mit seinen Schriften Geld verdient, und sei es noch so wenig, dann ist für den Wutbürger, den für seine Meinung niemand entlohnen will, die Bestechlichkeit schon erwiesen. Da er den Unterschied nicht begreifen kann, der in der Frage liegt, ob jemand fürs Schreiben bezahlt wird oder dafür, was er schreibt, ist für ihn sonnenklar: Alles Lügner! Aber längst nicht nur Leser, sondern auch Autoren werfen Kollegen im gegnerischen Lager vor, bezahlte Schwindler zu sein, und glauben, ihre Feinde damit erledigt zu haben.

Als dem politischen Schriftsteller Friedrich Gentz einmal von seinem Gegner Joseph Görres vorgeworfen wurde, er sei korrupt, erwiderte er öffentlich: “Den Vorwurf, gegen seine Überzeugung geschrieben zu haben, geben wir ihm nicht zurück. Dergleichen Anklagen sollten Schriftsteller von gewissem Gehalt, was auch die Verschiedenheit ihrer Ansichten sein mag, des gemeinschaftlichen Interesses der Aufrechterhaltung ihres Ansehens und ihrer Würde eingedenk, nie gegeneinander aussprechen.” Nun war aber Friedrich Gentz tatsächlich einer der korruptesten Schriftsteller aller Zeiten. Riesige Summen bekam er von der englischen Regierung, die sich darüber freute, dass Gentz die Deutschen zum Kampf gegen Napoleon mobilisierte. Als engster Mitarbeiter des Fürsten Metternich wurde er vom österreichischen Kaiserreich auch fürstlich dafür bezahlt, gegen alle demokratischen Bestrebungen anzuschreiben. Und auch sonst ließ er sich keine Zuwendung entgehen, an einem Freund schrieb er offenherzig: “Ich liebe die Missbräuche bei den Finanzen.” Der Vorwurf der Korruption gegen Gentz war also vollauf berechtigt. Und doch hat Friedrich Gentz mit seiner Kritik am Korruptionsvorwurf im Wesentlichen recht.

Der Vorwurf der Bestechlichkeit in der öffentlichen Debatte ist unnütz, selbst wenn er zutrifft. Dies hat einen ganz einfachen, logischen Grund: Die Tatsache, dass einer fürs Schreiben bezahlt wurde, sagt über den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen gar nichts aus. Selbst ein korrupter Autor kann recht haben. Auch aus einem Misthaufen kann eine Blume erblühen. In der Philosophie spricht man von der Differenz von Genese und Geltung. Wer nur den Vorwurf der Korruption gegen einen Gegner erhebt, der will sich die Arbeit ersparen, dessen Argumente sachlich zu widerlegen. Der Korruptionsvorwurf ist darüber hinaus nicht nur unnütz, sondern auch schädlich. Mit einem Menschen, von dem ich annehme, er lüge prinzipiell, ist überhaupt keine sinnvolle Kommunikation mehr möglich. Der Rest ist Schweigen. Als Mittel einer Auseinandersetzung bleibt nur noch die Gewalt. Es ist also eine Maxime des gesunden Menschenverstandes, selbst einem Gegner, den man für einen Lügner hält, zunächst eine ehrliche Überzeugung zuzuschreiben. Erst unter dieser Voraussetzung wird es überhaupt möglich, ihm Widersprüche in seinen Äußerungen und Handlungen nachzuweisen und vorzuwerfen.

Ein geschulter Marxist wird vielleicht einwenden: “Diese Trennung von Genese und Geltung ist doch selbst bürgerliche Ideologie! Der geistige Überbau ist eben nicht unabhängig von der materiellen Basis, die Produktion von Gedanken und Worten spiegelt nur die Produktion von Waren und Dienstleistungen. Eine kritische Theorie entlarvt die Ideologie einer Gesellschaft als Abbild ihrer ökonomischen Verhältnisse.” Aber selbst dies zugestanden, bleibt der Vorwurf der Käuflichkeit Ideologiekritik für Dummies. Denn Ideologie ist gerade nicht einfach Lüge, sondern das verkehrte Bild von verkehrten Verhältnissen. In gewisser Hinsicht sagt die Ideologie also die Wahrheit, indem sie die Unwahrheit sagt. Will man sie kritisieren, dann gilt es, nicht nur nach Lügen zu fahnden, sondern die Notwendigkeit des Irrtums nachzuweisen. Der Redakteur bei Business Punk schreibt vermutlich nicht so, wie er schreibt, weil er gegen Bezahlung lügt. Er ist vielmehr ehrlich von der Richtigkeit seiner Weltanschauung überzeugt. Und dies auch mit gewissem Recht, denn für ihn erscheint der Kapitalismus ja in bestem Licht. Erst eine Zeitungskrise, in deren Verlauf auch seine Stelle eingespart würde, könnte ihn vielleicht in Zweifel stürzen. Dass es daneben auch zynische Propagandisten gibt, versteht sich von selbst. Ihre Entlarvung ist verdienstvoll. Aber bei ihnen handelt es sich gewiss um die Ausnahme, nicht die Regel. Den meisten Menschen fehlen zum ausdauernden Lügen die Fantasie und das Geschick. Sie ersparen sich die Mühe, indem sie glauben, was sie glauben sollen.

Der Vorwurf der Korruption wird heute parteiübergreifend erhoben. Die Linken schmähen ihre Gegner in bewährter Weise als Propagandisten des Großkapitals. Aber auch die Rechten wittern geheime Geldströme, die aus mysteriösen Quellen ihren Feinden vermeintlich zufließen. Wüssten die Rechten nur, wie lausig bei den Linken bezahlt wird! Ihr Hass verwandelte sich augenblicklich in Mitleid! Dass inzwischen jeder jeden für käuflich hält, ist schließlich auch ein schöner Beleg für den endgültigen Sieg des alternativlosen Kapitalismus. Die Mehrheit der Deutschen kann es sich nicht einmal mehr vorstellen, dass einer eine Überzeugung äußert, ohne dafür bezahlt worden zu sein. Mit dem ewigen Vorwurf der Bestechlichkeit verrät der Wutbürger also, ganz ohne es zu ahnen, eine Menge über sich selbst.

Für diesen Beitrag bezahlt mich übrigens mal wieder kein Schwein.

Die besorgten Bürger

Jeden Montag demonstrieren seit Wochen in Dresden „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Und allerorten protestieren Deutsche lautstark gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft. „Wir müssen die Sorgen dieser Bürger ernst nehmen!“, das sagen mir Politiker, Journalisten und Leser. „Wir dürfen sie nicht den Nazis überlassen!“ Ich würde ja gern! Ich würde so gern die Sorgen der Bürger ernst nehmen! Fiele es nur nicht so verdammt schwer! Fiele er nur nicht so schwer, sie ernst zu nehmen, und so leicht, sie komisch zu finden!

Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich in Gegenden vor der Islamisierung fürchten, in denen kaum Menschen wohnen, die sich zum Islam bekennen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich schon überfremdet fühlen, wenn sie mal einem Menschen mit anderer Hautfarbe auf der Straße begegnen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die gegen den Islamismus demonstrieren und gleichzeitig – weil man schon mal auf der Straße ist! – auch gleich noch gegen die Menschen, die auf der Flucht vor dem mörderischen Islamismus in unserem Land Schutz suchen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die gegen Menschen protestieren, denen sie noch nie im Leben begegnet sind, was freilich ihrer Überzeugung, es werde sich wohl um Vergewaltiger und Diebe handeln, keinen Abbruch tut! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich als Retter des „christlichen Abendlandes“ ausgeben und zugleich jene, die von Nächstenliebe sprechen, als „Gutmenschen“ verlachen! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die an Demonstrationen für die Redefreiheit teilnehmen, wo ihnen ihre Führer allerdings verbieten, den Mund aufzumachen, weil sie fürchten, es könnten einige sagen, was sie denken! Es fällt so schwer, die Sorgen von Bürgern ernst zu nehmen, die sich dagegen verwahren, mit Nazis in einem Atemzug genannt zu werden, aber nichts dagegen haben, mit Nazis in einem Demonstrationszug zu marschieren!

Das alles fällt so schwer! Aber wir müssen uns zwingen! Wir müssen Verständnis dafür aufbringen, dass besorgte Bürger in Dresden einem Führer namens Lutz Bachmann applaudieren. Einem aufrechten Patrioten, der versichert, kein Rassist zu sein, aber auch schon mal Xavier Naidoo einen „Kameltreiber“ nennt. Der sich gegen Gewalt ausspricht, wenn er nicht gerade im Internet fordert, „Claudia Fatima Roth“ solle „standrechtlich erschossen“ werden. Der die Arbeit der Polizei lobt, wenn sie seine Demonstration schützt, aber die „Bullen“ für „völlig dämlich“ hält, wenn sie Flüchtlinge schützen. Ja, wir müssen Verständnis dafür aufbringen, wenn tausende Sachsen einer solchen Spottgeburt aus Hass und Heuchelei zujubeln! Denn wir wollen ja die besorgten Bürger nicht den Nazis überlassen, denen sie sich längst in die Arme geworfen haben!

Die Furcht vor dem Fremden gehört zu den Neigungen, welche die Natur allen Menschen in die Eingeweide gepflanzt hat, dem Autor dieser Zeilen wie jedem anderen auch. Wer behauptet, keine Vorurteile zu haben, ist entweder ein Heuchler oder wurde in Freiburg im Breisgau gezeugt. Rassismus entsteht, wie der Schriftsteller Andreas Altmann sehr treffend sagt, von ganz allein „wie Dreck unter den Fingernägeln“. Denn jedes Vorurteil bestätigt sich laufend selbst, weil es immer nur Tatsachen entdeckt, die ihm recht geben. Man sieht sie ja wirklich, die Fälle von Terror und Verbrechen, man kann sie nicht leugnen. Gibt es unter Zuwanderern auch Arschlöcher? Gewiss! Warum sollten sie besser sein als die Einheimischen? Doch erscheint uns die fremde Übeltat immer barbarischer als die heimische. Wenn ein Deutscher eine Straftat begeht, war’s ein Krimineller. Wenn ein Ausländer eine Straftat begeht, war’s ein Ausländer. Es gibt Deutsche, die ihren Verstand nur dazu einsetzen, ihre Vorurteile zu kultivieren. Sie finden immer neue Begründungen für ihren Hass, aber der Hass war zuerst da, die Gründe kommen später. Wer nicht nur einen Verstand, sondern auch Vernunft besitzt, der weiß: Man kann seinen Kopf auch dazu benutzen, die Wut im Bauch zu kontrollieren, um nicht zum Bauchredner seiner Wut zu werden.

Bürger, ich will eure Sorgen ernst nehmen! Ich verspreche es! Aber bitte nehmt auch ihr meine Sorge ernst: Wenn das Abendland vor den Islamisten gerettet ist, wer wird es vor den Rettern retten?

Zitat des Monats November

…VOLLSPINNER! Gehören standrechtlich erschossen diese Öko-Terroristen!… allen voran Claudia Fatima Roth!

(Lutz Bachmann, der Führer der anti-rassistischen und pazifistischen PEGIDA-Demonstrationen in Dresden, auf Twitter am 6. September 2013)

Die patriotischen Europäer sprechen

In Dresden demonstriert seit einigen Wochen mit wachsendem Erfolg die Initiative “Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes” (PEGIDA). Da ich bislang nicht vor Ort war, bin ich, um mir ein Urteil zu bilden, auf den Text der Rede angewiesen, die ausweislich der Facebook-Seite der Gruppe am 17.11. gehalten wurde. Der ungenannte Redner kann Interesse beanspruchen, nicht wegen des Inhalts seines Textes, sondern wegen der sprachlichen und intellektuellen Schlichtheit, mit der er die gegenwärtig liebsten Steckenpferde der Neuen Rechten reitet.

Wir ALLE haben in der letzten Woche durch verschiedene Medienberichte erleben dürfen, WIE in unserem Land das Recht auf Meinungsfreiheit respektiert wird…

Nämlich GAR NICHT…!!!

In dem Moment, wo man von der vorgefertigten Meinung abweicht, ist diese Freiheit abgeschafft !!!

Wir haben erleben dürfen, dass WIR ALLE als RECHTE… als NAZIS… als RASSISTEN… beschimpft werden.

Der Redner versäumt es, darzulegen, wann und wo den Patrioten das Rede- oder Demonstrationsrecht verweigert wurde. Es wurde ihnen nämlich tatsächlich gewährt, ja sogar durch den Einsatz der Polizei verschafft. Als Ende der Meinungsfreiheit erscheint ihm vielmehr, dass Patrioten von Gegnern “beschimpft” worden seien. Wie also sähe Meinungsfreiheit nach dem Geschmack der Dresdner Patrioten aus? Sie herrschte in einem Staat, in dem den Gegnern der Patrioten das Maul gestopft wäre. Gegen den Vorwurf, sie seien Rassisten, dürfen sich die angeblich mundtoten Patrioten noch öffentlich verteidigen:

Radikale Islamisten sind keine Rasse, ALSO SIND WIR KEINE RASSISTEN!

Eine Unterscheidung, die durchaus einleuchtet. Sie markiert den Unterschied zwischen völkischen und kulturalistischen Fremdenhassern. Ob allen Demonstranten dieser feine Unterschied beizubringen ist, scheint zweifelhaft. Die Kommentarspalte bei Facebook spricht eher dagegen. Aber ich möchte bewusst nicht auf die Pöbeleien der Fans eingehen, sondern auf die offizielle Verlautbarung.

Wir akzeptieren KEINE HETZE von irgendwelchen Hasspredigern gegen “Ungläubige” oder Andersgläubige unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit!

Wir akzeptieren in Europa keinerlei “Tätigkeiten” von IS, PKK, al Kaida oder wie sie alle heißen!

Die Patrioten, die sich dagegen verwahren, mit Nazis und Rassisten in einen Topf geworfen zu werden, werfen verschiedenste, ja miteinander verfeindete Gruppen in einen Topf. Warum? Weil alle dem Islamismus huldigten? Keineswegs, denn die PKK ist ja eine sozialistische, säkulare Bewegung. Offenbar gehören alle in einen Topf, weil sie alle irgendwie arabisch sind. (Oder kurdisch, aber wen kümmern solche Details.) Und schon ist er wieder da, der gerade erst verabschiedete Rassismus. Er ist eben hartnäckiger als man denkt, besonders wenn er im Kopf viel Platz hat, um sich häuslich einzurichten.

Wir möchten. dass alle Kinder in einem friedlichem und weltoffenem Deutschland und Europa aufwachsen können!

Ich möchte, dass die Deutschfühlenden erst mal Deutsch lernen, bevor sie den Mund aufmachen. Aber das dürfen wir nicht erwarten. Die Patrioten stellen stattdessen acht dringliche Forderungen, so etwa:

6. Bewahrung und Schutz unserer Identität und unserer christlich-jüdischen Abendlandkultur

Was genau an der jahrhundertelangen Unterdrückung und Verfolgung der Juden durch die Christen in Europa sie bewahrenswert finden, verraten die Patrioten leider nicht. Aber bringen wir einfach ein Hoch auf die “Abendlandkultur” aus, deren Religionskriege mehr christliche Brüder unter die Erde gebracht haben, als es der islamistischste Islam je könnte.

8. Es muss für uns wieder normal sein, öffentlich die Liebe zu seinem Vaterland zum Ausdruck zu bringen! Gegen Antipatriotismus!

Man muss auf die Feinheiten achten, auf die der Redner selbst nicht geachtet hat. So kann man die Rede zum Sprechen bringen. Es soll nicht etwa nur erlaubt sein, patriotische Gefühle zu zeigen. (Ist es denn verboten? Aber gut, Schwamm drüber.) Nein, es muss “normal” werden. Sodass jeder, der sich weigert, im patriotischen Schwindel mitzutaumeln, als Anormaler aussortiert werden kann. So richtig neu ist dieser Nationalismus nicht, er sieht sogar ziemlich alt aus.

Liebe Freunde, abermals bitte ich Euch, lasst uns Anknüpfen an die vergangenen Montage und FRIEDLICH, SCHWEIGEND und ANDÄCHTIG durch unsere wundervolle Stadt Dresden ziehen. Wir bitten Euch inständig: Bitte ruft KEINE PAROLEN!! Mahnende Ruhe ist das Gebot der Stunde!

Es ist zu schade: Die Rede ist fast zuende, da entlarvt sich der Redner mit rührender Naivität doch noch selbst. Er, der Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, verbietet seinen eigenen Anhängern das Wort! Verpasst ihnen einen Maulkorb! Warum? Weil er Angst vor dem hat, was sie brüllen könnten. Das wäre – im Gegensatz zu seiner Rede – nämlich vermutlich wirklich die Wahrheit.

WIR SIND STARK, WIR SIND DAS VOLK!!

Das mag sein. Dann habe ich mir nur mal erlaubt, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Der “Tarif-Bär” im Klassenkampf

Jüngst las ich in der Zeitung, eine der letzten Brachen in der Innenstadt von Berlin unweit der ehemaligen Grenze sei nun auch glücklich zugebaut worden. Dort steht jetzt – Überraschung! – ein neues Einkaufszentrum auf jenem Gelände, das vor dem Krieg das legendäre „Wertheim“-Kaufhaus trug. Tausende Kunden stürmten zur Eröffnung das Gebäude und shoppten wie die Bekloppten.

Aber, so las ich weiter, nicht alle waren vollauf begeistert:

Erst seit einer Woche ist das Einkaufszentrum Mall of Berlin an der Leipziger Straße geöffnet, dafür ist dort schon einiges passiert: Zweimal gab’s Feueralarm, und am Mittwoch war ein Bär da. Es war ein “Tarif-Bär”, ein Aktivist der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Kostüm des Berliner Wappentiers.

Und was wollte der Bär? Das neue Riesenkaufhaus steht einige hundert Meter zu weit im Osten, deshalb bekommen die Mitarbeiter weniger Geld als ihre Kollegen ein kleines Stück weiter westlich. Das mag man beklagen. Oder man freut sich gut marxistisch über die historische Dialektik, die darin liegt, dass gerade die Kapitalisten die üble kommunistische Mauer nicht ganz abreißen wollen, jedenfalls nicht im Bereich der Lohnbemessung. Über diese Ungerechtigkeit jedenfalls sollte der Bär die konsumierenden Massen aufklären. Aber was passierte?

Die Resonanz auf den Tarif-Bären sei verhalten ausgefallen, berichtet Verdi. Nur wenige Kunden hätten reagiert.

Wie schade! Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ein Gewerkschaftsfunktionär, vermutlich nicht von der obersten Ebene, verkleidet sich als Werbemaskottchen wie ein unterbezahlter Student, der für ein Fitnessstudio oder eine Pizzeria Passanten anquatschen muss. Und nicht irgendein Kostüm trägt der Gewerkschafter, sondern das des Berliner Bären, im verzweifelten Versuch, die Konsumenten, wenn nicht bei der Solidarität, dann wenigstens beim Lokalpatriotismus zu packen. Aber die Deutschen sind pragmatisch: Sie wollen von Maskottchen Gutscheine oder wenigstens Kugelschreiber geschenkt bekommen, aber keine Probleme. So steht der „Tarif-Bär“ einsam und traurig in der Fußgängerzone, abschussreifer als jeder Problembär der Vergangenheit. Die Bären sind in Deutschland längst ausgestorben und Gewerkschafter, die sich als Bären verkleiden, verdienen das gleiche Schicksal.

Buchtipp: Erich-Mühsam-Lesebuch

Vor einer Weile besuchte ich die Linken Buchtage im Berliner Mehringhof. Gelockt hatte mich die Ankündigung einer Buchpremiere. Das eben im Verbrecher Verlag erschienene Lesebuch Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! sollte vorgestellt werden. Ein Teil des Publikums erwies dem Anarchisten, Dichter und exzessiven Lebenskünstler Erich Mühsam schon dadurch die Ehre, dass munter jede Ordnung ignoriert und weiter fleißig gequascht und gesoffen wurde. Die Protagonisten auf der Bühne ließen sich aber keineswegs beirren. Markus Liske, einer der Herausgeber, las einige Texte und erläuterte das Konzept des Lesebuches: Es enthält nicht nur ausgewählte Gedichte, Glossen und Essays Mühsams, sondern auch Auszüge aus seinen Memoiren Unpolitische Erinnerungen und aus Tagebüchern und Briefen. Alles zusammen ergibt, chronologisch geordnet, nicht nur eine Blütenlese, sondern auch eine kleine Biografie des Dichters. Die zweite Herausgeberin des Bandes ist Manja Präkels, die zugleich als Sängerin mit ihrer Band Der singende Tresen wunderbare Vertonungen von Mühsams Gedichten vortrug.

Markus Liske schreibt in seinem Nachwort, Mühsam gehöre gewiss weder zu den größten deutschen Dichtern noch zu den besten Theoretikern des Anarchismus. Seinen Wert mache vor allem die unvergleichliche Einheit von Persönlichkeit, Leben und Werk aus. In der Tat: In dieser Hinsicht lässt sich Mühsam in der deutschen Literaturgeschichte kaum jemand an die Seite stellen. Sein unbeirrbares Verlagen, die literarische Utopie unmittelbar im Leben zu verwirklichen, war romantisch und politisch zugleich. Als sein Hauptwerk werden deshalb vielleicht auch in nicht ferner Zukunft die sensationellen Tagebücher gelten, die von Chris Hirte und Conrad Piens ebenfalls im Verbrecher Verlag herausgegeben werden, aber auch online schon zugänglich sind. Aber fünfzehn Bände liest man nicht mal nebenbei, weswegen sich das neue Lesebuch als Einstieg für Neugierige sehr empfiehlt.

Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert!Aus jeder Zeile Mühsams spricht seine Integrität, Toleranz und beinahe naive Menschenfreundlichkeit. “Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin”, notierte selbst Ernst Jünger. Alle Lebensabschnitte Mühsams sind im Buch gleichgewichtig vertreten: Kabarettistische Glossen und Trinklieder aus der Vorkriegszeit in der Berliner und Münchner Bohème; Berichte über seine Mitwirkung beim scheiternden Versuch, in Bayern eine Räterepublik zu errichten; Tagebuchblätter aus der darauf folgenden Zeit in Festungshaft; Pamphlete aus der anarchistischen Zeitschrift Fanal, in der er in der späten Weimarer Republik die Fassadendemokratie und die sowjet-marxistische Parodie des Kommunismus gleichermaßen attackierte. Nur mit Mühe liest man schließlich die Berichte seiner Frau Zenzl, die erzählt, wie Mühsam in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten buchstäblich zu Tode gefoltert wurde.

Die Lektüre dieser Texte ist keineswegs nur etwas für sentimentale Freunde linker Historie. Mühsam schreibt – in Lyrik wie in Prosa – einen klaren und witzigen, an Heinrich Heine geschulten Stil. Sein alkoholfreies Trinklied namens Der Gesang der Vegetarier kann man noch immer gut an Freunde der Gesinnungsethik schicken, um sie zu ärgern. Seine Betrachtungen zur Stimmzettelbeerdigung in Urnen unter dem Titel Zur Naturgeschichte des Wählers sind gerade heute wieder äußerst lesenswert. Gleiches gilt für sein unsterbliches Porträt des ewigen Sozialdemokraten: Der Revoluzzer. Nichts ist leichter als der Einwurf, wie diese utopische Anarchie denn bitte funktionieren solle. Unsere Gesellschaft funktioniert allerdings reibungslos. Erich Mühsam repräsentiert eine Radikalität im Denken und im Leben, die befreiend schon wirkt, wenn man nur von ihr liest.

Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! Ein Lesebuch. Hg. von Markus Liske und Manja Präkels. Berlin: Verbrecher Verlag, 2014, 352 Seiten, 16 Euro

Aus meiner Fanpost (5)

Zu meiner Dokumentation Eine Alternative für Sachsen erreicht mich Post von den Alternativen selbst:

Dr. Hans Thomas Tillschneider: Schmähschriften sind ein riskantes Genre. Leicht sagen sie sehr viel mehr Nachteiliges über ihren Autor als über den, der getroffen werden soll. Diese unfreiwilligen Selbstbespiegelungen, diesen peinlichen Bumerangeffekt zu vermeiden gelingt nur echten Meistern. Michael Bittner gehört nicht dazu. Das zumindest hat er mit seinem neusten Text über unser Programm effektvoll unter Beweis gestellt. Wir erfahren dort, dass Bittner Kinderreichtum für eine „persönliche Macke“ hält (!), Feminismus und Genderideologie nicht auseinander halten kann und es für ihn der Gipfel der Komik ist, dass Pflanzen Kohlendioxid zum Wachsen brauchen. Ansonsten lässt er die Hosen an. Gott sei’s gedankt! Wenigstens hat er erkannt und stimmt uns darin zu, dass nationale Identität die Voraussetzung der Demokratie ist. Und damit ist alles gesagt.

PS (von Dr. Thomas Hartung): M. Bittner entpuppt sich als dumpfer Kleingeist, der alles, was über seinen konkreten Horizont hinausweist, weder wahrnehmen will noch verarbeiten kann. Wer nicht erkennt, dass bspw. der antithetische Präambel-Abschnitt zu Waschanlagen und Lehrern darauf zielt, die FDP-Politik als Scheinpolitik mit falschen Prioritäten zu entlarven, ist entweder selbst FDP-Mitglied/ Sympathisant oder in Molwanien zur Schule gegangen – über den Ort des Germanistikstudiums will ich gleich gar nicht mutmaßen.

Ach, schade: Die zwei Doktoren wollten Rache ist Blutwurst spielen, aber heraus kam nur beleidigte Leberwurst. Da will einer den Spieß herumdrehen, schneidet sich aber leider wieder ins eigene Fleisch, weil er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Das nennt man Bumerangeffekt! Jeder Unbefangene kann deutlich lesen, dass ich nicht Kinderreichtum, sondern Bevölkerungspolitik für eine Macke halte. Jeder geistig nicht völlig Verbohrte weiß, dass Gender Studies keine Genderideologie sind, sondern ein Studienfach. Akademische Disziplinen aber schließen zu wollen, die einem nicht passen, da ist die AfD ganz auf der Linie der SED. Ein Ruhmesblatt für den Akademiker Dr. Tillschneider! Dass er Ironie weder versteht noch zu gebrauchen weiß, sei ihm gegönnt. Na, und Dr. Hartung, seien Sie mal bitte nicht so streng! Ich bedaure, dass ich über Ihre Provinzquerelen mit der FDP nicht genau informiert bin. Aber Sie schreiben doch selbst über Blogs: “Recherche darf in gewissem Maße substituiert werden durch Subjektivität.”

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