Donnerstag, 12. Januar: Die Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert 12. Geburtstag!

Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert am 12. Januar ihren 12. Geburtstag! Kaum zu glauben, aber wahr: Seit nunmehr zwölf Jahren begeistern die Royalisten allmonatlich in der Scheune ihr Publikum mit Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik. Humoristischer Ausbruch und literarischer Anspruch schließen sich dabei nicht aus, sondern finden zueinander wie Faust und Auge. Zur Feier des Tages präsentieren die Stammautoren nicht nur wie immer neue Texte, sondern auch einige ihrer größten Erfolge aus den vergangenen Jahren sowie diverse, voraussichtlich größtenteils positive Überraschungen.

Mit dabei ist Michael Bittner, der nach Berlin geflüchtete Kolumnist, Satiriker und politische Verzweiflungstäter. Nicht fehlen darf natürlich auch Julius Fischer, der aus Funk und Fernsehen bekannte komische Liedermacher und Hassyist aus Leipzig. Mitreißende Geschichten im Gepäck hat wie stets Roman Israel, der sich für seine Erzählungen immer öfter durch Reisen inspirieren lässt. Dafür, dass auch die Lyrik ihren gebührenden Platz erhält, sorgt der Dresdner Dichter Stefan Seyfarth.

Außerdem begrüßen die Stammautoren zum Jubiläum auch noch einen Stargast: Michael Schweßinger ist Schriftsteller und Bäcker. 1977 im fränkischen Waischenfeld geboren, lebt und arbeitet er momentan in Bukarest und Leipzig, wo er seit vielen Jahren in der Literaturszene als Autor und Verleger bekannt ist. Immer wieder treibt es ihn durch die Welt, so etwa nach Tansania, Irland und Rumänien. Immer unterwegs ist er auf der Suche nach den dunklen, geheimnisvollen, zerrissenen Helden und ihren verborgenen Geschichten.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – 12. Geburtstag | 12. Januar | Donnerstag | Einlass: 19:30 Uhr, Beginn: 20:00 Uhr | Scheune | Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

Zitat des Monats November

Hallo Herr Bittner, mit Freuden habe ich gelesen, dass Sie Dresden verlassen. Hoffentlich machen Sie Ihren Vorsatz auch wahr und es bleibt nicht nur bei einem leeren Versprechen. Wäre schrecklich, wenn wir Sie hier noch länger ertragen müssten!

S. Fritsche

Lesetipp: Stadtluft Dresden

Cover Stadtluft DresdenIn die Läden kommt dieser Tage die erste Ausgabe von Stadtluft Dresden, einer Mischung aus Buch und Magazin mit ungewöhnlichen Geschichten aus und über Dresden. Macher sind der Journalist Peter Ufer, der Fotograf Amac Garbe und der Grafiker Thomas Walther. Texte beigesteuert haben u.a. Thomas Rosenlöcher, Durs Grünbein, Peter Richter, Thomas Brussig und Annamateur. Auch von Michael Bittner ist eine Geschichte mit dem Titel „Meine Dresdner Jahre“ enthalten.

Micha wird auch mit dabei sein, wenn das neue „Bookzin“ mit einer Lesung am 2. Dezember um 15 Uhr in der Hookie – Manufaktur für Motorräder (Großenhainer Str. 137) der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Festival „Literatur Jetzt!“ 2016 in dieser Woche

Literatur Jetzt 2016 Header

Sollte der Weltuntergang wider Erwarten ausbleiben, findet vom 6. bis zum 13. November wieder Literatur Jetzt! statt, das Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur. Es wird in diesem Jahr nicht von unserem Livelyrix e.V. allein, sondern gemeinsam mit dem Deutschen Hygiene-Museum organisiert. Das Motto dieses Jahres lautet „Wir müssen reden“ und das Festival beschäftigt sich dementsprechend mit allen Aspekten der Sprache und Verständigung. Zu Gast sind namhafte Autoren wie Herta Müller, Lukas Bärfuss, Bov Berg u.v.m. Auf der Homepage des Festivals gibt es das komplette Programm. Besonders auf zwei Veranstaltungen sei an dieser Stelle hingewiesen:

Zum einen die traditionelle Nacht der Lesebühnen mit Autoren aus dem Feld der satirischen und komischen Literatur. Sie findet mit den wunderbaren Kollegen Christian Bartel, Elis, Jacinta Nandi und Anselm Neft am Donnerstag (10. November) um 20 Uhr in der scheune statt. Hier gibt’s Tickets im Vorverkauf.

Zum anderen den Poetry Slam am Freitag (11. November) um 21 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum. Mit dabei sind tolle Poetinnen und Poeten: der Poetry-Slam-Pionier Bas Böttcher, die außerordentlich talentierte junge Berliner Autorin Zoe Hagen, der politisch versierte Kaleb Erdmann aus Frankfurt am Main und die zurzeit in Wien beheimatete, bayrische Poetin Franziska Holzheimer. Hier gibt’s Tickets im Vorverkauf.

Literaturtipp: Poetry Slam „Literaturen am Fluss“ am Freitag, 23. September

Temye Tesfu 2Am Freitag (23. September) findet in Dresden ein Poetry Slam unter dem Titel „Literaturen am Fluss“ im Rahmen der Aktion „FreiRaum – Brücken bauen für Demokratie und Dialog“ statt. Die Reihe wird von der Stiftung Friedliche Revolution organisiert.

Vier junge Poetinnen und Poeten setzen sich literarisch mit Migration und kulturellem Wandel in Europa auseinander. Michael Bittner wird den Abend moderieren und freut sich auf die Leipziger Autorin und Bloggerin Nhi Le, den Berliner Poeten Temye Tesfu (Foto), die Dichterin Tanasgol Sabbagh aus Friedberg in Hessen und Noah Klaus, den Berliner von der Lesebühne Zentralkomitee Deluxe. Der Spaß findet auf der FreiRaum-Bühne auf dem Theaterplatz statt – bei gutem Wetter draußen, bei schlechtem drinnen. Der Eintritt ist frei!

Zitat des Monats Juni

Das war wohl nichts, Herr Bachmann !! Entweder hat dieser Typ keine Ahnung, wie globale Politik funktioniert oder er ist halt gekauft, eins von beiden, sucht es Euch aus. Ich selbst gehe davon aus, dass Bachmann gekauft ist und für den Verfassungsschutz arbeitet, um die patriotische Bewegung im Zaum zu halten. Jeden Montag in Dresden im Kreis zu marschieren ist nämlich total harmlos und absolut impotent, aber das gefällt Herrn Bachmann.

Vergesst Pegida !! Und vergesst Bachmann !! Das ist ein Anti-Patriot !!

Carsten Schulz, „Wahrheitsforscher und Anarchist“

Waldesruh. Ein Heimatgedicht

O, du schöner deutscher Wald
Bist mein liebster Aufenthalt!
Zwischen Eichen, Kiefern, Schlehen
Muss ich keine Deutschen sehen.

Pilze sprießen aus dem Moose.
Und es blüht die Herbstzeitlose.
Füchslein schleicht auf leisen Pfoten,
Aber keine Patrioten.

Stämme ächzen leis im Winde.
Spechte klopfen auf die Rinde.
Höhlen seh ich hier von Dachsen,
Doch rein gar nichts von den Sachsen.

Michael Bittner

Das letzte Gefecht der Rassisten

Sachsen hat ein Problem, aber das Problem heißt nicht Sachsen. Es wäre albern, wollte man bestreiten, dass die Fremdenfeindlichkeit in den östlichen Bundesländern dumpfer und militanter ist als in den westlichen. Aber wer Xenophobie zum Zonenproblem verniedlicht, der macht es sich zu einfach. Im Osten wird nur in besonders drastischer Form eine Krise offenkundig, die ganz Deutschland, ja ganz Europa betrifft. Eine kulturell und politisch zurückgebliebene Region wie Sachsen ringt nur besonders verzweifelt mit einem Problem, das auch andernorts längst noch nicht überwunden ist. Und dieses Problem heißt Rassismus.

Was aber ist Rassismus eigentlich? Wer darunter bloß die Diskriminierung wegen Aussehen und Herkunft versteht, der erfasst den eigentlichen Kern dieser Weltanschauung nicht. Der Wahn des Rassismus ist viel existenzieller und darum, in die Praxis umgesetzt, mörderischer. Ein Blick in einen Klassiker des Genres wie Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen macht dies deutlich. Der Rassist leugnet nicht nur die Existenz einer universellen Menschheit und ordnet die Menschen stattdessen in höher- und minderwertige, sich ewig bekriegende Rassen. Sein größtes Feindbild ist das „Rassenchaos“, die Vermischung der Rassen. Sie ist für ihn Ursache der Degeneration und Vernichtung der überlegenen weißen Kultur. Als Gegenmittel bleibt nach seiner Überzeugung nur strikte Rassentrennung und die gesunde „Inzucht“ der Weißen. Diese ungemein wirkungsvolle Wahnidee sitzt als unbewusste Angst auch in Menschen, die sich selbst nie als Rassisten bezeichnen würden. Aber die eigene Tochter und ein Neger – igitt!

Der Alptraum der Rassisten wird gerade in Europa Wirklichkeit. In den Großstädten ist er schon Realität, aber selbst in den ländlichen Regionen des Ostens beginnt ein Transformationsprozess von der homogenen zur heterogenen Gesellschaft. Die Furcht der Provinzbevölkerung beschreibt Prof. Werner Patzelt treffend mit den Worten:

Viele Leute in Sachsen, doch auch darüber hinaus, empfinden die – bis in die Kleinstädte sichtbar werdenden – Begleiterscheinungen der Einwanderung als „Entheimatung“. Das heißt: Man bleibt zwar im eigenen Land, erkennt aber in ihm so große Veränderungen, dass man sich zunehmend heimatlos fühlt.

Deutsche, die eine sichere Heimat haben, glauben diese also gefährdet durch Flüchtlinge, die im Gegensatz zu ihnen oft wirklich eine gewaltsame „Entheimatung“ erlebt haben und nun in wenig heimeligen Heimen leben müssen. Übergehen wir einmal die Komik, die in dieser deutschen Selbststilisierung zum Opfer liegt. Was müssten die Sachsen denn aushalten? Sie müssten den Anblick von Menschen ertragen, die anders aussehen als sie, anfangs auch den Klang der Stimme von Menschen, die des Sächsischen noch nicht mächtig sind. Würde ihnen dadurch die Heimat genommen? Ja – und zwar dann, wenn unter Heimat ein Ort zu verstehen ist, wo alle ungefähr gleich aussehen und reden. Diese Uniformität ist im Osten Deutschlands bislang tatsächlich noch weitgehend intakt. Sie wird den Deutschen wirklich genommen werden.

Jene Deutschen, in denen der rassistische Wahn nur als unbewusste Furcht sitzt, werden durch die Realität kuriert. Fremdenfeindlichkeit lässt sich durch persönlichen Kontakt mit Fremden überwinden, wie die geringere Xenophobie in Großstädten zeigt. Schnell stellt sich bei der konkreten Begegnung der bedrohliche Zuwanderer als normaler Mensch heraus, der meist weder besser noch schlechter ist als die Einheimischen. Für die bewussten Rassisten hingegen ist die Zuwanderung existenzbedrohend. Nicht nur wird ihr Alptraum Wirklichkeit. Viel schlimmer: Ihre Ideologie wird durch diese Realität widerlegt. Denn das fröhliche Rassenchaos führt ganz und gar nicht zum prophezeiten Niedergang. Weil die Rassisten spüren, dass sie auf verlorenem Posten kämpfen, ist ihre Gegenwehr so wütend. Ihr Irrsinn kann noch viele Opfer kosten, aber siegen kann er nicht. Die Zahl der Mischehen, so lesen wir, steigt beständig. Jedes dritte Kind, das in Deutschland geboren wird, hat inzwischen einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Wir dürfen uns freuen: Der „Volkstod“ ist nur noch eine Frage der Zeit.

Es gibt Politiker und Experten, die meinen, man könne die Fremdenfeindlichkeit bekämpfen, indem man die Zuwanderung reduziert oder ausschließlich in die Großstädte leitet. Je weniger Fremde den Rassisten vor die Fäuste laufen, desto weniger Gewalttaten werden geschehen, so lautet die triste Logik der Kapitulation, die hinter solcher Argumentation steckt. Mir scheint das Gegenteil richtig: Die Abschaffung des Rassismus gelingt am sichersten durch die Völkermischung. Wir sollten die Zuwanderung – allerdings im Rahmen der praktischen Möglichkeiten – fördern und die Zuwanderer geradewegs in jene Kuhdörfer lenken, wo frische Gene ersichtlich am dringendsten benötigt werden: nach Dresden, nach Meißen, nach Freital, nach Heidenau, nach Tröglitz, nach Schnellroda. Allerdings müssen dann jene weltoffenen Deutschen, die es natürlich auch gibt, die Zuwanderer gegen jene Einheimischen schützen, die sich noch in vorzivilisatorischem Zustand befinden.

Ich will schließlich auch zugeben, dass mein Plan nicht ganz uneigennützig ist: Liebe Menschheit, bitte lass mich nicht allein mit diesen Deutschen!

Michael Bittner

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Leseempfehlung:

Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen. Vom Grafen Gobineau. Deutsche Ausgabe von Ludwig Schemann. Erster Band. Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff), 1898.

Die Volksverräterin Tatjana Festerling

Sie hat es geschafft! Tatjana Festerling hat es geschafft! Bei der Wahl in Dresden am 7. Juni wurde sie als Kandidatin von PEGIDA gewählt – zur „Bürgermeisterin der Herzen“ (Lutz Bachmann)! Und wie jeder „Sieger der Herzen“ erwies auch Tatjana Festerling sich vor allem als – schlechter Verlierer. Am 8. Juni feierte sie beim traditionellen Montagsspaziergang in strömendem Regen vor 2000 begossenen Pudeln ihre Niederlage. Ihre kurze und ungewöhnlich kleinlaute Rede ist bemerkenswert, weil sie ungewollt zur Bankrotterklärung von PEGIDA wurde. Der große Angriff gegen das ganze politische System endete in einem Akt kleinlicher Parteipolitik. Der fauchende Tiger legte sich brav als Bettvorleger nieder.

Man traute seinen Ohren nicht: Die unerschrockene Rebellin Tatjana Festerling, die alles umstürzende Kämpferin gegen das politische System, sie palaverte plötzlich wie eine x-beliebige parteipolitische Betriebsnudel! Sie redete ihr mickriges Ergebnis schön und die Erfolge der gegnerischen Kandidaten schlecht – mit den schlimmsten Phrasen aus dem Werkzeugkasten der so verabscheuten politischen Klasse. „Fast jeder zehnte Wähler hat für uns gestimmt!“, so jubilierte Festerling. In der Tat: Fast 5 Prozent der wahlberechtigten Dresdner haben für die Hamburgerin gestimmt. Einen solch triumphalen Sieg hat es in der Geschichte der westlichen Demokratie selten gegeben. 9,6 Prozent der Stimmen seien „ein hervorragendes Ergebnis, das wir nur alle gemeinsam gestemmt haben und auf das wir stolz sein müssen.“ Leute, wir müssen! Ich weiß, euch fällt das schwer, aber wir müssen stolz sein auf unser Versagen!

Verloren haben nämlich selbstverständlich nur die anderen: Das schlechte Ergebnis von Markus Ulbig sei eine „Klatsche“ für Angela Merkel. Die Zuschauer grölen „Merkel muss weg! Merkel muss weg!“, der PEGIDA-Chor klingt allerdings schon etwas dünner als sonst. Und zielsicher ergänzt Tatjana Festerling: „Die Verliererin dieser Wahl heißt nämlich Stange!“ Nicht anders, Freunde! Die Kandidatin mit den meisten Stimmen ist die Verliererin! Eine Sichtweise nicht ohne dialektische Konsequenz: Wenn die Verliererin sich zur Gewinnerin erklärt, muss sie natürlich auch die Gewinnerin zur Verliererin erklären. Da bei PEGIDA die Wahrheit sowieso immer auf dem Kopf steht, fällt eine solche Akrobatik auch nicht sonderlich auf.

Tatjana Festerling spürt aber doch: Wenn das „Volk“ sich plötzlich als Splittergruppe herausstellt, kann man die Enttäuschung nicht einfach wegreden. Man kann aber die Schuld wie gewohnt bei den anderen suchen: „Wie hätte das Ergebnis ausgesehen, wenn wir mehr Zeit, mehr Geld und einen großen, organisierten Apparat hinter uns gehabt hätten?“ Ihren desillusionierten Anhängern befiehlt sie, sich nicht „in den Strudel der Resignation reißen“ zu lassen. Ja, sie zieht alle Register, und appelliert sogar an die „sächsische Ehre“! Lokalstolz zieht beim Sachsen immer. Fast flehentlich ruft sie: „Ihr werdet weiter gebraucht!“ Und das stimmt: Die Mitläufer von PEGIDA werden wirklich weiter gebraucht: als Fußvolk einer toten Bewegung nämlich, die nur noch dazu dient, den verkrachten Existenzen von Lutz Bachmann und Tatjana Festerling ein Auskommen zu verschaffen.

Aber Tatjana Festerling lässt noch eine Bombe platzen: Sie zieht ihre Bewerbung für den zweiten Wahlgang zurück! Zugunsten von Dirk Hilbert, den sie zugleich noch mit ihrem ganz eigenen Charme als „verdammt dicke Kröte“ bezeichnet, die es nun zu schlucken gelte. Und zum ersten Mal verweigern die Anhänger von PEGIDA den Applaus. Selbst sie spüren instinktiv, dass sie gerade von ihrer Führerin gewaltig verarscht werden. „Stange wäre der Horror für Dresden!“, ruft Festerling beschwörend. „Es gilt mit allen Mitteln, dieses bunte Bündnis für Dresden zu verhindern!“ Das alte Feindbild zieht noch und die Zustimmung kehrt halbherzig zurück. Aber ein Unbehagen bleibt, das sich auch im Internet unter den PEGIDA-Anhängern bald Bahn bricht. Die Bewegung, die sich selbst immer als Alternative zum ganzen politischen System verstand, die gegen alle etablierten Parteien gleichermaßen wetterte, sie wird von Tatjana Festerling plötzlich ganz klein gemacht und ordnet sich ein in „das bürgerlich-konservative Lager, zu dem wir gehören“. Einst rief der Lutz Bachmann: „PEGIDA ist und bleibt überparteilich!“ Es war nur eine Lüge unter vielen Lügen eines notorischen Lügners.

Tatjana Festerling hat sich aber nicht nur plötzlich in eine gewöhnliche Politikerin verwandelt, sie hat sich auch noch in eine schlechte Politikerin verwandelt. Sie verschenkt bedenkenlos Wählerstimmen an Dirk Hilbert, die ihr gar nicht gehören! Kein Politiker der etablierten Parteien wäre so dumm, seine Verachtung für den Volkswillen so offen zu zeigen. Frau Festerling aber ist noch dümmer: Sie verschenkt die Stimmen ihrer Wähler auch noch, ohne sich von Dirk Hilbert vorher wenigstens eine Gegenleistung zu sichern. Nicht einmal die CDU war so naiv, sich darauf einzulassen. Welch ein politischer Pfusch einer politischen Dilettantin!

„Wir halten uns jetzt freiwillig zurück, aber nur um Anlauf zu nehmen“, versichert Tatjana Festerling wie der Fuchs vor den Trauben. Der große Volksaufstand von PEGIDA führt nun also zu keinem anderen Ergebnis als zur Wahl des netten Herrn Hilbert von der FDP zum Dresdner Oberbürgermeister! Peggy hält ihm die Tür zum Rathaus auf und darf dabei höchstens leise fluchen. Einen besseren Komödienschluss hätte sich kein Dichter für die PEGIDA-Farce ausdenken können. Fast übermannt mich das Mitleid ob eines so über alle Maßen erbärmlichen Endes. Peggy, das hast selbst du nicht verdient!

Und doch bleibe ich am Ende dieser Geschichte nicht heiter, sondern betrübt zurück. Welches Ausmaß von Hass und Hysterie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland gezeigt, während es den Deutschen doch gerade leidlich gut geht! Was käme wohl erst auf uns zu, wenn wir eine schwere wirtschaftliche Krise erlebten oder einen schlimmen Terroranschlag? Gott sei uns allen gnädig!

Michael Bittner

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Die Rede von Tatjana Festerling am 8. Juni 2015 kann man als Video anschauen.

Was bleibt von PEGIDA? Mit Bemerkungen zur Studie von Professor Werner Patzelt

Wenn selbst Jasper von Altenbockum von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung PEGIDA als “politischen Kadaver” bezeichnet, darf man wohl davon ausgehen, dass die Bewegung der Dresdner Wutbürger wirklich gestorben ist. Es finden sich allerdings immer noch jeden Montag tausende Demonstranten zusammen, um den immer gleichen Reden zu lauschen. Aber eine Perspektive ist nirgends zu erkennen: Es gibt keine neuen Ideen, kein überzeugendes Programm, keine Aussicht auf politische Macht. Die Zusammenarbeit mit der Alternative für Deutschland ist vorerst gescheitert, zumal diese Partei zurzeit ohnehin damit beschäftigt ist, sich selbst zu zerlegen. Die Kandidatur von Tatjana Festerling für das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters ist nicht mehr als einer der – durchaus gekonnten – Marketinggags von Lutz Bachmann. Festerling wird vielleicht einen kleinen Achtungserfolg erringen und 10 bis 20 Prozent der Stimmen bekommen. PEGIDA wird über Wahlbetrug klagen. Und dann? Eine Partei kann PEGIDA nicht werden, weil die Führungsfiguren sich durch Inkompetenz auszeichnen und weil die Bewegung nur in Sachsen eine nennenswerte Anhängerschaft gewinnen konnte, überall sonst in Deutschland aber kläglich gescheitert ist. Das wahrscheinlichste Szenario also ist: Die Anhänger ziehen sich frustriert ins Privatleben zurück und tauchen unverwandelt wieder auf, wenn eine neue Welle rechter Mobilisierung durchs Land rollt. Das Phänomen PEGIDA mag also der Vergangenheit angehören und nur noch Gähnen hervorrufen. Wachsamkeit aber erfordert das Potenzial zu einer neurechten Sammlungsbewegung, das nun in der Gesellschaft schlummert.

Professor Werner Patzelt hat in einer neuen Studie die gegenwärtige Verfassung von PEGIDA untersucht. Ihm gebührt Lob für die aufwändige Arbeit ebenso wie den Studenten, die bei ihren montäglichen Befragungen nicht nur angenehme Begegnungen hatten:

Dabei waren “scheiß Studentenpack” und “Linksfaschisten” noch die harmlosesten unter den dokumentierten Beleidigungen.

Die Studie beruht auf der statistischen Auswertung und Interpretation der Antworten von Demonstranten auf vorgelegte Fragen, also letztlich: auf dem Selbstbild der PEGIDA-Angänger. In zweierlei Hinsicht ist die Methode problematisch: Einerseits ist es recht wahrscheinlich, dass die Radikalen die Antwort eher verweigerten als die Gemäßigten. Andererseits ist es nicht auszuschließen, dass Demonstranten in dem Bemühen, die Bewegung möglichst “normal” erscheinen zu lassen, bewusst oder unbewusst ihre Aussagen gemäßigt haben. In beiden Fällen wäre die Tendenz eine verharmlosende. Einer, der von sich behauptet, er sei kein Rechtsradikaler, kann dennoch einer sein. Aber trotzdem: Eine unvollkommene Umfrage ist besser als gar keine empirische Grundlage. Die Ergebnisse dürften im Großen und Ganzen ein einigermaßen adäquates Bild ergeben. Dies gilt allerdings nicht für die Interpretation der Ergebnisse durch Professor Patzelt, die durch eine einseitige Sichtweise verzerrt wird. Aber Einseitigkeit, zumal so offensichtliche, ist nichts Verwerfliches. Sie fördert Diskussion und Erkenntnis oft besser als ein ängstliches und unfruchtbares Sowohl-als-auch.

Die Ergebnisse der neuen Studie sind nicht neu, sie bestätigen vielmehr frühere Befragungen. PEGIDA ist keine Vereinigung, die nur aus Nazis und Rassisten bestünde, wie manche Linke vorschnell urteilen, sondern eine – weit überwiegend rechte – Sammlungsbewegung von Unzufriedenen und Politikverdrossenen. Professor Patzelt unterscheidet nach den Daten der Umfragen drei Typen von Teilnehmern: “xenophobe Patrioten” (53%), “bedingt Xenophile” (30%), “rechtsradikale Xenophobe” (17%). Ins Deutsche übersetzt heißt das ungefähr: “Wir haben in unserem schönen Deutschland zu viele Ausländer!” (53%), “Wir haben in unserem schönen Deutschland zu viele gefährliche oder unnütze Ausländer! Aber gegen Ausländer an sich habe ich nichts.” (30%), “Ausländer? Wo ist mein Baseballschläger?” (17%) Letztere Gruppe hält auch Gewalt gegen den politischen Gegner für gerechtfertigt. Nennen wir sie ruhig: Nazis.

Überraschend an den Ergebnissen der neuen Studie ist allenfalls, dass die Spaltung und Schrumpfung der Bewegung zwar die Reduktion auf einen harten Kern, nicht aber eine sehr auffällige Radikalisierung bewirkt hat. Es gab einen Ruck nach rechts, aber nur einen kleinen.

Wie hat sich also PEGIDA geändert? Der “harte Kern” ist geblieben; sein “Weichbild” ist erodiert; und weil Gutwillige sich mehr und mehr resigniert zurückziehen sowie die Vorbedingungen von mancherlei Gutwilligkeit immer mehr bedroht erscheinen, treten mehr und mehr Radikale ins Blickfeld.

Diese Radikalen dominieren auch bei Facebook, weshalb für Beobachter im Netz die Bewegung oft einheitlicher und extremer erscheint als in der analogen Wirklichkeit. Allerdings zeigt Professor Patzelt bei der Definition dessen, was als rechtsradikal zu gelten hat, selbst sehr viel Gutwilligkeit.

Wer Abneigung schlechthin gegen Ausländer im eigenen Land als “Rassismus” bezeichnen will, der kann […] knapp 43% der heutigen PEGIDA-Demonstranten “Rassisten” nennen.

Ich würde sagen: Wir machen das mal so. Denn die xenophobe Abneigung richtet sich ja tatsächlich nur höchst selten gegen Schweden oder Passauer, meistens aber gegen (echte oder vermeintliche) Ausländer, denen man ihre “Fremdheit” ansieht.

Zwar ist es rund jeder zweite Befragte, der – gleichwie – “Andersartige” lieber aus seinem Land haben als in ihm sehen möchten. Doch mehr als ein Fünftel widerspricht dieser durchaus als “kulturalistisch rassistisch” zu bezeichnenden Position klar.

Das ist eine recht trübe Lage, die auch nicht besser wird, wenn man ihr rhetorisch eine positive Wendung verpassen möchte. Zwar die Hälfte – doch mehr als ein Fünftel! Leider hat Professor Patzelt es versäumt, Fragen zu stellen, die eine Unterscheidung zwischen kulturalistischem Patriotismus und völkischem Rassismus überhaupt erst ermöglicht hätten. Dies erleichtert es ihm, bei der Einschätzung der PEGIDA-Anhänger immer die positivste Interpretationsvariante zu wählen. Aber wenn 43% der Befragten sagen, auch friedliche Muslime gehörten nicht zu Deutschland, weckt dann nicht vielleicht doch die Herkunft und nicht die Religion den Hass?

Ähnlich unzureichend ist die Fragestellung in Sachen Demokratie:

71% […] der Befragten nannten die “Demokratie, alles in allem” etwas “eher Vorteilhaftes”, während sie nur 29% […] für “eher problematisch” hielten. Grundsätzliche Gegnerschaft zur Demokratie lässt sich den PEGIDA-Demonstranten also nicht mit nachvollziehbaren Gründen zuschreiben.

Ja, wenn man nur wüsste, was die PEGIDA-Anhänger unter “Demokratie” verstehen! Man müsste sie glatt mal fragen! Aber vielleicht erführe man dann Dinge, die man lieber gar nicht wissen will. Immerhin hören wir noch:

Mindestens drei Viertel der Pegidianer sind unzufrieden mit der Demokratie, wie sie real in unserem Land funktioniert.

Das überrascht nicht – denn die Demokratie funktionert eben nicht so, wie die “Pegidianer” es gerne hätten! Das montägliche Völkchen, das sich so gerne verbal zum Volk aufschwingt, es verlangt nach einer Demokratie, die nach seiner Pfeife tanzt. Aber es versteht nicht, die passende Melodie zu spielen, und zuhören mag auch kaum noch jemand.

Professor Patzelt wiederholt auch noch einmal seine “Diagnose” der Krankheit PEGIDA und seine Vorschläge zur “Therapie”, die nicht beim “Symptom” stehen bleiben dürfe, sondern zu den tieferen Ursachen dringen müsse. Eine Bewegung von besorgten, aber gutwilligen Bürgern sei erst durch hysterische Gegendemonstranten und parteiische Politiker und Journalisten in verhängnisvoller Weise isoliert und radikalisiert worden. Freut sich Professor Patzelt nun über das Ende der Gegenproteste? Überraschenderweise nicht:

Immerhin meinte die im Dezember und Januar so umtriebige Gegnerszene von PEGIDA am 11. Mai, auf sämtliche Gegendemonstrationen verzichten zu können – freilich, nachdem der Protest ohnehin schon ziemlich eingeschlafen war. Entweder wurde erkannt, dass man sich vor einem durch Einbildung stark gemachten Popanz gefürchtet hatte, oder man war es einfach leid, montagabends immer wieder Freizeit opfern zu sollen. Letzteres wäre kein verheißungsvoller Hinweis auf die innere Widerstandskraft von Teilen unserer Gesellschaft, falls unsere freiheitliche demokratische Ordnung einmal wirklich von Feinden mit langem Atem angegriffen werden sollte.

Da wirft Professor Patzelt den PEGIDA-Gegnern erst ihren Protest vor – und dann spottet er höhnisch darüber, sie protestierten ja gar nicht mehr. Das ist doch ein wenig schäbig. Wie überhaupt die Art, in der er den Gegnern von PEGIDA einseitig die Schuld an der “Vergiftung sehr vieler sozialen Beziehungen” zuschiebt:

Schaden werden Deutschland deshalb viel weniger die PEGIDA-Demonstrationen als – vor allem – die verblendeten, wenig Konstruktives bewirkenden Reaktionen auf sie.

Der Therapievorschlag von Professor Patzelt: Man müsse mit den Rechten auf der Straße in einen Dialog treten, ihre Sorgen ernst nehmen und ihre Forderungen womöglich erfüllen. Leider gebe es keine politische Kraft, die sich das traue:

Tatsächlich finden die Deutschen mit politischer Grundeinstellung rechts der Mitte seit längerem kein respektables und obendrein stabiles Personal- und Programmangebot mehr. Eben das ist jene “Repräsentationslücke”, in welche rechte Bewegungen wie PEGIDA – so wie zuvor, freilich als Parteien, die Republikaner, die DVU und die NPD – unschwer eindringen können.

Merkwürdig: Wenn es immer Parteien gab, die in die Lücke eindrangen, wann klaffte sie denn je? Die Antwort: Nie. Es gibt keine Repräsentationslücke außerhalb des Kopfes von Professor Patzelt. Die rechten Deutschen wurden immer repräsentiert. Aber sie wurden durch diese Repräsentation stets aufs Neue enttäuscht, weil die Forderungen, die radikale Rechte so haben, von keiner demokratischen Partei durchgesetzt werden können. Es gibt keine Mehrheit für sie, oft sind sie nicht einmal mit der Verfassung vereinbar. Aus dieser notwendigen Folgenlosigkeit, nicht aus einem Mangel an Repräsentation, resuliert die Enttäuschung der rechten Bürger. Sie ist der Frustration der radikalen Linken gar nicht so unähnlich. Und sie ist unauflöslich. Solange es die bürgerliche Demokratie gibt, wird es eine rechtsradikale Schmollecke geben, aus der gelegentlich Gruppen fluchend ins Licht der Öffentlichkeit stolpern. Niemand sollte sich einreden lassen, erst der Protest bringe den Rechtsradikalismus hervor. Im Gegenteil: Nur eine wache Gegenbewegung kann ihn in Deutschland in Grenzen halten. Man mag Professor Patzelt allerdings darin zustimmen, dass es sinnvoll ist, demokratische konservative Positionen nicht als Nazismus zu dämonisieren. Denn so verstärkt man nur grundlos das rechte Frustpotenzial.

Zum Schluss noch ein letzter Kritikpunkt. Er betrifft nicht das, was Professor Patzelt untersucht, sondern das, was er nicht untersucht hat. In der ganzen Studie wird nicht eine einzige der Reden, die bei PEGIDA gehalten und beklatscht wurden, analysiert. Wenn man wirklich herausfinden möchte, was PEGIDA will, sollte man dann nicht einfach mal zuhören, wenn die Führer und Anhänger von PEGIDA sprechen? Die Pöbeleien bei Facebook mag man als extreme Ausfälle beiseite lassen. Aber nicht ein Wort über die Lügen von Lutz Bachmann, den Geifer von Tatjana Festerling, den völkischen Nationalismus von Götz Kubitschek? Könnten die gesprochenen Worte etwa der gutwilligen These von der Gutwilligkeit von PEGIDA gefährlich werden? Angesichts solcher Ignoranz liegt die Vermutung nahe: Man muss sich die Ohren wohl sehr fest zuhalten, um PEGIDA verstehen zu können.

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Über die Vorstellung der Studie berichten die Sächsische Zeitung und die Dresdner Neuesten Nachrichten. Die gesamte Pressekonferenz zur Präsentation kann man sich auch als Video anschauen.

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