Micha’s Lebenshilfe (13)

Wenn man einen nach Herstellerangaben “aromatischen” Käse erwirbt, sollte man dringlichst darauf achten, das Produkt in Bälde (neudeutsch: zeitnah) zu verzehren, da ansonsten die Gefahr besteht, dass die eigene Küche binnen weniger Tage so riecht, als läge ein verwesendes Tier hinterm Schrank.

Selbstzerstörung

In einem Zug hängt das Werbeplakat einer Wohnungsbaugenossenschaft, darauf zu sehen Menschenmassen vor einem überfüllten Zug:

“Warum pendeln Sie noch? Wir haben doch schöne Wohnungen in dieser wunderbaren Stadt!”

Der unbefangene Leser fragt sich: Macht die Bahn jetzt schon Werbung für ihre Abschaffung? Wieso nicht demnächst Autowerbung mit dem Slogan:

“Warum fahren Sie denn immer noch mit der Bahn in diesen immer verspäteten Zügen voller schlecht gelaunter Zeitgenossen mit und ohne Uniform?”

Neulich im Hebeda’s (2)

Eine Gruppe kostümierter Fußballfans entert zum stillen Schrecken der Stammgäste das Lokal. Sofort stimmen die Patridioten Gesänge an: “Wir trinken das schäumende Bier und wir scheißen dem Wirt auf die Theke! Schenket ein, schenket ein, schenket ein! Wir wollen alle besoffen sein!” Dem Trend zur Gleichberechtigung folgend sind auch einige Freundinnen mit dabei. Eine flüstert peinlich berührt ihrem grölenden Partner zu: “Du, muss das sein? Ich schäme mich so!” Ihr Lebensabschnittsgefährte kontert souverän: “Ach! Darüber mache ich mir gar keine Gedanken!”

An der Theke in Prohlis

“Habt ihr auch so speziellere Sachen, zum Beispiel eine Afri-Cola?”

“Nee.”

“Dann nehm ich ein Radeberger.”

Paradox oder konsequent?

Bei einem Vortrag zum Thema Gentrifizierung der Dresdner Neustadt im AZ Conni ist kein Platz mehr im Saal zu finden. Die Leute stehen bis in den Gang. Die heimischen Anarchisten kümmern sich derweil weniger um die soziologische Analyse als um die Suppe, die die Volksküche ausschenkt. Einer von ihnen bietet eine treffliche Erklärung für den überwältigenden Zuspruch: “Was machen bloß die ganzen Menschen hier? Wahrscheinlich sind das alles die Leute, die die Neustadt gentrifiziert haben!” Na klar, wer sollte sich sonst abends freiwillig einen Vortrag zur Gentrifizierung anhören?

Micha’s Lebenshilfe (12)

Wenn man seine Einkommenssteuererklärung beim Finanzamt seines Vertrauens abgibt, sollte man nicht vergessen haben, sich vorab eine Kopie für den Eigengebrauch zu erstellen, damit man nicht im nächten Jahr – als ein Opfer des Vergessens – sämtliche Rätsel von Neuem lösen muss, die man doch schon einmal (vorläufig) siegreich überwunden hatte.

Micha’s Lebenshilfe (11)

Wenn man zu den Leistungsempfängern nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) gehörte, sollte man es ggf. nicht verabsäumen, einen eventuellen Wechsel der Anschrift – verursacht beispielsweise durch Umzug – dem Bundesverwaltungsamt unaufgefordert mitzuteilen, da ansonsten eine Erhebung von Anschriftenermittlungskosten (25,- EUR) fällig wird (gemäß $ 12 Abs. 2 DarlehensV, § 18 Abs. 6 Nr. 3 BAföG), zahlbar binnen zwei Wochen an die Bundeskasse Halle.

Lose Gedanken auf Reisen

Beim Frühstück im 4-Sterne-Hotel in der konkret blättern – wenn das kein Salonkommunismus ist, dann weiß ich auch nicht mehr. *** Im Regionalexpress treffen auf Höhe Ingolstadt ein Junggesellenabschied und ein Junggesellinnenabschied aufeinander. Sportstudent meets Verwaltungsfachangestellte mal zwanzig. “Jungs, so jung und unverheirat kommer nimmer zsammen!” – “Ja, du net!” *** Durch München flanieren: Die Straßen sind so sauber, man möchte sich beinahe die Schuhe ausziehen, um sie nicht schmutzig zu machen. *** Durch München flanieren: Gibt es hier eine Vorschrift zum Tragen von Sonnenbrillen? *** Durch München flanieren: Traue keinem Reiseführer! “Glockenbachviertel. Das In-Viertel Münchens: Rund um den Gärtnerplatz pulsiert das Leben.” Sagen wir so: Es gab Kneipen, die nicht geschlossen hatten. *** “Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Glauchau!” Bekommt das Service-Personal der Bahn jetzt Nachschulungen in Ironie? *** Achtung, Antifa-Aufkleber-Designer! Antispeziesmus ist herrschaftsfrei! Hä? Braucht man ab sofort eine Juniorprofessur in Soziologie, um eure Sticker zu lesen? Wie wär’s stattdessen einfach mal wieder mit dem guten alten “Nazis auf’s Maul”?

Warum, Gott, warum?

Statt mit Pamela Anderson steht David Hasselhoff (58) mit Andy Borg vor der Kamera. Am 24. April ist der US-Sänger zu Gast im „Musikantenstadl“ in der ARD und präsentiert dort seinen neuen Song „This Time Around“, wie der Bayerische Rundfunk (BR) am Donnerstag in München mitteilte. Außerdem singt er ein Medley seiner Hits und seinen Erfolgssong „Looking For Freedom“ im Duett mit Andy Borg.

Pressemeldung

Die Sozialbetrügerin bei der Arbeit

Der Gerichtsreport beginnt schon einmal vielversprechend:

Möglicherweise wäre die Angeklagte besser gefahren, wenn sie mit einem Strafverteidiger in ihren Prozess am Amtsgericht Dresden erschienen wäre. Doch den kann sich die Hartz-IV-Empfängerin nicht leisten.

Tja, Pech gehabt. Hätte jemand sie darüber informieren müssen, wie man auch ohne Geld einen Rechtsbeistand erhalten kann? Wen interessiert’s.

Der delikate Vorwurf: Die 59-Jährige soll Einnahmen als Prostituierte erzielt, aber nicht der Arge gemeldet haben.

Sollte eine 59-jährige, die noch Einnahmen als Prostituierte erzielen kann, nicht vor allem Respekt verdienen? Aber ach, die arge Arge, sie denkt immer nur ans Geld. Und um welche astronomischen Summen ging es jetzt eigentlich?

Auch wenn die Freier kaum 90 Euro im Monat bei der Dirne ließen, sie hätte ihre – geringfügige – Liebesbeschäftigung nicht verschweigen dürfen.

Merkwürdig, der Artikel, der vermutlich als heitere Anekdote aus der Welt der Justiz die Leser erheitern sollte, führte bei mir zunehmend zu Unwohlsein und Melancholie. Das macht wahrscheinlich meine zügellose Fantasie. Wo andere nur von einem lustigen Fall lesen, muss ich mir immer gleich eine alte Frau vorstellen, die mehrere Männer im Monat drüberlassen muss, um neunzig Euro zusammenzubekommen.

Weil sie das von März 2007 bis Mai 2009 jedoch getan habe, sei der Arge ein Schaden von 2327,88 Euro entstanden – wie auch immer man auf diesen Betrag gekommen ist.

Schlimm. Hätte die Frau ihre Fickwirtschaft nur ordentlich als Nebenverdienst angemeldet, dann hätte der Staat die Einnahmen einkassiert und wohl nichts einzuwenden gehabt.

Laut Anklage hat die Frau gewerbsmäßigen Betrug in vier Fällen begangen, denn sie habe regelmäßige Einkünfte erzielt. Mindeststrafe: sechs Monate.

Das also ist “gewerbsmäßiger Betrug”? Erstaunlich. Ich hatte bei dem Begriff immer an andere Dinge (FDP, katholische Kirche u.ä.) gedacht.

Die Angeklagte legte ein Geständnis ab. Sie habe nur ihre Schulden zahlen wollen, sagte die 59-Jährige, die bislang nie straffällig war. Offenbar hatte sie nicht einmal geahnt, dass sie das wenige Freiersgeld angeben muss.

Die arme Frau ohne Anwalt gesteht nicht nur, sie gesteht auch gleich noch ihre Unwissenheit. Aber wie man weiß, schützt Unkenntnis vor Strafe nicht. Endlich mal wieder jemand, den man schön glatt aburteilen kann.

Die Staatsanwältin forderte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Das war Richter Hans Hlavka deutlich zu viel. Er verurteilte die Frau wegen gewerbsmäßigen Betruges zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten.

Wirklich eine geradezu bestialische Humanität. Nur acht Monate! Das heißt, dass die Sozialbetrügerin im Fall der Fälle einen Tag Gefängnis für 9,70 Euro illegaler Einnahme absitzen muss.

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