Die Liebe zu Ziegen

Wenn in meiner Kindheit auf dem Dorf die Verwandtschaft bei uns zuhause zu einer Familienfeier zusammenkam, dann wurde die Tafel bei gutem Wetter im Freien aufgestellt, im Garten hinterm Haus, im Schatten des großen Kastanienbaums. Die Onkel und Tanten, Großeltern und Enkel, Cousins und Cousinen saßen beisammen an einem langen Tisch, auf dem Geschirr, Kaffeekannen und eine Erdbeertorte bereitstanden. Wurstbrötchen warteten schwitzend auf ihren Verzehr. Die Männer machten Bierflaschen auf. Wenn drei Generationen so beieinander saßen, geriet das Gespräch aber manchmal ins Stocken, da es an gemeinsamen Interessen fehlte.

In solchen Momenten gelang es einer bestimmten Anekdote, die ganze Familie wieder in heiterste Stimmung zu versetzen. Jedes Jahr wurde die Anekdote aufs Neue erzählt, ursprünglich von einer Großtante, die an chronischen Depressionen litt, immer zu Späßen aufgelegt war und gerne einen kleinen Schnaps trank. Nachdem sie ins Altersheim umzogen war, übernahmen andere Mitglieder der Familie die Erzählung, die jedoch bei keiner Feier fehlen durfte. Als kleiner Junge verstand ich den Witz der Geschichte noch nicht und lachte bloß mit, weil alle Erwachsenen auch lachten. Erst in meiner Jugend erschloss sich mir mit dem Erwachen des Eros der tiefere Gehalt der Anekdote. Die angeheiterte Tante überlieferte sie ungefähr wie folgt:

„Als ich noch klein war, da lebte in dem jetzt verfallenen Haus oben auf dem Hügel am Rand des Dorfes die alte Traudel. Ihr Mann war schon lange tot. Bei ihr lebte noch ein erwachsener Sohn, der nie eine richtige Arbeit oder eine Frau gefunden hatte. Die alte Traudel besaß nicht den hellsten Verstand, im Kopf ihres Sohnes war es aber noch finsterer. Trotzdem lebten die beiden auf ihrem kleinen Anwesen in ungetrübter Ruhe vor sich hin. In Streit mit der Nachbarschaft gerieten sie nie, wenn auch manchmal einige Männer im Dorf über das seltsame Paar auf dem Hügel unanständige Witze machten.
Nun geschah es aber in einer Nacht, dass mein Vater aus seinem Schlaf erwachte, weil seltsame Geräusche aus unserem Stall drangen. Er erhob sich schnell aus dem Bett, denn er vermutete einen Hühnerdieb oder sonstigen Einbrecher am Werk. Mit einem Knüppel in der einen, einer Lampe in der anderen Hand schritt er durch die Dunkelheit zum Stall. Das Tor stand offen und er trat ein. Und im Stall entdeckte er niemand anderen als den Sohn der alten Traudel, der sich gerade an einer Ziege zu schaffen machte. Unser Vater hielt den Übeltäter fest und schlug Alarm. Bald waren alle im Haus und auch die Nachbarn erwacht. Man sandte nach der alten Traudel, damit sie ihren ertappten Sohn abhole. Und wisst ihr, was die alte Traudel sagte, als sie beim Tatort angekommen war und dem frisch ertappten Sünder gegenüberstand?“ Wie gespannt lauschte meine ganze Familie an dieser Stelle immer der Geschichte, obwohl doch jeder schon ihr Ende kannte. Meine Großtante fuhr fort: „Die alte Traudel stand da ganz verblüfft vor ihrem Sohn und sagte: Ich versteh das ni – wir ham doch selber Ziegen!

Die Ausgelassenheit meiner Familie nach diesem letzten Satz war immer sehr groß. Alle lachten, bis ihnen der Pflaumenkuchen vom Teller rutschte. Und auch ich muss noch heute schmunzeln, wenn ich zufällig an diese Anekdote denke, zum Beispiel beim Anblick von Ziegen im Streichelzoo. Natürlich ist das geschilderte Verbrechen etwas unappetitlich. Aber es gibt gewiss noch schlimmere Dinge, die man Tieren antun kann, als Zoophilie. Man kann Tiere zum Beispiel auch umbringen und dann aufessen.

Als ich nun jüngst hören musste, dass ein deutscher Satiriker das heitere Thema der Liebe zu Ziegen missbraucht hat, um Stimmung gegen den türkischen Präsidenten zu machen, ärgerte ich mich darüber. Eine früher unbeschwerte Kindheitserinnerung ist nun plötzlich mit politischem Ballast überladen. Und zeigt nicht unsere Familienanekdote überdies, dass die Liebe zu Ziegen auch in deutschen Landen verbreitet, also keineswegs auf Herrscher orientalischer Prägung beschränkt ist? Die unter einsamen Männern beliebte Liebe zu Ziegen hat, wie ich meine, gar nichts mit Kultur oder Religion oder Politik zu tun, sondern liegt in dem Umstand begründet, dass man Ziegen – anders als Rinder oder Kamele – auch ohne eine Leiter liebhaben kann.

Allen Satirikern sei ein für alle Mal gesagt: Lasst die Ziegen in Frieden! Missbraucht sie nicht, um eure Gegner auf die Hörner zu nehmen! Einem Despoten, der ein ganzes Land vergewaltigt, tut man ohnehin nur einen Gefallen, wenn man ihn zum Tierliebhaber verniedlicht.

Michael Bittner

Micha’s Lebenshilfe (38)

Wenn man auf einer Bühne eine gute Viertelstunde an einem Mikrofon steht, sollte man darauf achten, dabei keine unnatürliche Körperhaltung einzunehmen, weil man sonst nach dem Abgang möglicherweise von einem Beinkrampf geschüttelt wird, humpelnd zu seinem Platz zurückkehrt und dort zum ersten Mal im Leben mit Recht den Satz aussprechen darf: Ich habe mich verstanden.

Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

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Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Michael Bittner

Micha’s Lebenshilfe (36)

Wenn man in einem Kaufhaus eine Packung Unterhosen erwirbt, auf der das Versprechen 3 zum Preis von 2 prangt, sollte man nicht unbedingt davon ausgehen, zu Hause beim Öffnen in der Packung drei Schlüpfer vorzufinden, da es sein könnte, dass sie nur einen einzigen enthält und man, um den versprochenen Preisvorteil zu erlangen, zwei Packungen hätte kaufen müssen.

Treffen der Generationen

Ach, und Sie essen gar kein Fleisch?”, fragt die ältere Dame im Speisewagen. “Warum denn?”

“Naja, mir tun die Tiere irgendwie leid. Deswegen möchte ich sie eigentlich nicht auffressen.”

Eine halbe Minute Schweigen.

“Essen Sie dann auch keine Wurst?”

Micha’s Lebenshilfe (35)

Wenn man die Absicht hat, in einer Berliner S-Bahn Platz zu nehmen, sollte man unbedingt nicht nur optisch, sondern auch tastend die Beschaffenheit des Sitzes prüfen, bevor man sein Gesäß niederlässt, da man sich sonst möglicherweise überraschend in einer Pfütze wiederfindet, deren Nässe augenblicklich die Hosen durchweicht, wonach einem nur noch die Hoffnung bleibt, dass hier bloß jemand sein Bier verschüttet hatte.

Micha’s Lebenshilfe (34)

Wenn man hinter der Supermarktkasse seine bezahlten Waren in Tüten und Taschen stopft, sollte man bei aller Eile doch darauf achten, nicht versehentlich Güter des nachfolgenden Kunden einzustecken, da man sonst möglicherweise zu Hause beschämt feststellen muss, dass man einem kleinen Jungen unabsichtlich ein Stück irische Butter gestohlen hat.

Micha’s Lebenshilfe (33)

Wenn man sich auf Reisen begibt, dann sollte man stets eine kosmetische Schere mit sich führen, da es immer passieren kann, dass man nach einem Tag plötzlich gewahr wird, wie einem Haare aus der Nase sprießen, woraufhin man sich in einen Drogeriemarkt begibt, in dem man aber beim Anblick des Preisschildes „Nagelschere – 19,95 Euro“ erschrocken wieder kehrt macht, um in einer Filiale der Schreibwarenkette McPaper stattdessen eine Kinderbastelschere zum Preis von 2,95 Euro zu kaufen, die ihre Aufgabe zwar auch erfüllt, dabei aber recht unangenehme Schmerzen verursacht.

Warum ich gerne nach Leipzig fahre

Ein alter Mann steigt in die Straßenbahn. Er setzt sich, hievt einen Aktenkoffer und zwei prall gefüllte Plastiktüten auf seinen Schoß. Die rabenschwarzen Löckchen auf seinem runzligen Schädel sind auf den ersten Blick als Perücke zu erkennen. Das Kunsthaar sticht so lebhaft von seiner bleichen Haut ab, dass die umstehenden Passagiere sich zusammennehmen müssen, um nicht loszulachen. Der alte Mann zieht ein Diktiergerät hervor, hält es sich vor den Mund und fängt an, laut hinein zu sprechen: „Donnerstag, genaue Zeit: neunzehn Uhr und siebenundzwanzig Minuten … ich befinde mich in Leipzig, in einer Straßenbahn … Linie 14 Richtung Plagwitz … wir erreichen jetzt die Haltestelle Nonnenstraße … Fahrzeug produziert von Bombardier …“ Die Fahrgäste ringsum wissen nicht so recht, wohin mit ihren Blicken. Sie sind neugierig und möchte gerne schauen, wer da so wirr redet, aber haben doch auch Angst, angesprochen zu werden. „Am Sonntag finden in Leipzig Wahlen zum Oberbürgermeister statt … jeder darf teilnehmen, sofern er mindestens ein halbes Jahr als Einwohner beim Amt gemeldet ist … auch vorher kann man bereits abstimmen … nicht jeder weiß das … man sollte am besten gleich zwei Oberbürgermeister wählen, dann ist die Stimme wenigstens ungültig … aber wer nicht wählt, der hilft diesem Obergauner, im Rathaus bleiben zu könen … der Kaltwasserganove sitzt ja wenigstens schon im Gefängnis …“ Als wir uns der nächsten Haltstelle nähern, steckt der alte Mann das Diktiergerät wieder ein und nimmt auch die schwarze Perücke ab, als hätte er die nur als Requisit gebraucht, um seine Äußerungen zu protokollieren. Eine faltige Glatze kommt zum Vorschein. Er steht auf, drängelt sich zur Tür und steigt aus. Wir fahren wieder ab, draußen hört man ein lautes Hupen. Ich schaue hinaus: Der alte Mann ist vor ein Auto gelaufen, das nun quietschend beschleunigt und an ihm vorbei rast. Der alte Mann setzt seinen Weg auf der Fahrbahn fort.

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