Mittwoch (!), 14. November: Unsere Lesebühne Sax Royal in der Scheune mit Gastautor Ahne

Ausnahmsweise eine Woche später als sonst und an einem Mittwoch beglückt unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal am 14. November das Publikum wieder mit neuen Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik. Alle vier Stammautoren sind mit dabei: Stefan Seyfarth besingt in seinen Poemen seine hassgeliebte Dresdner Heimat. Max Rademann erzählt von seiner abenteuerlichen Expedition nach Amerika. Roman Israel bringt groteske Geschichten über das Leben in kleinen Dörfern und großen Städten mit. Und Michael Bittner kämpft mit den Mitteln der Satire um die Rettung der Menschheit und für die Senkung des Bierpreises.

Wie immer haben wir uns aber auch noch einen Stargast eingeladen: Mit uns liest, singt und trinkt diesmal Ahne aus Berlin. Ahne ist einer der Gründungsväter der Lesebühnenszene und beweist bis heute bei der Reformbühne Heim & Welt, dass er ein Meister des hintersinnigen Humors ist. Seit vielen Jahren führt er regelmäßig Zwiegespräche mit Gott, die er in mehreren Büchern der Mitwelt überliefert hat. Zusammen mit dem Songwriter Sedlmeir produzierte er gerade das Kriminal-Musical „Rache!“ Außerdem gilt sein leidenschaftlicher Kampf einer Welt ohne den Zwang zur Lohnarbeit. Ein ganz Großer!

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 14. November | Mittwoch (!) | 20 Uhr | Scheune (Alaunstraße 36-40) | Tickets im Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

Roman Israel mit neuem Buch: Minimal ist besser

Die Freude ist groß. Unser Roman Israel hat mal wieder ein neues Buch herausgebracht. Im E-Book „Minimal ist besser. Vom süßen Leben ohne Besitz“, das im Mikrotext-Verlag Berlin erschienen ist, berichtet Roman über seine Erfahrungen als bekennender Minimalist und Nomade. Einen kleinen Auszug aus dem Buch liest er in diesem kurzen Video auf seinem Youtube-Kanal. Im digitalen Klappentext des Buches ist folgendes zu lesen:

Der Schriftsteller Roman Israel lebt seit zwei Jahren als Nomade. Er hat alles aufgegeben und besitzt nur noch einen Koffer voll Klamotten und seinen Laptop. So zieht er von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort, von Erfahrung zu Erfahrung – ohne Bremsklotz am Bein. Klingt nach maximaler Freiheit. Oder doch eher nach einer Schnapsidee? Ein Erfahrungsbericht.

60 Seiten auf dem Smartphone
E-Book
Mikrotext Verlag Berlin
ISBN 978-3-944543-70-3
€ 3.99

Erhältlich in jeder Buchhandlung oder online.
Amazon
Buecher.de
Hugendubel
Google Playstore
genialokal
Thalia

www.mikrotext.de
www.romanisrael.de

„Nacht der Lesebühnen“ am 8. November in der Scheune mit André Herrmann, Ivo Lotion, Maik Martschinkowsky und Ella Carina Werner

Im November räumt unsere Lesebühne Sax Royal ausnahmsweise den angestammten Platz auf dem zweiten Donnerstag des Monats, stattdessen gibt es unsere nächste Show am Mittwoch (!), den 14. November. Der Grund dafür ist aber erfreulich: Am 8. November lädt das Festival „Literatur Jetzt!“ zur traditionsreichen „Nacht der Lesebühnen“ ein. Es erwartet die Zuschauer ein Abend voller Heiterkeit ohne Reue. Denn wie immer lesen und singen in der Scheune vier der besten Autorinnen und Autoren aus dem Feld der komischen und satirischen Literatur, die witzig und dabei zugleich smart sind. Auch in diesem Jahr dürfen sich die Fans auf vier ganz famose Spaßvögel freuen: André Herrmann (Leipzig), Ella Carina Werner (Hamburg), Maik Martschinkowsky (Berlin) und Ivo Lotion (Berlin).

André Herrmann ist in Leipzig Stammautor der Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ und liest in Berlin bei der Lesebühne „Fuchs & Söhne“. Mit dem Team Totale Zerstörung hat er zweimal die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam gewonnen. Er schreibt Komisches auch fürs Fernsehen, so fürs „Neo Magazin Royal“ (ZDF), „Olaf macht Mut“ (ARD) und „Comedy mit Karsten“ (MDR). Seinem Erfolgsroman „Klassenkampf“ hat er inzwischen einen zweiten Teil folgen lassen.

Ella Carina Werner (Foto: Vera Tammen) ist Mitglied der Hamburger Lesebühne „Liebe für alle“ sowie Redakteurin des Satiremagazins „Titanic“. Sie veröffentlicht humorvolle Texte u.a. in der taz und dem Missy Magazine und schreibt Kolumnen für die Frankfurter Rundschau. Sie veröffentlichte zwei Romane, „Die mit dem Bauch tanzt“ (Ullstein 2012) und „Rastavati“ (Rowohlt 2017, gemeinsam mit Jutta Weber). Außerdem ist sie Mitbegründerin und Organisatorin des DIARY SLAM, bei dem Erwachsene aus ihren Jugend-Tagebüchern lesen.

 

Maik Martschinkowsky (Foto: Hendrik Schneller) ist in Berlin Stammautor bei der „Lesedüne“, der wohl erfolgreichsten Lesebühne des Landes. Mit seinen Kollegen hat er das Buch „Über Wachen und Schlafen“ herausgebracht. Außerdem liest er auch bei der „PotShow“ in Potsdam und ist seit Jahren Moderator beim „Saalslam“ in Berlin-Neukölln. Seine besondere Neigung gilt der satirischen Gesellschaftskritik, die daraus entstehenden Geschichten hat er in dem Buch „Von nichts kommt was“ gesammelt.

Ivo Lotion ist Mitglied bei „LSD – Liebe statt Drogen“, einer der traditionsreichsten Lesebühnen Berlins. Mit der „Lokalrunde“ moderiert er zudem seine ganz eigene Unterhaltungsshow. Er produziert Filme, am bekanntesten aber ist er als Liedermacher, solo und mit seiner Band „Die Mariachis“. Bei der Nacht der Lesebühnen übernimmt Ivo Lotion den musikalischen Part und singt einige seiner schönsten Lieder.

 

 

 

 

 

Nacht der Lesebühnen. Abend der satirischen Literatur mit André Herrmann, Ivo Lotion, Maik Martschinkowsky und Ella Carina Werner | Scheune | 20 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Zitat des Monats Oktober

Eine Begabung für niederträchtige Intrigen und die kleinen Tricks, mit denen man Popularität gewinnt, mag genügen, um einen Mann in einem Einzelstaat zu höchsten Ehren zu bringen. Es erfordert jedoch andere Talente und eine andere Art von Verdiensten, um ihm die Achtung und das Vertrauen der gesamten Union zu verschaffen oder zumindest eines so beträchtlichen Teils von ihr, wie erforderlich wäre, um ihn zu einem erfolgreichen Kandidaten für das hohe Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu machen. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, daß diese Position wahrscheinlich immer mit Persönlichkeiten besetzt werden wird, die an Befähigung und Tugend herausragen.

The Federalist. A Collection of Essays, Written in Favour of the New Constitution, as Agreed upon by the Federal Convention, September 17, 1787. New York, 1799 [Dt. Ed. Barbara Zehnpfennig]

„Literatur Jetzt!“ 2018 – Festival zeitgenössischer Literatur in Dresden vom 4. bis 14. November

Was wäre der Preis für einen Sieg über die Sonne? Ein Leben im Untergrund mit Kunstlicht in ewiger Dunkelheit? „Sieg über die Sonne“, der Titel der Ausgabe von „Literatur Jetzt!“ im Jahr 2018 zitiert die gleichnamige russische Oper aus dem Jahr 1913, die als erstes futuristisches Gesamtkunstwerk gilt. Das skandalträchtige Werk, an dessen Entstehung Welimir Chlebnikow, Kasimir Malewitsch und andere Avantgardisten beteiligt waren, schildert den Triumph der menschlichen Ingenieurskunst über die Sonne. Einerseits feierte die Oper die technische Bändigung der elementaren Energie unseres Zentralgestirns, andererseits wies sie bereits prophetisch auf die politische Sonnenfinsternis voraus, die aus einer zur totalitären Herrschaft verkommenen Utopie entstehen sollte.

Das Festival Literatur Jetzt! 2018 findet im zehnten Jahr seines Bestehens in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum statt – diesmal parallel zur Sonderausstellung „Shine on me. Wir und die Sonne“. Wie die Ausstellung umkreist auch das Festival die Sonne als das lebensspendende, potenziell aber auch zerstörerische Zentrum unseres Kosmos‘. In den meisten Kulturen der Menschheit erscheint die Sonne bis heute als ein grandioses poetisches, religiöses und politisches Symbol, als Sinnbild einer Kraft, die über alles menschliche Maß hinausgeht. Im Dialog von Literatur, Solarforschung und Kulturwissenschaft vermisst das diesjährige Literaturfest diesen Raum zwischen Utopie und Untergang, zwischen dem Alltäglichen und dem Spektakulären, das sich immer aufs Neue unter der Sonne vollzieht.

Wir – die Menschen – sind ihr – der Sonne – vollkommen egal. Aber was bedeutet sie uns und vor allem der Literatur, aus der sie nicht wegzudenken ist – egal, ob sie gerade auf- oder untergeht? Literatur Jetzt! 2018 bietet ein energiegeladenes Programm aus Lesungen prominenter Autorinnen und Autoren, Buchvorstellungen, Podiumsgesprächen und multimedialen Aktionen, ein Poetry Slam und ein poetisches Stationendrama sowie eine Familientag mit Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene.

Alle näheren Informationen finden sich auch auf der Homepages unseres Festivals.

Hier das Programm des Festivals:

4. November | Sonntag

Alexander Kluge: Dresden. Ein Abend mit Corinna Harfouch und Marcel Beyer | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 20 / ermäßigt 15 Euro | Karten im Vorverkauf

 

5. November | Montag

Denis Scheck: Druckfrisches | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 12 Euro / ermäßigt 8 Euro | Karten im Vorverkauf

 

6. November | Dienstag

Figuren der Unterwelt. Ein Leseabend mit Nora Gomringer und Georg Klein | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 12 Euro / ermäßigt 8 Euro | Karten im Vorverkauf

 

7. November | Mittwoch

Museum der Poesie. Eine Lesung mit Artur Becker, Lütfiye Güzel und Ron Winkler mit Musik von Richard Ebert (Saxofon) | Deutsches Hygiene-Museum, Ausstellung „Shine on me“ | 19 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

 

8. November | Donnerstag

Das Universum, die Astrophysik und das 20. Jahrhundert. Ein Gespräch mit Sibylle Anderl und Thomas Lehr | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 19 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Nacht der Lesebühnen. Abend der satirischen Literatur mit André Herrmann, Ivo Lotion, Maik Martschinkowsky und Ella Carina Werner | Scheune | 20 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

 

9. November | Freitag

Wie wir uns erinnern werden. Zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938. Ein Vortrag von Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ | Deutsches Hygiene-Museum, Kleiner Saal | 18 Uhr | Eintritt frei

Afrofuturism – The Future is unwritten. A talk between Philipp Khabo Koepsell and Priscilla Layne (in englischer Sprache) | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 19 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro (Ticket berechtigt auch zum Besuch der nachfolgenden „Ostkap“-Lesung) | Karten im Vorverkauf

Hinterm Horizont geht zu weit. Ostkap präsentiert junge Literatur | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 21 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro | Karten im Vorverkauf

 

10. November | Sonnabend

Über das Reisen als Erfahrung. Ein „Reportagen“-Abend mit Esther Göbel und Juliane Schiemenz | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 17 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro (Ticket berechtigt auch zum Besuch der folgenden Filmvorführung „Der Sonnenfuchs“) | Karten im Vorverkauf

Vom Einverstandensein mit allem Leben. Filmpremiere „Solreven – der Sonnenfuchs“ von und mit Regisseur Frank Wierke | Deutsches Hygiene-Museum | 19 Uhr | Eintritt: 5 Euro / ermäßigt 3 Euro | Karten im Vorverkauf

Lucy Fricke: „Töchter“. Ein Roadnovel | Deutsches Hygiene-Museum, Hörsaal | 20 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Poetry Slam „Zur Sonne“ mit Dominik Bartels, Kaddi Cutz, Kirsten Fuchs, Christian Kreis, Jacinta Nandi und Stefan Seyfarth (mit Gebärdendolmetscher) | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 21 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Festival-Lounge. Marcel Beyer legt auf | Deutsches Hygiene-Museum, Empfangshalle | 22 Uhr | Eintritt frei

 

11. November | Sonntag

„Verzeichnis einiger Verluste“. Eine Sonntagsmatinee mit Judith Schalansky | Deutsches Hygiene-Museum, Großer Saal | 11 Uhr | Eintritt: 10 Euro / ermäßigt 6 Euro | Karten im Vorverkauf

Familiensonntag „Wunder Sonne“ | 10-18 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum

Sonnenwerkstatt. Kreative Angebote und Experimente rund um das Thema Sonne | 10-18 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum, Empfangshalle | Eintritt frei

Führung Dauerausstellung „Abenteuer Mensch“ (mit Museumsticket) | Deutsches Hygiene-Museum | 11 Uhr in Leichter Sprache, 14 Uhr öffentliche Führung

Führung Sonderausstellung „Shine on me“ (mit Museumsticket) | Deutsches Hygiene-Museum | 15 Uhr Sonne, Mond und Sterne – öffentliche Familienführung, 16 Uhr Walking on Sunshine – öffentliche Führung

„Das kleine Gespenst“ von Otfried Preußler für Kinder gelesen von Ulrich Wenzke (ca. 30 Minuten) | Deutsches Hygiene-Museum, Kleiner Saal | 11 Uhr und 14:30 Uhr (14:30 mit Gebärdendolmetscher) | Eintritt frei

 

13. November | Dienstag

Verstummte Musik. Künstler im Exil. Dialog-Salon | Deutsches Hygiene-Museum, Marta-Fraenkel-Saal | 19 Uhr | Eintritt: 4 Euro | Karten im Vorverkauf

 

14. November | Mittwoch

Uwe Timm: „Ikarien“ | DIE VERANSTALTUNG MUSS AUS PERSÖNLICHEN GRÜNDEN LEIDER ENTFALLEN

Zwischen Stadt und Land

Man kann ein ganzes Leben in Berlin verbringen, ohne die Stadt doch je ganz kennenzulernen. Es ist unmöglich, alles auszuschöpfen. Immer hält Berlin Überraschungen bereit, nicht nur wegen seiner schieren Größe, sondern auch wegen der Vielfalt im Kleinen und der Geschwindigkeit, mit der sich alles wandelt. Viele Berliner bekommen davon allerdings nichts mit, weil es ihnen genügt, in ihrem angestammten Kiez zu hocken. Schon den Vorschlag, doch mal nach Marzahn zu fahren – ein Ort, in dessen Nähe sie schon die polnische Grenze vermuten – weisen sie zurück mit der Begründung, dies überfordere ihre Beweglichkeit erheblich.

Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Stadterkunder. Mit Bussen und Bahnen begebe ich mich gerne auf abenteuerliche Entdeckungsfahrten zu den Endhaltestellen mit ihren rätselhaft verlockenden Namen wie Krumme Lanke, Wendenschloss oder Hottengrund. Von dort aus bewege ich mich zu Fuß an den fransigen Rändern von Berlin, dort, wo die Stadt unmerklich ins Dorf übergeht. Nach Jahren der Ahnungslosigkeit entdeckte ich auf solche Weise jüngst, dass es im Norden von Berlin ein ziemlich zauberhaftes Gebiet rund um die sogenannten Karower Teiche gibt. Man kann dort fern des Trubels am Wasser spazieren und über Felder und durch Wälder schlendern.

Auf einem Spaziergang eben durch diese Gegend betrat ich im Sommer an einem der Karower Teiche eine Aussichtsplattform, von der aus man die Wasservögel beobachten kann. Ein Mann hielt sich dort bereits auf, ich grüßte ihn freundlich. Der Andere schwieg und glotzte mich angewidert an, so als hätte ich mich eben vor ihm ungefragt entblößt. Angesichts der unangenehmen Stimmung verdrückte ich mich schnell wieder.

Zu den Fragen, die in Deutschland dringend noch einer gesetzlichen Regelung bedürfen, gehört die folgende: Ab welcher Entfernung von einer Stadt ist es geboten, fremde Menschen während eines Spaziergangs zu grüßen? Sagt man in einer Großstadt zu einem Fremden „Guten Tag!“, wird man angeschaut wie ein Verrückter. Wie ein Flegel oder wie ein Verbrecher wird man hingegen auf dem Land betrachtet, wenn man bei einer Begegnung nicht grüßt. In der Stadt macht das Reden unbeliebt, auf dem Dorf das Schweigen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen diesen zwei so unterschiedlichen Zonen der Zwischenmenschlichkeit? Nur auf die landschaftliche Umgebung kommt es nicht an. Es gibt auch in Großstädten Wälder und auch in manchen Dörfern belebte Plätze, dennoch herrschen unterschiedliche Sitten. Wäre es nicht an der Zeit, in dieser Frage endlich Rechtssicherheit zu schaffen, um Missverständnissen und Konflikten vorzubeugen? Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft ohnehin gespalten, das Verhältnis von Großstädtern und Landbewohnern bereits sehr angespannt ist?

Wären die Grenzen erst einmal definitiv gezogen, könnte man Schilder aufstellen, um auf das Ende und den Beginn der allgemeinen Grußpflicht hinzuweisen. Der Deutsche wüsste dann Bescheid. Solange dies nicht geschieht, wird die Unklarheit weiter den Zwist zwischen der urbanen und der rustikalen Hälfte unseres Volkes befeuern. Die Dörfler werden die Städter weiter für arrogant, die Städter wiederum die Dörfler für zudringlich halten. Dabei sind die Zurückhaltung und Gleichgültigkeit der Großstädter ja nur den Erfordernissen des Lebens in der Metropole geschuldet. Wo so viele Menschen beieinanderhocken, muss man das Wegschauen und Ausweichen kultivieren. Sonst bestünde das Leben nur noch aus Aufregung und Streit. Auf dem Land, wo wenige Leute weit entfernt voneinander wohnen, ist man zum Überleben hingegen auf die Aufmerksamkeit und Hilfe des Nachbarn angewiesen. Es zeugt von Unwissenheit, das unterschiedliche Verhalten von Städtern und Dörflern auf unterschiedliche Charakterwerte zurückzuführen. Zwänge man die Leute dazu, ihre Wohnstätten zu tauschen, sähe man im Laufe der Zeit, wie sich ihr Gebaren der neuen Umwelt anpasste. Ich sehe hier übrigens Potenzial für eine neue Sendereihe auf RTL 2.

Aber der Gegensatz zwischen Stadt und Land lässt sich hervorragend ausbeuten, weshalb es nie an Journalisten und Politikern fehlen wird, die sich darum bemühen, ihn zum offenen Krieg anzuheizen. Da wird auf der einen Seite der Landbewohner als kerniger Naturmensch gefeiert und die Großstadt als babylonischer Moloch verdammt, auf der anderen Seite spottet man über die Landeier als minderbemittelte Hinterwäldler und lobt sich selbst für kosmopolitische Urbanität. Besonders schlimm sind junge Schriftsteller vom Land, die schildern, welche Befreiung der Rausch der Großstadt für ihre lange gefesselte, nach Freiheit dürstende Persönlichkeit bedeutete. Eine noch größere Plage sind allenfalls gealterte Schriftstellerinnen, die uns erzählen, das Leben auf selbst gedüngter Scholle habe ihr vom Wahnsinn der Metropole vergiftetes Gemüt geheilt.

Wer die Gelegenheit hatte, in seinem Leben sowohl Land als auch Großstadt kennenzulernen, der weiß, dass an den unterschiedlichen Orten nur verschiedene Arten der menschlichen Dummheit regieren. Fällt in der Stadt ein Mensch mit einem Herzinfarkt auf der Straße um, werden erst einmal drei Dutzend Leute über den leblosen Leib steigen, bevor jemand auf die Idee kommt, einen Krankenwagen zu rufen. Auf dem Dorf würde sofort jemand herbeieilen – schon aus Neugier, es ist ja sonst nichts los. Dafür kann jemand, der gerne sein Geschlecht wechseln will, dies in der Stadt vergleichsweise unbehelligt tun, während er oder sie auf dem Dorf unfreiwillig den Gesprächsstoff für die nächsten Jahrzehnte zu liefern hätte. Es ist ja sonst nichts los. Was in der Großstadt Toleranz heißt, ist oft nur Gleichgültigkeit. Der prächtige Zusammenhalt, dessen sich die Dörfler rühmen, geht mit geistiger Enge und Furcht vor Fremden einher.

Berlin aber ist der Ort, wo solche Gegensätze sich verbinden. Hier findest du das Schlechteste aus beiden Welten vereint. Hier geht provinzielle Piefigkeit mit der Einsamkeit in der Masse bestens zusammen. Du hast einen Nachbarn, der drei Mal in der Woche Pakete bei dir abholt, dich aber schon in der Kneipe zwei Straßen weiter nicht mehr erkennen will. Dafür wirst du von Wildfremden in der U-Bahn angeranzt, geduzt und belehrt, als wärst du ein alter Bekannter, mit dem man es ja machen kann, oder ein Kind, das noch erzogen werden muss. Warum wohnt eigentlich irgendjemand in dieser lebensfeindlichen Umgebung? Weil, man kann es nicht leugnen, es eben auch Augenblicke gibt, in denen sich Offenheit und Nähe doch einmal im Guten verbinden, Momente des Glücks, da dir auf einsamer Straße oder an einem späten Tresen ein Fremder wie ein Engel zu Rat und Trost erscheint. Ich werde Berlin darum erst einmal nicht wieder verlassen, es sei denn, jemand zeigt mir ein Dorf, in dem es Kneipen gibt, in denen man mit Leuten aus aller Welt bis vier Uhr nachts Bier trinken kann.

Michael Bittner

Donnerstag, 11. Oktober: Unsere Lesebühne Sax Royal in der Scheune mit Gastautorin Franziska Wilhelm

Unsere Lesebühne Sax Royal präsentiert am 11. Oktober in der Scheune wieder ein brandneues Programm für alle Freunde der heiteren Muse und angeheiterten Muße. Von den vier Stammautoren Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth gibt’s brandneue Geschichten, Gedichte und Lieder, die von den absurden Spielen erzählen, die der Alltag mit uns treibt. Aber auch Freunde der satirischen Attacke auf die Weltordnung kommen auf ihre Kosten.

Wie immer haben wir uns dazu noch einen besonderen Gast eingeladen, diesmal ist es die Leipziger Schriftstellerin und Poetry Slammerin Franziska Wilhelm. Franziska ist Stammautorin der Leipziger Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ und bekannt für ihre skurrilen Geschichten. 2014 erschien ihr Debütroman „Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen“. Zu Sax Royal bringt sie ihr frisch erschienenes Buch „Die schönsten Abgründe des Alltags“ (zwiebook) mit, eine Sammlung ihrer komischsten Slam- und Survivaltexte aus den letzten Jahren.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 11. Oktober 2018 | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune (Alaunstraße 36-40) | Tickets im Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

 

Foto Franziska Wilhelm: Susann Jehnichen

Zitat des Monats September

Von Lessing hab ich nur Bahnwärter Thiel gelesen.

Piet Weber

In Slowenien oder Kein Urlaub vom Faschismus

Alles ist scheiße. Die Rechten sind auf dem Vormarsch und ihre Gegner zeigen sich, wenn man’s noch schonend ausdrücken will, auch nicht gerade in Bestform. In solcher Lage stellen sich Zustände der Erschöpfung auch beim zähesten Streiter im Meinungskrieg ein. Er entschließt sich also, seine Einmannkaserne doch einmal für verdiente Ferien zu verlassen – Faschismus hin oder her. Zum Ziel der Reise wurde Slowenien erkoren, ein kleines Land, das bekannt vor allem dafür ist, oft mit der Slowakei verwechselt zu werden. Das unterläuft aber nur Ignoranten, alle anderen wissen ja, dass Slowenien die nördlichste der ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens ist, ein seit 1991 unabhängiger Staat, der Mitglied der Europäischen Union ist und sogar den Euro eingeführt hat, obwohl dafür eine Währung mit dem wunderschönen Namen Tolar für immer abtreten musste.

Der EuroCity-Zug, der meine Liebste und mich nach Slowenien bringt, ist ein Sinnbild der Europäischen Union. Er kommt verspätet, fährt langsam und besteht aus Teilen mehrerer Länder, die nicht recht zusammenpassen wollen. Das Personal wird an jeder Grenze ausgewechselt, sodass die neue Besatzung die Schuld für das herrschende Chaos immer den Leuten aus dem vorherigen Land zuschieben kann. Fahrradfahrer finden den versprochenen Fahrradwagen nicht, weil keiner existiert. Es gibt auch zu wenige Sitzplätze, von denen anscheinend einige auch noch doppelt reserviert sind, vielleicht um die Europäer auf diesem Weg miteinander in engeren Kontakt zu bringen. In unserem Abteil hat sich aus unseren beiden Sitzen ein junger Kroate ein Bett zusammengeschoben, auf dem er schlummert, mit lautem Techno in den Ohren. In einer seiner Wachphasen erzählt er uns, er arbeite für eine Metallbaufirma in der Nähe von Ulm und sei nun auf dem Weg in den Heimaturlaub. An Deutschland gefalle ihm besonders der gute Lohn, in Kroatien werde man selbst in ordentlichen Berufen mickrig bezahlt. Einziger Nachteil sei, dass er seine Freundin nur selten sehen könne. Gerne würde er in Deutschland eine schöne Wohnung finden, bislang habe er immer in Arbeiterheimen und ärmlichen Zimmern gelebt. Aber es sei schwer mit den Vermietern, viele wollten wohl keinen Ausländer. Weil wir dem arbeitsmüden Mann seinen Schlaf gönnen, verbringen wir einige Zeit im österreichischen Speisewagen. Viele Gerichte sind gerade aus, aber der Kellner ist so charmant unverschämt, wie man es von einem jungen Österreicher erwartet. Der Anblick der Alpengipfel, die während der Fahrt draußen vorbeiziehen, entschädigt ohnehin für alle Unbequemlichkeiten.

Die Hauptstadt Ljubljana macht auf den ersten Blick einen merkwürdigen Eindruck. Prachtvoll restaurierte Gebäude im Habsburgerstil mischen sich im Stadtbild mit bröckelnden sozialistischen Zweckbauten. Das öffentliche Leben wiederum wirkt westlicher als im Westen. Überall wird freier Netzzugang versprochen, im Nahverkehr kann man nur elektronisch bezahlen, die Lokale werben stolz mit ihren sieben Sorten selbstgebrautem Pale Ale. Das Stadtzentrum, gelegen an drei Brücken über ein kleines Flüsschen, quillt über vor Touristen. Es ist unmöglich, noch irgendwo einen freien Platz zu finden. Wir versorgen uns deshalb mit Nahrung an einer Imbissbude, wo eine aufgeregte, junge Chinesin Nudeln und Gemüse in Pappkartons füllt. Als wir ihr etwas Trinkgeld geben, besteht sie darauf, uns zum Ausgleich noch mehr Frühlingsrollen einzupacken. Essen können wir vor dem Laden im Freien, es ist auch nachts noch immer heiß. Ziemlich überfordert falle ich im Hotel in die Federn und plädiere für einen baldigen Ausflug in die Natur zum Zwecke der Entspannung.

Daheim tadelt mich die Frau oft, weil ich mich angeblich nicht genug bewege. Es überzeugt sie nicht, wenn ich ihr vorrechne, welche Strecke tagtäglich allein schon durch meine Wege vom Bett zum Kühlschrank zusammenkommt. Nun befinden wir uns in der Nähe von Bergen und es hilft alles nichts: Sie müssen bestiegen werden. Wir nehmen uns zuerst den Berg Krim vor, einen Gipfel der leichteren Kategorie. Mit dem Bus fahren wir in ein kleines Dörfchen zwischen gelben Feldern, wo hinter der alten Dorfkirche der Aufstieg durch dunklen Gebirgswald beginnt. Eintausend Meter sind keine sonderlich lange Strecke. Dies gilt allerdings nur, wenn sie in der Waagerechten zu bewältigen sind. In vertikaler Form nehmen sie einen ganz anderen Charakter an. Nach einhundert Metern überlege ich, inzwischen ein schwitzendes und schnaufendes Wrack, wie ich vor der Frau die feste Überzeugung verbergen kann, dass ich in Kürze sterben werde. Ich lasse erst einmal ein bisschen abreißen. Vielleicht sollte ich mich einfach auf den Waldboden legen und sanft entschlummern, als Allerletztes im Ohr den fröhlichen Gesang der Vögel. Der Gedanke ans Ende scheint mir weit tröstlicher als die Überlegung, dass auf mich, sollte ich nicht sterben, noch 900 weitere Höhenmeter warten.

Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und raffe mich doch noch einmal auf. Während ich weiter bergan wandere, versuche ich mich durch den Anblick der Natur für meine Schmerzen zu entschädigen. Besonders ins Auge fallen mir die Alpenveilchen am Wegesrand. Da es sich um die Lieblingsblume des gemeinen Ossis handelt, ist mir die Pflanze vertraut. Andererseits wirkt sie hier auf mich befremdlich, denn ich kenne sie nur aus schwarzen Plastikblumentöpfen. Das Alpenveilchen in freier Wildbahn zu erblicken, verstört mich. Meine Oma hatte stets mehrere Alpenveilchen auf dem Fensterbrett. Das Alpenveilchen war im Osten überhaupt in den neunziger Jahren überall zu sehen, in Wohnungen, Büros und Gaststätten. Und das, obwohl die Zeit nach der Wende eigentlich die der Kunststoffblumen war. Sie galten damals im Osten als schick und praktisch, denn sie sahen lebensecht aus, wenn man nicht allzu genau hinschaute, man brauchte sie aber nicht zu gießen. Allenfalls abstauben musste man sie gelegentlich. Die Blume aus Plastik war ein Symbol des Fortschritts. Unterdessen schlossen die Gärtnereien, auch die in unserem Dorf. Aber die Ossis waren stolz, dank des Kapitalismus endlich echten Kunststoff kaufen zu können und sich nicht mehr mit den sozialistischen Ersatzprodukten Plaste und Elaste begnügen zu müssen, die bekanntlich aus dem Knochenmehl rumänischer Waisenkinder hergestellt worden waren. Wie konnte das Alpenveilchen damals trotzdem Gnade finden? Wahrscheinlich, weil es mit seinen leuchtenden Blüten und seinen unnatürlich schön marmorierten Blättern aussah, als wäre es aus Plastik. So drückte man ein Auge zu und ließ auch mal was Lebendiges passieren.

Am Gipfel angelangt, werde ich für den Aufstieg entschädigt, weniger durch berauschenden Fernblick als durch eine Berghütte, in dem mir eine nette Wirtin Limonade verkauft. Ein alter Slowene in Wanderkluft sitzt neben uns. Ich bin erstaunt darüber, wie der Zausel es bis hier nach oben geschafft hat. Nach dem Essen spricht er uns an und erzählt, eigentlich möge er den Berg Krim gar nicht besonders. „Mir ist das hier zu niedrig, hier sind noch zu viele Bäume und Blumen“, sagt er. „Ich mag die Alpen. Hier hoch laufe ich bloß, um ein bisschen zu trainieren, bevor ich auf die richtigen Berge steige.“ Bevor ich den Alten erwürgen kann, gibt die Frau schon den Entschluss bekannt, auch wir wollten auf jeden Fall noch Alpengipfel besteigen.

Das Nationalmuseum in Ljubljana erläutert die Geschichte der Gegend, die heute Slowenien heißt, von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Allerhand Schwerter, Münzen und sonstiges Blech. Dazu erzählen Karten und Texte davon, wie die Kelten von den Römern, die Römer von den Germanen, die Germanen von den Slawen unterjocht und wechselweise vertrieben oder eingeschmolzen worden sind. Bemerkenswerter finde ich die „Neandertalerflöte“, einen hohlen Tierknochen mit kreisrunden Löchern, der in einer slowenischen Höhle gefunden und auf ein Alter von 45000 Jahren datiert wurde. Im Internet kann man von wissenschaftlichen Spaßverderbern lesen, die nicht glauben wollen, dass es sich wirklich um eine Flöte handelt. Ich mag diesen Pedanten keinen Glauben schenken, denn die Vorstellung von einem Neandertaler, der sich in der Höhle eine Flöte bastelt, um seinen Kumpels am Lagerfeuer ein Liedchen zu pfeifen, ist zu schön, um nicht wahr zu sein. Früher hielt man die Neandertaler ja für tumbe Keulenschwinger, die von den modernen Menschen mühelos verdrängt und ersetzt wurden. Die Genetik hat nun aber herausgefunden, dass auch in uns modernen Menschen noch beachtlich viel vom Neandertaler steckt. Es gilt wohl sogar die einleuchtende Faustregel: Je blonder, desto mehr Neandertal. Jedenfalls konnten nachweislich schon die Steinzeitmenschen nicht von der Völkermischung lassen, dieser großen Versuchung, gegen die uns nun endlich die Faschisten wappnen wollen.

Vorm Museum ohrfeige ich mich selbst, denn ich hatte mir ja fest vorgenommen, im Urlaub nicht an Politik zu denken. Aber das ist schwer. Man müsste die Augen fest geschlossen halten. Denn Grafitti gibt es auch in Ljubljana, zum Beispiel liest man an der Wand eines Kulturzentrums: „LGBT je degeneracija, degradacija, dekadenca“, was sich ins Deutsche wohl so übersetzen lässt: „Die Bewegung der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen ist Entartung, Erniedrigung, Verfall“. Immerhin hat ein gegnerischer Sprüher diese These rot durchgestrichen und durch die schlichte Botschaft „Pro Homo“ korrigiert. Ich sehe langsam ein: Wenn ich den politischen Kämpfen unserer Zeit entkommen wollte, müsste ich wohl Urlaub in der Antarktis oder auf dem Mond machen. Vielleicht kann man aus der Allgegenwärtigkeit des Streits zumindest einen Trost ziehen: Wenn überall in Europa, ja beinahe auf der ganzen Welt von den gleichen Parteien die gleichen Kämpfe ausgefochten werden, dann ist die Weltgesellschaft kein utopisches Phantom mehr, sondern inzwischen die Wirklichkeit.

Mit einer romantisch rostigen Bimmelbahn reisen wir von Ljubljana weiter in das kleine Städtchen Kamnik am Fuß der Alpen. Unsere Unterkunft befindet sich in den Zimmern eines Gasthauses, in dessen Schankraum sich die örtlichen Biertrinker versammeln. Die Pension liegt unmittelbar neben dem Busbahnhof, sodass wir am nächsten Morgen mühelos in die Berge fahren können. In den Bus steigt an einer Dorfhaltstelle auch ein alter, grauhaariger Mann mit freundlichem Gesicht, der mir merkwürdig bekannt vorkommt. Er trägt das Gewand eines Hirten, hat einen Wanderstab bei sich und an seinem Hut einen Strauß mit Wiesenblumen befestigt. Endlich fällt es mir ein: Ein Foto des Mannes findet sich als Illustration in unserem Reiseführer. Er trägt seine Kluft mit einer Würde, die mich vermuten lässt, dass er kein Hirt, sondern ein erfahrener Hirtendarsteller ist. Jedenfalls hat er dasselbe Ziel wie wir: die Velika Planina, eine Hochfläche mit großen Almen und Hirtensiedlungen. Er nimmt allerdings die Seilbahn, während wir wieder zu Fuß bergan steigen.

Erstaunlicherweise fällt mir der Weg nach oben diesmal wesentlich leichter, offenbar komme ich langsam in Form. Am Wegesrand sehe ich prächtigste Steinpilze, aber da wir nicht über eine Küche verfügen, schone ich sie. Obwohl ich mir mit Immanuel Kant einzureden versuche, der wahre Genuss der Schönheit bestehe im interesselosen Wohlgefallen, bleibt Unzufriedenheit zurück. Wie gern hätte ich diese Pilze auch mit Zunge und Gaumen, nicht nur mit den Augen genossen! Die Frau fragt mich, wieso ich denn beim Wandern ständig in die Hände klatsche. Ich erläutere ihr, dies sei ein probates Mittel gegen die plötzliche, vielleicht verhängnisvolle Begegnung mit den in Slowenien durchaus heimischen Braunbären. Die Frau lacht mich aus. Ich nehme es klaglos hin. Wir überleben auch diesen Tag im Wald und es genügt mir, dass ich weiß, wem wir das zu verdanken haben.

Oben auf der Hochfläche angekommen, finden wir uns sogleich auf einer Weide zwischen weißbraunen Rindern wieder. Das Geläut ihrer Glocken beschallt die ganze Alm. Einige schindelgedeckte Hütten stehen auf dem Grün, sonst nichts. Schüchtern bahnen wir uns den Weg durch die Herde. Die Kühe schauen uns etwas misstrauisch, aber nicht ängstlich an. Gewiss sind sie Wanderer gewohnt. Ich erinnere mich an das Gedicht Gang durch die Kuhherde, geschrieben vom Kabarettisten Werner Finck, der wie ich in Görlitz geboren wurde:

Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zuleide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.

Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen,
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.

Und so geh’ ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.

Warum kommt mir dieses vermaledeite Poem in den Sinn? Finck erzählte 1933 auf der Bühne seines Kabaretts natürlich nicht von Rindern, sondern von den faschistischen Hornochsen, die eben die Macht übernommen hatten. Ich konzentriere mich wieder auf die wirklichen Kühe, um die allegorischen zu vergessen. Kühe sind wohlgeformte, auf ihre Art anmutige Tiere, vielleicht nicht allzu schlau, aber friedlich. Sie haben es nicht verdient, mit Faschisten in Verbindung gebracht zu werden.

In der Mitte der Hochfläche, wo sich Gasthäuser, eine kleine Bergkapelle und Sesselliftstationen befinden, geht es ziemlich belebt zu. Fußlahme und Drückeberger, die mit dem Lift oder dem Auto bis hierher gelangt sind, spazieren frohgemut im Kreis, genießen die Aussicht auf die benachbarten Alpengipfel und fotografieren Rinder. Eine erkennbar deutsche Familie kommt uns entgegen, vorneweg der Vater mit seinem Sohn, wenige Schritte dahinter Mutter und Tochter. Der Vater trägt einen Alpenhut und versucht zu jodeln, weil er der festen Überzeugung ist, dies sei äußerst witzig. Mutter und Tochter verdrehen peinlich berührt die Augen und auch auf dem Gesicht des Sohnes zeichnet sich deutlich ein einziger Gedanke ab: Scheiße, das ist also der Typ, der mich gezeugt hat.

Wir suchen eines der Gasthäuser auf, ich esse eine slowenische Pilzsuppe und spreche maßvoll dem Bier zu. Währenddessen beobachte ich seltsame Krähenvögel, die sich zwischen den Almhütten geschickt von den Aufwinden tragen lassen und immerzu nach Nahrung spähen, die sich auf dem Boden erhaschen lassen könnte. Meine Vogel-App mit dem Namen „Die Vogel App“ verrät mir, dass es sich um Alpendohlen handelt. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, dass man in Slowenien selbst auf Berggipfeln ins Internet gelangen kann, während man in Deutschland schon am Rand der Hauptstadt des Empfangs verlustig geht. Das neue Europa scheint das alte doch in manchen Bereichen zu überholen.

Das Nachtleben des Städtchens Kamnik ist überschaubar. Aber ich spüre zielsicher das beste Lokal der Stadt auf. Das Café Racer am Hauptplatz wirbt offenbar besonders um Biker. Immer wieder stellen junge Männer, aber auch Frauen ihre Maschinen neben dem Café ab, um sich ein Getränk zu gönnen. (Im Internet werde ich später lesen, dass englische Rock’n’Roller in den Sechzigern die frisierten Motorräder, mit denen sie Sonntagsausflüge machten, „Café Racer“ nannten. Das Café Racer hat sich also nach einer Sorte von Motorrädern benannt, die ihren Namen Cafés verdankt – ein Taufkreislauf von geradezu philosophischer Qualität.) Obwohl ich in meiner Jugend darauf verzichtet habe, den Mopedführerschein zu erwerben, erhalte auch ich Bier. Bedient werden wir vom Besitzer des Cafés, einem agilen Mann mittleren Alters mit zottigen Haaren. Er gehört zu den Menschen, die erkennbar für den Beruf des Wirtes geboren wurden: Es gibt keinen Gast, den er nicht in einen kleinen Plausch verwickelte. Die Frau meint, er habe die Ausstrahlung eines Weltenbummlers, der nach Jahren der Wanderschaft in die Heimat zurückgekehrt sei. Sie muss es wissen, denn sie war selbst in ihrer Jugend viel auf dem Globus unterwegs. Als der Wirt erfährt, dass wir aus Berlin in sein kleines Café geraten sind, ist er hellauf begeistert und fragt uns erst einmal aus. Er entschuldigt sich für die Schläfrigkeit seiner Heimatstadt und scheint ein wenig neidisch auf die Besucher aus der Metropole. Es ist seltsam, ich blicke in letzter Zeit immer öfter mit Neid auf Menschen wie den Kamniker Biker-Wirt, die auf kleinem Raum ihre Idee verwirklichen und das Leben einiger Leute schöner machen, statt sich in der Großstadt im Kampf gegen die Gleichgültigkeit zu vergeuden. Als wir am nächsten Tag noch einmal im Café Racer einrücken, schenkt uns der Wirt am Ende die Zeche zum Dank für unseren Besuch. Ich beschließe, mich später zu revanchieren, indem ich sein Lokal literarisch ins kulturelle Gedächtnis der Menschheit befördere.

Die letzten Tage unserer Reise verbringen wir in Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens im Osten des Landes. Die Stadt wirkt noch barocker und österreichischer als die Hauptstadt. In der hübschen Altstadt sitzen Einheimische und Touristen beisammen, trinken Kaffee und schlecken Eis. Der junge Kioskverkäufer im Stadtpark versichert uns, in diesem Teil Sloweniens könne man ruhig Deutsch sprechen, jeder hier verstehe das. Nach dem Besuch im Museum der nationalen Befreiung wundere ich mich dann allerdings darüber, dass irgendjemand hier noch Lust hat, Deutsch zu sprechen. Aber das gilt ja im Grunde fast für ganz Europa. Ein Deutscher, den in der Ferne das Heimweh nach dem Faschismus packt, findet in fast jeder europäischen Stadt ein Museum, in dem er sich über das historische Treiben seiner faschistischen Landsleute in der Region unterrichten kann. In Slowenien, dessen nördlichen Teil die Deutschen als „Untersteiermark“ für sich beanspruchten, planten die Nazis im Zweiten Weltkrieg eine großangelegte Germanisierung. Die Slowenen wehrten sich gegen Vertreibung und Ermordung durch einen Partisanenkrieg. In der Ausstellung des Museums sind die Waldhütten nachgebaut, in denen Ärzte und Krankenschwestern während des Krieges heimlich verwundete Kämpfer versorgten. Entdeckte die Wehrmacht so ein geheimes Lazarett, wurden meist alle Patienten und ihre Helfer an Ort und Stelle umgebracht. Ich kann mir nicht helfen, es fällt mir noch schwer, die Forderung der neuen deutschen Faschisten zu erfüllen, auf solche Leistungen unserer Soldaten stolz zu sein. Aber die Zeiten ändern sich, wir müssen alle umdenken.

Auf der Heimfahrt teilen wir im Zug das Abteil mit einer deutsch-amerikanischen Familie. Die drei jungen Söhne wechseln mühelos vom Englischen ins Deutsche und zurück. Die Eltern sprechen ab und zu Spanisch, vielleicht dann, wenn sie nicht belauscht werden möchten. Wir erfahren trotzdem, dass die Familie nach ihrem Aufenthalt in Slowenien nun nach Bayern fährt, wo die Eltern der Mutter beheimatet sind. Der amerikanische Vater ist geradezu der Prototyp des Daddys: ein großer, stämmiger Mann mit ordentlichem Bauch, Halbglatze und Oberarmen so dick wie Laternenpfähle. Mit seinen drei Kindern geht er zärtlich und doch bestimmt um, er muntert sie auf und hält sie im Zaum. Als sein ältester Sohn vorführt, wie er einen Rubik-Würfel in zwei Minuten lösen kann, staunt er nicht nur wie wir anderen auch, sondern lässt sich geduldig die Technik von seinem Kind erklären, um sie ebenfalls zu erlernen. In Salzburg springt er während eines Zwischenhaltes aus dem Zug, um Wasser für die durstige Familie zu besorgen. Als er zurückkehrt, empört er sich: „Der ganze Bahnhof ist voller Nazis! Und niemand tut etwas! Sie grölen herum und heben ihre Arme! Das können doch nur Nazis sein!“ Ich überlege, ob ich ihm darlegen sollte, dass er vielleicht nur die Gesänge und Gesten der Fans von Austria Salzburg missverstanden hat, die gerade den Bahnhof bevölkern. Aber dann lasse ich es doch. Woher weiß ich denn, dass der Bahnhof nicht wirklich voller Nazis ist, die machen, was sie wollen, weil niemand sie daran hindert? Undenkbar scheint das ja in unseren Zeiten nicht mehr. Ich entwickle spontan den Wunsch, von dem amerikanischen Mustervati adoptiert zu werden. Ja, ich wünschte mir, er könnte gleich ganz Europa in seine multikulturelle Familie aufnehmen. Denn er besitzt das, was wir alle in Zukunft brauchen werden, um uns zu schützen: Klugheit, Gefühl und Muskeln.

Michael Bittner

Roman Israel liest „Flugobst“ bei YouTube

Unser Roman Israel präsentiert auf seinem YouTube-Kanal eine neue Reihe: Regelmäßig liest er aus seinem aktuellen Roman Flugobst, in dem die Geschichte einer Familie aus der Oberlausitz in den Wirrungen der Nachwendezeit mit groteskem Humor erzählt wird. Hier könnt ihr schon mal den Trailer anschauen:

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