Gibt es wirklich noch Menschen, die auf die mittlerweile über alle Maßen öde Masche der politisch Inkorrekten hereinfallen? Auf Leute wie Walser oder Sarrazin, die von allen Titelseiten und auf allen Kanälen posaunen, man verbiete ihnen den Mund, weil sie so provokante Wahrheiten aussprächen? Es sieht so aus. Wie wäre es sonst zu erklären, dass ein so mediokres Exemplar wie der Journalist Jan Fleischhauer, den sich der Spiegel als konservativen Redaktionsnarren hält, Aufmerksamkeit auf sich zieht? Fleischhauer hat gewiss einen Riecher für die Schwächen seiner Gegner, aber die snobistische Häme, die seine Texte durchzieht, macht sie für Menschen mit gesundem Geschmack auf Dauer ungenießbar. In seiner neuesten Kolumne hat er sich noch einmal selbst unterboten:
Hand aufs Herz: Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der “Costa Concordia” Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?
Man kennt diesen Typus aus dem Strandurlaub: ein Mann der großen Geste und sprechenden Finger. Im Prinzip harmlos, man sollte ihn nur nicht zu nahe an schweres Gerät lassen, wie sich zeigt. “Bella figura” machen, heißt der italienische Volkssport, bei dem es darum geht, andere zu beeindrucken. Auch Francesco Schettino wollte eine gute Figur machen, leider war ihm ein Felsen im Weg.
Das ist so doof, dass man eigentlich nur den Kopf schütteln und umblättern sollte. Leider wird dummes Zeug wie dieses inzwischen ernsthaft diskutiert, wenn es sich als mutige These ins Gewand des politisch Inkorrekten wirft. Als Entgegnung hier nur so viel: Immerhin waren die Italiener im Gegensatz zu den mutigen Deutschen so klug, sich ihres Diktators selber zu entledigen und ihn an der nächstbesten Laterne aufzuhängen.
Neben den renommierten Literaturzeitschriften Ostragehege und Signumexistieren in der Literaturlandschaft Dresdens noch einige eher untergründige Magazine, die sich ebenfalls der Poesie verschrieben haben. Zwei von ihnen, nämlich das Feingeistmagazin vom Bischofsweg namens triebsowie Der Maulkorb haben gerade ihre jeweils achte Ausgabe auf den Markt geworfen. Beiden Heften seien zahlreiche Käufer gewünscht! Literaturzeitschriften werden zwar grundsätzlich nie von normalen Menschen erworben, sondern immer nur von Leuten, die “auch schreiben”, aber deren Zahl ist ja immer noch groß genug. Um ihnen die Entscheidung zu erleichtern, hier einige persönliche Bemerkungen zu den beiden Magazinen von mir.
Eins vorab: Man nenne mich einen spießbürgerlichen Kulturpedanten, aber ich sehe nicht ein, wieso es Personen, die sich selbst als Literaten bezeichnen, unmöglich sein sollte, sich der deutschen Sprache zu bemächtigen oder wenigstens einen Duden zu kaufen. Einige der Autoren schaffen es, auf einer Seite ein Dutzend und mehr Fehler in Rechtschreibung und Grammatik unterzubringen. Ich weigere mich, so etwas ernst zu nehmen. Notfalls wende man sich bitte an das Lektorat Siegel. Der Betreiber macht sehr faire Preise – ich erinnere mich noch, wie er mich einmal hartnäckig herunterhandelte, als ich ihm zu viel Geld bezahlen wollte.
Der Maulkorb (hg. von Silvio Colditz) widmet sich in seiner neuen Ausgabe ganz der Stadt Dresden. Im Anhang findet sich ein nützlicher, wenn auch nicht vollständiger Überblick über die Literaturlandschaft Dresdens, der erfreulicherweise besonders die junge Szene berücksichtigt. Und der Inhalt des Heftes wird diesmal allein von Dresdner Autorinnen und Autoren bestritten. Hier habe ich tatsächlich einige Entdeckungen gemacht und Schriftsteller kennen gelernt, die mir bisher unbekannt waren – was wieder einmal zeigt, dass die Dresdner Literaturszene klein, aber dennoch nicht überschaubar, weil weitgehend zersplittert ist. Großartig fand ich zwei Gedichte von Kerstin Becker (*1969, u.a. Mitglied im Literaturforum Dresden). Komplexe Lyrik, die sich aber aus konkreten Anschauungen statt aus metaphysischen Phrasen speist und sogar wieder so etwas wie ein poetisches Ich erkennen lässt. Von Sabine Dreßler (*1979, Lektorin, Autorin und Soziologin), entdeckte ich einen sehr schönen, unaufgeregt und witzig erzählten Ausschnitt aus einem längeren Reisebericht über Erlebnisse in Neuseeland. Falk Enderleins Grosteske Kafka auf Prozac liest sich schön überdreht. Und Steffen Roye hat mit Die letzte Runde geht aufs Haus eine klassische und gelungene Kurzgeschichte beigesteuert.
Das Magazin triebist dicker als die Konkurrenz, kostet dafür aber auch zwei Euros mehr. Herausgegeben wird es von gleich zwei Geistesgrößen, die auch selbst einen nicht unerheblichen Teil des Inhalts lieferten. Michel Philip Nierste (*1974) veräppelt in seiner medienkritischen Sektion Schrottpresse diesmal unter anderem auf amüsante Weise die Sächsische Zeitung. Und der zweite Herausgeber Torsten Israel, bekannt als Neustädter Spätshopbesitzer und Womanizer, hat zahlreiche Gedichte aus seiner Feder eingerückt, die durchaus lesenswert sind, aber unter einem gewissen Mangel an Selbstironie leiden. Gerade durch ihre unbequeme Unzeitgemäßheit interessant sind die Gedichte von Andreas Paul (*1964), der diesmal Christiane Michel und Rosa Luxemburg besingt – was niemand verwundern wird, handelt es sich doch in beiden Fällen um bezaubernde Frauen. Dass ich die enthaltenen Gedichte von Stefan Seyfarth (*1977) und Roman Israel (*1979) – beide Autoren unserer Lesebühne Sax Royal – gut finde, wird niemanden überraschen. Schön außerdem, dass ein literarisches Dresdner Urgestein wie Bernhard Theilmann (*1949, Mitbegründer von Obergrabenpresse, SAX und ASSO) sich bereit gefunden hat, ebenfalls Texte zu schicken. Insgesamt wäre es aber doch wünschenswert, der trieb würde für die nächste Ausgabe ein paar neue Autoren gewinnen, denn die Nummer 8 war in dieser Hinsicht doch etwas überraschungsarm.
Der Maulkorb. Herausgeber: Silvio Colditz. Nr. 8 (Juni 2011). Sonderausgabe Dresden. 74 Seiten. 3 Euro. Erhältlich in Neustädter Buchhandlungen oder über maulkorb@gmx.de
trieb. Das Feingeistmagazin vom Bischofsweg. Herausgeber: Michel Philip Nierste und Torsten Israel. Nr. 8 (April 2011). 176 Seiten. 5 Euro. Erhältlich im Shop “Spätschicht” (Bischofsweg 18).
Royalist Julius Fischer und Christian Meyer, die die legendäre Band The Fuck Hornisschen Orchestra bilden, sind für den Publikumspreis des renommierten Prix Pantheon nominiert. Wenn ihr den beiden den Sieg gönnt, dann solltet ihr ihnen schleunigst hier im Internet eure Stimme schenken. Ob sie dessen auch würdig sind, könnt ihr beim Anschauen dieses Mitschnitts eruieren:
Oder müsste ich schreiben “in den DNN”? Na ja, weeßsch och ni. Auf jeden Fall durchdrang mich heute wirklich mal ein Wohlgefühl beim lesen dieses Rückblicks. Und ja, verdammt, es war eben wirklich ein wunderbarer Abend. Da steigert sich die eh schon vorhandene Lust, weiterhin kreative Energie in das Projekt *Dienstagssalon*zu pulvern.
Wie gesagt, als nächstes kommt die Musikkapelle “Garda”, deren Protagonisten ihre Musik selber als Experimental / Folk und Happy Hardcore beschreiben.
Auch für diesen Abend wird ein Masterplan entwickelt, so dass mehr zu erwarten ist, als einfach nur ein Konzert. Vielleicht wird der eine oder andere Zuschauer plötzlich aktiv ins Geschehen eingebunden!? Vielleicht wird neben dem Equipment von Garda noch eine Vermona-Orgel stehen? Wird auf der Couch Sekt getrunken, oder vielleicht heisse Milch?
Eines ist sicher, auch das nächste Mal wird die Salonatmosphäre alles, was da geschehen mag, angenehm durchdringen.
Für einige Verwunderung sorgte es vor einer Weile, dass Angela Merkels Regierungssprecher Ulrich Wilhelm (CSU) übergangslos den Posten als Intendant des Bayrischen Rundfunks übernehmen sollte. Kritiker mussten aber sogleich verstummen:
Nun aber stellt sich heraus, dass das Gleichgewicht der Gewalten problemlos wiederhergestellt wird. Neuer Regierungssprecher wird nämlich der Fernsehjournalist Steffen Seibert (ZDF).
Im Kunsthaus Dresden, der Städtischen Galerie für Gegenwartskunst, hat eine neue Ausstellung unter dem Titel “Welt in der Hand” begonnen, die sich mit der globalen Alltagskultur des Mobiltelefons beschäftigt. Nachdem man sich in einem Dokumentenraum mit einigen Informationen zur Technik- und Kulturgeschichte des Mobiltelefons versorgen kann, gibts in den eigentlichen Ausstellungsräumen wie gewohnt allerlei Konzeptkunst, die sich mit den verschiedensten Aspekten des Themas befasst.
In Kooperation mit dem livelyriX e.V. gibt es anlässlich der Ausstellung auch ein literarisches Projekt: SMS-Lyrik. Drei Dresdner Autoren, nämlich Stefan Seyfarth und Roman Israel von unserer Lesebühne Sax Royal sowie Moritz 7, haben Kurzgedichte verfasst, die ins Format der handelsüblichen Kurzmitteilung passen. Herausgekommen sind prägnante und pointierte Gedichte und Aphorismen, die die besonderen Bedingungen des Mediums ausnutzen.
Der Clou: In der Ausstellung findet der geneigte Besucher eine Box, in die er seine Mobilnummer einwerfen kann. Sodann bekommt er regelmäßig eins der SMS-Gedichte kostenlos zugeschickt. Wem das zu technisch ist, der kann auch am Donnerstag, den 15. April, um 19 Uhr ins Kunsthaus zur Lesung “SMS-Lyrik” kommen. Roman Israel, Stefan Seyfarth und Moritz 7 werden dann ihre Kurzgedichte und andere Texte analog, aber quicklebendig präsentieren.
Eine Neuigkeit gibt es vom sächsischen Pressemarkt zu vermelden: Die Wochenzeitung DIE ZEIT erscheint in Sachsen seit Neuestem mit einer zweiseitigen Regionalbeilage unter dem Titel “ZEIT für Sachsen”. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo versteht die Eröffnung eines Korresponadentenbüros als Start einer Ost-Offensive, die die Zone stärker in den Fokus der Berichterstattung rücken und so auch mehr Leser im Osten gewinnen soll:
Tatsächlich haben es – abgesehen von Boulevardmedien – die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen nicht geschafft, im Osten Fuß zu fassen. Das gilt sicher besonders auch für DIE ZEIT, deren großbürgerlich-akademischer Ton im Osten eher fremd wirkt – mal ganz abgesehen davon, dass sich manche Beiträge des Kulturteils lesen wie die Evangelische Kirchenzeitung.
Manch einer wird sagen: Was soll man auch anfangen mit Leuten, die freiwillig SuperIllu lesen und den MDR anschauen? Umgekehrt konnten Journalisten aus dem Westen selten der Versuchung widerstehen, ihre Berichte aus der Zone als satirische Dschungelreportagen über halb komische, halb erschreckende Eingeborene abzufassen. Und selbst Schreiber aus dem Osten stehen vor einem Dilemma: Entweder sie verfallen in den populären “Wir hier bei uns”-Ton oder aber sie distanzieren sich halb-ironisch von ihren doch oft arg peinlichen Mitzonis, was man ihnen im Osten übel- und im Westen nicht abnimmt.
DIE ZEIT dürfte hoffen, dass sich eine jüngere, akademisch gebildete Mittelschicht besonders in Dresden und Leipzig mit Hilfe der Regionalseiten an die Wochenzeitung binden lässt. Die jüngste Ausgabe vom 12. November berichtet wohl nicht zufällig gerade darüber, dass ostdeutsche Unis verzweifelt (und bisher wenig erfolgreich) versuchen, mehr West-Studenten in die Zone zu locken. Ansonsten sind die zwei Seiten thematisch doch arg CDU-lastig ausgefallen: Ein Bericht darüber, was Georg Milbradt gerade macht (Polnisch lernen), dazu noch ein Artikel über den ehemaligen CDU-Bürgermeister von Pirna, der jetzt Innenminister geworden ist. Dazu eine mittelmäßig inspirierte Kolumne unter dem Titel “Ostkurve” von Christoph Dieckmann. Alles interessant, aber nicht spektakulär. Ob sich durch zwei Seiten allein neue Leser gewinnen lassen, bleibt fraglich. Aber ein Angebot für all jene, die ohnehin ab und zu die Wochenzeitung lesen, ist es sicher.
Die Grenze zwischen Ernst und Spaß, die in Deutschland von kulturkritischen Mauerschützen strengstens bewacht wird, ist in den Vereinigten Staaten von Amerika überraschend durchlässig. Erst letztens zog der Satiriker Al Franken als demokratischer Senator von Minnesota in den Kongress ein. Andere politische Komiker (“Kabarettisten” im klassisch deutschen Sinne hat Gott den USA nicht geschenkt) nehmen ganz selbstverständlich an Diskussionen mit politischen Kommentatoren teil. Als Politiker gehört es zum guten Ton, humorvoll zu sein und über sich selbst lachen zu können. Präsidentschaftskandidaten stellen sich in Late Night Shows vor. In Sendungen wie der Daily Show folgen auf Stand-Up-Comedy umstandslos Diskussionen mit den Autoren aktueller politischer Sachbücher. So weit, so affirmativ, wird der geschulte Neomarxist jetzt sagen.
In letzter Zeit häufen sich Meldungen, dass der Dresdner freie Sender coloRadio demnächst zwangsweise eingestellt werden könnte. Da die sächsischen Privat-”Radios” das Interesse am Abspielsender Apollo verloren haben, geht die Frequenz flöten, wenn nicht der Staat einspringt und den sächsischen freien Radios die Sendegebühren bezahlt. Man wird hier also eine interessante Entscheidung unserer neuen schwarz-gelben Landesregierung beobachten können. Angesichts der Tatsache, dass die freien Radiomacher sich traditionell vor allem aus den verschiedenen Gruppierungen des linken Spektrums rekrutieren, dürfte die Versuchung nicht gering sein, den Stecker zu ziehen.