Beim Karikaturenpreis 2011

Zum zweiten Mal hatte ich heute die Gelegenheit, die alljährliche Verleihung des Deutschen Karikaturenpreises im Dresdner Staatsschauspiel zu besuchen. Auch auf die Gefahr hin, mich dem Verdacht der Voreingenommenheit auszusetzen, muss ich die Sächsische Zeitung loben, die diesen Preis seit inzwischen elf Jahren mit stetig wachsendem Erfolg organisiert und publikumswirksam präsentiert. Die besten und wichtigsten Cartoonisten und Karikaturisten haben sich am Wettbewerb beteiligt und sind in Massen in das für überregionale Kulturereignisse nicht eben bekannte Dresden gekommen. Eine Jury wählte schließlich wieder drei Preisträger. So einer Auswahl muss Zufälligkeit anhaften, letztlich hätte man die Sache auch zwischen zwei oder drei Dutzend gleich guten Zeichnern auswürfeln können. Aber immerhin wurden so viele Leute einschließlich meiner auf einen tollen Künstler, nämlich den Sieger namens Nel, aufmerksam. Der in Rumänien geborene, in Erfurt lebende Ioan Cozacu zeichnet sich durch einen luftigen Strich und einen subtilen, philosophischen Humor aus. Hier kann man sich den sehr schönen Siegercartoon anschauen. Den Ehrenpreis fürs Lebenswerk erhielt dann schließlich zum krönenden Finale F.W. Bernstein.

Veranstaltungstipps für Dienstag

Am Dienstag (25. Oktober) bietet sich für ausgehwillige Freunde der Autoren der Lesebühne Sax Royal die Qual der Wahl: Wem der Sinn nach Poesie steht, der kann Roman Israel als einen der Autoren bei “Geschichten übern Gartenzaun“ erleben. Der Poetry Slam beginnt um 20 Uhr in der Groovestation. Wer hingegen lieber musikalisch bezaubert werden will, der besuche den “Dienstagssalon”, der von Max Rademann wieder in Hellerau präsentiert wird. Zu Gast ist dort diesmal ab 20 Uhr die Band minus-monster.

Zu Besuch bei Lessing

Nach zwei Jahren in der Kamenzer Straße kam ich nun auch endlich einmal der moralischen Verpflichtung nach, Kamenz zu besuchen. Die Stadt, völlig unbekannt unter dem Namen “Perle der Westlausitz”, überraschte uns als schnuckeliges kleines Städtchen, dass sich an die hügeligen Ausläufer des Oberlausitzer Berglandes schmiegt. Einwohner sah man allerdings auf den Straßen so wenige wie nach dem Abwurf einer Neutronenbombe. Essen kann man gut im Ratskeller, der zum Hotel Goldner Hirsch gehört. Eine großartige Aussicht hat man von einem Turm auf dem Hutberg, fünfzehn Minuten vom Zentrum entfernt.

Hauptanziehungspunkt ist für Freunde der Poesie das Lessing-Museum Kamenz, das sich die Stadt für ihren größten Sohn geleistet hat. Die Aufmachung des kleinen Museums ist modern und erfreulich wenig heimattümlich: Zu sehen gibt es nicht Pfeifenköpfe und Unterhosen, sondern – wie es sich für einen Dichter gehört – vor allem Bücher und Texte. Entdeckungen können sowohl Anfänger als auch Fortgeschritte machen. Ich gehöre zu letzteren und habe meine ersten Zeilen Lessing schon in früher Jugend gelesen, weil ein Auswahlband namens Die Aber kosten Überlegung im elterlichen Bücherregal stand. Man muss diesen Aufklärer jedenfalls mögen: Patriotismus ging ihm am Arsch vorbei, religiöse Engstirnigkeit war ihm zuwider. Heute würde er Polemiken gegen Islamisten wie Islamophobe aus der Hüfte schießen. Seine größte literarische Leistung dürfte, neben der Erfindung des modernen deutschsprachigen Dramas, vor allem eine sein: Er führte den Witz in die Kritik und Gelehrsamkeit ein. Nicht umsonst war er auch der liebste Schriftsteller Heinrich Heines. Neben historischen, antiquarischen, ästhetischen, theologischen, philosophischen, kritischen, literarischen und dramatischen Texten schrieb er auch kleine Gedichte wie dieses:

Ob ich morgen leben werde,
weiß ich freilich nicht;
aber wenn ich morgen lebe,
daß ich morgen trinken werde,
weiß ich ganz gewiß!

Kunsttipp: Neue Sachlichkeit in Dresden

Wenn ich hier in letzter Zeit öfter begeistert von ausschließlich schönen Sachen aus Kunst und Kultur berichte, so liegt das nicht daran, dass ich zunehmend alles toll finde, sondern dass mir immer mehr die Lust schwindet, mich mit beschissenem Zeug auch nur noch zu befassen. Außerordentlich lohnenswert ist hingegen die neue Ausstellung “Neue Sachlichkeit in Dresden. Malerei der Zwanziger Jahre von Dix bis Querner”, die die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Lipsiusbau zeigen. Glaubte man bisher, dass auf Grund der massiven Verluste durch Nazi-Vandalismus und Kriegsschäden eine Dokumentation dieser Dresdner Kunstepoche gar nicht möglich sei, beweist diese Schau mit ihrer geradezu überwältigenden Fülle das Gegenteil.

“Neue Sachlichkeit” als Terminus für die Kunst und Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre ist wie alle Etikettierungen nicht unproblematisch. Deutlich lässt sich zwar eine Abkehr von metaphysischen Pathos des Expressionismus und ein allgemeiner Trend zur realistischen Auseinandersetzung mit der Realität wahrnehmen, doch zeigen sich innerhalb dieses Trends wieder deutlich voneinander abweichende Strömungen. Für eine Reihe von Künstlern ist die Abkehr vom Expressionismus vor allem ein ästhetisches Unternehmen, das in der Besinnung auf altmeisterliche Techniken der Malerei besteht. Besonders auf dem Gebiet des Porträts zeigen sich hier herausragende Leistungen. Eine andere Partei ordnet die Kunst als Waffe hingegen radikal der politischen Absicht unter: Die Mittel dieser – oft kommunistisch oder anarchistisch engagierten – Maler sind neben mitfühlendem Realismus vor allem Groteske und Satire. Das Proletariat wird in der Würde der Armut und Arbeit gezeigt, das Bürgertum hingegen in der Unwürde unverdienten Reichtums. Militärs, Kapitalisten und die Repräsentanten der aufkommenden Nazi-Bewegung werden karikiert.

Im Werk von Otto Dix, dem wohl bedeutendsten in der Ausstellung vertretenen Maler, überschneiden sich beide Richtungen. Daneben beeindruckt natürlich auch nicht minder George Grosz. Aber auch weniger bekannte Maler, von deren Frühwerk oftmals nur noch wenige Bilder erhalten sind, kann man hier erstmals oder zumindest aus neuer Perspektive entdecken, so Otto Griebel, Hans Grundig, Wilhelm Lachnit, Bernhard Kretzschmar, Curt Querner, Rudolf Bergander und Willy Wolff.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 08. Januar 2012.

Sonntag: Pressefetz in der Scheune

Die Dresdner Scheune, seit sieben Jahren geliebte Heimat unserer Lesebühne Sax Royal, feiert in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Zu Eröffnung der Feierlichkeiten gibts am Sonntag ein “Pressefetz“, nicht etwa nur für die Presse, sondern für alle Freunde des Klubs im Herzen der Dresdner Neustadt. Neben Entdeckungsgängen durch die Scheune und zahlreichen Aktionen gibt es auch ein reichhaltiges Musikprogramm, das von Bands bestritten wird, deren Geschichte mit der Scheune besonders verknüpft ist: 44 Leningrad, The Lazy Boys und Klumpung. Im Rahmen von “Lothar Kochs Poetensalon” wird es auch einen Längsschnitt durch die literarische Tradition der Scheune geben – Sax Royal wird dabei von Stefan Seyfarth und Michael Bittner vertreten. Zum Abschluss legen dann namhafte DJs Tanzmusik auf.

Pressefetz in der Scheune | 19 Uhr (Einlass ab 17 Uhr) | 10 Euro VVK 12 Euro AK

Dringendste Leseempfehlung: Andreas Altmanns “Scheißleben”

In einer Nacht und den Wartezeiten (Bahn, Arzt, Einwohnermeldeamt) eines Tages las ich Andreas Altmanns aktuelles Buch mit dem umwerfenden Titel Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Der bislang als Reiseschriftsteller bekannte Andreas Altmann (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Lyriker) hat in diesem Buch die Geschichte seiner Jugend aufgezeichnet. Im bayrischen Pilgerort Altötting, inmitten eines bieder-erzkatholischen Bürgertums, wuchs Altmann in den fünfziger und sechziger Jahren unter erbärmlichsten Bedingungen auf. Sein Vater, ein psychisch offenbar schwer gestörter Kriegsheimkehrer, treibt durch seelische Grausamkeit zunächst die schwache Mutter aus dem Haus, bevor er mit psychischer und körperlicher Dauergewalt seine Kinder terrorisiert. Dabei gilt der Händler von Rosenkränzen und anderem Glaubenskitsch in der Stadt als ehrenwerter Bürger. Erst am Ende der Jugend gelingt dem Sohn die Flucht und die Ablösung vom zutiefst gehassten Diktator, der seiner eigenen Familie den Krieg erklärt hatte. Das Buch endet hier nicht, sondern skizziert im letzten Kapitel noch den mühevollen Lebensweg, auf dem sich Altmann im Laufe von zwanzig Jahren vom aufgezwungenen Selbstbild als Opfer und Versager befreit und seinen Platz in der Welt, eben als erfolgreicher Reisereporter, findet. Die Sprache des Buches ist karg, klar und dennoch poetisch. Die Lektüre fesselnd, erschütternd und teilweise schwer erträglich. Am Ende bleibt der Vater für den Leser wie für den schreibenden Sohn ein Rätsel. Die Traurigkeit über das absolut verfehlte Leben zweier Menschen hält sich die Waage mit der Freunde über das Glück eines Davongekommenen.

Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. München/Zürich: Piper, 2011. Das Buch hat 256 Seiten und kostet 19,90 Euro.

Literaturtipp: Max bei “Geschichten übern Gartenzaun” am Mittwoch

Am Mittwoch (21. September) findet in der Groove Station eine neue Ausgabe der Reihe  “Geschichten übern Gartenzaun” statt. Einer der Lesenden wird dabei Royalist Max Rademann sein. Mit dabei im Wettbewerb sind außerdem u.a. Franziska Holzheimer, Erik Leichter, Henning Wenzel, Chris Christopher und Felix Römer. Moderiert wird die Veranstaltung von der Dresdner Poetin Kaddi Cutz. Los gehts um 19:30 Uhr, der Eintritt kostet erschwingliche 5 Euro. Das Publikum entscheidet wie immer über den Sieger des Abends.

Kulturtipp: “Dresden plakativ!” im Stadtmuseum

Eine Ausstellung unter dem Titel “Dresden plakativ!” kann man noch bis zum 3. Oktober im Stadtmuseum am Pirnaischen Platz besuchen – und sollte dies bei ausreichender Muße meiner Meinung nach auch tun. Die sehenswerte Schau zeigt Plakate aus der Zeit vom Kaiserreich bis zum Jahr 1990. Einbezogen sind sowohl Reklame als auch politisches Plakat. Drollige kulturhistorische Relikte (“Der Bär auf dem Pferde!” im Zirkus Sarrasani) erlauben einen nostalgischen Blick zurück. Material aus dem Meinungsschlachten der Weimarer Republik wie Propagandaplakate aus zwei Weltkriegen bieten Anschauungsmaterial für politisch Interessierte. Erstaunlich zum Beispiel folgender Slogan: “Dresden ruft: Nie wieder Ami-Bomben auf unsere Städte!” Er stammt nicht, wie man denken könnte, von der NPD, sondern aus Zeiten der Sozialistischen Einheitspartei. Den Abschluss bilden selbstgemachte Amateur-Plakate und Spruchbänder aus der Zeit der Revolution von 1989/90. Der Besuch lohnt sich in jedem Fall – ganz besonders übrigens vielleicht für Grafiker, die sich hier bestimmt die eine oder andere gestalterische Idee ausleihen könnten.

“Dresden plakativ!” | Stadtmuseum (Wilsdruffer Straße 2) | Di bis So 10-18 Uhr Fr 10-19 Uhr | Eintritt 4 Euro / erm. 3 Euro

Gedenkausstellung für Alice

Es war, wenn ich mich recht entsinne, im Jahr 2009, als ich in der Galerie Treibhaus eines Abends Reisegeschichten las. Die Reihen waren schon ganz gut gefüllt, aber meine Stimmung hellte sich endgültig auf, als eine ältere Frau den Raum mit schweren Schritten betrat: “Alice”. Der Besuch dieser stadtbekannten kulturaffinen Oma galt schließlich als Auszeichnung für jede Veranstaltung. Obwohl sie sich damals schon nur noch mit Mühe fortbewegen konnte und beinahe für jeden Schritt Hilfe zu brauchen schien, ließ sie es sich noch immer nicht nehmen, beinahe täglich bei einer Kulturveranstaltung aufzutauchen, sich freien Eintritt zu verschaffen und anschließend konzentriert bis zum Ende zu lauschen. Ich begann zu lesen. Als ich einen englischen Satz aussprach, rief sie aus der ersten Reihe: “Und was heißt das jetzt?” Ich hatte in einer Geschichte einen Dänen originalgetreu die ganze Zeit Englisch reden lassen, um mich – Geck, der ich bin – als literarischen Kosmopoliten auszuweisen. Nun musste ich beim Vorlesen synchron den halben Text zurück ins Deutsche übersetzen, was mich ganz schön ins Schwitzen brachte. Nach der Lesung stellte Alice freundlich einige Fragen und erzählte dann selbst davon, wie enttäuscht sie darüber gewesen sei, dass trotz ihrer vielen Bekanntschaften jüngst beinahe niemand sich bei ihr gemeldet oder sie besucht hatte. (War es ihr Geburtstag? Oder Weihnachten? Ich weiß es nicht mehr.) Es mag sein, dass dies das Los von sogenannten “Originalen” ist, von vielen lächelnd auf der Straße erkannt zu werden, aber wenige wirkliche Freunde zu haben.

Wie erst nach geraumer Zeit bekannt wurde, ist Alice inzwischen gestorben. Der Dresdner Künstler Lutz Fleischer hat eine liebevolle Gedenkausstellung mit Fotos, Videos, Erinnerungen und Installation organisiert, die ich zum Besuch empfehlen möchte. Die Ausstellung befindet sich in den schönen Räumen der Galerie Adam Ziege (Louisenstraße 87). Sie ist nur noch bis zum 10. September immer zwischen 16-20 Uhr zu sehen.

Mehr zu Alice von Leuten, die sie wirklich kannten, findet man auf dieser Seite.

Royalisten beim Erzählfestival “Magia Mundi”

Am Freitag lesen mit Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth drei Fünftel unserer Lesebühne Sax Royal bei einem “Story Slam” im Rahmen von Magia Mundi, dem Internationalen Festival für Erzählkunst und Lauschkultur. Ich werde den Spaß moderieren. Mit dabei sind auch die Kollegen Udo Tiffert und Kaddi Cutz. Wer will, kann sich auch vor Ort spontan zum Mitmachen melden. Los gehts um 20:20 Uhr im Klosterpark Altzella bei Nossen.

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