In Slowenien oder Kein Urlaub vom Faschismus

Alles ist scheiße. Die Rechten sind auf dem Vormarsch und ihre Gegner zeigen sich, wenn man’s noch schonend ausdrücken will, auch nicht gerade in Bestform. In solcher Lage stellen sich Zustände der Erschöpfung auch beim zähesten Streiter im Meinungskrieg ein. Er entschließt sich also, seine Einmannkaserne doch einmal für verdiente Ferien zu verlassen – Faschismus hin oder her. Zum Ziel der Reise wurde Slowenien erkoren, ein kleines Land, das bekannt vor allem dafür ist, oft mit der Slowakei verwechselt zu werden. Das unterläuft aber nur Ignoranten, alle anderen wissen ja, dass Slowenien die nördlichste der ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens ist, ein seit 1991 unabhängiger Staat, der Mitglied der Europäischen Union ist und sogar den Euro eingeführt hat, obwohl dafür eine Währung mit dem wunderschönen Namen Tolar für immer abtreten musste.

Der EuroCity-Zug, der meine Liebste und mich nach Slowenien bringt, ist ein Sinnbild der Europäischen Union. Er kommt verspätet, fährt langsam und besteht aus Teilen mehrerer Länder, die nicht recht zusammenpassen wollen. Das Personal wird an jeder Grenze ausgewechselt, sodass die neue Besatzung die Schuld für das herrschende Chaos immer den Leuten aus dem vorherigen Land zuschieben kann. Fahrradfahrer finden den versprochenen Fahrradwagen nicht, weil keiner existiert. Es gibt auch zu wenige Sitzplätze, von denen anscheinend einige auch noch doppelt reserviert sind, vielleicht um die Europäer auf diesem Weg miteinander in engeren Kontakt zu bringen. In unserem Abteil hat sich aus unseren beiden Sitzen ein junger Kroate ein Bett zusammengeschoben, auf dem er schlummert, mit lautem Techno in den Ohren. In einer seiner Wachphasen erzählt er uns, er arbeite für eine Metallbaufirma in der Nähe von Ulm und sei nun auf dem Weg in den Heimaturlaub. An Deutschland gefalle ihm besonders der gute Lohn, in Kroatien werde man selbst in ordentlichen Berufen mickrig bezahlt. Einziger Nachteil sei, dass er seine Freundin nur selten sehen könne. Gerne würde er in Deutschland eine schöne Wohnung finden, bislang habe er immer in Arbeiterheimen und ärmlichen Zimmern gelebt. Aber es sei schwer mit den Vermietern, viele wollten wohl keinen Ausländer. Weil wir dem arbeitsmüden Mann seinen Schlaf gönnen, verbringen wir einige Zeit im österreichischen Speisewagen. Viele Gerichte sind gerade aus, aber der Kellner ist so charmant unverschämt, wie man es von einem jungen Österreicher erwartet. Der Anblick der Alpengipfel, die während der Fahrt draußen vorbeiziehen, entschädigt ohnehin für alle Unbequemlichkeiten.

Die Hauptstadt Ljubljana macht auf den ersten Blick einen merkwürdigen Eindruck. Prachtvoll restaurierte Gebäude im Habsburgerstil mischen sich im Stadtbild mit bröckelnden sozialistischen Zweckbauten. Das öffentliche Leben wiederum wirkt westlicher als im Westen. Überall wird freier Netzzugang versprochen, im Nahverkehr kann man nur elektronisch bezahlen, die Lokale werben stolz mit ihren sieben Sorten selbstgebrautem Pale Ale. Das Stadtzentrum, gelegen an drei Brücken über ein kleines Flüsschen, quillt über vor Touristen. Es ist unmöglich, noch irgendwo einen freien Platz zu finden. Wir versorgen uns deshalb mit Nahrung an einer Imbissbude, wo eine aufgeregte, junge Chinesin Nudeln und Gemüse in Pappkartons füllt. Als wir ihr etwas Trinkgeld geben, besteht sie darauf, uns zum Ausgleich noch mehr Frühlingsrollen einzupacken. Essen können wir vor dem Laden im Freien, es ist auch nachts noch immer heiß. Ziemlich überfordert falle ich im Hotel in die Federn und plädiere für einen baldigen Ausflug in die Natur zum Zwecke der Entspannung.

Daheim tadelt mich die Frau oft, weil ich mich angeblich nicht genug bewege. Es überzeugt sie nicht, wenn ich ihr vorrechne, welche Strecke tagtäglich allein schon durch meine Wege vom Bett zum Kühlschrank zusammenkommt. Nun befinden wir uns in der Nähe von Bergen und es hilft alles nichts: Sie müssen bestiegen werden. Wir nehmen uns zuerst den Berg Krim vor, einen Gipfel der leichteren Kategorie. Mit dem Bus fahren wir in ein kleines Dörfchen zwischen gelben Feldern, wo hinter der alten Dorfkirche der Aufstieg durch dunklen Gebirgswald beginnt. Eintausend Meter sind keine sonderlich lange Strecke. Dies gilt allerdings nur, wenn sie in der Waagerechten zu bewältigen sind. In vertikaler Form nehmen sie einen ganz anderen Charakter an. Nach einhundert Metern überlege ich, inzwischen ein schwitzendes und schnaufendes Wrack, wie ich vor der Frau die feste Überzeugung verbergen kann, dass ich in Kürze sterben werde. Ich lasse erst einmal ein bisschen abreißen. Vielleicht sollte ich mich einfach auf den Waldboden legen und sanft entschlummern, als Allerletztes im Ohr den fröhlichen Gesang der Vögel. Der Gedanke ans Ende scheint mir weit tröstlicher als die Überlegung, dass auf mich, sollte ich nicht sterben, noch 900 weitere Höhenmeter warten.

Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und raffe mich doch noch einmal auf. Während ich weiter bergan wandere, versuche ich mich durch den Anblick der Natur für meine Schmerzen zu entschädigen. Besonders ins Auge fallen mir die Alpenveilchen am Wegesrand. Da es sich um die Lieblingsblume des gemeinen Ossis handelt, ist mir die Pflanze vertraut. Andererseits wirkt sie hier auf mich befremdlich, denn ich kenne sie nur aus schwarzen Plastikblumentöpfen. Das Alpenveilchen in freier Wildbahn zu erblicken, verstört mich. Meine Oma hatte stets mehrere Alpenveilchen auf dem Fensterbrett. Das Alpenveilchen war im Osten überhaupt in den neunziger Jahren überall zu sehen, in Wohnungen, Büros und Gaststätten. Und das, obwohl die Zeit nach der Wende eigentlich die der Kunststoffblumen war. Sie galten damals im Osten als schick und praktisch, denn sie sahen lebensecht aus, wenn man nicht allzu genau hinschaute, man brauchte sie aber nicht zu gießen. Allenfalls abstauben musste man sie gelegentlich. Die Blume aus Plastik war ein Symbol des Fortschritts. Unterdessen schlossen die Gärtnereien, auch die in unserem Dorf. Aber die Ossis waren stolz, dank des Kapitalismus endlich echten Kunststoff kaufen zu können und sich nicht mehr mit den sozialistischen Ersatzprodukten Plaste und Elaste begnügen zu müssen, die bekanntlich aus dem Knochenmehl rumänischer Waisenkinder hergestellt worden waren. Wie konnte das Alpenveilchen damals trotzdem Gnade finden? Wahrscheinlich, weil es mit seinen leuchtenden Blüten und seinen unnatürlich schön marmorierten Blättern aussah, als wäre es aus Plastik. So drückte man ein Auge zu und ließ auch mal was Lebendiges passieren.

Am Gipfel angelangt, werde ich für den Aufstieg entschädigt, weniger durch berauschenden Fernblick als durch eine Berghütte, in dem mir eine nette Wirtin Limonade verkauft. Ein alter Slowene in Wanderkluft sitzt neben uns. Ich bin erstaunt darüber, wie der Zausel es bis hier nach oben geschafft hat. Nach dem Essen spricht er uns an und erzählt, eigentlich möge er den Berg Krim gar nicht besonders. „Mir ist das hier zu niedrig, hier sind noch zu viele Bäume und Blumen“, sagt er. „Ich mag die Alpen. Hier hoch laufe ich bloß, um ein bisschen zu trainieren, bevor ich auf die richtigen Berge steige.“ Bevor ich den Alten erwürgen kann, gibt die Frau schon den Entschluss bekannt, auch wir wollten auf jeden Fall noch Alpengipfel besteigen.

Das Nationalmuseum in Ljubljana erläutert die Geschichte der Gegend, die heute Slowenien heißt, von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Allerhand Schwerter, Münzen und sonstiges Blech. Dazu erzählen Karten und Texte davon, wie die Kelten von den Römern, die Römer von den Germanen, die Germanen von den Slawen unterjocht und wechselweise vertrieben oder eingeschmolzen worden sind. Bemerkenswerter finde ich die „Neandertalerflöte“, einen hohlen Tierknochen mit kreisrunden Löchern, der in einer slowenischen Höhle gefunden und auf ein Alter von 45000 Jahren datiert wurde. Im Internet kann man von wissenschaftlichen Spaßverderbern lesen, die nicht glauben wollen, dass es sich wirklich um eine Flöte handelt. Ich mag diesen Pedanten keinen Glauben schenken, denn die Vorstellung von einem Neandertaler, der sich in der Höhle eine Flöte bastelt, um seinen Kumpels am Lagerfeuer ein Liedchen zu pfeifen, ist zu schön, um nicht wahr zu sein. Früher hielt man die Neandertaler ja für tumbe Keulenschwinger, die von den modernen Menschen mühelos verdrängt und ersetzt wurden. Die Genetik hat nun aber herausgefunden, dass auch in uns modernen Menschen noch beachtlich viel vom Neandertaler steckt. Es gilt wohl sogar die einleuchtende Faustregel: Je blonder, desto mehr Neandertal. Jedenfalls konnten nachweislich schon die Steinzeitmenschen nicht von der Völkermischung lassen, dieser großen Versuchung, gegen die uns nun endlich die Faschisten wappnen wollen.

Vorm Museum ohrfeige ich mich selbst, denn ich hatte mir ja fest vorgenommen, im Urlaub nicht an Politik zu denken. Aber das ist schwer. Man müsste die Augen fest geschlossen halten. Denn Grafitti gibt es auch in Ljubljana, zum Beispiel liest man an der Wand eines Kulturzentrums: „LGBT je degeneracija, degradacija, dekadenca“, was sich ins Deutsche wohl so übersetzen lässt: „Die Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen ist Entartung, Erniedrigung, Verfall“. Immerhin hat ein gegnerischer Sprüher diese These rot durchgestrichen und durch die schlichte Botschaft „Pro Homo“ korrigiert. Ich sehe langsam ein: Wenn ich den politischen Kämpfen unserer Zeit entkommen wollte, müsste ich wohl Urlaub in der Antarktis oder auf dem Mond machen. Vielleicht kann man aus der Allgegenwärtigkeit des Streits zumindest einen Trost ziehen: Wenn überall in Europa, ja beinahe auf der ganzen Welt von den gleichen Parteien die gleichen Kämpfe ausgefochten werden, dann ist die Weltgesellschaft kein utopisches Phantom mehr, sondern inzwischen die Wirklichkeit.

Mit einer romantisch rostigen Bimmelbahn reisen wir von Ljubljana weiter in das kleine Städtchen Kamnik am Fuß der Alpen. Unsere Unterkunft befindet sich in den Zimmern eines Gasthauses, in dessen Schankraum sich die örtlichen Biertrinker versammeln. Die Pension liegt unmittelbar neben dem Busbahnhof, sodass wir am nächsten Morgen mühelos in die Berge fahren können. In den Bus steigt an einer Dorfhaltstelle auch ein alter, grauhaariger Mann mit freundlichem Gesicht, der mir merkwürdig bekannt vorkommt. Er trägt das Gewand eines Hirten, hat einen Wanderstab bei sich und an seinem Hut einen Strauß mit Wiesenblumen befestigt. Endlich fällt es mir ein: Ein Foto des Mannes findet sich als Illustration in unserem Reiseführer. Er trägt seine Kluft mit einer Würde, die mich vermuten lässt, dass er kein Hirt, sondern ein erfahrener Hirtendarsteller ist. Jedenfalls hat er dasselbe Ziel wie wir: die Velika Planina, eine Hochfläche mit großen Almen und Hirtensiedlungen. Er nimmt allerdings die Seilbahn, während wir wieder zu Fuß bergan steigen.

Erstaunlicherweise fällt mir der Weg nach oben diesmal wesentlich leichter, offenbar komme ich langsam in Form. Am Wegesrand sehe ich prächtigste Steinpilze, aber da wir nicht über eine Küche verfügen, schone ich sie. Obwohl ich mir mit Immanuel Kant einzureden versuche, der wahre Genuss der Schönheit bestehe im interesselosen Wohlgefallen, bleibt Unzufriedenheit zurück. Wie gern hätte ich diese Pilze auch mit Zunge und Gaumen, nicht nur mit den Augen genossen! Die Frau fragt mich, wieso ich denn beim Wandern ständig in die Hände klatsche. Ich erläutere ihr, dies sei ein probates Mittel gegen die plötzliche, vielleicht verhängnisvolle Begegnung mit den in Slowenien durchaus heimischen Braunbären. Die Frau lacht mich aus. Ich nehme es klaglos hin. Wir überleben auch diesen Tag im Wald und es genügt mir, dass ich weiß, wem wir das zu verdanken haben.

Oben auf der Hochfläche angekommen, finden wir uns sogleich auf einer Weide zwischen weißbraunen Rindern wieder. Das Geläut ihrer Glocken beschallt die ganze Alm. Einige schindelgedeckte Hütten stehen auf dem Grün, sonst nichts. Schüchtern bahnen wir uns den Weg durch die Herde. Die Kühe schauen uns etwas misstrauisch, aber nicht ängstlich an. Gewiss sind sie Wanderer gewohnt. Ich erinnere mich an das Gedicht Gang durch die Kuhherde, geschrieben vom Kabarettisten Werner Finck, der wie ich in Görlitz geboren wurde:

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Warum kommt mir dieses vermaledeite Poem in den Sinn? Finck erzählte 1933 auf der Bühne seines Kabaretts natürlich nicht von Rindern, sondern von den faschistischen Hornochsen, die eben die Macht übernommen hatten. Ich konzentriere mich wieder auf die wirklichen Kühe, um die allegorischen zu vergessen. Kühe sind wohlgeformte, auf ihre Art anmutige Tiere, vielleicht nicht allzu schlau, aber friedlich. Sie haben es nicht verdient, mit Faschisten in Verbindung gebracht zu werden.

In der Mitte der Hochfläche, wo sich Gasthäuser, eine kleine Bergkapelle und Sesselliftstationen befinden, geht es ziemlich belebt zu. Fußlahme und Drückeberger, die mit dem Lift oder dem Auto bis hierher gelangt sind, spazieren frohgemut im Kreis, genießen die Aussicht auf die benachbarten Alpengipfel und fotografieren Rinder. Eine erkennbar deutsche Familie kommt uns entgegen, vorneweg der Vater mit seinem Sohn, wenige Schritte dahinter Mutter und Tochter. Der Vater trägt einen Alpenhut und versucht zu jodeln, weil er der festen Überzeugung ist, dies sei äußerst witzig. Mutter und Tochter verdrehen peinlich berührt die Augen und auch auf dem Gesicht des Sohnes zeichnet sich deutlich ein einziger Gedanke ab: Scheiße, das ist also der Typ, der mich gezeugt hat.

Wir suchen eines der Gasthäuser auf, ich esse eine slowenische Pilzsuppe und spreche maßvoll dem Bier zu. Währenddessen beobachte ich seltsame Krähenvögel, die sich zwischen den Almhütten geschickt von den Aufwinden tragen lassen und immerzu nach Nahrung spähen, die sich auf dem Boden erhaschen lassen könnte. Meine Vogel-App mit dem Namen „Die Vogel App“ verrät mir, dass es sich um Alpendohlen handelt. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, dass man in Slowenien selbst auf Berggipfeln ins Internet gelangen kann, während man in Deutschland schon am Rand der Hauptstadt des Empfangs verlustig geht. Das neue Europa scheint das alte doch in manchen Bereichen zu überholen.

Das Nachtleben des Städtchens Kamnik ist überschaubar. Aber ich spüre zielsicher das beste Lokal der Stadt auf. Das Café Racer am Hauptplatz wirbt offenbar besonders um Biker. Immer wieder stellen junge Männer, aber auch Frauen ihre Maschinen neben dem Café ab, um sich ein Getränk zu gönnen. (Im Internet werde ich später lesen, dass englische Rock’n’Roller in den Sechzigern die frisierten Motorräder, mit denen sie Sonntagsausflüge machten, „Café Racer“ nannten. Das Café Racer hat sich also nach einer Sorte von Motorrädern benannt, die ihren Namen Cafés verdankt – ein Taufkreislauf von geradezu philosophischer Qualität.) Obwohl ich in meiner Jugend darauf verzichtet habe, den Mopedführerschein zu erwerben, erhalte auch ich Bier. Bedient werden wir vom Besitzer des Cafés, einem agilen Mann mittleren Alters mit zottigen Haaren. Er gehört zu den Menschen, die erkennbar für den Beruf des Wirtes geboren wurden: Es gibt keinen Gast, den er nicht in einen kleinen Plausch verwickelte. Die Frau meint, er habe die Ausstrahlung eines Weltenbummlers, der nach Jahren der Wanderschaft in die Heimat zurückgekehrt sei. Sie muss es wissen, denn sie war selbst in ihrer Jugend viel auf dem Globus unterwegs. Als der Wirt erfährt, dass wir aus Berlin in sein kleines Café geraten sind, ist er hellauf begeistert und fragt uns erst einmal aus. Er entschuldigt sich für die Schläfrigkeit seiner Heimatstadt und scheint ein wenig neidisch auf die Besucher aus der Metropole. Es ist seltsam, ich blicke in letzter Zeit immer öfter mit Neid auf Menschen wie den Kamniker Biker-Wirt, die auf kleinem Raum ihre Idee verwirklichen und das Leben einiger Leute schöner machen, statt sich in der Großstadt im Kampf gegen die Gleichgültigkeit zu vergeuden. Als wir am nächsten Tag noch einmal im Café Racer einrücken, schenkt uns der Wirt am Ende die Zeche zum Dank für unseren Besuch. Ich beschließe, mich später zu revanchieren, indem ich sein Lokal literarisch ins kulturelle Gedächtnis der Menschheit befördere.

Die letzten Tage unserer Reise verbringen wir in Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens im Osten des Landes. Die Stadt wirkt noch barocker und österreichischer als die Hauptstadt. In der hübschen Altstadt sitzen Einheimische und Touristen beisammen, trinken Kaffee und schlecken Eis. Der junge Kioskverkäufer im Stadtpark versichert uns, in diesem Teil Sloweniens könne man ruhig Deutsch sprechen, jeder hier verstehe das. Nach dem Besuch im Museum der nationalen Befreiung wundere ich mich dann allerdings darüber, dass irgendjemand hier noch Lust hat, Deutsch zu sprechen. Aber das gilt ja im Grunde fast für ganz Europa. Ein Deutscher, den in der Ferne das Heimweh nach dem Faschismus packt, findet in fast jeder europäischen Stadt ein Museum, in dem er sich über das historische Treiben seiner faschistischen Landsleute in der Region unterrichten kann. In Slowenien, dessen nördlichen Teil die Deutschen als „Untersteiermark“ für sich beanspruchten, planten die Nazis im Zweiten Weltkrieg eine großangelegte Germanisierung. Die Slowenen wehrten sich gegen Vertreibung und Ermordung durch einen Partisanenkrieg. In der Ausstellung des Museums sind die Waldhütten nachgebaut, in denen Ärzte und Krankenschwestern während des Krieges heimlich verwundete Kämpfer versorgten. Entdeckte die Wehrmacht so ein geheimes Lazarett, wurden meist alle Patienten und ihre Helfer an Ort und Stelle umgebracht. Ich kann mir nicht helfen, es fällt mir noch schwer, die Forderung der neuen deutschen Faschisten zu erfüllen, auf solche Leistungen unserer Soldaten stolz zu sein. Aber die Zeiten ändern sich, wir müssen alle umdenken.

Auf der Heimfahrt teilen wir im Zug das Abteil mit einer deutsch-amerikanischen Familie. Die drei jungen Söhne wechseln mühelos vom Englischen ins Deutsche und zurück. Die Eltern sprechen ab und zu Spanisch, vielleicht dann, wenn sie nicht belauscht werden möchten. Wir erfahren trotzdem, dass die Familie nach ihrem Aufenthalt in Slowenien nun nach Bayern fährt, wo die Eltern der Mutter beheimatet sind. Der amerikanische Vater ist geradezu der Prototyp des Daddys: ein großer, stämmiger Mann mit ordentlichem Bauch, Halbglatze und Oberarmen so dick wie Laternenpfähle. Mit seinen drei Kindern geht er zärtlich und doch bestimmt um, er muntert sie auf und hält sie im Zaum. Als sein ältester Sohn vorführt, wie er einen Rubik-Würfel in zwei Minuten lösen kann, staunt er nicht nur wie wir anderen auch, sondern lässt sich geduldig die Technik von seinem Kind erklären, um sie ebenfalls zu erlernen. In Salzburg springt er während eines Zwischenhaltes aus dem Zug, um Wasser für die durstige Familie zu besorgen. Als er zurückkehrt, empört er sich: „Der ganze Bahnhof ist voller Nazis! Und niemand tut etwas! Sie grölen herum und heben ihre Arme! Das können doch nur Nazis sein!“ Ich überlege, ob ich ihm darlegen sollte, dass er vielleicht nur die Gesänge und Gesten der Fans von Austria Salzburg missverstanden hat, die gerade den Bahnhof bevölkern. Aber dann lasse ich es doch. Woher weiß ich denn, dass der Bahnhof nicht wirklich voller Nazis ist, die machen, was sie wollen, weil niemand sie daran hindert? Undenkbar scheint das ja in unseren Zeiten nicht mehr. Ich entwickle spontan den Wunsch, von dem amerikanischen Mustervati adoptiert zu werden. Ja, ich wünschte mir, er könnte gleich ganz Europa in seine multikulturelle Familie aufnehmen. Denn er besitzt das, was wir alle in Zukunft brauchen werden, um uns zu schützen: Klugheit, Gefühl und Muskeln.

Michael Bittner

Sax Royal – Gastspiel zum Altstadt- und Edelweißfest in Schwarzenberg (Erzgebirge) am 18. August in der Galerie Rademann

Viele von euch leiden bestimmt wegen der Sommerpause unserer Lesebühne schon unter Entzug. Für euch haben wir einen guten Vorschlag: Kommt einfach am 18. August zum legendären Altstadt- und Edelweißfest nach Schwarzenberg im Erzgebirge. In der Galerie Rademann (Marktgässchen 3) präsentieren wir euch eine Show mit unseren schönsten Geschichten aus den letzten Jahren – in kompletter Besetzung mit Max Rademann, Roman Israel, Stefan Seyfarth und Michael Bittner. Wie gewohnt erkunden wir die Exotik des Alltags, spüren dem Grosteken in den zwischenmenschlichen Beziehungen nach und legen uns satirisch mit der Weltordnung an. Los geht es um 20 Uhr.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – Gastspiel in Schwarzenberg | 18. August | Sonnabend | Galerie Rademann (Marktgässchen 3) | 20 Uhr | Eintritt: 10 Euro

Roman Israel als Sommergast bei der Reformbühne Heim & Welt in Berlin

Liebe Freunde, wir befinden uns gerade in der Sommerpause, aus der wir erst am 22. August mit unserer traditionellen Spezial-Show im Deutschen Hygiene-Museum zurückkehren. Aber alle von euch, die es im Sommer von Dresden mal nach Berlin verschlägt, sollten in der gemütlichen Jägerklause in Friedrichshain vorbeischauen. Unser Roman Israel ist dort nämlich als Sommergast im Juli und August jeden Sonntag Gastautor bei den großartigen Kollegen der traditionsreichen Reformbühne Heim & Welt. Er liest immer ab 20 Uhr mit den Stammautoren Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning, Jürgen Witte sowie weiteren literarischen und musikalischen Gästen. Erstmals am 1. Juli!

Donnerstag, 17. Mai 2018: Max Rademann in Chemnitz

Unser Max Rademann gastiert am Donnerstag (17. Mai) mit einer Soloshow in Chemnitz. Der Sohn des Erzgebirges wird sich in der Metropole des Erzgebirges ohne Zweifel einigermaßen heimisch fühlen und tapfer schlagen. Die Gäste des Abends dürfen sich nicht nur auf eine Auswahl heiterer Geschichten freuen, Max bringt auch sein Kinder-Keyboard mit, um einige seiner unsterblichen Lieder zu Gehör zu bringen. Dabei erzählt er wie immer von seiner Jugend im Erzgebirge, aber auch von den Erlebnissen im nächtlichen Treiben der Bohème. Los geht’s um 2o Uhr im Lokomov.

Julius Fischer: „Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung“

Julius Fischer hat ein neues Buch geschrieben. In seinem philosophischen Zugreiseroman Ich hasse Menschen (Verlag Voland & Quist) zelebriert er in der Form der Abschweifung die Kunst der Misanthropie. Denn: Julius Fischer hasst Menschen. Das fängt bei Kindern an. Pubertät geht auch gar nicht. Noch ätzender sind eigentlich nur Studenten. Und natürlich Berufstätige. Die sind am schlimmsten. Aber nichts im Vergleich zu Rentnern. In seinem neuen Buch erzählt er davon, wie er versucht, all diesen Leuten aus dem Weg zu gehen. Und wie er daran scheitert. „Wie Bernhards ›Holzfällen‹ – nur in niedlich.“ (Marc-Uwe Kling)

 

 

Julius Fischer: Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung, Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 160 Seiten, 16 Euro

Lesebühne Sax Royal zu Gast in Chemnitz am 9. Mai im Tietz

Endlich einmal wieder auf Tuchfühlung mit Chemnitz geht unsere Lesebühne Sax Royal bei einem Gastspiel am Mittwoch, den 9. Mai. Eingeladen hat uns die Neue Sächsische Galerie zu einer Lesung im Begleitprogramm zur Ausstellung „Tuchfühlung“ von Textilkünstlern und Textildesignern der Hochschule in Schneeberg. Die Stammautoren Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth lassen bei ihrer Lesung Texte auf Textilien treffen und präsentieren eine Auswahl ihrer schönsten Geschichten und Gedichte aus den letzten Jahren. Wie immer bei Sax Royal dürfen sich die Gäste auf Tiefsinn ebenso freuen wie auf Hochkomik. Ein literarischer Abend in anziehendster Form!

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – Gastspiel in Chemnitz | 9. Mai | Mittwoch | 19 Uhr | Tietz | Eintritt: 5 €, erm. 3 € (bis 18 Jahre frei)

Meine Eroberung Wiens

Es giebt Menschen, die nichts zu thun haben. Vollkommen Überflüssige des Daseins. Mit weit aufgerissenen Augen schauen sie und schauen. Diese hat das Schicksal bestimmt, die Vielzuvielbeschäftigten zum Verweilen zu bringen vor den Schönheiten der Welt!

Peter Altenberg

 

Wer auf dem schnellsten Wege nach Wien gelangen will, der nehme die Abkürzung durch die Luft. Wer hingegen den schönsten Weg sucht, dem sei zur Reise mit dem Zug geraten. Von Berlin aus durchquert man dabei hinter Dresden zunächst die Sächsische Schweiz immer entlang des Tals der Elbe. Mir gegenüber sitzt ein allein reisender Minderjähriger, der mit der Kamera seines Telefons, das er auf ein kleines Stativ gestellt hat, durchs Fenster die Landschaft filmt. In Bad Schandau steigt er aus. Ob er seine Großeltern besucht und ihnen nachher die aufgezeichnete Schönheit Sachsens vorführt, um zu beweisen, dass so ein Telefon doch nützlich sein kann? Oder will er das Video beim Fernsehen einreichen, auf dass es in der Sendung Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands gezeigt werde? Aber vielleicht filmt er auch nur um des Filmens willen, was durchaus zu begrüßen wäre, ist doch die Freude am Schaffen unnützer Bilder der erste Schritt zum Künstlertum.

Im Zug reise ich heute in der Rolle eines Salonkommunisten: Ich sitze in der ersten Klasse und blättere in der konkret. Und das kam so: Bei der Suche nach günstigen Fahrkarten offenbarte sich die Möglichkeit, für wenig mehr als 100 Euro in der ersten Klasse nach Wien und zurück zu fahren. Der Kapitalismus machte es durch einen internationalen Sparpreis möglich. Dieses Angebot konnte ich unmöglich ausschlagen. Zwar dauert die Reise zehn Stunden, ist dafür aber sehr bequem. Ein wenig enttäuscht bin ich nun nur, weil die erste Klasse sich weit weniger glamourös zeigt, als es der kleine Mann sich träumen lässt. Wo sind die Prinzessinnen auf der Reise zu ihrem Geliebten? Wo die Geheimagenten mit ihrem Koffer voller Plutonium? Wo die gealterten Opernsänger, die in den Süden fahren, um die geschundene Kehle für ihren letzten Parsifal zu kurieren? Stattdessen sehe ich junge Familien, die ihren Kleinkindern Süßigkeiten verabreichen, Rentner, die in Illustrierten blättern, und eine Frau im grauen Pullover, die an mitgebrachten Möhren nagt und das Buch Welche Heilpflanze ist das? studiert. Wahrlich, solcher Menschen hätte ich auch in der Regionalbahn nach Eberswalde gewahr werden können! Gebrochene Versprechen sind schlimm, besonders dann, wenn man selbst es war, der sich etwas versprochen hatte. Auch der tschechische Schaffner, der hinter der Grenze den deutschen ablöst, enttäuscht enorm. Er überprüft nicht nur die Fahrkarten, sondern muss auch noch Mineralwasser in Plastikflaschen kostenlos an die Passagiere verteilen. Diese unwürdige Nebentätigkeit raubt ihm sogleich die Aura der Autorität, die Fahrgäste werfen ihm denn auch mitleidige Blicke zu. Da nützt auch die schöne Uniform nichts mehr.

In Prag muss ich ein einziges Mal umsteigen. Der Zug der Österreichischen Bundesbahnen, der mich nach Wien bringen soll, heißt Railjet. Geht’s noch angeberischer? Warum nicht gleich Gleisrakete, das Space Shuttle auf der Schiene? Früher suchten die Erfinder das Neuartige sprachlich an das Vertraute anzuschließen, um den Menschen die Angst zu nehmen, so wie beim „Flughafen“. Heute schwindeln Marketingschwätzer das Altbekannte zur Neuigkeit hoch. Wahrscheinlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, weil Erfindungen, die das Leben der Leute wirklich verbessern, schon lange keine mehr vorgefallen sind. Die letzten großen Erfindungen der Menschheit waren, wenn ich nicht falsch unterrichtet bin, der Flachbildschirm, Aperol Spritz und der Gender-Asterisk.

Zwei junge italienische Paare kommen in den Wagen. Sie sind äußerst unsympathisch, denn laut und fröhlich. Was gibt es Widerwärtigeres als die gute Laune fremder Menschen? Erfreulicherweise kommt bald eine Schaffnerin und verweist sie der ersten Klasse, in die sie sich widerrechtlich gesetzt hatten. Sie packen ihre Sachen zusammen und trotten geschlagen davon. Äußerst befriedigend ist es, dabei zuzuschauen, wie die Ordnung wiederhergestellt wird! Stille im Waggon. Mir kommt ein schlimmer Verdacht: Kann es sein, dass mein Aufenthalt in der ersten Klasse mich schleichend auch geistig in einen Vertreter der Oberschicht verwandelt? Führt zu viel Beinfreiheit zu Ellenbogenmentalität? Beginnt tief in mir gar die innere Kartoffel zu keimen?

Im Speisewagen sitzen am Nachbartisch zwei junge Männer, offenbar Rucksacktouristen, die sich auf der Reise kennengelernt haben, ein schmaler Finne und ein bulliger, glatzköpfiger Amerikaner. „Sei nicht beleidigt“, sagt der Amerikaner laut zu seinem Gefährten. „Aber ich habe mich bewusst entschieden, durch Mittel- und Osteuropa zu reisen, weil wir zuhause in den Südstaaten davon ausgehen, dass die Westeuropäer schwache Pussys sind, die Angst vor den jungen Moslems haben, ihre Frauen nicht mehr beschützen und sich vom Staat wie Kinder behandeln lassen. Und ich muss dir ehrlich sagen, das alles hat sich auf meiner Reise für mich bestätigt. Die Osteuropäer scheinen mir dagegen noch richtige Männer, einfach und ehrlich.“ – „Ja, ähm, hm“, erwidert der junge Finne, in der Stimme die Härte einer Tofuwurst. „Also, wir Skandinavier sind eigentlich auch ganz normal.“

Viel zu luxuriös ist auch das Hotel, in dem ich von dem Mann einquartiert wurde, der mich für eine Lesung nach Wien geladen hat. Nachdem die Frau an der Rezeption erfahren hat, dass mein Zimmer jemand anderes für mich bezahlt hat, schaut sie mich etwas seltsam an, lässt aber Gnade walten. „Das Frühstück ist in Ihrer Buchung nicht inbegriffen. Sie können aber natürlich auch einfach morgens vorbeikommen und trotzdem frühstücken. Das kostet dann 16 Euro“, erklärt sie und fügt nach einer kurzen Pause, in der sie mich wieder seltsam anschaut, hinzu: „Es gibt auch ein kleines Buffet, das kostet dann nur 7 Euro.“

Ich frühstücke am nächsten Morgen lieber beim Bäcker. Wer sich gerne einmal völlig dumm vorkommen will, der bestelle in Wien „einen Kaffee“. Die Verkäuferin erklärt mir geduldig die verschiedenen Sorten, die zur Auswahl stehen. Ich bestelle irgendwann einfach „einen Braunen“ aus Angst davor, dass die Aufzählung sonst gar kein Ende mehr nimmt. Nach dem Frühstück besuche ich das Museum der Stadt Wien, das sich, der Mode zur sprachlichen Selbstverstümmelung folgend, inzwischen Wien Museum nennt, geschrieben natürlich ohne Bindestrich. Das Innere des Museums wurde von der Modernisierung bislang aber verschont. Zu sehen gibt es bunte Kirchenfenster, Ölgemälde und Stadtmodelle. Besonders der originalgetreue Nachbau der Wohnung von Franz Grillparzer entfaltet großen Reiz. Man kann sich beim Anblick der verschörkelten Möbel aus dunklem Holz fühlen wie im Wohnzimmer der Oma, wenn man sich den Flügel und die Marmorbüste von Goethe wegdenkt. Mulmig wird mir allerdings bei dem Gedanken daran, dass ja zweifellos auch mein Wohnzimmer nach meinem Ableben einmal im Museum so wiederaufgebaut werden wird, um es den Scharen meiner Anbeter zu präsentieren. Wird man mich am Ende gar noch ausgestopft auf das Sofa setzen? Will ich das überhaupt? Unangenehm ist vor allem, dass ich jetzt schon ständig aufräumen muss, denn ich weiß ja nicht, wann mich der jähe Tod ereilen wird. Tritt er im falschen Moment ein, liegen im Wohnzimmer vielleicht noch Speisereste und Socken herum, die dann auf ewig originalgetreu der Nachwelt gezeigt werden, um das echte Bild meines Lebens nicht zu verfälschen.

Lange hält es mich nicht mehr in der historischen Gruft, denn draußen lockt der Sonnenschein des frisch hereingebrochenen Frühlings. Ich fahre zum Prater, um daselbst zwischen den Wienern zu flanieren. Ich mache mir so mit eigenen Augen ein Bild von diesem bunten Völkchen. Es ist eine gemischte Gesellschaft wie auch die Berliner Bevölkerung, allerdings weniger orientalisch, dafür mit auffällig osteuropäischem Einschlag. Wundersam nimmt sich eine jüdische Familie in orthodoxer Tracht aus, wie wenigstens ich sie in Berlin noch nie zu sehen bekommen habe. Die dort herumlaufenden jungen Israelis zeichnen sich durch eher unorthodoxe Trachten aus. Eine Familie von gewöhnlichen Österreichern fällt mir auf, weil sie eine Englische Bulldogge mit sich führt, die hörbar unter Atemproblemen leidet. Der Hund grunzt und röchelt wie ein volltrunkener Unteroffizier im Schlaf. Wie kann man nur so grausam sein, Tiere zu züchten, die von Natur aus nicht richtig atmen können? So fragen Tierschützer oft, wenn es um Möpse und ähnlich behinderte Hunde geht. Sie verkennen bei dieser Frage aber, dass gerade leidende und schwache Wesen unsere Liebe in besonderem Maße wecken. Da verlockt es manchen Menschen, absichtlich hilfsbedürftige Wesen in die Welt zu setzen, um sich dann um jene Geschöpfe kümmern zu können. Warum gäbe es sonst Kinder? Der Mops unter den Göttern ist übrigens Jesus, den die Menschen – wie Heinrich Heine einmal bemerkte – lieben wie keinen Gott vor ihm, eben weil auch er zum Leiden in die Welt gesandt wurde. Einen starken und siegreichen Propheten hingegen kann man nicht lieben, der kann Achtung nur gewinnen, indem er Furcht erweckt.

Zum Essen gerate ich abends in ein Restaurant mit dem eigentümlichen Namen … bin im Leo. Der Innenraum ist in warmen Farben gestrichen, hippiesk dekoriert und mit überfreundlichem Personal bestückt, das therapeutische Gespräche mit den Stammgästen führt. Ein Mann am Nebentisch fragt den Wirt, ob er denn Leo sei, woraufhin dieser erläutert: „Nein, ich bin nicht Leo. Es gibt auch keinen Leo hier. Leo ist nicht der Name, sondern kommt von dem Ausruf von Kindern beim Fangespielen, wenn sie sich im geschützten Bereich befinden und nicht abgeschlagen werden dürfen. ‚Ich bin im Leo!‘, sagt man da in Wien und Niederösterreich. Ein solcher geschützter Bereich soll auch das Restaurant für unsere Gäste sein. Hier sollen sie sich wohl und sicher fühlen.“ Ich erinnere mich, dass in meiner Kindheit in Sachsen beim Fangespielen der entsprechende Satz „Ich bin im Zick!“ lautete. Und mir wird klarer, was hinter der gegenwärtigen Sehnsucht so vieler junger Leute nach „Safe Spaces“ steckt. Sie wollen am liebsten nie erwachsen werden, mit dem Bösen in der Welt nicht in Berührung kommen, um ihre Unschuld zu bewahren. Sie schließen die Augen, um sich unsichtbar zu machen. Man möchte sie manchmal schütteln, diese jungen Leute, aber das wäre ja dann schon wieder eine unerträgliche Grenzüberschreitung. Seltsam übrigens, wie zurzeit die unterschiedlichsten Menschen Angst davor haben, dass Grenzen überschritten werden.

Als ich am nächsten Morgen erwache, spüre ich eine große Sehnsucht nach der Natur. Ich gehe also ins Naturhistorische Museum und schaue mir die Zoologische Sammlung an. Es scheint, als wäre hier jedes Tier der Welt ausgestopft in einer Vitrine zu sehen. Und neben jeder Vitrine hängt eine goldene Plakette, auf der vermerkt ist, dieses Tier habe Prinz Luitpold, der Tierliebe, während seiner Verlobungsreise nach Exotistan persönlich mit seiner silbernen Jagdbüchse erlegt. In meiner gewöhnlichen Art jage ich lieber nach Fällen von merkwürdiger Tragik. Und ich finde die Stellersche Seekuh. Sie lebte friedlich viele Millionen Jahre im Nordpazifik bei einigen Inseln vor Kamtschatka. Dann kamen die Menschen. Der Forscher Georg Wilhelm Steller, der das Leben dieser einzigen Kaltwasserseekuh als erster beschrieb, schilderte zugleich auch schon ihr Sterben. Die Seekühe machten es den Jägern besonders leicht. War eines der Tiere gefangen, versuchten die anderen, ihm zu Hilfe zu eilen und gerieten so in die Hände ihrer Mörder. Zähne, um sich zu verteidigen, besaßen die Seekühe nicht mehr, denn sie hatten sich seit ewigen Zeiten allein von Seetang ernährt. Die letzte Stellersche Seekuh wurde 1768 bei der Beringinsel von hungrigen Pelztierjägern erschlagen. Der klarste Beweis dafür, dass es keinen Gott gibt, ist der Mensch.

In einem Café mit israelischer Küche esse ich Shakshuka. Hinter mir sitzen zwei Studentinnen aus Deutschland und beklagen sich über die Wiener. Die seien so schrecklich distanziert, meint die eine, schauten einem nicht in die Augen und grüßten nie zurück – ganz anders als die Leute in Dortmund. „Als ich letztes Jahr in Israel war, bin ich einmal mit einer Freundin frühstücken gegangen, ganz ungewaschen und ungeschminkt, aber prompt haben uns zwei Typen angesprochen, mit denen wir dann den ganzen Tag verbracht haben. Die wollten uns, obwohl wir so scheußlich aussahen! In Wien kann ich so schön sein, wie ich will, hier spricht mich trotzdem nie einer an!“ Die zweite Frau fängt nun an, über ihren Freund zu klagen. Der mache laufend Schluss und komme dann ein paar Tage später doch wieder weinend zurückgekrochen. Woraufhin die erste Freundin tröstend erwidert, ihre Beziehung sei zwar stabil, ja inzwischen eheähnlich, doch auch nicht ohne Unannehmlichkeiten. Besonders im Urlaub sei es schwierig, denn zehn Tage am Stück miteinander, das halte man ja im Grunde nicht aus. In Bangkok letztens habe der Mann zum Beispiel die ganze Zeit am Pool des Hotels verbringen wollen. Aber man müsse doch nicht um die halbe Welt fliegen, um dann am Pool zu liegen! Die beste Lösung sei es in solchen Fällen, wenn jeder für sich allein etwas unternehme. Überhaupt brauche man in der Beziehung regelmäßig Abstand. Eine geniale Strategie, so dachte auch ich: Man trenne sich möglichst oft, um zusammenbleiben zu können! Folgt man konsequent dieser Dialektik der Liebe, dann sind die glücklichsten Partnerschaften jene, in denen die Partner einander gar nicht erst kennenlernen. Wäre es nicht zu aufdringlich gewesen, hätte ich den beiden Frauen gerne noch selbst Ratschläge erteilt, insbesondere den folgenden: Redet lieber nicht über intime Dinge, wenn ein seltsamer Fremder mit einem Notizbuch in eurer Nähe sitzt!

Mit Straßenbahn und Bus fahre ich auf den Kahlenberg, laut Reiseführer ein Ausläufer des Wienerwalds und der Hausberg Wiens. Die Höhenstraße schlängelt sich auf den Gipfel, von einer Aussichtsterrasse bietet sich ein überwältigender Blick hinab auf die Stadt und das ganze Wiener Becken. Ein Schild kündigt an, hier werde bald ein Denkmal für Jan Sobieski errichtet, den polnischen König, der mit seinem Entsatzheer 1683 in der Schlacht am Kahlenberg Wien vor der Eroberung durch die Türken und der vorzeitigen Einführung des Döners rettete. An erfolgreiche Kämpfer gegen die Osmanen erinnert man sich offenbar dieser Tage wieder mit besonderer Inbrunst. An der Bushaltestelle klebt ein weiteres Denkmal: „Die Veränderung hat begonnen“, steht da neben einem Foto des jungen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, der auf dem Porträt feldherrenmäßig in die unbestimmte Ferne schaut. Ein weiterer Slogan macht den Wählern aber auch handfestere Versprechungen: „Weniger Steuern. Weniger Schulden. Weniger Bürokratie. Mehr für Sie.“ Die Leute denken bei der Rettung des Abendlandes eben doch zuerst an ihr eigenes Sparbuch.

Mit dem Bus fahre ich zum Bahnhof Heiligenstadt, um mir den Karl-Marx-Hof anzuschauen, einen der riesigen Wohnkomplexe für Arbeiter, die von den österreichischen Sozialisten in der Zwischenkriegszeit in Wien errichtet wurden. Nach dem austrofaschistischen Staatsstreich 1934 verschanzten sich hier die Arbeiter im Kampf gegen die Armee. Inzwischen wirkt die rote Farbe der Hauswände recht verblichen. Vielleicht war sie aber auch von Anfang an nicht sehr satt. Im Hof sitzt auf einer Bank ein Berufstrinker, der alle Vorübergehenden mit erhobenem Arm grüßt. Ich kann nicht richtig verstehen, ob er dabei „Heil Hitler!“ oder „Halleluja!“ ruft. Wird hier heutzutage noch gegen irgendetwas Widerstand geleistet? Das Wort steht immerhin mit schwarzer Farbe gesprüht auf einer Wand. An einer Laterne klebt ein halb abgekratzter Aufkleber in den österreichischen Landesfarben, auf dem man noch lesen kann: „Wie viele Vergewaltigungen müssen noch geschehen, bis ihr …“

Was ist eigentlich los in Österreich? Um diese Frage zu klären, greife ich mir die gleichnamige Gratiszeitung, die überall in der Stadt ausliegt und offenbar auch gerne mitgenommen wird. Einige Schlagzeilen der Ausgabe vom 3. April 2018 lauten: „Letzte Chance für Rauchverbot“, „Neuer Schock: Amazon hört uns alle ab“, „Turbo-Frühling: Hoch ‚Klaus‘ bringt uns Hitze aus Spanien“, „Schneesturm zu Ostern: Klima immer verrückter“, „Niederösterreicherin starb mit 111 Jahren. Österreichs älteste Frau liebte Grammeln & Schnitzel“, „Kurz wichtiger als Merkel“, „Regierung startet in die nächsten 100 Tage. Nach Zwischenbilanz & Osterpause geht’s los“, „Russland: ‚Giftanschlag im Interesse Londons’“, „Melania und Donald Trump: Liebesshow nach Ehekrach“, „Israel will 16000 Migranten in andere Länder umsiedeln“, „Brutaler Räuber: Lehre statt Knast. 17-Jähriger musste nicht in Haft – dann überfiel er Handygeschäft“, „Burschen schossen auf fahrendes Auto“, „SMS rettet Frau vor Vergewaltigung“, „Wiener Jung-Terrorist (19) steht ab morgen vor Gericht“, „Pensionist (81) zu Hause überfallen. Senior beim Geldabheben beobachtet“, „Auf offener Straße mit Pistole bedroht. Zwei bewaffnete Teenager raubten Burschen (15) aus“, „500 Demonstranten legen City lahm. Nächste Kurden-Demo blockiert die Ringstraße“. Kein Zweifel: Ich lese ein Blatt, das wesentlich nicht aus Papier, sondern aus Angst besteht. Österreich wäre kaum auszuhalten, würde mein bundesdeutsches Herz nicht zwischendurch immer wieder mal durch Zauberworte wie „Grammeln“ oder „Burschen“ erwärmt. Es überrascht kaum, dass sich in der Angstzeitung auch eine ganzseitige Anzeige mit folgender Überschrift findet: „Erektionsstörungen. Wenn’s im Bett plötzlich nicht mehr läuft“. Wie soll es auch laufen, wenn man sich davor fürchten muss, am nächsten Morgen von Burschen beschossen, vergewaltigt, ausgeraubt, in die Luft gesprengt oder zum Passivrauchen gezwungen zu werden? Mal ganz davon abgesehen, dass Amazon das Schlafzimmer abhört! Offenbar wird in Wien die Angst trotz ihrer Nebenwirkungen sehr gern konsumiert. Dabei ist Wien so schön und so reich, wird regelmäßig zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Ist es vielleicht nicht nur in Wien, sondern auch anderswo gerade der Wohlstand, der die Menschen ängstlich, misstrauisch und neidisch macht? Fürchten die Besitzenden den plötzlichen Verlust noch weit mehr als die Mittellosen? Soll ich am Ende gar den Satz wagen: Die Demagogen haben in unserer Zeit großen Erfolg, nicht weil es den Leuten schlecht, sondern weil es ihnen zu gut geht?

Das Wien im Schein der Abendsonne ist so schön, dass es mich am Ende fast stört, noch in einen Keller hinabsteigen zu müssen, um dort Leuten etwas vorzulesen. Aber auch dies meistere ich mit Hilfe einiger Stimmungsbiere. Nach getaner Arbeit und zwei verkauften Büchern sitze ich mit Kollegen in der noch erstaunlich milden Nachtluft. Mit dem Gastgeber, der mich vor zehn Jahren zum ersten Mal nach Wien eingeladen hatte, spreche ich über den Wandel der Zeiten und des Publikums. Mir entfährt die kulturpessimistische These, die jungen Leute seien heute im Allgemeinen unempfänglicher für das Abseitige, das Anstößige, das Spielerische in der Literatur. Es dürste sie stattdessen nach sprachlich glatter, gedanklich schlichter und moralisch einwandfreier Lehr- oder Bekenntnisdichtung. Mein Wiener Gastgeber stimmt mir immerhin darin zu, dass es die Ironie auf Bühnen heute schwerer als früher habe. Ob meine kulturpessimistische These auch ohne den Einfluss von sieben Bieren tragfähig bleibt, wäre in Zukunft noch genauer zu prüfen.

Auf der Heimfahrt nach Berlin am nächsten Tag versuche ich, das Buch zu Ende zu lesen, das ich auf meine Reise mitgenommen hatte: Peter Altenbergs Wie ich es sehe. Aber meine Geduld reicht immer nur für ein paar Zeilen, dann fesseln mich schon wieder die Bilder der kleinen Welt, die mich umgibt. Jetzt zum Beispiel streitet sich gerade ein junger Amerikaner mit seinem Vater darüber, wie man richtig Bilder mit der Fotokamera aufnimmt. Der Sohn meint, der Vater solle nicht immer auf den Vordergrund fokussieren, der Hintergrund verschwimme so und sehe aus wie weißgestrichen, ganz furchtbar. Der Vater verteidigt seinen Stil mit der Milde des Alters, die nicht mehr in die Ferne strebt wie die Jugend, sondern das Naheliegende zu schätzen weiß. Soll man diese Einstellung des Alten auf seine Kurzsichtigkeit zurückführen? Oder auf seine Weitsichtigkeit? Die Ehefrau und Mutter zwischen den zwei streitenden Männern macht derweil die ganze Zeit nur: „Schscht! Schscht!“

Michael Bittner

Die unerwünschten Fremden

Das portugiesische Coimbra beherbergt eine der ältesten Universitäten Europas. Vor einer Weile schaute ich sie mir während einer Frühlingsreise durch Portugal aus der Nähe an. Dabei kam ich ziemlich ins Schwitzen. Die Gebäude der Hochschule liegen auf einem Hügel, man muss klettern, um auf den Gipfel der Weisheit zu gelangen. Hat man das geschafft, sieht man in den schmalen Gassen nicht nur viele junge Studenten, sondern auch jede Menge Touristen, die um die historischen Universitätsbauten schwärmen und von ihnen auch.

Auf den ersten Blick scheint alles harmonisch, doch einige Graffiti zeugen von einem gewissen Unbehagen unter den Einheimischen. „Lieber Tourist“, las ich da zum Beispiel an einer Hauswand, „wir fühlen uns wie Tiere im Zoo!“ Ich dachte: Nun ja, mein Bester, wenn man in einem gewaltigen Freilichtmuseum lebt, muss man eben damit rechnen, dass man auch selbst wie ein Ausstellungsstück betrachtet wird. Eine prachtvolle historische Stadt, die sich vor Touristen kaum noch retten kann, gleicht wohl einer sehr anziehend aussehenden Frau, die sich von den unablässigen Komplimenten und Annäherungsversuchen der Männer nicht mehr geschmeichelt, sondern belästigt fühlt. In beiden Fällen ist die Lösung schwierig. Die schöne Frau wird sich trotzdem nicht absichtlich entstellen, die schöne Stadt kann sich kaum bewusst in Hoyerswerda umbauen. Während ich weiter durch die Gassen spazierte, entdeckte ich noch eine weitere Botschaft in der grünen Handschrift desselben Sprühers: „Lieber Tourist, mein Vermieter will mich rausschmeißen, weil du mehr zahlst!“ Und noch ein Stückchen weiter stand an der Außenwand eines Hauses, das gerade von Handwerkern umgebaut wurde: „Hier wohnte einmal jemand!“ Mir leuchtete ein: Es gab noch handfestere, materielle Ursachen für die Abneigung gegenüber Fremden. Offenbar wurden hier gerade die armen Studenten aus ihren Wohnungen geworfen, weil die Vermieter mit Ferienappartments für reiche Touristen aus dem Ausland mehr Geld verdienen konnten. Den Zorn darob verstand ich natürlich. Andererseits: Brachten die Touristen denn nicht auch einiges Geld ins klamme Portugal?

Abends saß ich in Coimbra oft am Platz der Republik vor einer der Studentenkneipen. Die Luft war mild und das Bier war günstig. Abneigung gegen Touristen zeigten weder die jungen Kellner noch die jungen Gäste, die ringsum an den Tischen saßen, aus kleinen Gläsern tranken und lebhaft quatschten. Am Ende des Abends wusste ich stets nicht recht: Soll ich die Freundlichkeit durch reichliches Trinkgeld belohnen? Wirke ich nicht, wenn mir das Geld allzu locker sitzt, wie der arrogante reiche Schnösel aus dem Norden? Oder würden sich die Portugiesen über meine Großzügigkeit freuen, gleichsam als Wiedergutmachung für die Knauserigkeit von Wolfgang Schäuble? Konnte ich mit einem Euro mehr vielleicht die europäische Idee retten?

Wieder zuhause in Berlin musste ich mir solche Fragen nicht mehr stellen, da war ich ja selber arm. Da durfte ich nun wieder über die Zugereiste meckern, die den Bierpreis im guten alten Friedrichshain in astronomische Höhen schnellen ließen. Auch Berlin muss ja mit einem Ansturm von Fremden zurechtkommen. Die werden allerdings eher selten von der historischen Schönheit Berlins angezogen. Berlin gleicht weniger einer besonders schönen Frau als einer, von der weltweit bekannt ist, dass man mit ihr ziemlich unkompliziert Spaß haben kann. Einigen Berlinern ist angesichts der Touristenmassen der Spaß inzwischen vergangen. Auch in Berlin sieht man Graffiti, die mit subtilen Botschaften wie „Berlin hates you!“ wohlhabende Touristen und Zugezogene dazu auffordern, die Stadt umgehend wieder zu verlassen. Gelegentlich werden auch Scheiben eingeworfen oder Autos angezündet.

Bricht sich hier wirklich Zorn von Einheimischen Bahn? Nach meinem Eindruck zeichnen sich ja gerade die autochthonen Urberliner durch eine große Duldsamkeit gegenüber Hinzukömmlingen aus. Im Fernsehen sah ich eine Reportage zum Thema, in der ein alteingesessener Neuköllner Biertrinker gefragt wurde, ob er sich an den vielen zugezogenen Hipstern in seinem Kiez störe, worauf dieser erwiderte: „Wer jetze? Wie heißen die Kollejen? Hipster? Wer is det? Is mir hier noch jar ni so uffjefallen, ehrlich. Nö. Also muss ick sagen, jetz in der Richtung hier, hab ick hier nüscht jesehen weiter, von den Kollejen.“ Mir scheint es sich bei denen, die Stress machen, eher selbst um Zugezogene zu handeln, die es bloß schon etwas früher nach Berlin verschlagen hatte. Diese Leute sind fest davon überzeugt, sie hätten in den Siebzigern, Achtzigern oder Neunzigern Berlin durch ihre Ankunft erst interessant gemacht. Deshalb sehen sie sich nun um die Früchte ihrer harten Arbeit betrogen. Die neuen Zuzügler setzen sich ja einfach ins gemachte Nest und fühlen sich auserwählt, dabei haben sie weder Kohlen geschleppt noch sich mit Bullen geprügelt. Auf mich wirkt diese ganze Sache weniger wie ein Krieg zwischen echten und falschen Berlinern als wie ein Generationskampf unter Exilschwaben.

In der Zeitung las ich derweil davon, dass auch in Spanien Menschen immer militanter gegen Touristen protestieren. In Palma de Mallorca treibt der Anblick von besoffenen Deutschen die Einheimischen dazu, schwarze Fahnen aus dem Fenster zu hängen und „Tourist go home!“ an die Hauswände zu sprühen. Auch in Barcelona fühlen sich Einheimische vom fremden Partyvolk überrollt. Es haben sich paramilitärische Aktionsgruppen gebildet, die sich nicht davor scheuen, Leihfahrräder in ihre Einzelteile zu zerlegen. Maskierte stoppten jüngst einen Touristenbus und versetzten die Fahrgäste in Angst und Schrecken, indem sie die Reifen zerstachen und auf die Windschutzscheibe die Parole sprühten: „Der Tourismus tötet die Stadtviertel“.

Unwillkürlich fiel mir da ein, dass auch in Deutschland vor einer Weile ein Bus mit Fremden von Einheimischen gestoppt und belagert wurde. War das nicht irgendwo in Sachsen? Die Insassen des Busses waren dort allerdings keine Touristen, obwohl sie in einem Bus saßen, der Reisegenuss versprach. Obwohl: In den Augen der Belagerer handelte es sich wohl durchaus um Touristen, um Wohlstandstouristen, die es sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers in Sachsen gemütlich machen wollten. Bei dieser Vorstellung werden einige Sachsen aber immer ungemütlich. Sie werfen dann schon mal Scheiben ein oder zünden Häuser an.

Wir leben wahrlich in merkwürdigen Zeiten: Im Süden werden die Fremden angefeindet, weil sie reich sind, im Norden werden die Fremden angefeindet, weil sie arm sind. Die einen Fremden werden gehasst, weil sie zu viel saufen, die anderen Fremden werden gehasst, weil sie gar nichts saufen und deswegen nicht zur abendländischen Kultur passen. Es ist dieser Tage wohl einfach keine gute Idee, fremd zu sein. Fremde sind bei den Einheimischen gerade überhaupt nicht angesagt, ganz gleichgültig an welchem Ort. Damit ist aber auch die Lösung für das Problem ziemlich klar: Es bleiben ab jetzt einfach alle zuhause! Keiner rührt sich mehr vom Fleck, dann gibt es auch keinen Ärger mehr. Dumm sieht es so bloß noch für Leute aus, die kein Zuhause mehr haben und die deswegen, wo immer sie auch hinkommen, unvermeidlich Fremde sind.

Michael Bittner

Deutsche im Sturm

Der Autor legt Wert auf die Vorbemerkung, dass er sämtliche Ereignisse und Äußerungen getreulich nach der Wirklichkeit aufgezeichnet hat.

Ich sitze im EuroCity Richtung Prag zwischen Berlin und Dresden, wie zumeist in diesem Zug im vorzüglichen tschechischen Speisewagen, wo es noch Lampen mit warmem Licht gibt, Tischdecken, freundliche Kellner und Köche, die nicht nur eine Mikrowelle zu bedienen wissen. Vor etwa einer Dreiviertelstunde haben wir Berlin planmäßig um 15:10 Uhr verlassen, ganz zu meiner Freude, denn ich hatte wegen des angekündigten Sturms schon mit einer  Verspätung gerechnet. Die wäre aber heute besonders ungünstig, denn ich habe mein Telefon zuhause liegen lassen, sodass es mir schwerfallen würde, die Freunde zu erreichen, die in Dresden auf mich warten. Auf einem Blatt Papier notiere ich mir gerade die Reihenfolge der Texte, die ich am Abend vorlesen will. Ziel meiner Reise ist die Premierenfeier meines neuen Buches. Ein Stückchen hinter Jüterbog bleibt der Zug plötzlich im Wald stehen. Durchs Fenster sehe ich, wie Windböen die Bäume schütteln. Ungute Gedanken kommen auf. Der Schaffner meldet sich über den Lautsprecher: „Werte Fahrgäste, wir können unsere Fahrt leider im Moment nicht fortsetzen, da auf der Strecke vor uns Bäume in die Oberleitung gefallen sind. Ich kann Ihnen im Moment leider noch nicht sagen, wie es weitergeht und bitte Sie um etwas Geduld.“

Ein Mann zwei Tische weiter mit Magdeburger Akzent fängt an zu meckern: „Das kann ich nicht verstehen. Es muss doch eine Vorschrift geben, dass Bäume nicht so nah am Gleis stehen dürfen! Da muss es doch ein Gesetz geben, bestimmt gibt es sogar eins. Warum sägt man denn dann diese ganzen Bäume nicht ab? Dann können die auch nicht mehr auf die Gleise fallen. Das kann doch nicht wahr sein, das ist doch schon wieder so typisch Deutsche Bahn!“ Ein glatzköpfiger Hamburger, der mit dem Magdeburger zufällig an einen Tisch geraten ist, nickt schweigend. „Ich find was anderes viel schlimmer!“, ruft ein weiterer Mann von hinten. „Dass es hier mitten in Deutschland kein Netz gibt! Kein einziger Balken! Man kann nicht einmal zuhause anrufen!“ Wir sind hier nicht mitten in Deutschland, denke ich still, wir sind hier mitten in Brandenburg. Ich bleibe locker. Klugerweise bin ich ja eigens fünf Stunden vor Beginn der Lesung losgefahren, um auch auf jeden Fall pünktlich anzukommen. Ich hole erst einmal mein Notizbuch aus der Tasche, um ein bisschen mitzuschreiben.

„Entschuldigung!“, spricht der glatzköpfige Hamburger den sächsischen Schaffner an, der gerade den Speisewagen durchquert. „Wenn wir jetzt hier länger stehen, gibt’s dann vielleicht die Möglichkeit, mal eine zu rauchen?“ – „Nein.“ – „Kann man nicht mal eine Tür aufmachen?“ – „Auf keinen Fall! Dann fällt noch einer raus, das fehlt uns gerade noch!“

Eine Viertelstunde später steigen die ersten Leute aus dem Zug und spazieren an den Gleisen entlang. Im Speisewagen steigt der Konsum von Wein und Bier. Die Küche hingegen bleibt kalt. „Kein Strom“, sagt der junge tschechische Kellner allen, die jetzt ein Schnitzel bestellen wollen. Eine Gruppe junger Leute kommt aus ihrem Abteil in den Speisewagen, um Karten zu spielen. Der Magdeburger sagt zum Hamburger: „Wenn man’s positiv sieht: Immerhin hat man jetzt mal Zeit zu reden.“ Der Hamburger wirkt nicht sehr begeistert.

Eine Stunde ist vergangen, der Zug bewegt sich nicht. Wolfgang Stumph kommt durch den Gang gelaufen und beruhigt die Menschen. „Die schicken bestimmt bald jemanden“, sagt Stumpi. „Dann geht’s weiter.“

Ich bestelle mir das zweite Bier. Die Gefahr scheint gering, dass mir nicht genug Zeit bleiben könnte, um es auszutrinken. Hinter mir höre ich eine Schaffnerin auf einen Fahrgast einreden: „Die Feuerwehr arbeitet im Akkord, die haben gerade sechzig Einsätze. Wenn die einen Baum weggeräumt haben, fällt hinter ihnen der nächste um. Die ganze Strecke ist jetzt für den Bahnverkehr gesperrt, ich kann Ihnen nicht sagen, wann es weitergeht.“

Eine Amerikanerin fragt den tschechischen Kellner verzweifelt, ob er Englisch spreche. Sie hat keine Ahnung, was eigentlich los ist, weil die Ansagen nur auf Deutsch durch den Lautsprecher kommen. Die Ärmste weiß nicht, dass deutsche Schaffner Ansagen auf Englisch nur machen, wenn es um gleichgültige Dinge geht.

Eine Gruppe von betrunkenen Männern aus Westfalen stürmt den Speisewagen. „Zwei Kiefern hängen vorne in der Oberleitung“, berichten sie. „Und dann ist auch noch der Anfahrtsweg für die Feuerwehr scheiße. Aber was soll’s: Wir machen jetzt Party! Kommt in den letzten Wagen, wir haben noch jede Menge Bier und Eierlikör!“

Am Nachbartisch versucht ein älterer Sachse, eine junge Frau mit Hilfe scharfer Merkel-Kritik zu unterhalten. „Wer sich in Deutschland nicht integrieren will, der muss wieder gehen! Und das betrifft eben vor allem kriminelle Zuwanderer aus dem Maghreb!“ Die junge Frau stellt sich als Thüringerin heraus, die in der Flüchtlingshilfe arbeitet. Die Chance auf ein schnelles Katastrophennümmerchen auf der Bordtoilette sinkt spürbar. Den alten Mann erinnert die Gegenwart an die letzten Jahre der DDR. Die BRD sei eine Lobbyrepublik, aber die Leute seien blind dafür. „Den Deutschen geht es viel zu gut!“, sagt er. „Die Deutschen sind das dümmste Volk, das mir seit der Wiedervereinigung über den Weg gelaufen ist!“ Zum Ende des Gesprächs treffen sich beide immerhin in der Auffassung, eine Überwindung des Kapitalismus sei dringend erforderlich, eine klassenlose Gesellschaft aber unmöglich. So kommen in Deutschland also doch noch politische Gegner miteinander zivilisiert ins Gespräch. Und alles, was es dafür braucht, ist eine gewaltige Naturkatastrophe. Das macht Hoffnung.

Die Stimmung im Zug wird seltsamerweise mit der Zeit nicht schlechter, sondern besser – wahrscheinlich, weil die Biervorräte des tschechischen Speisewagens unendlich scheinen. Draußen vorm Fenster sieht man jetzt Feuerwehrleute anrücken; neue Hoffnung keimt auf.

Ein junger Mann bringt Neuigkeiten: Eine Hilfslok soll kommen und uns rückwärts ziehen, aber nicht bis Berlin, sondern nur bis Jüterbog. So langsam dämmert den Fahrgästen, dass die Lage ernst ist. „So eine Scheiße, wir kommen also heute nicht mehr nach Prag in den Puff!“, klagt einer der Westfalen. Der Magdeburger denkt laut darüber nach, durch den Wald zehn Kilometer bis zur nächsten Ortschaft zu laufen, um von dort aus mit dem Taxi nach Dresden zu fahren. Die jungen Leute am Kartentisch überlegen, ihre Eltern in Hamburg anzurufen und sich abholen zu lassen. Die Westfalen wollen notfalls mit den Zweigen der umgestürzten Kiefern ein Lagerfeuer anzünden. Ich fühle mich in meiner alten Auffassung bestätigt, dass ein Großteil der erwachsenen Bevölkerung eigentlich entmündigt werden müsste.

Angesichts der Tatsache, dass die Toiletten nicht mehr funktionieren, fangen mich die beiden Biere, die ich trank, zu reuen an. In einigen Waggons des Zuges gehen die Lichter aus, denn die Batterien gehen zur Neige. Auch kühl wird es langsam. Eine Mutter schreit ihr Kind an. Allgemein wird unter den Fahrgästen die Rückkehr der Wölfe nach Brandenburg kritischer betrachtet als früher. Ich laufe zum Zeitvertreib ein wenig an der sehr frischen Luft herum und erfülle mir im Dunkel, das inzwischen hereingebrochen ist, einen Kindheitstraum: einmal vom Bahndamm pinkeln!

„Mein letzter Wille: ‘ne Frau mit Brille!“ Die betrunkenen Westfalen berichten einander davon, welche Schlampen sie schon für wie viel Geld gebumst haben. Wie lange wird es noch dauern, bis wir zum Kannibalismus übergehen? Erst einmal fangen die Westfalen an, sich auf ihren Telefonen gegenseitig Pornofilmchen vorzuführen.

Am Nebentisch sitzt inzwischen ein Amerikaner mit seiner erwachsenen Tochter. Er fordert sie auf, doch etwas zu trinken zu bestellen. Aber sie will nicht, weil die Toiletten kaputt sind. „Aber du kannst doch draußen pinkeln gehen, Sweetie!“- „Ich habe aber noch nie in der Öffentlichkeit gepinkelt, ich möchte das nicht.“- „Aber Sweetie, das ist doch kein Problem, ich kann doch mitkommen!“

Die betrunkenen Westfalen rufen inzwischen Frauen, die sich zwischen ihnen durch den Speisewagen drängeln müssen, „Ficki Ficki!“ hinterher. Erstaunlich: Es braucht nur vier bis fünf Bier, um junge Deutsche in jene Nafris der schlimmsten Sorte zu verwandeln, die sie doch angeblich so verachten. Der Amerikaner erklärt seiner Tochter: „Das sind Leute von der freiwilligen Feuerwehr aus Münster. Ich habe vorhin ein bisschen mit ihnen geredet. Sie sind betrunken, aber es sind gute Jungs.“

21 Uhr. Plötzlich gehen die Lichter wieder an. Man erzählt sich: Die Leitung sei repariert, der Strom fließe wieder und der Zug solle seine Fahrt fortsetzen, sogar wie geplant Richtung Dresden und Prag. Bald darauf setzt sich der Zug in Bewegung, Jubel bricht aus. Mir ist inzwischen alles gleichgültig. Ich will gar nicht mehr nach Dresden, denn meine Lesung werde ich ohnehin nicht mehr erreichen. Seit geraumer Zeit spreche ich anstelle des Bieres einem vorzüglichen tschechischen Weißwein zu.

Die erste Durchsage nach vielen Stunden: „Wir fahren jetzt mit 20 Kilometern pro Stunde bis zum nächsten Haltepunkt in Holzdorf an der Elster, dort wird die Oberleitung nochmals geprüft.“

Ein Gespräch über die AfD bricht aus. Der Magdeburger erklärt den Erfolg der Partei mit Ostfrust, resultierend aus sozialer Ungerechtigkeit, niedrigen Löhnen, kümmerlichen Renten und überhaupt der ganzen kapitalistischen Scheiße. Der Ossi sage sich derzeit: ‚Das ist doch wirklich ein großer Mist: 40 Jahre haben sie uns in der DDR betrogen und belogen, aber ausgerechnet über den Kapitalismus haben sie uns die Wahrheit erzählt.‘ Der Hamburger scheint nicht völlig überzeugt, bemüht sich aber, den aufgebrachten Magdeburger nicht durch Widerspruch zu reizen. Er gesteht ein, die etablierten Politiker müssten ihr Handeln „besser erklären“, um die Menschen „abzuholen und mitzunehmen“. Es fällt ihm jedoch schwer, seine Position zu erläutern, weil er vom Magdeburger immer nach fünf Worten schon wieder abgewürgt wird. „Die ganzen Frustrierten bei uns im Osten, die jetzt AfD gewählt haben, was bekommen die? Eine Regierung aus CDU, FDP und Grünen, also Parteien, die gar nichts für den kleinen Mann tun werden!“ Immerhin einigen sich die beiden darauf, dass Gerhard Schröder „der schlimmste Verbrecher von allen“ ist.

Als wir in Holzdorf stehen, borge ich mir das Telefon eines Spaniers und rufe die einzige Nummer an, die ich bei mir habe, meine eigene. Zuhause geht erfreulicherweise eine Frau ran und erklärt mir, meine Lesung finde gerade ohne mich statt; die Stimmung sei aber sehr gut. Ich freue mich darüber, dass ich offenbar schon nicht mehr vermisst werde. So schnell kommt man der Welt abhanden. Ich bestelle noch einen Weißwein. Die Toiletten funktionieren wieder. Das Bruttosozialprodukt Tschechiens dürfte an diesem Abend allein um 3,7 Prozent gewachsen sein.

Ich bemerke mit Schrecken, dass einen Tisch weiter schräg gegenüber schon seit einer ganzen Weile ein junger Schriftsteller sitzt, den ich vor ein paar Tagen in Berlin kennengelernt habe. Jetzt ist die Zeit verstrichen, in der wir einander ohne Peinlichkeit hätten wiedererkennen und begrüßen können. Uns bleibt nun nichts anderes übrig, als aneinander vorbeischauen, ein ganzes Schnitzel lang, das ihm gerade erst serviert wurde.

Wir stehen immer noch in Holzdorf an der Elster. Ich sitze inzwischen acht Stunden in diesem Zug. Langsam kommen mir die anderen Fahrgäste wie Familienmitglieder vor, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich möchte für diesen Gemütszustand den Namen Holzdorf-Syndrom vorschlagen. Ein Mann aus Sachsen hat sich zu mir an den Tisch gesellt. Wir kommen darin überein, dass das Krisenmanagement der Deutschen Bahn verbesserungswürdig ist. Das Versagen führen wir auf die Profitgier zurück, die auch bei der Bahn inzwischen Rationalisierung über Kundenglück stellt. Er erzählt mir, er fahre eigentlich ganz gern mit der Bahn und besuche auf diese Weise oft seinen Sohn in Berlin. Wir spotten gemeinsam ein bisschen über all die Sachsen, die sich vor Berlin fürchten und die Stadt für den gefährlichsten Moloch der Erde halten. Als sich der Sachse verabschiedet, verspricht er, ab jetzt öfter mal nach meinen Texten in der Zeitung zu schauen. Und wieder einen neuen Leser im persönlichen Nahkampf gewonnen!

Ein Bahnmitarbeiter kommt jetzt auf die Idee, ab sofort Getränke und Essen umsonst im Zug zu verteilen. Die Fahrgäste, die noch am Leben sind, werden es ihm danken.

Der glatzköpfige Hamburger erzählt seinem Nachbarn, er sei heute eigens um 8 Uhr aufgestanden, um pünktlich anzukommen. Inzwischen ist es 23:45 Uhr. Er sieht aus, als würde er bald töten. Immerhin hat der Magdeburger aufgehört zu reden. Der Alkohol hat ihn schließlich kampfunfähig gemacht. Er döst nur noch mit hängendem Kopf auf seinem Sitz.

Ich warte die ganze Zeit vergeblich auf die eigentlich obligatorische Lautsprecherdurchsage: „Liebe Fahrgäste, unsere Verspätung beträgt zurzeit leider 420 Minuten. Wir bitten um ihr Verständnis.“ Meiner Ansicht nach an allem schuld: die Kiefer! Diese Niete unter den Bäumen, dieser Flachwurzler, den das kleinste Lüftchen umweht! Danke, Realsozialismus, dass du den ganzen Osten vollgepflanzt hast mit diesem zu groß geratenen Unkraut!

Ich bestelle mir den vierten Weißwein. Saufen auf Kosten der Deutschen Bahn macht doppelt Freude.

Der Amerikaner neben mir hat sich inzwischen als Geschäftsmann aus New Jersey vorgestellt, der in der Lebensmittelbranche tätig ist. Seine Tochter wohnt in der Schweiz, die beiden befinden sich gerade auf einer gemeinsamen Reise nach Prag. Er erzählt davon, Lidl versuche gerade, den amerikanischen Markt zu erobern, stoße aber auf Hindernisse: „Die wollen unsere Produkte haben, aber sie wollen sie unter einem anderen Namen verkaufen und so gut wie kein Geld dafür bezahlen. Warum sollten wir das machen? Wir sind doch nicht blöd.“ Er fragt mich, warum man uns nicht schon vor Stunden einfach mit Bussen abgeholt hat. Ich weiß ihm keine Antwort zu sagen.

0:26 Uhr. Nichts Neues. Ein Mann mit Hamburger Dialekt hinter mir klagt sein Leid ins Telefon: „Wir wissen nicht, wo wir sind. Wir wissen nicht, wohin wir fahren. Wie die Züge damals nach Auschwitz ist das.“

Auf dem Nachbargleis kommt plötzlich ein Zug aus der Gegenrichtung an. Wir sehen den Lokführer in der erleuchteten Fahrerkabine, er streckt beide Daumen nach oben und lacht. Es ist also tatsächlich geschafft: Ein Schienenräumfahrzeug hat sich aus Dresden bis zu uns durchgekämpft. Die Strecke ist frei.

0:42 Uhr. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Freude bricht aus, doch gedämpft durch allgemeine Müdigkeit. Nie wieder werde ich bezweifeln, dass der Begriff „Schicksalsgemeinschaft“ einen Sinn besitzt. Eine Glücksbotschaft wird über den Lautsprecher verkündet: Wir werden um 2 Uhr Dresden erreichen, nach nur 11 Stunden Fahr- und Stehzeit.

„Wir hätten in Berlin niemals losfahren dürfen“, murmelt der Schaffner, als er wieder einmal durch den Speisewagen trottet.

Es ist Punkt 2 Uhr, als ich in Dresden aus dem Zug stolpere und mir auf dem Bahnsteig die Augen reibe. Neben mir purzelt der betrunkene Magdeburger aus der Bahn. Wir wollen einander beinahe in die Arme fallen.

Ich warte an der Haltestelle auf eine Straßenbahn. Wenn mein Freund Max um 2 Uhr noch nicht schläft, habe ich sogar einen Platz zur Übernachtung. Die Chancen dafür stehen gut.

Eine alte Frau neben mir plärrt aufgeregt in ihr Telefon: „Ich steig jetz in die Ölf, Armin. Die Ölf! Wiesch dann weitergomm, weeßsch ononi. – Was? Aber ich gann doch nischd davier, wenn der Zug hier hält. Also, ich fahr jetz zum Ullersdorfer Blatz. – Armin, mein Delefon hat doch keen I-Mehl! Armin? Armin?!“

Michael Bittner

Dienstag, 22. August: Unsere Lesebühne Sax Royal zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum

Wie schon in den letzten Jahren gastiert unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal auch in diesem Sommer mit einem besonderen Auftritt im Deutschen Hygiene-Museum. Am Dienstag, den 22. August, präsentieren die fünf Stammautoren Michael Bittner, Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth ein literarisch-musikalisches Programm unter dem Titel „Gesichter“, passend zur laufenden Sonderausstellung „Das Gesicht. Eine Spurensuche“. In Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik erzählen wir von Gesichtern, die unser Leben veränderten, den Unebenheiten unserer eigenen Visagen und dem Antlitz der Zeit.

Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal begeistert seit mehr als 12 Jahren in der Scheune allmonatlich das Publikum. Heitere Texte über den Wahnsinn des Alltags gehören ebenso zu unserem Programm wie satirische Angriffe auf die Weltordnung und lyrische Eskapaden. Humoristischer Ausbruch und intellektueller Anspruch schließen sich dabei nicht aus, sondern finden zueinander wie die Faust und das Auge. Mit dabei sind der Kolumnist und Satiriker Michael Bittner, der Star der MDR-Show „Comedy mit Karsten“ Julius Fischer, der Romancier und Lyriker Roman Israel, der Erzgebirgschronist und Neustadtschwärmer Max Rademann und der dichtende Erzieher Stefan Seyfarth.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – Gastspiel „Gesichter“ im Deutschen Hygiene-Museum | 22. August | Dienstag | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum | Karten gibt es am Einlass für 7 Euro, ermäßigt und für Jahreskarteninhaber nur 3 Euro

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