Wanderer, kommst du nach Ha…

Es ist wieder an der Zeit, eine Stadt zu hassen, wie sie so noch nie gehasst worden ist. Ich bin aufgeladen wie mein Laptop, dass bedeutet, ich werde in kurzer Zeit sehr viel Energie verbrauchen und dann ausgehen. Ich bin sauer, weil ich gestern nur zweiter beim Poetry Slam in der Rosenau in Stuttgart geworden bin. Or Näi (Oh nein). Jetzt fragt ihr euch sicher, ob ich Stuttgart hasse, aber nein. Heute hasse ich, denn das mit Stuttgart ist noch viel zu frisch, heute hasse ich HAGEN.

Hagen liegt im südwestlichen Pott, datt heißt, die Leeeute reden, wie die Leute im Pott eben reden. Was an sich ja sympathisch ist, gerät in Hagen außer Kontrolle. Von allem, was eine Stadt zu viel oder zu wenig haben kann, hat Hagen gerade so viel, dass es, ach was. Ich red nicht länger drum herum.

Hagen ist grau. Hagen ist so grau, dass man das vom Mond aus sehen kann. Hagen ist vom Mond aus gesehen sozusagen ein äh grauer Krater. Und hier kann man vielleicht die Verbindung zwischen Hagen und Stuttgart anbringen. Beide sind scheiße hügelig. Stuttgart ist auch grau, aber zumindest gibt es hier eine Otto-Dix-Sondersammlung.

Wenn es jemals in Hagen Schönheit gab, dann aus Versehen. Hagen ist eine von den Städten, von denen ich immer dachte, sie existieren nur in meiner Phantasie, Städte nämlich, wo auf den Sehenswürdigkeitens-Postkarten das örtliche Amtsgericht oder irgendein Bürogebäude mit Blumenkübeln abgebildet sind. Aber es gibt sie, fahrt nach Euskirchen, Essen oder Erlangen. Um einen Eindruck von der Trostlosigkeit Hagens zu vermitteln, hier der einladende Begrüßungsspruch der Netzvertretung:

„Sicher wird es Ihnen hier gefallen, denn das mittlerweile 250 Jahre alte Hagen in Westfalen ist stets jung und dabei ausgesprochen lebens- und liebenswert geblieben. Um Hagen zu entdecken, gibt es viele Angebote. Kommen Sie zu uns und lassen Sie sich davon überzeugen, dass für Hagen gilt: Als Gäste kommen – Als Freunde gehen!“

Hä? Wo ist da der Gegensatz? Müsste es nicht heißen: „Als Gäste kommen – Als Einwohner gehen!“ oder „Als Feinde kommen – Als Freunde gehen!“ Naja, da wollen wir mal nicht so pingelig sein, es gibt immer noch genug Leute, die auf diesen Spruch reinfallen und nach Hagen fahren und (!) dort bleiben. Die Einwohner von Hagen haben Hagen verdient.

Aber hat Hagen so viele Einwohner verdient? Und vor allem, wo sind die? An einem Freitag Abend, so gegen 18 Uhr, da muss doch was los sein am Bahnhof, da muss doch irgendwas passieren, muss es brummen bei McDonalds, die Verkäufer dort dürfen eigentlich keine Minute frei denken können, liebe Hagener. Wo zur Hölle wart ihr? Ihr seid 200.000! Bei der Veranstaltung, die ich zu besuchen die Ehre hatte, waren sie jedenfalls nicht. Also es war nicht leer, aber es hat mir auch nicht die Schuhe ausgezogen. Vielleicht waren die alle schon in den Weihnachtsferien.

Ich könnte noch viel über Hagen schreiben, die berühmte Fernuniversität, das Volme-Einkaufszentrum am Friedrich-Ebert-Platz (mit original Rathausturm), die Entwicklung der Stadt in der frühen Neuzeit, aber ich habe keine Lust. Soviel Energie für Hagen? Nein. Aber eine kleine Anekdote sei mir noch gestattet: Nach der Veranstaltung (Slam mit Ruppel, Koslowsky und Schuster) wurde noch bis in die Morgenstunden eifrig gekickert. Dazu muss man sagen, ich war irgendwann zu nichts mehr in der Lage und beleidigte Frauen bzw. hörte zu bzw. schickte sie nach Hause (drei absolute No-Gos, aber ich war schwach). Ein betrunkener Sozialarbeiter, der dort wohl immer zu sein schien, hatte in mir als Ostler und Fußballfan den richtigen Gesprächspartner gefunden und kaute mir die Ohren ab. Irgendwann kamen wir auf Cottbus und er behauptete steif und fest, Cottbus läge in Sachsen, wohingegen ich weiss, es liegt in Brandenburg. Er wollte es nicht wahr haben und befragte die anderen Gäste zu diesem Tatbestand. Nach zwei Stunden präsentierte er mir sehr stolz das Ergebnis: 14 zu zwei für Sachsen. Er sah aus wie ein kleiner Junge, der das erste Mal in seinem Leben ein Tor beim Fussball geschossen hat, weswegen ich mir die Frage verkniff, was denn wohl das Ergebnis über die Hagener so aussagt. Ach Ach.

Jetzt regnet es in Stuttgart. So ein Tag, an dem man sich zurückziehen und ein wenig in einem Buch blättern möchte, vielleicht sogar im im Essener Verlag Beleke erschienenen Bildband „Lebendiges Hagen“, wo sich die vielen Perlen des Hagener Lebens und Stadtbildes perlengleich auffädeln und Lust machen auf mehr.

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  1. julius, das klingt doch vielmehr nach mitleid als nach haß:leute, habt ein herz! schickt blumensamen nach hagen! christo, fahre mit orangenen stoffen nach hagen! hoyerswerda, sag hagen wie du es geschafft hast!

    Comment von udo — 8. Januar 2008 #

  2. [Nachgetragene Pointe:]

    Kein Wunder, dass Hagen die berühmte Fernuniversität sein Eigen nennt! Bei welcher Stadt lohnte es sich eher, ihr fern zu bleiben?

    [Julius, wie konntest du dir die durch die Lappen gehen lassen?]

    Comment von Micha — 8. Januar 2008 #

  3. Wenn Du einmal als Moderator einer Diskussionsrunde zu dem Thema „Wie können wir unseren Campus beleben?“ zehn Stunden in der FH in Hagen absitzen musstest, dann wirkt dein Text noch arg geschmeichelt, lieber Julius.
    „Hagen am Rhein“, hatte Helge Schneider einst gewitzelt.

    Comment von René — 17. Januar 2008 #

  4. Der Liste der Städte, die man unbedingt sehen sollte, möchte ich noch Offenbach hinzufügen. Seitdem ich da war weiß ich, dass Chemnitz schön ist. Das will was heißen.

    Comment von jens kassner — 20. Januar 2008 #

  5. Fahr mal in meine Heimatstadt Gelsenkirchen. Auch der Osten des Westens genannt. Gruß

    Comment von falk — 16. März 2009 #

  6. Ich weiß, dass der Thread ganz alt ist, aber die Idee mit dem »Wanderer, kommst Du nach …« habe ich auch schon mal verarbeitet. Mit »Dre…« natürlich;-)

    Comment von stefanolix — 16. Oktober 2009 #

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