Micha’s Lebenshilfe (35)

Wenn man die Absicht hat, in einer Berliner S-Bahn Platz zu nehmen, sollte man unbedingt nicht nur optisch, sondern auch tastend die Beschaffenheit des Sitzes prüfen, bevor man sein Gesäß niederlässt, da man sich sonst möglicherweise überraschend in einer Pfütze wiederfindet, deren Nässe augenblicklich die Hosen durchweicht, wonach einem nur noch die Hoffnung bleibt, dass hier bloß jemand sein Bier verschüttet hatte.

Micha’s Lebenshilfe (34)

Wenn man hinter der Supermarktkasse seine bezahlten Waren in Tüten und Taschen stopft, sollte man bei aller Eile doch darauf achten, nicht versehentlich Güter des nachfolgenden Kunden einzustecken, da man sonst möglicherweise zu Hause beschämt feststellen muss, dass man einem kleinen Jungen unabsichtlich ein Stück irische Butter gestohlen hat.

Micha’s Lebenshilfe (33)

Wenn man sich auf Reisen begibt, dann sollte man stets eine kosmetische Schere mit sich führen, da es immer passieren kann, dass man nach einem Tag plötzlich gewahr wird, wie einem Haare aus der Nase sprießen, woraufhin man sich in einen Drogeriemarkt begibt, in dem man aber beim Anblick des Preisschildes „Nagelschere – 19,95 Euro“ erschrocken wieder kehrt macht, um in einer Filiale der Schreibwarenkette McPaper stattdessen eine Kinderbastelschere zum Preis von 2,95 Euro zu kaufen, die ihre Aufgabe zwar auch erfüllt, dabei aber recht unangenehme Schmerzen verursacht.

Warum ich gerne nach Leipzig fahre

Ein alter Mann steigt in die Straßenbahn. Er setzt sich, hievt einen Aktenkoffer und zwei prall gefüllte Plastiktüten auf seinen Schoß. Die rabenschwarzen Löckchen auf seinem runzligen Schädel sind auf den ersten Blick als Perücke zu erkennen. Das Kunsthaar sticht so lebhaft von seiner bleichen Haut ab, dass die umstehenden Passagiere sich zusammennehmen müssen, um nicht loszulachen. Der alte Mann zieht ein Diktiergerät hervor, hält es sich vor den Mund und fängt an, laut hinein zu sprechen: „Donnerstag, genaue Zeit: neunzehn Uhr und siebenundzwanzig Minuten … ich befinde mich in Leipzig, in einer Straßenbahn … Linie 14 Richtung Plagwitz … wir erreichen jetzt die Haltestelle Nonnenstraße … Fahrzeug produziert von Bombardier …“ Die Fahrgäste ringsum wissen nicht so recht, wohin mit ihren Blicken. Sie sind neugierig und möchte gerne schauen, wer da so wirr redet, aber haben doch auch Angst, angesprochen zu werden. „Am Sonntag finden in Leipzig Wahlen zum Oberbürgermeister statt … jeder darf teilnehmen, sofern er mindestens ein halbes Jahr als Einwohner beim Amt gemeldet ist … auch vorher kann man bereits abstimmen … nicht jeder weiß das … man sollte am besten gleich zwei Oberbürgermeister wählen, dann ist die Stimme wenigstens ungültig … aber wer nicht wählt, der hilft diesem Obergauner, im Rathaus bleiben zu könen … der Kaltwasserganove sitzt ja wenigstens schon im Gefängnis …“ Als wir uns der nächsten Haltstelle nähern, steckt der alte Mann das Diktiergerät wieder ein und nimmt auch die schwarze Perücke ab, als hätte er die nur als Requisit gebraucht, um seine Äußerungen zu protokollieren. Eine faltige Glatze kommt zum Vorschein. Er steht auf, drängelt sich zur Tür und steigt aus. Wir fahren wieder ab, draußen hört man ein lautes Hupen. Ich schaue hinaus: Der alte Mann ist vor ein Auto gelaufen, das nun quietschend beschleunigt und an ihm vorbei rast. Der alte Mann setzt seinen Weg auf der Fahrbahn fort.

Micha’s Lebenshilfe (32)

Wenn man seinen Zahnarzt aufsuchen muss, dann sollte man vor dem Verlassen der Wohnung noch einmal überprüfen, ob man seinen Pullover möglicherweise verkehrt herum angezogen hat, denn in der Praxis wird man auf ein derartiges Missgeschick sicher nicht hingewiesen, weil die anwesenden Personen sich lieber still über das fremde Versehen amüsieren und sich schon darauf freuen, ihren Kindern und Kindeskindern davon zu berichten.

Schönheit und Unschönheit

Schön ist es, auf der Reise von Dresden nach Berlin im tschechischen Speisewagen zu sitzen, aus dem Fenster hinaus auf die sonnige Winterlandschaft zu schauen, einen Schluck grünen Tees zu trinken und sich dann wieder in Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom zu verlieren, einer Erzählung von bestürzender Schönheit.

Unschön ist hingegen der alte Mann, der sich – ohne auch nur ein Wort zu sagen – zu dir an den Zweiertisch setzt, pausenlos in einer albernen Herrenhandtasche aus schwarzem Kunstleder kramt, an der mehrere Zahlenschlösser befestigt sind, und sich schließlich beim Bezahlen vom Kellner bis auf den letzten Cent herausgeben lässt.

Du nimmst dir vor, den Alten für seine dreiste Dummheit zu strafen, indem du später aufstehst, ohne dich zu verabschieden – aber da steht der Alte schon auf und geht, ohne sich zu verabschieden.

Micha’s Lebenshilfe (31)

Wenn man eine ungefähr einstündige Reise mit der S-Bahn aus Potsdam in den Osten Berlins absolvieren muss, sollte man darauf verzichten, sich während der Fahrzeit zwei Flaschen Bier oder mehr einzuflößen, da das genannte Fortbewegungsmittel nicht über sanitäre Einrichtungen und der menschliche Körper nur über einen begrenzten Stauraum verfügt.

Micha’s Lebenshilfe (30)

Wenn man es unternimmt, sich Rote Bete selbst zuzubereiten, dann sollte man beim Schälen der weichgekochten Rübchen unbedingt – der ästhetischen Fragwürdigkeit zum Trotz – eine Küchenschürze tragen, um nicht bei der abendlichen Heimkehr von eventuellen Mitbewohnern in den Verdacht zu geraten, soeben in der eigenen Wohnung ein Massaker oder einen Selbstmordversuch verübt zu haben.

Micha’s Lebenshilfe (29)

Wenn man sich ins Zentrum der Hauptstadt begibt, um in der Staatsbibliothek Unter den Linden bedeutsame Werke zu lesen und zu exzerpieren, dann sollte man auch einen Stift mitführen, da man sonst in die Verlegenheit geraten könnte, auf der Suche nach einem Schreibutensil einzig einen nahe gelegenen Souvenirshop zu finden, wo man sich dann vielleicht gezwungen sieht, einen Kugelschreiber mit der Aufschrift „I ♥ Berlin!“ zum Preis von 2,50 Euro zu kaufen. (Unterliefe einem dieses Missgeschick sogar zwei Mal im Laufe einer einzigen Woche, sollte man sich dringend Sorgen um den eigenen Geisteszustand machen.)

Wer kauft eigentlich in diesen neuen Bio-Supermärkten ein?

Hier ein Indiz:

„Aus Sicherheitsgründen können wir leider keine 500-Euro-Scheine annehmen. Wir bitten Sie um Ihr Verständnis! :-)“

Powered by WordPress. Feeds für Beiträge und Kommentare.