Kulturtipp: Das britische Parlament

Das britische Parlament wird selbst politisch interessierten Menschen, wenn überhaupt, dann nur als Ort merkwürdigster Rituale bekannt sein. In einem historischen Saal, der so klein ist, dass nicht einmal alle Abgeordneten Platz auf den Bänken finden, sitzen da dicht gedrängt die Volksvertreter. Die Regierungserklärung wird nicht vom Premierminister vorgestellt, sondern von der Königin verlesen, die aber nicht ein einziges Wort selbst beisteuern darf. Ist mal so eine Thronrede angesagt, läufts wie folgt: Die Königin kommt ins adlige Oberhaus, also zu ihresgleichen. Ein Zeremonienmeister schreitet nun hinüber zum Unterhaus der bürgerlichen Abgeordneten, um sie hinüber zu befehlen. Zum Zeichen ihres Selbstbewusstseins hauen nun aber die Parlamentarier diesem Zeremonienmeister traditionell jedes Mal wieder die Tür vor der Nase zu! Er muss anklopfen und die Anwesenden bitten, sich doch nach nebenan zu verfügen. Ist das nicht herrlich?

Das älteste Parlament der Welt ist auch das unterhaltsamste. Während im Bundestag meist eine öde Rede nach der anderen gehalten wird, funktioniert das britische Unterhaus dialogisch: Ein Vertreter der Regierung wird von den Abgeordneten befragt und muss sich unmittelbar rechtfertigen. Im britischen Parlament exisiert auch der in Deutschland herrschende Fraktionszwang nicht. Da alle Abgeordneten direkt von den Bürgern ihres Wahlkreises bestimmt werden, sind sie weit weniger als ihre deutschen Kollegen von den Parteien abhängig, denn sie können nicht strafweise von der Liste geworfen werden. So kommt es, dass sich die Regierung nicht nur kritische Fragen von der Opposition, sondern auch von den Abgeordneten der eigenen Partei gefallen lassen muss. Am schönsten aber: Britische Parlamentarier sind oft Absolventen von Eliteuniversitäten, die traditionell großen Wert auf Debattierkultur legen. So kommt es, dass sie rhetorisch brillieren und sich höchst unterhaltsam streiten können. Und dann kommt noch etwas hinzu, was uns Deutschen – mit seltenen Ausnahmen – wohl ganz abgeht: ein souveräner Sinn für Witz und Selbstironie.

Wer sich vom Gehalt meiner merkwürdigen Schwärmerei überzeugen möchte, der schalte das britische Parlamentsfernsehen ein oder schaue sich folgende amüsante Beispielschnipsel an:

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