Telekom-Chef René Obermann ist zum „Sprachpanscher des Jahres 2011“ gekürt worden. Der Verein Deutsche Sprache (VDS) bezeichnete die Internetseiten der Deutschen Telekom am Freitag in Dortmund als „eine Schocktherapie im Horrorkabinett der deutschen Sprache“.
Braucht die deutsche Sprache Hilfe von Leuten, die noch nicht einmal in der Lage sind, unfallfrei eine funktionierende Metapher zu erfinden? Macht nur weiter so, ihr Homöopathen in der Achterbahn!
Das britische Parlament wird selbst politisch interessierten Menschen, wenn überhaupt, dann nur als Ort merkwürdigster Rituale bekannt sein. In einem historischen Saal, der so klein ist, dass nicht einmal alle Abgeordneten Platz auf den Bänken finden, sitzen da dicht gedrängt die Volksvertreter. Die Regierungserklärung wird nicht vom Premierminister vorgestellt, sondern von der Königin verlesen, die aber nicht ein einziges Wort selbst beisteuern darf. Ist mal so eine Thronrede angesagt, läufts wie folgt: Die Königin kommt ins adlige Oberhaus, also zu ihresgleichen. Ein Zeremonienmeister schreitet nun hinüber zum Unterhaus der bürgerlichen Abgeordneten, um sie hinüber zu befehlen. Zum Zeichen ihres Selbstbewusstseins hauen nun aber die Parlamentarier diesem Zeremonienmeister traditionell jedes Mal wieder die Tür vor der Nase zu! Er muss anklopfen und die Anwesenden bitten, sich doch nach nebenan zu verfügen. Ist das nicht herrlich?
Das älteste Parlament der Welt ist auch das unterhaltsamste. Während im Bundestag meist eine öde Rede nach der anderen gehalten wird, funktioniert das britische Unterhaus dialogisch: Ein Vertreter der Regierung wird von den Abgeordneten befragt und muss sich unmittelbar rechtfertigen. Im britischen Parlament exisiert auch der in Deutschland herrschende Fraktionszwang nicht. Da alle Abgeordneten direkt von den Bürgern ihres Wahlkreises bestimmt werden, sind sie weit weniger als ihre deutschen Kollegen von den Parteien abhängig, denn sie können nicht strafweise von der Liste geworfen werden. So kommt es, dass sich die Regierung nicht nur kritische Fragen von der Opposition, sondern auch von den Abgeordneten der eigenen Partei gefallen lassen muss. Am schönsten aber: Britische Parlamentarier sind oft Absolventen von Eliteuniversitäten, die traditionell großen Wert auf Debattierkultur legen. So kommt es, dass sie rhetorisch brillieren und sich höchst unterhaltsam streiten können. Und dann kommt noch etwas hinzu, was uns Deutschen – mit seltenen Ausnahmen – wohl ganz abgeht: ein souveräner Sinn für Witz und Selbstironie.
Wer sich vom Gehalt meiner merkwürdigen Schwärmerei überzeugen möchte, der schalte das britische Parlamentsfernsehen ein oder schaue sich folgende amüsante Beispielschnipsel an:
Ohne mein Verlangen erreicht mich eine Pressemitteilung aus Chemnitz von “poetbewegt – Wettbewerb für junge Literatur”:
Die Finalisten stehen fest. Nach fünf Stunden konnten sich am Sonntag, dem 26. September, die elf anwesenden Juroren auf die zehn (jungen) Autoren einigen, die nun gemeinsam – aber auch gegeneinander – das Finale des „poetbewegt Wettbewerb für junge Literatur“ austragen.
Du lieber Himmel, es braucht elf anwesende Juroren, um zehn Poeten auszuwählen? Da kann man ja von Glück sagen, dass nicht auch noch die abwesenden Juroren eingetroffen sind! Der Wettbewerb wird hoffentlich so spannend werden wie das Finale im Sommer, in dem Spanien und Holland gemeinsam, aber auch gegeneinander spielten.
Besonders in der Kategorie „Lyrik“ fiel es diesmal weniger schwer die Finalteilnehmer auszuwählen. Nur wenige Gedichte überzeugten. Allen Lyrikern, die nicht ausgewählt wurden, geben die Juroren den Rat mit auf den Weg es weiter zu probieren, sich zu verbessern und mehr (zeitgenössische) Lyrik zu lesen.
Du lieber Himmel! Man schiebt als Veranstalter so eines Provinzpoesieevents offenbar ganz schön Frust, sonst müsste man den Hobbylyrikern doch wohl nicht noch nachträglich einen verbalen Arschtritt verpassen. Ich würde jungen Poeten übrigens empfehlen, gar keine zeitgenössiche Lyrik zu lesen.
Die Empfehlung an die Lehrer auch im Deutschunterricht mehr Lyrik zu lesen, wurde ebenfalls ausgesprochen.
Da werden die Lehrer aber ganz schön Augen machen! Endlich bläst ihnen mal die Chemnitzer Lyrikpolizei ordentlich den Marsch! Ich wünsche den jungen Autoren viel Glück. Dem Autor der Pressemitteilung gebe ich den Rat mit auf den Weg, sich einmal näher mit den (zeitgenössischen) Regeln der Kommasetzung zu befassen.
Da wäre einmal, ein einziges Mal ein Apostroph angebracht, ja geradezu nötig gewesen! Und ausgerechnet dann fehlt er natürlich!! Es ist schier zum Verzweifeln!!! (Aber auch vielleicht doch wieder nicht gar so schlimm.)
Gibt es einen historischen Fortschritt? Letztens bemerkte ich, dass ein nahe gelegenes Friseurgeschäft seinen Namen von “McCut” zu “kamm in” geändert hat. Ich bin immer fester davon überzeugt, dass wir uns alle in einer Phase geschichtlichen Verfalls befinden.
Liebe Schöpfer der Institution “Senioren Centrum Vitanas”! Hättet Ihr nicht vielleicht bei Eurer Namenswahl doch eine andere Entscheidung treffen sollen? Vertauscht einer Eurer Pfleglinge jetzt in optischer oder psychischer Verwirrung auch nur zwei Buchstaben miteinander, muss er gleich der Vergänglichkeit ins Auge blicken!
Wie ich in der Sächsischen Zeitung lesen durfte, haben Sie sich in Dresden dem Kampf gegen die Überfremdung unserer schönen Muttersprache durch Anglizismen verschrieben. Da sehe ich Fotos von Ihnen, Dieter Kupsch (78, Rentner, DSU), wie sie mit gespielter Verzweiflung durch die Stadt irren und vor lauter englischen Beschilderungen gar nicht mehr wissen, wo Ihnen der Kopf steht. In der Schule hätten Sie nur Latein und Griechisch gelernt, klagen Sie, Englisch hingegen nicht. Mich durchrieselten Schauer des Mitleids. Aber es geht natürlich nicht nur um ihre eigenen Verständnisschwierigkeiten, nein, hier steht viel mehr auf dem Spiel: die deutsche Sprache. Ihr prophezeien Sie
einen einsamen Tod, eine Niederlage gegen die Übermacht englischer Worte.
Aber haben Sie doch keine Angst, Herr Kupsch! Wenn die deutsche Sprache auch sterben sollte – Sie werden das ganz bestimmt nicht mehr erleben. Aber da wären ja auch noch Sie, Herr Jaensch, der Sie sich besonders dem Kampf gegen das “Denglisch”, jene Mischformen aus zwei Sprachen verschrieben haben. Um die Sprachen rassenrein zu halten, bauen Sie sogar Informationsstände in der Stadt auf – was die Leute nur leider einen Scheiß interessiert.
Antworten bekommen sie selten, dafür oft scheele Blicke. Spinner, Freaks, Konservative. Letzteres nicken die Mitglieder bedenkenlos ab.
Ach kommen Sie, warum nicht auch Ersteres? Nur Mut!
Ebenso das Substantiv “Patriotismus”. Beides treffe auf sie zu.
Aber als braver konservativer Patriot kann man leider nicht nachts allein durch den Stadtpark gehen, ohne unsittliche Angebote zu bekommen:
Ab und zu habe die Verquickung zu Annäherung rechtsextremer Organisationen geführt, erzählen Kupsch und Jaensch.
Wie die Annäherung wohl ausgesehen haben mag? Trafen Sie sich mit ein paar Skinheads zum Rotwein? Wurden Sie zu Jud Süss ins Kino eingeladen?
Diese Ambitionen habe man abgewehrt. “Wir sind unpolitisch.”
Schade, es klappt eben nicht immer mit der Liebe. Ist aber auch schwierig, manch einer fühlt sich vielleicht überfordert, wenn der Partner nicht nur patriotisch und konservativ, sondern auch noch unpolitisch dazu sein will.
“Die Werbung ist ein Brunnenvergifter”, sagt Kupsch und zeigt auf Losungen im Zentrum.
Wirklich, die Werbung? Sind das nicht eher kleine Männer mit krummen Nasen? Bleiben Sie da mal am Ball, Herr Kupsch, Sie sind vielleicht einer ganz großen Verschwörung auf der Spur! Deutschland wird es Ihnen danken.
… dass der Roman Heinrich von Ofterdingen von Novalis eigentlich Heinrich von Afterdingen heißen sollte und erst posthum umbenannt wurde? Oh, wie viele göttliche Scherze sind da Generationen von Schulkindern entgangen!
Das Unwort des Jahres 2007 sei der Begriff “Herdprämie”, gab der Vorsitzende der selbsternannten Jury, Horst Dieter Schlosser, bekannt. Der Begriff diffamiere Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, erläuterte der Sprachwissenschaftler in Abwesenheit seiner Frau, die leider zu Hause nicht rechtzeitig mit dem Bügeln fertig geworden war.
Auf dem zweiten Platz landete der Begriff “Heuschrecke”. Er diffamiere am legitimen Profitinteresse orientierte Unternehmer, die ihr Liebstes, nämlich ihre Arbeiter, für eine gesteigerte Kapitalrendite zu opfern gezwungen seien.
Auf den dritten Platz kam der Begriff “Scheißdrecksnazimistsau”. Die Wortschöpfung diffamiere national gesinnte Jugendliche, die nur das Beste für ihr Vaterland im Sinn hätten.