Schöne Sätze fürs Weihnachtsfest

Wenn sich am heiligen Abend die ganzen Familie zum gemütlichen Weihnachtsschmaus versammelt, dann will oft das Gepräch nicht so recht in Gang kommen, denn Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln fällt es schwer, gemeinsamen Stoff für eine Plauderei zu finden. Damit kein unbehagliches Schweigen am Tannenbaum herrscht, möchte ich hier einige Sätze vorschlagen, die mit Sicherheit die Unterhaltung schnell beleben:

Könnten wir hier am Tisch bitte von nun an nur noch vom Winterfest sprechen?

Ich hoffe, euch gefällt das PEGIDA-Räuchermännchen?

Ich habe dieses Jahr mal nicht an Brot für die Welt gespendet, sondern an den Islamischen Staat.

Woher wollt ihr überhaupt wissen, dass Jesus weiß gewesen ist?

Wirklich klasse, wie beim Krippenspiel der Syrien-Konflikt gelöst wurde!

Sagt bloß, ihr wisst nicht, dass es wegen der Chemtrails keinen Schnee mehr gibt?!

Könnte sich Onkel Jochen im nächsten Jahr nicht mal als Weihnachtsfrau verkleiden?

Ja, aber die heiligen drei Könige sind freiwillig wieder ausgereist!

Ich muss euch allen jetzt etwas sagen, bitte werdet nicht wütend – ich bin in die SPD eingetreten.

Wieso darf man hier nicht mal am Heiligabend Israel offen kritisieren?!

Wir trinken Glühwein und im Mittelmeer ertrinken Kinder!

Können wir nicht auf Russia Today umschalten?

Aber der Neger schnackselt nun mal wirklich gerne!

Maria und Josef haben ihr Kind auch nicht impfen lassen!

Eigentlich haben wir ja gar keine Demokratie.

Ihr braucht mit der Bescherung nicht auf mich zu warten, ich gehe mit den Jungs erst noch mal beim Heim nach dem Rechten sehen.

Nachher kommt Farid übrigens vorbei und übernachtet bei uns, da könnt ihr ihn gleich mal kennen lernen.

Zitat des Monats Dezember

[Man soll] die Kreuzzüge auch nicht schmähen. Die Christen haben das Heilige Land zurückerobert, und zwar nicht um Menschen gewaltsam zu bekehren. Und warum es den Muslimen gelingt, die Kreuzfahrer als etwas so Schlechtes darzustellen, wo es sich in Wirklichkeit nur um Verteidigung handelt, ist mir ein Rätsel. Dahinter stand nicht der Versuch, die Welt zu missionieren, sondern es ging um die Zurückgewinnung von Gebieten, die vordem christlich waren.

Prof. Robert Spaemann, christlicher Meisterdenker aus Deutschland, in der Frankfurter Rundschau

Franziskus, der Öko-Papst

Der gegenwärtige Papst, geheißen Franziskus, ist ein bescheidener und sympathischer Mann. Ich wundere mich, wie es einigen Politaktivisten und Kabarettisten gelingt, ihn trotzdem zu hassen. Bei den Atheisten unter ihnen mag da der alte protestantische Hochmut gegen die rückständigen Römlinge nachwirken. Auf der anderen Seite hat Franziskus aber auch unter Linken eine merkwürdig große Anhängerschaft gewonnen, fast so, als wäre Karl Marx zum Papst gewählt worden. Ich selbst fühle mich dagegen eher unbefangen. Wenn der Papst etwas Vernünftiges über die soziale Frage sagt, freue ich mich. Wenn er etwas Unvernünftiges über die Züchtigung von Kindern sagt, ist es mir egal. Ich bin ja kein Katholik, der gezwungen wäre, auf die Anweisungen des Bischofs von Rom zu hören. Jüngst erfuhr ich nun, der Papst habe eine Enzyklika zur ökologischen Frage veröffentlicht und wolle sich damit „an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt.“ Da wurde ich neugierig. Auf diesem Planeten wohne ich auch, also möchte der Papst offenbar auch mit mir ins Gespräch kommen. Warum also nicht mal hören, was der Papst mir zu sagen hat?

Diese Enzyklika ist schon ein eigenartiger Text: eine Dreifaltigkeit aus politischem Manifest, ökologischer Bestandsaufnahme und spiritueller Erbauungsschrift. Kampfrufe nach Gerechtigkeit stehen neben ermüdenden Aufzählungen von Studienergebnissen und Bibelzitaten über den Wert des lieben Viehs. Doch wer geduldig im Text stöbert, der stößt auf ganz beachtliche Aussagen. So findet sich die Einsicht, dass die Umweltzerstörung direkt mit der gesellschaftlichen Ungleichheit zusammenhängt:

Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.

Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.

Und obwohl das Wort „Kapitalismus“ ängstlich vermieden wird, klingt es doch beinahe marxistisch, wenn Franziskus die Übel der verkehrten Welt auf „ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen“ zurückführt. Der Papst beklagt die ökonomische Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften, noch mehr aber zwischen den Staaten:

Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.

Die Menschen der reichen Länder sollen also auf Wohlstand verzichten, die Wirtschaft der Industriestaaten soll nicht mehr wachsen, sondern schrumpfen! Die Begeisterung vieler Fans des Papstes in der Ersten Welt dürfte nachlassen, wenn ihnen diese Forderung nach globaler Umverteilung zu Ohren käme. Solidarität gut und schön, aber der Spaß hört auf, wenn mir jemand mein Smartphone wegnehmen möchte!

Was ist nun aber in den Augen des Papstes die Wurzel des Übels? Geklagt wird im Text öfter über das „Paradigma der Technokratie“, die rücksichtslose Beherrschung und Ausbeutung der Natur. Dass Technik nicht an sich verwerflich ist, weiß der Papst aber natürlich auch. Eine schlüssige Unterscheidung zwischen guter und schlechter Technik bietet der Text nicht, was nicht verwundert, denn technische Mittel befinden sich prinzipiell jenseits von Gut und Böse, auf den Zweck ihres Gebrauchs kommt es an. So gelangt der Papst denn auch zur Kritik am ökonomischen „Ziel der Gewinnmaximierung“, das dem „Prinzip des Gemeinwohls“ widerspreche:

Der Markt von sich aus gewährleistet aber nicht die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und die soziale Inklusion.

Die Ressourcen der Erde werden auch geplündert durch ein Verständnis der Wirtschaft und der kommerziellen und produktiven Tätigkeit, das ausschließlich das unmittelbare Ergebnis im Auge hat.

Aufzuhören, in die Menschen zu investieren, um einen größeren Sofortertrag zu erzielen, ist ein schlechtes Geschäft für die Gesellschaft.

In der Tat! Aber was tun? Müsste man etwa die Produktionsmittel gesellschaftlich kontrollieren, auf globaler Ebene womöglich? Nein, gar so weit will Franziskus nicht gehen. Er bleibt in den Bahnen der guten alten katholischen Soziallehre und appelliert ans christliche Gewissen der Unternehmer:

Die Unternehmertätigkeit, die eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern, kann eine sehr fruchtbringende Art und Weise sein, die Region zu fördern, in der sie ihre Betriebe errichtet, vor allem wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist.

Aber leider, leider ist weder die Schaffung von Arbeitsplätzen noch der Dienst am Gemeinwohl unausweichlich, ganz im Gegensatz zum „Ziel der Gewinnmaximierung“. Das Streben nach dem größtmöglichen Profit ist das Prinzip des Kapitalismus, und dies nicht aufgrund der Gier oder Böswilligkeit der Unternehmer, sondern aus Notwendigkeit. Wer keinen Profit erwirtschaftet, geht pleite oder wird geschluckt. Für jeden Aussteiger aus dem kapitalistischen Kampf ums Dasein findet sich ein Ersatz. Darum sind alle moralischen Appelle an die Haie, sie mögen sich doch bitte in Zukunft von Seegras ernähren, nichts als vergebliche Liebesmüh. Der Kapitalismus wird die Früchte der Erde so lange erst in Waren und dann in Müll verwandeln, bis die Erde ausgequetscht ist wie eine Zitrone.

Ist es realistisch zu hoffen, dass derjenige, der auf den Maximalgewinn fixiert ist, sich mit dem Gedanken an die Umweltauswirkungen aufhält, die er den kommenden Generationen hinterlässt?

Nein, es ist nicht realistisch, dies zu hoffen. Und doch will der Papst die Hoffnung nicht begraben, die Kapitalisten durch gutes Zureden zum Besseren zu bekehren. Für ihn ist der Kern des Problems naturgemäß gar nicht materiell, sondern spirituell. Wir hören die altbekannten katholischen Klagen über den fatalen „Individualismus“, über den „modernen Anthropozentrismus“ und über eine „Kultur des Relativismus“. Kurz: Das Problem wird vom Politischen doch wieder ins Moralische verschoben. Und wo es an Moral fehlt, da muss natürlich nach der Religion gerufen werden. So ist das Grundübel schließlich doch wieder

die Idee, dass es keine unbestreitbaren Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken, und deshalb der menschlichen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind.

Wo aber finden wir sie nur, die absoluten Wahrheiten? Man ahnt es.

Die beste Art, den Menschen auf seinen Platz zu verweisen und seinem Anspruch, ein absoluter Herrscher über die Erde zu sein, ein Ende zu setzen, besteht darin, ihm wieder die Figur eines Vaters vor Augen zu stellen, der Schöpfer und einziger Eigentümer der Welt ist. Denn andernfalls wird der Mensch immer dazu neigen, der Wirklichkeit seine eigenen Gesetze und Interessen aufzuzwingen.

Der liebe Gott also ist der Eigentümer der Erde und hat sie nur an uns vermietet? Und das soll uns dazu bringen, sie möglichst schonend zu behandeln? Als ob nicht jeder Mieter schlampiger mit seiner Wohnung umgeht als ein Eigentümer, eben weil sie ihm nicht gehört und er nur übergangsweise in ihr haust! Das Christentum hat mit seiner Lehre, die Erde sei nur Durchgangsstation zum Himmel, die Leichtfertigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen ganz gewiss nicht wenig befördert. Befiehlt nicht gar der Gott der Bibel den Menschen, sich die Erde „untertan“ (1. Mose 1,28) zu machen, sie also zu beherrschen und auszubeuten? Aber nein: „Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel, wie die Kirche sie versteht.“ Na dann.

Auch der Bischof von Rom ist nur ein Priester. Wenn vor Jahrhunderten irgendwo ein Erdbeben, eine Sturmflut oder eine Feuersbrunst wütete, dann trat gewiss ein Priester auf, der in der Katastrophe eine Strafe Gottes für die Sünden der Menschen sah und sie zur reuigen Rückkehr in den Schoß der Kirche aufrief. So benutzt nun auch Franziskus die Umweltkatastrophen der Gegenwart, um verirrte Schäfchen wieder in den Stall des alten Glaubens zu treiben. Der Klimawandel erlaubt es, mit einer neuen Sündflut zu drohen. Immerhin, so muss man billigerweise einräumen, hält Franziskus es nicht für unmöglich, dass auch ungläubigen Menschen die „ökologische Umkehr“ gelingt, dies sei nur „nicht leicht“.

Was in dieser Enzyklika vernünftig ist, stammt aus den Erkenntnissen der Wissenschaft und den Erfahrungen der sozialen Bewegungen. Was die Religion beiträgt, ist hingegen überflüssig oder Unsinn. Kann die Enzyklika dennoch nützlich sein? Gewiss. Sie kann wissenschaftliche Einsichten an jene vermitteln, sie sich nur von Priestern belehren lassen. Sie kann jene zu richtigem Handeln bewegen, die dazu Befehle eines unsichtbaren Weltherrschers nötig haben. Alle anderen Menschen muss sie nicht weiter kümmern.

Michael Bittner

Aus meiner Fanpost (8): Im Gespräch mit PEGIDA (2)

Hallo Michael, ich beziehe mich auf deine Tatjana F.-Eloge auf facebook und wollte nur mal bekräftigen, dass ich spontan auch diese Sympathie für die Hooligans empfand, als sie in Köln loslegten. Warum soll denn eigentlich das Beilegen interner Streitigkeiten nur dann eine gute integrative Leistung darstellen, wenn es z.B. durch Ahmad Schah Massoud geschah, der mehrere Stämme dazu brachte, sich nicht gegenseitig zu massakrieren, sondern gemeinsam gegen den Feind vorzugehen ? Nun gut, die Hools lesen nichts Schöngeistiges wie ich gerade ( Horaz, Kalidasa, jeweils im Original), aber müssen sie auch nicht. Bei der Bundeswehr verpflichten sich ja auch nicht Leute, die Rilke lesen. Insofern liegen die Hools richtig. Wie soll man sonst den islamischen Bodensatz loswerden? Vorurteil von mir ? Nein, ich bin studierter Religionswissenschaftler und kenne den Koran besser als die Wuppertaler Scharia-Polizei. Am liebsten lese ich die Original-Dokumente und ich meine es absolut ernst, wenn ich vorschlage, diesen Dialog auf Lateinisch oder Sanskrit weiterführen zu dürfen.Ich liebe alte Religionen, aber nur grundgesetzkonforme ! Namaste,

Hallo R***,

danke für Ihre Zuschrift! Ich bin ein Freund des Dialogs, allerdings muss ich sagen: Mit jemandem, der Gewalt für ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung hält, weiß ich nichts zu reden. Dass Sie ein gebildeter Mensch sind, freut mich. Ich vermute aber, es würde auch Ihnen schwer fallen, mir eine “grundgesetzkonforme” alte Religion zu nennen, da alle religiösen Schriften jede Menge Unsinn und Bosheit enthalten. Das verwundert nicht, entstanden sie doch in barbarischen Zeiten. Als Wissenschaftler lege ich Ihnen die Lektüre von George L. Mosse: “Die Geschichte des Rassismus in Europa” ans Herz. Dort können Sie nachlesen, wie der moderne Antisemitismus entstand, weil Rassisten die Juden pauschal zu einem Kollektiv des Bösen erklärten. Sie benutzten dabei das Alte Testament und den Talmud als Beleg für die bösartige Natur der Juden insgesamt – genauso, wie Sie jetzt die bösartigen Passagen des Koran als Waffe gegen den “islamischen Bodensatz” instrumentalisieren.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner

Hallo Michael,
für das was in Talmud oder Altem T. steht kann ich nichts. Mit wem soll ich die Schriften denn sonst in Verbindung bringen, wenn nicht mit den Juden ? Ich halte Juden, Muslime, Christen und alle anderen für Menschen mit denselben Rechten. Deren Schriften sagen allerdings das Gegenteil, und das weißt du nicht, weil du wie 90% aller Deutschen die Bibel nie liest. Lies sie bitte, damit dir das große Kotzen kommt. Man muss die Leute vor den heiligen Schriften schützen.
“Barbarisch” waren die alten Zeiten ? “Aurea prima sata est…..heißt es bei Ovid, das waren eben die Goldenen Zeiten, wo  “sine lege fidem rectumque colebat”, wo man ohne Gesetze spontan alles richtig machte. Sicher eine realitätsferne Illusion, aber unsere muslimischen Mitbürger sehen als “Goldene Zeit” das  7. Jhdt., die Zeit des Propheten, sie tun dies durchaus pauschal und sie wollen es real durchsetzen. Das möchte ich verhindern, zur Not mit Gewalt.

Gruß aus D***, R*** !

Hallo R***,

danke für die Antwort! Ich werde immer ein bisschen misstrauisch, wenn Leute mit ihrer Bildung protzen. Nicht selten wollen sie dann nämlich ihren unvernünftigen, hasserfüllten Vorurteilen nur eine respektable Einkleidung verschaffen. “Die Juden”, auch noch die von heute, wären also kollektiv verantwortlich für die fiktiven Verbrechen und die teilweise abscheulichen Sittenvorschriften des Alten Testaments? Und Millionen Muslime, die in weit überwiegender Zahl friedlich in Europa leben, arbeiten Ihrer Meinung nach also insgeheim gemeinsam daran, die Macht zu erobern und einen neuen Gottesstaat zu errichten? Es tut mit leid, aber für mich klingt das wie eine neue Version der Verschwörungstheorie, die vor hundert Jahren behauptete, die Juden strebten unterirdisch nach der Weltherrschaft. Die islamistischen Gotteskrieger, die selbst der absurden Ideologie der Welteroberung anhängen, verkenne ich dabei nicht. Ich hoffe, dass weder die Islamisten noch ihre geistigen Zwillingsbrüder, die militanten Muslimhasser, in Deutschland zu politischer Macht gelangen. Um das zu verhindern, sind meiner Ansicht nach alle friedlichen Mittel und – sollte irgendwann einmal “andere Abhilfe nicht möglich” (§ 20 (4) GG) sein – auch Mittel gewaltsamen Widerstandes legitim.

Ich denke, damit haben wir unsere gegensätzlichen Positionen im Dialog ausreichend deutlich gemacht, wenn auch leider nicht völlig ausgleichen können.

Mit freundlichen Grüßen, Michael Bittner.

Was macht eigentlich … Dr. Thomas Hartung?

Gewiss nicht jeder Mensch ist während seines Lebens einmal für fünfzehn Minuten berühmt. Beinahe tragisch ist es, wenn einer, dem eine solche Aufmerksamkeit doch zuteil wird, in seinen fünfzehn Minuten gerade seinen moralischen Tiefpunkt erlebt. Der Journalist Dr. Thomas Hartung wurde bekannt, weil er einen behinderten Menschen als “blöd” beleidigte und einer ganzen Menschengruppe die Fähigkeit zu einem akademischen Beruf absprach. Auf so unrühmliche Weise ins Scheinwerferlicht geraten, entschuldigte er sich nicht etwa sofort für seine Entgleisung, sondern warf sich zunächst in die selbstmitleidig-rechthaberische Pose eines Provinz-Sarrazins. Erst seine Parteifreunde von der Alternative für Deutschland brachten ihn – wohl mit sanftem Druck – dazu, um Verzeihung zu bitten, danach wurde er dennoch in der Partei eiskalt abserviert. Auch die TU Dresden verzichtete auf seine weitere Mitarbeit. Mit seiner neuen Freizeit scheint Dr. Thomas Hartung nicht viel anfangen zu können. Im Internet belästigt er die Menschheit mit Kommentaren, die außer ein paar rechten Freaks niemanden interessieren. Nun hat er wie einige andere abgewrackte Politversager PEGIDA als Chance begriffen, vielleicht doch noch einmal etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen. Liest man die jüngsten Beiträge, die Dr. Thomas Hartung auf seiner Homepage veröffentlicht hat, dann gewinnt man nicht nur den Eindruck, dass sich hier jemand vom Journalismus endgültig verabschiedet und der Propaganda zugewandt hat. Man erlebt auch den völligen moralischen Bankrott und intellektuellen Selbstmord eines Mannes, der vielleicht einmal ein vernünftiger Mensch gewesen ist.

Dr. Thomas Hartung ist besessen von der fixen Idee, es drohe eine “Islamisierung der deutschen Gesellschaft”, ja gar die Einführung der Scharia. Und zum Beweis scheut er sich nicht, eine lange Liste mit den dümmsten Halbwahrheiten und Lügen zu veröffentlichen, die in der Islamhasser-Szene im Umlauf sind. So verbreitet er etwa die Falschdarstellung der Bild, der Grünen-Politiker Omid Nouripour habe gefordert, Christen sollten im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen. Ein weiterer “Islamisierungsbeleg”: Zur “Themenwoche Suppen im ARD-Büfett” machte ein “türkischer Koch” statt Schweinehackbällchen – “orientalische Rinderhackbällchen”! Unglaublich! Das ist ja, als ob … als ob …

Man stelle sich vor, für türkisches Kebab Antilopenfleisch, gewürzt nach Art der Buschmänner, zu nehmen oder die Kartoffeln im ukrainischen Borschtsch durch Bataten zu ersetzen.

Man stelle sich das vor! Das wäre ja kulinarische Rassenschande! Gleich noch ein “Islamisierungsbeleg”:

in Schwimmbädern werden spezielle Badetage mit Rücksicht nur für muslimische Kleidungsgewohnheiten eingerichtet

Eine Unverschämtheit! Der Dr. Thomas Hartung ist ein trauriger alter Mann und nun will man ihm auch noch die Freude nehmen, knackige orientalische Körper in ihrer unverhüllten Pracht zu beschauen! Nächster “Islamisierungsbeleg”:

auf Friedhöfen dürfen Muslime nicht in der durch Christen “verunreinigten” Erde bestattet werden, sondern erhalten neue Friedhofsbereiche, wo die Toten ohne Sarg oder Urne (nur mit Tuch) begraben werden dürfen, was niemand sonst darf

Menschen muslimischen Glaubens erhalten eigene Friedhöfe und dürfen ihre Toten nach eigenem Brauch bestatten! Es ist ungeheuerlich! Nicht mal als Leichen hören die Muselmanen auf, uns zu islamisieren! Dr. Thomas Hartungs Hass reicht aber auch über das Grab hinaus, nicht einmal der Tod seiner Gegner kann ihn besänftigen. Nächster “Islamisierungsbeleg”:

bei Muslimen wird die Polygamie anerkannt und notfalls von Staats wegen alimentiert

Richtig, Mitbürger! In Deutschland ist die Vielweiberei mittlerweile legal und wird sogar staatlich gefördert! Davon habt ihr noch nichts mitbekommen? Na, weil die Lügenpresse es geheim hält! Nächster “Islamisierungsbeleg”:

wer als Moslem bei Demonstrationen “Juden ab ins Gas” ruft, der wird dafür wie selbstverständlich nicht bestraft. Mehr noch: Wer danach Moslems für ihre Hassparolen kritisiert, der steht mit einem Bein im Gefängnis.

Endlich sagt es mal einer: Tapfere Islamisierungskritiker wie Dr. Thomas Hartung werden ja beinahe stündlich von der Scharia-Polizei verhaftet und ins Gefängnis geworfen! Nächster … ich soll aufhören? Einverstanden, es reicht. Ich will nur noch ergänzen, dass Dr. Thomas Hartung in seinem wahnhaften Hass inzwischen nicht einmal mehr darauf achtet, sich als Religionskritiker zu tarnen, sondern ganz offen als völkischer Fremdenfeind auftritt:

Das Schlagwort “Willkommenskultur” verpflichtet die Deutschen gutzuheißen, im eigenen Land zur Minderheit zu werden, anders zu leben, als sie es sich selbst ausgesucht hätten, ihre Freiheitsrechte preiszugeben, ihre gesamte Kultur den Bedürfnissen von Einwanderern anzupassen, ja hinter deren Interessen zu stellen, und diesen Prozess der ethnischen Verdrängung auch noch selbst zu bezahlen.

Es geht also gar nicht um Religion, es geht um “ethnische Verdrängung”. Ich weiß nicht, ob Dr. Thomas Hartung einmal in der Straßenbahn von einem Ausländer von einem Sitzplatz verdrängt wurde oder vielleicht von einem besser qualifizierten Einwanderer von einer Dozentenstelle. Eine Erklärung für seinen ekelhaften Rassenwahn mag es geben, eine Entschuldigung nicht.

Dr. Thomas Hartung glaubt allen Ernstes, er stünde mit seinen Hasspredigten in der Tradition von 1989. Einem Mann wie Friedrich Schorlemmer, der, aus eben dieser Tradition kommend, PEGIDA kritisiert hat, wirft er hingegen vor, nur “Verbalgülle” abzusondern. Aber Dr. Thomas Hartung hat einfach kein Glück. Kaum hat er sich mit Erfolg als bekennender Mitläufer bei PEGIDA angebiedert, löst sich die einst hoffnungsfrohe Bewegung auch schon wieder auf. Man möchte beinah Mitleid empfinden angesichts eines so völlig verpfuschten Lebens. Vielleicht hat Dr. Thomas Hartung doch noch ein paar Freunde, die ihm begreiflich machen können, wie sehr er sich verrannt hat, und die ihn auf den Weg zu einem wieder einigermaßen geordneten Leben leiten können.

Gehört der Islam zu Deutschland? Eine sprachkritische Überlegung

“Der Islam gehört zu Deutschland”, so meinen der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mehrere Politiker aus dem rechten Lager haben dieser Einschätzung widersprochen, zuletzt äußerte der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich in einem Interview:

Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.

Die Versuchung ist groß, die ganze Angelegenheit als einen belanglosen Streit um Worte abzutun. Muslime sind willkommen, aber der Islam gehört nicht dazu? Hä? Verhindert hier wie so oft in der Mediendemokratie der Streit um Worte den Streit um die Sache? Doch auch Worte können Taten sein, wenn sie als öffentliche Äußerungen eine soziale Wirkung entfalten. Und hinter dem scheinbar haarspalterischen Streit um das Wörtchen “gehören” verbirgt sich tatsächlich ein handfester Gegensatz in der Beurteilung der Gesellschaft.

Niemand kann leugnen, dass in Deutschland heute Millionen Menschen leben, die sich zu einer der verschiedenen Formen des muslimischen Glaubens bekennen. Versteht man das Wort “gehören” in einem rein objektiven Sinn, dann gehört der Islam zweifelsohne zu Deutschland. Ein Streit um diese Frage setzt also voraus, dass das Wort “gehören” in einem normativen Sinn gebraucht wird. Macht man diese schlichte Unterscheidung nicht, dreht sich die Debatte ergebnislos im Kreis. Wer in wertendem Sinne sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der will damit ausdrücken: Auch wenn Muslime in Deutschland leben, soll ihre Religion möglichst keinen Einfluss auf die Gesellschaft als Ganze gewinnen, zumindest nicht in einem so großen Ausmaß wie etwa das Christentum. “Es darf nicht dazu kommen, dass in Deutschland eine islamische Partei entsteht”, sagte vor einer Weile Volker Kauder, der Fraktionschef einer christlichen Partei.

Wenn in solchen Sprechakten der Ausgrenzung von “Deutschland” die Rede ist, dann wiederum nicht bloß in beschreibender, sondern ebenfalls in wertender Weise. “Deutschland” ist hier kein geografischer Begriff, bezeichnet auch nicht nur die Summe aller Einwohner. Das Wort steht hier für das problematische Konzept einer deutschen “Leitkultur” oder “Identität”, also für die Annahme, es gäbe so etwas wie einen genuin deutschen Wesenskern. Tatsächlich gibt es aber nur eine Gemeinschaft, die durch eine Vielfalt von Ähnlichkeiten und Unterschieden gekennzeichnet ist. Die Deutschen sind untereinander nicht identisch und waren es auch nie. Schon vor dreihundert Jahren lebten in den deutschen Staaten französisch parlierender Hofadel, analphabetische Bauern und Landadlige, sächsische und fränkische und hanseatische Bürgersleute, die sich nur mit ihren Kleinstaaten identifizierten, protestantische Flüchtlinge aus Frankreich, in Ghettos gepferchte Juden und viele weitere Bevölkerungsgruppen, die sich kaum miteinander verständigen konnten. Heute hat ein bayrischer Landwirt mit einem Berliner Punk oder einem Hamburger Grafikdesigner gewiss nicht mehr gemeinsam als mit einem islamischen Gemüsehändler. Deutschland war nie etwas anderes als eine multikulturelle Gesellschaft, denn jedes zivilisierte Land besteht aus einer Vielzahl von Kulturen. Das Christentum ist nicht allen Deutschen gemeinsam, ebensowenig bestimmte Sitten und Gebräuche. Die deutsche Sprache wiederum gehört nicht den Deutschen allein, während gerade die Deutschnationalen oft große Probleme mit der Beherrschung dieser Sprache haben. Den Wahn einer rassischen Einheit wird wohl kein vernünftiger Mensch mehr heranziehen wollen, zumal es mit der Abstammung immer eine heikle Sache ist. Zeugungen vollziehen sich meistens im Dunkeln. Was eine Gesellschaft wirklich zusammenhält, ist nicht eine herbeifantasierte “Identität” des Volkes, übrigens auch nicht die so oft idealistisch beschworenen “Werte”, sondern: das Gesetz, das für alle gilt.

Wer behauptet: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland!”, der fordert unausgesprochen: Meine Partikularkultur ist wertvoller als die Kultur der Muslime, meine Identität sollte Leitbild der ganzen Gesellschaft sein. “Nein, so war es nicht gemeint!”, mag nun mancher einwenden. “Ich verwende den Satz gar nicht wertend, sondern nur historisch! Der Islam hat in der Geschichte einen weit geringeren Einfluss auf Deutschland ausgeübt als das Christentum!” Das lässt sich nicht leugnen. Allerdings war auch das Christentum Europa einmal fremd, es musste den Sachsen sogar mit dem Schwert gepredigt werden! Und um 1850 sagte der – lange in Dresden beheimatete – Dichter Ludwig Tieck über die Juden:

Wie man die Emancipation der Juden fordern kann, ist mir unbegreiflich. Durch ihr Gesetz sind und bleiben sie mitten unter uns fremd; sie können sich nicht nationalisiren. Unmöglich kann man einem ganz fremden Volksstamme dieselben Rechte einräumen wie dem eigenen! Würde man es denn z.B. mit einer Negercolonie thun, wenn eine solche unter uns wäre? Was die Juden von moderner Bildung angenommen haben, ist nur äußerlich; und die meisten von ihnen, wenn sie aufrichtig sein wollten, würden bekennen müssen, daß sie sich für viel besser halten als die Christen. Ueberall drängen sie sich heute ein, überall führen sie das große Wort. Wenn das so weiter geht, werden wir am Ende nur noch eine geduldete Sekte sein.

Kommt uns diese deutsche Angst nicht irgendwie bekannt vor? Müssen wir Tiecks Befürchtungen auch “ernst nehmen”? Leider kann er einer Einladung in die Dresdner Landeszentrale für politische Bildung nicht mehr folgen.

Nicht einmal die abgeschwächte Behauptung, der Islam gehöre noch nicht zu Deutschland, stimmt mehr, da ja eingewanderte Muslime seit einigen Jahrzehnten offenkundig Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Es soll neuerdings sogar deutsche Konvertiten geben. Wer die falsche Behauptung “Der Islam gehört noch nicht zu Deutschland!” dennoch aufstellt, verrät schon dadurch, dass er den Satz eben nicht historisch, sondern wertend meint. Aber daraus, dass der Islam erst seit kurzer Zeit zu Deutschland gehört, lässt sich politisch rein gar nichts schließen. Denn die Verfassung ist kein Gewohnheitsrecht, das dem Angestammten Privilegien einräumt, sie beruht auf dem Gedanken der Gleichheit.

Jene “christlich-germanischen Esel” (Karl Marx), die ihre Weltanschauung der Gesellschaft aufdrängen wollen, sollten wenigstens ihre Haltung offen bekennen. Und nicht so feige sein, sie nur in sprachlicher Vollverschleierung öffentlich auftreten zu lassen.

Der Ruf in der Wüste. Zum neuen „Sozialwort“ der Kirchen

Selten hört man davon, dass der Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter sich mit einem Beitrag zur Quantenphysik zu Wort meldete. Ebenso ungewöhnlich wäre es, wenn die Gewerkschaft der Polizei eine Stellungnahme zur Verbesserung der Hygiene in deutschen Krankenhäusern abgäbe. Nur die Kirchen leiten aus ihrem göttlichen Auftrag auch das Recht und die Pflicht ab, sich ungefragt zu allen Fragen zu äußern, die sie nichts angehen und von denen sie nichts verstehen. Statt beim lieben Gott ein gutes Wort für uns schlimme Sünder einzulegen, haben der Rat der Evangelischen Kirche und die katholische Deutsche Bischofskonferenz zusammen einen „Impulstext“ mit dem Titel „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ fabriziert. Da der Glaube ans Jenseits aus der Mode kommt, müssen die Kirchen sich offenbar neue Beschäftigungsfelder suchen, um den Kontakt zu ihren zahlenden Kunden nicht zu verlieren. Das neue „Sozialwort“ mag wirkungslos verhallen, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für einige Theologen hat es seinen Zweck schon erfüllt.

Was kann uns die Bibel über unsere gesellschaftlichen Probleme lehren? Vermutlich wenig. Denn dieses Buch wurde geschrieben, lange bevor unsere Gesellschaft überhaupt existierte. Ein paar Zitate aus der Heiligen Schrift am Anfang des Kirchenwortes sind denn auch nicht mehr als Schmuck. Im Rest des Textes greifen die Autoren auf den politischen Jargon zurück. Und sie tun dies bravourös: Keine Phrase fehlt. Die „Kultur der Verantwortung“ hat ihren Auftritt wie die „Konsolidierung der öffentlichen Haushalte“. Denn es gilt: „Bildungspolitik ist vorsorgende Sozialpolitik.“ Der Leser fiebert mit, wenn die „kapitalgedeckte Säule“ den Kampf gegen „Versorgungslücken durch Pflegezeiten“ aufnimmt. Der ganze Text ginge als Verlautbarung der Großen Koalition durch, der nun offenbar auch die christlichen Kirchen beigetreten sind. Die analytische Schärfe des Papiers beeindruckt dabei durchweg: Wer hätte etwa gedacht, dass Armut „finanzielle Probleme zur Folge“ haben könnte?

Ein passenderer Titel für das Sozialwort der Kirchen gewesen wäre: „Sowohl als auch. Das Unversöhnliche versöhnen – um des lieben Friedens willen!“ Nirgends existieren Widersprüche, bloß das „Gleichgewicht“ ist hier und da verloren gegangen. Man höre: „Bei aller positiven Bedeutung der Finanzmärkte, die die Entwicklung vieler Länder erst ermöglichen, ist aber durch ihre gegenwärtige Funktionsweise die Welt nicht nur nicht sicherer, sondern im Gegenteil fragiler geworden.“ Die positive Bedeutung der Finanzmärkte besteht offenbar darin, dass sie die Welt unsicherer machen. Andernorts liest man: „In ökologischer Hinsicht ist die Belastbarkeitsgrenze unseres Planeten erreicht.“ Das hindert die Theologen aber nicht daran, zugleich nach „Wachstum“ zu rufen. Die Kirchen möchten ökonomische Expansion, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit miteinander vereinen. Das aber ist nicht die „konfliktreiche Zielpluralität der ökologisch-sozialen Marktwirtschaft“, sondern etwas viel Schlichteres: ein Unding. Bei der Verwirklichung des Unmöglichen wird freilich Deutschland vorangehen, damit am deutschen Wesen wieder einmal die Welt genese: „Wenn Deutschland dabei ein wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstandort bleibt und das deutsche Sozialmodell allgemeinen Wohlstands nachhaltig gestaltet werden kann, kann die Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft zu einem Vorbild und Modell für andere Staaten werden.“

Es soll, so munkelt man, in finsterer Vergangenheit auch einmal so etwas wie christliche Sozialisten gegeben haben. Sie wurden aber nach ihrem ruhmlosen Tod außerhalb der Friedhofmauern bestattet. Zur Marktwirtschaft, die nicht bei ihrem Namen Kapitalismus genannt wird, gibt es nach Ansicht der Kirchen „keine überzeugende Alternative“. So bleibt nach intellektueller Selbstverstümmelung nur die triste Routine, am Bestehenden zu mäkeln, ohne eine andere Welt auch nur denken zu können. Dass es in einer Gesellschaft Arme und Reiche gibt, ist für die Kirchen selbstverständlich. „Wer in Deutschland arm ist, bleibt allzu oft arm.“ Wenn es ein bisschen seltener geschähe, wäre die Sache also wohl in Ordnung. Ausdrücklich belobigt wird denn auch die Methode des Peter Hartz, „durch kürzere Bezugsdauern und die Senkung der Zumutbarkeitsgrenzen den Druck zu erhöhen, eine Beschäftigung aufzunehmen“. Denn: „Partizipation am Arbeitsmarkt und Teilhabe an der Erwerbsarbeit sind wesentlicher Ausdruck gesellschaftlicher Inklusion.“ In der Tat: Wie ausgeschlossen fühlte sich die Putzfrau bei der Deutschen Bank, wenn sie nicht mehr die Schüsseln scheuern dürfte, in denen die Manager ihre Geschäfte erledigt haben. Die Theologen setzen sich sogar den alten liberalen Hut von der „Chancengerechtigkeit“ auf, welche die „Verteilungsgerechtigkeit“ ersetzen müsse. Bekanntlich verteilte ja auch Jesus Brot und Fisch nicht einfach wahllos unter den Bedürftigen, sondern organisierte einen fairen Wettbewerb und belohnte dann den Sieger.

Kein Elend bringt die Überzeugung der Theologen zum Wanken, „das moralisch Richtige“ sei „zugleich das volkswirtschaftlich Effiziente“. Dass die Moral gegen die Ökonomie durchzusetzen wäre, ist für die deutschen Wohlstandschristen undenkbar geworden. Stattdessen behelfen sie sich mit Beschwörungsformeln: „Die Aufgabe der Wirtschaft sollte es sein, in bestmöglicher Weise die materiellen Grundlagen für ein gutes, selbstbestimmtes Leben aller zur Verfügung zu stellen.“ Wenn sich die Wirtschaft doch nur ihrer Pflicht bewusst würde! „Wirtschaftliche Aktivitäten stellen keinen Selbstzweck dar und sind nie nur eigennutzorientiert zu betrachten.“ Wenn sich die Wölfe doch nur die Zähne ziehen ließen! „Insbesondere die Finanzmärkte müssen sich wieder in Richtung einer dienenden Rolle wandeln.“ Wenn doch die Herrschenden sich nur auf ihre dienende Rolle besännen!

Die sonntägliche Predigt ist beendet, die Herrschaften erheben sich von den Kirchenbänken. Am Ausgang schütteln sie dem Herrn Pfarrer noch einmal die Hand, bevor sie sich milde lächelnd ans Steuer ihres Wagens setzen. Am Montag beginnt wieder das wirkliche Leben.

Separate but equal

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat der Klage einer Elterninitiative, hinter der die katholische Sekte Opus Dei steht, stattgegeben: Ihr Antrag auf Errichtung einer reinen Jungenschule, gegen den sich das Land Brandenburg juristisch gewehrt hatte, sei grundsätzlich zulässig. Getrenntgeschlechtliche Privatschulen sind also in Deutschland nun offiziell höchstrichterlich erlaubt. Nur müsse eine solche Schule auch das „Lernziel“ der Gleichberechtigung der Geschlechter verfolgen. Die Leipziger Richter haben da einen schönen alten juristischen Leitsatz aus den USA wiederentdeckt, der seit einem halben Jahrhundert vergessen schien: „Separate but equal“. Demnächst darf dann vermutlich die Elterninitiative besorgter Arier auch rein deutsche Schulen errichten, in denen aber der Wert der Völkerverständigung gelehrt werden muss.

Zitat des Monats Dezember

„Gott hat uns geschaffen als Frau und Mann und ich glaube, dass er sich dabei etwas gedacht hat.“

(Argument gegen die Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften von Steffen Flath, Vorsitzender der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag)

 

Die ägyptische Verfassung

Eine breite Koalition aus Islamisten, Radikalislamisten und Fundamentalradikalislamisten hat – gegen die Stimmen weniger demokratischer Abweichler – eine neue Verfassung für Ägypten beschlossen. Sie orientiert sich überraschend stark am deutschen Grundgesetz. Hier die wichtigsten Bestimmungen des Entwurfs im Überblick:

§ 1 Die Würde des Menschen und Frauen unter sechs Jahren sind unantastbar.

§ 2 Jede Gläubige hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, auch unter Zuhilfenahme von Explosivstoffen.

§ 3 Alle Männer sind vor dem Gesetz gleich. Alle Männer sind gleich berechtigt, ihre Frauen zum Gehorsam anzuhalten. Die Frau ist der Acker des Mannes. Das Nähere regelt das Landwirtschaftsgesetz.

§ 4 Die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich, sofern es sich um den richtigen Glauben handelt. Die Ausübung der Religion darf nicht behindert werden, insbesondere durch Zweifel, Widerworte oder Abwesenheit.

§ 5 Jeder hat das Recht, Gott und seinen Propheten in Wort, Schrift und Bild zu loben, zu preisen oder auch zu lobpreisen. Wer den Propheten beleidigt, der soll seiner Zunge, im Wiederholungsfalle seines Kopfes verlustig gehen.

§ 6 Die Familie steht unter dem besonderen Schutz des Staates. Der Mann mit vielen Familien steht unter dem vielfachen Schutz des Staates.

§ 7 Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates. Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach. Der Religionsunterricht wird in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.

§ 8 Alle Gläubigen haben die Pflicht, sich bewaffnet unter freiem Himmel zu versammeln, sobald der Zustand der Beleidigung ausgerufen wird.

§ 9 Alle Gläubigen haben das Recht, Vereine zu bilden, die sich gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten. Oder gegen die Juden.

§ 10 Das Postgeheimnis ist unverletzlich. Briefbomben müssen grundsätzlich ausreichend frankiert werden.

§ 11 Alle Ägypter genießen volle Freizügigkeit im gesamten Staatsgebiet. Alle Ägypterinnen genießen volle Freizügigkeit im weiblichen Teil der Wohnung (Küche, Bad, Keller).

§ 12 Alle Ägypter dürfen ihren Arbeitsplatz frei wählen. Ägypterinnen dürfen mit Erlaubnis ihres Mannes in der Küche im Sitzen arbeiten.

§ 13 Die Wohnung ist unverletzlich. Frauen, die durch unerlaubten Ausgang die Wohnung verletzen, sollen von ihrem Manne mit Hilfe eines Sackes oder Netzes wieder eingefangen werden.

§ 14 Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Niemand darf seinem Bruder mehr als vier Frauen vererben.

§ 20 Ägypten ist eine islamische Demokratie. Das ägyptische Volk wählt das Parlament. Das Parlament muss vom Priesterrat bestätigt werden. Das Parlament beschließt die Gesetze. Die Gesetze müssen vom Priesterrat bestätigt werden. Das ägyptische Volk wählt den Präsidenten. Der Präsident muss vom Priesterrat bestätigt werden. Der Priesterrat wird von Gott bestätigt. Entscheidungen Gottes gibt der Priesterrat bekannt.

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