Dresdner Literaturzeitschriften im Test: trieb Nr. 8 vs. Der Maulkorb Nr. 8

Neben den renommierten Literaturzeitschriften Ostragehege und Signum existieren in der Literaturlandschaft Dresdens noch einige eher untergründige Magazine, die sich ebenfalls der Poesie verschrieben haben. Zwei von ihnen, nämlich das Feingeistmagazin vom Bischofsweg namens trieb sowie Der Maulkorb haben gerade ihre jeweils achte Ausgabe auf den Markt geworfen. Beiden Heften seien zahlreiche Käufer gewünscht! Literaturzeitschriften werden zwar grundsätzlich nie von normalen Menschen erworben, sondern immer nur von Leuten, die „auch schreiben“, aber deren Zahl ist ja immer noch groß genug. Um ihnen die Entscheidung zu erleichtern, hier einige persönliche Bemerkungen zu den beiden Magazinen von mir.

Eins vorab: Man nenne mich einen spießbürgerlichen Kulturpedanten, aber ich sehe nicht ein, wieso es Personen, die sich selbst als Literaten bezeichnen, unmöglich sein sollte, sich der deutschen Sprache zu bemächtigen oder wenigstens einen Duden zu kaufen. Einige der Autoren schaffen es, auf einer Seite ein Dutzend und mehr Fehler in Rechtschreibung und Grammatik unterzubringen. Ich weigere mich, so etwas ernst zu nehmen. Notfalls wende man sich bitte an das Lektorat Siegel. Der Betreiber macht sehr faire Preise – ich erinnere mich noch, wie er mich einmal hartnäckig herunterhandelte, als ich ihm zu viel Geld bezahlen wollte.

Der Maulkorb (hg. von Silvio Colditz) widmet sich in seiner neuen Ausgabe ganz der Stadt Dresden. Im Anhang findet sich ein nützlicher, wenn auch nicht vollständiger Überblick über die Literaturlandschaft Dresdens, der erfreulicherweise besonders die junge Szene berücksichtigt. Und der Inhalt des Heftes wird diesmal allein von Dresdner Autorinnen und Autoren bestritten. Hier habe ich tatsächlich einige Entdeckungen gemacht und Schriftsteller kennen gelernt, die mir bisher unbekannt waren – was wieder einmal zeigt, dass die Dresdner Literaturszene klein, aber dennoch nicht überschaubar, weil weitgehend zersplittert ist. Großartig fand ich zwei Gedichte von Kerstin Becker (*1969, u.a. Mitglied im Literaturforum Dresden). Komplexe Lyrik, die sich aber aus konkreten Anschauungen statt aus metaphysischen Phrasen speist und sogar wieder so etwas wie ein poetisches Ich erkennen lässt. Von Sabine Dreßler (*1979, Lektorin, Autorin und Soziologin), entdeckte ich einen sehr schönen, unaufgeregt und witzig erzählten Ausschnitt aus einem längeren Reisebericht über Erlebnisse in Neuseeland. Falk Enderleins Grosteske Kafka auf Prozac liest sich schön überdreht. Und Steffen Roye hat mit Die letzte Runde geht aufs Haus eine klassische und gelungene Kurzgeschichte beigesteuert.

Das Magazin trieb ist dicker als die Konkurrenz, kostet dafür aber auch zwei Euros mehr. Herausgegeben wird es von gleich zwei Geistesgrößen, die auch selbst einen nicht unerheblichen Teil des Inhalts lieferten. Michel Philip Nierste (*1974) veräppelt in seiner medienkritischen Sektion Schrottpresse diesmal unter anderem auf amüsante Weise die Sächsische Zeitung. Und der zweite Herausgeber Torsten Israel, bekannt als Neustädter Spätshopbesitzer und Womanizer, hat zahlreiche Gedichte aus seiner Feder eingerückt, die durchaus lesenswert sind, aber unter einem gewissen Mangel an Selbstironie leiden. Gerade durch ihre unbequeme Unzeitgemäßheit interessant sind die Gedichte von Andreas Paul (*1964), der diesmal Christiane Michel und Rosa Luxemburg besingt – was niemand verwundern wird, handelt es sich doch in beiden Fällen um bezaubernde Frauen. Dass ich die enthaltenen Gedichte von Stefan Seyfarth (*1977) und Roman Israel (*1979) – beide Autoren unserer Lesebühne Sax Royal – gut finde, wird niemanden überraschen. Schön außerdem, dass ein literarisches Dresdner Urgestein wie Bernhard Theilmann (*1949, Mitbegründer von Obergrabenpresse, SAX und ASSO) sich bereit gefunden hat, ebenfalls Texte zu schicken. Insgesamt wäre es aber doch wünschenswert, der trieb würde für die nächste Ausgabe ein paar neue Autoren gewinnen, denn die Nummer 8 war in dieser Hinsicht doch etwas überraschungsarm.

Der Maulkorb. Herausgeber: Silvio Colditz. Nr. 8 (Juni 2011). Sonderausgabe Dresden. 74 Seiten. 3 Euro. Erhältlich in Neustädter Buchhandlungen oder über maulkorb@gmx.de

trieb. Das Feingeistmagazin vom Bischofsweg. Herausgeber: Michel Philip Nierste und Torsten Israel. Nr. 8 (April 2011). 176 Seiten. 5 Euro. Erhältlich im Shop „Spätschicht“ (Bischofsweg 18).

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  1. Eine lesenswerte Renzension, danke!

    Als Mitherausgeber des „Trieb“ erlaube ich mir noch einige Anmerkungen.
    Es ist schön, dass die Fahne der Rechtschreibung hochgehalten wird. Wir haben „Trieb“ mehrfach von Menschen mit Schulabschlüssen gegenlesen lassen. Aber bitte, kein Gesetz ist an und für sich richtig. Das gilt m.E. auch für die (Konvention der) Rechtschreibung. Es kann vorkommen, dass der Autor ein Komma „erfühlt“, eine Sprechpause aus dem Bauch heraus setzt. Und Sapperlot! so soll es dann auch sein. Auch die Linguisten erkennen mittlerweile an, dass die gesprochene Sprache die Schriftsprache ständig überformt und am Ende selbst zum Standard wird. Also: ein Hoch auf die (nicht entstellende) Ausnahme. Zur Bekräftigung möchte ich an dieser Stelle ein willkürliches Komma setzen: (,) .

    Neben einigem Lob erscheint der moderate Vorwurf, die Inhalte in „Trieb“ seien allzu erwartbar. Aber erwartbar wie ein Orgasmus oder wie ein Steuerbescheid, das ist doch die Frage.
    Tatsächlich haben wir neben dem festen Stamm eine ganze Reihe neuer Autoren aufgenommen. Bitte entdecken. Die unauffälligen Texte von Patick Steiner etwa zähle ich zu den besten im Heft. Auf die Beiträge von Bernhard Theilmann, etwa das zeitlos zeitgemäße „Lethargie“, sind wir natürlich stolz, ebenso auf die Gesänge von Andreas Paul, der in großer Höhe über Dresden seine Kreise zieht. Das haben wir sicher nicht verdient, aber voila: da sind sie.

    Den Maulkorb kenne ich noch nicht, Du hast mir aber mit Deiner Rezension Appetit darauf gemacht.

    Insgesamt danke, dass hier in die Niederungen des Lokalen hinabgestiegen wird. Das ist gut und wichtig: Schließlich wollen wir nicht nur Dresdner Tomaten futtern, sondern auch das regional gedeihende Geistesleben wahrnehmen, wenn wir ehrlich sind. Es sollten doch die (geistigen) Mineralstoffe dieser großartigen Gegend darin sein.

    mit Respekt, Michel

    Comment von Michel — 6. August 2011 #

  2. wir haben mit jurisch, steiner, wenzel, theilmann, silsand, mihatovic, golz und skrotzki 8 neue autoren

    trieb war, ist und bleibt konkurrenzlos

    Comment von HERAUSGEBER — 6. August 2011 #

  3. Torsten, du hast ganz vergessen, dich auch selbst noch gebührend zu loben!

    Im Ernst: Die neuen Autoren sind natürlich erfreulich. Schön wärs vielleicht gewesen, wenn sie noch etwas mehr als 30 von 170 Seiten bekommen hätten. Was nicht heißen soll, dass die Stammautoren weniger gut geworden wären.

    Was die Ordokraffie angeht: Gegen individuelle Schreibweisen habe ich nichts, bloß gegen falsche + doofe. Der Trieb ist in der Tat besser lektoriert als der Maulkorb und bietet weit weniger Anstoß in dieser Hinsicht.

    Ansonsten gilt uneingeschränkt: Tausend Küsse an alle Literaten und Herausgeber für ihre Mühen. Ich habe beide Hefte mit Interesse und Freude gelesen.

    Comment von Micha — 8. August 2011 #

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