Der Mythos des Künstlertums hat offenbar nichts von seiner Anziehungskraft auf junge Menschen verloren. Woran liegt’s? Es scheint so, als wäre der Glaube immer noch verbreitet, Kunst sei als zweckfreies Schaffen ein Fluchtweg aus der gesellschaftlichen Misere ringsum. Eine Möglichkeit der sogenannten Selbstverwirklichung jenseits von Bachelor und Praktikum und PowerPoint. Ein richtiges Leben im falschen. Als wäre das Leben nichts wert, wenn man es nicht schaffte, sich selbst als Ausnahme von der Regel zu inszenieren. Uns so sitzen sie in ihren Cafés, einer individueller als der andere. Ihre Variante der prekären Existenz heißt nicht Hartz 4, sondern Indie-Rock oder Poetry Slam.
Gegen drei Uhr nachts spielt im Habermeyer unaufgefordert ein junger Mann aufdringliche Songs auf der Gitarre. Er hat ein halbes Dutzend Begeisterte gleich mitgebracht, die nach jedem Lied energisch klatschen wie Parteigenossen nach einer Rede Stalins. Ihre bösen Blicke treffen alle, die nicht mittun wollen. Am Ende geht der Künstler mit einem Hut herum. Ich gebe ihm nichts.
Es könnte sich rächen. Vielleicht stehe ich demnächst mit einem leeren Hut vor ihm.
]]>(Sie trinken.)
Micha: “Sieht so aus. Das nervt.”
(Sie trinken.)
Max: “Wollen wir dann rüber ins Side Door?”
(Sie trinken.)
Micha: “Is aber auch immer so voll. Was issn das überhaupt fürn Spiel? Ach Barca gegen Real. Schon interessant.”
(Sie trinken.)
Max: “Trinken wir das Bier halt noch aus hier. Nicht schlecht, die Technik von den Jungs. Da muss sogar Erzgebirge Aue einpacken. Ich bestell mal noch zwei neue.”
(Sie trinken.)
Micha: “Guck dir das an, was für ein Tempo die drauf haben. Schon irre. Is das hier Champions League oder was? Oder Uefa-Cup? Ach nee, den gibts ja nicht mehr, heißt jetzt irgendwie anders. Moderner Quatsch.”
(Sie trinken.)
Max: “Wahnsinn, da kommt jeder Pass an. Unglaublich! Zieh dir das rein, wie die über den Platz stolzieren. So herrlich arrogant!”
(Sie trinken.)
Micha: “Der Trainer von Real soll ja auch das übelste Arschloch der Welt sein. Aber auch das erfolgreichste.”
(Sie trinken.)
Max: “Barca ist hochüberlegen. Aber wann machen die denn endlich mal ein Tor rein? Mann, ist das spannend. Ich bestell mal noch zwei neue. Und zwei kleine Schnäpsel?”
(Sie trinken.)
Micha: “Fußball ist doch im Grunde ein herrliches Spiel, oder? Ich kann wirklich die Ignoranten nicht verstehen, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren.”
(Sie trinken.)
Max: “Auf jeden.”
(Sie trinken.)
Micha: “Fußball hat so etwas Theatralisches! Es gibt die verschiedensten Charaktere: den stillen Arbeiter, den sensiblen Spielmacher, den arroganten Stürmer, den hinterfotzigen Nachtreter…”
(Sie trinken.)
Max: “O Gott, wie ich diesen Cristiano Ronaldo hasse. Ein ekelhafter Schönling, der zieht ja eine Schleimspur über den Platz.”
(Sie trinken.)
Micha: “Jetzt lässt der sich wieder fallen, dieser Schauspieler. Ja, richtig so, der Schiri fällt nicht drauf rein! Gelb musser ihm zeigen wegen Schwalbe! Ach was, Rot, runter die Sau!”
(Sie trinken.)
Max: “Scheiße, was geht denn jetzt! Oh nein, die Flanke! Scheiße, nee oder?! Jetzt hat dieser Scheißronaldo den reingeköpft.”
(Sie trinken.)
Micha: “Ich könnte heulen. Es ist nicht fair. Barca war so überlegen! Aber die haben es eben verpasst, einTor zu schießen. Das rächt sich, alte Fußballerweisheit.”
(Sie trinken.)
Max: “Das Ding ist durch, das wird nichts mehr.”
(Sie trinken.)
Micha: “Der Kellner sagt, es wäre das spanische Pokalfinale. Copa del Rey, der Königspokal.”
(Sie trinken.)
Max: “Is doch wurscht. Hauptsache Fußball.”
(Sie trinken. Der Vorhang fällt.)
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