Impressionen aus Portugal

Der erste Blick, nachdem wir aus dem Schacht der U-Bahn gestiegen sind, die uns vom Flughafen ins Zentrum von Lissabon gebracht hat, fällt auf ein Wahlplakat: Die portugiesische CDU wirbt mit Hammer und Sichel für den Sieg der Arbeitermacht. Sogleich hat man das Gefühl, dass in Portugal einiges anders, ja womöglich gar besser läuft.

Aus dem Fenster unseres Hotels sehen wir die Wipfel der exotischen Bäume des Botanischen Gartens. Durch die Luft jagen Mauersegler, sie wohnen vielleicht unter dem halb eingestürzten Ziegeldach des Hauses gegenüber. Es ist dreißig Grad heiß, aber der Meereswind macht die Temperatur erträglich. Wir steigen schmale Gassen hinauf ins Viertel Bairo Alto. An den Straßenrändern stehen Bäume, die violette Blüten aufs Pflaster regnen lassen. Überall riecht es nach gegrilltem Fisch. Neben Portugiesen hört man auch Spanier, Italiener, Briten, Franzosen, Holländer und Deutsche. Fast ganz Europa scheint hier vereinigt umherzustreifen, vor den Lokalen zu sitzen und Bier zu trinken – natürlich schon des Namens wegen das der einheimischen Spitzenmarke Superbock. Wir laufen zu einer Aussichtsterrasse, die einen Blick über die ganze Stadt eröffnet. In gelbem Licht sieht man das Kastell auf einem der gegenüberliegenden Hügel. Im Süden schaut man bis zum Tejo, dem Fluss, der hier kurz vor der Mündung schon wie ein Meeresarm wirkt.

Am Tage muss man beim Spazierengehen die Augen schon fest geschlossen halten, um nicht auch die Spuren der Krise zu sehen: geschlossene Geschäfte, halb verfallene Häuser, Obdachlose, die an den Tischen der Restaurants Touristen um Geld und Zigaretten anbetteln. Spricht man aber mit gewöhnlichen Portugiesen, spürt man weder Wut noch gar Feindseligkeit gegen Fremde. Man denkt mit ein wenig Scham an die Heimat, wo es satten Wohlstandsbürgern gelingt, sich in einen Wutrausch hineinzusteigern, als stünden sie vorm baldigen Hungertod. Die Portugiesen zeichnen sich dagegen überhaupt durch eine große Gelassenheit und Geduld aus. Nirgendwo wird gedrängelt, an der Bushaltestelle achtet jeder darauf, dass alle in der Reihenfolge einsteigen, in der sie angekommen waren. Auch in den Zügen, mit denen wir durchs Land fahren, herrscht eine eigentümlich entspannte Stimmung. Und man erinnert sich mit Grausen an den Kampf ums Dasein, der zuhause in den Zügen tobt.

Fährt man in ein fremdes Land, will man natürlich auch ein Buch aus der unbekannten Kultur lesen. Nicht immer helfen einem dabei die Empfehlungen des gängigen Kanons, die richtige Auswahl zu treffen. Fernando Pessoas Buch der Unruhe jedenfalls erschöpft den Leser trotz sprachlicher Feinheit schon nach kurzer Zeit. 500 Seiten darüber, dass alles sinnlos ist, zwanghafte Selbstbespiegelungen eines lebensunfähigen Snobs und ästhetisierenden Nihilisten – als hätte Nietzsche unter dem Einfluss von starken Schlafmitteln geschrieben. Die Müdigkeit immerhin überträgt sich unmittelbar auf den Leser. Von Unruhe keine Spur.

Zufällig geraten wir eines Abends im Restaurant an einen Tisch mit einem älteren amerikanischen Ehepaar. Die Unterhaltung gestaltet sich schwierig, da die Frau schwerhörig ist und ihr Mann alles, was wir sagen, noch einmal laut nachsprechen muss. Die beiden kommen aus Virginia und sind mit der Familie ihrer Tochter auf einer Reise durch Europa. Immer wieder ermahnt die Frau ihren Mann, einen pensionierten Handchirurgen, bloß nicht über Politik zu sprechen. Aber es brodelt zu stark in ihm. Er fragt, ob es denn wahr sei, dass Angela Merkel mit ihrer Energiewende Deutschland zu Grunde richte. Ich stimme nicht uneingeschränkt zu. Die Frau verdreht die Augen. „Sie müssen wissen, ich bin eigentlich liberal und mein Mann ist ziemlich konservativ. Ich finde diesen ganzen Hass, der gerade unser Land spaltet, wirklich furchtbar. Bei ihnen in Deutschland ist es friedlicher, oder?“ – „Ganz so polarisiert geht es bei uns wohl nicht zu“, sage ich. Der Mann schnauft: „Bei uns wäre auch alles in Ordnung, wenn wir nur diese ganzen verdammten Liberalen loswerden könnten!“ – „Wenn die Leute nur trotz ihrer politischen Überzeugung als Menschen miteinander auskämen!“, jammert die Frau. „Aber Sie beide kommen doch auch miteinander aus – warum schafft Amerika das dann nicht?“, werfe ich ein und die beiden sind ein bisschen verblüfft.

Überall in Portugal drückt sich im öffentlichen Leben ein tiefes Bedürfnis nach Schönheit aus. Kaum ein U-Bahnhof, der nicht durch Kunstwerke geschmückt wäre. An öffentlichen Gebäuden sind Gedichtverse angebracht. Das Pflaster von Straßen und Plätzen bildet Mosaike mit Bildern von Pflanzen und Tieren. Dem Genuss für die Augen entspricht der für den Gaumen. Überall finden sich kleine Lokale, in denen man Süßigkeiten kaufen kann, die so appetitliche Namen wie „Nonnenbrüstchen“ tragen. Dem Mitteleuropäer bleibt es gewöhnlich unverständlich, wieso Südländer in Cafés einkehren, nur um dort drei Worte mit dem Besitzer zu wechseln und einen Kaffee zu trinken, nicht größer als ein Fingerhut. Aber die Menschen im Süden wissen eben, dass das echte Glück im Augenblick zu finden ist.

In Coimbra erwartet uns nach einem schweißtreibenden Marsch vom Bahnhof zum Quartier eine Überraschung: Unsere Pension stellt sich als Zimmer in der Privatwohnung zweier portugiesischer Eheleute heraus. Nicht nur sie begrüßen uns euphorisch, auch ihr schwarzer Pudel Floppi springt begeistert an uns auf und ab. Die Hausherrin zeigt uns in der Küche das Geschirr, das wir verwenden dürfen und das Fach im Kühlschrank, das für unsere Lebensmittel reserviert ist. Längst verloren geglaubte Wohngemeinschaftsgefühle erwachen wieder zum Leben. Als wir die Wohnung zur Erkundung der Stadt verlassen wollen, hält uns der Hausherr auf. Er zeichnet in unseren Stadtplan die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ein und erläutert sie uns weitläufig. Wir scharren schon mit den Füßen, da fällt ihm beim achten Punkt der Legende ein, dass unser Stadtplan nichts taugt. Er zeichnet uns eigenhändig auf einen Zettel einen neuen, unsere Signale der Ungeduld souverän ignorierend. Ist der Mann vielleicht ein bisschen verrückt? Dafür scheint die Tatsache zu sprechen, dass er eine Brille benutzt, die nur noch über einen Bügel verfügt.

Am übernächsten Tag, als wir abends von einem Ausflug an die Atlantikküste zurückkehren, führen wir mit dem Hausherrn dann aber doch ein recht vernünftiges Gespräch vor dem Café im Erdgeschoss. Er erzählt uns von den Erschütterungen der Krise, die viele Leute in die Armut getrieben hat. „Geht mal in ein Kaufhaus“, sagt er. „Ihr werdet viele Leute da herumlaufen sehen, aber keiner hat volle Einkaufstüten dabei.“ Besonders unter jungen Leuten herrsche Verzweiflung, erzählt er weiter, weil es nirgends Arbeit gebe. Deswegen verließen auch viele das Land. Eigentlich sei das aber nichts Neues, denn schon immer hätten Portugiesen ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen müssen. Deswegen gebe es auch Millionen Portugiesen auf der ganzen Welt. „Die Portugiesen sind im Grunde gute Leute“, versichert er uns und wir glauben es gern. Einzig, dass Pudel Floppi während des Gesprächs sein Bein an meinem Rucksack hebt, verstimmt mich gelinde.

Die Stadt Porto trägt ihren Hafen schon im Namen und das ganze Land verdankt seinen Namen eben dieser Stadt. Hier geht es anders, in jeder Hinsicht geschäftiger zu als in Lissabon. Unten am Fluss, dem Douro, tummeln sich die Touristen auch in der Nebensaison schon in unangenehmer Häufung. Hört man die ersten Sprechchöre einer deutschen Saufgruppe, flüchtet man, weil man lieber gar nicht erst verstehen möchte, was da wieder von Landsmännern gebrüllt wird. Die Altstadt liegt auf einem großen Hügel am nördlichen Ufer des Flusses. In den kleinen Gassen des Vergnügungsviertels stehen Studenten rauchend vor düsteren Kneipen. Aber auch in Porto kann man Ruhe finden. Nach einem Ausflug zum Stadtpark, der direkt an den Atlantik grenzt, steht meine neueste Überzeugung fest: Städte, in denen man nicht zu Fuß zum Meer laufen kann, sollten überhaupt abgeschafft werden.

Vielleicht ist ja Portugal die Avantgarde des alten Europa. Vielleicht wird einst der ganze Kontinent, wenn noch die letzte Industrie nach Asien abgewandert ist, nur noch von seiner Geschichte leben und mit Hilfe seiner verblassenden Schönheit sein Dasein fristen, bescheiden, aber nicht unglücklich. Wenn Europa ein solches Museum der Zivilisation werden sollte, in dem neugierige Chinesen sich anschauen, wie Menschen früher gelebt haben, dann brauchen Städte allerdings vor allem Schönheit und Gastfreundlichkeit. Für Lissabon sieht es da gut aus, für andere Städte weniger. Womöglich werden einst doch noch die Letzten die Ersten sein.

Michael Bittner

Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

***

Wer mag, kann hier alle Beiträge der Reihe nachlesen.

Ein Abend in Rixdorf

Mein Freund und Kollege Max besuchte jüngst Berlin. Lange Jahre hatte er sich vehement geweigert, öfter als nötig in die Hauptstadt zu reisen. Nun aber bereitet ihm sein Wohnort Dresden aus Gründen einen solchen Verdruss, dass er immer öfter flieht – nach New York, nach Indien und nun also auch einmal nach Berlin. Er übernachtete während seines Besuchs die meiste Zeit bei seinem Freund Hagen, der in Neukölln wohnt. Als Max und ich uns einen Ort für einen abendlichen Umtrunk überlegten, entschieden wir uns auch gleich für diesen Stadtteil. Denn die einzigartige Bevölkerungsmischung in Neukölln ist derzeit unangefochten die aufregendste in Berlin. Hier leben deutsche Proletarier, Einwanderer aus der ganzen Welt und studentische Hipster zusammen auf engstem Raum. Als kulinarisches Gericht wäre Neukölln wohl Currywurst im Fladenbrot, verfeinert mit Avocadocreme. Für diese Kreation melde ich hiermit übrigens meine Urheberschaft an.

Unser Spaziergang durch Neukölln begann an der Karl-Marx-Straße, dieser seltsamen Mischung aus Dorfgasse und Shoppingmeile, mit ihren internationalen Imbissen und Ein-Euro-Shops für alles. Wir setzten uns zum Essen in eine Pizzeria und blickten hinaus auf das bunte Gewimmel. „Das hier ist also der Ort“, warf ich ein, „vor dem alle Sachsen Angst haben: Mir wölln bei uns ni solsche Zustände wie in Neugölln!“ – „Sachsen ist das Letzte!“, dekretierte Max. „Auf der Zugfahrt hierher war ein schöner Spruch an eine Bahnhofsmauer gesprüht: Sachsenschweine. Das fand ich spitze.“ Es macht bisweilen Spaß, die Heimat ausgiebig zu schelten, und wir taten dies noch eine ganze Weile, bis wir aufgegessen hatten und wieder aufbrachen.

Mein Plan bestand darin, Max nach Rixdorf zu führen, einem ganz zauberhaften Dörfchen mitten in Neukölln, das noch dazu eine lange Einwanderungsgeschichte hat. Einst hatten hier vertriebene Böhmische Brüder Zuflucht gefunden, ganz so wie übrigens auch in meiner Heimat, der Oberlausitz. Es stellte sich allerdings als unmöglich heraus, Max in Berlin etwas gänzlich Neues zu zeigen, dazu kennt er die Stadt selbst viel zu gut. „Da, in der kleinen Kirche, da war ich vor Jahren mal mit meiner Schwester, als die hier Orgel gespielt hat!“, bemerkte Max, als wir über den Richardplatz liefen. Hier, in der Mitte des Dorfes, steht noch immer eine altertümliche Schmiede. Unser Interesse galt aber mehr den Menschen, die hier den Sommerabend im Freien verbrachten. Max hat ein Talent dafür, absonderliche Menschen und Ereignisse anzulocken, vielleicht handelt es sich sogar eher um eine unbewusste, magnetische Wirkung. In Neukölln hatte diese Anziehung natürlich besonders eindrückliche Folgen: Ein drei Zentner schwerer Mann fuhr an uns auf einem winzigen Mofa vorbei. Eine Gruppe deutscher Berufstrinker auf einer Bank hörte in durchdringender Lautstärke Bello e impossibile von Gianna Nannini, die da von der unmöglichen Liebe zu einem schönen Morgenländer sang, als habe sie das Lied für Neukölln geschrieben. Eine afrikanische Mutter zog ihren ungezogenen Sohn hinter sich her und brüllte ihn an. Eine deutsche Tochter zog ihre hilflose Mutter hinter sich her und brüllte sie an. Und durch die ganze Szenerie torkelten beständig Drogenopfer und verwirrte Künstler in allen Farben und Formen. „Das ist Wahnsinn! Ich liebe das hier! Diese Typen! Das ist riesengroß!“, fasste Max auch meinen Eindruck in Worte.

In der Nähe eines Spielplatzes wurden wir Zeugen einer weiteren, höchst sonderbaren Szene: Ein rotes Auto stand halb noch in der Parklücke, halb schon auf der Straße. Am Steuer saß ein junger Mann, der keine Anstalten machte, weiterzufahren. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind. Ein Kleinbus mit ein paar jungen Leuten darin versuchte vorsichtig, das rote Auto langsam zu umfahren. Doch da machte es einen Sprung nach vorn und stieß dem Bus in die Seite. Der Fahrer des Busses stieg erschrocken aus und klopfte beim anderen Fahrer an die Fensterscheibe. Doch der blieb stumm und stur sitzen, mit den Händen das Lenkrad umkrallt. Passanten eilten herbei und fingen an, die Szene mitzufilmen. Da kam eine türkische Frau vom Spielplatz herüber, holte das Kind vom Rücksitz und trug es wortlos weg. Noch immer regte sich der Fahrer nicht. Max und ich ließen die Szene hinter uns zurück, aber rätselten weiter über die Hintergründe des Geschehens, nachdem wir uns mit zwei Flaschen Berliner Kindl auf eine freie Bank gesetzt hatten. „Der Typ muss völlig durchgeknallt sein“, stellte Max fest. „Vielleicht war der Unfall ein seelischer Hilferuf“, vermutete ich. „Gewöhnlicher Versicherungsbetrug durch sogenannte Autobumserei scheidet als Motiv hier jedenfalls aus, schon angesichts der vielen neutralen Zeugen. Ich glaube, der junge Mann stritt sich mit seiner Frau, vielleicht wegen einer anstehenden Trennung. In Verzweiflung drohte er dann, auf der Stelle mit dem gemeinsamen Kind davonzufahren. Doch erwies er sich als unfähig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte aber auch nicht reuig umkehren. So stand auf halbem Wege erst sein Geist still und dann auch sein Auto.“ – „Kann sein, vielleicht war er aber auch bloß besoffen“, kommentierte Max.

Wir tranken unsere Biere aus und liefen dann wieder hinauf zur Karl-Marx-Straße. Dort staunten wir noch einmal nicht schlecht: Ein Bagger hatte bei Straßenbauarbeiten offenbar eine Wasserleitung aufgerissen. Und nun sprudelte eine große Fontäne empor, Wasser überflutete die ganze Baustelle. Und Hunderte Neuköllner standen nebeneinander am Bauzaun, neugierig und fröhlich, beobachteten das Naturschauspiel und hielten es für ihre Kindeskinder im Bild fest. Manchmal fragen mich Dresdner, ob ich Dresden vermisse.

Michael Bittner

Briefe aus Berlin (3): Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst

Zufällig entdeckte ich in einer Zeitschrift den Hinweis auf eine Veranstaltung: „Jonathan Meese und Durs Grünbein geben eine Pressekonferenz zur Diktatur der Kunst.“ Ich strich mir den Tag rot im Kalender an. Durs Grünbein, der hochdekorierte Großdichter aus Dresden gemeinsam auf einer Bühne mit Jonathan Meese, dem berüchtigten Kunstprovokateur? Das wollte ich mir gerne ansehen.

Der große Saal des Hauses der Berliner Festspiele ist nur spärlich gefüllt, als ich in einen der gepolsterten Sessel sinke. Ein Manifest von Meese und ein Gedicht von Grünbein werden an die Bühnenwand geworfen. In beiden geht es um die Kunst, das Manifest ist stumpf und klar, das Gedicht rätselhaft und fragil. Die zwei Protagonisten betreten den Saal, freundlicher Applaus. Grünbein eröffnet die Pressekonferenz, er zappelt auf seinem Stuhl wie ein Schuljunge und verknotet immer wieder seine dünnen Beine unter dem Tisch. Jonathan Meese trägt eine schwarze Lederjacke, langes schwarzes Haar und verschiedene schwarze Sonnenbrillen, die er in kurzen Abständen wechselt. Er müsse viel leiden für seinen Einsatz für die Diktatur der Kunst, sagt Meese. Er sei auch einsam, denn er habe ja kaum Anhänger. Vor Jahren seien es drei gewesen, heute nur noch zwei. Niemand wolle ihm auf seinem Weg folgen. Und dann verliert Meese sich in eine Vision: Er ist auf einem Schiff unterwegs, einem Schiff der Kunst. Und von den Inseln locken ihn die Stimmen der Sirenen von Politik und Religion. Alle Freunde gehen einer nach dem anderen von Bord, er allein bleibt auf Kurs und der Kunst absolut treu.

Grünbein sagt, er habe noch nicht alles verstanden und stellt Nachfragen. Vor sich auf dem Tisch hat er Notizzettel ausgebreitet, offenbar hat er sich auf eine gemütliche Podiumsdiskussion vorbereitet. Aber Meese achtet nicht weiter auf die Fragen, sondern bricht gleich wieder in eine Predigt aus. Nach wenigen Sätzen schlägt seine etwas quäkige Stimme in Geschrei um. Es klingt, als versuchte Kermit der Frosch sich an einer Imitation von Adolf Hitler. „Der Kunst darf man sich nicht in den Weg stellen!“, brüllt er. „Die Diktatur der Kunst richtet sich gegen die Weltdiktatur der Demokratie! Alle Macht muss von der Kunst ausgehen, nicht vom Volk!“ Und dann zählt er auf, womit Kunst nichts zu tun haben dürfe: mit Politik, mit Religion, aber auch mit Individualität und Kreativität und Freiheit. Alle Parteien seien gleich scheiße, alle Religionen gleich überflüssig. „Bei den Tieren funktioniert es doch auch ohne! Tiere haben keinen Gott, Tiere gehen auch nicht wählen! Sie folgen ihrem Instinkt! Sie sind die wahren Künstler! So müssen wir auch der Kunst gehorchen! Die Kunst gibt Befehle und wir haben zu dienen! Niemand darf mehr wählen gehen, niemand darf mehr beten oder beichten! Das verbietet sich von selbst! Die Kunst ist versachlichte Führung! Das ist die neue Gesellschaftsordnung, die wir brauchen! Das ist doch geil! Das ist doch Wahnsinn! Ich verstehe nicht, warum das nicht alle so geil finden wie ich!“

Es gibt vereinzelte Klatscher im Publikum und vereinzelte Zwischenrufe, aber keine Empörung. Nur einige ältere Herrschaften verlassen den Saal – wahrscheinlich, weil ihr Held Durs Grünbein kaum zu Wort kommt. Der erzählt unterdessen eine Anekdote: Lady Gaga habe sich ein Zitat von Rilke auf den Arm tätowieren lassen, in dem es auch um den absoluten Anspruch der Kunst geht. Aber Meese ist überfordert damit, ein gewöhnliches Gespräch zu führen. Oder er hat keine Lust dazu. Eine junge Frau beschwert sich, dass Meese auf eine E-Mail nicht geantwortet habe. „Das muss ich auch nicht! Du sollst nichts fragen, du sollst strammstehen!“ Der Saal lacht. Dieser Meese hat auch einen unwiderstehlichen Lausbubencharme, der so gar nicht zum Diktator der Kunst passen will. Ist das vielleicht alles nur Spaß? Man weiß es nicht.

Entweder Meese ist die höchste Konsequenz der Avantgarde oder ihre Karikatur. Die Kunst ist ihm das Absolute, sie soll autonom sein und nur ihr eigner Zweck. Aber gleichzeitig soll an der absoluten Kunst auch die Welt genesen, die Realität soll Kunst werden. „Ich will, dass die ganze Welt eine Bühne wird“, sagt Meese. „Wenn heute diese Bühne, auf der wir sitzen, sich nur um fünf Zentimeter ausweitet, haben wir schon viel erreicht.“ Aber für Meese ist die Kunst nichts als die bewusstlose Ordnung der Natur, also liefe so eine Diktatur der Kunst auf die Abschaffung der Zivilisation hinaus. Was Meese sagt, ist so absurd, dass man es nicht ernst nehmen kann. Aber er sagt es mit einem Ernst, der keine Zweifel zulassen will. Meese nimmt einen Standpunkt ein, der so radikal ist, dass er nicht weniger als alles verwerfen kann. Und zugleich spielt er seine Rolle so naiv, dass ihm mit keinem vernünftigen Argument beizukommen ist.

„Es geht auch nicht um mich“, sagt Meese. „Ich habe keine eigene Kunst, ich diene der Kunst. In der Kunst etwas zu können, ist abträglich. Es gibt Leute, die sagen, ich könne gar nicht malen. Natürlich nicht! Warum auch?“ – „Sie sind aber auch arrogant!“, ruft eine Frau aus dem Publikum. „Nein, das kommt Ihnen nur so vor!“, ruft Meese zurück. „Ich muss hier ja auch meine Rolle spielen, damit mir überhaupt jemand zuhört.“ Grünbein will wissen, warum Meese sich denn zur Kunst berufen fühle. „Weil es so leicht ist!“, sagt Meese. „Es ist Instinkt. Malen ist wie Scheißen! Natürlich und notwendig.“

„Ich hab noch ein Geschenk für dich mitgebracht, Urs!“, sagt Meese irgendwann. „Ich meine: Durs – Urs, Durs, Schnurs, egal.“ Meese öffnet seine Tasche und holt zwei kleine Plüschtiere heraus, eine Grille und eine Mücke, die auf Knopfdruck Geräusche von sich geben. „So, und jetzt lese ich noch mein Manifest!“ – „Wollen wir das nicht vielleicht weglassen?“, fragt der sichtlich erschöpfte Grünbein zur Erleichterung des Publikums. „Nein, ich lese das jetzt!“, lehnt Meese ab. „Sie können ja gehen, wenn Sie wollen. Ich lese das ja nicht für Sie, sondern für die Kunst!“ Und so liest er sein Manifest, jeden Punkt mit sadistischer Lust an der Qual mehrfach wiederholend. Traubenweise verlassen Zuschauer den Saal. Als das verbliebene Publikum endlich mit einem stürmischen Schlussapplaus das Ende einfordert, hält Meese noch einmal die Plüschmücke ans Mikrofon und lässt sie summen: „Ist das nicht wahre Kunst?“

Eine kürzere Fassung dieses Berichts erschien bereits in der Sächsischen Zeitung. Der Autor dankt für die Möglichkeit zur Wiederveröffentlichung. Meine wöchentliche Kolumne in der Sächsischen Zeitung kann man immer am Sonnabend im „Magazin“ lesen.

Briefe aus Berlin (2)

Nun, da ich nach Berlin gezogen bin, habe ich mir vorgenommen, auch die Berliner kennen zu lernen. Da ich aber Menschen im Allgemeinen hasse und Kontakt mit ihnen meide, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen, um ihnen näher zu kommen. Ich beschloss also, mir hiesige Kontaktanzeigen anzuschauen, um einen Eindruck von den Berlinern zu bekommen. Nirgendwo sonst sollten sich doch ihre geheimen Sehnsüchte deutlicher offenbaren.

Runde 54-jährige Hausfrau will Sex mit Dir. Total privat, in Steglitz, von 10-20 Uhr. – Welche Männer zieht eine solche Anzeige wohl an? Runde Hausfrauen in mittlerem Alter haben doch die meisten selbst zu Hause. Andererseits haben die vielleicht kaum noch Lust auf Sex, schon gar nicht zwischen 10 und 20 Uhr.

Praller Arsch auf Deinem Gesicht! Versautes Miststück unterdrückt / benutzt / foltert Dich! – Es ist wirklich erstaunlich, wie weit die Welten des Alltags und der Sexualität voneinander entfernt sind. Man würde jedenfalls Unverständnis ernten, wenn man in der U-Bahn auf die Frage „Ist bei Ihnen noch ein Platz frei?“ antwortete: „Natürlich, Sie können sich gerne auf mein Gesicht setzen!“

Wir ficken / fisten Deinen Arsch! Pissen + spucken Dich an und benutzen Dich auf Bett / Gynäkologenstuhl / Kreuz. – Es mag sich jeder selber ausmalen, an welche Zielgruppe sich das Angebot, am Kreuz gefistet zu werden, richtet.

Lesbisches Treiben! Zärtliche Huren vernaschen Dich tabulos von Kopf bis Fuß. Nur gepflegte, solvente Herren erwünscht. – Wieso diese Lesben den Wunsch verspüren, Männer zu vernaschen, leuchtet mir nicht so ganz ein. Aber verstehe einer die Frauen!

2 attraktive Polinnen empfangen diskret in Privatwohnung. – Ob diese Anzeige Erfolg hat? Die meisten Männer sind doch schon mit einer Frau überfordert.

Strenge, schöne Blondine füllt Dich mit ihrem lecker schmeckenden NS ab. Echte Qualität aus D! – Von einer garantiert arischen, strengen Blondine mit Nationalsozialismus abgefüllt zu werden, finde ich nicht besonders verlockend. Aber wenn sich Erika Steinbach so ein Zubrot verdienen kann, sei es ihr gegönnt.

Die bislang schärfste Kontaktanzeige las ich aber auf der Homepage der Stadt Berlin: Berlin hat die Chancen, die die Wiedervereinigung boten, konsequent genutzt. Die Stadt ist ein Magnet für junge hoch-qualifizierte Arbeitskräfte. Sie wächst überdurchschnittlich auf den Zukunftsfeldern der Urban Technologies, Life Sciences, IT, Medien, Kreativwirtschaft, Dienstleistungen und Tourismus. Als Stadt mit der höchsten Forschungsdichte in Deutschland ist Berlin auch ein Standort für moderne Industrien. Menschen aus 190 Nationen leben hier friedlich in einer inspirierenden und freien Gesellschaft zusammen. Alle diese Stärken kommunizieren wir offensiv. Mit diesen Worten buhlt niemand geringeres als Klaus Wowereit um solvente Unternehmer. Die Mädels an der Oranienburger Straße könnten mit ihren Investoren nicht offensiver kommunizieren.

Briefe aus Berlin (1)

Ein gebräuchlicher Kalenderspruch behauptet, man lerne erst in der Fremde die Vorzüge der Heimat richtig zu schätzen. Ich stelle aber zunächst fest, dass ich in der Fremde die Vorzüge der Fremde zu schätzen lerne und mir die Mängel der Heimat noch deutlicher bewusst werden. Es sind dabei die kleinen Dinge, die mich zur Zeit als Berlin-Anfänger bezaubern.

Welch Freude ist es zum Beispiel, den Senderdurchlauf des Radios zu betätigen und eine Frequenz nach der anderen zu finden, der man gerne lauschen mag. Was Berlinern selbstverständlich sein wird, erscheint mir als Erlösung: nimmermehr dem von schlimmsten Funklöchern betriebenen, absolut niveau-, fantasie- und geschmacklosen Mitteldeutschen Rundfunk begegnen zu müssen.

Was für ein befreiendes Gefühl auch, in einer Stadt zu leben, in der auch Nicht-Arier zu Hause sind! In der Dresdner Altstadt zog jeder dunkelhäutige Mann, jede Frau mit Kopftuch die Blicke auf sich wie ein dreischwänziger Besucher von einem anderen Stern. Hier tummeln sich alle Formen und Farben munter durcheinander. Um nicht ins Idealisieren zu geraten, sei aber auch erwähnt, dass man auch öfter als in Dresden Alltagsnazis zu Gesicht bekommt. Aber Kontraste aller Art erfreuen mir das Auge, solange keine Faust darin landet.

Geh doch nach Berlin (3)

Großes Abschiedssaufen in der Bar Holda. Ich verspreche, zur Feier des Tages sämtliche Kosten für Schnaps zu übernehmen – ein Angebot, das von meinen Freunden maßvoll angenommen wird (Endresultat: 80 Euro). Allgemeines Wehklagen, gemischt mit Warnungen vor Berlin: „Absolute Scheißstadt!“ Angeblich rieten auch alle Berliner davon ab, nach Berlin zu ziehen. Seltsam, da sie doch dort wohnen! „Diese Berliner Vor-Berlin-Warner kommen mir vor, wie Schiffbrüchige, die es ins Rettungsboot geschafft haben und nun mit dem Ruder nach Ertrinkenden schlagen, die auch an Bord zu kommen versuchen.“ (ich) – „Krank! Wieder ein typischer Bittner-Vergleich!“ (Leif Greinus)

Stefan kommt trotz großer Arbeitsüberlastung noch rum, Roman ebenfalls und lobt mich sogar unaufgefordert für meinen Aphorismus zur zeitgenössischen Lyrik:

„Gedichte, die nichts bedeuten, bedeuten auch niemandem etwas.“

Ich versuche gegen Ende des Abends, Max davon zu überzeugen, doch in ein Eigenheim nach Radebeul zu ziehen: „Kötzschenbroda, ein absolut geiles Szeneviertel!“ Ab Mitternacht dann mehr Lücken als Erinnerungen.

Nicht in bester Form am nächsten Tag Möbel zerlegt und Bücher in Kisten gepackt. Bei dieser Gelegenheit meine Einstellung zum E-Book überdacht. Nie und nimmermehr passt dieses ganze Zeug in zwei Transporter. Wir werden die Hälfte da lassen müssen. Verzweiflungsanfälle beim Lösen von unlösbaren Schrauben. Es wird alles schief gehen.

Geh doch nach Berlin (2)

Wohnung 1: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: 1; positiv: Hundefriseursalon im Erdgeschoss mit Vorher-Nachher-Fotos im Schaufenster; negativ: Kameraüberwachung im Hauseingang, Nachbar hat angefangenen Bierkasten vor seine Wohnungstür gestellt

Wohnung 2: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: aktuelle Mieter wollen umziehen, um mehr Platz für ihre vier Katzen zu haben; negativ: Platte, Erdgeschoss

Wohnung 3: Pankow; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: Stadion des FSV Fortuna Pankow 46 gegenüber kostenfrei einsehbar; negativ: „Wenn Sie die Wohnung haben wollen, müssen Sie sofort in unser Büro nach Lichtenberg fahren. Ich will Sie nicht unter Druck setzen, ich sage Ihnen bloß, wie es ist.“

Wohnung 4: Neukölln; Besichtigungskonkurrenten: 1; positiv: Maklerin lästert über schlechte Makler; negativ: Lichtjahre (=15 Minuten) zur nächsten S- oder U-Bahn-Station

Wohnung 5: Pankow; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: Backsteinhäuschen von 1850, direkt neben Friedhof = niedrige Überführungskosten im Sterbefall; negativ: jwd, Friedhofsruhe auch im ganzen Viertel, NPD-Aufkleber an der Laterne vorm Haus

Wohnung 6: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: benachbartes Gymnasium besitzt Sicherheitsdienst, ruhiges Hinterhaus; negativ: 55 m², Schließung des Flughafens Tegel steht hörbar noch aus

Wohnung 7: Wedding; Besichtigungskonkurrenten: ca. 30; positiv: schöne Wohnung; negativ: WG-geeignet

Wohnung 8: Friedrichshain; Besichtigungskonkurrenten: 3; positiv: Friedrichshain; negativ: Dielen, die „man bloß mal abschleifen müsste“; S-Bahn im Minutentakt vorm Fenster

Wohnung 9: Friedrichshain; Besichtigungskonkurrenten: 0; positiv: schöne Wohnung in perfekter Lage; negativ: nix

Mit der Maklerin ins Büro und Mietvertrag unterschrieben. Dann noch zwei Euro beim Bärenzwinger im Köllnischen Park für Maxi (25) und Schnute (30) gespendet.

Geh doch nach Berlin (1)

Schwimmen lernte ich erst, als die Lehrerin mich nach einigen Tagen der Schwimmschule – die meisten anderen kraulten schon souverän und sprangen vom Dreimeterbrett – im Waldbad Niesky eines Tages unangekündigt ins tiefe Wasser schmiss. Also: Wohnung schon mal gekündigt, ohne eine neue in Aussicht oder auch nur besichtigt zu haben. Und prompt erzählt mir unaufgefordert jeder, dass es völlig unmöglich sei, in Berlin eine Wohnung zu finden. Wie schaffen es dennoch Menschen, in dieser Stadt nicht unter der Brücke zu hausen? Und das mir, dem es vor nichts mehr graust als vor Umzügen. Wäre es möglich, würde ich am liebsten mein ganzes Leben an einem Ort verbringen. Oder mitsamt meiner Wohnung reisen – wie diese Kirche in der Lausitz, die man vor einer Weile am Stück auf einem riesigen Laster vor dem Braunkohlebagger in Sicherheit brachte. Und dann ist auch noch die Frau nicht da, ohne deren Hilfe ich – wie ich gerade merke – inzwischen mein Leben gar nicht mehr zu bewältigen weiß. Trotzdem die ersten „wichtigen“ Briefe verschickt. Eine Frau von der Hausverwaltung terrorisiert mich mit Vorwürfen, ich hätte mich längst wegen der Suche nach einem Nachmieter melden müssen. Was geht mich mein Nachmieter an? Sie beginnt ihre peinlichen E-Mails mit „Guten Tag!“, da fällt bei mir schon die Klappe.

Die Chance, dass wir in zwei Monaten nicht nach Berlin, sondern nur drei Straßen weiter ziehen, besteht noch. Desto wichtiger, sich durch vollmundige öffentliche Ankündigungen wie diese hier selbst unter Druck zu setzen. Wie bei der Rauchentwöhnung, wo man ja auch mit allen Freunden Wetten abschließen soll.

Unterwegs in Thüringen

Nur in ICEs hört man tatsächlich einmal außerhalb von Romanen Sätze wie: „Gesundheitlich ist es um euch alle gut bestellt?“ +++ Nach der Lesung in Ranis fragt mich ein junger Mann: „Willst du nicht noch was vorlesen?“ – „Ich habe schon sechs Bier getrunken.“ – „Okay.“ +++ Ich verliere beim Kickern. +++ In der Jugendherberge werde ich nach knapp drei Stunden Schlaf gegen 6 Uhr morgens vom Ungeziefer vorm Fenster (Vögel) aufgeweckt. +++ Im Zug von Saalfeld nach Erfurt belausche ich das Telefongespräch einer jungen Frau: „Ich hätte nie diese Ausbildung hier anfangen sollen. Ich hätte direkt nach einem Jahr abbrechen sollen. Es ist wirklich furchtbar, ganz schrecklich. Die Lehrer sind einfach dumm, absolut doof. Stell dir vor, die kommen zu mir und sagen mir, mein Selbstbild stimme nicht mit meiner Persönlichkeit überein. Ich sage denen, sie sollen mit mir reden, wenn sie ein Problem haben. Und diese dämliche Tante antwortet mir: Wir haben gar kein Problem mit ihnen, Sie haben doch das Problem! Thüringer halt. Ich dachte echt, die Thüringer wären locker, aber das sind sie gar nicht. In Sachsen wäre es glaube ich besser. Die Sachsen sollen echt locker sein.“ +++ Ich besichtige Erfurt und entdecke, dass es sich um eine sehr schöne Stadt handelt. Zufällig ist gerade „Krämerbrückenfest“ und tausende von Rentern schieben sich durch die Straßen. Eine Oma ermahnt einen Opa auf Krücken: „Du kannst dort nicht hingehen, das ist viel zu eng für dich!“ – „Ich gehe jetzt dorthin!“ – „Du kannst dort nicht …“ +++ Ein junges Pärchen aus Bayern hinter mir auf der überfüllten Krämerbrücke, der Kerl ningelt: „Jetzt sage mir mal bitte, was ich hier genießen soll!“ +++ In einem Biergarten esse ich ein Schnitzel. Des Regens halber flüchtet sich ein Rentnerehepaar zu mir an den Tisch untern Schirm. Die beiden sind mit dem Reisebus aus Zwickau angereist. Sie essen ihr Schnitzel mit Spargel und Petersilienkartoffeln. „Ist doch schön, wie der Regen die Menschen zusammenführt!“, versuche ich ein Gespräch in Gang zu setzen. +++ Das Schaufenster eines Modegeschäftes für Frauen mit „großen Größen“ ist bauarbeitsbedingt komplett mit Brettern vernagelt. Ich sollte mir endlich mal eine Kamera anschaffen, dann könnte ich hier auch lustige Fotos veröffentlichen und müsste mich nicht mühen, alles umständlich zu beschreiben. +++ Im Zug nach Zeulenroda sitzen neben mir zwei Trinker auf dem Heimweg nach Bayern: „Der Thomas hat mich gefragt: Bist du bescheuert? Wieso wollt ihr denn nach Potsam mit dem Wochenendticket kommen? Und ich sage ihm: Weils uns Spaß macht! Wir fahren schön durch die Gegend, steigen ab und zu um und trinken unser Bierchen.“ Die beiden Männer haben einen Rollkoffer dabei, gefüllt teils mit vollen, teils mit leeren Bierflaschen. +++ Im „Schieszhaus“ in Zeulenroda erzählen wir, dass wir für die Lesung auf den Besuch der „Bunten Republik Neustadt“ in Dresden verzichten. Es kommen zur Lesung dann weniger Leute als erwartet, weil „ganz viele bei der Bunten Republik Neustadt sind“. +++ Ich gewinne gegen Stefan Seyfarth im Tischtennis. +++ „Habt ihr hier immer noch Probleme mit Nazis?“ – „Na ja, der Hofmann ist immer noch so drauf. Der Lippolt auch.“ Schön, dass man in Kleinstädten seine Nazis noch persönlich kennt! +++ Der Erdmittelpunkt befindet sich in der sächsischen Stadt Pausa.

Powered by WordPress. Feeds für Beiträge und Kommentare.