Deutsche im Sturm

Der Autor legt Wert auf die Vorbemerkung, dass er sämtliche Ereignisse und Äußerungen getreulich nach der Wirklichkeit aufgezeichnet hat.

Ich sitze im EuroCity Richtung Prag zwischen Berlin und Dresden, wie zumeist in diesem Zug im vorzüglichen tschechischen Speisewagen, wo es noch Lampen mit warmem Licht gibt, Tischdecken, freundliche Kellner und Köche, die nicht nur eine Mikrowelle zu bedienen wissen. Vor etwa einer Dreiviertelstunde haben wir Berlin planmäßig um 15:10 Uhr verlassen, ganz zu meiner Freude, denn ich hatte wegen des angekündigten Sturms schon mit einer  Verspätung gerechnet. Die wäre aber heute besonders ungünstig, denn ich habe mein Telefon zuhause liegen lassen, sodass es mir schwerfallen würde, die Freunde zu erreichen, die in Dresden auf mich warten. Auf einem Blatt Papier notiere ich mir gerade die Reihenfolge der Texte, die ich am Abend vorlesen will. Ziel meiner Reise ist die Premierenfeier meines neuen Buches. Ein Stückchen hinter Jüterbog bleibt der Zug plötzlich im Wald stehen. Durchs Fenster sehe ich, wie Windböen die Bäume schütteln. Ungute Gedanken kommen auf. Der Schaffner meldet sich über den Lautsprecher: „Werte Fahrgäste, wir können unsere Fahrt leider im Moment nicht fortsetzen, da auf der Strecke vor uns Bäume in die Oberleitung gefallen sind. Ich kann Ihnen im Moment leider noch nicht sagen, wie es weitergeht und bitte Sie um etwas Geduld.“

Ein Mann zwei Tische weiter mit Magdeburger Akzent fängt an zu meckern: „Das kann ich nicht verstehen. Es muss doch eine Vorschrift geben, dass Bäume nicht so nah am Gleis stehen dürfen! Da muss es doch ein Gesetz geben, bestimmt gibt es sogar eins. Warum sägt man denn dann diese ganzen Bäume nicht ab? Dann können die auch nicht mehr auf die Gleise fallen. Das kann doch nicht wahr sein, das ist doch schon wieder so typisch Deutsche Bahn!“ Ein glatzköpfiger Hamburger, der mit dem Magdeburger zufällig an einen Tisch geraten ist, nickt schweigend. „Ich find was anderes viel schlimmer!“, ruft ein weiterer Mann von hinten. „Dass es hier mitten in Deutschland kein Netz gibt! Kein einziger Balken! Man kann nicht einmal zuhause anrufen!“ Wir sind hier nicht mitten in Deutschland, denke ich still, wir sind hier mitten in Brandenburg. Ich bleibe locker. Klugerweise bin ich ja eigens fünf Stunden vor Beginn der Lesung losgefahren, um auch auf jeden Fall pünktlich anzukommen. Ich hole erst einmal mein Notizbuch aus der Tasche, um ein bisschen mitzuschreiben.

„Entschuldigung!“, spricht der glatzköpfige Hamburger den sächsischen Schaffner an, der gerade den Speisewagen durchquert. „Wenn wir jetzt hier länger stehen, gibt’s dann vielleicht die Möglichkeit, mal eine zu rauchen?“ – „Nein.“ – „Kann man nicht mal eine Tür aufmachen?“ – „Auf keinen Fall! Dann fällt noch einer raus, das fehlt uns gerade noch!“

Eine Viertelstunde später steigen die ersten Leute aus dem Zug und spazieren an den Gleisen entlang. Im Speisewagen steigt der Konsum von Wein und Bier. Die Küche hingegen bleibt kalt. „Kein Strom“, sagt der junge tschechische Kellner allen, die jetzt ein Schnitzel bestellen wollen. Eine Gruppe junger Leute kommt aus ihrem Abteil in den Speisewagen, um Karten zu spielen. Der Magdeburger sagt zum Hamburger: „Wenn man’s positiv sieht: Immerhin hat man jetzt mal Zeit zu reden.“ Der Hamburger wirkt nicht sehr begeistert.

Eine Stunde ist vergangen, der Zug bewegt sich nicht. Wolfgang Stumph kommt durch den Gang gelaufen und beruhigt die Menschen. „Die schicken bestimmt bald jemanden“, sagt Stumpi. „Dann geht’s weiter.“

Ich bestelle mir das zweite Bier. Die Gefahr scheint gering, dass mir nicht genug Zeit bleiben könnte, um es auszutrinken. Hinter mir höre ich eine Schaffnerin auf einen Fahrgast einreden: „Die Feuerwehr arbeitet im Akkord, die haben gerade sechzig Einsätze. Wenn die einen Baum weggeräumt haben, fällt hinter ihnen der nächste um. Die ganze Strecke ist jetzt für den Bahnverkehr gesperrt, ich kann Ihnen nicht sagen, wann es weitergeht.“

Eine Amerikanerin fragt den tschechischen Kellner verzweifelt, ob er Englisch spreche. Sie hat keine Ahnung, was eigentlich los ist, weil die Ansagen nur auf Deutsch durch den Lautsprecher kommen. Die Ärmste weiß nicht, dass deutsche Schaffner Ansagen auf Englisch nur machen, wenn es um gleichgültige Dinge geht.

Eine Gruppe von betrunkenen Männern aus Westfalen stürmt den Speisewagen. „Zwei Kiefern hängen vorne in der Oberleitung“, berichten sie. „Und dann ist auch noch der Anfahrtsweg für die Feuerwehr scheiße. Aber was soll’s: Wir machen jetzt Party! Kommt in den letzten Wagen, wir haben noch jede Menge Bier und Eierlikör!“

Am Nachbartisch versucht ein älterer Sachse, eine junge Frau mit Hilfe scharfer Merkel-Kritik zu unterhalten. „Wer sich in Deutschland nicht integrieren will, der muss wieder gehen! Und das betrifft eben vor allem kriminelle Zuwanderer aus dem Maghreb!“ Die junge Frau stellt sich als Thüringerin heraus, die in der Flüchtlingshilfe arbeitet. Die Chance auf ein schnelles Katastrophennümmerchen auf der Bordtoilette sinkt spürbar. Den alten Mann erinnert die Gegenwart an die letzten Jahre der DDR. Die BRD sei eine Lobbyrepublik, aber die Leute seien blind dafür. „Den Deutschen geht es viel zu gut!“, sagt er. „Die Deutschen sind das dümmste Volk, das mir seit der Wiedervereinigung über den Weg gelaufen ist!“ Zum Ende des Gesprächs treffen sich beide immerhin in der Auffassung, eine Überwindung des Kapitalismus sei dringend erforderlich, eine klassenlose Gesellschaft aber unmöglich. So kommen in Deutschland also doch noch politische Gegner miteinander zivilisiert ins Gespräch. Und alles, was es dafür braucht, ist eine gewaltige Naturkatastrophe. Das macht Hoffnung.

Die Stimmung im Zug wird seltsamerweise mit der Zeit nicht schlechter, sondern besser – wahrscheinlich, weil die Biervorräte des tschechischen Speisewagens unendlich scheinen. Draußen vorm Fenster sieht man jetzt Feuerwehrleute anrücken; neue Hoffnung keimt auf.

Ein junger Mann bringt Neuigkeiten: Eine Hilfslok soll kommen und uns rückwärts ziehen, aber nicht bis Berlin, sondern nur bis Jüterbog. So langsam dämmert den Fahrgästen, dass die Lage ernst ist. „So eine Scheiße, wir kommen also heute nicht mehr nach Prag in den Puff!“, klagt einer der Westfalen. Der Magdeburger denkt laut darüber nach, durch den Wald zehn Kilometer bis zur nächsten Ortschaft zu laufen, um von dort aus mit dem Taxi nach Dresden zu fahren. Die jungen Leute am Kartentisch überlegen, ihre Eltern in Hamburg anzurufen und sich abholen zu lassen. Die Westfalen wollen notfalls mit den Zweigen der umgestürzten Kiefern ein Lagerfeuer anzünden. Ich fühle mich in meiner alten Auffassung bestätigt, dass ein Großteil der erwachsenen Bevölkerung eigentlich entmündigt werden müsste.

Angesichts der Tatsache, dass die Toiletten nicht mehr funktionieren, fangen mich die beiden Biere, die ich trank, zu reuen an. In einigen Waggons des Zuges gehen die Lichter aus, denn die Batterien gehen zur Neige. Auch kühl wird es langsam. Eine Mutter schreit ihr Kind an. Allgemein wird unter den Fahrgästen die Rückkehr der Wölfe nach Brandenburg kritischer betrachtet als früher. Ich laufe zum Zeitvertreib ein wenig an der sehr frischen Luft herum und erfülle mir im Dunkel, das inzwischen hereingebrochen ist, einen Kindheitstraum: einmal vom Bahndamm pinkeln!

„Mein letzter Wille: ‘ne Frau mit Brille!“ Die betrunkenen Westfalen berichten einander davon, welche Schlampen sie schon für wie viel Geld gebumst haben. Wie lange wird es noch dauern, bis wir zum Kannibalismus übergehen? Erst einmal fangen die Westfalen an, sich auf ihren Telefonen gegenseitig Pornofilmchen vorzuführen.

Am Nebentisch sitzt inzwischen ein Amerikaner mit seiner erwachsenen Tochter. Er fordert sie auf, doch etwas zu trinken zu bestellen. Aber sie will nicht, weil die Toiletten kaputt sind. „Aber du kannst doch draußen pinkeln gehen, Sweetie!“- „Ich habe aber noch nie in der Öffentlichkeit gepinkelt, ich möchte das nicht.“- „Aber Sweetie, das ist doch kein Problem, ich kann doch mitkommen!“

Die betrunkenen Westfalen rufen inzwischen Frauen, die sich zwischen ihnen durch den Speisewagen drängeln müssen, „Ficki Ficki!“ hinterher. Erstaunlich: Es braucht nur vier bis fünf Bier, um junge Deutsche in jene Nafris der schlimmsten Sorte zu verwandeln, die sie doch angeblich so verachten. Der Amerikaner erklärt seiner Tochter: „Das sind Leute von der freiwilligen Feuerwehr aus Münster. Ich habe vorhin ein bisschen mit ihnen geredet. Sie sind betrunken, aber es sind gute Jungs.“

21 Uhr. Plötzlich gehen die Lichter wieder an. Man erzählt sich: Die Leitung sei repariert, der Strom fließe wieder und der Zug solle seine Fahrt fortsetzen, sogar wie geplant Richtung Dresden und Prag. Bald darauf setzt sich der Zug in Bewegung, Jubel bricht aus. Mir ist inzwischen alles gleichgültig. Ich will gar nicht mehr nach Dresden, denn meine Lesung werde ich ohnehin nicht mehr erreichen. Seit geraumer Zeit spreche ich anstelle des Bieres einem vorzüglichen tschechischen Weißwein zu.

Die erste Durchsage nach vielen Stunden: „Wir fahren jetzt mit 20 Kilometern pro Stunde bis zum nächsten Haltepunkt in Holzdorf an der Elster, dort wird die Oberleitung nochmals geprüft.“

Ein Gespräch über die AfD bricht aus. Der Magdeburger erklärt den Erfolg der Partei mit Ostfrust, resultierend aus sozialer Ungerechtigkeit, niedrigen Löhnen, kümmerlichen Renten und überhaupt der ganzen kapitalistischen Scheiße. Der Ossi sage sich derzeit: ‚Das ist doch wirklich ein großer Mist: 40 Jahre haben sie uns in der DDR betrogen und belogen, aber ausgerechnet über den Kapitalismus haben sie uns die Wahrheit erzählt.‘ Der Hamburger scheint nicht völlig überzeugt, bemüht sich aber, den aufgebrachten Magdeburger nicht durch Widerspruch zu reizen. Er gesteht ein, die etablierten Politiker müssten ihr Handeln „besser erklären“, um die Menschen „abzuholen und mitzunehmen“. Es fällt ihm jedoch schwer, seine Position zu erläutern, weil er vom Magdeburger immer nach fünf Worten schon wieder abgewürgt wird. „Die ganzen Frustrierten bei uns im Osten, die jetzt AfD gewählt haben, was bekommen die? Eine Regierung aus CDU, FDP und Grünen, also Parteien, die gar nichts für den kleinen Mann tun werden!“ Immerhin einigen sich die beiden darauf, dass Gerhard Schröder „der schlimmste Verbrecher von allen“ ist.

Als wir in Holzdorf stehen, borge ich mir das Telefon eines Spaniers und rufe die einzige Nummer an, die ich bei mir habe, meine eigene. Zuhause geht erfreulicherweise eine Frau ran und erklärt mir, meine Lesung finde gerade ohne mich statt; die Stimmung sei aber sehr gut. Ich freue mich darüber, dass ich offenbar schon nicht mehr vermisst werde. So schnell kommt man der Welt abhanden. Ich bestelle noch einen Weißwein. Die Toiletten funktionieren wieder. Das Bruttosozialprodukt Tschechiens dürfte an diesem Abend allein um 3,7 Prozent gewachsen sein.

Ich bemerke mit Schrecken, dass einen Tisch weiter schräg gegenüber schon seit einer ganzen Weile ein junger Schriftsteller sitzt, den ich vor ein paar Tagen in Berlin kennengelernt habe. Jetzt ist die Zeit verstrichen, in der wir einander ohne Peinlichkeit hätten wiedererkennen und begrüßen können. Uns bleibt nun nichts anderes übrig, als aneinander vorbeischauen, ein ganzes Schnitzel lang, das ihm gerade erst serviert wurde.

Wir stehen immer noch in Holzdorf an der Elster. Ich sitze inzwischen acht Stunden in diesem Zug. Langsam kommen mir die anderen Fahrgäste wie Familienmitglieder vor, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich möchte für diesen Gemütszustand den Namen Holzdorf-Syndrom vorschlagen. Ein Mann aus Sachsen hat sich zu mir an den Tisch gesellt. Wir kommen darin überein, dass das Krisenmanagement der Deutschen Bahn verbesserungswürdig ist. Das Versagen führen wir auf die Profitgier zurück, die auch bei der Bahn inzwischen Rationalisierung über Kundenglück stellt. Er erzählt mir, er fahre eigentlich ganz gern mit der Bahn und besuche auf diese Weise oft seinen Sohn in Berlin. Wir spotten gemeinsam ein bisschen über all die Sachsen, die sich vor Berlin fürchten und die Stadt für den gefährlichsten Moloch der Erde halten. Als sich der Sachse verabschiedet, verspricht er, ab jetzt öfter mal nach meinen Texten in der Zeitung zu schauen. Und wieder einen neuen Leser im persönlichen Nahkampf gewonnen!

Ein Bahnmitarbeiter kommt jetzt auf die Idee, ab sofort Getränke und Essen umsonst im Zug zu verteilen. Die Fahrgäste, die noch am Leben sind, werden es ihm danken.

Der glatzköpfige Hamburger erzählt seinem Nachbarn, er sei heute eigens um 8 Uhr aufgestanden, um pünktlich anzukommen. Inzwischen ist es 23:45 Uhr. Er sieht aus, als würde er bald töten. Immerhin hat der Magdeburger aufgehört zu reden. Der Alkohol hat ihn schließlich kampfunfähig gemacht. Er döst nur noch mit hängendem Kopf auf seinem Sitz.

Ich warte die ganze Zeit vergeblich auf die eigentlich obligatorische Lautsprecherdurchsage: „Liebe Fahrgäste, unsere Verspätung beträgt zurzeit leider 420 Minuten. Wir bitten um ihr Verständnis.“ Meiner Ansicht nach an allem schuld: die Kiefer! Diese Niete unter den Bäumen, dieser Flachwurzler, den das kleinste Lüftchen umweht! Danke, Realsozialismus, dass du den ganzen Osten vollgepflanzt hast mit diesem zu groß geratenen Unkraut!

Ich bestelle mir den vierten Weißwein. Saufen auf Kosten der Deutschen Bahn macht doppelt Freude.

Der Amerikaner neben mir hat sich inzwischen als Geschäftsmann aus New Jersey vorgestellt, der in der Lebensmittelbranche tätig ist. Seine Tochter wohnt in der Schweiz, die beiden befinden sich gerade auf einer gemeinsamen Reise nach Prag. Er erzählt davon, Lidl versuche gerade, den amerikanischen Markt zu erobern, stoße aber auf Hindernisse: „Die wollen unsere Produkte haben, aber sie wollen sie unter einem anderen Namen verkaufen und so gut wie kein Geld dafür bezahlen. Warum sollten wir das machen? Wir sind doch nicht blöd.“ Er fragt mich, warum man uns nicht schon vor Stunden einfach mit Bussen abgeholt hat. Ich weiß ihm keine Antwort zu sagen.

0:26 Uhr. Nichts Neues. Ein Mann mit Hamburger Dialekt hinter mir klagt sein Leid ins Telefon: „Wir wissen nicht, wo wir sind. Wir wissen nicht, wohin wir fahren. Wie die Züge damals nach Auschwitz ist das.“

Auf dem Nachbargleis kommt plötzlich ein Zug aus der Gegenrichtung an. Wir sehen den Lokführer in der erleuchteten Fahrerkabine, er streckt beide Daumen nach oben und lacht. Es ist also tatsächlich geschafft: Ein Schienenräumfahrzeug hat sich aus Dresden bis zu uns durchgekämpft. Die Strecke ist frei.

0:42 Uhr. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Freude bricht aus, doch gedämpft durch allgemeine Müdigkeit. Nie wieder werde ich bezweifeln, dass der Begriff „Schicksalsgemeinschaft“ einen Sinn besitzt. Eine Glücksbotschaft wird über den Lautsprecher verkündet: Wir werden um 2 Uhr Dresden erreichen, nach nur 11 Stunden Fahr- und Stehzeit.

„Wir hätten in Berlin niemals losfahren dürfen“, murmelt der Schaffner, als er wieder einmal durch den Speisewagen trottet.

Es ist Punkt 2 Uhr, als ich in Dresden aus dem Zug stolpere und mir auf dem Bahnsteig die Augen reibe. Neben mir purzelt der betrunkene Magdeburger aus der Bahn. Wir wollen einander beinahe in die Arme fallen.

Ich warte an der Haltestelle auf eine Straßenbahn. Wenn mein Freund Max um 2 Uhr noch nicht schläft, habe ich sogar einen Platz zur Übernachtung. Die Chancen dafür stehen gut.

Eine alte Frau neben mir plärrt aufgeregt in ihr Telefon: „Ich steig jetz in die Ölf, Armin. Die Ölf! Wiesch dann weitergomm, weeßsch ononi. – Was? Aber ich gann doch nischd davier, wenn der Zug hier hält. Also, ich fahr jetz zum Ullersdorfer Blatz. – Armin, mein Delefon hat doch keen I-Mehl! Armin? Armin?!“

Michael Bittner

Die Schwarzhemden von Themar

Der Staat, so hört man derzeit oft, dürfe keine rechtsfreien Räume dulden. Ganz gut dulden kann er aber Räume voller Rechter. Solches Gelände muss nicht wie andernorts von der Polizei mit aller Gewalt gestürmt und geräumt werden, es reicht vielmehr, wenn es schützend gesäumt und mit dem Rücken zum Geschehen überwacht wird. So geschieht es seit Neuestem in dem Dörfchen Themar in Thüringen, wo sich Menschen aus dem ganzen Vaterland zu politischen Demonstrationen mit musikalischer Begleitung versammeln. „Rock gegen Überfremdung“, nennt sich das oder auch „Rock für Identität“. Die Demonstrationsfreude der Gäste ist so groß, dass sie sogar Eintritt zahlen, um sich zeigen zu dürfen. Es ist fast so, als handelte es sich einfach um kommerzielle Veranstaltungen, die sich als politische Versammlungen nur tarnen – wie einst die Love Parade, nur mit etwas weniger Liebe.

„So sieht deutscher Nationalstolz aus!“, meinte Egbert Ermer, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, nach dem ersten Treffen von Themar. Er lobte in einer Rede, wie friedlich und ordentlich das Ganze abgelaufen sei, ohne jeden Konflikt mit den anwesenden Ordnungshütern. Die linke Lügenpresse will hingegen Nazis erkennen beim Blick auf die Bilder, die während der Veranstaltungen angefertigt wurden. Fotografien zeigen tatsächlich aber bloß fröhliche Männer. Zugegebenermaßen erklärungsbedürftig ist allenfalls die fantasievolle Gestaltung der Hemden, die sie trugen. Bei den Besuchern, die sich durch ihre Kleidung als Mitglieder der „Arischen Bruderschaft“ kenntlich machten, handelte es sich aber gewiss nur um eingeschworene Freunde der indogermanischen Sprachfamilie. Ein anderer Gast wurde im Internet dafür kritisiert, dass er auf seinem Hemd seine Liebe zu „HTLR“ bekannte – aber ist es denn jetzt schon verwerflich, Zuneigung zu den deutschen Buchstaben H, T, L und R zu empfinden? Zumal diese ja ausdrücklich als Abkürzungen für „Heimat“, „Treue“, „Loyalität“ und „Respekt“ erklärt waren! Ein weiterer besorgter Bürger wurde als Nazi verunglimpft, weil auf seinem Hemd „N.A.Z.I.“ stand – auch hier eine ganz unverfängliche Kurzform für „natürlich anständig zuverlässig intelligent“. Wer könnte gegen diese löblichen Tugenden etwas einwenden? Doch nur ein wahrer Schuft! Einen Skandal will man schließlich auch daraus machen, dass im Konzertzelt, als die Polizei konzentriert weghörte, ein wenig Armgymnastik betrieben und ein Sprechchor angestimmt wurde, der die Worte „Sieg“ und „Heil“ enthielt. Aber was ist denn an einem Sieg, was ist am Heil zu beanstanden? Wären denn Unheil und Niederlage besser?

Man muss einräumen, dass sich unter den Konzertbesuchern auch Menschen befinden, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Politik äußern. Die Zeile „Gegen die Regierung mit allen Mitteln zu kämpfen ist ja ein Grundrecht und Sport jedes Deutschen“ etwa weist in diese Richtung. Ein anderer Besucher sah sich gar „Im Kampf gegen ein Scheiss-System“. Aber hier zeigt sich doch nur ein lebendiger demokratischer Geist, den man begrüßen muss. Politikverdrossenheit oder mangelndes Engagement für ihre Sache kann man diesen Bürgern jedenfalls nicht vorwerfen. Vielleicht geht aus dem Thüringischen Fest sogar eine neue Partei hervor. Ein Gast wenigstens regte dies an durch ein Hemd mit der Aufschrift „Bündnis 88 – die Braunen“. Überhaupt war Braun eine beherrschende Farbe in Themar, was einer der Besucher mit dem erfrischenden Bekenntnis „Bin ich zu braun, bist du zu bunt!“ unterstrich. Noch häufiger sah man allerdings Schwarz. Es wirkt fast, als wollten die Rechten einen eigenen Schwarzen Block präsentieren, allerdings keinen linkschaotischen, sondern einen stramm organisierten. Sie wissen eben, dass in Deutschland jedes Verhalten verziehen wird, solange es nur diszipliniert zugeht.

Nach Halt suchen die von der Gegenwart angewiderten Männer in der guten alten Zeit. „Früher war alles besser“, ließ ein Gast sein Hemd verlauten. Wer würde dem nicht zustimmen! Sicherlich seinen verstorbenen Großvater ehren wollte einer, der den Satz „Adolf war der Beste“ spazieren trug. Ein anderer pries das „Jubeljahr 1933“, womit er auf die Verkündigung eines Jubeljahres durch Papst Pius XI. am 6. Januar 1933 anspielte. Überhaupt wollen die Leute verständlicherweise die Leistungen ihrer Vorfahren in gutem Andenken bewahren: „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat“, diese Worte prangten auf einer Flagge. Der deutsche Soldat bleibt somit in Erinnerung, der deutsche Dativ leider nicht. Aus dem Stolz auf die Geschichte ziehen die Versammelten erfreulicherweise aber auch Hoffnung für die Zukunft. Dies zumindest verheißt ein weiterer textiler Sinnspruch: „Vizeweltmeister 1945 – wir kommen wieder“. Würde dieses Versprechen wahr, käme auf die Welt ein Sommermärchen ganz besonderer Art zu. In Themar hat diese ganz eigentümliche deutsche Mannschaft jedenfalls von nun an beste Trainingsbedingungen, um sich auf ihr Comeback vorzubereiten.

Michael Bittner

Die Liebe zu Ziegen

Wenn in meiner Kindheit auf dem Dorf die Verwandtschaft bei uns zuhause zu einer Familienfeier zusammenkam, dann wurde die Tafel bei gutem Wetter im Freien aufgestellt, im Garten hinterm Haus, im Schatten des großen Kastanienbaums. Die Onkel und Tanten, Großeltern und Enkel, Cousins und Cousinen saßen beisammen an einem langen Tisch, auf dem Geschirr, Kaffeekannen und eine Erdbeertorte bereitstanden. Wurstbrötchen warteten schwitzend auf ihren Verzehr. Die Männer machten Bierflaschen auf. Wenn drei Generationen so beieinander saßen, geriet das Gespräch aber manchmal ins Stocken, da es an gemeinsamen Interessen fehlte.

In solchen Momenten gelang es einer bestimmten Anekdote, die ganze Familie wieder in heiterste Stimmung zu versetzen. Jedes Jahr wurde die Anekdote aufs Neue erzählt, ursprünglich von einer Großtante, die an chronischen Depressionen litt, immer zu Späßen aufgelegt war und gerne einen kleinen Schnaps trank. Nachdem sie ins Altersheim umzogen war, übernahmen andere Mitglieder der Familie die Erzählung, die jedoch bei keiner Feier fehlen durfte. Als kleiner Junge verstand ich den Witz der Geschichte noch nicht und lachte bloß mit, weil alle Erwachsenen auch lachten. Erst in meiner Jugend erschloss sich mir mit dem Erwachen des Eros der tiefere Gehalt der Anekdote. Die angeheiterte Tante überlieferte sie ungefähr wie folgt:

„Als ich noch klein war, da lebte in dem jetzt verfallenen Haus oben auf dem Hügel am Rand des Dorfes die alte Traudel. Ihr Mann war schon lange tot. Bei ihr lebte noch ein erwachsener Sohn, der nie eine richtige Arbeit oder eine Frau gefunden hatte. Die alte Traudel besaß nicht den hellsten Verstand, im Kopf ihres Sohnes war es aber noch finsterer. Trotzdem lebten die beiden auf ihrem kleinen Anwesen in ungetrübter Ruhe vor sich hin. In Streit mit der Nachbarschaft gerieten sie nie, wenn auch manchmal einige Männer im Dorf über das seltsame Paar auf dem Hügel unanständige Witze machten.
Nun geschah es aber in einer Nacht, dass mein Vater aus seinem Schlaf erwachte, weil seltsame Geräusche aus unserem Stall drangen. Er erhob sich schnell aus dem Bett, denn er vermutete einen Hühnerdieb oder sonstigen Einbrecher am Werk. Mit einem Knüppel in der einen, einer Lampe in der anderen Hand schritt er durch die Dunkelheit zum Stall. Das Tor stand offen und er trat ein. Und im Stall entdeckte er niemand anderen als den Sohn der alten Traudel, der sich gerade an einer Ziege zu schaffen machte. Unser Vater hielt den Übeltäter fest und schlug Alarm. Bald waren alle im Haus und auch die Nachbarn erwacht. Man sandte nach der alten Traudel, damit sie ihren ertappten Sohn abhole. Und wisst ihr, was die alte Traudel sagte, als sie beim Tatort angekommen war und dem frisch ertappten Sünder gegenüberstand?“ Wie gespannt lauschte meine ganze Familie an dieser Stelle immer der Geschichte, obwohl doch jeder schon ihr Ende kannte. Meine Großtante fuhr fort: „Die alte Traudel stand da ganz verblüfft vor ihrem Sohn und sagte: Ich versteh das ni – wir ham doch selber Ziegen!

Die Ausgelassenheit meiner Familie nach diesem letzten Satz war immer sehr groß. Alle lachten, bis ihnen der Pflaumenkuchen vom Teller rutschte. Und auch ich muss noch heute schmunzeln, wenn ich zufällig an diese Anekdote denke, zum Beispiel beim Anblick von Ziegen im Streichelzoo. Natürlich ist das geschilderte Verbrechen etwas unappetitlich. Aber es gibt gewiss noch schlimmere Dinge, die man Tieren antun kann, als Zoophilie. Man kann Tiere zum Beispiel auch umbringen und dann aufessen.

Als ich nun jüngst hören musste, dass ein deutscher Satiriker das heitere Thema der Liebe zu Ziegen missbraucht hat, um Stimmung gegen den türkischen Präsidenten zu machen, ärgerte ich mich darüber. Eine früher unbeschwerte Kindheitserinnerung ist nun plötzlich mit politischem Ballast überladen. Und zeigt nicht unsere Familienanekdote überdies, dass die Liebe zu Ziegen auch in deutschen Landen verbreitet, also keineswegs auf Herrscher orientalischer Prägung beschränkt ist? Die unter einsamen Männern beliebte Liebe zu Ziegen hat, wie ich meine, gar nichts mit Kultur oder Religion oder Politik zu tun, sondern liegt in dem Umstand begründet, dass man Ziegen – anders als Rinder oder Kamele – auch ohne eine Leiter liebhaben kann.

Allen Satirikern sei ein für alle Mal gesagt: Lasst die Ziegen in Frieden! Missbraucht sie nicht, um eure Gegner auf die Hörner zu nehmen! Einem Despoten, der ein ganzes Land vergewaltigt, tut man ohnehin nur einen Gefallen, wenn man ihn zum Tierliebhaber verniedlicht.

Michael Bittner

Micha’s Lebenshilfe (38)

Wenn man auf einer Bühne eine gute Viertelstunde an einem Mikrofon steht, sollte man darauf achten, dabei keine unnatürliche Körperhaltung einzunehmen, weil man sonst nach dem Abgang möglicherweise von einem Beinkrampf geschüttelt wird, humpelnd zu seinem Platz zurückkehrt und dort zum ersten Mal im Leben mit Recht den Satz aussprechen darf: Ich habe mich verstanden.

Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

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Wer mag, kann hier alle Beiträge der Reihe nachlesen.

Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Michael Bittner

Micha’s Lebenshilfe (36)

Wenn man in einem Kaufhaus eine Packung Unterhosen erwirbt, auf der das Versprechen 3 zum Preis von 2 prangt, sollte man nicht unbedingt davon ausgehen, zu Hause beim Öffnen in der Packung drei Schlüpfer vorzufinden, da es sein könnte, dass sie nur einen einzigen enthält und man, um den versprochenen Preisvorteil zu erlangen, zwei Packungen hätte kaufen müssen.

Treffen der Generationen

Ach, und Sie essen gar kein Fleisch?”, fragt die ältere Dame im Speisewagen. “Warum denn?”

“Naja, mir tun die Tiere irgendwie leid. Deswegen möchte ich sie eigentlich nicht auffressen.”

Eine halbe Minute Schweigen.

“Essen Sie dann auch keine Wurst?”

Micha’s Lebenshilfe (35)

Wenn man die Absicht hat, in einer Berliner S-Bahn Platz zu nehmen, sollte man unbedingt nicht nur optisch, sondern auch tastend die Beschaffenheit des Sitzes prüfen, bevor man sein Gesäß niederlässt, da man sich sonst möglicherweise überraschend in einer Pfütze wiederfindet, deren Nässe augenblicklich die Hosen durchweicht, wonach einem nur noch die Hoffnung bleibt, dass hier bloß jemand sein Bier verschüttet hatte.

Micha’s Lebenshilfe (34)

Wenn man hinter der Supermarktkasse seine bezahlten Waren in Tüten und Taschen stopft, sollte man bei aller Eile doch darauf achten, nicht versehentlich Güter des nachfolgenden Kunden einzustecken, da man sonst möglicherweise zu Hause beschämt feststellen muss, dass man einem kleinen Jungen unabsichtlich ein Stück irische Butter gestohlen hat.

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