Du sollst nicht sollen. Gedanken in Eisenhüttenstadt

Wer nicht weiß, wie er in diesen trüben Zeiten seine Sonntage verbringen soll, dem empfehle ich eine Reise nach Eisenhüttenstadt. Es gibt vielleicht ein paar geringfügig schönere Orte auf der Welt. Aber Schönheit ist nicht alles. Schönheit kann sogar langweilen, wenn sie allzu gefällig nach unserer Gunst hascht. Dies tut Eisenhüttenstadt nicht. Nein, diese Stadt empfängt den Besucher eher herb. Dennoch lohnt sich eine Reise in die Stadt, die in den Fünfzigern aus dem Boden gestampft wurde. In ihr sollten Arbeiter Stahl produzieren, man taufte sie auch zunächst auf den Namen Stalinstadt. Eine gebaute Utopie war Eisenhüttenstadt, ein Experiment der jugendfrischen DDR. Wer heute durch das Zentrum schlendert, der kann erahnen, wie der real existierende Sozialismus ausgesehen hätte, wären ihm nicht schon frühzeitig Geld und Hoffnung ausgegangen. Durchaus anmutig und großzügig wirken die Häuser und Plätze, weit menschenfreundlicher als die späteren Neubausiedlungen mit ihren einförmigen Platten in Fertigbauweise.

Einen Besuch wert ist auch das Dokumentationszentrum zur Alltagskultur der DDR. Es handelt sich nicht, wie man befürchten könnte, um eine ostalgische Sammlung von Zonengerümpel. Nein, die Schau stellt mit allerhand Exponaten klug die verschiedenen Bereiche des Lebens in der DDR vor. In einem der Räume, der sich dem Schulwesen widmet, entdeckte ich etwas wieder, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen und längst vergessen hatte: die Zehn Gebote der Jungpioniere. Während ich sie las, fragte ich mich: Hat denn damals wirklich keiner der Genossen geahnt, dass man sich über diese Gebote einmal lustig machen würde? Dass man in ihnen geradezu überdeutlich den Beweis sehen muss, dass der Staatssozialismus bloß eine Ersatzreligion ist, die genauso auf die Gutgläubigkeit ihrer Anhänger vertraut wie das Christentum? Aber vielleicht waren die eifrigen Genossen wirklich überzeugt, man habe die Macht, die Religion zu ersetzen, und könne deren Formen benutzen wie ausgeleerte Gefäße.

Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.

So lautet das erste Gebot. Auch der Gott des Alten Testaments fordert bekanntlich in seinem ersten Gebot Liebe, zeigt sich dabei auch noch außerordentlich eifersüchtig und droht religiösen Fremdgängern damit, ihr Vergehen noch an den Söhnen und Enkeln zu strafen. Man muss wohl sagen, dass auch in der DDR mancher Sohn darunter litt, wenn sein Vater sich mit dem Klassenfeind eingelassen hatte.

Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden.

Vielleicht sollte man grundsätzlich misstrauisch werden, wenn einem befohlen wird, irgendetwas zu lieben, sei es ein Gott, eine Partei oder ein Land. Was liebenswert ist, erweckt Liebe auch ohne Zwang. Aus Gehorsam lieben können wiederum nur passionierte Masochisten.

Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.

So lautet das vierte Gebot, das aus logischer Sicht seinen Plan etwas übererfüllt. Schließen denn „alle Länder“ die Sowjetunion nicht schon mit ein? Aber es war wohl wichtig, die große Brudermacht noch einmal einzeln herauszustellen, um klar zu machen, dass dies eine Land gleicher als die anderen sei.

Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert. Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.

Aus solchen Maximen sollte eine Gemeinschaft freier Menschen erblühen? Das kommt wohl dabei heraus, wenn man die Anarchisten, Querdenker und Vagabunden in den Gulag schickt. Übrig bleiben nur die Jasager, Flachköpfe und Spaßbremsen. Wen wundert’s da, dass aus der DDR bloß eine Spießerdiktatur wurde? Immerhin wirken nicht alle Gebote so unsympathisch:

Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander. Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern.

Solchen Geboten unterwirft man sich gerne. Nur das Trinken hätte ruhig auch noch Erwähnung finden können. Das neunte Gebot sorgt aber gleich wieder für Ernüchterung:

Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Nein, eine Religion, die uns den erzdummen Turnvater Jahn als Heiligen anbietet, kann einfach nicht der wahre Glaube sein.

Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch. Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmannpioniere zu werden.

Zum Thälmannpionier mit dem roten Halstuch habe ich es nicht gebracht, die Wende kam leider dazwischen. Und damit blieb mir auch die kommunistische Kommunion vorenthalten.

Vor einer Weile hörte ich von einem Interview mit Gregor Gysi. Der behauptete da im Gespräch überraschend, eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften, habe verheerende Folgen. Allein die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland sorgten noch für eine allgemein verbindliche Moral. Gysi glaubt also nicht mehr an Gott, aber immer noch an die Religion? Er kann sich offenbar partout nicht vorstellen, dass Leute auf ihr Gewissen hören, ohne es sich als zornigen Mann mit Bart vorzustellen, es sei Jehovah oder der selige Marx. Eine Moral, der man freiwillig folgt, wäre demnach gar keine, echte Moral müsste knechten. Man folgte ihr nicht aus Überzeugung, sondern weil sie höheren Ortes beschlossen wurde. Mir scheint, hier hat bloß einer ein bisschen autoritäre Hörigkeit aus der DDR in den Westen herübergerettet. Aber erschlagen sich die Leute nicht doch gegenseitig auf den Straßen, wenn es keine verbindliche Moral mehr gibt? Nun, ganz im Gegenteil erschlagen sich erfahrungsgemäß gegenseitig vor allem jene Leute, die der Meinung sind, es müsse eine allgemein verbindliche Moral, Religion oder Weltanschauung geben. (Jeweils ihre eigene natürlich.) Dafür, dass in einer Gesellschaft, in der Menschen verschieden denken, nicht das Chaos ausbricht, sorgt nicht die verbindliche Moral, sondern die Polizei. Das reicht völlig.

An der Wand einer kleinen baptistischen Freikirche in Eisenhüttenstadt sah ich ein großes Kreuz mit vier Worten eines Schriftzuges: „Jesus liebt auch dich“. Mir kam unwillkürlich ein leicht blasphemischer Gedanke. Mir fiel ein, wie Erich Mielke bei seinem letzten großen Auftritt in der Volkskammer der DDR ebenso versichert hatte: „Ich liebe doch alle Menschen!“ Er erntete nur noch Gelächter und sah aus wie ein Leidensmann. Aber es regte sich kein Mitleid mit ihm. Denn es war allzu offensichtlich, dass da einer, der Jahrzehnte lang zwangsweise Gehorsam durchgesetzt hatte, nun, da ihm die Macht verloren ging, plötzlich um Liebe bettelte. Ein Sozialismus, der nicht auf Glaube, Liebe und Hoffnung beruhte, sondern auf Befehl und Gewalt, musste wohl früher oder später im Museum landen.

Michael Bittner

Wie man nicht über die Sache streitet

Oft kommt man, im Internet oder im noch wirklicheren Leben, in die Verlegenheit, mit einem Andersdenkenden sprechen zu müssen. Solche Diskussionen bergen Gefahren. Man kann sich blamieren, weil man im Streit nicht recht behält. Oder man wird am Ende gar von den Argumenten des Gegners überzeugt. Um dies zu verhindern, haben sich eine Reihe von Kunstmitteln bewährt. Die zehn besten seien hier zum allgemeinen Nutzen vorgestellt:

Erklären Sie gleich vorneweg, die ganze Sache sei ohnehin unwichtig und nicht der Rede wert. Das gibt Ihnen die Möglichkeit, aus dem Gespräch auszusteigen, sobald es irgendwie brenzlig wird.

Behaupten Sie, es seien beide Meinungen gleich berechtigt, weshalb es gar keinen Zweck habe, über die eine oder über die andere zu diskutieren. Es habe eben jeder seinen Standpunkt und damit gut. So ein Unentschieden ist auf jeden Fall immer noch besser als eine Niederlage.

Versichern Sie Ihrem Gegenüber, es sei gar nicht fähig und würdig, über ein so wichtiges und komplexes Problem mitzureden. Es fehle doch erkennbar an Lebenserfahrung, an einem Abitur oder an einem Penis.

Reden Sie nicht über die Meinung Ihres Gegners, sondern über die Gefühle, die dessen Haltung bei Ihnen auslöst. Insbesondere schmerzliche Empfindungen geben Ihnen zweifellos das Recht, die Sache nicht weiter zu besprechen und als Sieger der Herzen das Schlachtfeld zu verlassen. Tränen lügen nicht.

Kritisieren Sie nicht die Argumente Ihres Feindes, unterstellen Sie ihm besser üble Motive. Weisen Sie ihm nach, dass er nur vom Neid angetrieben wird oder als bezahlter Agent finsterer Mächte agiert.

Wechseln Sie im passenden Moment das Thema, vorzugsweise zu einem, das dem Gegner unangenehm ist. Versucht dieser, Sie zurück zur Sache zu rufen, dann werfen Sie ihm vor, er habe wohl etwas zu verbergen und wolle im passenden Moment das Thema wechseln.

Reden Sie ausschließlich in unverständlichen Andeutungen, raunen Sie möglichst vieldeutig, sodass es Ihrem Kontrahenten unmöglich wird, Sie bei irgendeiner konkreten Aussage zu fassen. Werden Sie zum Mäuslein, das dem Jäger stets entkommt, weil es immer ein Schlupfloch in der Nähe findet.

Äußern Sie die Behauptung, auch Hitler, Stalin und Dieter Nuhr hätten in dieser Sache nachgewiesenermaßen die gegnerische Position vertreten, was deren Falschheit, ja Bösartigkeit schon zur Genüge beweise und jede weitere Diskussion überflüssig und sogar gefährlich mache.

Brüllen Sie so laut und ausdauernd Beleidigungen, dass die Stimme des Feindes nie zu hören ist. Halten Sie sich, wenn nötig, außerdem auch noch die Ohren zu. Der Feind wird nach einer Weile entnervt abwinken und verschwinden.

Hauen Sie Ihrem Gegner tüchtig auf’s Maul und laufen Sie dann ganz schnell davon.

Michael Bittner

Julius & Micha bei radio eins

Jede Woche produziert seit einigen Monaten unser Julius Fischer gemeinsam mit dem Kollegen Sebastian Lehmann den Podcast „Zwei zu viel“ für radioeins. Gast der jüngsten Ausgabe vom 26.1.2017 war Michael Bittner. Er las seinen Text Das Lachen der Schweine, führte mit Julius ein Live-Hörspiel auf und plauschte mit beiden Gastgebern über die Weltlage. Wer die Sendung nachhören möchte, klicke einfach hier.

Maximen gegen den Verschwörungswahn

Maßgebliche Vorbemerkung: Das Wort „Wahn“ hat hier keine psychopathologische Bedeutung, vielmehr bezeichnet es ein feindbezogenes Denken, das sich beständig selbst die eigene Richtigkeit bestätigt. Auch sind die aufgezeichneten Maximen keine Denkvorschriften. Es handelt sich um Regeln, die mir in den letzten Jahren in den Sinn gekommen sind, wenn ich meine eigenen Gedanken davon abhalten wollte, auf Irrwege zu geraten. Ich bin weit davon entfernt, diese Forderungen selbst immer zu erfüllen.

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Der Wahn ist nicht das Gegenteil der Vernunft. Er ist Übertreibung, Verlust des Gleichgewichts. Intelligenz schützt ebenso wenig wie Wissen vor dem Wahn. Hat der erst einmal gezündet, wird die Intelligenz zu seinem Antrieb und das Wissen zum Treibstoff.

Gehe davon aus, dass viele Menschen sich der Wahrheit von verschiedenen Seiten nähern können. Wer aber behauptet, ihr alleiniger Besitzer zu sein, hat sie bloß vergewaltigt.

Zweifle an allem, aber zweifle auch an deinem Zweifel. Das sicherste Kennzeichen des Wahns ist selbstgewisse Sicherheit.

Denke daran, dass nichts ohne Ursache ist, aber vieles ohne Absicht geschieht. Es gibt Zufälle.

Ziehe wahrscheinliche Erklärungen unwahrscheinlicheren vor und die langweiligen Erklärungen den interessanten.

Unterstelle keine Bosheit, wo Dummheit als Erklärung ausreicht.

Misstraue jedem Einfall, der dir gefällt. Auch Beifall beweist nichts, am wenigsten der von Freunden.

Suche nach Tatsachen, die deinem Weltbild widersprechen. Konfrontiere jeden deiner Gedanken mit seinem Gegensatz. Spricht mit Leuten, deren Meinungen dir zuwider sind.

Vergiss nie, dass auch deine Gegner einmal recht haben können, selbst wenn sie gewöhnlich lügen.

Der Verblendete vereinigt alle seine Feinde zu einem gewaltigen Popanz; der Kritiker versucht, jedem einzelnen Gegner gerecht zu werden.

Überprüfe, ob das schöne Muster, das du entdeckt hast, in der Wirklichkeit oder doch nur in deinem Kopf existiert. Die Welt ist unendlich, kompliziert und voller Widersprüche – es kann kein Bild von ihr geben, das abgeschlossen, klar und einfach wäre.

Schließe nicht daraus, dass es in der Vergangenheit wirklich Verschwörungen gegeben hat, darauf, dass du es heute wieder mit einer zu tun haben musst.

Verbringe nicht zu viele kostbare Tage mit der Fackel in der Hand in Höhlen, um nach Geheimnissen zu suchen – die meisten Wahrheiten spazieren im hellsten Sonnenschein durch die Straßen.

Erinnere dich an deinen letzten Rausch: Oft hält gerade der Trunkenste sich selbst für völlig nüchtern.

Schau mal ein Weilchen aus dem Fenster, trink ein Glas Wasser und schlaf eine Nacht drüber.

 

Michael Bittner

Max Rademann: „Der barbarische Kalender“

Barbarischer KalenderEs gibt nur ein Wort im Deutschen, das in der Lage ist, beinahe jede Lebenssituation treffend auf den Punkt zu bringen: „Barbarisch!“ Jeden Tag beobachten wir Szenen, die man als barbarisch bezeichnen muss. Dieses wunderbare Wort beschreibt dabei jedoch nicht ausschließlich unangenehme Erlebnisse, nein, es kann ebenso als Ausdruck inniger Begeisterung verwendet werden. Es ist ein Wort von universeller Bedeutung, kraftvoll, schön und immer zutreffend. Der barbarische Kalender von Max Rademann beweist dies an 365 Tagen im Jahr eindrucksvoll. Als Abreißkalender bietet er jeden Tag Erbauung durch neue heitere Zeichnungen. Da er zudem nur Daten, aber keine Wochentage kennt, handelt es sich um einen immerwährenden Kalender.

Erhältlich überall, wo es Bücher gibt!

Alternative für Hipster

Die Alternative für Deutschland möchte stärkste Partei in Deutschland werden, um das herrschende System umzustürzen. Will sie dieses Ziel erreichen, muss die Botschaft der Partei natürlich in alle deutschen Landstriche getragen werden. So macht die Alternative für Deutschland vor der anstehenden Wahl in Berlin Werbung auch in Friedrichshain-Kreuzberg. Das scheint durchaus sinnvoll, bedenkt man, dass in diesem Stadtviertel ja ohnehin traditionell die Alternativen zuhause sind. So heißt es denn auch auf der örtlichen Facebook-Seite der AfD:

Eine echte Alternative für einen alternativen Bezirk.

Hier im Szenekiez zeigt die AfD auf ihren Plakaten nicht ihre zerknitterten Funktionäre, sondern attraktive junge Menschen, wie sie auch in Friedrichshain-Kreuzberg zuhause sein könnten. Doch sind neben den hübschen Visagen auch noch Statements abgedruckt, die bekunden, dass diese jungen Menschen zugleich besorgte Bürger sind. So sagt etwa ein junger Mann mit schafsmäßigem Hipsterbart:

Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul und deshalb wähle ich die Alternative.

Sehen wir einmal davon ab, dass ein Dealer, der vollständig von Sozialhilfe abhängig ist, weil er seine Drogen offenbar verschenkt, nicht allzu häufig vorkommen wird. Von diesem kleinen Mangel an Realitätssinn abgesehen, kann man der AfD nicht viel vorwerfen. Immerhin kämpft sie wirklich um alle Wähler, sogar um solche, die dem Parteiprogramm der AfD zufolge als Kriminelle verfolgt werden sollen. Ob sie bei den Menschen aber auch Erfolg mit ihrem Werben haben wird? Die AfD spekuliert, dass es in Friedrichshain-Kreuzberg wohl viele Konsumenten von Marihuana geben mag. Dies dürfte zutreffen. Aber wollen diese Menschen deswegen von fremden Politikern auch gleich als Kiffer angesprochen werden? Es wohnen gewiss auch viele Bürger in Berlin, die dem Hobby der Masturbation zugetan sind. Würden sich diese Leute für eine Partei begeistern, die sie etwa folgendermaßen anspräche: „Liebe Wichser! Nervt euch beim Wedeln das langsame Internet? Dann wählt AfD, wir verlegen kostenlos Breitband für euch! P.S.: Was ihr treibt, ist allerdings weiterhin Sünde wider den Fortbestand des deutschen Volkes.“ Aber wer weiß, das Volk ist seltsam dieser Tage! Es wäre der AfD vielleicht sogar dankbar für solch offene Worte.

Die AfD wirbt in Berlin auch nicht nur um Kiffer, sondern überhaupt um alle Gruppen, mit denen sie andernorts fremdelt. So äußert auf einem anderen Plakat ein schwules Paar:

Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist.

Wahrscheinlich hat deswegen ein Abgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt vor einer Weile schon einmal vorgeschlagen, alle Schwulen nach der Machtübernahme in Schutzhaft zu nehmen.

Auch die Frauen, bekanntermaßen ebenfalls eine Minderheit, wenigstens unter den Mitgliedern der AfD, werden umworben. Eine dralle Blondine erklärt:

Damit es auf dem nächten Karneval der Kulturen nicht wieder zu Übergriffen auf Frauen kommt, wähle ich diesmal die AfD. Das mit der Armlänge Abstand haut einfach nicht hin!

Ganz sicher nie wieder zu Übergriffen beim Karneval der Kulturen käme es natürlich, wenn man den Karneval der Kulturen abschaffte, der ja ohnehin nur den gescheiterten Multi-Kulti-Wahnsinn feiert, mit dem die AfD endgültig Schluss machen wird.

Wer aber irrigerweise annimmt, die AfD stehe Zuwanderern feindlich gegenüber, den belehrt ein viertes Plakat eines Besseren. Da sagt uns eine anscheinend türkischstämmige Frau, die in vorbildlicher Weise auf das Kopftuch verzichtet:

Ich möchte, dass mein Sohn richtig deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, zu einem guten Beruf. Die AfD nimmt das Schulwesen ernst und deshalb wähle ich sie.

Offenbar, um auf die Migranten zuzugehen, hat die AfD in diese zwei Sätze gleich mehrere Sprachfehler eingebaut. Dies jedenfalls ist die einzig schlüssige Erklärung für die Fehler, wenn man nicht annehmen will, dass die Werbetexter der AfD selbst Probleme mit der deutschen Sprache haben.

Wer diese Plakate gesehen hat, der wird kaum noch daran zweifeln, dass kiffende Hipster, ängstliche Homosexuelle, zornige Frauen und türkische Muttis die AfD in Berlin zum Sieg tragen werden. Nur eine Gefahr droht: Sollten auch die Stammwähler der AfD, also frustrierte Frührentner, seelisch verkrüppelte Wirtschaftsprofessoren und Burschenschaftler mit chronischem Samenstau, Wind von dieser Kampagne kriegen, dann bleiben die vielleicht aus Ärger am Wahltag zuhause. Und die nationale Revolution fällt erst einmal aus.

Michael Bittner

Die Sprachpolizei informiert (2): Gegen den Rant

Es ist dumm, Neuerungen abzulehnen, nur weil sie aus den USA stammen. Aber nicht jede Neuerung, die aus Amerika zu uns kommt, ist begrüßenswert. Seit einer Weile begeistert eine neue Textsorte namens „Rant“ das Internet. Benötigen wir dieses neue Genre? Kamen wir bislang nicht auch ganz gut mit Pamphlet, Polemik und Pasquill aus? Das Oxford Dictionary verrät, das Wort „rant“ bezeichne eine Tätigkeit folgender Art: „speak or shout at length in a wild, impassioned way“. Wer einen „Rant“ von sich gibt, der will also offenbar wüten und schimpfen. Mein altes Schulwörterbuch bietet eine Übersetzung an, die vielen Beiträgen im Netz sogar noch besser gerecht wird: „Phrasen dreschen“. Denn einige Autorinnen und Autoren nehmen das Wort wörtlich und verschriftlichen bloße Motzerei. Regelmäßig entspricht die Sorglosigkeit im Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik dabei der Schlampigkeit des Denkens. Solche Texte beweisen einmal mehr, dass es eben keine gute Idee ist, das Internet als Medium virtueller Mündlichkeit zu verstehen und im Netz so zu schreiben, wie man auf der Straße spricht.

Viele Beispiele könnte man zitieren. Ich wähle in unfairer Weise nur eines aus: Sebastian Bartoschek hat im Blog Ruhrbarone jüngst einen Beitrag mit dem Titel Wir sind die Irrelevanten! publiziert. Er beginnt so:

Ich halte es nicht mehr aus: die Rechtsradikalen sind europaweit auf dem Vormarsch. In Österreich die FPÖ, in die Deutschland die AfD, in Ungarn regiert bereits ein Viktor Orban und in Polen das PiS-Pack. Und was tun wir? Wir diskutieren über Gendersternchen, die vermeintlichen Gefahren von Freihandel und Veganismus. Es ekelt mich an – ich muss ranten. Oder damit die FAZ-Leser es auch verstehen: das hier wird ein übellauniger Kommentar.

Wer könnte diese Verzweiflung nicht nachfühlen? Aber zu welchen Schlüssen führt uns der Autor?

Die Dreckssäcke vom „Islamischen Staat“ ermorden Hunderte bei Terroranschlägen in Europa. Die Menschen haben Angst. Und wir diskutieren über den Islam. In Talkrunden, Kommentarspalten und Sozialen Medien. Analysieren, wägen ab, zeigen uns empört, sind überrascht, dass wir Muslime im Land haben, und stellen fest, dass Muslime Muslime töten. Statt ernsthaft etwas zu tun. Wir sind immer noch zu feige, gegen den Islamischen Staat vorzugehen. Weil der menschenverachtende Pazifismus der Wohlfühlboheme lieber tote Araberkinder in Kauf nimmt, statt selbst in einen schmutzigen Krieg einzusteigen.

Wie soll man diese Worte deuten? Sollen wir aufhören, differenziert über den Islam zu diskutieren? Und stattdessen endlich militärisch in den schmutzigen Krieg gegen den IS einsteigen? Weil, wer gegen einen solchen Krieg stimmte, für den Tod von Araberkindern verantwortlich wäre? Wird Sebastian Bartoschek sich bald freiwillig bei der Bundeswehr zum Auslandseinsatz melden? Nein? So waren die Worte gar nicht gemeint? Sie sollten überhaupt nichts Konkretes bedeuten, der Autor wollte nur ein bisschen „ranten“? Genau das hatte ich befürchtet.

Den argumentativen Zusammenhang von Sebastian Bartoscheks Beitrag zu rekonstruieren, erweist sich als schwierig. Womöglich hat er einen solchen Zusammenhang gar nicht erst konstruiert. So viel versteht man: Eine intellektuelle „Pseudoelite“ diskutiert über nebensächlichen Firlefanz wie Veganismus, Diskriminierung oder geschlechtergerechte Sprache, statt sich um die wirklich „großen Themen“ zu kümmern und auch „die Mehrheit der Deutschen“ und den „kleinen Mann“ anzusprechen. Wer nun aber nach handfesten, materiellen Ursachen für die beklagte „Spaltung“ der Gesellschaft sucht, der irrt. Die „soziale Gerechtigkeit“ ist nach Meinung des Autors nämlich nur ein „leerer Begriff“. Nein, das Problem ist das Sprechen, spricht Sebastian Bartoschek. Die Leute müssten einander endlich wieder zuhören und verstehen! Ob ihnen das früher je schon einmal gelungen ist, im Zweiten Weltkrieg, im Mittelalter oder im Paradies, bleibt leider ungeklärt. Ein Umbau der Gesellschaft ist jedenfalls nicht nötig. Die „radikale Linke“ weiß ja auch nur, wie man „Autos abfackelt oder Menschen bedroht“. Wir müssen aber versuchen, „die Herzen der Menschen zu gewinnen“. So sind wir am Ende glücklich bei der politischen Romantik angelangt. Sie wird in Deutschland seit Jahrhunderten von Autoren produziert, die nach unpolitischen Lösungen für politische Probleme suchen. Wenn sich doch die Menschen nur alle wieder lieb hätten! Die Welt wäre geheilt!

Da das Ergebnis auch den Autor unbefriedigt lässt, immunisiert er sich noch durch Selbstironie gegen Kritik: „Ich bin nicht besser.“ „Und noch eins: dieser Text bringt wahrscheinlich auch nichts. Ausser, dass ihr mir ein paar Minuten beim Schimpfen zuhören musstet.“ Nicht einmal hier können wir Sebastian Bartoschek ganz zustimmen: Wir mussten nicht zuhören, sondern lesen – das schmerzt noch mehr.

Der „Rant“ verführt viele Autorinnen und Autoren zu hysterischem Gezeter, Wutgeschnaube und Betroffenheitsgeheule. Von alldem haben wir aber schon genug. Eine gute Polemik erfordert genau das Gegenteil: gelassene Heiterkeit und Sorgfalt. Aufregung hilft nicht beim Schreiben, künstliche Aufregung erst recht nicht. Polemik erfordert außerdem Haltung. Wer nur verzweifelt und ratlos ist, der schweige besser. Und ein literarischer Angriff sollte sich immer auf ein konkretes Ziel richten. Wer alle anklagt, trifft keinen.

Aus den genannten Gründen plädiere ich dafür, die Textsorte „Rant“ wieder abzuschaffen.

Michael Bittner

Die Sprachpolizei informiert (1): Ironie für Idioten

Das finde ich echt witzig. Nicht.

Ich kann mit Worten kaum beschreiben, welcher Unwille mich übermannt, wenn ich so einen Satz lesen muss. Eine körperliche Übelkeit schüttelt mich beim Anblick dieses Sprachverbrechens. Leider lese ich Sätze wie diesen inzwischen auch in Texten sonst durchaus respektabler Menschen. Ich will versuchen zu erklären, warum solche Äußerungen unbedingt zu unterlassen sind. Es handelt sich, kurz gesagt, um Ironie für Idioten. Eine andere, nicht minder schlimme und nicht minder häufige Form von solch falscher Ironie ist die folgende:

Das finde ich echt „witzig“.

In beiden Fällen möchte der Schreiber ironisch sprechen, aber er scheut die Doppeldeutigkeit, die mit echter Ironie nun einmal verbunden ist. Darum ergänzt er sicherheitshalber Markierungsstriche oder ein Dementierungswörtchen. Der Schreiber möchte sicher gehen, dass auch jeder versteht, was wirklich gemeint ist. Dadurch aber wird die ganze Aussage platt und überflüssig. Denn eine Ironie, die nicht missverstanden werden kann, ist gar keine. Gelungene Ironie versetzt den Leser in Unsicherheit und Zweifel, regt den Spießbürger auf, der doch ein Recht zu haben glaubt, genau zu erfahren, was denn „der Autor eigentlich meint“. Aber Ironie ist eben eine Form uneigentlichen Sprechens. Das erst macht sie subversiv und witzig. Die falsche Ironie gleicht dem Trottel, der beständig zwinkert, während er einen Witz erzählt, und danach auch gleich noch die Pointe erklärt.

Eine falsche Definition von Ironie, die schon in der Schule gelehrt wird, begünstigt das Sprachverbrechen: Ironie sei es, wenn man das Gegenteil von dem sagt, was man eigentlich meint. Keine Erklärung könnte der Wahrheit ferner sein. Ironie möchte gar nichts meinen, sondern in heiterer Weise Zweifel wecken und Fragen aufwerfen. Ironie ist die sprachliche Form des skeptischen Denkens. Es gibt verschiedene Formen der Ironie, die alle von der Skepsis ihre Energie beziehen. Mit kritischer und sarkastischer Ironie weckt man Zweifel an Gewissheiten von Gegnern, deckt ihre Irrtümer und Lügen auf. Charakterliche Größe erfordert die Selbstironie, mit der man dem Publikum eigene Unsicherheiten, Grenzen und Schwächen zeigt. Die höchste Stufe erreicht aber die philosophische Ironie, die Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt überhaupt zum Ausdruck bringt und die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur offenbart. (Die philosophische Ironie kann wachsen bis zur religiösen, romantischen Ironie, die alle irdischen Gewissheiten verlacht und Wahrheit nur in Gott findet.)

Das ironische Sprechen pervertiert derjenige, der es gar nicht als Ausdruck von Skepsis gebraucht, sondern bloß dazu, irgendeine persönliche Meinung in die Welt zu trompeten und sich dabei auch noch gewitzt vorzukommen. Jedem solchen Freund der Ironie für Idioten sollte man allezeit ganz ohne Ironie sagen: Du bist nicht witzig.

Michael Bittner

Die Liebe zu Ziegen

Wenn in meiner Kindheit auf dem Dorf die Verwandtschaft bei uns zuhause zu einer Familienfeier zusammenkam, dann wurde die Tafel bei gutem Wetter im Freien aufgestellt, im Garten hinterm Haus, im Schatten des großen Kastanienbaums. Die Onkel und Tanten, Großeltern und Enkel, Cousins und Cousinen saßen beisammen an einem langen Tisch, auf dem Geschirr, Kaffeekannen und eine Erdbeertorte bereitstanden. Wurstbrötchen warteten schwitzend auf ihren Verzehr. Die Männer machten Bierflaschen auf. Wenn drei Generationen so beieinander saßen, geriet das Gespräch aber manchmal ins Stocken, da es an gemeinsamen Interessen fehlte.

In solchen Momenten gelang es einer bestimmten Anekdote, die ganze Familie wieder in heiterste Stimmung zu versetzen. Jedes Jahr wurde die Anekdote aufs Neue erzählt, ursprünglich von einer Großtante, die an chronischen Depressionen litt, immer zu Späßen aufgelegt war und gerne einen kleinen Schnaps trank. Nachdem sie ins Altersheim umzogen war, übernahmen andere Mitglieder der Familie die Erzählung, die jedoch bei keiner Feier fehlen durfte. Als kleiner Junge verstand ich den Witz der Geschichte noch nicht und lachte bloß mit, weil alle Erwachsenen auch lachten. Erst in meiner Jugend erschloss sich mir mit dem Erwachen des Eros der tiefere Gehalt der Anekdote. Die angeheiterte Tante überlieferte sie ungefähr wie folgt:

„Als ich noch klein war, da lebte in dem jetzt verfallenen Haus oben auf dem Hügel am Rand des Dorfes die alte Traudel. Ihr Mann war schon lange tot. Bei ihr lebte noch ein erwachsener Sohn, der nie eine richtige Arbeit oder eine Frau gefunden hatte. Die alte Traudel besaß nicht den hellsten Verstand, im Kopf ihres Sohnes war es aber noch finsterer. Trotzdem lebten die beiden auf ihrem kleinen Anwesen in ungetrübter Ruhe vor sich hin. In Streit mit der Nachbarschaft gerieten sie nie, wenn auch manchmal einige Männer im Dorf über das seltsame Paar auf dem Hügel unanständige Witze machten.
Nun geschah es aber in einer Nacht, dass mein Vater aus seinem Schlaf erwachte, weil seltsame Geräusche aus unserem Stall drangen. Er erhob sich schnell aus dem Bett, denn er vermutete einen Hühnerdieb oder sonstigen Einbrecher am Werk. Mit einem Knüppel in der einen, einer Lampe in der anderen Hand schritt er durch die Dunkelheit zum Stall. Das Tor stand offen und er trat ein. Und im Stall entdeckte er niemand anderen als den Sohn der alten Traudel, der sich gerade an einer Ziege zu schaffen machte. Unser Vater hielt den Übeltäter fest und schlug Alarm. Bald waren alle im Haus und auch die Nachbarn erwacht. Man sandte nach der alten Traudel, damit sie ihren ertappten Sohn abhole. Und wisst ihr, was die alte Traudel sagte, als sie beim Tatort angekommen war und dem frisch ertappten Sünder gegenüberstand?“ Wie gespannt lauschte meine ganze Familie an dieser Stelle immer der Geschichte, obwohl doch jeder schon ihr Ende kannte. Meine Großtante fuhr fort: „Die alte Traudel stand da ganz verblüfft vor ihrem Sohn und sagte: Ich versteh das ni – wir ham doch selber Ziegen!

Die Ausgelassenheit meiner Familie nach diesem letzten Satz war immer sehr groß. Alle lachten, bis ihnen der Pflaumenkuchen vom Teller rutschte. Und auch ich muss noch heute schmunzeln, wenn ich zufällig an diese Anekdote denke, zum Beispiel beim Anblick von Ziegen im Streichelzoo. Natürlich ist das geschilderte Verbrechen etwas unappetitlich. Aber es gibt gewiss noch schlimmere Dinge, die man Tieren antun kann, als Zoophilie. Man kann Tiere zum Beispiel auch umbringen und dann aufessen.

Als ich nun jüngst hören musste, dass ein deutscher Satiriker das heitere Thema der Liebe zu Ziegen missbraucht hat, um Stimmung gegen den türkischen Präsidenten zu machen, ärgerte ich mich darüber. Eine früher unbeschwerte Kindheitserinnerung ist nun plötzlich mit politischem Ballast überladen. Und zeigt nicht unsere Familienanekdote überdies, dass die Liebe zu Ziegen auch in deutschen Landen verbreitet, also keineswegs auf Herrscher orientalischer Prägung beschränkt ist? Die unter einsamen Männern beliebte Liebe zu Ziegen hat, wie ich meine, gar nichts mit Kultur oder Religion oder Politik zu tun, sondern liegt in dem Umstand begründet, dass man Ziegen – anders als Rinder oder Kamele – auch ohne eine Leiter liebhaben kann.

Allen Satirikern sei ein für alle Mal gesagt: Lasst die Ziegen in Frieden! Missbraucht sie nicht, um eure Gegner auf die Hörner zu nehmen! Einem Despoten, der ein ganzes Land vergewaltigt, tut man ohnehin nur einen Gefallen, wenn man ihn zum Tierliebhaber verniedlicht.

Michael Bittner

Sizilianischer Frühling (2): Die Mitte der Welt

Auch im Paradies ist Krise. Ich sehe es nicht nur an den geschlossenen Geschäften, die mit dem Schild Affittasi offensichtlich schon lange vergeblich nach neuen Mietern suchen. Auch die Besitzerin einer Osteria in Caltanissetta erzählt, sie merke, wie die Leute immer weniger Geld ausgäben. Am deutlichsten sieht man es aber an den sizilianischen Katzen. Diese Katzen sind klein und mager und überhaupt nicht zutraulich. Nähert man sich ihnen, laufen sie ängstlich davon. Offenbar müssen sie sich auf den Straßen durch Jagd selbst ernähren, werden von den Leuten nicht gefüttert, sondern davongejagt. In einem Amphitheater, in dem einst die Römer sich an blutigen Gladiatorenkämpfen ergötzten, schaue ich eine Viertelstunde lang dem Kampf zwischen einer Katze und einigen Tauben zu. Die Katze schleicht sich immer wieder an den Schwarm heran, doch die Tauben sind aufmerksam und flattern ein paar Meter weiter, bevor ihr Feind zum Sprung ansetzen kann. Hartnäckig verfolgt die Katze den Schwarm durch das ganze Theater, bis die Vögel schließlich ganz davonfliegen. Der Beobachter zieht aus diesem Schauspiel die Lehre: Wo gehungert wird, da ist es mit dem Frieden vorbei.
Auf Sizilien scheint aber – wenigstens dem fremden Betrachter – der Frieden noch intakt. Obwohl auf der Insel wenig mehr als Obst und Gemüse produziert wird, kommen doch die Einwohner irgendwie zurecht. Fast alle Sizilianer, so lese ich, arbeiten im Dienstleistungssektor. Und wirklich hat man das Gefühl, dass hier jeder jedem etwas verkauft. Einheimische Bauern bieten geröstete Artischocken und Ziegenkäse an, Afrikaner Feuerzeuge und Plastikspielzeug. Aber in deutschen Zeitungen liest man: „Der Süden Italiens stirbt!“ Wenn das wahr sein sollte, dann handelt es sich wenigstens um einen sehr sanften und schönen Tod. Falls das Abendland demnächst untergeht, möge es sich an Sizilien ein Beispiel nehmen. Vielleicht haben die Sizilianer über Jahrhunderte der Entbehrung aber auch einfach gelernt, trotz widrigster Umstände zu überleben und dabei nicht einmal die Freude am Dasein zu verlieren. Auch in diesem Fall könnte Europa von Sizilien einiges lernen.

Im Museo dello Sbarco in Catania wird die Geschichte der Landung der alliierten Truppen auf Sizilien im Jahr 1943 erzählt. An der Südküste Siziliens begann die Invasion, die rasch zur Eroberung der Insel führte. Auf die Niederlage, welche die italienischen Truppen trotz der Unterstützung durch deutsche Soldaten erlitten, folgten bald die Absetzung Mussolinis und die Kapitulation Italiens. Die Sizilianer begrüßten die Engländer und Amerikaner 1943 mehrheitlich begeistert als Befreier. Im Süden Italiens hatte der italienische Faschismus von Anfang an weniger Anhänger gehabt als im Norden, wo sein eigentliches Zentrum lag. Die norditalienischen Faschisten sind den Sizilianern noch heute böse, am liebsten würden sie sich vom Süden Italiens ganz trennen. Die Süditaliener sind für diese Rassisten ohnehin schon halbe Afrikaner. Die Einwohner des Südens erwidern solche Vorwürfe gelassen. Ein Pizzabäcker aus Bari versicherte mir einmal, das wirkliche Italien fange südlich von Neapel erst an.
Die Italiener haben den Faschismus erfunden, aber sie haben ihn nie mit dem ernsthaften Irrsinn der Deutschen praktiziert. Die Deutschen starben und töteten für ihren Adolf bis zum bitteren Ende, die Italiener haben stattdessen ihren Benito vorher entlassen und erschossen. Sie vergaßen nie ganz, dass ihr Duce auch ein Schauspieler war, ein Großsprecher und Scharlatan. Sieht man Aufnahmen von Mussolinis Reden, erblickt man einen Clown, lächerlicher noch als Adolf Hitler. Doch über einen Clown, der über die Gewalt des Staates verfügt, wagt keiner mehr zu lachen. Faschismus ist lächerlich und braucht die Macht, um überhaupt ernst genommen zu werden. Das heißt aber auch: Menschen sind keineswegs bloß deswegen schon harmlos, weil sie lächerlich wirken. Nur die Gewalt fehlt ihnen noch. Als Mussolini mit der Niederlage von Sizilien seine Rolle ausgespielt hatte, pfiffen die Italiener ihn von der Bühne. Nur ein Weilchen noch deklamierte er im Norden vor seinen treuesten Bewunderern weiter. Die Deutschen hingegen spielten in Hitlers blutiger Wagneroper trotz aller Katastrophen die Nibelungentreue brav bis zum totalen Untergang. Es gilt wohl doch Adornos Wort: „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.“

Lange Zeit war Sizilien für Europa, was Europa für die Welt ist. In der antiken Welt lag Sizilien genau im Zentrum, mitten im Mittelmeer, dem einzigen Ozean dieser Zeit. Die fruchtbare und reiche Insel war umkämpft zwischen allen Völkern, immer wieder eroberten neue Invasoren Sizilien. Doch die Eroberer wurden immer wieder rasch heimisch und vermischten sich mit den Einwohnern, die schon da waren. Auf die Phönizier folgten die Griechen, auf die Griechen die Römer. Auf die Römer folgten die Germanen, die Araber, die Normannen, die Franzosen, die Spanier. Und selbst das Königreich Italien wurde von vielen Sizilianern nach der Vereinigung mit dem Norden noch als Besatzungsmacht empfunden. Zu blutigen Konflikten kam es immer dann, wenn eine neue herrschende Clique die anderen Einwohner völlig zu entrechten versuchte.
All die verschiedenen Völker malten mit am Bild Siziliens, fügten auf der Leinwand neue Figuren und Gebäude hinzu, übermalten Bestehendes, das doch immer weiter durchschimmerte. Die Kathedralen der Insel, von denen fast jedes Städtchen eine besitzt, sind Zeugnisse dieser Geschichte der Verschmelzung. Aus den Wänden der Kathedrale von Syrakus ragen noch heute die Pfeiler eines alten griechischen Tempels hervor. Sie wurden eingemauert, wie auch die alten Götter dem neuen Gott nicht einfach geopfert, sondern einverleibt wurden. Es gibt auch Kirchen, die zur Hälfte aus arabischen, zur anderen Hälfte aus normannischen Bauten gefügt sind. Auf den Feldern wachsen Zitronen und Orangen, die Araber auf die Insel brachten, neben Kartoffeln und Tomaten, die von den Spaniern aus Amerika entwendet wurden. Aber auch die vielgestaltigen Gesichter der Sizilianer tragen Spuren der jahrhundertelangen Vermischung. Der rothaarige Italiener, der in einem Park in Catania mit seiner Freundin streitet, bezeugt vielleicht noch heute die Manneskraft der Normannen. So zeigt Sizilien im Kleinen ein Bild der europäischen Kultur, die ihre Größe gerade der Tatsache verdankt, dass hier, in der Mitte der Welt, mehr als irgendwo sonst, die verschiedensten Völker und Religionen sich über Tausende von Jahren gegenseitig befruchtet haben.

Ich lese in einem mitgebrachten Buch die Worte von Joseph Roth:

Welch eine lächerliche Furcht der Nationen, und sogar der europäisch gesinnten unter den Nationen, diese und jene „Eigenart“ könnte verloren gehn und aus der farbigen Menschheit ein grauer Brei werden! Aber Menschen sind keine Farben und die Welt ist keine Palette! Je mehr Mischung, desto mehr Eigenart! … Das ist die höchste Stufe der „Humanität“.

Michael Bittner

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Der erste Teil dieses Reiseberichtes ist bereits in diesem Blog unter dem Titel Erwachen im Süden erschienen.

Literaturhinweis:

Joseph Roth: Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Essays, Reportagen, Feuilletons. Herausgegeben und kommentiert von Helmuth Nürnberger. Zürich: Diogenes, 2013, Zitat S. 124

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