Reise durch Polen (3)

Wir reisen weiter nach Lublin, der Metropole des Ostens. In der wunderschönen, noch halb verfallenen Altstadt finden wir ein Quartier. In die Fenster von leer stehenden Häusern haben Künstler alte Fotos von früheren Bewohnern geklebt. Wenn man durch die Gassen läuft, kann man ungefähr erahnen, was für eine faszinierende Vielvölkerstadt hier vor dem Krieg existiert haben muss. Vom jüdischen Viertel existieren in Lublin nicht einmal mehr die Häuser, denn die Deutschen haben sie während der Besatzungszeit planmäßig abgerissen. In dem kleinen Teatr NN, das seine Heimat in einem alten Stadttor hat, haben junge Polen eine Ausstellung über das ausgelöschte jüdische Leben eingerichtet und ein Archiv angelegt, in dem die Namen und Geschichten der Bewohner der vernichteten Viertel gesammelt werden.

Vor dem Krakauer Tor, durch das sich die Touristen und Einheimischen zum alten Marktplatz von Lublin drängeln, steht jeden Tag eine junge Frau. Sie hält einen Besenstiel in der Hand, an dessen Ende ein Pfeil aus Pappe befestigt ist. Darauf wird für den Sommerschlussverkauf eines Klamottenladens geworben, der keine zehn Meter entfernt ist. Bis zu 70% Rabatt werden auf dem Schild versprochen. Die junge Frau nutzt die Zeit ihrer nicht sehr anspruchsvollen Arbeit dazu, sich weiterzubilden. In der freien Hand hält sie ein Buch, in dem sie aufmerksam liest. Als ich aufmerksam hinschaue, sehe ich, dass es sich um eine Biografie von Adolf Hitler handelt. Was erzählt sie wohl abends ihren Eltern oder ihrem Freund? „Mein Gott, die Arbeit war heute wieder öde! Erst habe ich vier Stunden das Schild gehalten, dann eine Klappstulle gegessen und einen Kaffee getrunken und dann noch einmal vier Stunden das Schild gehalten. Naja, aber immerhin weiß ich jetzt, dass Adolf Hitler gerne Möhren gegessen hat.“

Die Sonne brennt unbarmherzig, während wir das ehemalige Konzentrationslager Majdanek besuchen. Schatten findet man nur in den finsteren Baracken, in denen auch die historischen Ausstellungen untergebracht sind. In einer Vitrine kann man Bücher aus der Bibliothek der SS anschauen, in denen die Männer der Wachmannschaft schmökerten, bevor sie am nächsten Tag wieder Menschen erschlugen, ersäuften, erschossen und verbrannten, um dann mit der Asche der toten Menschen ihren Gemüsegarten zu düngen. Zum Beispiel: Die jüdische Weltpest von Hermann Esser, einem Duzfreund Hitlers. Er arbeitete nach dem Krieg in leitender Position im Bayerischen Reisebüro. Im Juli 1980 gratulierte ihm der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) in seiner Eigenschaft als „Staatsminister a.D.“ offiziell zum 80. Geburtstag. Zum Beispiel: Lord Cohn. Die Verjudung der englischen Oberschicht von Ernst Clam alias Erich Czech. Nach frühen Bestsellern wie Hitler. Eine deutsche Erhebung veröffentlichte er nach dem Krieg Romane unter dem Namen Erich Galdiner. Zum Beispiel: Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes von Hans Friedrich Karl Günther, dem führenden Rasseforscher des Dritten Reiches und Vordenker von Euthanasie und Endlösung. Nach dem Krieg veröffentlichte er weiter, so etwa die Schrift Der Begabungsschwund in Europa, in der er vor einer zunehmenden Verdummung der Bevölkerung warnte, weil sich die sittlich Haltlosen unkontrolliert und die Begabten viel zu selten fortpflanzten. Der Untergang des Abendlandes könne nur durch eine überlegte Familienpolitik aufgehalten werden, die von den Tatsachen der Vererbung, Siebung, Auslese und Ausmerze ausgehen müsse.

Während wir in Majdanek unterwegs sind, werden auch mehrere israelische Schulklassen über das Gelände geführt. Zwischen den jüdischen Kindern hindurch drängle ich mich durch die ehemalige Gaskammer, um ins Freie zu kommen. Die Schüler werden nicht nur von Lehrern, sondern auch von Leibwächtern begleitet. An der letzten Station des Rundgangs, dem Mausoleum, halten sie gemeinsam eine Andacht ab und entrollen die Flagge Israels. Nicht weit entfernt befinden sich die Gräben, in denen am 3. November 1943 alle Juden des Lagers, die noch am Leben waren, erschossen wurden. Die Operation trug den Namen „Aktion Erntefest“.

In einem Schaukasten der historischen Ausstellung liegt eine englische Zeitung aus dem Jahr 1944 mit einem der ersten Berichte über das Konzentrationslager nach seiner Befreiung. Der letzte Satz des Artikels lautet: „This camp as it stands to-day, is a grim reminder of that streak of utter inhumanity which is found in every German.”

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