Waldesruh. Ein Heimatgedicht

O, du schöner deutscher Wald
Bist mein liebster Aufenthalt!
Zwischen Eichen, Kiefern, Schlehen
Muss ich keine Deutschen sehen.

Pilze sprießen aus dem Moose.
Und es blüht die Herbstzeitlose.
Füchslein schleicht auf leisen Pfoten,
Aber keine Patrioten.

Stämme ächzen leis im Winde.
Spechte klopfen auf die Rinde.
Höhlen seh ich hier von Dachsen,
Doch rein gar nichts von den Sachsen.

Michael Bittner

Das letzte Gefecht der Rassisten

Sachsen hat ein Problem, aber das Problem heißt nicht Sachsen. Es wäre albern, wollte man bestreiten, dass die Fremdenfeindlichkeit in den östlichen Bundesländern dumpfer und militanter ist als in den westlichen. Aber wer Xenophobie zum Zonenproblem verniedlicht, der macht es sich zu einfach. Im Osten wird nur in besonders drastischer Form eine Krise offenkundig, die ganz Deutschland, ja ganz Europa betrifft. Eine kulturell und politisch zurückgebliebene Region wie Sachsen ringt nur besonders verzweifelt mit einem Problem, das auch andernorts längst noch nicht überwunden ist. Und dieses Problem heißt Rassismus.

Was aber ist Rassismus eigentlich? Wer darunter bloß die Diskriminierung wegen Aussehen und Herkunft versteht, der erfasst den eigentlichen Kern dieser Weltanschauung nicht. Der Wahn des Rassismus ist viel existenzieller und darum, in die Praxis umgesetzt, mörderischer. Ein Blick in einen Klassiker des Genres wie Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen macht dies deutlich. Der Rassist leugnet nicht nur die Existenz einer universellen Menschheit und ordnet die Menschen stattdessen in höher- und minderwertige, sich ewig bekriegende Rassen. Sein größtes Feindbild ist das „Rassenchaos“, die Vermischung der Rassen. Sie ist für ihn Ursache der Degeneration und Vernichtung der überlegenen weißen Kultur. Als Gegenmittel bleibt nach seiner Überzeugung nur strikte Rassentrennung und die gesunde „Inzucht“ der Weißen. Diese ungemein wirkungsvolle Wahnidee sitzt als unbewusste Angst auch in Menschen, die sich selbst nie als Rassisten bezeichnen würden. Aber die eigene Tochter und ein Neger – igitt!

Der Alptraum der Rassisten wird gerade in Europa Wirklichkeit. In den Großstädten ist er schon Realität, aber selbst in den ländlichen Regionen des Ostens beginnt ein Transformationsprozess von der homogenen zur heterogenen Gesellschaft. Die Furcht der Provinzbevölkerung beschreibt Prof. Werner Patzelt treffend mit den Worten:

Viele Leute in Sachsen, doch auch darüber hinaus, empfinden die – bis in die Kleinstädte sichtbar werdenden – Begleiterscheinungen der Einwanderung als „Entheimatung“. Das heißt: Man bleibt zwar im eigenen Land, erkennt aber in ihm so große Veränderungen, dass man sich zunehmend heimatlos fühlt.

Deutsche, die eine sichere Heimat haben, glauben diese also gefährdet durch Flüchtlinge, die im Gegensatz zu ihnen oft wirklich eine gewaltsame „Entheimatung“ erlebt haben und nun in wenig heimeligen Heimen leben müssen. Übergehen wir einmal die Komik, die in dieser deutschen Selbststilisierung zum Opfer liegt. Was müssten die Sachsen denn aushalten? Sie müssten den Anblick von Menschen ertragen, die anders aussehen als sie, anfangs auch den Klang der Stimme von Menschen, die des Sächsischen noch nicht mächtig sind. Würde ihnen dadurch die Heimat genommen? Ja – und zwar dann, wenn unter Heimat ein Ort zu verstehen ist, wo alle ungefähr gleich aussehen und reden. Diese Uniformität ist im Osten Deutschlands bislang tatsächlich noch weitgehend intakt. Sie wird den Deutschen wirklich genommen werden.

Jene Deutschen, in denen der rassistische Wahn nur als unbewusste Furcht sitzt, werden durch die Realität kuriert. Fremdenfeindlichkeit lässt sich durch persönlichen Kontakt mit Fremden überwinden, wie die geringere Xenophobie in Großstädten zeigt. Schnell stellt sich bei der konkreten Begegnung der bedrohliche Zuwanderer als normaler Mensch heraus, der meist weder besser noch schlechter ist als die Einheimischen. Für die bewussten Rassisten hingegen ist die Zuwanderung existenzbedrohend. Nicht nur wird ihr Alptraum Wirklichkeit. Viel schlimmer: Ihre Ideologie wird durch diese Realität widerlegt. Denn das fröhliche Rassenchaos führt ganz und gar nicht zum prophezeiten Niedergang. Weil die Rassisten spüren, dass sie auf verlorenem Posten kämpfen, ist ihre Gegenwehr so wütend. Ihr Irrsinn kann noch viele Opfer kosten, aber siegen kann er nicht. Die Zahl der Mischehen, so lesen wir, steigt beständig. Jedes dritte Kind, das in Deutschland geboren wird, hat inzwischen einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Wir dürfen uns freuen: Der „Volkstod“ ist nur noch eine Frage der Zeit.

Es gibt Politiker und Experten, die meinen, man könne die Fremdenfeindlichkeit bekämpfen, indem man die Zuwanderung reduziert oder ausschließlich in die Großstädte leitet. Je weniger Fremde den Rassisten vor die Fäuste laufen, desto weniger Gewalttaten werden geschehen, so lautet die triste Logik der Kapitulation, die hinter solcher Argumentation steckt. Mir scheint das Gegenteil richtig: Die Abschaffung des Rassismus gelingt am sichersten durch die Völkermischung. Wir sollten die Zuwanderung – allerdings im Rahmen der praktischen Möglichkeiten – fördern und die Zuwanderer geradewegs in jene Kuhdörfer lenken, wo frische Gene ersichtlich am dringendsten benötigt werden: nach Dresden, nach Meißen, nach Freital, nach Heidenau, nach Tröglitz, nach Schnellroda. Allerdings müssen dann jene weltoffenen Deutschen, die es natürlich auch gibt, die Zuwanderer gegen jene Einheimischen schützen, die sich noch in vorzivilisatorischem Zustand befinden.

Ich will schließlich auch zugeben, dass mein Plan nicht ganz uneigennützig ist: Liebe Menschheit, bitte lass mich nicht allein mit diesen Deutschen!

Michael Bittner

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Leseempfehlung:

Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen. Vom Grafen Gobineau. Deutsche Ausgabe von Ludwig Schemann. Erster Band. Stuttgart: Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff), 1898.

Die Volksverräterin Tatjana Festerling

Sie hat es geschafft! Tatjana Festerling hat es geschafft! Bei der Wahl in Dresden am 7. Juni wurde sie als Kandidatin von PEGIDA gewählt – zur „Bürgermeisterin der Herzen“ (Lutz Bachmann)! Und wie jeder „Sieger der Herzen“ erwies auch Tatjana Festerling sich vor allem als – schlechter Verlierer. Am 8. Juni feierte sie beim traditionellen Montagsspaziergang in strömendem Regen vor 2000 begossenen Pudeln ihre Niederlage. Ihre kurze und ungewöhnlich kleinlaute Rede ist bemerkenswert, weil sie ungewollt zur Bankrotterklärung von PEGIDA wurde. Der große Angriff gegen das ganze politische System endete in einem Akt kleinlicher Parteipolitik. Der fauchende Tiger legte sich brav als Bettvorleger nieder.

Man traute seinen Ohren nicht: Die unerschrockene Rebellin Tatjana Festerling, die alles umstürzende Kämpferin gegen das politische System, sie palaverte plötzlich wie eine x-beliebige parteipolitische Betriebsnudel! Sie redete ihr mickriges Ergebnis schön und die Erfolge der gegnerischen Kandidaten schlecht – mit den schlimmsten Phrasen aus dem Werkzeugkasten der so verabscheuten politischen Klasse. „Fast jeder zehnte Wähler hat für uns gestimmt!“, so jubilierte Festerling. In der Tat: Fast 5 Prozent der wahlberechtigten Dresdner haben für die Hamburgerin gestimmt. Einen solch triumphalen Sieg hat es in der Geschichte der westlichen Demokratie selten gegeben. 9,6 Prozent der Stimmen seien „ein hervorragendes Ergebnis, das wir nur alle gemeinsam gestemmt haben und auf das wir stolz sein müssen.“ Leute, wir müssen! Ich weiß, euch fällt das schwer, aber wir müssen stolz sein auf unser Versagen!

Verloren haben nämlich selbstverständlich nur die anderen: Das schlechte Ergebnis von Markus Ulbig sei eine „Klatsche“ für Angela Merkel. Die Zuschauer grölen „Merkel muss weg! Merkel muss weg!“, der PEGIDA-Chor klingt allerdings schon etwas dünner als sonst. Und zielsicher ergänzt Tatjana Festerling: „Die Verliererin dieser Wahl heißt nämlich Stange!“ Nicht anders, Freunde! Die Kandidatin mit den meisten Stimmen ist die Verliererin! Eine Sichtweise nicht ohne dialektische Konsequenz: Wenn die Verliererin sich zur Gewinnerin erklärt, muss sie natürlich auch die Gewinnerin zur Verliererin erklären. Da bei PEGIDA die Wahrheit sowieso immer auf dem Kopf steht, fällt eine solche Akrobatik auch nicht sonderlich auf.

Tatjana Festerling spürt aber doch: Wenn das „Volk“ sich plötzlich als Splittergruppe herausstellt, kann man die Enttäuschung nicht einfach wegreden. Man kann aber die Schuld wie gewohnt bei den anderen suchen: „Wie hätte das Ergebnis ausgesehen, wenn wir mehr Zeit, mehr Geld und einen großen, organisierten Apparat hinter uns gehabt hätten?“ Ihren desillusionierten Anhängern befiehlt sie, sich nicht „in den Strudel der Resignation reißen“ zu lassen. Ja, sie zieht alle Register, und appelliert sogar an die „sächsische Ehre“! Lokalstolz zieht beim Sachsen immer. Fast flehentlich ruft sie: „Ihr werdet weiter gebraucht!“ Und das stimmt: Die Mitläufer von PEGIDA werden wirklich weiter gebraucht: als Fußvolk einer toten Bewegung nämlich, die nur noch dazu dient, den verkrachten Existenzen von Lutz Bachmann und Tatjana Festerling ein Auskommen zu verschaffen.

Aber Tatjana Festerling lässt noch eine Bombe platzen: Sie zieht ihre Bewerbung für den zweiten Wahlgang zurück! Zugunsten von Dirk Hilbert, den sie zugleich noch mit ihrem ganz eigenen Charme als „verdammt dicke Kröte“ bezeichnet, die es nun zu schlucken gelte. Und zum ersten Mal verweigern die Anhänger von PEGIDA den Applaus. Selbst sie spüren instinktiv, dass sie gerade von ihrer Führerin gewaltig verarscht werden. „Stange wäre der Horror für Dresden!“, ruft Festerling beschwörend. „Es gilt mit allen Mitteln, dieses bunte Bündnis für Dresden zu verhindern!“ Das alte Feindbild zieht noch und die Zustimmung kehrt halbherzig zurück. Aber ein Unbehagen bleibt, das sich auch im Internet unter den PEGIDA-Anhängern bald Bahn bricht. Die Bewegung, die sich selbst immer als Alternative zum ganzen politischen System verstand, die gegen alle etablierten Parteien gleichermaßen wetterte, sie wird von Tatjana Festerling plötzlich ganz klein gemacht und ordnet sich ein in „das bürgerlich-konservative Lager, zu dem wir gehören“. Einst rief der Lutz Bachmann: „PEGIDA ist und bleibt überparteilich!“ Es war nur eine Lüge unter vielen Lügen eines notorischen Lügners.

Tatjana Festerling hat sich aber nicht nur plötzlich in eine gewöhnliche Politikerin verwandelt, sie hat sich auch noch in eine schlechte Politikerin verwandelt. Sie verschenkt bedenkenlos Wählerstimmen an Dirk Hilbert, die ihr gar nicht gehören! Kein Politiker der etablierten Parteien wäre so dumm, seine Verachtung für den Volkswillen so offen zu zeigen. Frau Festerling aber ist noch dümmer: Sie verschenkt die Stimmen ihrer Wähler auch noch, ohne sich von Dirk Hilbert vorher wenigstens eine Gegenleistung zu sichern. Nicht einmal die CDU war so naiv, sich darauf einzulassen. Welch ein politischer Pfusch einer politischen Dilettantin!

„Wir halten uns jetzt freiwillig zurück, aber nur um Anlauf zu nehmen“, versichert Tatjana Festerling wie der Fuchs vor den Trauben. Der große Volksaufstand von PEGIDA führt nun also zu keinem anderen Ergebnis als zur Wahl des netten Herrn Hilbert von der FDP zum Dresdner Oberbürgermeister! Peggy hält ihm die Tür zum Rathaus auf und darf dabei höchstens leise fluchen. Einen besseren Komödienschluss hätte sich kein Dichter für die PEGIDA-Farce ausdenken können. Fast übermannt mich das Mitleid ob eines so über alle Maßen erbärmlichen Endes. Peggy, das hast selbst du nicht verdient!

Und doch bleibe ich am Ende dieser Geschichte nicht heiter, sondern betrübt zurück. Welches Ausmaß von Hass und Hysterie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland gezeigt, während es den Deutschen doch gerade leidlich gut geht! Was käme wohl erst auf uns zu, wenn wir eine schwere wirtschaftliche Krise erlebten oder einen schlimmen Terroranschlag? Gott sei uns allen gnädig!

Michael Bittner

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Die Rede von Tatjana Festerling am 8. Juni 2015 kann man als Video anschauen.

Was bleibt von PEGIDA? Mit Bemerkungen zur Studie von Professor Werner Patzelt

Wenn selbst Jasper von Altenbockum von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung PEGIDA als “politischen Kadaver” bezeichnet, darf man wohl davon ausgehen, dass die Bewegung der Dresdner Wutbürger wirklich gestorben ist. Es finden sich allerdings immer noch jeden Montag tausende Demonstranten zusammen, um den immer gleichen Reden zu lauschen. Aber eine Perspektive ist nirgends zu erkennen: Es gibt keine neuen Ideen, kein überzeugendes Programm, keine Aussicht auf politische Macht. Die Zusammenarbeit mit der Alternative für Deutschland ist vorerst gescheitert, zumal diese Partei zurzeit ohnehin damit beschäftigt ist, sich selbst zu zerlegen. Die Kandidatur von Tatjana Festerling für das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters ist nicht mehr als einer der – durchaus gekonnten – Marketinggags von Lutz Bachmann. Festerling wird vielleicht einen kleinen Achtungserfolg erringen und 10 bis 20 Prozent der Stimmen bekommen. PEGIDA wird über Wahlbetrug klagen. Und dann? Eine Partei kann PEGIDA nicht werden, weil die Führungsfiguren sich durch Inkompetenz auszeichnen und weil die Bewegung nur in Sachsen eine nennenswerte Anhängerschaft gewinnen konnte, überall sonst in Deutschland aber kläglich gescheitert ist. Das wahrscheinlichste Szenario also ist: Die Anhänger ziehen sich frustriert ins Privatleben zurück und tauchen unverwandelt wieder auf, wenn eine neue Welle rechter Mobilisierung durchs Land rollt. Das Phänomen PEGIDA mag also der Vergangenheit angehören und nur noch Gähnen hervorrufen. Wachsamkeit aber erfordert das Potenzial zu einer neurechten Sammlungsbewegung, das nun in der Gesellschaft schlummert.

Professor Werner Patzelt hat in einer neuen Studie die gegenwärtige Verfassung von PEGIDA untersucht. Ihm gebührt Lob für die aufwändige Arbeit ebenso wie den Studenten, die bei ihren montäglichen Befragungen nicht nur angenehme Begegnungen hatten:

Dabei waren “scheiß Studentenpack” und “Linksfaschisten” noch die harmlosesten unter den dokumentierten Beleidigungen.

Die Studie beruht auf der statistischen Auswertung und Interpretation der Antworten von Demonstranten auf vorgelegte Fragen, also letztlich: auf dem Selbstbild der PEGIDA-Angänger. In zweierlei Hinsicht ist die Methode problematisch: Einerseits ist es recht wahrscheinlich, dass die Radikalen die Antwort eher verweigerten als die Gemäßigten. Andererseits ist es nicht auszuschließen, dass Demonstranten in dem Bemühen, die Bewegung möglichst “normal” erscheinen zu lassen, bewusst oder unbewusst ihre Aussagen gemäßigt haben. In beiden Fällen wäre die Tendenz eine verharmlosende. Einer, der von sich behauptet, er sei kein Rechtsradikaler, kann dennoch einer sein. Aber trotzdem: Eine unvollkommene Umfrage ist besser als gar keine empirische Grundlage. Die Ergebnisse dürften im Großen und Ganzen ein einigermaßen adäquates Bild ergeben. Dies gilt allerdings nicht für die Interpretation der Ergebnisse durch Professor Patzelt, die durch eine einseitige Sichtweise verzerrt wird. Aber Einseitigkeit, zumal so offensichtliche, ist nichts Verwerfliches. Sie fördert Diskussion und Erkenntnis oft besser als ein ängstliches und unfruchtbares Sowohl-als-auch.

Die Ergebnisse der neuen Studie sind nicht neu, sie bestätigen vielmehr frühere Befragungen. PEGIDA ist keine Vereinigung, die nur aus Nazis und Rassisten bestünde, wie manche Linke vorschnell urteilen, sondern eine – weit überwiegend rechte – Sammlungsbewegung von Unzufriedenen und Politikverdrossenen. Professor Patzelt unterscheidet nach den Daten der Umfragen drei Typen von Teilnehmern: “xenophobe Patrioten” (53%), “bedingt Xenophile” (30%), “rechtsradikale Xenophobe” (17%). Ins Deutsche übersetzt heißt das ungefähr: “Wir haben in unserem schönen Deutschland zu viele Ausländer!” (53%), “Wir haben in unserem schönen Deutschland zu viele gefährliche oder unnütze Ausländer! Aber gegen Ausländer an sich habe ich nichts.” (30%), “Ausländer? Wo ist mein Baseballschläger?” (17%) Letztere Gruppe hält auch Gewalt gegen den politischen Gegner für gerechtfertigt. Nennen wir sie ruhig: Nazis.

Überraschend an den Ergebnissen der neuen Studie ist allenfalls, dass die Spaltung und Schrumpfung der Bewegung zwar die Reduktion auf einen harten Kern, nicht aber eine sehr auffällige Radikalisierung bewirkt hat. Es gab einen Ruck nach rechts, aber nur einen kleinen.

Wie hat sich also PEGIDA geändert? Der “harte Kern” ist geblieben; sein “Weichbild” ist erodiert; und weil Gutwillige sich mehr und mehr resigniert zurückziehen sowie die Vorbedingungen von mancherlei Gutwilligkeit immer mehr bedroht erscheinen, treten mehr und mehr Radikale ins Blickfeld.

Diese Radikalen dominieren auch bei Facebook, weshalb für Beobachter im Netz die Bewegung oft einheitlicher und extremer erscheint als in der analogen Wirklichkeit. Allerdings zeigt Professor Patzelt bei der Definition dessen, was als rechtsradikal zu gelten hat, selbst sehr viel Gutwilligkeit.

Wer Abneigung schlechthin gegen Ausländer im eigenen Land als “Rassismus” bezeichnen will, der kann […] knapp 43% der heutigen PEGIDA-Demonstranten “Rassisten” nennen.

Ich würde sagen: Wir machen das mal so. Denn die xenophobe Abneigung richtet sich ja tatsächlich nur höchst selten gegen Schweden oder Passauer, meistens aber gegen (echte oder vermeintliche) Ausländer, denen man ihre “Fremdheit” ansieht.

Zwar ist es rund jeder zweite Befragte, der – gleichwie – “Andersartige” lieber aus seinem Land haben als in ihm sehen möchten. Doch mehr als ein Fünftel widerspricht dieser durchaus als “kulturalistisch rassistisch” zu bezeichnenden Position klar.

Das ist eine recht trübe Lage, die auch nicht besser wird, wenn man ihr rhetorisch eine positive Wendung verpassen möchte. Zwar die Hälfte – doch mehr als ein Fünftel! Leider hat Professor Patzelt es versäumt, Fragen zu stellen, die eine Unterscheidung zwischen kulturalistischem Patriotismus und völkischem Rassismus überhaupt erst ermöglicht hätten. Dies erleichtert es ihm, bei der Einschätzung der PEGIDA-Anhänger immer die positivste Interpretationsvariante zu wählen. Aber wenn 43% der Befragten sagen, auch friedliche Muslime gehörten nicht zu Deutschland, weckt dann nicht vielleicht doch die Herkunft und nicht die Religion den Hass?

Ähnlich unzureichend ist die Fragestellung in Sachen Demokratie:

71% […] der Befragten nannten die “Demokratie, alles in allem” etwas “eher Vorteilhaftes”, während sie nur 29% […] für “eher problematisch” hielten. Grundsätzliche Gegnerschaft zur Demokratie lässt sich den PEGIDA-Demonstranten also nicht mit nachvollziehbaren Gründen zuschreiben.

Ja, wenn man nur wüsste, was die PEGIDA-Anhänger unter “Demokratie” verstehen! Man müsste sie glatt mal fragen! Aber vielleicht erführe man dann Dinge, die man lieber gar nicht wissen will. Immerhin hören wir noch:

Mindestens drei Viertel der Pegidianer sind unzufrieden mit der Demokratie, wie sie real in unserem Land funktioniert.

Das überrascht nicht – denn die Demokratie funktionert eben nicht so, wie die “Pegidianer” es gerne hätten! Das montägliche Völkchen, das sich so gerne verbal zum Volk aufschwingt, es verlangt nach einer Demokratie, die nach seiner Pfeife tanzt. Aber es versteht nicht, die passende Melodie zu spielen, und zuhören mag auch kaum noch jemand.

Professor Patzelt wiederholt auch noch einmal seine “Diagnose” der Krankheit PEGIDA und seine Vorschläge zur “Therapie”, die nicht beim “Symptom” stehen bleiben dürfe, sondern zu den tieferen Ursachen dringen müsse. Eine Bewegung von besorgten, aber gutwilligen Bürgern sei erst durch hysterische Gegendemonstranten und parteiische Politiker und Journalisten in verhängnisvoller Weise isoliert und radikalisiert worden. Freut sich Professor Patzelt nun über das Ende der Gegenproteste? Überraschenderweise nicht:

Immerhin meinte die im Dezember und Januar so umtriebige Gegnerszene von PEGIDA am 11. Mai, auf sämtliche Gegendemonstrationen verzichten zu können – freilich, nachdem der Protest ohnehin schon ziemlich eingeschlafen war. Entweder wurde erkannt, dass man sich vor einem durch Einbildung stark gemachten Popanz gefürchtet hatte, oder man war es einfach leid, montagabends immer wieder Freizeit opfern zu sollen. Letzteres wäre kein verheißungsvoller Hinweis auf die innere Widerstandskraft von Teilen unserer Gesellschaft, falls unsere freiheitliche demokratische Ordnung einmal wirklich von Feinden mit langem Atem angegriffen werden sollte.

Da wirft Professor Patzelt den PEGIDA-Gegnern erst ihren Protest vor – und dann spottet er höhnisch darüber, sie protestierten ja gar nicht mehr. Das ist doch ein wenig schäbig. Wie überhaupt die Art, in der er den Gegnern von PEGIDA einseitig die Schuld an der “Vergiftung sehr vieler sozialen Beziehungen” zuschiebt:

Schaden werden Deutschland deshalb viel weniger die PEGIDA-Demonstrationen als – vor allem – die verblendeten, wenig Konstruktives bewirkenden Reaktionen auf sie.

Der Therapievorschlag von Professor Patzelt: Man müsse mit den Rechten auf der Straße in einen Dialog treten, ihre Sorgen ernst nehmen und ihre Forderungen womöglich erfüllen. Leider gebe es keine politische Kraft, die sich das traue:

Tatsächlich finden die Deutschen mit politischer Grundeinstellung rechts der Mitte seit längerem kein respektables und obendrein stabiles Personal- und Programmangebot mehr. Eben das ist jene “Repräsentationslücke”, in welche rechte Bewegungen wie PEGIDA – so wie zuvor, freilich als Parteien, die Republikaner, die DVU und die NPD – unschwer eindringen können.

Merkwürdig: Wenn es immer Parteien gab, die in die Lücke eindrangen, wann klaffte sie denn je? Die Antwort: Nie. Es gibt keine Repräsentationslücke außerhalb des Kopfes von Professor Patzelt. Die rechten Deutschen wurden immer repräsentiert. Aber sie wurden durch diese Repräsentation stets aufs Neue enttäuscht, weil die Forderungen, die radikale Rechte so haben, von keiner demokratischen Partei durchgesetzt werden können. Es gibt keine Mehrheit für sie, oft sind sie nicht einmal mit der Verfassung vereinbar. Aus dieser notwendigen Folgenlosigkeit, nicht aus einem Mangel an Repräsentation, resuliert die Enttäuschung der rechten Bürger. Sie ist der Frustration der radikalen Linken gar nicht so unähnlich. Und sie ist unauflöslich. Solange es die bürgerliche Demokratie gibt, wird es eine rechtsradikale Schmollecke geben, aus der gelegentlich Gruppen fluchend ins Licht der Öffentlichkeit stolpern. Niemand sollte sich einreden lassen, erst der Protest bringe den Rechtsradikalismus hervor. Im Gegenteil: Nur eine wache Gegenbewegung kann ihn in Deutschland in Grenzen halten. Man mag Professor Patzelt allerdings darin zustimmen, dass es sinnvoll ist, demokratische konservative Positionen nicht als Nazismus zu dämonisieren. Denn so verstärkt man nur grundlos das rechte Frustpotenzial.

Zum Schluss noch ein letzter Kritikpunkt. Er betrifft nicht das, was Professor Patzelt untersucht, sondern das, was er nicht untersucht hat. In der ganzen Studie wird nicht eine einzige der Reden, die bei PEGIDA gehalten und beklatscht wurden, analysiert. Wenn man wirklich herausfinden möchte, was PEGIDA will, sollte man dann nicht einfach mal zuhören, wenn die Führer und Anhänger von PEGIDA sprechen? Die Pöbeleien bei Facebook mag man als extreme Ausfälle beiseite lassen. Aber nicht ein Wort über die Lügen von Lutz Bachmann, den Geifer von Tatjana Festerling, den völkischen Nationalismus von Götz Kubitschek? Könnten die gesprochenen Worte etwa der gutwilligen These von der Gutwilligkeit von PEGIDA gefährlich werden? Angesichts solcher Ignoranz liegt die Vermutung nahe: Man muss sich die Ohren wohl sehr fest zuhalten, um PEGIDA verstehen zu können.

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Über die Vorstellung der Studie berichten die Sächsische Zeitung und die Dresdner Neuesten Nachrichten. Die gesamte Pressekonferenz zur Präsentation kann man sich auch als Video anschauen.

Tatjana Festerling, PEGIDA-Bürgermeisterin für Dresden

Lutz Bachmann hat eine Neue. Nachdem ihm seine frühere Mitstreiterin Kathrin Oertel davongelaufen ist, gilt nun eine gewisse Tatjana Festerling als nächste enge Vertraute. Frau Festerling wurde einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als sie nach der von Ausschreitungen begleiteten Demonstration “Hooligans gegen Salafisten” die rechten Gewalttäter als “schlagkräftig, unerschrocken und aufrecht” lobte:

Ihr Hooligans, Ihr Bürger, Ihr Steuerzahler dieses Landes, IHR seid die Söhne und Töchter, die Brüder und Schwestern, die Väter und Mütter Deutschlands und Europas! Ich ziehe meinen Hut vor dieser Haltung. HoGeSa – bitte weitermachen!

Die Alternative für Deutschland, deren einfaches Mitglied Tatjana Festerling in Hamburg bis dahin gewesen war, fand an diesen Äußerungen keinen Gefallen und drohte ihr mit Ausschluss, dem sie durch einen Parteiaustritt zuvorkam. Festerling sieht in der AfD nun genau denselben “Volksbetrug” am Werke wie bei allen anderen Parteien. Diesen Wettlauf nach rechts kann man immerhin amüsant finden: Es wird keinen Gewinner geben, denn ganz am rechten Rand steht immer schon Adolf Hitler und ruft: “Ick bün all hier!”

Im Westen perspektivlos, kam Festerling auf die Idee, im Osten nach einer Zukunft zu suchen. Als Rednerin reiste sie zu zahlreichen GIDA-Kundgebungen und wurde für ihre Tiraden gegen den Islam, gegen linke Gutmenschen, gegen “Volksverräter” und “Lügenpresse” umjubelt. Nun hat sie sich von Lutz Bachmann überzeugen lassen, im Namen von PEGIDA für das Amt des Oberbürgermeisters in Dresden zu kandidieren. Bachmann hat auf diese Weise geschickt eine Möglichkeit gefunden, die erwartbare Niederlage auf jemand anderen abzuwälzen. Frau Festerling, im Moment besoffen von ihrem frischen Ruhm, lässt sich das noch blendendere Scheinwerferlicht gefallen.

Frau Festerling mag nicht nur Hooligans und Lutz Bachmann. Ihre auffälligste Leidenschaft ist überhaupt ein starkes Verlangen nach dummen, brutalen Männern. Sie mag es nach eigener Aussage, wenn Männer machen, “was Männer gern tun”. Wahre Männer sind für sie also offenbar solche, die pöbeln, lügen, hetzen, prügeln, stehlen, koksen und sich vor Unterhaltspflichten drücken. Sie ist auch persönlich mit Akif Pirinçci befreundet, der seit seinem Buch Deutschland von Sinnen den Fremdenhassern als “nützlicher Idiot” (Jörg Sundermeier) dient: Seht ihr, jetzt sagt’s sogar einer von denen selber! Frau Festerling wiederholt nicht nur Pirinçcis Hetze, sondern ahmt auch dessen Stillosigkeit nach. Sie hat damit allerdings einen Fehler begangen: Denn die durchaus intelligente und vergleichsweise eloquente Frau hat damit jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit bereits verspielt. Sie hätte eine führende Stimme im seriösen Teil der neurechten Bewegung werden können. Stattdessen pöbelt sie jetzt gegen “linksversiffte” Gutmenschen, nennt einen Gegner “linke Filzlaus”, spricht vom “linksgrünen Mist”, erzählt von einem bayrischen “Pfaffen”, der angeblich für Asylbewerber “eine Runde Nutten spendieren” will, bezeichnet Moslems als “Surensöhne”, fantasiert von grünem “Rudelfick” in der Schule und so weiter und so fort. Lutz Bachmann und dessen verbliebener Anhängerschaft, einer Melange aus Nazis und völlig verrohten sächsischen Wutbürgern, gefallen solche Sprüche. Anständigen Menschen gefällt so etwas nicht.

Vielleicht gibt es Leser, die Bedenken dagegen haben, dass ich auch über die Persönlichkeit von Frau Festerling spreche und nicht nur über ihre politischen Ansichten? Nun, ich glaube, immer noch weit rücksichtsvoller zu sein als Frau Festerling selbst, die sich beispielsweise nicht schämt, Folgendes über Barack Obama zu schreiben:

Der kleine Hussein Obama wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, die sich mit Nacktaufnahmen über Wasser hielt. Der kenianische Vater hat sich nie gekümmert und soll ein schwieriger Charakter, ein Filou und später ein Trinker gewesen sein. Das klingt nicht nach intaktem Familienleben, eher nach ausgebliebener narzisstischer Sättigung in der Kindheit, die der Präsident jetzt u.a. über großmannsüchtige Politik zu kompensieren sucht.

Frau Festerling ist – so wie der ähnlich veranlagte Dr. Thomas Hartung – Beispiel für eine besondere Gruppe von neurechten Menschenfeinden. Sie sind durchaus intelligent, wenngleich charakterlich stark beschädigt, leben aber in einer geschlossenen Wahnwelt. Wenn ich von Wahn rede, dann möchte ich Frau Festerling nicht als geisteskrank diskreditieren. Ich verstehe unter Wahn eine verzerrte Weltanschauung, die sich durch Vorurteile und Verschwörungsdenken gegen alle widersprechenden Fakten und Meinungen abschottet, die alle Kritiker als verlogene, bezahlte und bösartige Feinde abtut. Frau Festerling selbst ist es, die in ihrem Wahn immer wieder Geisteskrankheiten bei ihren Gegnern diagnostiziert, den Linken “Nazi-Paranoia” zuschreibt, alle Politiker als “narzisstische Psychopathen” bezeichnet, ja in ganz Deutschland eine “Freiluftpsychiatrie” sieht. Man ist versucht, eine der psychologischen Thesen von Tatjana Festerling zur Erklärung ihres eigenen Wahns zu verwenden:

Haben wir es hier etwa mit einem klassischen Fall von Projektion zu tun, also dem psychischen Abwehrmechanismus, bei dem man die eigenen, miesen, bösen Anteile, die man bei sich selber so gar nicht akzeptieren kann, stattdessen in verstärkter Form dem Gegenüber in die Schuhe schiebt?

In der Tat, ich glaube fast, in der Person von Tatjana Festerling könnten wir einen solchen Fall von Projektion vor uns haben. Wir erfahren von ihr, die Anhänger von PEGIDA hätten “den Anstand” und “die Aufrichtigkeit” auf ihrer Seite. Es handle sich ausschließlich um “freiheitsliebende, lebenswillige, und vor allem verantwortungsbewusste Menschen”. Bei den Gegnern von PEGIDA hingegen sieht sie “neue Herrenmenschen”, die ihrer Ansicht nach “nicht einmal vor Terroranschlägen zurückschrecken”, “nicht zu argumentativen Auseinandersetzungen fähig” sind und “die Drecksarbeit für die herrschende Klasse” erledigen. Das ist tatsächlich exakt die Wahrheit, nur eben als seitenverkehrt projizierter Irrtum.

Es gibt einen Vorwurf, auf den Tatjana Festerling empfindlich reagiert, nämlich die “Nazi- und Rassismuskeule”. Sie möchte bei aller verbalen Härte doch auch gern als normaler Mensch gesehen werden:

Ich bin berufstätige Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Ultramarathonläuferin, mit Coaching- und Yoga-Ausbildung, weit gereist und freiheitsliebend. Viele mehrmonatige Auslandsaufenthalte und internationale Freundschaften prägen meinen Erfahrungsschatz. Ich erkläre mich uneingeschränkt solidarisch mit Israel. Niemals hatte ich mit Nazis und Rechtsextremen zu tun – ich lehne diese zutiefst ab.

Ihr Schlachtruf lautet: “Wir sind keine Nazis, wir denken nicht an Nazis!” Natürlich: Wer noch nie über Rassismus nachgedacht hat, kann natürlich kein Rassist sein. Aber wir wollen fair sein: Ich finde in Tatjana Festerlings Äußerungen, soweit sie mir bekannt sind, keinen Hinweis darauf, dass es sich bei ihr um eine Nationalsozialistin oder eine Judenhasserin handeln würde. Das Problem aber ist: Tatjana Festerling übernimmt – wie viele ihrer neurechten Mitstreiter – die Denkformen des klassischen Antisemitismus für ihre Hasspropaganda gegen den Islam und die Linken. Nur mal nebenbei bemerkt: Für die guten alten Antisemiten gab es den Gegensatz von Islam- und Judenhass gar nicht, weil sie locker Araber und Juden zusammen der minderwertigen semitischen Rasse zuordnen konnten. So schrieb etwa Houston Stewart Chamberlain, einer der wichtigsten Ideengeber Hitlers:

Mit den Arabern, die unsere Existenz lange arg bedrohten, sind wir bis heute noch nicht fertig geworden, und ihre Schöpfung, der Mohammedanismus, bildet ein Hindernis, wie kein zweites, für jeden Fortschritt der Civilisation und hängt in Europa, Asien und Afrika als Damoklesschwert über unserer mühsam aufstrebenden Kultur; in den Juden haben wir eine andere und nicht minder bedrohliche Abart des überall das Edle und Produktive zerfressenden Giftes zu erblicken.

Tatjana Festerling will nicht nur – wie es jeder vernünftige Mensch tut – den militanten Islamismus bekämpfen, sie sieht den Islam überhaupt als Bedrohung. Wie für den Antisemiten im Juden, verkörpert sich für sie im gläubigen Muslim das Böse schlechthin. Es ist konsequent, wenn sie sagt: “Deshalb ist es völliger Stuss zu fabulieren, dass dieser Graben durch Integration überbrückt werden könnte.” Muss man nicht von antiislamischem Wahn sprechen, wenn Festerlings erste Frage nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs in den Alpen gewesen ist: “War der Co-Pilot Muslim – ja oder nein?” Irgendwo im Internet findet sich gewiss der Beweis dafür, dass er einer war. Der größte Alptraum der Nazis waren Juden, die arische Frauen zur “Rassenschande” verführten. Frau Festerling sieht in muslimischen und afrikanischen Flüchtlingen pauschal “Männer, die ein Problem sind, weil sie Frauen belästigen und möglicherweise vergewaltigen”.

Wie die Fantasie der klassischen Antisemiten der vielfach benachteiligten jüdischen Minderheit eine dämonische Übermacht zuschrieb, so sieht auch Tatjana Festerling die deutsche Mehrheitsgesellschaft einem “Minderheitenterror” durch die Muslime ausgesetzt. Die “Christenverfolgung” habe in Deutschland schon begonnen. Unterstützt werden die Muslime dabei natürlich von einer mächtigen Verschwörung, einer “Konspiration aus Politik und Medien”. Aus einer relativ einflusslosen Minderheit wird so durch wahnhafte Imagination ein übermächtiger Feind, gegen den jedes Mittel recht ist. Wie die Nationalsozialisten die Deutschen davon überzeugten, sie hätten die Juden viel zu lange zu milde behandelt und seien dadurch ausgenutzt worden, sagt Tatjana Festerling: “Unser Dilemma ist unsere Gutmütigkeit, unser tief verwurzeltes Vertrauen, dass uns niemand etwas Böses will.” Wie treffend ausgedrückt! Die Deutschen, sie sind in der Geschichte immer zu gutmütig gewesen. Die Deutschen, sie sind für Frau Festerling überhaupt “höflich, pflichtbewusst, fleißig, ehrlich, pünktlich, gewissenhaft, treu und romantisch”. Eine schöne deutsche Redewendung kennt die Vorzeigedeutsche offenbar nicht: Eigenlob stinkt.

Der Politologe Prof. Werner Patzelt, der anerkanntermaßen weiseste Mensch unter der Sonne, hat in seinen Beiträgen zu PEGIDA immer wieder darauf hingewiesen, dass es die Linken seien, die das Freund-Feind-Denken in die Debatte eingebracht hätten. Ob er schon einmal die Äußerungen von Tatjana Festerling zur Kenntnis genommen hat? Wahrscheinlich nicht, zumindest spricht er nicht über sie. Vielleicht möchte er nicht in die Verlegenheit kommen, PEGIDA einmal laut und deutlich kritisieren zu müssen. Ja, er hat und findet, die Äußerungen “widersprechen aufs Deutlichste dem, was ich selbst für richtig halte“. Tatjana Festerling geht davon aus, dass Europa sich in einem Krieg befinde, PEGIDA “an der Front” in diesem Kampf stehe, in dem selbst der Humor “eine Waffe” sei. (Diese Waffe ist bei Frau Festerling allerdings nicht geladen.) Sogar eine Schlachttaktik gibt es schon, es ist die der sogenannten Querfront: “Mit PEGIDA ist nun erstmals eine Möglichkeit entstanden, in der eine selbstbewusste Widerstandsbewegung politisch horizontal angreift.”

PEGIDA ist für Tatjana Festerling nicht einfach eine Partei unter anderen, eine Stimme unter vielen in einer pluralen Gesellschaft. Sie erhebt vielmehr einen Alleinvertretungsanspruch: “Wir sind der Souverän! Wir sind das Volk!”, ruft sie ihren jubelnden Anhängern zu. Wir und niemand sonst? Offenbar. Ihre inzwischen berühmte Vision eines neuerlich geteilten Deutschlands beschließt Frau Festerling damit, jenes Lied der deutschen Nationalmannschaft für ihre Zwecke abzuwandeln, das diese nach ihrem – nicht zuletzt von Einwanderern ermöglichten – Sieg bei der Fußball-WM angestimmt hatte: “So gehen die Linken, die Linken, die gehn so … So gehn die Deutschen, die Deutschen gehen so!” Für Frau Festerling sind Linke also keine Deutschen, sie werden nach völkischer Art ausgebürgert. Wenn sich eine politische Bewegung zur alleinigen Stimme der ganzen Volksgemeinschaft ernennt und darüber hinaus die “Politiker aller Parteien” ablösen und allein die Macht übernehmen will, dann verdient eine solche Bewegung den Namen “faschistisch”. Ich glaube fast, da würde mir sogar Prof. Patzelt zustimmen. Ich halte es also mindestens für gerechtfertigt, das Denken von Tatjana Festerling faschistoid zu nennen. Man höre:

Jetzt ist das Maß voll. Die Zeiten ändern sich. Wir lassen uns nicht mehr von Minderheiten terrorisieren. Wir sind uns der Mehrheit, die wir in diesem Land darstellen bewusst. Und euch, Linken und Grünen, werden wir ab jetzt ganz genau auf die Finger schauen. Die Zeiten, in denen ihr die Deutungshoheit für euch beanspruchen und euch in eurer moralischen Überlegenheit sonnen konntet, sind vorbei. Wir sagen euch hier und jetzt den Kampf an!

So wie der Wahn Tatjana Festerling glauben macht, ihre rechte Splittergruppe sei die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, so erkennt sie auch nicht das eigene Denken als faschistoid, sondern glaubt im Gegenteil, einen antifaschistischen Kampf auszufechten: “Ihr verlangt von uns, dass wir offenen Auges auf den Abgrund zurasen, schon wieder, nach 80 Jahren?” 2015 minus 80 gleich 1935. Tatjana Festerling ist es also, die sich gemeinsam mit den Kameraden der NPD gegen einen neuen Hitler stemmt. Man kann den Unfug kaum weiter treiben. Wir haben dieser Frau vielleicht schon zuviel Bedeutung beigemessen, aber in dieser völlig verwirrten und verlotterten Zeit muss man wohl selbst lächerliche Phänomene mit Ernst behandeln.

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Alle in diesem Beitrag verwendeten Zitate stammen aus öffentlichen Äußerungen von Tatjana Festerling (Dresdner Reden vom 9. Februar, 9. März, 30. März und 6. April 2015, Beitrag für Die Weltwoche, Facebook-Postings). Sie sind inhaltlich unverändert und nirgends sinnentstellend verkürzt. Da aber ganz sicher der öde Vorwurf nicht ausbleiben wird, die Zitate wären ja alle “aus dem Zusammenhang gerissen”, empfehle ich zum Abschluss noch einmal Tatjana Festerlings jetzt schon klassisch zu nennende Vision eines neuerlich getrennten Deutschlands. Dem “grünen Reich” der Gutmenschen und Moslems im Westen stellte sie in einer Rede ein völkisches Ideal-Teutonien im Osten gegenüber. Frau Festerling hat inzwischen erklärt, es habe sich nur um eine satirische Zuspitzung gehandelt. Und natürlich will Frau Festerling nicht wirklich die Mauer wieder aufbauen. Auch sie weiß, dass die Ostzone kein Jahr ohne das Geld überleben könnte, das die Westdeutschen und die in Westdeutschland lebenden Einwanderer erarbeiten. Aber in dieser Rede erscheint bei aller Ironie doch in voller Klarheit die menschenverachtende Weltanschauung und die moralische Verkommenheit von Tatjana Festerling. Wer mit eigenen Ohren den Originalton in Gänze hören möchte, der kann das hier tun: Video von Russia Today.

Michael Bittner

Sax Royal bei der Dresdner Bürgerkonferenz

Am Sonnabend, dem 28. März 2015, veranstaltet die Initiative DRESDEN – PLACE TO BE ! eine „Dresdner Bürgerkonferenz“ unter dem Motto „Demokratie im täglichen Miteinander“ zwischen 14 und 19 Uhr im Dresden Congress Center. Zahlreiche Diskussionen, Theateraufführungen, Lesungen und Filme widmen sich den Fragen der Zeit.

Auch unsere Lesebühne Sax Royal ist mit dabei: Unter dem Titel „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“ lesen wir Geschichten und Gedichte über Heimat und Fremde, Zorn und Menschlichkeit, Demokratie und das schwierige Volk. Mit dabei sind die Stammautoren Stefan Seyfarth, Max Rademann, Roman Israel und Michael Bittner sowie als besonderer Gast der Lausitzer Schriftsteller Udo Tiffert von der Görlitzer Lesebühne „Grubenhund“.

Wir lesen ab 18 Uhr im Konferenzraum 6. Wir hören auch pünktlich auf, sodass alle Gäste rechtzeitig zum anschließenden Konzert auf dem Theaterplatz kommen.

The Fuck Hornisschen Orchestra: Sachsen

Wer bei unserer Lesebühne im März sträflicherweise gefehlt hat, kennt vielleicht noch gar nicht die zauberhafte Hymne für Sachsen, die Julius Fischer und Christian Meyer aka. The Fuck Hornisschen Orchestra geschrieben haben. Das ist Patriotismus, wo jeder mit muss!

Es lebe der Volkstod!

Über Friedrich Nietzsche wissen leider die meisten nicht mehr als: Gott – tot, Weib – Peitsche, Bestie – blond. Doch verdiente Nietzsche es, gerade jetzt, da kleinbürgerliches Ressentiment überall Triumphe feiert, eifrig gelesen zu werden. Er war nicht nur einer der größten Stilisten der deutschen Sprache. Er war in seinen frühen Schriften auch ein radikalaufklärerischer Kritiker des deutschen Spießbürgertums. Erst später umnebelte Größenwahn seinen Geist, seine schon leicht übergeschnappte Vision vom “Übermenschen” konnten die Nazis dennoch nur mit Hilfe von Fälschungen und Missdeutungen für ihre Ideologie nutzbar machen. In Nietzsches Buch Menschliches, Allzumenschliches finden wir die folgende, heute wieder sehr beachtenswerte Passage:

Der europäische Mensch und die Vernichtung der Nationen. — Der Handel und die Industrie, der Bücher- und Briefverkehr, die Gemeinsamkeit aller höheren Kultur, das schnelle Wechseln von Ort und Landschaft, das jetzige Nomadenleben aller Nicht-Landbesitzer, — diese Umstände bringen notwendig eine Schwächung und zuletzt eine Vernichtung der Nationen, mindestens der europäischen, mit sich: so dass aus ihnen allen, in Folge fortwährender Kreuzungen, eine Mischrasse, die des europäischen Menschen, entstehen muss. Diesem Ziele wirkt jetzt bewusst oder unbewusst die Abschließung der Nationen durch Erzeugung nationaler Feindseligkeiten entgegen, aber langsam geht der Gang jener Mischung dennoch vorwärts, trotz jener zeitweiligen Gegenströmungen: dieser künstliche Nationalismus ist übrigens so gefährlich wie der künstliche Katholicismus es gewesen ist, denn er ist in seinem Wesen ein gewaltsamer Not- und Belagerungszustand, welcher von Wenigen über Viele verhängt ist, und braucht List, Lüge und Gewalt, um sich in Ansehen zu halten. Nicht das Interesse der Vielen (der Völker), wie man wohl sagt, sondern vor Allem das Interesse bestimmter Fürstendynastien, sodann das bestimmter Klassen des Handels und der Gesellschaft, treibt zu diesem Nationalismus; hat man dies einmal erkannt, so soll man sich nur ungescheut als guten Europäer ausgeben und durch die Tat an der Verschmelzung der Nationen arbeiten: wobei die Deutschen durch ihre alte bewährte Eigenschaft, Dolmetscher und Vermittler der Völker zusein, mitzuhelfen vermögen. — Beiläufig: das ganze Problem der Juden ist nur innerhalb der nationalen Staaten vorhanden, insofern hier überall ihre Tatkräftigkeit und höhere Intelligenz, ihr in langer Leidensschule von Geschlecht zu Geschlecht angehäuftes Geist- und Willens-Kapital, in einem neid- und hasserweckenden Maße zum Übergewicht kommen muss, so dass die litterarische Unart fast in allen jetzigen Nationen überhand nimmt — und zwar je mehr diese sich wieder national gebärden —, die Juden als Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Übelstände zur Schlachtbank zu führen. Sobald es sich nicht mehr um Konservierung von Nationen, sondern um die Erzeugung einer möglichst kräftigen europäischen Mischrasse handelt, ist der Jude als Ingredienz ebenso brauchbar und erwünscht, als irgend ein anderer nationaler Rest.

Der unpatriotische Europäer Nietzsche war vom biologistischen Denken seiner Zeit stark beeinflusst, umso erstaunlicher ist es, dass er in der Terminologie eben dieses Denkens dem damals grassierenden Nationalismus und Antisemitismus widersprach. Nietzsches Prophezeiung einer Vereinigung der Völker hätte sich vielleicht längst erfüllt, wäre die Entwicklung nicht durch die beiden Weltkriege gewaltsam unterbrochen worden. In ihnen tobte sich der Nationalismus noch einmal auf bestialischste Weise aus. Ob dies nur ein letztes Aufbäumen des Nationalismus vor seinem Untergang war, entscheiden die jetzt lebenden Generationen. Es sieht nicht danach aus.

Nietzsches Prophezeiung ist bemerkenswert. Sie spricht nicht von einer Koexistenz der Völker, einem “Europa der Vaterländer”, sondern von einer “Vernichtung” der Nationen, aber nicht durch Gewalt, sondern durch eine Aufhebung in Vereinigung. Die Prophezeiung scheint mir nicht nur kaum veraltet, sondern noch immer visionär. Viele glauben, es sei im Kampf gegen den völkischen Nationalismus und Rassismus der beste Weg, die Begriffe “Volk” und “Rasse” theoretisch zu dekonstruieren. Ich glaube, es ist noch wirkungsvoller, Volk und Rasse praktisch durch eine fröhliche Völkermischung aufzulösen. Jene “liebevolle Verschmelzung der Nationen”, von der schon der Philosoph Friedrich Schlegel träumte, vollzieht sich von ganz allein, wenn die Staaten nicht mit Verboten dazwischenhauen. Sie wird in Deutschland von den Völkischen zur Zeit besonders gerne als “Volkstod” bezeichnet. Der “Volkstod” ist der ewige Alptraum der Rassisten – sehen wir zu, dass dieser Traum wahr wird! Machen wir alle Grenzen durchlässig, sodass die Kinderlein zu- und miteinander kommen können! Jene “durchmischte und durchrasste Gesellschaft”, die den jungen Edmund Stoiber in Angst und Schrecken versetzte, die brauchen wir!

Ein Land, in dem niemand mehr allein wegen seines Äußeren als “normal” oder “fremd” gelten könnte, wäre glücklicher als wir. Der Staat, der diesem Ideal am nächsten kommt, sind heute die USA. In dieser Gesellschaft, die fast ausschließlich aus Einwanderern und ihren Nachkommen besteht, gibt es zwar auch schlimmsten Rassismus, besonders gegen die Nachkommen der Sklaven. Aber seit alle Amerikaner wählen dürfen, ist offener Rassismus zumindest nicht mehr mehrheitsfähig. Und seit die Rassen nicht mehr gewaltsam getrennt werden, verschwimmen langsam auch die Grenzen zwischen ihnen. Deswegen kämpfen völkische Nationalisten mit allergrößter Wut immer gegen zwei Dinge: das Wahlrecht für alle und die Mischehe. Inzwischen kämpfen sie erfreulicherweise meist auf verlorenem Posten. Die USA sind der “Völkermischmasch”, den die Völkischen, auch jene der neuen “Querfront”, am erbittertsten hassen. Mag uns der amerikanische Kapitalismus auch suspekt sein, als praktisches Beispiel für einen Vielvölkerstaat sind die USA trotz aller ihrer Gebrechen unersetzlich.

Warum nur demonstrieren bei den Märschen in Ostdeutschland gegen die “Islamisierung des Abendlandes” und gegen “Überfremdung” vor allem Männer? Und warum ist das schlimmste Schreckbild dieser Männer der “allein reisende junge Südländer”? Mit Hilfe von Friedrich Nietzsche kommen wir diesem psychologischen Rätsel auf die Spur. Die stachelköpfigen Funktionsjackenträger, die da auf die Straße gehen, haben die nicht unbegründete Angst, ihre Frauen und Töchter könnten Gefallen an den exotischen Fremden finden. Das geben sie freilich nicht zu, stattdessen warnen sie, diese Ausländer seien ja alle potenzielle Vergewaltiger. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass eine deutsche Frau sich freiwillig dem erotischen Reiz der deutschen Biedermänner entziehen könnte! Aber so etwas soll schon mal passieren. Sind doch jetzt schon in vielen Regionen Ostdeutschlands die Männer beinahe unter sich, weil viele agile Frauen sich in die überfremdeten Großstädte oder ganz ins Ausland verabschiedet haben! Volkstum und Heimat gut und schön, aber jeden Abend an der Bushaltestelle besoffen Frei.Wild hören, das ist für die meisten jungen Frauen nicht eben sehr verlockend. Vielleicht kämpft Lutz Bachmann gegen die Überfremdung auch deswegen so entschieden, weil er als ehemaliger Ludenbüttel die schlimme Not vereinsamter Volksdeutscher besonders gut kennt.

Sollte die völkische Idiotie irgendwann einmal überwunden sein, was allerdings so schnell nicht zu erwarten ist, werden gewiss neue Formen der Menschenfeindlichkeit an ihre Stelle treten. Aber damit müssen sich dann unsere scheckigen Enkel herumärgern.

Michael Bittner

Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für Professor Patzelt

Professor Werner Patzelt beklagt, die Kritiker seiner Äußerungen zu PEGIDA hätten auf seine Erwiderung nicht geantwortet, verweigerten überhaupt jeden konstruktiven Dialog. Er kanzelt seine Kritiker darum mit einem kapitalen Donnerwort als “DISKURSIV SCHWACH, INTELLEKTUELL UNFRUCHTBAR, PERSÖNLICH MUTLOS” ab. Professor Patzelt hat meinen früheren, womöglich zu hitzigen Beitrag zum Thema nicht zur Kenntnis genommen. Dennoch möchte ich mich an einer weiteren Erwiderung versuchen. Ich bemühe mich, auf Satire zu verzichten. Aber Professor Patzelt, dem der mediale Ruhm etwas zu Kopf gestiegen zu sein scheint, macht einem das nicht leicht. Bezeichnet er sich doch inzwischen selbst als “eine Eiche, an der mancher sich reibt”. Professor Patzelt ist also eine mächtige deutsche Eiche! Und was sind dann seine Kritiker? Ja, der Redewendung nach offenbar Säue. Wie war das Geschrei groß, als die PEGIDA-Demonstranten vermeintlich als “Ratten” bezeichnet wurden! Und nun nennt Professor Patzelt seine Kritiker Schweine! Wir wollen uns aber nicht aufregen, sondern nur nüchtern festhalten: Es gibt in Wahrheit gewiss nur sehr wenige Kritiker, die das Bedürfnis haben, sich an Professor Patzelt zu reiben.

Halten wir zunächst fest: Kein ernsthafter Kritiker kann bezweifeln, dass Professor Patzelt ein integrer Mensch, ein seriöser Wissenschaftler und ein demokratisch gesinnter Staatsbürger ist. Seine Einlassungen sind meistens sachlich und vernünftig. In angenehmer Weise unterscheidet sich hier ein traditioneller Konservatismus von der neurechten Pöbelei. Professor Patzelt hat gelegentlich sogar die Größe, Fehler einzugestehen. So hat er zugegeben, die Anti-PEGIDA-Bewegung lange zu undifferenziert betrachtet zu haben. Und doch hat auch der Stil seiner Einlassungen einige Schwächen. Zunächst ist die Selbstinzenierung als verfolgte Unschuld in einem Hexenprozess recht eitel, ja geradezu albern. Müsste ein Professor, der von einigen Kollegen und Studenten kritisiert wird, nicht etwas mehr Gelassenheit an den Tag legen? Stattdessen wirft er den Kollegen vor, sie seien ja nur neidisch auf seine neue Prominenz. Und er wundert sich darüber, dass Studenten nicht den Mut finden, einen akademischen Lehrer persönlich zu tadeln. Ebenfalls eitel und albern ist es, wenn Professor Patzelt von seinen Kritikern fordert, sie müssten doch möglichst erst einmal sein wissenschaftliches Gesamtwerk studieren, bevor sie das Wort gegen ihn ergreifen. Seine zahlreichen neuen Fans haben seine Aufsätze und Bücher auch nicht gelesen, von ihnen lässt er sich im Internet aber widerspruchslos den Bauch pinseln.

Kommen wir nun zur inhaltlichen Auseinandersetzung. Professor Patzelt hat in einigen Punkten recht, insbesondere mit seiner Auffassung, es sei vor der Spaltung der Bewegung sachlich und politisch falsch gewesen, die PEGIDA-Anhänger kollektiv als Nazis zu bezeichnen. In einigen weiteren wichtigen Punkten finde ich die Argumente von Professor Patzelt allerdings nach wie vor nicht überzeugend.

Professor Patzelt verweist darauf, er habe keineswegs nur seine persönliche politische Meinung geäußert, sondern eine Studie auf der Basis von Umfragen erstellt. Sein Bild der PEGIDA-Bewegung sei also empirisch unterfüttert. Nun räumt er aber selbst ein, dass alle Umfragen nicht repräsentativ sind. Ungefähr die Hälfte der Befragten hat nicht auf gestellte Fragen geantwortet. Es ist aber – wie auch Professor Patzelt gesteht – ziemlich wahrscheinlich, dass gerade die radikalen Kräfte sich allen Befragungen verweigern. Es ist also festzuhalten: Alle bisherigen Studien sind strukturell verharmlosend. Damit ist auch das Ergebnis der Studie von Professor Patzelt, wonach nur ein Drittel der PEGIDA-Demonstranten vor der Spaltung der Bewegung “rechtsnationale Xenophobe”, zwei Drittel aber “teils empörte, teils über die Zukunft unseres Landes besorgte gutwillige Bürger” seien, höchst zweifelhaft. Ich verfüge auch nicht über repräsentative Daten, aber ich habe in den letzten Monaten sehr viele Briefe, Mails und Kommentare von PEGIDA-Anhängern erhalten und gleichzeitig die öffentlichen Äußerungen verfolgt. Also darf ich wohl auch mitraten. Meine nicht quantitative, aber qualitative Analyse widerspricht der Auffassung von Professor Patzelt, die Mehrheit der Demonstranten wären “Gutwillige”. Nein, es sind auch viele Böswillige darunter. Wenn es etwas gibt, dass die Mehrheit der Demonstranten auszeichnet, dann ist es – unabhängig von Bildungsgrad und politischer Einstellung – der schlechte Charakter. Die Leute, die man da sieht und hört und liest, sind größtenteils egoistische, hasserfüllte, neidische, mitleidlose, selbstgerechte, beschränkte, wichtigtuerische Leute. Es gibt sicher viele Ausnahmen. Aber die Regel sei dennoch auch mal konstatiert.

Professor Patzelt wirft seinen Kritikern weiterhin vor, sie hätten über seine Verteidigung der “kleinen Leute” gespottet. Aber darum geht es nicht. Falsch ist es nicht, die “kleinen Leute” zu verteidigen, sondern die PEGIDA mit den “kleinen Leuten” zu identifizieren, ganz so wie PEGIDA sich selbst gerne mit dem “Volk” identifiziert. PEGIDA, das sind nicht “die kleinen Leute”, das ist eine rechte Splittergruppe. Das sagen uns Umfragen in Dresden und anderswo. Was mich besonders stört, ist die paternalistische Haltung, mit der Professor Patzelt die “kleinen Leute” wie Kinder entmündigt, indem er für fast alle ihre Dummheiten und Bosheiten eine Entschuldigung, wenigstens eine relativierende Erklärung parat hat. Auch “kleine Leute” sind verantwortlich für das, was sie sagen und tun. Auch “kleine Leute” darf man kritisieren, wenn sie einer Clique von Banditen und Rechtsradikalen folgen und hetzerischen Reden zujubeln. Es gibt eine Menge “kleiner Leute”, die mit PEGIDA nichts zu tun haben wollen – weil sie über gesunden Menschenverstand verfügen und ein Herz haben. Übrigens: Hat es sich zu Professor Patzelt noch nicht herumgesprochen, dass der “kleine Mann” in Deutschland inzwischen ziemlich oft ein Türke ist?

Quatsch ist und bleibt die These von Professor Patzelt, es gebe eine “Repräsentationslücke” auf der rechten Seite des politischen Spektrums, welche die Menschen geradezu zwinge, sich auf der Straße Luft zu verschaffen. Die CDU ist in Sachsen so rechts wie nirgendwo sonst, über Jahre gab es die NPD im sächsischen Landtag, jetzt sitzt dort die Alternative für Deutschland. Die Rechte ist in Sachsen politisch ausgezeichnet repräsentiert, ja sie ist seit 1989 der Mainstream der sächsischen Politik. Aber eben nur hier und anderswo nicht. Die PEGIDA-Demonstranten stören sich nicht daran, dass sie nicht repräsentiert würden, sondern sie halten es nicht aus, dass nicht alles nach ihrem Willen geht. Und oft wissen sie nicht einmal, was sie wollen. Sie kämpfen nur so lange für Meinungsfreiheit und Volksinteressen, wie es um ihre Meinung und um ihre Interessen geht. Demokraten sind sie also nur bedingt. Nicht wenige von ihnen sind sogar eine Bedrohung für die Demokratie.

Professor Patzelt kann sich auf den Kopf stellen, es bleibt doch wahr: Er hat sich in einen politischen Konflikt in einseitiger Weise eingemischt. Er hat die Gegner der PEGIDA mit Häme und Härte kritisiert, die Anhänger hingegen stets mit Sanftmut und Sympathie behandelt. Ihn erregt es, wenn Gegendemonstranten die PEGIDA-Anhänger als “Nazis” bezeichnen, kaum aber, wenn umgekehrt der Ruf “Linksfaschisten” erschallt. (Aber nein, in irgendeiner Fußnote hat er sich sicher klar davon distanziert.) Die Lügen und Bosheiten der PEGIDA werden von Professor Patzelt nur beiläufig und halbherzig in Nebensätzen kritisiert. Darf er so einseitig Partei ergreifen? Natürlich darf er das, zumal sich ja viele andere Menschen auf der Gegenseite engagiert haben. Aber er möge doch bitte nicht behaupten, er wäre die Waage der Gerechtigkeit, da er doch ersichtlich nur das Gegengewicht auf der rechten Schale ist.

Ich beschließe meinen Beitrag mit einer sehr richtigen und erhellenden Einschätzung von Professor Patzelt:

Denn ist PEGIDA im Kern ein faschistisch-rassistisches Unterfangen, dann sollten gerade Demonstrationen unter faktischer Führung Bachmanns weiterhin florieren. Gehen die Demonstrationen von Bachmann und seinesgleichen aber ein, ja käme es gar zu erfolgreichen Anschlussdemonstrationen eines nach Abspaltung verselbständigten und im Grunde als außerparlamentarischer Arm der AfD fungierenden Flügels, so hätte sich gezeigt: PEGIDA war weitgehend eine Protestbewegung von politisch Enttäuschten rechts der Mitte, sozusagen ein (versuchtes) „1968 von rechts“.

Die Demonstrationen unter Führung von Bachmann florieren und gewinnen wieder an Zulauf, während Neonazis und “besorgte Bürger” gemeinsam Flüchtlingsheime angreifen. Die Demonstrationen der vermeintlich gemäßigten Konkurrenz um Kathrin Oertel sind eingegangen. Man ziehe den Schluss selbst.

Michael Bittner

Die sächsische CDU im Kampf mit der deutschen Sprache

Die sächsische CDU hat versucht, sich mit einer Erklärung unter dem Titel “Positionspapier für Integration und Zuwanderung” bei den Anhängern der PEGIDA anzubiedern. Ob es in Sachsen noch Christen gibt, die es irritiert, wie eine angeblich christliche Partei sich eilfertig von den Tugenden der Gnade und der Barmherzigkeit abwendet, um einen dumpfen Volkszorn zu besänftigen und zugleich die Forderungen der Ökonomie nach “nützlichem” Humanrohstoff zu befriedigen? Die Lektüre des Papiers erbaut jedenfalls nicht sehr. Aber es ist doch immerhin ein erheiternder Anblick, die führenden Köpfe der sächsischen Union im Kampf mit Geografie, Logik und deutscher Sprache zu beobachten:

Eine wesentliche Grundlage dafür ist, das Zuwanderung in Zukunft gesteuert und bestimmt von den Interessen unseres Landes erfolgt.

Bereits heute steht fest, dass zu den sicheren Herkunftsländern auch die Westbalkanstaaten einschließlich des Kosovo, Albanien und Tunesien gehören.

Das gilt erst Recht für straffällig gewordene Personen oder Hassprediger.

Es geht darum, standardisierte Verfahrensabläufe zu finden, mit denen die Ausreisepflicht von straffälligen Asylbewerbern Vorfahrt ermöglicht wird.

Wer eine Freiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr verwirkt, soll in der Regel unser Land verlassen.

Bis dahin muss entsprechend dem geltenden europäischen Recht das Asylverfahren in dem Land stattfinden, indem der Bewerber erstmals europäischen Boden betreten hat (Dublin Abkommen).

Die zuwanderungsrelevante Liste mit Mängelberufen muss in Zukunft häufiger aktualisiert werden.

Die Bundesagentur für Arbeit erstellt Listen mit Berufen, bei deren Besetzung offener Stellen mit ausländischen Bewerberinnen oder Bewerbern arbeitsmarkt und integrationspolitisch verantwortbar sind.

Strukturierung und Verschlankung schaffen Transparenz, die an Administration, aber auch international, ein Signal ausstrahlt.

Bereits heute fehlen in zahlreichen Berufen ausgebildete Fachkräfte. Zur Behebung dieser sind wir auf gut ausgebildete ausländische Fachkräfte angewiesen.

So also reden jene Deutsch, die sich für Modellathleten einer “belebten deutschen Leitkultur” halten. Vor dieser Kultur graust es mir. Einem Satz des Papiers kann ich aber, wenn nicht stilistisch, so doch sachlich, meine Zustimmung nicht verweigern:

Erhöhte Sprachkompetenzen auf Seiten der deutschen Behörden würden einen großen Beitrag für eine gelebte Willkommenskultur leisten.

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