Gibt es wirklich noch Menschen, die auf die mittlerweile über alle Maßen öde Masche der politisch Inkorrekten hereinfallen? Auf Leute wie Walser oder Sarrazin, die von allen Titelseiten und auf allen Kanälen posaunen, man verbiete ihnen den Mund, weil sie so provokante Wahrheiten aussprächen? Es sieht so aus. Wie wäre es sonst zu erklären, dass ein so mediokres Exemplar wie der Journalist Jan Fleischhauer, den sich der Spiegel als konservativen Redaktionsnarren hält, Aufmerksamkeit auf sich zieht? Fleischhauer hat gewiss einen Riecher für die Schwächen seiner Gegner, aber die snobistische Häme, die seine Texte durchzieht, macht sie für Menschen mit gesundem Geschmack auf Dauer ungenießbar. In seiner neuesten Kolumne hat er sich noch einmal selbst unterboten:
Hand aufs Herz: Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der “Costa Concordia” Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?
Man kennt diesen Typus aus dem Strandurlaub: ein Mann der großen Geste und sprechenden Finger. Im Prinzip harmlos, man sollte ihn nur nicht zu nahe an schweres Gerät lassen, wie sich zeigt. “Bella figura” machen, heißt der italienische Volkssport, bei dem es darum geht, andere zu beeindrucken. Auch Francesco Schettino wollte eine gute Figur machen, leider war ihm ein Felsen im Weg.
Das ist so doof, dass man eigentlich nur den Kopf schütteln und umblättern sollte. Leider wird dummes Zeug wie dieses inzwischen ernsthaft diskutiert, wenn es sich als mutige These ins Gewand des politisch Inkorrekten wirft. Als Entgegnung hier nur so viel: Immerhin waren die Italiener im Gegensatz zu den mutigen Deutschen so klug, sich ihres Diktators selber zu entledigen und ihn an der nächstbesten Laterne aufzuhängen.
Wenn ein Sachse bundesweite Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann meistens dadurch, dass er Blödsinn äußert. Gerade in dieser Hinsicht mit einem Offenen Brief erfolgreich: der FDP-Bundestagsabgeordnete Joachim Günther aus dem schönen Vogtland. Unter der Überschrift
Pressehetze ignorieren? Ich bin so frei!
legt Günther einen echten Rundumschlag hin:
Wer in den vergangenen Wochen und Monaten die Medien verfolgt hat, muss sich eine Frage stellen: Was ist bloß in und mit unserer Gesellschaft los?
Das geht schon gut los: “die Medien” und “die Gesellschaft”. Der Leitsatz des schlechten Polemikers: Halte deine Kritik immer so allgemein als möglich. Das wirkt heroisch, aber bei konkreten Nachfragen¹ kannst du dich immer darauf zurückziehen, du hättest ja dieses und jenes gar nicht gemeint.
Da ist der nicht immer glücklich handelnde Bundespräsident, den die Journalistenmeute wie einen räudigen Fuchs über sämtliche Titelblätter und durch alle Fernsehsendungen hetzt, weil er Vergünstigungen in Anspruch genommen haben soll. Und ich frage mich, wer von den Hetzern fährt sein Auto nicht zum Sondertarif oder nutzt nicht die Presse-Rabatte der Reiseanbieter, der Technikhersteller etc.? [...]
Der Bundespräsident hat “nicht immer glücklich” gehandelt? Gleich zu Anfang muss man schmunzeln, wie der eben noch brüllende Löwe schon im ersten Absatz Kreide frisst, wenn es um einen von den eigenen Leuten geht. Mit “den Journalisten” hingegen geht er hart ins Gericht und nennt sie unverblümt “Hetzer”. Dass die auch sehr gerne Vergünstigungen in Anpruch nehmen, ist übrigens wahr und darf den Kollegen ruhig auch mal aufs Brot geschmiert werden. Aber wäre die Frage nicht: Soll ein Minister- oder gar Bundespräsident sich benehmen wie ein beliebiger Schnorrer, der sich gerne beim Gratis-Buffet durchfrisst?
Die Medien mit linksgrüner Hysterie-Berichterstattung werden immer mehr zur 1. Gewalt im Staat. Sie konnten uns vorübergehend suggerieren, dass man in Deutschland nicht einmal mehr einen neuen, modernen Bahnhof bauen darf. Von verschiedensten Brücken-, Straßen-, Stromtrassen-Bauvorhaben ganz zu schweigen. Sie konnten uns auch einreden, dass in Deutschland keiner mehr günstige Energie aus einem Kernkraftwerk haben will. Ich bin schon heute darauf gespannt, was diese Journalisten erzählen, wenn die Strompreise im Zuge der Energiewende drastisch steigen.
Schade! Schon fällt Herrn Günther im Eifer des Gefechts die Faschingsmaske des Volkstribuns wieder herunter und der gute, alte Parteisoldat kommt zum Vorschein. Nun sind es plötzlich nicht mehr “die Medien”, sondern “linksgrüne” Verschwörer, die hinter allem stecken sollen. Aus der belanglosen Medienschelte wird flugs vorhersehbares Grünen-Bashing. Und die Deutschen sind natürlich eigentlich riesige Atomkraftfans. Wenn das diese verdammten Zeitungen doch nur endlich mal schreiben würden!
Wir als FDP halten eine Finanztransaktionssteuer für sinnvoll, aber nur dann, wenn sie in ganz Europa eingeführt wird. Es brächte nachweislich Nachteile für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn sie nur partiell – etwa in den Ländern der Eurozone – eingeführt würde. Deshalb sträuben wir Liberale uns gegen die Pläne der Bundeskanzlerin. Was war in den Headlines der Zeitungen zu lesen? „FDP torpediert Merkels Zocker-Steuer“. Aus meiner Sicht eine bewusste Irreführung der Leser. [...]
Sicher nicht irreführender als dieser Absatz von Joachim Günther. Denn, Hand aufs Herz: Die FDP ist doch nur deshalb für die Finanztransaktionssteuer nur im Rahmen der EU, weil sie genau weiß, dass sie in diesem Rahmen nie zustande kommen wird. Und genau das wünscht sich in Wahrheit auch Herr Günther. Erwischt!
Wer stoppt diesen Kampagnen-Wahnsinn? Solange wir als Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer uns weiter so an der Nase herumführen lassen, wird sich nichts ändern. Solange werden uns weiter in der Hauptsache Negativschlagenzeilen vorgesetzt und Berichte, die den Hauch eines Skandals haben – aus der Welt- und Bundespolitik übrigens ebenso wie aus dem lokalen Geschehen. Wo sind die Berichte darüber, dass es 2011 in Deutschland 41 Millionen Erwerbstätige gab – so viele wie seit der Wiedervereinigung nicht, oder darüber, dass es 8 Milliarden Euro Überschüsse in den sozialen Sicherungssystemen gibt? Darüber, dass jeder Deutsche 2012 durchschnittlich 413 Euro mehr Geld in der Tasche haben wird? [...]
Ja, wo bleibt es nur, das Positive? Ach, weiß der Teufel, wo es bleibt. Only bad news are good news. Das ist nun einmal so und wird auch immer so bleiben. Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen, sobald die “Bild” mal mit der Schlagzeile “Es geht uns gut!” aufmacht.
Wie schnell sind bei uns vorschnell Verleumdungskampagnen losgetreten, die am Ende nicht gerechtfertigt sind, aber jede Menge persönliches Leid verursachen.
Und wie schnell hat man indirekt die Behauptung aufgestellt, die Vorwürfe gegen den Bundespräsidenten und – noch schlimmer! – die Angriffe gegen die FDP basierten nur auf Lügen!
Was ist geworden aus dem Dichter- und Denkerland Deutschland, dem Land des Fortschritts und der Entwicklung?
Geworden ist draus ein Staat, in dem man “Dichter- und Denkerland Deutschland” schreiben darf, ohne in Scham vor sich selbst zu versinken.
Ein Land des Stillstands, des Pessimismus und der Panikmache. Das suggerieren uns zumindest die Medien. Wie der Ruf nach Politikern vom Format früherer Politgrößen immer lauter wird, sollte auch der Ruf nach Journalisten nicht ausbleiben, die ihren Beruf so verstehen und ausüben wie zum Beispiel Hanns Joachim Friedrichs. Schon Wächter, Beobachter, Berichterstatter, aber nie Nachrichtenmacher.
Besonders der Mann, der sich die Nachrichten von den Wahlergebnissen der FDP ausdenkt, gehört hinter Schloss und Riegel. Aber nein, so war’s natürlich nicht gemeint:
Nun kann man unmoralische und unfähige Journalisten nicht einfach zum Rücktritt auffordern.
Doch, man kann. Sie werden darauf aber wohl reagieren wie Christian Wulff und – bleiben.
Wohl aber kann man Zeitungen abbestellen, Radio- und Fernsehsender nicht mehr einschalten.
Und sich Lebensmittelvorräte und eine Schrotflinte besorgen, die Tür verriegeln und sich im Keller verbarrikadieren.
Ich bin sicher, dann würde sich einiges ändern im medialen Bereich. Das erfordert aber Einigkeit unter den Konsumenten und ein gewisses Maß an Werten.
Wenn sich doch nur das Volk, Verzeihung: die Konsumenten, endlich einmal einig wären! Immer diese verschiedenen Meinungen, dieser Streit. Es ist zum Verrücktwerden! Wie schön war’s doch früher, als Joachim Günther noch Kreissekretär der Blockpartei LDPD war und die Presse ausschließlich “konstruktive” Kritik üben durfte. In Maßen!
Aus meiner Sicht geht es um Humanität, Demokratie und Selbstachtung.
Aus meiner Sicht geht es um den Frust eines langsam in Vergessenheit geratenden “Ehrenvorsitzenden der FDP Vogtland”.
Wir müssen wieder zurückfinden zu einem anständigen, fairen Umgang miteinander. Und wir sollten uns fragen, ob die Unzufriedenheit, die sich in unserem Land breit gemacht, die Neid und Pessimismus geboren hat, tatsächlich angebracht ist für eine Staat wie Deutschland, der wirtschaftlich und sozial eine Spitzenposition in der Welt einnimmt.
Wie im Lehrbuch: Am Ende wird’s wieder staatsmännisch und der Zirkelschluss zum Anfang des Textes ist gelungen.
Stellen wir uns als Liberale an die Spitze einer Bewegung, die das Positive, das wir in unserer Gesellschaft haben, wieder mehr in den Vordergrund rückt!
Ach Gottchen, ja. Machen wir das. Bis wieder die Linksgrünen regieren und wir wieder genau das Gegenteil machen. Mit genau derselben Überzeugungslosigkeit, denselben großen Gesten und denselben leeren Worten.
¹ Auf seiner Homepage glättet der vogtländische Maulheld denn auch gleich lieber wieder die Wogen. Nicht, dass die Lokalmedien sich angegriffen fühlen, das wär schlimm: “In meinem Wahlkreis Vogtland sind wir in der komfortablen Situation, zwischen zwei regionalen Tageszeitungen wählen zu können. Ich lese beide mit Interesse. Außerdem bin ich froh, dass wir einen Rundfunksender in Plauen haben, der stets ausgewogen und aktuell aus dem Vogtland berichtet.”
Ich hatte nicht gewusst, dass es eine Sektion der Piratenpartei in Dresden gibt, bis mir eben unaufgefordert folgende Pressemitteilung in den elektronischen Postkasten flatterte:
Die Piratenpartei Dresden kritisiert die Pläne der Schlösser- und Gärtenverwaltung des Freistaates scharf,
Sie kritisiert nicht nur, sondern tut dies auch noch scharf. Den Verantwortlichen wird die Muffe sausen.
ab April Eintritt für den Schlosspark Pillnitz zu erheben. Die dem Freistaat zugehörigen Parkanlagen sind staatliche Kultureinrichtungen und damit Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Ob’s auch eine Nummer kleiner ginge? Als Daseinsvorsorge dienen Parks doch wohl nur den Eichhörnchen.
“Die Piraten lehnen es ab, dass öffentliche Aufgaben immer häufiger privat abgewälzt werden.”
“Privat abwälzen” – wieder ein schönes neues Synonym für das Liebesspiel.
so der Kreisvorsitzende Alexander Brateanu. In Analogie zu einem fahrscheinlosen ÖPNV fordern sie “fahrscheinlose Parkspaziergänge”.
In Analogie zu etwas, das es noch nicht gibt, fordern die Piraten, etwas nicht einzuführen, das es auch noch nicht gibt. Man muss gleich um zwei Ecken denken.
Anstatt zusätzliche Kosten für Kassenhäuschen aufzuwenden,
Kann man Kosten aufwenden?
sollte man neue Wege prüfen, den Finanzierungsbedarf gemeinschaftlich zu lösen.
Oder einen Bedarf lösen? Ich glaube nicht.
“Die Eintrittsgebühr für Pillnitz wäre ein Dammbruch.”, mahnt Brateanu weiter,
Nein, ich bin mir sicher, dass eine Gebühr kein Dammbruch ist.
“Sobald es einen Eintrittspreis gibt, kommen auch Preissteigerungen. Sobald der erste Park betroffen ist, folgt der nächste. Für Staat und Stadt ist dies ein bequemer Weg, sich aus der Verantwortung zu stehlen.” Die Piratenpartei Dresden fordert daher die unverzügliche Rücknahme der Kostenpflicht für den Schlosspark Pillnitz.
Warum klammert sich eine junge Partei, die doch eigentlich alles anders machen möchte, gleich zu Beginn so verkrampft an die ekelhafte Phraseologie der gängigen Politik?
Am Sonntag (13. November) bestreiten Michael Bittner, Max Rademann und Udo Tiffert unter dem Titel “Nachhaltiges Lesen” einen gemeinsamen Auftritt beim Festival Umundu in Dresden. Zu hören gibt es Texte, die sich poetisch und satirisch mit den Themen Konsum, Nachhaltigkeit und Globalisierung auseinandersetzen. Los gehts um 21 Uhr in der Veränderbar. Der Eintritt kostet 4 Euro.
Michael Bittner ist Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal, Co-Moderator des LivelyriX Poetry Slams und schreibt wöchentlich eine literarische Kolumne für das Magazin der Sächsischen Zeitung. Max Rademann liest ebenfalls bei der Lesebühne Sax Royal, arbeitet aber auch als Musiker, DJ und Filmemacher und moderiert einmal im Monat den “Dienstagssalon” im Festspielhaus Hellerau. Udo Tiffert ist Autor der Lesebühne Cottbus, hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und reist mit seinen melancholisch-witzigen Geschichten durch die ganze Republik. Alle drei lesen seit Oktober monatlich als Lesebühne GRubenhund auch in Görlitz.
Am gestrigen Montag durfte ich auf dem – sehr gelungenen und auch erfreulich gut besuchten – Filmfestival MOVE IT! einem Vortrag von Philipp Ruch lauschen, dem “Gründer und Chefunterhändler” des Zentrums für politische Schönheit. Politische Schönheit? Das klang paradox, interessant und anspruchsvoll zugleich. Leider versäumte es Ruch, das der Initiative zu Grunde liegende Konzept überhaupt erst einmal vorzustellen. Stattdessen führte er eine etwas wirre Sammlung von YouTube-Schnipseln vor, die einzelne Projekte des Zentrums dokumentierten.
So projektierte das Zentrum beispielsweise eine schwimmende Brücke über das Mittelmeer, um Flüchtlingen den Weg zu erleichtern und das Sterben an der Außengrenze der Festung Europa zu beenden. Sodann präsentierte man Überlebende des Völkermords von Srebrenica vor dem Reichstag – zusammen mit Bombenattrappen, die darstellen sollten, dass damals der rechtzeitige Abwurf einiger Bomben durch die NATO genügt hätte, um den serbischen Angriff auf die Stadt abzuwehren. Als diese Aktion nicht den erhofften medialen Widerhall fand, habe man sich mit der symbolischen Bildkraft des Holocaust beholfen: Das Zentrum organisierte in Bosnien die Sammlung von 16744 Schuhen, die vor dem Reichstag aufgehäuft an die 8372 Opfer des Genozids in Srebrenica erinnern sollten. Eine Aktion, die sich der Erinnerung an das bekannte Bild der Schuhberge in Auschwitz bedient. Aus den Schuhen soll nach Aussage Ruchs, sobald die nötigen 300000 Euro gesammelt sind, ein Mahnmal der Schande in Srebrenica entstehen, das die Untätigkeit der Vereinten Nationen während des Massakers anklagt.
So wurde erst im Laufe des Vortrags der eigentliche Impuls des Zentrums für politische Schönheit erkennbar: Man möchte mit Mitteln der Aktionskunst das Bewusstsein dafür wecken, Genozide in aller Welt notfalls durch militärisches Eingreifen zu verhindern. Der ästhetische Interventionismus entspricht also einem politischen. Ausgangspunkt, so Ruch, sei ein erweiterter Begriff des Schönen, der wie in der philosophischen Tradition auch das Gute umfasse. Man sei sich dabei, so räumte Ruch auf kritische Nachfragen ein, durchaus bewusst, dass das Konzept der “Responsibilty to Protect“, das militärische Interventionen zur Abwehr von Völkermorden rechtfertigt, gerade in der deutschen Bevölkerung noch wenig populär sei.
Ruchs moralische Selbstgewissheit wirkte während der Diskussion auf einen Teil des Publikums irritierend. So etwa, als er bedauernd konstatierte, dass den serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic vor dem internationalen Strafgerichtshof ein faires Verfahren und nicht die Todesstrafe erwarte – ganz anders als im Falle Saddam Hussein. So beachtens- und bedenkenswert die Initiative auch sein mag: Sie sollte sich vielleicht überlegen, ihren “Chefunterhändler” auszuwechseln, denn die kritische Diskussion mit Andersdenkenden zählt – im Gegensatz zum Das-eigene-Gesicht-in-die-Kamera-halten – nicht zu den Stärken Philipp Ruchs.
Das britische Parlament wird selbst politisch interessierten Menschen, wenn überhaupt, dann nur als Ort merkwürdigster Rituale bekannt sein. In einem historischen Saal, der so klein ist, dass nicht einmal alle Abgeordneten Platz auf den Bänken finden, sitzen da dicht gedrängt die Volksvertreter. Die Regierungserklärung wird nicht vom Premierminister vorgestellt, sondern von der Königin verlesen, die aber nicht ein einziges Wort selbst beisteuern darf. Ist mal so eine Thronrede angesagt, läufts wie folgt: Die Königin kommt ins adlige Oberhaus, also zu ihresgleichen. Ein Zeremonienmeister schreitet nun hinüber zum Unterhaus der bürgerlichen Abgeordneten, um sie hinüber zu befehlen. Zum Zeichen ihres Selbstbewusstseins hauen nun aber die Parlamentarier diesem Zeremonienmeister traditionell jedes Mal wieder die Tür vor der Nase zu! Er muss anklopfen und die Anwesenden bitten, sich doch nach nebenan zu verfügen. Ist das nicht herrlich?
Das älteste Parlament der Welt ist auch das unterhaltsamste. Während im Bundestag meist eine öde Rede nach der anderen gehalten wird, funktioniert das britische Unterhaus dialogisch: Ein Vertreter der Regierung wird von den Abgeordneten befragt und muss sich unmittelbar rechtfertigen. Im britischen Parlament exisiert auch der in Deutschland herrschende Fraktionszwang nicht. Da alle Abgeordneten direkt von den Bürgern ihres Wahlkreises bestimmt werden, sind sie weit weniger als ihre deutschen Kollegen von den Parteien abhängig, denn sie können nicht strafweise von der Liste geworfen werden. So kommt es, dass sich die Regierung nicht nur kritische Fragen von der Opposition, sondern auch von den Abgeordneten der eigenen Partei gefallen lassen muss. Am schönsten aber: Britische Parlamentarier sind oft Absolventen von Eliteuniversitäten, die traditionell großen Wert auf Debattierkultur legen. So kommt es, dass sie rhetorisch brillieren und sich höchst unterhaltsam streiten können. Und dann kommt noch etwas hinzu, was uns Deutschen – mit seltenen Ausnahmen – wohl ganz abgeht: ein souveräner Sinn für Witz und Selbstironie.
Wer sich vom Gehalt meiner merkwürdigen Schwärmerei überzeugen möchte, der schalte das britische Parlamentsfernsehen ein oder schaue sich folgende amüsante Beispielschnipsel an:
Grundsätzlich ist jedes Ereignis, das ein wenig Wirbel in die erzbehäbige Selbstzufriedenheit des Spießernestes Dresden bringt, zu begrüßen. Insofern waren mir die in- und ausländischen Gäste zum Evangelischen Kirchentag höchst willkommen, ja ich war sogar recht neugierig, was die 120000 angekündigten Christen so mit meiner Heimatstadt anstellen würden. Alles verlief dann aber doch recht unspektakulär. Konfrontationen zwischen Heiden und Christen blieben – von einzelnen Scharmützeln am Männertag – weitgehend aus.
Gleich am Mittwoch las ich zur Eröffnung der “Religionsfreien Zone”, die der Humanistenverein GeFAHR als Kontrastprogramm in der Schauburg organisiert hatte. Eine höchst entspannte Sache, keine Fanatiker gleich welcher Färbung waren anwesend, stattdessen vor allem ältere Ehepaare mit akademischer Anmutung. Ich dachte an das französische Sprichwort aus dem 18. Jahrhundert: “Drei Ärzte, ein Atheist!” Die Quote dürfte heute wohl noch größer sein. Kein Wunder: Sieht man beständig, wie Gott Leuten Tumore ins Hirn und Krebs in den Arsch zaubert, schwindet der Glaube sicher leichter.
Am Freitag war ich dann einer der Autoren beim Poetry Slam zum Thema Religion in der Scheune, der zum offiziellen Programm des Kirchentages gehörte. 500 sehr junge Christen füllten das Innere restlos, draußen lauschten zudem vielleicht noch einmal so viele Menschen den Beiträgen über Lautsprecher. Dass der Kirchentag sich schon in fortgeschrittenem Stadium befand, roch man drinnen unverkennbar. Die Atmosphäre entsprach einem Rockfestival am dritten Tag. Gewinner des Dichterwettstreits wurde übrigens Bleu Broode, der als angehender Theologe natürlich transzendenten Heimvorteil hatte.
Gestern besuchte ich dann noch den Abschlussgottesdienst, den eine riesige Menge von Gläubigen an beiden Elbufern feierte. Die Gesänge der Chöre waren zweifellos erhebend. Kleine Gruppen von Helfern, mit Birkenzweigen als Erkennungszeichen ausgestattet, verteilten das heilige Abendmahl. Der Zuspruch hielt sich in Grenzen, vielen wäre wohl ein unheiliges Frühstück lieber gewesen. Verschiedene Menschen predigten Friede, Freude, Eierkuchen – unter ihnen auch lange die Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die auch Politikerin der “Grünen” ist. Überhaupt erschien der Kirchentag einem Parteitag der Grünen nicht unähnlich. Und das nicht nur, weil alle Besucher sich zur Erkennung grüne Tücher um verschiedenste Körperteile geknotet hatten. Auch das grüne Atomkernthema war omnipräsent, ebenso die bekannte Forderung: Frieden schaffen, notfalls mit Waffen. Die Grünen sind endgültig im Mainstream der Gesellschaft angekommen – ein Marxist würde sagen: weil sie die ökonomischen Interessen und Erfordernisse der nächsten Jahrzehnte am besten repräsentieren.
Das beste Symbol für den ganzen Kirchentag war ein riesiges, ganz mit Solarzellen bedecktes Kreuz am Elbufer: Die Kirche und die Grünen in perfekter Symbiose, die Energiewende bekommt den evangelischen Segen. Oder anders ausgedrückt: Die Protestanten sind auf dem Rückweg zur Anbetung des Sonnengottes.
Nach der überraschenden Einigung der SPD mit ihrem Mitglied Thilo S. und der sofortigen Einstellung des laufenden Parteiausschlussverfahrens hat sich die Arbeiterpartei nun noch mit einem weiteren Sorgenkind ausgesöhnt: Auch Hans Püschel, Bürgermeister von Krauschwitz (Sachsen-Anhalt) soll unbestätigten Gerüchten zufolge wieder in die SPD aufgenommen werden. Der ostdeutsche Lokalpolitiker hatte mit seiner Kandidatur für die NPD und umstrittenen Äußerungen (“Sieg heil!”) für Aufregung gesorgt. Nun erklärte die Vorsitzende der parteiinternen Schiedskommisson Ulrike Flachzang, Püschel habe eine zweite Chance verdient. Der langjährige verdiente Sozialdemokrat habe eine überfällige Diskussion angestoßen und sei nur versehentlich übers Ziel hinausgeschossen. Die Partei werde sich jedenfalls von den Medien nicht auseinanderdividieren lassen und denke über die Möglichkeit einer doppelten Parteimitgliedschaft nach, um den Gefühlen an der Basis Rechnung zu tragen. Püschel selbst erklärte, er stehe zu seinem Verhalten, bedaure aber ein bisschen, wenn es vielleicht die Gefühle weniger Untermenschen verletzt haben sollte.
Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg warnte im deutschen Bundestag seine Kritiker: Sie sollten besser ihre Zunge hüten, um sich nicht eventuell der üblen Nachrede schuldig zu machen. Aus diesem Anlass hier eine angemessene Beschimpfung des Verteidigungsministers in denkbar ordentlicher, nämlich alphabetischer Form:
Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Abschreiber, ein Bild-Leser, ein Copypaster, ein Deutscher, ein Erzschelm, ein Falschmünzer, ein Geck, ein hinterfotziger Hochstapler, ein Intrigant, ein Jurist, ein Komödiant, ein listiger Lügner, ein manipulierender Möchtegern, ein Nepper, ein Oberfranke, ein populärer Politiker, eine Quarktasche, ein Rüpel, ein Scharlatan, ein Toastbrot, ein Unfall, ein Volksheld, ein Waschlappen, ein Xerox, ein Yuppie, ein Zeichen des Zerfalls unserer Zivilisation.
Wir kennen die einfache Wahrheit,
Wir sehn durch ein scharfes Glas.
Und unsere Lehre ist Klarheit,
Und unsere Klarheit ist Haß.
Der Haß, der groß und weitsichtig ist,
Der schaffende Haß, der richtig ist.