Aphorismus zur Metaphysik des Alltags
In einem Restaurant vom Kellner konsequent ignoriert zu werden, das kommt schon einer Nahtoderfahrung gleich.
In einem Restaurant vom Kellner konsequent ignoriert zu werden, das kommt schon einer Nahtoderfahrung gleich.
Nachts, in der Küche bei der zweiten Flasche Wein, seltsame Geräusche aus dem Hinterhof: Jemand durchsucht unsere Mülltonnen mit einer Taschenlampe nach Verwertbarem. Die Leistungsgesellschaft, sie lebe hoch!
Die Gemüsefrau am Wasaplatz bekommt Konkurrenz im Kampf um den Titel der scheußlichsten Person Dresdens. Schon als wir den Spätshop in Johannstadt betreten, plärrt die ältliche Verkäuferin hinterm Tresen auf die stillen Berufstrinker ein, die sich vor dem Dauerregen ins Innere geflüchtet haben: “Wer sitzt denn hier an der Macht in Dresden? Das sind doch alles bloß Wessis, die hier bestimmen! Alles Wessis! Und was funktioniert? Nichts! Die Straßen verrotten, die Brücken fallen auseinander!” Minuten später beim Bezahlen hat sie sich immer noch nicht beruhigt. Selbst die Trinker schweigen inzwischen betreten. “Die Wessis sollen bleiben, wo sie herkommen! Was wollen die denn hier? Die können in Dortmund machen, was sie wollen, aber nicht bei uns in Dresden!”
Wenn man einen nach Herstellerangaben “aromatischen” Käse erwirbt, sollte man dringlichst darauf achten, das Produkt in Bälde (neudeutsch: zeitnah) zu verzehren, da ansonsten die Gefahr besteht, dass die eigene Küche binnen weniger Tage so riecht, als läge ein verwesendes Tier hinterm Schrank.
In einem Zug hängt das Werbeplakat einer Wohnungsbaugenossenschaft, darauf zu sehen Menschenmassen vor einem überfüllten Zug:
“Warum pendeln Sie noch? Wir haben doch schöne Wohnungen in dieser wunderbaren Stadt!”
Der unbefangene Leser fragt sich: Macht die Bahn jetzt schon Werbung für ihre Abschaffung? Wieso nicht demnächst Autowerbung mit dem Slogan:
“Warum fahren Sie denn immer noch mit der Bahn in diesen immer verspäteten Zügen voller schlecht gelaunter Zeitgenossen mit und ohne Uniform?”
Eine Gruppe kostümierter Fußballfans entert zum stillen Schrecken der Stammgäste das Lokal. Sofort stimmen die Patridioten Gesänge an: “Wir trinken das schäumende Bier und wir scheißen dem Wirt auf die Theke! Schenket ein, schenket ein, schenket ein! Wir wollen alle besoffen sein!” Dem Trend zur Gleichberechtigung folgend sind auch einige Freundinnen mit dabei. Eine flüstert peinlich berührt ihrem grölenden Partner zu: “Du, muss das sein? Ich schäme mich so!” Ihr Lebensabschnittsgefährte kontert souverän: “Ach! Darüber mache ich mir gar keine Gedanken!”
“Habt ihr auch so speziellere Sachen, zum Beispiel eine Afri-Cola?”
“Nee.”
“Dann nehm ich ein Radeberger.”
Bei einem Vortrag zum Thema Gentrifizierung der Dresdner Neustadt im AZ Conni ist kein Platz mehr im Saal zu finden. Die Leute stehen bis in den Gang. Die heimischen Anarchisten kümmern sich derweil weniger um die soziologische Analyse als um die Suppe, die die Volksküche ausschenkt. Einer von ihnen bietet eine treffliche Erklärung für den überwältigenden Zuspruch: “Was machen bloß die ganzen Menschen hier? Wahrscheinlich sind das alles die Leute, die die Neustadt gentrifiziert haben!” Na klar, wer sollte sich sonst abends freiwillig einen Vortrag zur Gentrifizierung anhören?
Wenn man seine Einkommenssteuererklärung beim Finanzamt seines Vertrauens abgibt, sollte man nicht vergessen haben, sich vorab eine Kopie für den Eigengebrauch zu erstellen, damit man nicht im nächten Jahr – als ein Opfer des Vergessens – sämtliche Rätsel von Neuem lösen muss, die man doch schon einmal (vorläufig) siegreich überwunden hatte.
Wenn man zu den Leistungsempfängern nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) gehörte, sollte man es ggf. nicht verabsäumen, einen eventuellen Wechsel der Anschrift – verursacht beispielsweise durch Umzug – dem Bundesverwaltungsamt unaufgefordert mitzuteilen, da ansonsten eine Erhebung von Anschriftenermittlungskosten (25,- EUR) fällig wird (gemäß $ 12 Abs. 2 DarlehensV, § 18 Abs. 6 Nr. 3 BAföG), zahlbar binnen zwei Wochen an die Bundeskasse Halle.
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