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	<title>sax royal &#187; Lustige Deutsche</title>
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		<title>Lustige Deutsche (5): Ludwig B&#246;rne</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Aug 2009 06:59:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Micha</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der politische Dichter]]></category>
		<category><![CDATA[Lustige Deutsche]]></category>

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		<description><![CDATA[Gew&#246;hnlich liest man B&#252;cher wohl vor allem deshalb, weil man in ihnen Bekanntes wiederentdecken m&#246;chte. Das allgemein Menschliche von Jugendliebe bis Todesangst ist eben allen verst&#228;ndlich. Man freut sich &#252;ber Helden, mit denen man sich &#8220;identifizieren&#8221; kann. Schwerer haben es Schriftsteller, die Texte in den Meinungskampf ihrer Epoche werfen. Die Leidenschaften der Vergangenheit sind uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="   alignleft" title="Ludwig B&#246;rne" src="http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/9999999/original/Bild.jpg" alt="Ludwig B&#246;rne" width="160" height="216" /></p>
<p>Gew&#246;hnlich liest man B&#252;cher wohl vor allem deshalb, weil man in ihnen Bekanntes wiederentdecken m&#246;chte. Das allgemein Menschliche von Jugendliebe bis Todesangst ist eben allen verst&#228;ndlich. Man freut sich &#252;ber Helden, mit denen man sich &#8220;identifizieren&#8221; kann. Schwerer haben es Schriftsteller, die Texte in den Meinungskampf ihrer Epoche werfen. Die Leidenschaften der Vergangenheit sind uns unbekannt, man muss sie erst m&#252;hsam aus den Fu&#223;noten und Anmerkungen kramen. Wer also soll noch etwas von <strong>Ludwig B&#246;rne</strong> (1786-1837) lesen wollen, der f&#252;r sich selbst eine damals ganz neue Rolle als &#8220;Zeitschriftsteller&#8221; erfand?</p>
<p><span id="more-1640"></span></p>
<p>Sicher, man kann sagen, dass er einer der besten Kritiker, Satiriker und politischen Publizisten deutscher Sprache war, aber wird ihn zum Dank daf&#252;r heute noch jemand lesen? Er schrieb nie ein &#8220;Buch&#8221;, nur Artikel, Skizzen, Aphorismen, mit denen er die verschnarchte deutsche Landschaft des Biedermeier immer wieder unsanft aus dem Schlaf weckte. Er ist so mit seiner Epoche, der Restaurationsperiode, untrennbar verbunden; man versteht seine Schriften nicht, ohne dass man sich wenigstens ein bisschen auch f&#252;r die deutsche Geschichte interessiert. Alle, die diese H&#252;rde genommen haben, d&#252;rfen sich dann &#252;ber einen Stil freuen, der in der damaligen literarische Landschaft einzigartig war: B&#246;rne schrieb polemisch, aber witzig, popul&#228;r, aber nicht herablassend, verst&#228;ndlich, aber nicht vereinfachend.</p>
<p>Liest man dann eine Weile, erkennt man auf den zweiten Blick recht schnell, dass doch l&#228;ngst noch nicht alle seine Gedanken der Vergangenheit angeh&#246;ren. Das w&#228;re auch schwer vorstellbar, denn die Aufkl&#228;rung, der er sich verschrieben hatte, beginnt in jeder Generation wieder ganz von vorn. Sein besonderer Hass galt dem &#8220;Lakaiencharakter&#8221; der Deutschen. Wundert sich noch jemand, warum die Deutschen in der Krise mit ihren Bossen heulen und anfangen, FDP zu w&#228;hlen, w&#228;hrend die Franzosen ihre Chefs im B&#252;ro einsperren und damit drohen, ihre Fabrik in die Luft zu jagen?</p>
<blockquote><p>&#8220;Der Deutsche liebt bescheidenes Rechten, m&#228;&#223;iges Fordern, sanften Tadel, stille Vorw&#252;rfe. Darum mu&#223; man, um auf sie zu wirken, durch Rede und Schrift anma&#223;lich streiten, ungeb&#252;hrlich fordern, bitter tadeln und polternd zurechtweisen. Denn m&#228;&#223;igt euch, wie ihr wollt, der deutsche Leser m&#228;&#223;igt noch euere M&#228;&#223;igung.&#8221;</p></blockquote>
<p>B&#246;rne war auch einer der ersten, die es wagten, am Thron des deutschen Dichterf&#252;rsten Goethe zu s&#228;gen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Nie hat er ein armes W&#246;rtchen f&#252;r sein Volk gesprochen, er, der fr&#252;her auf der H&#246;he seines Ruhms unantastbar, sp&#228;ter im hohen Alter unverletzlich, h&#228;tte sagen d&#252;rfen, was kein anderer wagen durfte. Noch vor wenigen Jahren bat er die &#8220;hohen und h&#246;chsten Regierungen&#8221; des deutschen Bundes um Schutz seiner Schriften gegen den Nachdruck. Zugleich um gleichen Schutz f&#252;r alle deutschen Schriftsteller zu bitten, das fiel ihm nicht ein. Ich h&#228;tte mir lieber wie einem Schulbuben mit dem Lineal auf die Finger klopfen lassen, ehe ich sie dazu gebraucht, um mein <em>Recht </em>zu betteln, und um <em>mein </em>Recht allein!&#8221;</p></blockquote>
<p>Gar nicht vergangen, noch weniger erledigt ist auch B&#246;rnes Kampf gegen den v&#246;lkischen Nationalismus. B&#246;rne war als deutscher Jude erst durch den Einmarsch Napoleons aus der Frankfurter Ghetto befreit worden und hatte eine Stelle als Beamter gewinnen k&#246;nnen. Nach der &#8220;Befreiung&#8221; Deutschlands von franz&#246;sischer Besatzung beeilte sich die Stadt Frankfurt mit Erfolg, ihre mittelalterlichen Judengesetze wieder einzuf&#252;hren.</p>
<blockquote><p>&#8220;Ihr habt die Juden immer verfolgt, aber euer Kopf ist besser geworden, ihr sucht jetzt, was ihr fr&#252;her nicht getan, eure Verfolgung zu rechtfertigen. Ihr ha&#223;t die Juden nicht, <em>weil </em>sie es verdienen; ihr ha&#223;t sie und sucht, so gut ihr&#8217;s k&#246;nnt, zu beweisen, <em>da&#223; </em>sie es verdienen, und ihr ha&#223;t sie, weil sie &#8211; <em>verdienen</em>.&#8221;</p></blockquote>
<p>B&#246;rne wurde nicht zuletzt durch seine Rolle als gesellschaftlicher Au&#223;enseiter zu einem der ersten Autoren, die begriffen, dass Nationalismus und Demokratie keineswegs problemlos miteinander vereinbar sind, wie die Liberalen glaubten und glauben. Die v&#246;lkische Rechte antwortete schon damals in bekanntem Ton:</p>
<blockquote><p>„Wo irgend auf deutschem Boden ein Galgen steht, wird man kein w&#252;rdigeres Subjekt daran aufzuh&#228;ngen finden als diesen Herrn Baruch modo B&#246;rne.&#8221;</p></blockquote>
<p>Ludwig B&#246;rne ist auch der sympathische wie seltene Fall eines Autoren, der mit dem Alter nicht milder, sondern immer radikaler wurde. Anfangs gem&#228;&#223;igter Liberaler wurde er am Ende seines Lebens zum konsequenten Demokraten, der mit dem Sozialismus und Anarchismus lieb&#228;ugelte: &#8220;Die Freiheit, die man von Herren geschenkt bekommt, war nie etwas wert; man mu&#223; sie stehlen oder rauben.&#8221; Folgerichtig ging er nach Paris ins Exil, wo er seine Ideen keiner Zensur unterwerfen musste. Seine <em>Briefe aus Paris</em> sind der Auftakt zu jener Bewegung, die zur Revolution von 1848 f&#252;hrte. In seiner letzten und vielleicht besten Schrift <em>Menzel, der Franzosenfresser</em> zerlegt er das Denken eines Mannes, der sp&#228;ter zum Begr&#252;nder des modernen deutschen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus werden sollte. Die deutsche Zukunft geh&#246;rte f&#252;r die n&#228;chsten hundert Jahren aber gerade M&#228;nnern wie diesem Wolfgang Menzel. Es ist Ludwig B&#246;rnes schlimmster und sch&#246;nster Fehler, dass er das Vertrauen in die Macht des Wortes und die Vernunft der Deutschen nie verloren hat.</p>
<p><strong>Ludwig B&#246;rne: S&#228;mtliche Schriften. Neubearbeitet und herausgegeben von Inge und Peter Rippmann. 5 B&#228;nde. Melzer Verlag (<a href="http://www.zvab.com/advancedSearch.do?title=Saemtliche+Schriften++%28Neu&amp;author=Boerne" target="_blank">nur noch antiquarisch erh&#228;ltlich</a>)</strong>.</p>
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		<title>Lustige Deutsche (4): Werner Finck</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Feb 2009 12:15:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Micha</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lausitzer Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Lustige Deutsche]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich war noch nie in Castrop-Rauxel, Bremerhaven oder Neubrandenburg, aber wage dennoch zu behaupten: G&#246;rlitz ist eine der sch&#246;nsten St&#228;dte Deutschlands. Als ich letztens wieder einmal durch die Altstadt spazierte, fiel mir aber vor allem auf, wie wenige der Fenster hinter den sanierten Fassaden erleuchtet waren. Ein Viertel seiner Einwohner hat G&#246;rlitz seit der Wende [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war noch nie in Castrop-Rauxel, Bremerhaven oder Neubrandenburg, aber wage dennoch zu behaupten: G&#246;rlitz ist eine der sch&#246;nsten St&#228;dte Deutschlands. Als ich letztens wieder einmal durch die Altstadt spazierte, fiel mir aber vor allem auf, wie wenige der Fenster hinter den sanierten Fassaden erleuchtet waren. Ein Viertel seiner Einwohner hat G&#246;rlitz seit der Wende verloren. Wer hier sein Abitur macht, ist ein paar Monate sp&#228;ter meist schon auf und davon. Bewundernswert ist es da, wie seit der gescheiterten Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas immer neue Projekte auf die Beine gestellt werden. Nur die alteingesessenen Bewohner scheinen sich mit der neuen Kultur noch nicht so richtig anfreunden zu k&#246;nnen.</p>
<p>Ob es vielleicht auch daran liegt, dass die Stadt ihre Wurzeln so zwanghaft in einer m&#246;glichst weit entfernten Vergangenheit sucht? Manchmal scheint es, als sei seit Jacob B&#246;hme nichts Bewegendes mehr in G&#246;rlitz vorgefallen. Wer wei&#223; schon, dass <strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Finck" target="_blank">Werner Finck</a></strong>, einer der bedeutendsten deutschen Kabarettisten des 20. Jahrhunderts, in G&#246;rlitz aufgewachsen ist? <span id="more-1044"></span>Dass er in seiner Autobiografie <em>Alter Narr, was nun?</em> ein ganzes Kapitel seiner Jugend in G&#246;rlitz widmete? Unter den historischen „Pers&#246;nlichkeiten“ auf der <a href="http://www.goerlitz.de" target="_blank">Homepage der Stadt</a> sucht man ihn neben illustren Namen wie Bartholom&#228;us Scultetus und Ludwig Feyerabend jedenfalls noch vergebens. Dabei galt der Conférencier des legend&#228;ren Berliner Kabaretts <em>Katakombe</em> auch nach dem Krieg – zumindest in der BRD – als Leitfigur des politischen Kabaretts. In G&#246;rlitz urteilte man freilich schon immer etwas zur&#252;ckhaltender: „Ein rotznasiges, freches Lauseaas, das nun Gymnasiast sein will, aber nichts als Anlagen zertrampeln kann und nachher noch ausrei&#223;t“, so Parkw&#228;chter Kretschmer im Jahr 1911.</p>
<p>Der 1978 verstorbene Werner Finck war der unerreichte Meister des Wortspiels. Ein Wortspiel, das wohlgemerkt so weit wie nur irgend m&#246;glich entfernt vom Kalauer war. Was ist ein Kalauer? Zitieren wir als Experten Didi Hallervorden: „Woher wissen wir, dass der Mensch wirklich aus Lehm erschaffen wurde? Na, wir lehm ja alle noch!“ Was ist ein Wortspiel? Zitieren wir Werner Finck, der einmal Antwort auf die Frage gab, was der Hitlergru&#223; eigentlich zu bedeuten habe: „Aufgehobene Rechte.&#8221;</p>
<p>Der unverbesserlich humanistische Individualist Finck wurde erst in der Endphase der Weimarer Republik zum politischen Kopf – und bald darauf zum Intimfeind von Joseph Goebbels, der ihn ins Konzentrationslager Esterwegen schickte. Finck lie&#223; keine Gelegenheit aus, seinen Schicksalsgenossen das Leben durch Humor ertr&#228;glicher zu machen: „Ihr werdet euch bestimmt wundern, wieso wir so munter und fr&#246;hlich sind. Nun, Kameraden, das hat seine Gr&#252;nde: In Berlin waren wir es schon lange nicht mehr. Im Gegenteil. Immer, wenn wir da aufgetreten sind, hatten wir ein unangenehmes Gef&#252;hl im R&#252;cken. Das war die Furcht, ins KZ zu kommen. Und seht ihr, jetzt brauchen wir keine Angst mehr zu haben: Wir sind ja drin!&#8221;</p>
<p>Werner Finck h&#228;tte es verdient, neu von seiner Geburtsstadt entdeckt zu werden. Aber die hat ja jetzt Michael Ballack. Das reicht bestimmt f&#252;r die n&#228;chsten 500 Jahre.</p>
<p><strong>Das Beste von Werner Finck. Ein humoristisches Glossar zur Zeitgeschichte. Mit Beitr&#228;gen von Sebastian Haffner und Dieter Hildebrandt. Zusammengestellt von Bartel F. Sinhuber. M&#252;nchen: Herbig Verlag, 1988/2002 (zur Zeit nur antiquarisch)</strong></p>
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		<title>Lustige Deutsche (3): Heinrich Heine</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jan 2009 12:55:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Micha</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kollegen]]></category>
		<category><![CDATA[Lustige Deutsche]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachdem ich aus beruflichen Gr&#252;nden in den vergangenen Monaten fast ausschlie&#223;lich durch die Gr&#252;fte und Schl&#252;fte der Romantik zu irren hatte, atme ich nun erleichtert auf und sehe wieder das Licht des Tages. Ich darf n&#228;mlich Heinrich Heine lesen. Es ist beinahe unm&#246;glich zu &#252;bersch&#228;tzen, was Heine f&#252;r die deutsche Prosa bedeutet, er hat sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-882" title="heinrich_heine-jugend-1906" src="http://www.saxroyal.de/wp-content/uploads/2009/01/heinrich_heine-jugend-1906-150x150.jpg" alt="heinrich_heine-jugend-1906" width="150" height="150" />Nachdem ich aus beruflichen Gr&#252;nden in den vergangenen Monaten fast ausschlie&#223;lich durch die Gr&#252;fte und Schl&#252;fte der Romantik zu irren hatte, atme ich nun erleichtert auf und sehe wieder das Licht des Tages. Ich darf n&#228;mlich Heinrich Heine lesen. Es ist beinahe unm&#246;glich zu &#252;bersch&#228;tzen, was Heine f&#252;r die deutsche Prosa bedeutet, er hat sie im einem Schlag modern, urban und vor allem: witzig gemacht. Die Deutschen haben es ihm nicht unbedingt gedankt: <em>&#8220;Die Gr&#228;ber der deutschen Helden des Weltkriegs verkommen und werden vergessen, und f&#252;r die Judensau auf dem Montmartre wirft man das Geld zum Fenster hinaus.&#8221;</em> (Julius Streicher, 1926)</p>
<p><span id="more-876"></span></p>
<p>Noch bevor Heine mit seinem <em>Buch der Lieder</em> Erfolg als Lyriker hatte, wurde er durch die <em>Harzreise</em>, das erste seiner <em>Reisebilder</em> ber&#252;hmt. Im Grunde gibt es aber keine Schrift Heines, die man nicht mit Freude und Ertrag lesen k&#246;nnte, selbst journalistische Gelegenheitsarbeiten gewinnen durch die Meisterschaft seines Stils eine Zeitlosigkeit, die andere Autoren vergeblich mit den epochalsten Epen zu erringen suchen. Die politischen &#220;berzeugungen, mit denen er in der Restaurationszeit nicht nur Feinde, sondern auch Freunde ver&#228;rgerte, beruhten auf zwei Pr&#228;missen: Es ging ihm nicht nur um die Freiheit der Individuen, sondern auch um die Freiheit ihrer K&#246;rper. Die j&#252;disch-christliche Sinnenfeindlichkeit, wie sie sich besonders in der Abscheu vor der Sexualit&#228;t kundgibt, war das stetige Ziel seines Spotts, lange bevor ein gewisser Friedrich Nietzsche diese Idee zu einer ganzen Weltanschauung auswalzte. Wieviel subtiler Heines Religionskritik ist, mag folgende Stelle aus der Harzreise andeuten:<em> &#8220;Die Kinder sahen an meinem Ranzen, da&#223; ich ein Fremder sei, und gr&#252;&#223;ten mich recht gastfreundlich. Einer der Knaben erz&#228;hlte mir, sie h&#228;tten eben Religionsunterricht gehabt, und er zeigte mir den K&#246;nigl. Hann&#246;v. Katechismus, nach welchem man ihnen das Christentum abfragt. Dieses B&#252;chlein war sehr schlecht gedruckt und ich f&#252;rchte, die Glaubenslehren machen dadurch schon gleich einen unerfreulich l&#246;schpapiernen Eindruck auf die Gem&#252;ter der Kinder; wie es mir denn auch erschrecklich mi&#223;fiel, da&#223; das Einmaleins, welches doch mit der heiligen Dreiheitslehre bedenklich kollidiert, im Katechismus selbst, und zwar auf dem letzten Blatte desselben, abgedruckt ist, und die Kinder dadurch schon fr&#252;hzeitig zu s&#252;ndhaften Zweifeln verleitet werden k&#246;nnen.&#8221; </em>Die christlichen Weltverbesserer der Zeit konnten sich mit dem Religionssp&#246;tter Heine eben so wenig anfreunden, wie die heroischen Tugendbolde mit dem lebensfreudigen Freund der freien Liebe.</p>
<p>Der Begriff &#8220;Witz&#8221; bezeichnet urspr&#252;nglich das Verm&#246;gen, &#252;berraschende Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Bereichen zu entdecken, also die Kunst des analogischen Denkens, des treffenden Vergleiches, der erhellenden Metapher. Von dieser Art ist Heines Witz, der die heute selten gewordene &#8211; und vielleicht immer schon seltene &#8211; Kunst beherrschte, die Leute nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Denken zu bringen. <em>&#8220;Der Engl&#228;nder liebt die Freiheit wie sein rechtm&#228;&#223;iges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Z&#228;rtlichkeit behandelt, so wei&#223; er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotger&#246;ckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach dr&#228;ngt &#8211; sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erw&#228;hlte Braut. Er gl&#252;ht f&#252;r sie, er flammt, er wirft sich zu F&#252;&#223;en mit den &#252;berspanntesten Beteuerungen, er schl&#228;gt sich f&#252;r sie auf Tod und Leben, er begeht f&#252;r sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Gro&#223;mutter.&#8221;</em></p>
<p>Am grausamsten war Heine als Satiriker. Er konnte Feinde buchst&#228;blich literarisch vernichten und er hat es auch gelegentlich getan. So schrieb er &#252;ber den deutscht&#252;melnden Reaktion&#228;r Wolfgang Menzel: <em>&#8220;Ja, n&#228;chst der Religion ist es die Moral, f&#252;r deren Untergang Herr Menzel zittert. Ist er vielleicht wirklich so tugendhaft, der unerbittliche Sittenwart von Stuttgardt? Eine gewisse physische Moralit&#228;t will ich Herrn Menzel keineswegs absprechen. Es ist schwer in Stuttgardt nicht moralisch zu seyn. In Paris ist es schon leichter, das wei&#223; Gott! Es ist eine eigne Sache mit dem Laster. Die Tugend kann jeder allein &#252;ben, er hat niemand dazu n&#246;thig als sich selber; zu dem Laster aber geh&#246;ren immer zwey. Auch wird Herr Menzel von seinem Aeu&#223;ern aufs gl&#228;nzendste unterst&#252;tzt, wenn er das Laster fliehen will. Ich habe eine zu vortheilhafte Meinung von dem guten Geschmacke des Lasters, als da&#223; ich glauben d&#252;rfte, es w&#252;rde jemals einem Menzel nachlaufen.&#8221;</em> Dass sich Heine in seinen Polemiken nicht immer sauberer Mittel bediente und gelegentlich Unschuldige hinrichtete, sollte man allerdings auch nicht vergessen. Der arme August von Platen, den Heine als &#8220;warmen Bruder&#8221; abfertigte, war weder so gef&#228;hrlich noch so b&#246;sartig, wie Heine es sich einbildete. In seiner Polemik gegen den ehemaligen Freund Ludwig B&#246;rne kann man Heines Unaufrichtigkeit gl&#252;cklicherweise leicht am schlechten Stil der entsprechenden Stellen erkennen. So mag mancher einwenden, dass wir es auch Heines Scherzen unter der G&#252;rtellinie verdanken, wenn wir heute Leute wie Henryk Broder sehen und lesen m&#252;ssen. Aber das w&#228;re so, als w&#252;rde man dem lieben Gott, der das Paradies gepflanzt hat, vorwerfen, nun m&#252;sse man immerzu das Unkraut j&#228;ten.</p>
<p><strong>Heinrich Heine: S&#228;mtliche Schriften in sieben B&#228;nden. Hg. von Klaus Briegleb. Deutscher Taschenbuch Verlag. 78 Euro.</strong></p>
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		<title>Lustige Deutsche (2): Georg B&#252;chner</title>
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		<pubDate>Sat, 17 May 2008 07:48:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Micha</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Kollegen]]></category>
		<category><![CDATA[Lustige Deutsche]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachdem im ersten Teil dieser Reihe mit dem paradoxen Titel &#8220;Lustige Deutsche&#8221; Ludwig Tieck vorgestellt wurde, widmet sich der zweite einem Autor, der diesen &#8220;K&#246;nig der Romantik&#8221; trotz aller Differenzen sehr zu sch&#228;tzen wusste: Georg B&#252;chner. Den meisten Literaturfreunden werden bei diesem Namen wohl Erinnerungen ihrer Schullekt&#252;re von Woyzeck durchs Hirn purzeln. Manch einer wei&#223; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.saxroyal.de/wp-content/uploads/2008/05/buechner.jpg" title="buechner.jpg"><img src="http://www.saxroyal.de/wp-content/uploads/2008/05/buechner.thumbnail.jpg" alt="buechner.jpg" align="left" /></a>Nachdem <a href="http://www.saxroyal.de/2008/04/06/lustige-deutsche-1-der-gestiefelte-kater" target="_blank">im ersten Teil dieser Reihe</a> mit dem paradoxen Titel &#8220;<a href="http://www.saxroyal.de/category/lustige-deutsche" target="_blank">Lustige Deutsche</a>&#8221; Ludwig Tieck vorgestellt wurde, widmet sich der zweite einem Autor, der diesen &#8220;K&#246;nig der Romantik&#8221; trotz aller Differenzen sehr zu sch&#228;tzen wusste: <strong>Georg B&#252;chner</strong>. Den meisten Literaturfreunden werden bei diesem Namen wohl Erinnerungen ihrer Schullekt&#252;re von <em>Woyzeck</em> durchs Hirn purzeln. Manch einer wei&#223; vielleicht auch noch aus der Lekt&#252;re des <em>Hessischen Landboten</em>, dass der mit 23 Jahren verstorbene Autor zu den wenigen deutschen Dichtern geh&#246;rte, die sich ernsthaft auch in die politische Praxis mischten. Aber der echte Kenner sch&#228;tzt an B&#252;chner ein weit weniger bekanntes Faktum: Er war witzig! &gt;&gt;&gt; <span id="more-495"></span></p>
<p>B&#252;chners Witz sticht aus der Epoche der biedermeierlichen Gem&#252;tlichkeit, in die geboren zu werden er das Pech hatte, nicht weniger heraus als seine politische Radikalit&#228;t. Er sch&#228;tzte den gesellschaftskritischen Humor Jean Pauls wie die satirische Eleganz der franz&#246;sischen Aufkl&#228;rer. In dem Universum Shakespeares lebte er ohnehin seit seiner Jugend. Verglichen mit seinem Zeitgenossen Heine, ist B&#252;chners Witz abgr&#252;ndiger, b&#246;sartiger und morbider &#8211; ohne dabei weniger spielfreudig zu sein. Schon in dem allzu oft zum pantragischen Seelenschauspiel mystifizierten Drama <em>Danton&#8217;s Tod</em> steht er in voller Quecksilberbl&#252;te: Die Ideologien der Revolution&#228;re werden entbl&#246;&#223;t, der rhetorische H&#246;henflug mit der Wirklichkeit konfrontiert. So etwa, wenn sich der Tugendbold Simon &#252;ber die durch Armut erzwungene Hurerei seiner Tochter emp&#246;rt und ihn die eigene Frau wieder auf den Boden bringt: &#8220;Du Judas, h&#228;ttest du nur ein Paar Hosen hinaufzuziehen, wenn die jungen Herren die Hosen nicht bei ihr herunterlie&#223;en?&#8221; Oder, mit einem malizi&#246;sen Wortspiel, wenn eine Prostituierte auf der Stra&#223;e die andere antreibt: &#8220;Mach fort, da kommen Soldaten, wir haben seit gestern nichts Warmes in den Leib gekriegt.&#8221; In allen seinen St&#252;cken zeigt B&#252;chner die Kom&#246;die, die wir Realit&#228;t nennen, und st&#246;&#223;t den Leser auf die l&#228;cherliche Kluft, die Schein und Sein in einer entfremdeten Welt trennt.</p>
<p>Nicht anders verh&#228;lt es sich in <em>Leonce und Lena</em>. Dieses St&#252;ck ist nicht nur die einzige Kom&#246;die B&#252;chners, sondern auch eine der wenigen Kom&#246;dien in deutscher Sprache &#252;berhaupt, bei der man etwas zu lachen hat. Die Handlung: Der an Melancholie und Langeweile leidende Prinz Leonce soll mit der Prinzessin Lena zwangsverheiratet werden, beiden graust es davor und sie machen sich auf die Flucht, treffen einander zuf&#228;llig dabei, verlieben sich und heiraten so am Ende doch noch. Das ist alles. Wie B&#252;chner aus diesem Nichts durch Anspielungen, Wortwitz, Satire und hochkomischen Tiefsinn eine ganze Welt macht, ist nicht zu fassen. Begleitet wird Leonce auf seiner Reise von dem herrlichen Faulpelz Valerio: &#8220;Herr, ich habe eine gro&#223;e Besch&#228;ftigung, m&#252;&#223;ig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele sch&#228;ndet meine H&#228;nde, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in der Arbeit, und wenn es mir nicht der M&#252;he zu viel w&#228;re, w&#252;rde ich mir die M&#252;he nehmen, Ihnen diese Verdienste weitl&#228;ufiger auseinanderzusetzen.&#8221;</p>
<p>Politische Interpreten, die in B&#252;chner vor allem einen fr&#252;hkommunistischen S&#228;ulenheiligen sehen, konnten mit dem Lustspiel immer wenig anfangen oder wollten es als todernste politische Anklage gegen den Feudaladel lesen. Schlie&#223;lich ist dieser Leonce doch ein Prinz, also quasi de facto gewisserma&#223;en ein Ausbeuter! Aber wenn man eine Kom&#246;die zu ernst nimmt, dann nimmt man sie als Kom&#246;die nicht ernst genug. B&#252;chner besa&#223; bei all seiner politischen Klarheit doch etwas bei Revolution&#228;ren Seltenes: Humor, Menschlichkeit und die F&#228;higkeit zur Selbstironie. Gerade weil er sich bewusst war, dass nicht einzelne Unterdr&#252;cker, sondern das System der Unterdr&#252;ckung zu bek&#228;mpfen war, findet man kaum eine pers&#246;nliche Attacke in seinen Schriften. Und weil er wusste, dass er auch selbst als B&#252;rger unvermeidlich in das System der Ausbeutung verstrickt war, bezog er sich immer auch selbst in die eigene Kritik mit ein. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen. Aber deswegen muss einem ja nicht gleich das Lachen vergehen.</p>
<p><strong><em>Georg B&#252;chner: Dichtungen, Schriften, Briefe, Dokumente. Hg. von Henri Poschmann. 2 B&#228;nde. Deutscher Klassiker Verlag, 25 Euro. </em></strong></p>
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		<title>Lustige Deutsche (1): Der gestiefelte Kater</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Apr 2008 12:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Micha</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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		<category><![CDATA[Lustige Deutsche]]></category>

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		<description><![CDATA[In dieser neuen Reihe, deren Startschuss hiermit erschallen soll, werde ich nach Ausnahmen von der Regel suchen. Die deutsche Literatur gilt n&#228;mlich gemeinhin als nicht eben reich an guten komischen Autoren, B&#252;chern und St&#252;cken &#8211; zu Recht. Der Virus des teutschen Tiefsinns hat sich allzu sehr im Volksk&#246;rper breit gemacht, die Symptome lassen sich auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In dieser neuen Reihe, deren Startschuss hiermit erschallen soll, werde ich nach Ausnahmen von der Regel suchen. Die deutsche Literatur gilt n&#228;mlich gemeinhin als nicht eben reich an guten komischen Autoren, B&#252;chern und St&#252;cken &#8211; zu Recht. Der Virus des teutschen Tiefsinns hat sich allzu sehr im Volksk&#246;rper breit gemacht, die Symptome lassen sich auch heute noch allerorten wahrnehmen. Die Reihe &#8220;Lustige Deutsche&#8221; soll Medizin an Hand von Beispielen bieten, die allzu oft in Vergessenheit zu geraten drohen. Es gilt aber: Nur selber lesen macht lustig.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Tieck" title="Ludwig Tieck bei Wikipedia" target="_blank"><img src="http://www.saxroyal.de/wp-content/uploads/2008/04/ludwig_tieck.thumbnail.jpg" alt="ludwig_tieck.jpg" align="left" /></a>Wir beginnen mit der Kom&#246;die <em>Der gestiefelte Kater</em> (1797) von Ludwig Tieck. Entgegen anders lautender Meldungen ist Ludwig Tieck der produktivste, vielseitigste und wichtigste Schriftsteller der deutschen Romantik. Und entgegen g&#228;ngiger Vorurteile ist die deutsche Romantik (zumindest in ihrer fr&#252;hen Phase) intelligent, modern und &#8211; witzig. Dies ist besonders ein Verdienst von Tieck, der &#252;ber einen sehr sch&#246;nen Sinn f&#252;r Humor, aber auch &#252;ber satirischen Witz verf&#252;gte, was sich nirgendwo so kurzweilig zeigt wie in <em>Der gestiefelte Kater</em>, der besten seiner vielen Kom&#246;dien. &gt;&gt;&gt;</p>
<p><span id="more-472"></span></p>
<p>Romantische Kom&#246;die? Keine Angst, es geht nicht um tollpatschige P&#228;rchen, die zueinander finden m&#252;ssen. Eigentlich geht es um gar nichts. Das kurze St&#252;ck ist nichts als ein luftiger Scherz, allerdings in einer h&#246;chst innovativen Form. Mit <em>Der gestiefelte Kater</em> entdeckt Tieck n&#228;mlich das &#8220;Theater im Theater&#8221; f&#252;r die moderne B&#252;hne &#8211; Bertolt Brecht wird in seiner <em>Ma&#223;nahme</em> das Gleiche unternehmen, allerdings ganz ohne (freiwilligen) Humor. Das M&#228;rchen &#8220;Der gestiefelte Kater&#8221; (von Perrault, nicht den Grimms) soll auf die B&#252;hne gebracht werden: Das Publikum sitzt (auf der B&#252;hne) gespannt vor der B&#252;hne, kommentiert die in immer gr&#246;&#223;eren Pannen versinkende Auff&#252;hrung des St&#252;cks (im St&#252;ck) und protestiert gegen unanst&#228;ndige Scherze und politische Anspielungen. Schlie&#223;lich muss der Dichter auf der B&#252;hne erscheinen, um die Zuschauer zu beruhigen: Er l&#228;sst eine Arie aus der <em>Zauberfl&#246;te</em> singen und jonglierende Elefanten auf die B&#252;hne treiben. Das ganze St&#252;ck ist nicht nur eine Satire auf das spie&#223;ige B&#252;rgertum des Aufkl&#228;rungszeitalters, sondern spielt auf geniale Weise mit dem Theater als Institution &#252;berhaupt. Also: Dringender Lesetipp!</p>
<p><em><strong>Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater. Ein Kinderm&#228;rchen in drei Akten. Ditzingen: Reclam, 2001. 87 Seiten, 2,60€. </strong></em></p>
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