Neue Beiträge zur Kritik der politischen Sprache (1)

Ich hatte nicht gewusst, dass es eine Sektion der Piratenpartei in Dresden gibt, bis mir eben unaufgefordert folgende Pressemitteilung in den elektronischen Postkasten flatterte:

Die Piratenpartei Dresden kritisiert die Pläne der Schlösser- und Gärtenverwaltung des Freistaates scharf,

Sie kritisiert nicht nur, sondern tut dies auch noch scharf. Den Verantwortlichen wird die Muffe sausen.

ab April Eintritt für den Schlosspark Pillnitz zu erheben. Die dem Freistaat zugehörigen Parkanlagen sind staatliche Kultureinrichtungen und damit Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Ob’s auch eine Nummer kleiner ginge? Als Daseinsvorsorge dienen Parks doch wohl nur den Eichhörnchen.

“Die Piraten lehnen es ab, dass öffentliche Aufgaben immer häufiger privat abgewälzt werden.”

“Privat abwälzen” – wieder ein schönes neues Synonym für das Liebesspiel.

so der Kreisvorsitzende Alexander Brateanu. In Analogie zu einem fahrscheinlosen ÖPNV fordern sie “fahrscheinlose Parkspaziergänge”.

In Analogie zu etwas, das es noch nicht gibt, fordern die Piraten, etwas nicht einzuführen, das es auch noch nicht gibt. Man muss gleich um zwei Ecken denken.

Anstatt zusätzliche Kosten für Kassenhäuschen aufzuwenden,

Kann man Kosten aufwenden?

sollte man neue Wege prüfen, den Finanzierungsbedarf gemeinschaftlich zu lösen.

Oder einen Bedarf lösen? Ich glaube nicht.

“Die Eintrittsgebühr für Pillnitz wäre ein Dammbruch.”, mahnt Brateanu weiter,

Nein, ich bin mir sicher, dass eine Gebühr kein Dammbruch ist.

“Sobald es einen Eintrittspreis gibt, kommen auch Preissteigerungen. Sobald der erste Park betroffen ist, folgt der nächste. Für Staat und Stadt ist dies ein bequemer Weg, sich aus der Verantwortung zu stehlen.” Die Piratenpartei Dresden fordert daher die unverzügliche Rücknahme der Kostenpflicht für den Schlosspark Pillnitz.

Warum klammert sich eine junge Partei, die doch eigentlich alles anders machen möchte, gleich zu Beginn so verkrampft an die ekelhafte Phraseologie der gängigen Politik?

Lesetipp: Neue deutsche Aphorismen

Neue Deutsche AphorismenZu den leider nicht allzu vielen unabhängigen Verlagen in Dresden mit literarischem Anspruch und überregionaler Bedeutung gehört die edition AZUR. Im Jahr 2010 erschien dort die Anthologie Neue deutsche Aphorismen, die ich allen Freunden dieser Gattung der nicht-fiktionalen Kürzestprosa ans Herz legen möchte. Das Buch ist sachlich und gleichzeitig schick gestaltet, die Herausgeber Tobias Grüterich, Alexander Eilers und Eva Annabelle Blume haben in zweijähriger Kleinarbeit eine Auswahl der besten Aphorismen der letzten 25 Jahre zusammengestellt. 160000 Aphorismen haben diese Enthusiasten gelesen, um daraus 1308 Stücke auszuwählen. Allein schon diese Quantität bestätigt die Ansicht der Herausgeber, dass der Aphorismus keineswegs als tote Gattung der deutschen Literatur zu betrachten sei.

Allerdings fragte ich mich bei der Lektüre, ob es wirklich die richtige Entscheidung war, nicht weniger als 91 (!) Autoren in die Sammlung einzubeziehen – zumal nicht wirklich alle berücksichtigten Aphoristiker mir “maßgeblich” erschienen, wie es der Klappentext verspricht. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, halb so vielen Autoren doppelt so viel Raum zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise wäre der individuelle Charakter der einzelnen Protagonisten sicher sichtbarer geworden, als es jetzt vielfach der Fall ist. Und man hätte auch längere Aphorismen berücksichtigen können, während jetzt fast ausschließlich Ein-Satz-Aphorismen abgedruckt sind, was die Lektüre wenig abwechslungsreich macht.

Was den Inhalt angeht, so sind die Geschmäcker sicher verschieden – für meinen enthält die Anthologie speziell bei den älteren Jahrgängen zuviel Geistesaristokratismus, Kulturkritik und deutschen Tiefsinn über “das Leben” und “die Wahrheit”. An lebendiger Erfahrung und originellem Witz mangelt es manchen Beiträgern hingegen leider offenkundig. Ein wenig scheinen auch die Herausgeber vom Pessimismus infiziert, klagen sie doch im Nachwort über das Verschwinden der Aphorismen aus der Presse, ohne im Gegenzug die neuen Möglichkeiten zu erwähnen, die das Internet bietet. (Ich denke hier zum Beispiel an die zahlreichen jungen Twitter-Aphoristiker wie den wunderbaren Kollegen André Herrmann.) Dass jeder Leser jeder Anthologie immer Namen vermissen wird, liegt in der Natur der Sache. Ich suchte zum Beispiel vergebens nach Ludger Lütkehaus, Thomas Kapielski und Max Goldt.

Trotz all dieser kleinen Einwände sei zum Schluss noch mal ausdrücklich versichert: Die Sammlung Neue Deutsche Aphorismen ist durchweg lesenswert und erschließt in beeindruckender Pionierarbeit ein literarisches Feld, das hoffentlich noch viele Früchte tragen wird.

Neue deutsche Aphorismen. Eine Anthologie. Hg. von Tobias Grüterich, Alexander Eilers und Eva Annabelle Blume. Dresden: edition AZUR, 2010. 288 Seiten. 20 Euro.

Rede zur Feierlichen Immatrikulation der TU Dresden 2011

Am 6. Oktober 2011 hatte ich die Ehre, die Festrede zur Feierlichen Immatrikulation der Studenten an der TU Dresden zu halten. Mir hat die Sache großen Spaß gemacht, schließlich habe ich ja selbst dorten studiert. Wer wissen will, was dabei herausgekommen ist, und was ich den Studienanfängern mit auf den Lebensweg gab, der kann sich das hier auf einem Video-Mitschnitt (auf der Seite der unterste) anschauen.

Beim Karikaturenpreis 2011

Zum zweiten Mal hatte ich heute die Gelegenheit, die alljährliche Verleihung des Deutschen Karikaturenpreises im Dresdner Staatsschauspiel zu besuchen. Auch auf die Gefahr hin, mich dem Verdacht der Voreingenommenheit auszusetzen, muss ich die Sächsische Zeitung loben, die diesen Preis seit inzwischen elf Jahren mit stetig wachsendem Erfolg organisiert und publikumswirksam präsentiert. Die besten und wichtigsten Cartoonisten und Karikaturisten haben sich am Wettbewerb beteiligt und sind in Massen in das für überregionale Kulturereignisse nicht eben bekannte Dresden gekommen. Eine Jury wählte schließlich wieder drei Preisträger. So einer Auswahl muss Zufälligkeit anhaften, letztlich hätte man die Sache auch zwischen zwei oder drei Dutzend gleich guten Zeichnern auswürfeln können. Aber immerhin wurden so viele Leute einschließlich meiner auf einen tollen Künstler, nämlich den Sieger namens Nel, aufmerksam. Der in Rumänien geborene, in Erfurt lebende Ioan Cozacu zeichnet sich durch einen luftigen Strich und einen subtilen, philosophischen Humor aus. Hier kann man sich den sehr schönen Siegercartoon anschauen. Den Ehrenpreis fürs Lebenswerk erhielt dann schließlich zum krönenden Finale F.W. Bernstein.

“Literatur Jetzt!” – 3. Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden vom 5. bis 7. Oktober

Vom 5. bis zum 7. Oktober findet zum dritten Mal Literatur Jetzt!“, das Festival zeitgenössischer Literatur, in Dresden statt. Sechs Veranstaltungen mit über 20 Autoren und anderen Künstlern garantieren ein abwechslungsreiches Fest der Poesie.

Beim “LivelyriX Poetry Slam – Dead or Alive” messen sich am Donnerstag vier der besten Slam-Poeten Deutschlands (Theresa Hahl, Temye Tesfu, Clara Nielsen und Daniel Hoth) mit vier verstorbenen Dichtern, die von Dresdner Schauspielern (Utz Pannike, Bianka Heuser, Martin Guß, Florian Gleißner) verkörpert werden. Außerhalb des Wettbewerbs wird außerdem Patrick Salmen, der deutschsprachige Poetry-Slam-Meister des Jahres 2010, seinen Auftritt haben. Am Freitag treffen sich bei der “Nacht der Lesebühnen” vier Autoren von vier Lesebühnen aus vier Städten: Andreas “Spider” Krenzke (Berlin, LSD), Michael Sailer (München, Schwabinger Schaumschläger), Franziska Wilhelm (Leipzig, Schkeuditzer Kreuz) und Michael Bittner (Dresden, Sax Royal). Das Festival beginnt am Mittwoch, wenn die Herausgeberin Anne Hahn im Gespräch mit dem Schriftsteller Lutz Rathenow ihr packendes Sachbuch “Der weiße Strich” über den Kampf junger Menschen gegen die Mauer vorstellt. Am Freitag wird es einen Abend zur Lyrik der Gegenwart unter dem Motto “Die Poesie hat kein Alter!” geben, bei dem Daniela Seel (Lyrikerin und Verlegerin) und Joachim Sartorius (Lyriker, Herausgeber und Intendant der Berliner Festspiele) aus ihren neuen Büchern lesen werden. Höhepunkt des Festivals wird am Donnerstag die Lesung des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino sein, der erstmals in Dresden seinen neuen Roman “Wenn wir Tiere wären” vorstellt.

Hier eine Übersicht der Veranstaltungen:

Lesung und Gespräch “Der weiße Strich” mit Anne Hahn und Lutz Rathenow | 05. Oktober | Mittwoch | 20 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
LivelyriX Poetry Slam: Dead or Alive | 06. Oktober | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune
Lichträume – Light-Art-Performance von Claudia Reh und Simone Weißenfels | 06. Oktober | Donnerstag | 19:30 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
Wilhelm Genazino: “Wenn wir Tiere wären” | 06. Oktober | Donnerstag | 20 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
Lyrik der Gegenwart: Joachim Sartorius und Daniela Seel | 07. Oktober | Freitag | 19:30 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
Nacht der Lesebühnen: Andreas “Spider” Krenzke, Michael Sailer, Franziska Wilhelm, Michael Bittner | 07. Oktober | Freitag | 21 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse

Alle Veranstaltungen bis auf den Poetry Slam (wie gewohnt in der Scheune) finden in der Hochschule für bildende Künste (Brühlsche Terrasse) statt. Karten für die Veranstaltungen zum günstigeren Vorverkaufspreis sind an den bekannten Vorverkaufsstellen (z.B. Sax-Ticket in der Schauburg, Konzertkasse Dresden, SZ-Ticketservice) erhältlich. Restkarten gibts an der Abendkasse.

Wir freuen uns auf Euren Besuch!

Vorschau: “Literatur Jetzt!” – Festival zeitgenössischer Literatur im Oktober

Vom 5. bis zum 7. Oktober findet nach zweijähriger Unterbrechung “Literatur Jetzt!”, das „Festival zeitgenössischer Literatur“ in Dresden, seine Fortsetzung. Das Literaturfest wird vom LivelyriX e.V. veranstaltet und vom Verleger Leif Greinus (Voland & Quist) gemeinsam mit den Dresdner Autoren Volker Sielaff und Michael Bittner organisiert. Unterstützende Partner des Festivals sind die Hochschule für bildende Künste und die scheune. Gefördert wird „Literatur Jetzt!“ durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden. Das Festival „Literatur Jetzt!“ setzt es sich zum Ziel, zeitgenössische Literatur in ihren verschiedenen Formen publikumswirksam zu präsentieren und dabei insbesondere die Grenzen zwischen literarischer Hoch- und Subkultur zu überwinden.

Hier eine Übersicht der Veranstaltungen:

Lesung und Gespräch “Der weiße Strich” mit Anne Hahn und Lutz Rathenow | 05. Oktober | Mittwoch | 20 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
LivelyriX Poetry Slam: Dead or Alive | 06. Oktober | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune
Lichträume – Light-Art-Performance von Claudia Reh und Simone Weißenfels | 06. Oktober | Donnerstag | 19:30 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
Wilhelm Genazino: “Wenn wir Tiere wären” | 06. Oktober | Donnerstag | 20 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
Lyrik der Gegenwart: Joachim Sartorius und Daniela Seel | 07. Oktober | Freitag | 19:30 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse
Nacht der Lesebühnen: Andreas “Spider” Krenzke, Michael Sailer, Franziska Wilhelm, Michael Bittner | 07. Oktober | Freitag | 21 Uhr | HfbK, Brühlsche Terrasse

Alle Informationen zu den Veranstaltungen und Autoren findet Ihr auf der Homepage “Literatur Jetzt!”. Karten zum günstigeren Vorverkaufspreis sind bei den bekannten Vorverkaufstellen erhältlich. Wir freuen uns auf Euren Besuch!

Kulturtipp: “Dresden plakativ!” im Stadtmuseum

Eine Ausstellung unter dem Titel “Dresden plakativ!” kann man noch bis zum 3. Oktober im Stadtmuseum am Pirnaischen Platz besuchen – und sollte dies bei ausreichender Muße meiner Meinung nach auch tun. Die sehenswerte Schau zeigt Plakate aus der Zeit vom Kaiserreich bis zum Jahr 1990. Einbezogen sind sowohl Reklame als auch politisches Plakat. Drollige kulturhistorische Relikte (“Der Bär auf dem Pferde!” im Zirkus Sarrasani) erlauben einen nostalgischen Blick zurück. Material aus dem Meinungsschlachten der Weimarer Republik wie Propagandaplakate aus zwei Weltkriegen bieten Anschauungsmaterial für politisch Interessierte. Erstaunlich zum Beispiel folgender Slogan: “Dresden ruft: Nie wieder Ami-Bomben auf unsere Städte!” Er stammt nicht, wie man denken könnte, von der NPD, sondern aus Zeiten der Sozialistischen Einheitspartei. Den Abschluss bilden selbstgemachte Amateur-Plakate und Spruchbänder aus der Zeit der Revolution von 1989/90. Der Besuch lohnt sich in jedem Fall – ganz besonders übrigens vielleicht für Grafiker, die sich hier bestimmt die eine oder andere gestalterische Idee ausleihen könnten.

“Dresden plakativ!” | Stadtmuseum (Wilsdruffer Straße 2) | Di bis So 10-18 Uhr Fr 10-19 Uhr | Eintritt 4 Euro / erm. 3 Euro

Gedenkausstellung für Alice

Es war, wenn ich mich recht entsinne, im Jahr 2009, als ich in der Galerie Treibhaus eines Abends Reisegeschichten las. Die Reihen waren schon ganz gut gefüllt, aber meine Stimmung hellte sich endgültig auf, als eine ältere Frau den Raum mit schweren Schritten betrat: “Alice”. Der Besuch dieser stadtbekannten kulturaffinen Oma galt schließlich als Auszeichnung für jede Veranstaltung. Obwohl sie sich damals schon nur noch mit Mühe fortbewegen konnte und beinahe für jeden Schritt Hilfe zu brauchen schien, ließ sie es sich noch immer nicht nehmen, beinahe täglich bei einer Kulturveranstaltung aufzutauchen, sich freien Eintritt zu verschaffen und anschließend konzentriert bis zum Ende zu lauschen. Ich begann zu lesen. Als ich einen englischen Satz aussprach, rief sie aus der ersten Reihe: “Und was heißt das jetzt?” Ich hatte in einer Geschichte einen Dänen originalgetreu die ganze Zeit Englisch reden lassen, um mich – Geck, der ich bin – als literarischen Kosmopoliten auszuweisen. Nun musste ich beim Vorlesen synchron den halben Text zurück ins Deutsche übersetzen, was mich ganz schön ins Schwitzen brachte. Nach der Lesung stellte Alice freundlich einige Fragen und erzählte dann selbst davon, wie enttäuscht sie darüber gewesen sei, dass trotz ihrer vielen Bekanntschaften jüngst beinahe niemand sich bei ihr gemeldet oder sie besucht hatte. (War es ihr Geburtstag? Oder Weihnachten? Ich weiß es nicht mehr.) Es mag sein, dass dies das Los von sogenannten “Originalen” ist, von vielen lächelnd auf der Straße erkannt zu werden, aber wenige wirkliche Freunde zu haben.

Wie erst nach geraumer Zeit bekannt wurde, ist Alice inzwischen gestorben. Der Dresdner Künstler Lutz Fleischer hat eine liebevolle Gedenkausstellung mit Fotos, Videos, Erinnerungen und Installation organisiert, die ich zum Besuch empfehlen möchte. Die Ausstellung befindet sich in den schönen Räumen der Galerie Adam Ziege (Louisenstraße 87). Sie ist nur noch bis zum 10. September immer zwischen 16-20 Uhr zu sehen.

Mehr zu Alice von Leuten, die sie wirklich kannten, findet man auf dieser Seite.

Kulturtipp: Krautwaldfabrik

Meiner ehemaligen Heimat Pieschen wird ja schon seit zwei Jahrzehnten vergeblich eine große Zukunft als Szeneviertel prophezeit. Doch obwohl schon eine ganze Menge Studenten, Künstler und sonstige Frontkämpfer der Gentrifizierung ins sanierte Arbeiterviertel gezogen sind, bleibt der ganz große Durchbruch bisher aus. Annehmbare Lokale beispielsweise sucht man immer noch fast vergebens. Aber immerhin ist in den letzten Jahren gerade auf dem Gebiet der Kunst doch einiges passiert. Der Kunstraum Geh8 beispielsweise hat sich ja inzwischen schon fest etabliert. Nun kommt mit der Krautwaldfabrik ein weiterer, leider wohl nur temporärer (1.6. bis 31.10.) Ort für Ausstellungen hinzu. Die Initiative Metropole Pieschen hat die Zwischennutzung einer herrlichen Halle organisiert, in der bis Herbst Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Partys stattfinden sollen. Ursprünglich als Festsaal konstruiert, dann als Fabrik für Verpackungen betrieben, strahlt das inzwischen leise verfallende Gebäude einen merkwürdig aus Prunk und Funktionalität gemischten Charme aus. Zur Zeit läuft eine Ausstellung namens “BRO.T.”. Wie immer bei Konzeptausstellungen sollte man sich um die Erklärung des Konzeptes möglichst wenig kümmern und sich lieber die Kunstwerke anschauen. Und da gibst viel Schönes zu entdecken, zum Beispiel ein sonderbares Besteckkarussell von Wouter Mijland und noch viele Zeichungen, Gemälde und Objekte von anderen Künstlern mehr.

Um Eintritt zu erhalten, wird man für 1 Euro Mitglied des Krautwald-Klubs und darf dafür sämtliche kommende Veranstaltungen besuchen. Adresse: Torgauer Straße 38. Von der Neustadt aus einfach mit Linie 13 bis Bürgerstraße oder Rathaus Pieschen.

Dresdner Literaturzeitschriften im Test: trieb Nr. 8 vs. Der Maulkorb Nr. 8

Neben den renommierten Literaturzeitschriften Ostragehege und Signum existieren in der Literaturlandschaft Dresdens noch einige eher untergründige Magazine, die sich ebenfalls der Poesie verschrieben haben. Zwei von ihnen, nämlich das Feingeistmagazin vom Bischofsweg namens trieb sowie Der Maulkorb haben gerade ihre jeweils achte Ausgabe auf den Markt geworfen. Beiden Heften seien zahlreiche Käufer gewünscht! Literaturzeitschriften werden zwar grundsätzlich nie von normalen Menschen erworben, sondern immer nur von Leuten, die “auch schreiben”, aber deren Zahl ist ja immer noch groß genug. Um ihnen die Entscheidung zu erleichtern, hier einige persönliche Bemerkungen zu den beiden Magazinen von mir.

Eins vorab: Man nenne mich einen spießbürgerlichen Kulturpedanten, aber ich sehe nicht ein, wieso es Personen, die sich selbst als Literaten bezeichnen, unmöglich sein sollte, sich der deutschen Sprache zu bemächtigen oder wenigstens einen Duden zu kaufen. Einige der Autoren schaffen es, auf einer Seite ein Dutzend und mehr Fehler in Rechtschreibung und Grammatik unterzubringen. Ich weigere mich, so etwas ernst zu nehmen. Notfalls wende man sich bitte an das Lektorat Siegel. Der Betreiber macht sehr faire Preise – ich erinnere mich noch, wie er mich einmal hartnäckig herunterhandelte, als ich ihm zu viel Geld bezahlen wollte.

Der Maulkorb (hg. von Silvio Colditz) widmet sich in seiner neuen Ausgabe ganz der Stadt Dresden. Im Anhang findet sich ein nützlicher, wenn auch nicht vollständiger Überblick über die Literaturlandschaft Dresdens, der erfreulicherweise besonders die junge Szene berücksichtigt. Und der Inhalt des Heftes wird diesmal allein von Dresdner Autorinnen und Autoren bestritten. Hier habe ich tatsächlich einige Entdeckungen gemacht und Schriftsteller kennen gelernt, die mir bisher unbekannt waren – was wieder einmal zeigt, dass die Dresdner Literaturszene klein, aber dennoch nicht überschaubar, weil weitgehend zersplittert ist. Großartig fand ich zwei Gedichte von Kerstin Becker (*1969, u.a. Mitglied im Literaturforum Dresden). Komplexe Lyrik, die sich aber aus konkreten Anschauungen statt aus metaphysischen Phrasen speist und sogar wieder so etwas wie ein poetisches Ich erkennen lässt. Von Sabine Dreßler (*1979, Lektorin, Autorin und Soziologin), entdeckte ich einen sehr schönen, unaufgeregt und witzig erzählten Ausschnitt aus einem längeren Reisebericht über Erlebnisse in Neuseeland. Falk Enderleins Grosteske Kafka auf Prozac liest sich schön überdreht. Und Steffen Roye hat mit Die letzte Runde geht aufs Haus eine klassische und gelungene Kurzgeschichte beigesteuert.

Das Magazin trieb ist dicker als die Konkurrenz, kostet dafür aber auch zwei Euros mehr. Herausgegeben wird es von gleich zwei Geistesgrößen, die auch selbst einen nicht unerheblichen Teil des Inhalts lieferten. Michel Philip Nierste (*1974) veräppelt in seiner medienkritischen Sektion Schrottpresse diesmal unter anderem auf amüsante Weise die Sächsische Zeitung. Und der zweite Herausgeber Torsten Israel, bekannt als Neustädter Spätshopbesitzer und Womanizer, hat zahlreiche Gedichte aus seiner Feder eingerückt, die durchaus lesenswert sind, aber unter einem gewissen Mangel an Selbstironie leiden. Gerade durch ihre unbequeme Unzeitgemäßheit interessant sind die Gedichte von Andreas Paul (*1964), der diesmal Christiane Michel und Rosa Luxemburg besingt – was niemand verwundern wird, handelt es sich doch in beiden Fällen um bezaubernde Frauen. Dass ich die enthaltenen Gedichte von Stefan Seyfarth (*1977) und Roman Israel (*1979) – beide Autoren unserer Lesebühne Sax Royal – gut finde, wird niemanden überraschen. Schön außerdem, dass ein literarisches Dresdner Urgestein wie Bernhard Theilmann (*1949, Mitbegründer von Obergrabenpresse, SAX und ASSO) sich bereit gefunden hat, ebenfalls Texte zu schicken. Insgesamt wäre es aber doch wünschenswert, der trieb würde für die nächste Ausgabe ein paar neue Autoren gewinnen, denn die Nummer 8 war in dieser Hinsicht doch etwas überraschungsarm.

Der Maulkorb. Herausgeber: Silvio Colditz. Nr. 8 (Juni 2011). Sonderausgabe Dresden. 74 Seiten. 3 Euro. Erhältlich in Neustädter Buchhandlungen oder über maulkorb@gmx.de

trieb. Das Feingeistmagazin vom Bischofsweg. Herausgeber: Michel Philip Nierste und Torsten Israel. Nr. 8 (April 2011). 176 Seiten. 5 Euro. Erhältlich im Shop “Spätschicht” (Bischofsweg 18).

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