Dienstag, 22. August: Unsere Lesebühne Sax Royal zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum

Wie schon in den letzten Jahren gastiert unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal auch in diesem Sommer mit einem besonderen Auftritt im Deutschen Hygiene-Museum. Am Dienstag, den 22. August, präsentieren die fünf Stammautoren Michael Bittner, Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth ein literarisch-musikalisches Programm unter dem Titel „Gesichter“, passend zur laufenden Sonderausstellung „Das Gesicht. Eine Spurensuche“. In Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik erzählen wir von Gesichtern, die unser Leben veränderten, den Unebenheiten unserer eigenen Visagen und dem Antlitz der Zeit.

Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal begeistert seit mehr als 12 Jahren in der Scheune allmonatlich das Publikum. Heitere Texte über den Wahnsinn des Alltags gehören ebenso zu unserem Programm wie satirische Angriffe auf die Weltordnung und lyrische Eskapaden. Humoristischer Ausbruch und intellektueller Anspruch schließen sich dabei nicht aus, sondern finden zueinander wie die Faust und das Auge. Mit dabei sind der Kolumnist und Satiriker Michael Bittner, der Star der MDR-Show „Comedy mit Karsten“ Julius Fischer, der Romancier und Lyriker Roman Israel, der Erzgebirgschronist und Neustadtschwärmer Max Rademann und der dichtende Erzieher Stefan Seyfarth.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – Gastspiel „Gesichter“ im Deutschen Hygiene-Museum | 22. August | Dienstag | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum | Karten gibt es am Einlass für 7 Euro, ermäßigt und für Jahreskarteninhaber nur 3 Euro

Impressionen aus Portugal

Der erste Blick, nachdem wir aus dem Schacht der U-Bahn gestiegen sind, die uns vom Flughafen ins Zentrum von Lissabon gebracht hat, fällt auf ein Wahlplakat: Die portugiesische CDU wirbt mit Hammer und Sichel für den Sieg der Arbeitermacht. Sogleich hat man das Gefühl, dass in Portugal einiges anders, ja womöglich gar besser läuft.

Aus dem Fenster unseres Hotels sehen wir die Wipfel der exotischen Bäume des Botanischen Gartens. Durch die Luft jagen Mauersegler, sie wohnen vielleicht unter dem halb eingestürzten Ziegeldach des Hauses gegenüber. Es ist dreißig Grad heiß, aber der Meereswind macht die Temperatur erträglich. Wir steigen schmale Gassen hinauf ins Viertel Bairo Alto. An den Straßenrändern stehen Bäume, die violette Blüten aufs Pflaster regnen lassen. Überall riecht es nach gegrilltem Fisch. Neben Portugiesen hört man auch Spanier, Italiener, Briten, Franzosen, Holländer und Deutsche. Fast ganz Europa scheint hier vereinigt umherzustreifen, vor den Lokalen zu sitzen und Bier zu trinken – natürlich schon des Namens wegen das der einheimischen Spitzenmarke Superbock. Wir laufen zu einer Aussichtsterrasse, die einen Blick über die ganze Stadt eröffnet. In gelbem Licht sieht man das Kastell auf einem der gegenüberliegenden Hügel. Im Süden schaut man bis zum Tejo, dem Fluss, der hier kurz vor der Mündung schon wie ein Meeresarm wirkt.

Am Tage muss man beim Spazierengehen die Augen schon fest geschlossen halten, um nicht auch die Spuren der Krise zu sehen: geschlossene Geschäfte, halb verfallene Häuser, Obdachlose, die an den Tischen der Restaurants Touristen um Geld und Zigaretten anbetteln. Spricht man aber mit gewöhnlichen Portugiesen, spürt man weder Wut noch gar Feindseligkeit gegen Fremde. Man denkt mit ein wenig Scham an die Heimat, wo es satten Wohlstandsbürgern gelingt, sich in einen Wutrausch hineinzusteigern, als stünden sie vorm baldigen Hungertod. Die Portugiesen zeichnen sich dagegen überhaupt durch eine große Gelassenheit und Geduld aus. Nirgendwo wird gedrängelt, an der Bushaltestelle achtet jeder darauf, dass alle in der Reihenfolge einsteigen, in der sie angekommen waren. Auch in den Zügen, mit denen wir durchs Land fahren, herrscht eine eigentümlich entspannte Stimmung. Und man erinnert sich mit Grausen an den Kampf ums Dasein, der zuhause in den Zügen tobt.

Fährt man in ein fremdes Land, will man natürlich auch ein Buch aus der unbekannten Kultur lesen. Nicht immer helfen einem dabei die Empfehlungen des gängigen Kanons, die richtige Auswahl zu treffen. Fernando Pessoas Buch der Unruhe jedenfalls erschöpft den Leser trotz sprachlicher Feinheit schon nach kurzer Zeit. 500 Seiten darüber, dass alles sinnlos ist, zwanghafte Selbstbespiegelungen eines lebensunfähigen Snobs und ästhetisierenden Nihilisten – als hätte Nietzsche unter dem Einfluss von starken Schlafmitteln geschrieben. Die Müdigkeit immerhin überträgt sich unmittelbar auf den Leser. Von Unruhe keine Spur.

Zufällig geraten wir eines Abends im Restaurant an einen Tisch mit einem älteren amerikanischen Ehepaar. Die Unterhaltung gestaltet sich schwierig, da die Frau schwerhörig ist und ihr Mann alles, was wir sagen, noch einmal laut nachsprechen muss. Die beiden kommen aus Virginia und sind mit der Familie ihrer Tochter auf einer Reise durch Europa. Immer wieder ermahnt die Frau ihren Mann, einen pensionierten Handchirurgen, bloß nicht über Politik zu sprechen. Aber es brodelt zu stark in ihm. Er fragt, ob es denn wahr sei, dass Angela Merkel mit ihrer Energiewende Deutschland zu Grunde richte. Ich stimme nicht uneingeschränkt zu. Die Frau verdreht die Augen. „Sie müssen wissen, ich bin eigentlich liberal und mein Mann ist ziemlich konservativ. Ich finde diesen ganzen Hass, der gerade unser Land spaltet, wirklich furchtbar. Bei ihnen in Deutschland ist es friedlicher, oder?“ – „Ganz so polarisiert geht es bei uns wohl nicht zu“, sage ich. Der Mann schnauft: „Bei uns wäre auch alles in Ordnung, wenn wir nur diese ganzen verdammten Liberalen loswerden könnten!“ – „Wenn die Leute nur trotz ihrer politischen Überzeugung als Menschen miteinander auskämen!“, jammert die Frau. „Aber Sie beide kommen doch auch miteinander aus – warum schafft Amerika das dann nicht?“, werfe ich ein und die beiden sind ein bisschen verblüfft.

Überall in Portugal drückt sich im öffentlichen Leben ein tiefes Bedürfnis nach Schönheit aus. Kaum ein U-Bahnhof, der nicht durch Kunstwerke geschmückt wäre. An öffentlichen Gebäuden sind Gedichtverse angebracht. Das Pflaster von Straßen und Plätzen bildet Mosaike mit Bildern von Pflanzen und Tieren. Dem Genuss für die Augen entspricht der für den Gaumen. Überall finden sich kleine Lokale, in denen man Süßigkeiten kaufen kann, die so appetitliche Namen wie „Nonnenbrüstchen“ tragen. Dem Mitteleuropäer bleibt es gewöhnlich unverständlich, wieso Südländer in Cafés einkehren, nur um dort drei Worte mit dem Besitzer zu wechseln und einen Kaffee zu trinken, nicht größer als ein Fingerhut. Aber die Menschen im Süden wissen eben, dass das echte Glück im Augenblick zu finden ist.

In Coimbra erwartet uns nach einem schweißtreibenden Marsch vom Bahnhof zum Quartier eine Überraschung: Unsere Pension stellt sich als Zimmer in der Privatwohnung zweier portugiesischer Eheleute heraus. Nicht nur sie begrüßen uns euphorisch, auch ihr schwarzer Pudel Floppi springt begeistert an uns auf und ab. Die Hausherrin zeigt uns in der Küche das Geschirr, das wir verwenden dürfen und das Fach im Kühlschrank, das für unsere Lebensmittel reserviert ist. Längst verloren geglaubte Wohngemeinschaftsgefühle erwachen wieder zum Leben. Als wir die Wohnung zur Erkundung der Stadt verlassen wollen, hält uns der Hausherr auf. Er zeichnet in unseren Stadtplan die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ein und erläutert sie uns weitläufig. Wir scharren schon mit den Füßen, da fällt ihm beim achten Punkt der Legende ein, dass unser Stadtplan nichts taugt. Er zeichnet uns eigenhändig auf einen Zettel einen neuen, unsere Signale der Ungeduld souverän ignorierend. Ist der Mann vielleicht ein bisschen verrückt? Dafür scheint die Tatsache zu sprechen, dass er eine Brille benutzt, die nur noch über einen Bügel verfügt.

Am übernächsten Tag, als wir abends von einem Ausflug an die Atlantikküste zurückkehren, führen wir mit dem Hausherrn dann aber doch ein recht vernünftiges Gespräch vor dem Café im Erdgeschoss. Er erzählt uns von den Erschütterungen der Krise, die viele Leute in die Armut getrieben hat. „Geht mal in ein Kaufhaus“, sagt er. „Ihr werdet viele Leute da herumlaufen sehen, aber keiner hat volle Einkaufstüten dabei.“ Besonders unter jungen Leuten herrsche Verzweiflung, erzählt er weiter, weil es nirgends Arbeit gebe. Deswegen verließen auch viele das Land. Eigentlich sei das aber nichts Neues, denn schon immer hätten Portugiesen ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen müssen. Deswegen gebe es auch Millionen Portugiesen auf der ganzen Welt. „Die Portugiesen sind im Grunde gute Leute“, versichert er uns und wir glauben es gern. Einzig, dass Pudel Floppi während des Gesprächs sein Bein an meinem Rucksack hebt, verstimmt mich gelinde.

Die Stadt Porto trägt ihren Hafen schon im Namen und das ganze Land verdankt seinen Namen eben dieser Stadt. Hier geht es anders, in jeder Hinsicht geschäftiger zu als in Lissabon. Unten am Fluss, dem Douro, tummeln sich die Touristen auch in der Nebensaison schon in unangenehmer Häufung. Hört man die ersten Sprechchöre einer deutschen Saufgruppe, flüchtet man, weil man lieber gar nicht erst verstehen möchte, was da wieder von Landsmännern gebrüllt wird. Die Altstadt liegt auf einem großen Hügel am nördlichen Ufer des Flusses. In den kleinen Gassen des Vergnügungsviertels stehen Studenten rauchend vor düsteren Kneipen. Aber auch in Porto kann man Ruhe finden. Nach einem Ausflug zum Stadtpark, der direkt an den Atlantik grenzt, steht meine neueste Überzeugung fest: Städte, in denen man nicht zu Fuß zum Meer laufen kann, sollten überhaupt abgeschafft werden.

Vielleicht ist ja Portugal die Avantgarde des alten Europa. Vielleicht wird einst der ganze Kontinent, wenn noch die letzte Industrie nach Asien abgewandert ist, nur noch von seiner Geschichte leben und mit Hilfe seiner verblassenden Schönheit sein Dasein fristen, bescheiden, aber nicht unglücklich. Wenn Europa ein solches Museum der Zivilisation werden sollte, in dem neugierige Chinesen sich anschauen, wie Menschen früher gelebt haben, dann brauchen Städte allerdings vor allem Schönheit und Gastfreundlichkeit. Für Lissabon sieht es da gut aus, für andere Städte weniger. Womöglich werden einst doch noch die Letzten die Ersten sein.

Michael Bittner

Max Rademann & Erik Lauterbach präsentieren: „Bombay the hard way“

Im Windschatten des erzgebirgischen Abenteurers Erik Lauterbach betritt Max Rademann zum ersten Mal den geheimnisvollen Subkontinent Indien. Dabei wird er nicht nur von völlig neuen Eindrücken übermannt, sondern droht geradezu, in den Sturzbächen eigenen Schweißes zu ertrinken. Die beiden Männer trinken sehr viel Kokosblütenschnaps, erklimmen die Stufen uralter Tempel und immer wenn Lauterbach für den anstehenden Fichtelberglauf zu trainieren beginnt, nimmt Rademann sein Notizheft zur Hand. Ob in einem miefenden Hotelzimmer in Mumbai oder in Goa unter Palmen, der soeben erlebte Irrsinn findet sofort und ungeschönt den Weg aufs Papier.

Bei einer Event-Lesung stellen Max Rademann und Erik Lauterbach am 4. Mai ihr Buch „Bombay the hard way“ in Dresden vor – in der Goldenen Pforte (Martin-Luther-Str. 15). Los geht es um 20 Uhr.

Du sollst nicht sollen. Gedanken in Eisenhüttenstadt

Wer nicht weiß, wie er in diesen trüben Zeiten seine Sonntage verbringen soll, dem empfehle ich eine Reise nach Eisenhüttenstadt. Es gibt vielleicht ein paar geringfügig schönere Orte auf der Welt. Aber Schönheit ist nicht alles. Schönheit kann sogar langweilen, wenn sie allzu gefällig nach unserer Gunst hascht. Dies tut Eisenhüttenstadt nicht. Nein, diese Stadt empfängt den Besucher eher herb. Dennoch lohnt sich eine Reise in die Stadt, die in den Fünfzigern aus dem Boden gestampft wurde. In ihr sollten Arbeiter Stahl produzieren, man taufte sie auch zunächst auf den Namen Stalinstadt. Eine gebaute Utopie war Eisenhüttenstadt, ein Experiment der jugendfrischen DDR. Wer heute durch das Zentrum schlendert, der kann erahnen, wie der real existierende Sozialismus ausgesehen hätte, wären ihm nicht schon frühzeitig Geld und Hoffnung ausgegangen. Durchaus anmutig und großzügig wirken die Häuser und Plätze, weit menschenfreundlicher als die späteren Neubausiedlungen mit ihren einförmigen Platten in Fertigbauweise.

Einen Besuch wert ist auch das Dokumentationszentrum zur Alltagskultur der DDR. Es handelt sich nicht, wie man befürchten könnte, um eine ostalgische Sammlung von Zonengerümpel. Nein, die Schau stellt mit allerhand Exponaten klug die verschiedenen Bereiche des Lebens in der DDR vor. In einem der Räume, der sich dem Schulwesen widmet, entdeckte ich etwas wieder, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen und längst vergessen hatte: die Zehn Gebote der Jungpioniere. Während ich sie las, fragte ich mich: Hat denn damals wirklich keiner der Genossen geahnt, dass man sich über diese Gebote einmal lustig machen würde? Dass man in ihnen geradezu überdeutlich den Beweis sehen muss, dass der Staatssozialismus bloß eine Ersatzreligion ist, die genauso auf die Gutgläubigkeit ihrer Anhänger vertraut wie das Christentum? Aber vielleicht waren die eifrigen Genossen wirklich überzeugt, man habe die Macht, die Religion zu ersetzen, und könne deren Formen benutzen wie ausgeleerte Gefäße.

Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik.

So lautet das erste Gebot. Auch der Gott des Alten Testaments fordert bekanntlich in seinem ersten Gebot Liebe, zeigt sich dabei auch noch außerordentlich eifersüchtig und droht religiösen Fremdgängern damit, ihr Vergehen noch an den Söhnen und Enkeln zu strafen. Man muss wohl sagen, dass auch in der DDR mancher Sohn darunter litt, wenn sein Vater sich mit dem Klassenfeind eingelassen hatte.

Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden.

Vielleicht sollte man grundsätzlich misstrauisch werden, wenn einem befohlen wird, irgendetwas zu lieben, sei es ein Gott, eine Partei oder ein Land. Was liebenswert ist, erweckt Liebe auch ohne Zwang. Aus Gehorsam lieben können wiederum nur passionierte Masochisten.

Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.

So lautet das vierte Gebot, das aus logischer Sicht seinen Plan etwas übererfüllt. Schließen denn „alle Länder“ die Sowjetunion nicht schon mit ein? Aber es war wohl wichtig, die große Brudermacht noch einmal einzeln herauszustellen, um klar zu machen, dass dies eine Land gleicher als die anderen sei.

Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert. Wir Jungpioniere achten alle arbeitenden Menschen und helfen überall tüchtig mit.

Aus solchen Maximen sollte eine Gemeinschaft freier Menschen erblühen? Das kommt wohl dabei heraus, wenn man die Anarchisten, Querdenker und Vagabunden in den Gulag schickt. Übrig bleiben nur die Jasager, Flachköpfe und Spaßbremsen. Wen wundert’s da, dass aus der DDR bloß eine Spießerdiktatur wurde? Immerhin wirken nicht alle Gebote so unsympathisch:

Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander. Wir Jungpioniere singen und tanzen, spielen und basteln gern.

Solchen Geboten unterwirft man sich gerne. Nur das Trinken hätte ruhig auch noch Erwähnung finden können. Das neunte Gebot sorgt aber gleich wieder für Ernüchterung:

Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.

Nein, eine Religion, die uns den erzdummen Turnvater Jahn als Heiligen anbietet, kann einfach nicht der wahre Glaube sein.

Wir Jungpioniere tragen mit Stolz unser blaues Halstuch. Wir bereiten uns darauf vor, gute Thälmannpioniere zu werden.

Zum Thälmannpionier mit dem roten Halstuch habe ich es nicht gebracht, die Wende kam leider dazwischen. Und damit blieb mir auch die kommunistische Kommunion vorenthalten.

Vor einer Weile hörte ich von einem Interview mit Gregor Gysi. Der behauptete da im Gespräch überraschend, eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften, habe verheerende Folgen. Allein die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland sorgten noch für eine allgemein verbindliche Moral. Gysi glaubt also nicht mehr an Gott, aber immer noch an die Religion? Er kann sich offenbar partout nicht vorstellen, dass Leute auf ihr Gewissen hören, ohne es sich als zornigen Mann mit Bart vorzustellen, es sei Jehovah oder der selige Marx. Eine Moral, der man freiwillig folgt, wäre demnach gar keine, echte Moral müsste knechten. Man folgte ihr nicht aus Überzeugung, sondern weil sie höheren Ortes beschlossen wurde. Mir scheint, hier hat bloß einer ein bisschen autoritäre Hörigkeit aus der DDR in den Westen herübergerettet. Aber erschlagen sich die Leute nicht doch gegenseitig auf den Straßen, wenn es keine verbindliche Moral mehr gibt? Nun, ganz im Gegenteil erschlagen sich erfahrungsgemäß gegenseitig vor allem jene Leute, die der Meinung sind, es müsse eine allgemein verbindliche Moral, Religion oder Weltanschauung geben. (Jeweils ihre eigene natürlich.) Dafür, dass in einer Gesellschaft, in der Menschen verschieden denken, nicht das Chaos ausbricht, sorgt nicht die verbindliche Moral, sondern die Polizei. Das reicht völlig.

An der Wand einer kleinen baptistischen Freikirche in Eisenhüttenstadt sah ich ein großes Kreuz mit vier Worten eines Schriftzuges: „Jesus liebt auch dich“. Mir kam unwillkürlich ein leicht blasphemischer Gedanke. Mir fiel ein, wie Erich Mielke bei seinem letzten großen Auftritt in der Volkskammer der DDR ebenso versichert hatte: „Ich liebe doch alle Menschen!“ Er erntete nur noch Gelächter und sah aus wie ein Leidensmann. Aber es regte sich kein Mitleid mit ihm. Denn es war allzu offensichtlich, dass da einer, der Jahrzehnte lang zwangsweise Gehorsam durchgesetzt hatte, nun, da ihm die Macht verloren ging, plötzlich um Liebe bettelte. Ein Sozialismus, der nicht auf Glaube, Liebe und Hoffnung beruhte, sondern auf Befehl und Gewalt, musste wohl früher oder später im Museum landen.

Michael Bittner

Max Rademann und Erik Lauterbach: „Bombay the hard way“

Max Indien Buch Wer unsere Lesebühne regelmäßig besucht, hat schon einige Episoden aus den Reiseabenteuern vernommen, die unser Max Rademann gemeinsam mit Erik Lauterbach in Indien durchlebte. Nun gibt es die Geschichten von Max unter dem Titel „Bombay the hard way“ endlich auch als Buch, illustriert durch zauberhafte Fotos von Erik. Der Leser begegnet mit den beiden Helden heiligen Kühen, frechen Affen und deutschen Touristen. Eine mitreißende Folge von hitzigen Dschungel-, Strand- und Kneipenabenteuern!

Kaufen kann man das Buch in Dresden in der Buchhandlung Büchers Best, in Schwarzenberg im Laden des Holzbildhauers Hartmut Rademann oder bei allen Lesungen von Max. Natürlich lässt es sich über die Homepage von Max auch aus der Ferne bestellen.

Sizilianischer Frühling (2): Die Mitte der Welt

Auch im Paradies ist Krise. Ich sehe es nicht nur an den geschlossenen Geschäften, die mit dem Schild Affittasi offensichtlich schon lange vergeblich nach neuen Mietern suchen. Auch die Besitzerin einer Osteria in Caltanissetta erzählt, sie merke, wie die Leute immer weniger Geld ausgäben. Am deutlichsten sieht man es aber an den sizilianischen Katzen. Diese Katzen sind klein und mager und überhaupt nicht zutraulich. Nähert man sich ihnen, laufen sie ängstlich davon. Offenbar müssen sie sich auf den Straßen durch Jagd selbst ernähren, werden von den Leuten nicht gefüttert, sondern davongejagt. In einem Amphitheater, in dem einst die Römer sich an blutigen Gladiatorenkämpfen ergötzten, schaue ich eine Viertelstunde lang dem Kampf zwischen einer Katze und einigen Tauben zu. Die Katze schleicht sich immer wieder an den Schwarm heran, doch die Tauben sind aufmerksam und flattern ein paar Meter weiter, bevor ihr Feind zum Sprung ansetzen kann. Hartnäckig verfolgt die Katze den Schwarm durch das ganze Theater, bis die Vögel schließlich ganz davonfliegen. Der Beobachter zieht aus diesem Schauspiel die Lehre: Wo gehungert wird, da ist es mit dem Frieden vorbei.
Auf Sizilien scheint aber – wenigstens dem fremden Betrachter – der Frieden noch intakt. Obwohl auf der Insel wenig mehr als Obst und Gemüse produziert wird, kommen doch die Einwohner irgendwie zurecht. Fast alle Sizilianer, so lese ich, arbeiten im Dienstleistungssektor. Und wirklich hat man das Gefühl, dass hier jeder jedem etwas verkauft. Einheimische Bauern bieten geröstete Artischocken und Ziegenkäse an, Afrikaner Feuerzeuge und Plastikspielzeug. Aber in deutschen Zeitungen liest man: „Der Süden Italiens stirbt!“ Wenn das wahr sein sollte, dann handelt es sich wenigstens um einen sehr sanften und schönen Tod. Falls das Abendland demnächst untergeht, möge es sich an Sizilien ein Beispiel nehmen. Vielleicht haben die Sizilianer über Jahrhunderte der Entbehrung aber auch einfach gelernt, trotz widrigster Umstände zu überleben und dabei nicht einmal die Freude am Dasein zu verlieren. Auch in diesem Fall könnte Europa von Sizilien einiges lernen.

Im Museo dello Sbarco in Catania wird die Geschichte der Landung der alliierten Truppen auf Sizilien im Jahr 1943 erzählt. An der Südküste Siziliens begann die Invasion, die rasch zur Eroberung der Insel führte. Auf die Niederlage, welche die italienischen Truppen trotz der Unterstützung durch deutsche Soldaten erlitten, folgten bald die Absetzung Mussolinis und die Kapitulation Italiens. Die Sizilianer begrüßten die Engländer und Amerikaner 1943 mehrheitlich begeistert als Befreier. Im Süden Italiens hatte der italienische Faschismus von Anfang an weniger Anhänger gehabt als im Norden, wo sein eigentliches Zentrum lag. Die norditalienischen Faschisten sind den Sizilianern noch heute böse, am liebsten würden sie sich vom Süden Italiens ganz trennen. Die Süditaliener sind für diese Rassisten ohnehin schon halbe Afrikaner. Die Einwohner des Südens erwidern solche Vorwürfe gelassen. Ein Pizzabäcker aus Bari versicherte mir einmal, das wirkliche Italien fange südlich von Neapel erst an.
Die Italiener haben den Faschismus erfunden, aber sie haben ihn nie mit dem ernsthaften Irrsinn der Deutschen praktiziert. Die Deutschen starben und töteten für ihren Adolf bis zum bitteren Ende, die Italiener haben stattdessen ihren Benito vorher entlassen und erschossen. Sie vergaßen nie ganz, dass ihr Duce auch ein Schauspieler war, ein Großsprecher und Scharlatan. Sieht man Aufnahmen von Mussolinis Reden, erblickt man einen Clown, lächerlicher noch als Adolf Hitler. Doch über einen Clown, der über die Gewalt des Staates verfügt, wagt keiner mehr zu lachen. Faschismus ist lächerlich und braucht die Macht, um überhaupt ernst genommen zu werden. Das heißt aber auch: Menschen sind keineswegs bloß deswegen schon harmlos, weil sie lächerlich wirken. Nur die Gewalt fehlt ihnen noch. Als Mussolini mit der Niederlage von Sizilien seine Rolle ausgespielt hatte, pfiffen die Italiener ihn von der Bühne. Nur ein Weilchen noch deklamierte er im Norden vor seinen treuesten Bewunderern weiter. Die Deutschen hingegen spielten in Hitlers blutiger Wagneroper trotz aller Katastrophen die Nibelungentreue brav bis zum totalen Untergang. Es gilt wohl doch Adornos Wort: „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.“

Lange Zeit war Sizilien für Europa, was Europa für die Welt ist. In der antiken Welt lag Sizilien genau im Zentrum, mitten im Mittelmeer, dem einzigen Ozean dieser Zeit. Die fruchtbare und reiche Insel war umkämpft zwischen allen Völkern, immer wieder eroberten neue Invasoren Sizilien. Doch die Eroberer wurden immer wieder rasch heimisch und vermischten sich mit den Einwohnern, die schon da waren. Auf die Phönizier folgten die Griechen, auf die Griechen die Römer. Auf die Römer folgten die Germanen, die Araber, die Normannen, die Franzosen, die Spanier. Und selbst das Königreich Italien wurde von vielen Sizilianern nach der Vereinigung mit dem Norden noch als Besatzungsmacht empfunden. Zu blutigen Konflikten kam es immer dann, wenn eine neue herrschende Clique die anderen Einwohner völlig zu entrechten versuchte.
All die verschiedenen Völker malten mit am Bild Siziliens, fügten auf der Leinwand neue Figuren und Gebäude hinzu, übermalten Bestehendes, das doch immer weiter durchschimmerte. Die Kathedralen der Insel, von denen fast jedes Städtchen eine besitzt, sind Zeugnisse dieser Geschichte der Verschmelzung. Aus den Wänden der Kathedrale von Syrakus ragen noch heute die Pfeiler eines alten griechischen Tempels hervor. Sie wurden eingemauert, wie auch die alten Götter dem neuen Gott nicht einfach geopfert, sondern einverleibt wurden. Es gibt auch Kirchen, die zur Hälfte aus arabischen, zur anderen Hälfte aus normannischen Bauten gefügt sind. Auf den Feldern wachsen Zitronen und Orangen, die Araber auf die Insel brachten, neben Kartoffeln und Tomaten, die von den Spaniern aus Amerika entwendet wurden. Aber auch die vielgestaltigen Gesichter der Sizilianer tragen Spuren der jahrhundertelangen Vermischung. Der rothaarige Italiener, der in einem Park in Catania mit seiner Freundin streitet, bezeugt vielleicht noch heute die Manneskraft der Normannen. So zeigt Sizilien im Kleinen ein Bild der europäischen Kultur, die ihre Größe gerade der Tatsache verdankt, dass hier, in der Mitte der Welt, mehr als irgendwo sonst, die verschiedensten Völker und Religionen sich über Tausende von Jahren gegenseitig befruchtet haben.

Ich lese in einem mitgebrachten Buch die Worte von Joseph Roth:

Welch eine lächerliche Furcht der Nationen, und sogar der europäisch gesinnten unter den Nationen, diese und jene „Eigenart“ könnte verloren gehn und aus der farbigen Menschheit ein grauer Brei werden! Aber Menschen sind keine Farben und die Welt ist keine Palette! Je mehr Mischung, desto mehr Eigenart! … Das ist die höchste Stufe der „Humanität“.

Michael Bittner

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Der erste Teil dieses Reiseberichtes ist bereits in diesem Blog unter dem Titel Erwachen im Süden erschienen.

Literaturhinweis:

Joseph Roth: Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Essays, Reportagen, Feuilletons. Herausgegeben und kommentiert von Helmuth Nürnberger. Zürich: Diogenes, 2013, Zitat S. 124

Sizilianischer Frühling (1): Erwachen im Süden

Es ist eine sehr gute Idee, aus dem deutschen Winter nach Sizilien zu fliehen. Auf dieser göttlichen Insel erinnern im Februar an den Winter nur die Bommelmützen, die einige Sizilianer tragen, weil es nur zwanzig Grad warm ist. Als deutscher Gast möchte man sich bei strahlendem Sonnenschein hingegen die Kleider vom Leibe reißen. Die Einheimischen beugen solcher Entblößung aber vor. Sie haben in ihren Städten Schilder aufgestellt, auf denen auch in deutscher Sprache das Verbot bekannt gemacht wird, in der Öffentlichkeit mit nacktem Oberkörper herumzulaufen. Man liest es und hat sogleich die glänzenden Bierbäuche seiner Landsleute vor Augen, die Generationen von Sizilianern erschreckt haben müssen. Doch dann blickt man hinauf zum beinahe unwirklich blauen Himmel und vergisst immerhin für einen Augenblick, was das eigentlich ist, dieses Deutschland.

Natürlich kommt man nach Sizilien nicht nur mit Socken im Gepäck, sondern auch mit Vorurteilen und Ängsten. Wie gut ist es, wenn man da schon im Bus vom Flughafen vertraute Worte hört. „Sind Sie deutsch?“, fragt eine alte Dame und erzählt, sie habe 47 Jahre in Hannover gelebt. Ihre Söhne seien nun über ganz Deutschland verstreut, sie selbst wieder in der Heimat. Freundlicherweise erklärt sie dem Busfahrer noch, wo wir aussteigen wollen. Als wir uns verabschieden, gibt sie uns noch einen Rat mit auf den Weg: „Passen Sie auf Ihre Sachen auf – alles Mafia hier!“ Mit Misstrauen im Kopf sieht nun die Stadt plötzlich aus wie eine Räuberhöhle: Der junge Mann, der von einer Leiter aus einen Stromzähler an einer Hauswand abzulesen vorgibt, bereitet er nicht in Wahrheit seinen nächsten Einbruch vor? Ist der Mann, der regungslos am Steuer seines Wagens am Straßenrand sitzt, vielleicht der Auftraggeber des Verbrechens? Der Alte, der vor dem Geschäft, das lebende Hühner verkauft, seelenruhig das Treiben auf der Straße beobachtet – ist er vielleicht der Pate dieses Viertels? Nur mühsam wird man solche bösen Ahnungen wieder los. Es ist aber auch verteufelt, dass diese Italiener alle haargenau so aussehen wie die Kerle in den Mafia-Filmen! Überhaupt: Alle Südländer haben einen so verdächtig guten Teint. Wie sollte man da nicht Verdacht schöpfen?

Für einen Deutschen, der es gewohnt ist, vom Gesang der Lerchen und dem Klang von Waldhörnern geweckt zu werden, ist das Erwachen in Sizilien merkwürdig. Geweckt wird man hier nämlich von den Geräuschen der Straße. Es ist eine urbanere Form der Romantik. Sizilianische Straßen klingen anders als deutsche Straßen. Die Autos fahren hier nicht einfach, sie rasen entweder laut los oder bremsen kreischend ab. Die Passanten lachen und brüllen und fluchen, die Hunde bellen. Auch die Autofahrer unterhalten sich miteinander. Die Hupe dient ihnen als Mittel der Verständigung. Durch Variation von Lautstärke und Takt sind höchst vielfältige Äußerungen möglich. Ein einfaches, kurzes Hupen bedeutet nicht mehr als „Hoppla, hier komm ich!“, „Vorsicht!“ oder auch nur „Guten Morgen!“. Langes, ausdauerndes Hupen signalisiert Ungeduld. Mehrfaches, kurzes Hupen ist dagegen Ausdruck von Ärger über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer, es kann sich bis zum Wutausbruch eines rhythmischen Dauerhupens steigern. Einige Virtuosen ihrer Kunst bringen es fertig, Erkennungsmelodien aus italienischen Opern zu hupen. Der Deutsche, der zu solcher Sinfonie der Großstadt morgens um sechs erwacht, freut sich darüber am ersten Tag noch sehr, am zweiten aber schon weniger. So günstig sonst auch Sizilien ist, Stille ist teuer. Ein Schächtelchen mit Ohrstöpseln kostet beim Apotheker fünf Euro und zwanzig Cent.

Der Fischmarkt von Catania ist ein Ort, der gewöhnliche Mitteleuropäer überwältigen muss. Auf einem kleinen, niedrig gelegenen Platz und in den angrenzenden Gassen ist Bude neben Bude aufgebaut. In den Auslagen sieht man violetten Blumenkohl, merkwürdig geformte Tomaten und Zitronen, Orangen und Fenchel. Der Metzger hat auch Lämmerhälften und Schweinefüße im Angebot. Was aber präsentieren erst die Fischverkäufer! Auf Eis gebettet liegen da Dutzende von unterschiedlichsten Arten nebeneinander, manch ein Tierchen rührt sich noch. Der prachtvolle Schwertfisch reckt den Kopf mit seinem Schwert gen Himmel in einer letzten Geste des Stolzes, während die Hälfte seines Körpers schon in Scheiben zerlegt danebenliegt. Nach Fischweibern sucht man auf dem Markt vergebens, denn Verkaufen ist hier Männersache. Wie überhaupt in Sizilien, wo es ohnehin wenig Arbeit gibt, die Männer auch jene Berufe ausüben, die in Mitteleuropa in der Hand der Frauen sind. Die Verkäufer sind nicht nur Männer, sie sind auch richtige Männer. Während man so einem Prachtkerl noch das Geld für einen Tintenfisch in die Hand drückt, versucht dieser schon, eine vorüberlaufende Schönheit anzulocken. „Junge Frau, ich hätte hier noch einen wunderschönen Aal für Sie!“, ruft der Verkäufer, soweit ich das ohne Kenntnisse der italienischen Sprache beurteilen kann. Das Herz der einen, die vorüberging, wird nicht erweicht, dafür taut laufend das Eis der Fischstände, tropft auf das Pflaster als Wasser, das sich in kleinen Bächen seinen Weg in die Kanalisation sucht. Es ist, als ob die Fische das Meer mitgebracht hätten, das sich nur widerwillig von ihnen trennen mag. Mittags wird jeden Tag der ganze Markt wieder abgebaut. Die Stadtreinigung spült mit Lauge aus einem Schlauch den Platz sauber, bis zum Abend riecht es hier nach Fisch und Chlor.

Michael Bittner

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Ebenfalls auf Sizilien entstanden ist ein Text über den Beruf des Eckenstehers, der man in der Wahrheit der taz nachlesen kann.

Der zweite Teil dieses Reiseberichtes folgt in Kürze hier in diesem Blog.

Zitat des Monats Februar

Dann müssen Sie eben mit dem Bus fahren.

Reaktion eines Zugbegleiters der Deutschen Bahn auf die Beschwerde einer reisenden Dame

Micha’s Lebenshilfe (37)

Wenn man im Wald eine große Menge junger Birkenpilze im Moos entdeckt, noch dazu in einem Waldstück ohne Birken, dann sollte man besser gleich Verdacht schöpfen, schon vom ersten geernteten Pilz eine Geschmacksprobe nehmen, um nicht erst viel später zu der bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass man zehn Gallenröhrlinge ganz unnützerweise ihrer Existenz beraubt hat.

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Wer mag, kann hier alle Beiträge der Reihe nachlesen.

Im Anti-Kriegs-Museum

Menschen reagieren seltsam auf Kriege. Sind sie selbst nicht beteiligt, schauen die Leute den kämpfenden Parteien verständnislos und kopfschüttelnd zu: “Was für eine absurde Sache ist doch ein Krieg! So viele sinnlose Opfer und Zerstörungen! Warum können die sich denn nicht einfach an einen Tisch setzen und Frieden machen?” Geraten Menschen aber selbst in einen Konflikt, erscheint ihnen der Krieg ganz plötzlich nicht mehr als grotesker Unfug, sondern als eine gerechte Sache. Nichts ist verführerischer und leichter, als sich in die Logik des Krieges rutschen zu lassen. Ganz selbstverständlich erscheint es Kämpfenden, gegen den Feind mit Gewalt vorzugehen. Jede Partei glaubt ja, das Recht – früher sagte man: Gott – auf ihrer Seite zu haben. Frieden ist nur auf zwei Arten möglich: Entweder eine der Parteien siegt oder beide verzichten auf ihr vermeintliches Recht. Der Frieden durch Verzicht ist eine schwierige, beinahe unmögliche Sache. Denn je mehr Opfer eine Partei während eines Krieges erbringt, desto unwürdiger muss ihr so ein Verzicht erscheinen.

Der Frieden ist im Frieden selbstverständlich und erscheint im Krieg fast undenkbar. Dazu trägt bei, dass Gesellschaften im Krieg sich uniformieren. Dem Kampf gegen den äußeren Feind entspricht der Kampf gegen den inneren, gegen die Zweifler, die als Verräter gebrandmarkt werden. Unter solchen Bedingungen erhebt kaum einer die Stimme dafür, den Frieden durch eigenen Verzicht wiederherzustellen. Demokratien sind wohl auch deswegen seltener an Kriegen beteiligt, weil in ihnen die Zweifler auch während eines Krieges nicht völlig mundtot gemacht werden können. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg war nicht so total wie im Zweiten Weltkrieg, weil es noch eine teilweise freie Presse, noch ein Parlament, noch Demonstrationen gab. So erzwang ein Teil der Öffentlichkeit den Abbruch des aussichtslosen Kampfes. Anders als unter Hitler, der durch totalen Terror fast jeden Widerspruch unterband, gab es während des Ersten Weltkrieges einige Menschen, die sich allem nationalistischen Furor zum Trotz schon früh der Logik des Krieges widersetzten. Man denkt gewiss zuerst an Menschen wie Rosa Luxemburg und Karl Kraus. Weniger bekannt ist der anarchistische Pazifist Ernst Friedrich. Als der sich irgendwann weigerte, die Uniform anzuziehen, wies man ihn zur Beobachtung in die Psychiatrie ein, so absonderlich schien sein Verhalten. Später landete er auch im Gefängnis. Nach dem Krieg widmete sich Friedrich, der u.a. mit Käthe Kollwitz und Erich Mühsam befreundet war, vor allem der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus wurde der Kampf gegen den Krieg für ihn zum Lebensthema.

Im Jahr 1925 eröffnete Ernst Friedrich im Zentrum von Berlin das Internationale Anti-Kriegsmuseum. Es wurde 1933 von den Nazis zerstört und zum “Sturmlokal” der SA umgewandelt, in dem auch politische Gegner gefoltert wurden. Auch Friedrich wurde zeitweise von den Nazis interniert, konnte dann aber fliehen, zunächst in die Schweiz, dann nach Belgien, dann nach Frankreich. 1982 wurde das Anti-Kriegs-Museum neu gegründet, geleitet wird es von Tommy Spree, einem Enkel von Ernst Friedrich. Es befindet sich heute in der ruhigen Brüsseler Straße im Wedding, im Haus Nr. 21. Tritt man ein, glaubt man sich eher in einem Wohnzimmer als in einem Museum wiederzufinden. Buchregale enthalten Werke der pazifistischen Literatur. Bilder und Texte zur gewalttätigen Geschichte der Menschheit hängen an den Wänden. Und ein Fernseher zeigt einen Film über die Geschichte des Museums. Ein Weggefährte von Ernst Friedrich gesteht da offenmütig, der Name Anti-Kriegs-Museum sei schon am Anfang etwas hochtrabend gewesen. Und natürlich kann ein kleines Museum von der Größe einer Familienwohnung unmöglich den Anspruch einlösen, den so ein hehrer Titel suggeriert. Aber gerade der Kontrast zwischen der gewaltigen Aufgabe und der Bescheidenheit der Mittel macht auch den Charme des Anti-Kriegs-Museums aus: Es symbolisiert in seiner Unvollkommenheit selbst den unermüdlichen, aber beinahe aussichtlosen Kampf des machtlosen Pazifismus gegen die übermächtige Gewalt.

In einem kleinen Nebenraum erzählen Tafeln vom Leben bedeutender Pazifistinnen und Pazifisten. Neben bekannten Persönlichkeiten wie Bertha von Suttner, Albert Einstein oder Gandhi lernt man hier auch weniger prominente Friedenskämpfer kennen. Eine schmale Treppe führt hinunter in einen originalgetreu erhaltenen, mit historischen Utensilien ausgestatteten Luftschutzkeller. Eine Karte an der Wand veranschaulicht, wie viel von Berlin übrig bliebe, schlüge im Stadtzentrum eine Atombombe ein. (Nichts.) Wieder oben angekommen, kann man hinüber in die angeschlossene Peace Gallery gehen. Noch bis zum 1. März 2015 läuft dort eine Ausstellung zum bekanntesten Buch von Ernst Friedrich mit dem Titel Krieg dem Kriege. Der viersprachige, dokumentarische Band erschien zuerst 1924 und wurde zum internationalen Erfolg. Kurt Tucholsky schrieb: “Die Photographien der Schlachtfelder, die Photographien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind.” In unseren Tagen sind die abscheulichsten Gräuelbilder alltäglich geworden. Dennoch ist es immer noch fast unerträglich, manche Bilder in Ernst Friedrichs Buch zu betrachten. Geschickt nutzte er das Mittel der Kontrastierung, um nicht einfach nur das Elend, sondern die Infamie des Krieges darzustellen. Man sieht Soldaten in Heldenpose neben Soldaten in Totenstarre. Spazierende und feiernde Generäle und Könige neben verreckenden Soldaten. Sarkastische Bilderklärungen im Stil von Karl Kraus verstärken oft die entlarvende Wirkung. Das Buch ist heute so wertvoll wie vor hundert Jahren. Erfreulicherweise ist es immer noch erhältlich, im Mai 2015 soll eine weitere Neuausgabe mit einem Vorwort des Historikers Gerd Krumeich erscheinen. Vielleicht wäre es einmal eine schöne Aktion, Exemplare kostenlos an Besucher im neuen “Showroom” der Bundeswehr an der Friedrichstraße zu verteilen.

Der abstrakte, radikale Pazifismus, der – das christliche Gebot der Feindesliebe strikt befolgend – jede Gewalt und jeden Krieg ablehnt, ist gewiss eine moralisch respektable Erscheinung. Aber auch diese Haltung kann ins moralische Dilemma führen. Es gibt nämlich auch Kriege, in denen sich wirklich Recht und Unrecht gegenüberstehen. Wer in einem solchen Konflikt mit Verweis auf den eigenen Pazifismus neutral bleiben will, dient wohl weniger dem Frieden als der eigenen Selbstzufriedenheit. Der Pazifist Ernst Friedrich entschied sich übrigens anders: Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der französischen Résistance an, streifte eine Uniform über und kämpfte gegen die deutschen Besatzer.

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Das Anti-Kriegs-Museum befindet sich in Berlin-Wedding in der Brüsseler Straße 21 und ist täglich von 16-20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Voraussichtlich im Mai 2015 erscheint: Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege. Neu herausgegeben vom Anti-Kriegs-Museum Berlin. Mit einer Einführung von Gerd Krumeich. Christoph Links Verlag. 300 Seiten. 16,90 Euro.

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