… habe ich, Sächsische Schweiz, für dich – und zwar, nachdem ich heute den Artikel “Christus darf nicht auf den Lilienstein” in der Sächsischen Zeitung gelesen habe. Da wird berichtet, dass ein Unternehmer namens Harry Vossberg, der einem Komitee “Christliche Initiative Predigtstuhl” vorsteht, eine 55 Meter hohe Jesus-Statue auf dem 415 Meter hohen Lilienstein aufstellen lassen will. Doch das Projekt stößt eher auf Skepsis bei den Ureinwohnern, die sich die schönsten Kommentare entlocken ließen.
So ist etwa der Wirt vom Lilienstein-Hotel zwar nicht abgeneigt, allerdings aus eher säkularen Beweggründen:
“Die Leute kommen wegen so einem Mist.”
Noch schöner aber scheint mir die Ankündigung der “Hohnsteiner Bergsteigerlegende” Bernd Arnold, der damit droht, die eventuelle Statue abzusägen:
“Wer halbwegs Einfühlungsvermögen hat, der sieht, die Figur passt nicht hierher, und wenn es zehnmal Jesus ist.”
Na, zu viel versprochen?
Der Mitbegründer der Surfpoeten und der Reformbühne Heim und Welt ist am Mittwoch nach langer Krankheit gestorben. Ich kannte ihn ebenso wenig wie er mich, aber es bedrückt mich sehr. Ich werde versuchen, meine Gedanken zu bündeln, daraus einen irgendwie würdevollen Strauß trauriger Rosen machen und diesen nach Berlin schicken. Wer etwas Gehaltvolleres zu diesem Thema lesen möchte, der sollte mal bei Volker Strübing vorbei schauen beziehungsweise diesen Artikel von Robert Weber lesen. Ich finde da immer nicht die passenden Worte. Aber in Anlehnung an das von Stein stammende Gebet gegen die Arbeit schließe ich mit den folgenden:
Tod – Geißel der Menschheit!
Über Belanglosigkeiten wie die neue und schlechte LateNite von Schmidt&Pocher auf RTL2 ARD zu sprechen bin ich gerade nicht mehr imstande. Vielleicht morgen.
Irgendwie konnte ich mich noch nie mit der Partei Die Grünen anfreunden. Warum? Nun, auch wenn das merkwürdig klingt: Ich muss sagen, dass sie mir in vielen Bereichen zu konservativ sind. Die Gründe konnte ich mir selbst nicht recht erklären, bis ich eben ein Interview in der Süddeutschen Zeitung las. Ulrike Gote, die zugleich kirchenpolitische Sprecherin der bayrischen Grünen und Mitglied im Landeskomitee der Katholiken ist, brachte es auf den Punkt:
“Wir haben das C zwar nicht im Namen, aber wir haben es im Programm. Deswegen ist mir über solche Äußerungen, wie [Bischof] Mixa sie getan hat, überhaupt nicht bange. Denn wer sich mit unseren Inhalten beschäftigt, der wird eine große Übereinstimmung mit Themen wie Bewahrung der Schöpfung, der Natur oder der Würde des Menschen finden. Denken Sie nur an die Debatte um Gentechnik oder das Stammzellengesetz. Da sind wir sehr nahe an den Forderungen, die auch die Kirche vertritt.”
Schwarz-Grün kann kommen!
[Nachtrag: Vielleicht muss ich - dank Volker Beck - meine Meinung doch noch revidieren ...]
Ein ausgesprochen erfrischendes Buch für fröhliche Freidenker möchte ich Euch an dieser Stelle ans Herz legen: Es handelt sich um das atheistische Manifest The God Delusion von Richard Dawkins, das jüngst unter dem Titel Der Gotteswahn auch in deutscher Sprache erschienen ist. Es gehört zu jenen Büchern, nach deren Erscheinen man sich verwundert an den Kopf greift und fragt, wieso sie nicht schon längst zuvor das Licht der Welt erblickt haben.
Continue reading Buchtipp: The God Delusion…
Gut, man erwartet mittlerweile nicht mehr allzu viel vom früher als aufklärerisch und linksliberal bekannten Wochenmagazin namens DER SPIEGEL. So war ich denn auch eher skeptisch, als ich jüngst das neueste Heft zu Gesicht bekam, dessen Titel eine Auseinandersetzung mit einem angeblich neuen Atheismus versprach. Schließlich wird die Kulturabteilung des Heftes inzwischen von einem Mann befehligt, der sich nicht entblödet, in seinem sterbenslangweiligen Video-Blog Papst Benediktus alias Prof. Ratzinger dafür zu loben, dass er in seinem jüngsten Buch Jesus endlich nicht mehr „historisch-kritisch“ behandle, sondern „als Sohn Gottes“ – so wie es sich eben für einen richtigen Katholiken gehöre.
Und weder das Magazin-Cover noch die Titelschlagzeile gaben Anlass zur Entwarnung: „Gott ist an allem Schuld! Der Kreuzzug der neuen Atheisten“. Die Atheisten also sind die wahren Fanatiker, eine kleine Sekte von verbiesterten Friedhofsschändern, die der Masse der frisch-fromm-fröhlich-freien Gläubigen vergeblich ans Bein zu pinkeln versucht. Aber der Artikel war denn doch nicht so schlimm, wie es der Titel befürchten ließ. Er stammte auch nicht unmittelbar vom papsttreuen Langweiler Matussek, sondern wenigstens bloß vom Rom-Korrespondenten und Vatikan-Berichterstatter Alexander Smoltczyk, der es sich – trotz seines sehr katholischen Namens – manchmal sogar herausnehmen darf, maßvolle Kritik an der heiligen Mutter Kirche vorzunehmen. Die neuen, nun ja vielleicht nicht wirklich ganz so neuen Atheisten schilderte Smoltczyk mit einer Mischung aus ängstlicher Bewunderung und leisem Spott: Eine Hand voll kluger, aber doch allzu verstockter Gotteshasser, die ihren eigenen Dekalog dekretieren wollen und die „falsche“ Religion der fanatischen Gewalttäter allzu voreilig mit der „wahren“ Religion der toleranten und friedliebenden Gläubigen verwechseln. So plädierte der SPIEGEL-Autor dann am Ende recht lustlos für eine gemütliche Kuschelreligion, aus der sich jeder nach individuellem Bedarf das „Gute“ heraussuchen solle.
Interessanter waren da die wirklich ebenso witzigen wie bösartigen Zitate der porträtierten und interviewten Heiden, die mehr als ein Schmunzeln auf mein Gesicht zauberten. Wer will, kann sich auch das Protokoll des Chats durchlesen, den der Chef der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung auf SPIEGEL ONLINE mit gläubigen wie ungläubigen Lesern führte. Charmant.
Gestern, im Konferenzsaal der Ostsächsischen Sparkasse am Dr.-Külz-Ring, wurde ausnahmsweise mal nicht über Cash Flow referiert, sondern der schönen Literatur gefrönt: Ulrich Schacht wurde in sein Amt als neuer Dresdner Stadtschreiber eingeführt und las die Erzählung, die ihm diese Berufung eingebracht hatte: Porträt eines venezianischen Mönches. Im Vorfeld hatte es eine recht kontroverse Debatte zum Thema gegeben, nachdem nicht nur die taz in einem Artikel auf die sehr konservative Ausrichtung des Schriftstellers verwiesen hatte. Außerdem wurde bekannt, dass er einen Artikel für die neurechte Zeitung Junge Freiheit verfasst hatte – über ein Gedicht von Gottfried Benn. Reflexartig hatten daraufhin einige Vertreter der Linken die Rücknahme des Titels gefordert, während die literarische Jury ihre Entscheidung verteidigte. Ich hatte bis dahin noch nie etwas von Herrn Schacht gehört, geschweige denn gelesen. Das konnte ich nun gestern nachholen.
Für Dresdner Verhältnisse waren überraschend viele Menschen bei dieser Lesung anwesend. Die Literatur geht den Bewohnern dieser Stadt normalerweise am Arsch vorbei und die Dresdner Stadtschreiber erwidern ebenso üblicherweise Gleiches mit Gleichem: Niemand in Dresden kennt den aktuellen Stadtschreiber und der Dresdner Stadtschreiber bemüht sich, in seiner Amtszeit möglichst selten in Dresden sein zu müssen. Diesmal war’s anders: Die literarische Lokalprominenz war fast vollzählig erschienen: Marcel Beyer, Michael G. Fritz, Norbert Weiß, Jens Wonneberger und viele andere mehr. Kennt Ihr nicht? Tja, siehe oben. Außerdem war auch das enfant terrible der sächsichen CDU, Heinz Eggert, da, der die Menge mit humorvollen Zwischenrufen begeisterte. Noch größeren humoristischen Erfolg hatte freilich die Rede des Vertreters der ostsächsischen Sparkasse, der bisweilen das Lyrische streifte. Der amtierende Bürgermeister Lutz Vogel gratulierte gewohnt eloquent.
Dann durfte Herr Schacht ans Mikrofon treten: Er dankte nochmals seinen Verteidigern und schimpfte ein wenig auf die Political Correctness, vermied aber schrille Töne wie die vorherige Beschimpfung seiner Kritiker als “Internet-Gestapo” oder der Alt-68er als Menschen mit Stasi-Mentalität. Hauptziel seiner Mission, so konnte man Interviews entnehmen, sei die Re-Christianisierung Deutschlands und die Kritik an der allzu kosmopolitischen Moderne. Das merkte man auch seiner Erzählung an. Sprachlich und stilistisch gewandt erzählte er von einem Liebespaar in Venedig und spielte mit den bekannten Motiven von Leben und Tod in Venedig, aber nicht um eine der üblichen Dekadenz-Geschichten zu erzählen, sondern um immer wieder sanft, aber bestimmt auf die rettende Kraft des Glaubens zu verweisen. Die überbordenden gelehrten Anspielungen schmeckten arg nach Baedeker, mangels echter Handlung wurde die sehr lange Geschichte am Ende ermüdend, sodass ein befreiendes Gelächter ausbrach, als der Autor bemerkte, dass er vergessen hatte, die letzte Seite mitzunehmen. Gut, dass eine Frau vom Verlag einsprang und zufällig gerade das Buch, das eben mit der Geschichte erschienen war, zur Hand hatte.
Ich möchte mir kein abschließendes Urteil über die literarische Qualität oder die politische Ausrichtung des Autors anmaßen. Eine Stadt wie Dresden sollte auch einen konservativen Schreiber aushalten. Unschön fände ich es hingegen, wenn – wie sich im Dank des Autors abzeichnete – Dresden gerade für seine (nicht nur architektonische) Modernitätsverweigerung von der – meiner Meinung nach – falschen Seite Lob erhalten würde. Ich denke, dass es die Aufgabe eines aufgeklärten Schriftstellers (jetzt mal ohne Ironie, auch wenn’s schwer fällt …) sein sollte, gegen Religion, Nationalismus und den drögen Kulturpessimismus des Früher-war-alles-besser anzuschreiben. Punkt.
Gute Nachrichten aus dem Vatikan: Papst Benedikt XVI., the artist formerly known as Prof. Ratzinger, verkündete jüngst, dass die Vorhölle (lat. limbus) mit sofortiger Wirkung abgeschafft sei. In eben dieser mussten noch bis vor kurzem all jene Menschen ausharren, die ohne eigenes Verschulden von der Seligkeit ausgeschlossen waren: so z.B. die Heiden, die das Pech hatten, vor Christi Geburt gestorben zu sein, aber auch die Kinder, die noch vor der Taufe das Zeitliche segneten.
Wahrlich, als ich diese freudige Botschaft soeben las, kam mir ein Traum in den Sinn, den ich jüngst hatte: Ein gar verstockter Atheist starb da, erwachte aber kurz darauf auf der Himmelsleiter, die ihn geraden Wegs zur Himmelspforte führte. Also doch, dachte er sich überrascht, aber doch vergnügt, während ihm Petrus freundlich das Himmelreich aufschloss. Dort aber wartete auf ihn das einladendste Bankett voller himmlicher Speisen und geistiger Getränke – dazu Jungfrauen von überirdischer Schönheit. Hinter einer Wand aber vernahm er ein leises, durchdringendes Stöhnen und Fluchen aus tausenden Kehlen. “Entschuldige bitte, Jesus”, sprach er den Herrn an, der zufällig gerade neben ihm stand, “Aber was verbirgt sich hinter dieser Wand?” Jesus aber öffnete ein Fenster und ließ den Fragenden einen Blick hindurch werfen: Hinter der Wand aber verbarg sich eine finstere, stinkende Höhle voll von Feuer und Qualm, in der ächzende und um Gnade flehende Menschen von bösartigen, gehörnten Kreaturen auf das Abscheulichste gefoltert wurden. “Was um Himmels Willen ist das?”, fragte der Atheist erschüttert. “Ach”, sagte Jesus mit einem Kopfschütteln, “Das sind die Katholiken. Die wollen das so.”
[Nachtrag, 24.04.: Ich möchte an dieser Stelle noch einen Satz hinzufügen, den ich eben bei SPIEGEL ONLINE finde. Und zwar im Video-Blog von Matthias Matussek namens Matusseks Kulturtipp, der - man möchte es kaum glauben - mit jeder Ausgabe immer noch langweiliger wird. "Über Religion sollte man überhaupt nur freundlich reden." Na denn!]